Basta

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Tatsächlich habe ich schon die fünfte Million voll. Sogar schon die halbe sechste, wenn man genau sein möchte. Seitenaufrufe. Wobei die Aufrufe vom selben PC innerhalb von 30 Minuten nur einmal gezählt werden. Also falls sich jemand durchklickt.

Aktuell klicken regelmäßig wieder zwischen 1.750 und 2.500 Leute auf meine Seite. Täglich. Es waren auch schonmal über 5.000 pro Tag, aber das ist zwei bis fünf Jahre her. Derzeit gibt es über 950 Beiträge von mir – und fast 10.000 Kommentare meiner Leserinnen und Leser.

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt noch etwas schreibe. Aber wie ich sehe, auch anhand der vielen aufmunternden Kommentare der letzten Wochen, möchte die Mehrheit meiner Leserinnen und Leser weiter an meinem Leben teilnehmen.

Keine zwei Tage ist es übrigens her, da hat mich eine Firma gefragt, ob ich in meinem Blog nicht mal von einer Handtasche schwärmen könnte. Ich würde 30 Euro dafür bekommen, direkt überwiesen. Ich habe laut gelacht. Einmal kurz. Hat hier jemand schonmal Werbung gesehen? Oder glaubt mir jemand, dass ich eine Handtasche trage? Als Rollstuhlfahrerin?

Ich möchte es mal so sagen: Würde ich Werbung in meinem Blog machen und hätte ich Lust, mit meinem Blog Geld zu verdienen, dann kämen wir so ab 1.000 Euro ins Gespräch. Drunter liefe nichts. Da ich aber keine Werbung mache, sondern allenfalls mal von meinen persönlichen Erfahrungen berichte, wenn ich glaube, dass ich über etwas berichten möchte, würde ich selbst bei 10.000 Euro nicht anbeißen.

Und auch das Angebot, eine Nacht mit meinem Partner in einem Hotel abzusteigen und bei einem positiven Blogeintrag die Rechnung nicht zahlen zu müssen, mag zwar verlockend sein, aber das Hotel hatte nicht einmal eine Suite mit eigenem Whirlpool. Im Ernst: Es bleibt dabei. Ich bestimme, worüber ich schreibe. Basta.

Roter Teppich

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Es ist 22.00 Uhr, endlich Feierabend. Ich will nur noch nach Hause. Ich muss ein Stück mit dem Bus, dann mit der S-Bahn, dann wieder mit dem Bus fahren. Wenn alles klappt, bin ich in 40 Minuten zu Hause. Ich mag nach einem anstrengenden Dienst nicht mehr mit dem Auto fahren. Aus Angst, während der Fahrt einzupennen. Das wäre im Bus oder in der S-Bahn nicht so schlimm.

Vor der Fahrt nochmal zum Klo, dann müsste meine neurogene Blase eigentlich die 40 Minuten locker überstehen. Auch zwei Stunden sollte sie eigentlich schaffen. Mein Problem: Wenn es dann doch mal dringend werden sollte, gibt es nur ein ekliges Bahnhofsklo, das ich auch unter Einsatz meiner stets im Rucksack mitgeführten Hygienetücher und Einmalhandschuhe nicht immer anfassen möchte. Und ohne anfassen geht halt nicht, wenn man nicht stehen kann. Es ist immer so eine Gratwanderung. Meistens bin ich vorsichtig und präpariere mich dennoch mit einer Einmalpampers. Um zu einhundert Prozent auf der sicheren Seite zu sein.

Der erste Bus fährt mir direkt vor der Nase weg. Bis zur S-Bahn sind es rollend etwa 20 Minuten, der nächste Bus kommt in einer halben Stunde – also rollen. Es ist kalt. Zum Glück regnet es nicht mehr. Auf die letzte Minute erreiche ich die S-Bahn. Mit mir im Waggon ist eine Partygruppe, jeder einzelne ist völlig besoffen. Man hat eine Bluetooth-XXL-Bassbox dabei und hört Dubstep in voller Laustärke. Da es in der S-Bahn nur an bestimmten Stellen Rollstuhlstellplätze gibt, kann ich nicht weg. Wüsste man nicht, dass es Musik sein soll, könnte man denken, irgendwo stünde jemand in der Ecke und testet Baumaschinen auf Herz und Nieren.

Zum Glück steigt der Haufen nicht mit mir aus. Ich muss mit dem Aufzug nach oben, dann über eine Brücke, und drüben mit dem Aufzug wieder nach unten. Beide Aufzüge funktionieren, allerdings hat es eine Gruppe Fahrradfahrer so eilig, dass ich fünf Mal warten muss. Dann drängelt sich noch grinsend eine Frau vor, die ich frage, ob sie sich hinten anstellen kann, die aber nix verstehen. Nochmal warten. Als ich endlich an der Bushaltestelle ankomme, regnet es. Der Bus fährt mir vor direkt vor der Nase weg.

Der nächste Bus kommt in 30 Minuten. Fünf Kilometer rolle ich nicht über Stock, Stein, bergauf, bergab, durch Straßen, die teilweise keinen Gehweg haben. Bei Regen im Dunkeln. Also warten. Der zweite Bus, es ist inzwischen 23.15 Uhr, hält so weit weg vom Gehweg, dass ich nicht hinein komme, ohne dass jemand die Rampe ausklappt. Dafür kommen aber vier Frauen mit ihren Kinderwagen hinein. Alle vier sind nach mir mit der S-Bahn angekommen. Ich rolle nach vorne zum Fahrer. „Nein, ich kann Sie nicht mitnehmen, da stehen bereits vier Kinderwagen. Das sehen Sie aber auch selbst.“ – Bevor ich was erwidern kann, ist die Tür zu und der Bus fährt los.

Wieso sind die Kinder um diese Zeit noch nicht im Bett? Ich bin genervt. Es regnet, es ist windig. Ich bin müde, muss aufs Klo, friere. Der nächste Bus kommt. Ein Elektrorollstuhl mit einer jüngeren Dame steht drin. Platz genug für einen zweiten Rollstuhl wäre vorhanden. Aber die Tür hinten geht nicht auf. Ich rolle nach vorne. „Tut mir leid, aber ich kann nur einen Rollstuhl mitnehmen. Der Platz ist schon belegt.“ – Ich will Luft holen, aber der Fahrer drückt bereits auf den Knopf – zack, Türen zu.

Okay. Der letzte Bus käme in 42 Minuten. Nehme ich mir ein Taxi? Ja. Ich habe die Faxen dicke. Ich fahre zum Taxistand. Kein Taxi vor Ort. Ich rufe die Hotline an und bitte um einen Kombi. Was kommt? Eine E-Klasse-Limousine. Keine Ahnung, warum er den Auftrag annimmt, wenn er kein Kombi ist. Aber er erklärt es mir: „Von einem Kombi wurde nichts gesagt über Funk. Ich kann Sie nicht mitnehmen, Ihr Rollstuhl passt nicht in meinen Kofferraum. Rufen Sie noch einmal die Zentrale an und verlangen Sie nach einem Behindertentransport. Ich weiß aber nicht mehr, ob die jetzt noch fahren. Ich würde Ihnen jetzt einmal die Anfahrt berechnen.“

„Ich habe Sie nicht bestellt. Ich habe ausdrücklich nach einem Kombi verlangt. Klären Sie das mit Ihrer Zentrale.“ – „Ich rufe die Polizei.“ – Meint er, dass die mit einem Kombi kommt? „Machen Sie das. Schönen Abend noch.“

Ich rolle in eine noch geöffnete Systemgastronomiefiliale und bestelle mir einen heißen Kakao. Die einzige Chance weit und breit, noch irgendein warmes Getränk zu bekommen. Das am Ende nur lauwarm ist und nur nach Spülwasser schmeckt. Vermutlich kann man mir heute abend nichts mehr recht machen. Kaum habe ich drei Milliliter in mich hinein gekippt, spüre ich meine Blase. Gebe ich dem Klo am Busbahnhof eine Chance? Ja. Ich habe ja noch ein wenig Zeit. Ein Blick um die Ecke reicht mir: Irgendjemand hat halb ins, halb neben das Waschbecken gekotzt, das reicht mir. Zurück zum Bus, der soll in etwas über 10 Minuten kommen. Es ist gleich halb eins in der Nacht.

Vor dem Bus steht eine junge Frau im kurzen Minirock. Aber mit Mütze auf. Unten Gummistiefel. Und behaarte Beine. Ganz helle Haare. Aber ziemlich lang. Dazu lilafarbene Gummistiefel, die aussehen, als wäre sie damit im Schlamm gewesen. Sie trägt eine DIN-A2-Mappe bei sich. Ich kenne sie nicht, trotzdem grüßt sie mich: „Na?!“ – Ich lächel sie an. Ich spüre, wie sich gerade meine Blase entleert. Jetzt weiß ich, warum ich mir zur Vorsicht doch noch eine Pampers angezogen hatte. Die Frau will unbedingt reden. Ich spüre auch das. Sie sagt: „Ich bin so glücklich. Ich habe ein halbes Jahr darauf hingearbeitet und heute habe ich die Auswahl gewonnen. Ich könnte die ganze Welt umarmen.“

Ich gratulierte ihr. Sie erzählt mir von irgendeinem Bau-Projekt. Ich kann mich kaum noch konzentrieren. Ich bin seit über 12 Stunden pausenlos unterwegs, davon 8 Stunden durchgehend in der Notaufnahme. Irgendwann kommt der Bus. Hält mit der hinteren Tür auf meiner Höhe, macht diese aber nicht auf. Der Fahrer ist doch an mir vorbeigefahren, er hat mich doch gesehen. Warum öffnet er nicht die Tür? Ich überlege, ob ich eine Schusswaffe im Rucksack habe. Habe ich nicht. Ich setze mein freundlichstes Lächeln auf. Ich rolle nach vorne. Das Ziel ist nah wie nie. Stelle mich an die letzte Stelle derer, die alle nacheinander einsteigen und ihre Fahrkarte vorzeigen müssen.

„Nehmen Sie mich bitte mit?“, frage ich. – „Ich komme gleich nach hinten.“ – „Das ist nicht nötig, es reicht, wenn Sie die Tür aufmachen und den Bus absenken.“ – „Ich komme schon und klappe die Rampe aus.“ – „Sie können sitzenbleiben, wenn Sie den Bus absenken.“ – „Nein, ich komme mit nach hinten.“

Ist es so schwierig? Ich brauche keinen roten Teppich. Er öffnet hinten die Tür. Senkt den Bus aber nicht ab. Inzwischen klappt ein anderer Fahrgast die Rampe aus und wird vom Fahrer angepöbelt: „Das dürfen Sie nicht. Stellen Sie sich vor, Sie klemmen sich die Finger!“ – Darf ich jetzt (bitte, bitte) ohne großes Theater nach Hause? Ich rolle die Rampe hoch, stelle mich rückwärts gegen die sogenannte Anprallfläche. Der Busfahrer klappt die Rampe ein, kommt zu mir, fasst meinen Rollstuhlrahmen neben meinem linken Knie an und rüttelt daran. „Ist der fest?“, fragt er und kommt dabei so nah an mich heran, dass ich seinen Atem ins Gesicht bekomme. Ich drehe meinen Kopf zur Seite.

„Nicht anfassen“, erwidere ich. Er sagt: „Ich muss das kontrollieren. Vorschrift ist Vorschrift.“ – Mir platzt der Kragen. Irgendwann ist meine Toleranz erschöpft. „Halten Sie mal ein bißchen Abstand hier. Ich mag das nicht, wenn mir jemand so dicht auf die Pelle rückt, ja?!“ – „Sie können auch gleich wieder aussteigen“, ranzt er zurück. Ich sage: „Jetzt haben Sie es ja kontrolliert. Können wir jetzt losfahren?“ – „Wann wir losfahren, bestimme immer noch ich. Und nur ich. Haben Sie das verstanden?“

Um kurz nach ein Uhr bin ich endlich zu Hause. Will (muss) duschen. Es kommt nur kaltes Wasser. Ich suche nach einem Beißholz. Vergeblich. Es ist keins da.

Schlechte Welt

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Ach, wie schlecht ist die Welt doch geworden. Sagt mein Nachbar, während er mit mir im Aufzug steht. In dem großen 30-Parteien-Mietshaus in meinem Studienort, in dem ich zurzeit wohne. Ich kenne seinen Namen nicht. Aber ich sehe, dass er Alkoholiker ist. Ich schätze sein Lebensalter auf 70 bis 75 Jahre, das Alter seiner Klamotten auf 30 bis 40 Jahre. Eine Strickjacke, deren Reißverschluss nur noch zu einem Drittel mit dem Rest der Jacke verbunden ist. Eine Jogginghose, dessen Polyester-Bestandteile sich zu einem Drittel bereits verflüchtigt haben. Er weiß nicht, was ich studiere, und zeigt mir trotzdem seine Stauungsdermatitis. Möchte wissen, ob ich ihm dagegen Creme aus der Apotheke holen könne. „Irgendwas gegen juckende Haut.“

An ihm haftet ein Geruch, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Er scheint es aber selbst nicht zu merken. Er habe Probleme mit seinem Radio. Früher habe es noch einen Hifi-Laden in der Nähe gegeben, inzwischen müsse man entweder online bestellen, womit er sich nicht auskenne, oder im Supermarkt einkaufen, womit er sich zwar auskenne, was ihn aber in den Wahnsinn treibe. Die dortigen Radios für 10 Euro hielten immer nur ein Jahr. Nun wäre es ja kein Ding, irgendwas für ihn in seinem Namen im Netz zu bestellen. Er müsste ja nur überweisen und die Ware annehmen. Aber daran scheitert es bereits: Zum Überweisen müsse er zur Bank, da er kein Onlinebanking habe und die Formulare nicht mehr klar sehen könne, und der Paketbote komme meistens um die Mittagszeit – und da liege er noch im Bett. Außerdem habe die Bankfiliale in der Nähe geschlossen und der Weg zur nächsten Filiale sei zu weit.

Und dann seufzt er nochmal, thematisiert erneut die schlechte Welt und seine Exfrau, die noch nach 20 Jahren Scheidung ständig neue Unterhaltsforderungen stelle. So viel Geld solle er zahlen, dass er sich nicht mal die Zähne sanieren lassen könne. Sagt er und lächelt mich an mit seinem Gebiss voller Baustellen. Und ich lächle zurück, wissend, dass alles andere sowieso nichts bringen würde. Und dann öffnet sich endlich die Aufzugstür.

Letzte Woche nun wird ein Mann in die chirurgische Aufnahme gebracht. 71 Jahre alt, habe selbst den Rettungsdienst gerufen, weil er über eine Telefonschnur gestolpert, auf dem Bauch gelandet und anschließend über 16 Stunden lang nicht wieder hochgekommen sei. Alles tue ihm weh, er sei völlig erschöpft und zittrig. Eingekotet hatte er auch. Bierschiss. Auf den Kopf sei er nicht gefallen, sondern er habe das Gleichgewicht verloren, sich an der Türzarge abgestützt und sei dann langsam an ihr heruntergerutscht, weil ihn die Kräfte verlassen hätten. Direkt nach dem Stolpern. Oder so ähnlich.

Der Rettungsdienst habe die Polizei verständigt, um die Tür öffnen zu können. Die Wohnung sei völlig vermüllt gewesen, wohl keine verdorbenen Lebensmittel, dafür aber hunderte leere Wodkaflaschen und geschätzt zwei Containerladungen Verpackungsmüll, Altpapier und Lumpen. Als er mich sieht, sehe ich das Entsetzen in seinen Augen. Ich habe kein Problem damit, dass er nun weiß, wo ich arbeite. Aber ich glaube, er hat ein großes Problem damit, dass ich nun weiß, mit wem ich da unter einem Dach lebe. Obwohl ich das schon geahnt hatte. Sein Problem ist wohl, dass er sich seine Welt so baut wie es für ihn am günstigsten ist. Keine Verantwortung übernehmen, immer sind die anderen Schuld, immer gibt es eine Begründung, warum etwas nicht geht oder so übel sein muss. Und wenn die Begründung über 24 Ecken konstruiert und gesponnen werden muss. Diese Konfrontation hat ihm sichtbar die Sprache verschlagen.

Ich habe ihm gesagt, dass heute der Tag ist, an dem er entscheidet, dass es nicht so weitergeht wie bisher. Weil, wenn er es nicht entscheidet, hat die Polizei bereits den Sozialpsychiatrischen Dienst eingeschaltet. Ich könnte einen Vermerk machen, dass er seine Situation erkannt habe und sich freiwillig in Behandlung begebe. Wo man auch seine juckenden Beine in den Griff bekäme. Dagegen helfe nämlich keine Creme. Wenn er noch ein wenig Stolz habe, dann würde er sich jetzt Hilfe holen und heute ein neues Leben anfangen. In dem er dann auch wieder ernst genommen wird. In dem er nicht nur alles versäuft und verschläft. Auch wenn er nicht mehr gut laufen könne, könne er doch nach wie vor gut mobil sein. Und er könne sich auch Hilfe holen für den Haushalt. Warmes Mittagessen, was auch immer.

„Meinen Sie wirklich, ich habe noch eine Chance?“, fragte er mich.

„Heute ja. Die letzte. Die letzte Chance, das noch selbst zu moderieren, bevor irgendeine Behörde sich in Ihr Leben einmischt. Es kann nur besser werden.“

Wohl habe ich mich dabei nicht gefühlt. Ich habe mich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt. Am Ende gab es aber dennoch Lob von der Chefin. Er ist jetzt seit fünf Tagen auf einer Entzugsstation. Ich wünsche ihm die Kraft, dass er das durchhält.

Und heute spricht mich doch glatt ein Nachbar an, im Haus werde gemunkelt, ich hätte die Behörden informiert, um meinen Nachbarn zwangsweise in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Nur weil es im Treppenhaus riecht. Wie heißt es doch gleich unter Ärzten? Lasse reden?

Käsekuchen

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Gegenüber der Klinik, in der ich zur Zeit mein Praktisches Jahr mache, gibt es einen Bäcker, der halbwegs essbare Brötchen verkauft. Und Semmeln, Wecken, Rundstücke, Schrippen und Bömmeln. Er gehört zu einer Franchise-Kette. Ich nehme mir zum Frühdienst immer zwei Brötchen mit, damit ich in den acht Stunden irgendwas zwischen die Zähne bekomme. Am liebsten halt ein Bestimmtes mit Körnern, das in dieser Kette auch einen eindeutigen Namen hat und pro Stück 65 Cent kostet.

Vor einigen Wochen hat der Franchisenehmer gewechselt. Eine ältere Frau, die vorher die Filiale geleitet hat, ist in Rente gegangen, nun ist ein Mann, geschätzt Mitte 50, dort im Laden. Als ich an seinem ersten Arbeitstag in die Filiale kam, stellte er sich mir vor. Erzählte mir, dass er vor zwölf Jahren aus der Türkei gekommen sei. Dass er fleißig sei und viel arbeiten wolle. Das mag freundlich sein, aber vor meinem Frühdienst habe ich die Angewohnheit, meine verbale Kommunikation auf das Nötigste zu beschränken, so dass es meinerseits bei den üblichen Floskeln blieb.

Später auf der Station habe ich dann gemerkt, dass er mir ganz andere Brötchen in die Tüte gepackt hat. Ich konnte das aufgrund meiner sitzenden Position halt schlecht sehen, so dass es mir vor Ort nicht aufgefallen ist. Vielleicht war er am ersten Tag etwas durcheinander oder aufgeregt, kann ja passieren. Am nächsten Morgen bat ich erneut um meine Körnerbrötchen und schaute dieses Mal gleich in die Tüte. Wieder andere ohne Körner drin. „Entschuldigung, das sind doch aber nicht die Körnerbrötchen, die ich haben wollte.“ – „Nein, das sind andere, die, die Sie haben wollten, sind jetzt 20 Cent teurer. Für 65 Cent bekommen Sie nur noch diese.“ – „Aber Sie können mir doch nicht einfach andere Brötchen, die ich gar nicht bestellt habe, mitgeben. Bitte tauschen Sie das. Dann zahle ich halt 40 Cent mehr.“ – „Sie haben diese jetzt aber schon in der Hand gehabt, das sind Lebensmittel, die kann ich nicht zurücknehmen. Außerdem habe ich die anderen heute nicht mehr da.“

Vor meinem Frühdienst ist eine Sorte schon aus? Egal. Ich dachte mir, er müsste ja nun mitbekommen haben, dass ich unzufrieden bin. Am nächsten Morgen: „Ich hätte gerne zwei Körnerbrötchen, aber dieses Mal bitte nur die.“ – „Ich gebe Ihnen diese, die kosten sonst 90 Cent, zum Preis von 85.“ – „Ich möchte keine anderen Brötchen. Haben Sie die Körnerbrötchen wieder nicht da?“ – „Doch, aber glauben Sie mir, Sie werden diese mögen.“ – „Ich möchte die nicht. Ich möchte nur meine zwei Körnerbrötchen.“ – „Bekommen Sie. Und ich gebe Ihnen das Dritte dazu, geschenkt. Probieren Sie es.“

Ich esse keine drei Brötchen. Egal. Nervig. Einige Tage später hatte ich wieder Frühdienst, will meine zwei Brötchen holen. Er begrüßt mich: „Meine Freundin! Hast du den Käsekuchen bekommen?“ – „Was für einen Käsekuchen?“ – „Den du bestellt hast!“ – „Ich habe keinen Käsekuchen bestellt und auch keinen bekommen.“ – „Meine Kollegin sagte mir, du hättest ihn abgeholt.“ – „Da müssen Sie was verwechseln. Ich habe nichts mit Ihrem Kuchen zu tun.“ – „Nein, ich verwechsel dich nicht. So viele Leute sitzen ja auch nicht im Rollstuhl.“

Auweia. Ich bat um meine zwei Brötchen. Er packte wieder einfach andere in die Tüte. Diesmal sah ich das sofort. „Nee, das ist mir hier zu viel Zirkus, da bin ich raus. Schönen Tag noch.“

Kaufe ich künftig meine Brötchen halt woanders. Sind zwar fünf Minuten Umweg, aber auf sowas habe ich keinen Bock. