Schnell vorbei

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So schnell können vier Wochen vorbei sein. Ich kann nun stolz über mich verkünden: Selbst wenn mich jemand nachts um halb drei aus dem Tiefschlaf weckt, kann ich ihm innerhalb von acht Sekunden die fünf häufigsten Krankheiten im Kindes- und Jugendalter in Hamburg im ersten Quartal 2015 in korrekter Reihenfolge vorwärts und rückwärts wahlweise auf Deutsch oder Latein aufsagen. In den nächsten zwei Minuten bekomme ich dann auch noch die jeweilige aktuell gängige Therapie mit Rücksicht auf die Rahmenverträge der einzelnen Krankenkassen sowie die wichtigsten Richtlinien der standardisierten Patientendokumentation und die häufigsten Gebührenziffern heruntergebrabbelt – und sollte danach noch jemand von mir wissen wollen, wie man eine Masernerkrankung korrekt an das Gesundheitsamt faxt, würde ich im Halbschlaf sogar daran denken, nachträglich auf dem Meldeformular mit dem Kugelschreiber das Kreuz bei „männlich“ oder „weiblich“ zu setzen, weil der Drucker das nie korrekt hinbekommt.

Zwei Dinge habe ich in den vier Wochen gelernt: Ich mag Kinder und Kinder mögen mich. Meistens. Und: Bürokratie ist ein Arschloch. Am meisten hat mich aufgeregt, wenn Eltern mit sieben Kindern in die Praxis gekommen sind und neun kleine niedliche zwölfseitige Heftchen mit in die Praxis gebracht haben, herausgegeben von ihrer Krankenkasse. Darin werden Größe, Gewicht, Blutdruck, Body-Mass-Index und ähnliches Zeug abgefragt. Und eine Beurteilung verlangt, ob der Wert im Normbereich liegt oder seit der letzten Untersuchung vor mindestens zwölf Monaten deutlich weiter in den Normbereich gerückt ist. Nun definiere mal „deutlich weiter“ – die Krankenkasse zahlt pro ausgefülltem Heft irgendeine Prämie an den Versicherten. Lieb guckend: „Können Sie die Heftchen für Mama und Papa bitte auch gleich ausfüllen?“

Oder auch super: „Mein Kind ist zwölf und tanzt seit acht Jahren jede Woche. Es soll demnächst mal an einem Wettbewerb teilnehmen. Dafür brauchen wir eine ärztliche Bescheinigung über die Sportgesundheit.“ – Und dann kommt ein Formular über drei DIN-A4-Seiten, in dem dann alles mögliche abgefragt wird. Einschließlich Ruhepuls. Wetten, dass sich mit diesem Zettel später nie wieder irgendein Arzt auseinandersetzt? Da stellt irgendeine Verwaltungskraft eine Sportlizenz aus. Und für deren Stelle werden unter Garantie keine medizinischen Vorkenntnisse vorausgesetzt. Soll heißen: Würde ich da Ruhepuls 200 reinschreiben, würde das vermutlich nicht einmal auffallen. Und selbst wenn es auffällt: Würde dann die Verwaltungskraft die Sportlizenz verweigern und sich über die abschließende Bestätigung „Es besteht aus ärztlicher Sicht Sporttauglichkeit“ hinwegsetzen? Genau das meine ich mit Bürokratie.

„Wir gehen ein- bis zweimal pro Quartal mit dem ganzen Praxisteam essen. Möchtest du mitkommen?“, fragte mich meine Chefin. Falls ja, würde man das auf meinen letzten Tag legen. Ich fühlte mich ein wenig geehrt und überlegte, ob das wohl die Gelegenheit wäre, um Uschi noch eine letzte Gelegenheit zu geben, um Frieden zu schließen. Und ob es reichen würde, wenn ich die Getränke übernehme.

Das Essen war ganz okay. Auch wenn ich kaum dazu kam, meinen Mund zu füllen. Denn schließlich redet man nicht mit vollem Mund und Gerede wurde von mir reichlich erwartet. Es herrschte zunächst ein eher positives Interesse an der Frage, was ich später machen möchte und ob es für mich in Frage käme, eine Praxis der ambulanten hausärztlichen (oder auch kinderärztlichen) Versorgung zu übernehmen. Als ich erwiderte, dass ich mich noch überhaupt nicht entschieden hätte und ich auch noch gar nicht wisse, in welche Richtung eine mögliche Facharztausbildung (die im Anschluss an die Approbation noch weitere mindestens fünf Jahre dauert und eine von vielen Voraussetzungen für die Eröffnung einer eigenen Praxis ist) absolvieren möchte, guckte man mich mit großen Augen an. Nicht von der Chefin, aber von den Mitarbeiterinnen. Uschi fragte, warum ich mich für eine Famulatur in einer Kinderarztpraxis melde, wenn ich später möglicherweise gar nicht in dem Bereich arbeiten möchte.

