Mücken

6 Kommentare1.792 Aufrufe

Wann kommt im Norden eigentlich der Sommer? Ich möchte mich gerne an den Strand legen. Nicht, weil ich noch mehr Bräune brauche. Sondern weil ich gerne vom Seewind gestreichelt werde, während mir die Sonne den Körper wärmt. Hin und wieder mal in die Ostsee zu hüpfen und mich von sanften Wellen hin und her schaukeln zu lassen, ist ganz nach meinem Geschmack. Aber nein, irgendwer hat was falsch verstanden, denn wir hatten zwar 30 Grad, aber 15 davon am Samstag und die anderen 15 am Sonntag. Maries Eltern waren kurz davor, ihre Sauna wieder einzuschalten.

Philipp und ich waren stattdessen an einem einsamen Waldsee. Wunderschön gelegen, rund herum Bäume, der Geruch von feuchtem Waldboden, relativ feste Wege und zwei oder drei Stellen, an denen man ohne großen Höhenunterschied ins Wasser kommt. Wo feuchter Waldboden ist, ist auch was anderes: Mücken. Ich habe mir jeden einzelnen Stich von Philipp behandeln lassen. Bei 45 hat er aufgehört zu zählen. Es gab eine einzelne Stelle auf dem Weg, wo sich die Plagegeister versammelt hatten. Ich würde mal behaupten: Hunderte sind über alles hergefallen, was sich irgendwie bewegt hat. Massenangriff der Killermücken. Dass es bei mir nur am halben Körper juckt, macht es nicht viel besser, denn auf der anderen Körperhälfte heilt es nur schwierig ab. Ich schätze, von einzelnen (am Fußgelenk, auf einem Zeh) werde ich noch zwei oder drei Monate was haben.

Aber das Schwimmen war genial. Nackt. Wir waren nicht die einzigen, die nackt geschwommen sind. Ein älterer Mann war auf der anderen Seite des etwa 1.000 Meter breiten Sees ebenfalls ohne Kleidung im Wasser. Aber wir waren die einzigen, die die Abgelegenheit genutzt haben, um … boa, war das schön! Am Anfang habe ich immer noch ängstlich in die Gegend geguckt, ob uns jemand beobachtet oder jemand den Weg entlang kommt. Irgendwann habe ich aber nur noch dieses absolut schöne Gefühl genossen. Inzwischen weiß Philipp genau, was mir gefällt. Er ist zwar manchmal noch ein wenig unbeholfen, wenn meine Beine im Weg sind oder ich zu wenig Rumpfkontrolle habe, aber er übernimmt gerne Regie und ich spiele gerne mit. Es scheint, als hätte ich endlich mal Glück. Aktuell ist nichts kompliziert. Und ich habe das Gefühl, ihm genug, vielleicht sogar mehr als nur genug, bieten zu können.

Laubfrosch und Bettgeschichte

Schreibe einen Kommentar1.951 Aufrufe

Da ich im Moment nicht den Stationsalltag miterlebe, kann ich mit Marie nicht mithalten, die mir jede Woche neue Kuriositäten erzählt. Meine wenigen Patienten, mit denen ich zu tun habe, schlafen die meiste Zeit. Mehrmals wurde ich gefragt, ob es bei uns üblich ist, dass Darmspiegelungen unter Vollnarkose gemacht werden. Die Antwort lautet: Nein. Üblich ist es keineswegs, sehr viele Patienten wünschen aber eine Sedierung, oft sogar auch eine Kurznarkose. Ich kenne keine repräsentativen Zahlen, aber vom reinen Bauchgefühl her würde ich sagen: Zwei Drittel unserer Patienten wollen dabei lieber schlafen. Männlich wie weiblich.

Aber ein paar außergwöhnliche Begegnungen hatte ich in den letzten Wochen durchaus. Viele Menschen sind, gerade vor Eingriffen oder aufwändigeren Untersuchungen, sehr angespannt, und jeder verhält sich dann anders. Einige werden sehr redselig, kumpelhaft, enthemmt. So war es auch bei einer etwa fünfzigjährigen Frau, die mit mir überhaupt nichts zu tun hatte. Sie sah mich in grüner Hose und grünem Hemd über den Flur rollen und rief mir hinterher: „Haha! Ein Laubfrosch im Rollstuhl! Das sieht man wohl auch nicht alle Tage!“ – Der dazugehörige Mann legte, während er neben ihr saß, sein Gesicht in seine Hände. Ihm war der Kommentar sichtbar unangenehm. Ich guckte die Frau nicht an, sondern rollte weiter meinen Weg und machte dabei einmal „quaaak“. Irgendwie juckte mir gerade das Fell.

Während die nächste Elektrotür hinter mir zufiel, hörte ich die Frau sagen: „Siehste, die hatte wenigstens Humor.“ – Auf dem Rückweg saß nur noch der Mann dort. Er sprach mich an: „Ich möchte mich für meine Frau entschuldigen. Sie ist immer so aufgeregt, wenn sie zur Spiegelung muss. Dann sagt sie manchmal Sachen, die sie sonst nie sagen würde.“ – Ich antwortete: „Naja, mit dem Frosch hatte sie ja nicht ganz Unrecht. So sehr, wie wir hier manchmal herumspringen müssen, und dann auch noch in grün, kann der Eindruck schonmal entstehen.“

Außergewöhnlich war auch ein asiatischer Patient auf Familienbesuch in Europa, der über Leibschmerzen klagte. Er sollte Blut abgenommen bekommen und in einen Becher pinkeln. Das mit dem Blut abnehmen klappte wunderbar, das mit dem Becher hat er aber nicht verstanden. Seine (deutschsprachige) Frau hat ihm das noch einmal übersetzt, aber er kam zurück mit einem gut gefüllten Becher. Nein, keine Spermaprobe (wie bei Pastewka), sondern was anderes. Mehr als randvoll. Ich wundere mich noch heute, ob es diese Art Untersuchung in Asien nicht gibt. Oder er uns darauf hinweisen wollte, dass sein Stuhl hellgelb ist.

Lustig war auch ein Patient, um die zwanzig Jahre alt, mit Trisomie 21. Er kam mit einem Betreuer. Ich war eigentlich nur Zuhörerin, aber der junge Mann kam sofort auf mich zugelaufen und gab mir die Hand. „Hallo schöne Frau“, begrüßte er mich. Ich antwortete: „Na, junger Mann, verteilen Sie heute Komplimente?“ – Der Dialog ging ähnlich putzig weiter: „Nicht nur heute, an schöne Frauen immer! Arbeitest du hier?“ – „Ja. Und Sie? Was führt Sie hierher?“ – „Mein Betreuer. Du kannst aber ruhig ‚du‘ zu mir sagen, ich bin Lutz.“ – „Hallo Lutz.“ – Er nahm erneut meine Hand und deutete einen Handkuss an. Dann fragte er: „Warum sitzt du im Rollstuhl? Kannst du nicht laufen?“ – „Nein, ich kann nicht laufen.“ – „Hast du einen Unfall gehabt?“ – „Ja, ich bin vom Auto angefahren worden.“ – „Hat das weh getan?“ – „Ich habe nicht viel gemerkt davon, weil ich schnell ohnmächtig geworden bin.“ – „Das hast du gut gemacht.“

Ich guckte die Ärztin an, bei der ich eigentlich zugucken sollte. Sie grinste von einem Ohr zum anderen und nickte mir zu: Mach mal weiter. Ich fragte: „Und du? Bist du krank? Oder warum bist du hierher gekommen?“ – „Wenn ich Aa mache, tut es manchmal weh. Das ist ganz hart und manchmal blutet das.“ – „Woher weißt du, dass es blutet?“ – „Ich hab mir die Wurst genau angeguckt und die war oben rot.“ – „Und hattest du auch Blut am Klopapier?“ – „Woher weißt du das? Weil du Arzt bist? Ärzte wissen immer alles. Das ist gemein, weil man da keine Geheimnisse haben kann.“ – „Doch, du darfst auch Geheimnisse haben.“ – „Mein Arzt weiß auch immer alles. Aber er hat gesagt, ich darf mit […] im Bett schmusen.“ – „Wenn er das sagt, dann wird es wohl stimmen. Ist […] deine Freundin?“ – „Nein, sie ist nur eine Bettgeschichte, aber das darf keiner wissen.“ – „Findest du das nett?“ – „Ich warte noch auf eine hübsche Frau. Aber bis die kommt will ich auch Spaß haben. Hast du schon einen Freund?“

Ich antwortete ohne zu überlegen: „Ja.“ – Und war froh, so verhindern zu können, dass er mir gleich nach drei Minuten einen Heiratsantrag macht. Allerdings hatte ich damit eine andere Steilvorlage geliefert: „Habt ihr auch Spaß im Bett?“, wollte er wissen. Ich antwortete: „Na klar!“ – „Findet eine Frau das auch schön, wenn ein Mann Liebe mit ihr macht?“ – „Das empfindet jede Frau anders.“ – „Machst du oft Liebe mit deinem Freund?“ – „Im Moment sehe ich ihn nur am Wochenende. Aber dann machen wir Liebe miteinander.“ – „Dann ist dein Freund ein richtiger Glückspilz.“ – „Danke.“

Was ich so drollig fand, war einerseits sein Bedürfnis, Gemeimnisse haben zu wollen, andererseits gleich intimste Details auszuplaudern. Was ich ein wenig fragwürdig fand, war sein Egoismus: Bettgeschichten haben ja ganz viele Leute, die fand ich früher auch „schlimmer“ als heute. Aber dass er mit ihr Liebe macht und nicht beide zusammen, darüber würde ich zumindest nochmal genauer reden. Wenn ich sein Betreuer wäre.

Poststreik

9 Kommentare5.143 Aufrufe

Eine Packstation ist für mich als Rollstuhlnutzerin nur bedingt geeignet. Ich könnte zwar zu jeder Zeit mein Paket abholen, müsste dabei aber darauf hoffen, dass es nicht in einem Fach liegt, an das ich nicht heran komme. Üblicherweise lasse ich alles, was per Versand kommt, an die Praxisanschrift von Maries Mutter senden, dort ist im Zweifel auch dann jemand, wenn Marie und ich gerade in der Uni sind.

Nun streikt ja bekanntlich gerade die Post. Und DHL. Der Postbote kommt zur Praxis seit inzwischen über zwei Wochen nicht mehr, Laborwerte, Entlassungsberichte und ähnliches müssen in nervtötenden Telefonaten einzeln per Fax nachgefordert werden, nahezu keine einzige Rechnung wird zur Zeit mehr bezahlt, vermutlich weil die Privatpatienten sie gar nicht bekommen haben. Dagegen ist mein Problem, dass ich gerne meine bestellte Ware hätte, eher nebensächlich.

Immerhin hatte mir der Versender die Tracking-Nummer geschickt. Als ich im Onlineportal nachgucke, wo nach fünf Tagen meine Sendung wohl festklemmt, lese ich: „Die Sendung konnte nicht zugestellt werden. Der Empfänger wurde benachrichtigt. Die Sendung kann in der Filiale […] abgeholt werden.“ – Dazu Tag und Uhrzeit, zu der Maries Mutter definitiv Sprechstunde hatte. Na super.

Eine Benachrichtigungskarte hat Maries Mutter nicht. Die Angestellten haben auch nichts angenommen. Also mache ich mich mit meinem Handbike und der Sendungsnummer auf einem Blatt Papier auf den Weg zur Postfiliale. Nach zehn Minuten bin ich an der Reihe. „Mit der Sendungsnummer aus dem Internet kann ich nichts anfangen“, werde ich freundlich begrüßt.

„Ihnen auch einen guten Tag“, denke ich mir. Ich antworte: „Die Benachrichtigungskarte haben wir leider nicht bekommen.“ – „Das kann am Streik liegen. Ich brauche die Adresse.“

Ich nenne der Mitarbeiterin die Adresse der Praxis. „Und den Ausweis bitte“, sagt sie. Den habe ich schon in der Hand und lege ihr den auf die Theke. „Da steht aber eine ganz andere Adresse, dann können wir das nicht aushändigen.“ – „Das ist eine abweichende Lieferanschrift.“ – „Was ist das für eine Anschrift?“ – „Eine Arztpraxis.“ – „Haben Sie eine schriftliche Vollmacht dabei, dass Sie im Namen der Arztpraxis Pakete abholen dürfen?“ – „Nein.“ – „Dann darf ich Ihnen das nicht aushändigen.“ – „Mein Name steht aber auf dem Paket.“ – „Moment, ich schaue nach.“

Nach einiger Zeit kommt die Mitarbeiterin wieder zu mir zurück und sagt: „Da steht tatsächlich Ihr Name drauf. Dann darf ich Ihnen das auch aushändigen. Unterschreiben Sie bitte hier.“ – Am Ende habe ich mein Paket. Beim Dialog ließe sich sicherlich noch eine Menge verbessern. Stichwort: Negative Grundhaltung. Das ist mir, als jemand, die täglich mit sehr viel „geht nicht“ konfrontiert wird, besonders aufgefallen. Mich nervt es, wenn Menschen immer erstmal sagen, dass etwas nicht geht, statt vorher die Sache zu prüfen. Ich musste ihr also drei Mal widersprechen, um am Ende meine bezahlte Ware zu bekommen. Ich finde, das müsste nicht sein.

Keine Sonderrechte

24 Kommentare3.254 Aufrufe

Kaum rolle ich durch einen Supermarkt, ist ein neuer Beitrag fällig. Ich soll Maries Mutter eine kleine Flasche Rum für einen Kuchen herausholen. Während sie mit Marie nebenan durch einen Bioladen turnt, flitze ich durch einen Discounter, stehe inzwischen in der schier endlosen Schlange vor der Kasse. In der anderen Reihe steht in viel zu kurzen Jogginghosen eine Frau mit unvorteilhafter Frisur, knetet in ihren Händen eine Tüte Gummibären.

Um den Hals trägt sie ein Schlüsselband einer nahe gelegenen Einrichtung für geistig behinderte Menschen. Sie wippt auf und ab, fängt an, die Wartezeit zu überbrücken, indem sie sich selbst ein Liedchen vorsingt. Der englische Text ist nicht zu verstehen, aber die Melodie kommt mir bekannt vor. Dann endlich kommt ein junger Mann, der eine zweite Kasse öffnen will. In atemberaubender Lautstärke freut sich diese Frau, diesen Mitarbeiter zu sehen: „Guten Tag, machst du eine zweite Kasse auf?“, brüllt sie quer durch den Laden. Und mit „Brüllen“ ist wirklich „Brüllen“ gemeint. Würde man das Piepen der Scanner vielleicht mit einer Lautstärke von 2 bewerten und das Kreischen jener Alarmanlage, die losgeht, wenn jemand unerlaubt den Notausgang öffnet, mit 10, dann brüllt Madam mit etwa Neundreiviertel. Umstehende Leute gehen erschrocken ein bis zwei Schritte zur Seite, fast alle drehen sich um und starren sie an. Die Frau wird nicht etwa rot, sie interessiert die Aufmerksamkeit scheinbar gar nicht, sondern sie singt einfach ihr Liedchen weiter. Schaut tief durch die Folie ihrer Gummibärchen-Tüte und sagt laut: „Na Klausi, pass auf, du bist gleich weg.“ – Ihre Selbstsicherheit möchte ich haben.

Endlich bin ich am Transportband angekommen, lege meine Rumflasche auf selbiges und warte. Hinter mir knutschen zwei Frauen, geschätzt um die 40 Jahre alt. Eine nimmt einen Lolly aus dem Regal, drückt auf einen Knopf und bringt selbigen damit zum Leuchten. Sie hält mir das Ding vor das Gesicht und grinst verschmitzt. „Na, Interesse?“ – „Meinst du, ich finde meinen Mund besser, wenn mein Essen im Dunkeln leuchtet?“

Ihre Freundin sagt: „Die Lampe dadrin wird benötigt, falls auf Toilette mal kein Licht ist.“ – Die andere der beiden Frauen antwortet, während sie das Ding wieder ins Regal packt: „Auja, lass uns was zu Naschen mit zum Kacken nehmen, dann ist es nicht so langweilig.“ – Das wiederum hört die bis eben noch singende Frau an der Nachbarkasse und klärt lautstark auf: „Auf Klo wird nicht gegessen, das ist voll igelhaft.“ – Ein junger Mann steht vor mir und versucht krampfhaft, sein Lachen zu unterdrücken. Ob ich ihm einfach mal den Lolly anbieten sollte?

Endlich bin ich dran. „Ihren Ausweis bitte“, verlangt die Kassiererin. Mir fällt alles aus dem Gesicht. Das ist jetzt nicht ihr Ernst. „Habe ich gerade nicht dabei. Ich bin aber schon 22.“ – Sie räumt demonstrativ meine Rumflasche neben ihren Drucker und sagt: „Und tschüss.“ – Bevor ich was erwidern kann, scannt die Frau die Artikel der beiden Frauen hinter mir. Wirklich zu freundlich.

„Moment mal bitte, hier ist mein Autoschlüssel“, sage ich und halte ihr mein Schlüsselbund hin. Sie erwidert: „Begleitetes Fahren gibt es schon mit 17, trotzdem darfst du mit 17 noch keinen Alkohol kaufen. Auf Wiedersehen!“

Ich fühle mich ja geschmeichelt, dass mich jemand fast sechs Jahre jünger schätzt, und klar, die Kassiererin trägt die Verantwortung, aber warum muss das ausgerechnet dann sein, wenn ich mein Portmonee nicht dabei habe? Wie 17 sehe ich nun wirklich nicht mehr aus. Es hilft nichts. Ich rolle zurück zum Parkplatz, treffe Maries Mutter und bitte sie, mich zu begleiten. Sie verdreht die Augen, geht mit mir zur Kasse, wo die Rumflasche noch immer steht. Als der nächste Kunde fertig ist, spreche ich die Kassiererin an: „Entschuldigung, könnte ich jetzt vielleicht kurz meine Flasche haben?“ – „Stellen Sie sich bitte hinten an, ja?“ – „Echt mal“, ergänzt die Kundin, die gerade dran ist. Wirft Maries Mutter einen bitterbösen Blick zu und sagt: „Nur weil sie im Rollstuhl sitzt, hat sie keine Sonderrechte. Und jetzt gehen Sie zur Seite und halten Sie den Betrieb nicht auf.“

Ich gucke Maries Mutter an. Maries Mutter guckt mich an. Schüttelt mit dem Kopf und geht raus. Ich rolle schweigend hinterher.