Mitten im Chaos

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Ich bin mal wieder mittendrin. Nicht nur in der Woche, sondern auch im Chaos. Meine Famulatur, also eine Art Praktikum im Rahmen des Studiums, läuft so gar nicht rund. Ich habe, ehrlich gesagt, ein wenig das Gefühl, dass ich hier gerade viel Zeit verschwendet habe. Am Dienstag sollte ich morgens an den Zimmertüren der Patienten klopfen und die Leute einzeln zum Stationszimmer begleiten, damit ihnen dort der Blutdruck und das Körpergewicht gemessen werden können. Ich kam mir reichlich doof dabei vor, Menschen zu eskortieren, die den Weg auch alleine finden würden. Nur das war meine Aufgabe, Blutdruck oder Gewicht messen durfte ich nicht.

Mittags sollte ich mir die Therapiemöglichkeiten der Klinik angucken. Ich wurde einmal durch die Räume geführt, während die Patienten beim Essen waren. Anschließend hätte ich mir eine halbe Stunde eine Therapieeinheit im Bewegungsbad anschauen können, die fiel aber aus, weil irgendetwas mit der Lüftung nicht in Ordnung war. Der Patient bekam stattdessen eine Massage. Ich durfte dabei zugucken.

Am Nachmittag sollte ich beim Autogenen Training in der Gruppe teilnehmen und anschließend an einer Beschäftigungsgruppe, in der Bingo gespielt wurde. Im Anschluss an die Bingo-Gruppe hatte ich eigentlich Feierabend, allerdings sprach mich ein junger Mann an, 21 Jahre alt und aus Schleswig-Holstein, ob ich ihm helfen könnte bei der Auswahl eines Hilfsmittels. Er habe eine Gehbehinderung und suche „für schlechte Tage“ einen Rollstuhl. Ich würde mich doch sicherlich auf dem Hilfsmittelmarkt sehr gut auskennen.

Normalerweise wäre ich eher sofort hilfsbereit und würde mir sogar nach Feierabend noch die Zeit nehmen, aber hier wollte ich erstmal für mich ordnen, wie ich auf diese ungewöhnliche Frage am besten reagieren würde. Ungewöhnlich deshalb, weil ich nicht erkennen konnte, dass der Patient tatsächlich einen Rollstuhl benötigen könnte. Ich weiß zwar, gerade vom Sport, dass es viele Menschen gibt, denen man eine Einschränkung nicht sofort ansieht, und dass es schubweise verlaufende Erkrankungen gibt. Aber dass ich heute so überhaupt keinen Anhalt für eine Gehbehinderung bei ihm sah und er demnächst nur im Rollstuhl noch vorwärts kommen würde, wollte ich nicht so ohne weitere Nachfragen annehmen. Und bevor ich mich nun in irgendein blödes Gespräch verstrickt hätte, bat ich ihn, mich am nächsten Tag noch einmal anzusprechen.

Dazu kam es nicht. Ich bekam gestern morgen aus dem Stationszimmer die Order, sofort bei dem stellvertretenden Klinikleiter, den ich bereits in der Begrüßungsrunde kennengelernt hatte, aufzuschlagen. Ich dachte zunächst, er wollte nun endlich mal zehn Minuten mit mir reden und vereinbaren, was genau ich tun und lernen könnte. Stattdessen bekam ich einen Einlauf, der sich gewaschen hatte. Es begann damit, dass ihm zu Ohren gekommen sei, ich würde unabgestimmt in die Therapie der Patienten eingreifen. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass besagter 21jähriger Mann seinem Stationsarzt erzählt hatte, dass wir [!] ineinander verliebt [!] seien und ich ihm Rollstuhlfahren beibringen wollte. Es sei ein absoluter Hammer, schließlich hätte ich mich erstmal vergewissern müssen, welche Krankheit der Mann hätte, denn einen Rollstuhl bräuchte der Mann nicht. Angesichts meiner Beziehung zu einem Patienten fühle er sich von meiner „an Unprofessionalität kaum noch zu überbietenden Arbeitsweise derart molestiert“, dass er mir im Laufe des Tages meine Papiere auszuhändigen und ein paar Telefonate führen würde, um mich anderswo unterzubringen.

Ich fühlte mich, als wenn mir jemand den Boden unter den Rädern wegzog. Okay, es ist nur ein Praktikum, aber wieso werde ich nicht gefragt, bevor man urteilt und Entscheidungen fällt? Ich nahm ob des dominanten Auftretens meines Gegenübers allen Mut zusammen und sagte: „Mit Verlaub, ich hätte mir gewünscht, Sie hätten sich beide Seiten angehört, bevor Sie mich hier rausschmeißen. Ich habe keine Beziehung mit dem Patienten. Nur weil ein Patient irgendeinen Unsinn in die Welt setzt, werde ich hier diszipliniert? Das ist nicht fair.“

Er guckte mich an und antwortete: „Gehört das auch zu Ihrer Unprofessionalität oder sind Sie einfach nur naiv? Sie werden nicht diszipliniert, ich besorge Ihnen eine gerade andere Stelle. Es ist gleichgültig, ob Sie mit dem Patienten was haben oder nicht. Er hat was mit Ihnen. Er hat ein warmes Lächeln Ihrerseits falsch gedeutet und malt sich aus, dass Sie ihn lieben. Ob das stimmt oder nicht, spielt gar keine Rolle mehr. Ich kann seine Maßnahme deshalb nicht abbrechen, das würde kein Kostenträger zulassen. Und bevor ich mir hier vier Wochen lang einen Krisenherd ins Haus hole, besorge ich Ihnen eine andere Klinik, in der Sie Ihre Famulatur ab morgen weitermachen. Es sei denn, Sie wollen das nicht, dann sagen Sie das bitte gleich.“

Ich überlegte einen Moment. Darüber, was mein Gegenüber am Telefon seinem Kollegen erzählen würde. Wollte ich mich in einer Klinik vorstellen wollen, in der mir irgendein falscher Ruf vorauseilt? Würde ich, wenn ich mich einverstanden erkläre, gleichzeitig auch zugeben, dass da doch was läuft? Würde ich, wenn ich mich hingegen nicht einverstanden erkläre, ihm die Chance geben, später zu behaupten, er habe in fürsorglicher Absicht eine andere Stelle für mich suchen wollen, die ich aber zickigerweise nicht haben wollte? Würde das überhaupt noch jemanden interessieren? Selbst wenn ich mich beschweren würde … es hatte alles keinen Sinn. Entweder sind hier einige Leute beknackt oder sie wollen mich aus irgendeinem Grund loswerden. Egal, wie ich handeln würde, ich kann nicht gewinnen. Also guckte ich ihm in die Augen und sagte nur: „Sie sollten sich schämen.“

Er erwiderte nichts. Ich rollte auf dem direkten Weg nach draußen, setzte mich ins Auto und überlegte einen Moment. So aufgewühlt wollte ich jetzt nicht fahren. Ich war total zittrig. Ich hatte keine Lust, jetzt noch einen Unfall zu bauen, weil ich in dieser emotionalen Anspannung am Straßenverkehr teilnehme. Ich rief einen Freund an, der sich eine gute Stunde Zeit für mich nahm und mich einigermaßen runterfahren konnte. Anschließend fuhr ich zu Maries Mutter in die Praxis. Als ich meinen Rollstuhl aus dem Auto lud, fing ich wieder zu weinen an. Ich weiß nicht, warum mich das so aus der Bahn warf, aber ich fühlte mich so erniedrigt. Klar, dass ich das wegen meiner persönlichen Betroffenheit alles sehr emotional sehe. Aber dazu stehe ich auch. Ich hatte mich sehr auf diesen Monat gefreut und …

Maries Mutter saß hinter dem Anmeldetresen und klimperte wild auf dem Computer herum, als ich reinkam. Eine Patientin stand dort, bekam etwas ausgedruckt und verschwand, zwei ältere Menschen warteten schon in ihrem Sprechzimmer als nächste Patienten bei offener Tür. Einen Moment später nahm sie mich wahr, stand auf und bat mich ins Labor, schloss die Tür hinter sich. „Was ist passiert?“, fragte sie mich. Ich antwortete: „Ich bin fristlos gefeuert worden.“ – „Ach du Kacke. Und warum?“ – „Weil sich ein Patient in mich verliebt hat.“ – „Und dann?“ – „Nichts und dann. Der Typ hat erzählt, wir hätten was miteinander, der Chef findet das unprofessionell, und da er den Zirkus nicht haben möchte, hat er mich einfach rausgeschmissen.“ – „Wir reden gleich weiter, okay? Ich kümmere mich nur noch eben um die letzten Patienten.“

Als die letzten Patienten und die letzte Mitarbeiterin draußen waren, fragte mich Maries Mutter, ob ich schon was gegessen hätte. Ich guckte sie fragend an. „Du weißt schon. Nahrung.“ – Ich schüttelte den Kopf. „Ich mach dir einen Pfannkuchen, okay? Und dann erzählst du mir erstmal, was da los war. Lass dich mal drücken. Was ich nicht verstehe, hattest du denn was mit dem Patienten?“ – „Nein, das ist es ja! Er hat mich gestern gefragt, ob ich ihm eine Hilfsmittelberatung geben kann, er bräuchte auch einen Rollstuhl. Und ich habe ihn gebeten, mich heute nochmal anzusprechen, weil ich das nicht einordnen konnte, was er wollte, der sitzt nämlich eigentlich gar nicht im Rollstuhl. Zumindest nicht auf den ersten Blick.“ – „Na super. Und was sagt er heute dazu?“ – „Ich habe ihn heute nicht gesehen, ich sollte direkt zum Chef, und der meinte dann, der Typ habe erzählt, wir hätten eine Beziehung, entweder sei das hochgradig unprofessionell von mir oder die Situation sei der Beginn eines vierwöchigen Krisenherdes, auf den er keinen Bock hätte. Also hat er den Weg des geringsten Widerstandes gewählt und mich gefeuert. Er fühlt sich von mir molestiert.“ – „Molestiert?“ – „Ja, keine Ahnung, was das bedeutet, aber ich vermute sowas wie ‚belästigt‘.“ – „Das ist Schnöselsprache und bedeutet ‚belästigen‘, ‚bedrängen‘, ‚auf den Wecker gehen‘. Ich hätte große Lust auf eine offizielle Beschwerde bei der Kammer. Aber vermutlich wird er sich rauswinden und du stehst am Ende schlechter dar als wenn du ihm einfach in Gedanken den Stinkefinger zeigst.“

Vermutlich hat sie, wie so oft, recht. Auch wenn das einen faden Geschmack hinterlässt. Abends bekam ich dann noch eine Nachricht des Freundes, der mich mittags schon eine Stunde getröstet hatte. Er schickte mir ein Bild, das er beim Einkaufen an einer Hauswand gesehen hat. Er sagte, er habe spontan nochmal an mich denken müssen. Guckst du:

Psychobunker

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Der erste Tag meiner Psycho-Famulatur ist rum. „Psycho“ deshalb, weil ich gelernt habe, dass die Patientinnen und Patienten ihre Klinik „Der Psychobunker“ nennen, in dem sie, behütet vor äußeren Einflüssen, selbständig an ihren Äußerlichkeiten experimentieren, und so mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein gewinnen. „Ich habe mich entschieden, einmal bis zu 85% auszurasten, um dem Franz, dem Peter und dem Günther zu zeigen, dass auch in mir Gefühle sind. Die letzten 15% habe ich mir für die letzten drei Wochen meiner Reha aufgespart. Jede Woche fünf Prozent mehr. Es war ein gutes Gefühl, eine Ecke meines Panzers hat …“ – „Sich gelöst?“ – „Nein, Ute, ich bin noch nicht so weit wie du. Mein Panzer bebt erst mal.“ – „Das ist doch völlig okay. Weine ruhig, Tränen sind wunderbar, sie können auch einen Panzer auflösen.“ – „Mein Panzer ist wasserfest!“ – „Nein, so etwas gibt es nicht. Selbst Blech kann rosten. Wasserfest ist nur die Farbe, mit der du angestrichen wurdest. Du be-zett-weh dein Panzer.“ – „Danke für deine aufrichtigen Worte.“ – „Immer gerne, ich bin in Psychofragen schon eine kleine Expertin. Ich wollte selbst mal Psychotherapie studieren.“ – „Echt? Ich könnte das nicht. Ich habe schon mit mir genug zu tun.“ – „Was meinst du, warum ich es mir anders überlegt habe?“

Ja. Nein. Wahnsinn. Ich will das keineswegs ins Lächerliche ziehen. Sondern ich zitiere aus einem Dialog, den ich beim Warten auf dem Flur vor der Einführungsveranstaltung für neu hinzugekommene Rehabilitanden, an der ich auch teilnehmen sollte, um ein wenig mehr über das Haus zu erfahren, mitbekommen habe. Ich habe ihn etwas verdichtet, den Dialog, aber es sind exakt diese Worte, die mich für einen Moment lang nachdenken ließen. Darüber, dass es gut sein wird, seine Antennen in viele verschiedene Richtungen auszurichten, wenn man einen Menschen verstehen will. Und einen Menschen zu verstehen, auch wenn man ihn nicht kennt und vielleicht nicht mal mag, ist wichtig, um auch zu verstehen, warum er sich krank fühlt.

Länger konnte ich nicht nachdenken, denn dann wurde ich angesprochen. „Dein erster Tag hier?“, fragte mich eine junge Frau, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich. Bevor ich etwas erwidern konnte, gab sie mir ihre Hand: „Ich bin … und komme aus …, das ist ein kleines Kaff an der Nordsee, etwa sechzig Kilometer von … entfernt. Und du?“ – „Ich bin Jule und komme aus Hamburg, ich bin Famulantin und arbeite hier ab heute für vier Wochen.“ – „Oh, sorry. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“ – „Alles ist gut. Wie lange sind Sie denn schon hier?“ – „Seit letzten Donnerstag.“ – „Und dann heute nochmal zur Einführung?“ – „Einführung ist nur einmal pro Woche und letzten Montag war ich ja noch nicht hier.“ – „Ich hoffe, das wird nicht allzu langweilig.“ – „Sie sind ja cool. Was für eine Therapeutin wollen Sie denn später mal werden?“ – „Ich … Ärztin möchte ich werden. Ich studiere Medizin.“ – „Echt? Nicht wirklich, oder? Ich bin mir im Moment gerade nicht sicher, ob ich veräppelt werde. Ich will ja niemandem zu nahe treten, aber bei mir drei Zimmer weiter wohnt auch ein Typ, der auch gerne etwas hochstapelt. Der studiert angeblich Jura und hat zuerst auch erzählt, er wäre hier im Rahmen eines juristischen Praktikums, inzwischen habe ich aber gesehen, dass er sich ritzt und in der Gruppe musste er zugeben, dass er nicht mal Abitur, dafür aber umso größere Minderwertigkeitskomplexe hat. Hat zumindest meine Tischnachbarin beim Essen erzählt.“ – „Krass“, sagte ich, denn soweit ich weiß, dürfen Interna aus diesen Gruppen eigentlich nicht herumposaunt werden. – „Bist du wirklich Famu-Dings?“ – Ich nickte. Sie guckte mich mit ernstem Blick an, musterte mich fast mit zusammengekniffenen Augen, sagte dann, ich sei ihr suspekt, und drehte sich um.

Zum Glück kam einen Moment später ein Mann, schloss die Tür auf und bat uns in einen Besprechungsraum, in dem ein paar Stühle im Kreis aufgestellt waren. Drei Frauen räumten plötzlich einen Stuhl zur Seite und sagten zu mir: „Stell dich doch hier hin.“ – Ich stellte mich einfach dazwischen. Dann kam als erstes eine Vorstellungsrunde. Zuerst stellte sich der Moderator als stellvertretender Klinikdirektor vor, dann sollte jeder seinen Namen sagen und auf welcher Station er sei. Wenn man wollte, auch das Alter. Aber mehr bitte nicht, sonst würde es zu lange dauern. Als ich dran kam, sagte ich: „Ich bin Jule und 22 Jahre alt.“ – „Und welche Station?“ – „Ich bin Famulantin.“ – „Achja“, sagte der moderierende Co-Direktor, stand auf, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand. „Wir reden die nächsten Tage nochmal ausführlich. Sie sind diese Woche bei Dr. … auf der Station?“ – Ich nickte, im gleichen Moment brach die junge Frau, die mich vor der Tür angesprochen hatte, in Tränen aus, stand auf und verließ den Raum. Sollte ich da jetzt hinterher? Nein. Bloß nicht.

Vor der Tür, am Ende des Ganges, wartete sie nach der Veranstaltung. Heulend. Als ich vorbei rollte, guckte sie mich an. „Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen. Ich war so ungerecht zu Ihnen.“ – „Das waren Sie nicht. Sie waren nur sehr direkt und ehrlich und hatten Zweifel. Die sind okay, man muss nicht immer alles sofort glauben. Man kann sich die Zeit nehmen, um sich erst ein gründlicheres Bild zu machen.“ – „Ich bin immer so unkontrolliert, aber das macht mir auch im Alltag ständig Probleme.“ – „Ich bin Ihnen nicht böse. Okay?“ – „Danke.“

Ich hatte inzwischen erfahren, dass ich mich lieber mit Nachnamen vorstellen sollte und alle Patientinnen und Patienten konsequent gesiezt werden. Außerdem bräuchte ich ein Namensschild, das sei meine einzige Aufgabe, bevor ich etwas anderes mache. Dienstkleidung gäbe es für Famulanten nicht, aber ich dürfte mir ein Stethoskop um den Hals hängen, wenn ich mich abgrenzen müsste… Und die Klinik sei eigenständig finanziert und nicht in Trägerschaft der Rentenversicherung, wie mir auch noch erklärt wurde. Deshalb sei hier vieles anders als ich es vielleicht von Kommilitonen erzählt bekommen hätte. Ich verkniff mir alle Kommentare und Antworten. „Aber anerkannt werden Ihre vier Wochen Famulatur trotzdem“, erfuhr ich. Zum Glück.

Kein Reisebüro

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Und wieder ein Semester überstanden. Na gut, noch nicht ganz. Aber dessen Vorlesungen. Ab Oktober folgt das achte, bis dahin muss ich noch zwei sehr umfangreiche Hausarbeiten fertigstellen und einen weiteren Monat Famulatur ableisten. Dieses Mal in einer psychosomatischen Rehaklinik der Deutschen Rentenversicherung. Patienten sind dort überwiegend Menschen mit Ess-Störungen, Burn-Outs, Neurosen, … Ich bin sehr gespannt. Warum gerade das? Weil ich denke, dass mir der Kontakt zu psychosomatischen Krankheiten mehr Sicherheit gibt, wenn es darum geht, Patienten und ihre Symptome richtig zu verstehen. Nein, keine Angst, ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, dass alle körperlichen Symptome, für die ich keine Ursache finde, psychischer Herkunft sein müssen. Aber genau diese Abgrenzung finde ich spannend. Ich möchte wirklich mehr darüber erfahren und diese Möglichkeit dazu nutzen.

Wo ich das nächste Semester studieren werde, ist noch nicht ganz sicher. Marie möchte zurück in den Norden, ich eigentlich auch. Aber ob wir beide hier oben was finden, stellt sich erst noch heraus. Vielleicht hängen wir auch noch ein letztes „Auslands-“ Semester am aktuellen Studienort dran, es ist möglich.

Ich vermisse nach wie vor Hamburg. Und wie sehr ich Hamburg vermisse, wird mir immer wieder an den Kleinigkeiten deutlich, die ich in Hamburg erlebe. Wie heute in einem Bus: Eine Frau mittleren Alters steigt ein und sagt zum Fahrer: „Ich möchte gerne nach Eckernförde. Ich habe im Internet gelesen, dass ich die komplette Fahrkarte auch bei Ihnen buchen kann.“ – Leider verstehe ich nicht, was der Fahrer sagt. Ob er sagte, er würde es ausprobieren, oder ob er sagte, dass es nicht geht, aber sich eben auch keine Beschwerde einhandeln will und deshalb nochmal genau nachsieht…

Jedenfalls steht dieser Bus mit offenen Türen, laufendem Motor und Blinker rechts auf einer Hauptstraße und vorne beim Fahrer wird gelabert. Sie hätte auch eine Bahncard. Und sie wüsste, dass nach Eckernförde auch private Bahnen fahren, ob sie die auch über ihn buchen könne. Und ob sie mit Kreditkarte zahlen kann. Der Fahrer, zwei Stationen vor der Endstation, einem großen S-Bahnhof, an dem ich meine S-Bahn kriegen wollte, hat die Situation alles andere als im Griff. Die Frau diskutiert und labert, vierzig bis fünfzig Leute im Bus warten geduldig. Mehrere Minuten lang. Und dann passiert etwas, was an meinem aktuellen Studienort wohl niemals passieren würde. Da sind sie alle viel zu brav.

In der letzten Reihe brüllt ein Typ, 5-Millimeter-Kurzhaarschnitt, zwei Zentner schwer, orangefarbene Bauarbeiter-Latzhose, im typischen Hamburger Dialekt, tiefstes Barmbek, los: „Alder, watt isn datt fürn Zirkus da vorn?! Sind wir hier im Reisebüro oder watt?! Ich muss meine S-Bahn kriegen, du kannst doch wohl nen Fahrschein für Einsfuffzig bis zum Bahnhof lösen und frägst da den Kollegen, wie du nach Eckernförde kommst! Echtma, jetz! Du hältst hier den ganzen Betrieb auf, das muss man doch mal merken!“ – Die Frau erwidert irgendwas, von wegen dass sie keine Busfahrkarte bräuchte, wenn sie gleich bis Eckernförde lösen würde. Da springt der Mann auf und trampelt nach vorne, holt im Gehen zwei Euro aus der Hosentasche, knallt sie vorne beim Fahrer auf den Kassentisch und sagt: „Ich krieg gleich Locken! Du kaufst dir jetzt nen Fahrschein bis zum Bahnhof und die fuffzig Cent Wechselgeld, die schenk ich dir, damit kannst du später den Typen an der Auskunft bestechen, damit er dir die billigste Verbindung raussucht. Und wenn das jetzt noch weiter Gelaber gibt, steigt hier jemand aus und geht zu Fuß, und ich versprech dir, ich bins nicht. Ich habe nämlich meine Fahrkarte vorm Losfahren gelöst. Kleiner Tipp: Solltest du nächstes Mal auch tun, erspart einem jede Menge Stress und böse Blicke!“

Dreht sich um, und während er zurück auf seinen Platz geht, applaudiert der halbe Bus. Kaum ist er auf seinem Sitzplatz angekommen, schließen sich die Türen und der Bus fährt ab. Ohne die Frau. Die hat sich entschieden, zu Fuß die beiden Stationen bis zum Bahnhof zu laufen. Über Lautsprecher kommt die Ansage: „Mein Herr, Ihre zwei Euro liegen hier abholbereit.“ – Daraufhin brüllt der Mann nach vorne: „Die hab ich längst abgeschrieben! Kauf dir davon auf den Schreck in der nächsten Pause n Brötchen oder ne Frikadelle oder beides oder gib sie von mir aus einem Flaschensammler, aber ich will jetze mal zügig zu meiner S-Bahn, mein Chef wartet nicht, also gib mal n büschen Gas! Mannometer!“

Wellen, Wellen, Wellen

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An der Ostsee. Wo sollten wir sonst gerade sein? Das Wetter ist toll und wir haben es tatsächlich hinbekommen, uns mit Cathleen und Lisa mal wieder zu treffen, um gemeinsam ein Stündchen das „Open Water“ zu kraulen. Trotz warmer Luft und relativ warmen Wasser im Schwimm-Neo, und das war auch gut so. Der Wind war kalt, kälter als das Wasser, er wehte anfangs mit Stärke 4, frischte während unserer Stunde auf 5, in Böen 6 bis 7, auf. Wir waren nicht die einzigen Schwimmer, aber es waren nur Schwimmer und keine Planschenden im Wasser. Gerade dort, wo das Wasser flach war, konnte man sich kaum halten. Es herrschte zudem eine wahnsinnige Unterströmung, so dass man nur an bestimmten Stellen wieder zurück an Land kam. Insbesondere bei senkrecht auf die Küste wehendem Wind darf man das Phänomen nicht unterschätzen und muss damit rechnen, dass man einige Meter weiter links oder weiter rechts weitere Versuche unternehmen muss, an Land zu gelangen. Das muss man natürlich vorher wissen, seine Kräfte gut einteilen. Vor allem darf man eins nicht tun: In Panik geraten, wenn es mehrmals nicht klappt, weil die Strömung zu stark ist.

Aber wir waren zu viert und hatten eine Freundin an Land gelassen, die uns beobachten sollte. Lisa, die nicht so viel Erfahrung hat, war anfangs etwas ängstlich und wich mir nicht von der Seite, aber mit der Zeit wurde sie sicherer und schwamm ihren Weg. Wir schwammen eine Strecke parallel zur Küste doppelt (also hin und zurück), und es waren etwa vier Kilometer. Das Erlebnis in den Wellen ist unbeschreiblich, wenngleich ich gefühlt mindestens zwei Liter Salzwasser geschluckt habe und am Ende, als ich endlich wieder Boden unter dem Po hatte, der Eindruck entstand, die Erde würde schaukeln. Insgesamt war das Schwimmen in den Wellen nicht wesentlich schwieriger als im ruhigen Wasser. Nur brechende Wellen sind schwierig, die anderen schaukeln einen ja nur ein wenig rauf und runter.

Meine Kondition war schonmal besser. Ich habe mich in den letzten Wochen zu wenig sportlich betätigt. Ich war jetzt nicht außer Atem oder am Ende völlig geschafft, aber ich merkte schon, dass ich schonmal besser in Form war. Einen Triathlon „aus dem Stand“ würde ich mir im Moment nicht zutrauen. Oder? Na gut, vielleicht.

Lange gab es keine super-ekligen Dinge mehr bei mir. Ich bin darüber natürlich recht froh. Andererseits: Dass sie jemals ganz aufhören würden, davon träume ich realistischerweise nicht mehr. Meine Leserinnen und Leser mögen gewarnt sein: Es waren vermutlich tatsächlich um die zwei Liter Salzwasser, die ich in den Wellen getrunken habe. Na klar, ich versuche, das meiste Wasser, das beim Kraulen und Atmen in den Mund schwappt, sofort wieder auszuspucken. Meistens gelingt mir das auch, gerade bei so hohen Wellen ist es aber eine Herausforderung. Und manchmal kommt der Wasserschwall so plötzlich, dass man keine andere Wahl mehr hat, als das quasi reflexartig zu schlucken. Nicht, weil man das schlucken möchte, sondern weil die Alternative ist, das Zeug einzuatmen, also zu verschlucken – mit entsprechendem Hustenreiz. Und das wäre bei dem Wellengang eben auch kein Vergnügen.

Salzwasser gibt man ja auch vor Darmspiegelungen. Damit man dort überhaupt reingucken kann. Ich will es nicht spannender machen: Ich hatte zwischenzeitlich kurz Bauchweh, allerdings ging das schnell vorbei. Später wusste ich dann auch, warum. Im bewegten Wasser habe ich nichts davon gemerkt, aber als ich wieder zurück an Land war, wunderte ich mich schon, was für eine seltsam gefärbte Brühe aus meinen Hosenbeinen lief. Boa, igitt! Ich stecke anderen Leuten inzwischen zwar Endoskope in den Po, aber bei denen ist allenfalls Wasser und ein wenig Schleim im Darm. Sich im Neoprenanzug wie ein mariniertes Schnitzel zu fühlen, hat was ganz besonderes. Wie ich meine Querschnittlähmung liebe! Zum Glück haben es die anderen nicht sofort mitbekommen.

Während die anderen auf dem Po sitzend durch den Sand krabbelten, winkte ich unsere Fußgängerin zu mir heran. „Kannst du mir einen Gefallen tun und ohne großes Aufsehen mit mir nochmal ins Wasser gehen? Es gibt gute Gründe, warum ich meinen Neo im tiefen Wasser ausziehen sollte, und ich würde dich auf ewig lieben, wenn du mir dabei hilfst.“ – „Ach du Scheiße.“ – „Du hast es erfasst.“ – „Na klar. Rutsch doch schonmal in die Richtung, ich ziehe mir eben Schwimmsachen an.“

Nein, ich habe nicht geheult. Herzklopfen hatte ich zuerst. Aber unsere Fußgängerin war lieb. Und unkompliziert. Zog mich ins brusttiefe Wasser und zog mir meinen Neo aus. Ich versuchte ihr zu erklären, dass da normalerweise nichts passiert, dafür sitzt das alles viel zu eng. „Aber wenn das von dem vielen Salzwasser von fest zu flüssig wird, kann das passieren.“ – „Ist ja nicht schlimm, das wäscht sich ja gut aus bei der Wasserbewegung.“ – „Ich finde mich gerade so widerlich.“ – „Das würde mir wohl genauso gehen an deiner Stelle, aber ich finde das, ehrlich gesagt, weniger eklig als Quallensuppe. Du machst dich jetzt komplett nackig, schaust mal, das alles draußen ist, machst dich da unten richtig sauber, wir drehen den Neo auf links und spülen den aus und dann merkt man davon nichts mehr. Vielleicht solltest du zu Hause deinen Neo mal mit ein wenig Waschpulver ein Stündchen in die Badewanne legen. Um ganz sicherzugehen.“ – Gesagt, getan. Es war ein schwieriges Manöver, weil ich eigentlich mehr Hände bräuchte als ich hatte. Und nicht stehen konnte, während die Wellen mich hin und herschubsten. Aber meine Begleitung hat mich die ganze Zeit festgehalten, teilweise so fest und eng, dass es mir richtig unangenehm war. Umso dankbarer war ich ihr, dass sie mir geholfen hat.

Und die anderen? Als wir wieder am Strand waren und bei den anderen ankamen, die sich am Auto bereits ausgezogen und abgetrocknet hatten, meinte Marie mit rausgestreckter Zunge: „Na, Stinki?“ – Noch lustiger war Lisa drauf. Mit toternster Miene fragte sie mich: „Warum hast du das gemacht? Konntest du das nicht kontrollieren oder hast du falsch kalkuliert? Ich meine, das weiß man doch eigentlich, dass … du weißt schon.“ – „Das war keine Absicht. Ich kann das ja nicht richtig kontrollieren und irgendwie hat sich mein Bauch wohl über das viele Salzwasser aufgeregt.“ – „Das ist ganz schön peinlich, oder? Also mir wäre das zumindest peinlich, wenn mir das passiert. Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich lach dich nicht aus.“ – Gut zu wissen. Ich könnte sie immernoch regelmäßig knuddeln.