Und hier begann die Sache anstrengend und nervig zu werden. Die Frage war eher mit einem vorwurfsvollen Unterton gestellt. Was mich alleine schon deshalb nervte, weil die Famulatur vorgeschrieben ist. Zwar kann man in begrenztem Umfang wählen, aber der Rahmen ist schon recht eng gesteckt. Und es gibt einfach klare Gründe, die mich möglicherweise (ich weiß es wirklich noch nicht) davon abhalten würden, mich einmal für eine Tätigkeit als Hausärztin zu entscheiden.

Und so war der abendliche Abschlusstermin zwar oberflächlich nett und wir haben uns auch alle freundlich voneinander verabschiedet (bis auf Uschi, die musste früh nach Hause), aber es blieb ein seltsamer Beigeschmack.

Resümierend sehe ich die letzten vier Wochen in der Kinderarztpraxis im Vergleich zu der hausärztlich ausgerichteten Praxis von Maries Mutter. Obwohl Maries Mutter jünger ist als meine momentane Chefin, war die Kinderarztpraxis straffer und moderner organisiert. Was ich gar nicht bewerten möchte. Maries Mutter erwartet von ihren Mitarbeitern, dass sie aktiv mitdenken, in der Kinderarztpraxis gibt es klare, schriftliche Handlungsanweisungen in einem Ringordner. Bei Maries Mutter steht im Advent eine große brennende Kerze auf dem Empfangstresen, allen Feuerschutzbestimmungen zum Trotz, in der Kinderarztpraxis leuchten hypermoderne transparente Namenslogos in den Fenstern. In der Kinderarztpraxis wird für die Mittagspause extra ein Hinweiszettel frisch laminiert, mit dem Logo der Praxis am rechten Fleck und korrekt dimensioniert, bei Maries Mutter tut es im Notfall auch ein mit einem dicken Filzstift bekrakeltes Blatt Papier vom Collegeblock mit einem Streifen Klebefilm. Und während sich beim Kinderarzt zwei Flachbildfernseher mit wöchentlich wechselndem Praxis-Infotainment nahtlos in das hintergrund-beleuchtete Trockenbau-Ambiente des Wartezimmers einfügen und sanfte Klimpermusik die Wartezeit in ein unverwechselbares Entspannungserlebnis verwandelt, findet man bei Maries Mutter neben den üblichen Illustrierten auch die Bravo und die letzte Autosportzeitschrift neben dem lokalen Tageblatt. Und wenn schon Rundfunkgebühren bezahlt werden müssen, kann da bitteschön auch Radio laufen. Maries Mutter steigt eher selbst auf einen Stuhl und dreht die flackernde Leuchtstoffröhre raus, während meine jetzige Chefin in meiner Zeit drei Mal den Servicetechniker holte, weil es keine Wartemusik in der Telefonanlage gab. Und während in der Kinderarztpraxis um Punkt 18 Uhr der Schnapper der Eingangstür durch eine Zeitschaltuhr lahmgelegt wurde, laufen bei Maries Mutter mitunter am Sonntagabend Leute durch den Garten, um zu schauen, ob sie jemanden beim Sonnenbad erwischen, der ihnen helfen könnte. Um genau eine Woche später einen Korb voll frischer Äpfel vorbei zu bringen, weil das Salbenmuster tatsächlich geholfen hat.

Ansonsten gibt es aber auch viele Gemeinsamkeiten. Die Papierflut, enormer Stress, ständige Überlastung, Kostendruck und vor allem eine falsch verstandene Vollkaskomentalität vieler Patienten. Es gibt wirklich Menschen, die rennen zehn Tage hintereinander zum Arzt, egal, was man denen erzählt. Eine Erkältung dauert nunmal und geht in der Regel von selbst wieder weg. „Ich möchte, dass Sie täglich die Lunge abhören, ich kann mir eine Lungenentzündung nicht leisten.“ – Manchmal möchte man dann sagen: „Wenn Sie sich das nicht leisten können, dann bleiben Sie mit Fieber im Bett, statt bei Minusgraden im Fleece-Pullover durch die Gegend zu rennen und sich schweißnass stundenlang neben niesende und hustende Leute ins Wartezimmer zu setzen.“ – Und drei Tage später flattert noch ein Bericht ins Haus, besagte Person hat abends um 22 Uhr nochmal den kassenärztlichen Notdienst zu sich ins Haus gerufen. Nochmal Lunge abhören.

Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzige System der ambulanten hausärztlichen Versorgung zukunftsfähig ist. Während man inzwischen zumindest in den Großstädten bis 20, 22 oder gar bis 24 Uhr einkaufen kann, haben viele Hausärzte mittwochs und freitags um 12 Uhr zu, machen Hausbesuche. Kaum eine Praxis hat an wenigstens einem Tag bis 20 Uhr geöffnet. Aus guten Gründen. Und der Kostendruck, der bis auf das private Vermögen durchgreift, hält viele Menschen davon ab, überhaupt eine eigene Praxis in Betracht zu ziehen. Und ein Privatleben will man auch nochmal haben. Maries Mutter kommt in einer Woche auch schonmal gerne auf 70 Stunden. Das würde ich gar nicht hinkriegen. Ich Weichei. Aber noch muss ich mich – vielleicht glücklicherweise – nicht entscheiden.

Insgesamt habe ich sehr viel gelernt und ziehe trotz der nachdenklichen und kritischen Worte eine sehr positive Bilanz. Mit meiner Chefin und auch fast mit dem gesamten Team bin ich sehr gut zurecht gekommen, die Arbeit hat viel Spaß gemacht. Und: Ich bin noch immer nicht erkältet.

Verborgene Stärke

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Ob es Spaghetti werden würden, hatte Philipp bis zuletzt offen gelassen. Maries Eifersucht hielt sich zum Glück sehr in Grenzen. Sie muss auch nicht sein, denn ich bin nicht diejenige, die für eine Beziehung alle Freundschaften aufgibt oder vernachlässigt. „Falls da irgendwo ein geschlechtsreifer Bruder rumläuft, der ebenfalls Single ist, schick ihn bitte umverzüglich zu mir“, meinte sie.

So stand ich nach einem langen Arbeitstag frisch geduscht und hungrig vor einer Einfamilienhaushälfte im Hamburger Umland und kam immerhin von der Straße bis kurz vor die Haustür. Drei Stufen davor, die Klingel wäre vielleicht mit einem langen Besenstiel zu erreichen. Aber man kann ja anrufen und entgeht damit zumindest für einen Moment lang der Gefahr, dass jemand anderes die Tür öffnet und sich beim Tragen über die Stufen versucht.

Während ich mir überlegte, ob ich alte Schiss-Socke nicht doch noch wieder umkehren sollte und dann doch das Handy in die Hand nahm, öffnete jemand mit Schwung die Tür. Es war Philipp. „Tach!“ war sein erster Kommentar. Ich musste grinsen. Aber diese Begrüßung sollte noch nicht alles gewesen sein. Er kam die Stufen runter, umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Wow. Das fühlte sich gut an. Wir hatten zwar bereits nackt zusammen geduscht, er hatte meine Haare und meinen Oberkörper eingeseift, aber geknutscht haben wir komischerweise noch nicht. Oder uns geküsst.

„Wie machen wir das jetzt am Besten?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Am Besten ziehe ich hier meine Schuhe aus und dann nimmst du mich packehuck.“ – „Packehuck? Ich glaube, dann stößt du dir im Flur die Rübe, so hoch ist unser Haus nicht. Ich muss schon immer fast den Kopf einziehen, wenn ich durch die Türen gehe. Geht auch ‚auf den Arm‘?“

Ging auch. Einen Arm hinter meinem Rücken, die Hand an den Oberarm, der andere Arm unter meinen Kniekehlen – und los ging es. „Fliegengewicht“, meinte er. Ich dachte mir so: „Warte mal ab, bis die Treppe enger wird und du 15 Stufen hinter dir hast. Hauptsache, wir fliegen nicht auf die Nase.“ – Aber alles klappte. Er trug mich eine schmale Treppe hoch, öffnete die Tür zu seiner Wohnküche mit einem Bein auf dem Treppenabsatz stehend und mit dem anderen Bein sanft auf die Türklinke tretend – dabei mich auf dem Arm festhaltend und nur wenig schwankend.

Der Raum war nach dem ersten Eindruck schon etwas länger nicht mehr renoviert worden. Was nicht heißt, dass es unsauber oder verwohnt war, sondern lediglich, dass der Stil eher den späten 1980er-Jahren entsprach. Die schrägen Decken waren mit inzwischen völlig dunklem Fichtenholz vertäfelt, die Wände mit weiß gestrichener Rauhfaser tapeziert. Neben dem Eingang hing das gestickte Bild eines Heißluftballons in einem Holzrahmen. Das auf den ersten Blick einzig Neue war ein großer schwarzer Boxsack. Er trug mich zu einem Einzelbett, vermutlich Dänisches Bettenlager, Kiefernrahmen, das zu einer Art Sofa hergerichtet war und warf mich grinsend auf die weiche Matratze ab. Berührungsängste a la „kann da was zerbrechen“ hatte er auf jeden Fall schonmal nicht.

„Herzlich willkommen in meinem Fünfundzwanzig-Quadratmeter-Wohnklo“, meinte er. „Wunder dich nicht über die Ausstattung, hier hat früher mein Onkel unter der Woche gewohnt während er auf dem Bau war. Im Moment wohne ich hier, bis ich was Vernünftiges gefunden habe. Besser als bei meiner Mutter unten, da hätte ich überhaupt keine Privatsphäre.“ – „Alles gut“, sagte ich und guckte mich um. Das Bett, auf dem ich lag, hatte ein Dachfenster direkt über den Kopfkissen. Das ist bestimmt schön, solange die Sterne funkeln. Aber spätestens bei strömendem Regen würde es mich nerven. Herrje, bin ich wählerisch. „Ich hol mal eben deinen Rollstuhl.“

Einen Moment später kam er mit dem Ding auf dem Arm um die Ecke, stellte ihn mitten in den Raum, schloss die Tür hinter sich und sagte: „Der ist ganz schön leicht und sportlich. Wenn ich an den Dampfer von meinem Opa denke: Der hatte so komischen Hebelantrieb für die Arme und einen Wendekreis von geschätzt 35 Metern.“ – „Was war mit deinem Opa?“ – „Der hatte beide Beine verloren. Er starb, als ich 12 war. Er wohnte nicht in Hamburg, wir hatten kaum Kontakt.“

Ich hatte es mir auf dem Sofa bequem gemacht, lag auf dem Rücken, guckte aus dem Dachfenster. „Schönen Blick in den Himmel hat man hier“, sagte ich. Er antwortete: „Ja, wenn man nicht einschlafen kann, kann man die Sterne zählen. Oder auf Sternschnuppen warten.“ – Ich setzte mich hin. Er kletterte auf das Sofa, latschte hinter meinem Rücken vorbei, ließ sich fallen und lag nun so da wie ich vor wenigen Sekunden, während ich auf der Bettkante saß. „Würde er mich jetzt von der Bettkante stoßen?“, war mein einziger Gedanke in diesem Moment. Mein Grinsen übersah er. – „So liege ich abends immer hier“, führte er vor. Ich nahm mein rechtes Bein in die Hände, platzierte meinen Unterschenkel auf der anderen Seite seiner Beine, drückte meinen Oberkörper hoch und legte mich direkt auf ihn drauf. Bevor er was sagen konnte, stellte ich fest: „Und so schlafe ich abends am liebsten ein.“

Mein Ohr lag knapp unterhalb seines untersten Rippenbogens, meine Arme neben seinem Körper, meine Beine auf seinen. Zumindest die Oberschenkel. Er griff nach meinem Hosenbund und zog mich zehn Zentimeter höher. Dann fasste er mit seinen beiden Händen an meinen Po. Ich ließ ihn machen, gleichwohl fing mein Herz zu rasen an. Und was nun kommen würde, war klar. Nur warum musste das ausgerechnet das erste Thema sein? Ich war noch keine zehn Minuten hier. Das ist nicht fair! Er fühlte dort, fühlte erneut am Hosenbund. Er untersuchte auffällig unauffällig. Nun sag schon was! Meine Panik vor einer abweisenden Reaktion verminderte sich mit jeder Sekunde seiner Unsicherheit. Er tastete noch immer und sein Puls wurde immer schneller. In dem Moment, in dem ich fragen wollte, ob etwas nicht in Ordnung ist, sagte er sehr direkt: „Was ist das unter deiner Hose?“ – „Protection“, murmelte ich, ohne den Kopf von seiner Brust zu heben. Wahrscheinlich war es zu genuschelt, denn er fragte nach. „Protection“, wiederholte ich betont lässig.

Jetzt hatte er verstanden. „Pee protection oder poo protection?“, fragte er. Also ganz unwissend war er nicht, interessiert, direkt – eigentlich mag ich das. Auch wenn ich mir zunächst wirklich ein anderes Thema gewünscht hätte! „Pee“, murmelte ich. Und fügte hinzu: „Ist aber nur zur Sicherheit. Normalerweise ist alles dicht.“ – „Also kannst du auch ohne?“ – „Ohne ist die Regel. Nur draußen, wenn ich nicht weiß, wann und wo ein Klo ist oder wenn ich es nicht drauf ankommen lassen will, ob man einen Autositz kostengünstig reinigen kann, falls die Blase doch mal rumspackt, gehe ich lieber auf Nummer Sicher.“ – „Ist dir das nicht peinlich?“, wollte er wissen.

„Muss es das?“, war meine verkehrte Frage. Und korrigierte sofort: „Oder besser: Ist es schlimm, wenn nicht? Es war mir früher peinlich. Heute bin ich nur noch verunsichert, wenn ich nicht weiß, wie du darauf reagieren wirst.“ – „Ich glaube, da kann man viel falsch machen.“ Sehr geschickt. – „Eigentlich bin ich nicht aus Zucker. Aber es ist schon etwas Besonderes, auf das ich lieber verzichten würde. Und weil das nicht geht, bin ich in der blöden Situation, manchmal sogar eher als mir lieb ist, erklären zu müssen oder vielleicht sogar aussortiert zu werden.“ – „Wieso denn aussortieren? Ich finde das stark.“ – „Was jetzt?“ – „Naja, dass du so deinen Weg gefunden hast. Das sieht man dir ja nicht an, im Gegensatz zum Rollstuhl. Und selbst da bist du sehr stark. Man bekommt bei dir sehr schnell das Gefühl, als wäre das völlig normal. So wie der eine lieber blaue und der andere lieber schwarze Jeans trägt.“ – „Es ist für mich normal. Das ist mein tägliches Leben. Der Rollstuhl genauso wie meine eigenwillige Blase.“ – „Ja, stark. Richtig stark. Ich sag das ja nicht häufig, aber das imponiert mir. Ich finde das sogar auf eine Art ein wenig erotisch. Deine verborgene Stärke.“

Erotisch? Bitte nicht schon wieder jemanden, der auf Behinderungen oder Inkontinenz steht. Das wäre jetzt ein echter GAU. Ich fühlte mich an meinen Ex erinnert, der genau dieselben Worte verwendet hat, bevor ich mit ihm Schluss gemacht habe: Er finde es erotisch, wenn ich dadurch Stärke zeige, dass ich Dinge beherrsche, die andere Frauen (in meinem Alter) nicht beherrschen. Wie Rollstuhl fahren und Windeln anziehen. Allerdings gab mein Ex in dem Gespräch auch zu, dass er eigentlich nicht mich, sondern nur meine Stärke begehrte.

Ich fragte genauer nach: „Eine Behinderung kann erotisch sein?“ – An seiner Antwort merkte ich schnell, dass ich zu viele krause Erfahrungen gemacht hatte. Er sagte: „Och, es gibt bestimmt auch Leute, die Behinderungen an sich erotisch finden. Es gibt sogar Leute, die Windeln erotisch finden. In der Nähe von meiner Oma gab es vor Jahren mal eine Kneipe, in der haben sich erwachsene Leute getroffen und sich in Windeln und Babysachen an die Theke gesetzt und sich von der Wirtin den Popo versohlen lassen. Ist wirklich wahr!“ – „Ich weiß, darauf bin ich schon öfter mal aufmerksam gemacht worden. Das stand sogar groß in der Zeitung.“ – „Total schräg. Aber wenn es Spaß macht… Was ich meinte, ist deine verborgene Stärke, also diese Diskrepanz zwischen der allgemeinen Wahrnehmung, Frauen im Rollstuhl sind schwach, inkontinente Menschen sind schwach, und deinem Auftreten. Das finde ich an dir sehr erotisch. Die Behinderung als solche jetzt ehrlich gesagt eher nicht so. Ich denke, die ist da, die ist okay, sie beeinflusst alles, aber sie bedarf irgendwie keiner besonderen Aufmerksamkeit. Geschweige denn einer sexuellen.“

Ich lernte auch noch seine Mutter kennen. Sie brachte die Bratpfanne. Nicht zum Verhauen, sondern zum Braten. Es gab Bratkartoffeln mit Schinken und Ei. Und Gurke. Man könnte auch „Bauernfrühstück“ sagen. Was mir auffiel: Seine Mutter wirkte deutlich distanzierter. Sie gab mir die Hand, stellte sich vor, war dann aber so schnell wieder weg wie sie gekommen war. Auch Philipp sagte überhaupt nichts weiter, es schien, als hätten sie sich gestritten. Ich kann mich aber auch täuschen.

Wir haben gegessen, gequatscht, er hat mich irgendwann wieder die Treppe nach unten getragen und mich mit einem Kuss auf die Wange verabschiedet. Wir haben uns erneut verabredet, zum gemeinsamen Schwimmtraining. Und er will mich besuchen. In den nächsten Tagen.

Und wie geht das jetzt weiter? Ich muss sein Statement in meinem Kopf erstmal einordnen. Ja, ich will nach wie vor was von ihm. Und er irgendwie auch. Er findet meine verborgene Stärke erotisch. Meine. Soll ich das einfach so hinnehmen, kann ich das für mich nutzen oder ist das womöglich etwas, von dem ich hoffe, dass ich darauf nicht reduziert werde? Das zu glauben, dafür ist es zu früh. Schließlich finde ich es ja toll, wenn er mich erotisch findet. Und vielleicht findet er ja noch andere Sachen an mir erotisch. Oder er wollte mir ein Kompliment machen und mir signalisieren, dass meine Beeinträchtigung okay ist, so wie sie ist. Und höchstwahrscheinlich denke ich schon wieder viel zu viel darüber nach. Und sollte es dringend bleiben lassen. Und ihn weiter kennenlernen.

Haare waschen und Spaghetti

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Mein persönlicher Schwimmtrainingsplan richtet sich zurzeit nach zwei Dingen. Erstens nach meiner umfangreichen Arbeitszeit. Zweitens nach Philipp. Ich schwimme wesentlich leichter und schneller, wenn er auch im Becken ist. Und das muss nicht mal dieselbe Bahn sein. Außerdem funktioniert es wie bei der Homöopathie: Man muss nicht mal wissen, ob er da ist, es wirkt einfach.

Zum Glück herrscht zwischen uns unausgesprochen Einigkeit, dass wir im Trainingsbecken und damit vor anderen Schwimmerinnen und Schwimmern nichts anderes machen als Schwimmen. Damit will ich keineswegs andeuten, dass ich mir nichts im Wasser vorstellen könnte. Aber wenn, dann da, wo es niemand mitbekommt oder zumindest niemanden stört. Also ein wenig knutschen oder fummeln vielleicht abends im Whirlpool und alles andere nachts am Strand. Oder so.

Aber geduscht haben wir erneut gemeinsam. So ein separater Behindi-Duschraum hat natürlich auch seine Vorteile. Philipp ist sehr zurückhaltend, beinahe schüchtern. Weil er sonst überhaupt nicht zurückhaltend wirkt oder auftritt, finde ich das irgendwie süß. Ich denke inzwischen schon, dass er was von mir will. Jedenfalls habe ich mich auf den an der Wand befestigten Klappsitz gesetzt, und zwar mit dem Gesicht und den Knien zur Wand, und ihn gefragt, ob er mir die Haare wäscht. Und während er mir zunächst die warme Dusche über den Kopf hielt, fragte er, ob er mir dazu meinen Badeanzug runterziehen dürfte. Nachdem wir letztes Mal schon nackt zusammen geduscht haben…

„Ich habe noch nie einem anderen Menschen die Haare gewaschen“, meinte er. Ach, ich weiß nicht, auch das ist irgendwie süß. Dass er es noch nie getan hat und dass er das auch gleich so sagt. Andererseits: Gemerkt hätte ich es sowieso. Die meisten Menschen, die sich noch nie um sowas gekümmert haben, sind viel zu vorsichtig. Aus Angst, was kaputt zu machen oder dem anderen weh zu tun. So war es auch bei Philipp: „Fass doch mal kräftiger zu! Oder wie wäscht du dir die Haare? Ich bin doch nicht aus Zucker.“

Jedenfalls machte es ihm Spaß. Er lehnte sich von hinten gegen mich, damit ich stabil sitzen würde. Das wäre zwar nicht nötig, aber er suchte den engen Körperkontakt. Aber eben auch nicht aufdringlich, sondern eher subtil, und trotzdem spürte ich einiges am Rücken, was mir ein Grinsen ins Gesicht trieb. „Darf ich dich auch einseifen?“, wollte er allen Ernstes wissen. Ich räkelte mich dabei und führte einmal seine vorsichtigen Hände über meinen Oberkörper, denn auch mein Bauch und die darüber liegenden wohlig weichen und unter dem Duschgel oberflächlich glitschigen Partien sollten von dem Schaum benetzt werden. Es würde mich nicht wundern, wenn seine Zurückhaltung daraus resultiert, dass er gerade absolutes Neuland betritt. Ich müsste nur noch herausfinden, ob das Neuland meine Behinderung oder meine Weiblichkeit ist.

Ich hätte mir erneut alles vorstellen können, aber ausgerechnet im spannendsten Moment klopft jemand gegen die Tür. Ob es noch lange dauern würde. Ich verdrehte die Augen. Wie sich am Ende herausstellte, war es nicht mal jemand mit Behinderung, sondern einfach ein Typ, dem der Weg von den Umkleiden zum regulären Klo zu weit war, so dass er die eigentlich für Menschen mit Behinderung reservierten Sanitäreinrichtungen verschmbenutzen wollte. Und der wartete auch noch, bis wir raus kamen. In der Zeit hätte er die andere Toilette zehn Mal aufsuchen können.

Auf jeden Fall haben wir uns verabredet, dass ich in der nächsten Woche einen Abend zu ihm kommen soll. Seine Hütte sei nicht barrierefrei, aber wir könnten vielleicht, wenn das Wetter gut ist, ein wenig Handbike und Fahrrad fahren und anschließend gemeinsam was kochen. Oder, wenn das mit dem Rollstuhl nicht geht, bekocht er mich und ich unterhalte ihn dabei. Vielleicht, wenn er seine Eltern noch beschäftigen kann, hätten wir sogar mehr als die zwei Kochplatten seiner Mini-Kochnische. Ich werde natürlich da sein. Und selbst wenn es am Ende Spaghetti mit Tomatensoße wird (was man wohl auf jeden Fall mit zwei Kochplatten hinbekommt, notfalls auch mit einer) – ich freue mich schon. Mal sehen, ob wir, ohne zu fallen, die Treppen rauf und wieder runter kommen. Ich bin bin übrigens lieber huckepack als auf dem Arm. Und ich hoffe, mein Querschnitt (mit allem, was so dazu gehört und was irgendwie besonders ist) wird nicht zum Spielverderber. Und wir essen nicht nur, sondern es gibt auch Nachtisch. Oder so.

Noch eine Woche

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Fiebrige Kleinkinder kann ich inzwischen nicht mehr sehen. Ich wundere mich, dass ich noch nicht krank bin. Ich rechne fest damit, dass es mich noch erwischt. Vermutlich dann, wenn die stressigen vier Wochen vorbei sind. Ich habe keinen Vergleich, aber meine Chefin sagt, dieses Jahr sei es besonders schlimm. Wir schleusen am Tag zwischen 70 und 100 Patienten durch (an einem Spitzentag waren es 118, normal sind zwischen 35 und 50) und 80% davon sind erkältet, 15% haben Magen-Darm und zwei, drei haben was anderes. Was anderes kann zum Beispiel sein, dass ein zwölfjähriger Junge wissen möchte, ob er Hodenkrebs hat. Das fühle sich beim Abtasten so komisch an.

Größere Dramen spielten sich jedoch ausnahmsweise mal nicht ab. Ein dreijähriges Kind musste ins Krankenhaus, weil es eine unbekannte Menge Kopfschmerztabletten gefuttert hatte (zum Glück nicht Paracetamol). Die Mutter musste erstmal zu Ende abwaschen und ist dann mit Fahrrad und Fahrradanhänger zum Kinderarzt gekommen, statt gleich einen Rettungswagen zu rufen. Meine Chefin meinte, es sei förderlich gewesen, dass die beiden unterwegs nicht noch eine Stunde Pause auf dem Spielplatz gemacht haben. Ansonsten durfte ich Windpocken und Scharlach live sehen. Und ich hatte eine 16-jährige, die von mir wissen wollte, wie sie das Daumenlutschen in den Griff bekommt. Sie könne nicht ohne Daumen oder Schnuller einschlafen.

Ich bin am Freitagnachmittag nach fünf überlangen Arbeitstagen ins Bett gefallen und bin am heute gegen 10 Uhr wieder aufgewacht. Was essen, einmal ins Bad schauen, ob die Fliesen noch an der Wand hängen, und dann habe ich mich wieder hingelegt. Und bis eben weitergeschlafen. Dabei habe ich unter der Woche nachts eigentlich normal geschlafen und fühlte mich auch fit. Man muss aber dazu sagen, dass ich um halb sechs aufstehe und selten vor halb neun zu Hause war. An zwei Tagen, an denen ich abends noch geschwommen bin (ich kann ja schließlich nicht nur rumsitzen), war es elf. Das schlaucht doch ziemlich.

Und Uschi? Uschi redet nach wie vor nicht mit mir. Oder nur das Nötigste. Ich habe keine Ahnung, ob die Chefin mit ihr letzte Woche nochmal geredet hat. Ich versuche, irgendwie mit Uschi klar zu kommen und bin nicht mehr nett, sondern einfach nur sachlich, nüchtern und bestimmt. So fing sie beispielsweise eine Diskussion an, als sich eine Mutter den Namen eines schleimlösenden Mittels nicht merken konnte. Die Chefin hatte ihr geraten, das in der Apotheke für ihre jugendliche Tochter zu kaufen, verordnen dürfte sie das zu Lasten der Kasse nicht. Die Mutter stand am Empfangstresen und Uschi ging nacheinander alle Heilpflanzen durch, die ihr irgendwie einfielen (Pfefferminze, Eukalyptus, Efeu, Thymian, Kamille, Holunder, Salbei), die Mutter schüttelte immer weiter den Kopf, während niemand mehr vor oder zurück kam und sich im Flur die Leute stapelten. Die Mutter musste unbedingt den Kinderwagen ihrer gesunden Tochter mit reinbringen. Ich stand schräg hinter der Menschentraube und wollte eigentlich meinen nächsten Patienten aufrufen, aber es war kein Durchkommen. Als die Diskussion kein Ende nahm, tauchte ich halb unter dem Arm einer anderen brav wartenden Mutter durch und sagte: „Gucken Sie doch einmal kurz in den Computer und schreiben es auf so ein gelbes Klebedings.“

Um nicht noch weiter zu verwirren, verkniff ich mir meinen Tipp: Ambroxol. Vielleicht war es ja doch was anderes. In zehn Sekunden war es gefunden. „Ambroxol hat Frau Doktor Ihrer Tochter empfohlen. Können Sie sich das merken?“ – Wenn es vom Sprechzimmer bis zur Garderobe schon nicht geklappt hat? – „Ich weiß nicht“, sagte die Mutter. Ich sagte: „Pappen Sie doch bitte kurz ein Klebe-Etikett auf die ohnehin ausgestellte Verordnung und notieren dort die acht Buchstaben.“ – Aber nein, Uschi druckte noch ein Privatrezept aus. Im Flur stapelten sich weitere neu herein gekommene Leute, Uschi hatte die Ruhe weg. Ich fragte: „Können Sie bitte einmal …“ – Uschi: „Moment, hier bin ich der Chef und wir sind hier gleich fertig.“ – Oarrr!

Und dann: „So, Frau XY, ganz kleinen Moment noch, Frau Doktor müsste jeden Moment wieder rauskommen, dann unterschreibt sie Ihnen das gleich.“ – Uschi grinste mich an. Mir platzte der Kragen: „Geben Sie mal bitte her.“ – „Was wollen Sie denn damit?“ – „Sie sollen mir das rübergeben!“, patzte ich sie an. Sie gab mir das mit bösem Gesicht, zack, Unterschrift drauf, tschüss, schönen Tag. Drei Leute samt Kinderwagen raus, fünf bis zehn Wartende konnten durchgehen, ich konnte meinen nächsten Patienten aufrufen, Chaos beseitigt. So ein Blödsinn.

Kaum war der nächste Patient draußen, bleibt meine Chefin im Zimmer und schließt die Tür hinter sich. „Sag mal, hast du eben eine Verordnung rausgegeben, ohne dass ich sie gesehen habe?“ – Nun war ich ja mal gespannt. „Ja“, sagte ich. – „Bist du komplett bescheuert?“, giftete sie mich an und machte eine Scheibenwischergeste. – „Das war deine Patientin, sie konnte sich Ambroxol nicht merken. Uschi hat es auf ein Privatrezept gedruckt, im Flur stapelten sich die Leute und nun sollte noch abgewartet werden, bis du mit dem nächsten Patienten fertig bist, um das zu unterzeichnen. Da habe ich es halt kurzfristig selbst gemacht.“ – „Ach das war ein Privatrezept?“ – „Ja. Über Ambroxol als Saft. Uschi hatte das im Computer nachgesehen, sich mühsam durch die Listen geklickert, Preise verglichen, das auf einem Privatrezept ausgedruckt und nun wollte sie die Mutter nicht ohne Unterschrift gehen lassen. Ich hatte sie zwischenzeitlich gebeten, das doch einfach auf einen Notizzettel zu schreiben. Im Flur stapelten sich die Leute bereits und nichts ging mehr vor oder zurück. Und bevor…“ – „Brauchst gar nicht weiterreden. Tschuldigung, dass ich dich so angefahren habe. Ich war gerade bitter enttäuscht, denn du genießt hier Freiheiten und damit Möglichkeiten, die vor dir kein anderer Famulant hatte. Es wäre jedenfalls sehr bedauerlich, wenn du das zu Eigenmächtigkeiten ausnutzt.“ – „Das würde ich doch nie machen.“ – „Na dann ist ja gut.“

Aha? Stinkesocke genießt Freiheiten? Wie schön! Keine zwanzig Sekunden später konnte ich durch die Wand mit anhören, wie Uschi im Labor zusammengefaltet wurde: „Wenn Sie nicht aufhören, die Famulantin zu mobben, dann können Sie sich demnächst einen anderen Job suchen. Sie haben es verbockt und drucken umständlich Privatrezepte, statt das einfach auf einen Klebebutton zu schreiben, und dann schwärzen Sie auch noch die Famulantin an, weil sie Ihr Chaos mit einer Unterschrift beendet.“ – Ich konnte nicht hören, was Uschi daraufhin sagte, dafür aber meine Chefin: „Sie weiß genau, was sie darf und was nicht. Und wenn Sie vermuten, dass sie sich nicht korrekt verhält, dann machen Sie mir eine Meldung und tröten das nicht stattdessen über drei Kollegen in der Weltgeschichte herum. Ich dulde dieses Rumgezicke in meinem Laden nicht! Und jetzt gehen Sie wieder an Ihre Arbeit, wir haben zu tun!“

Gut gebrüllt, Löwin. Die letzte Woche werde ich irgendwie überstehen. Zumal Uschi nur einen Tag da sein wird. Und ich weiß, was ich darf. Und was ich will.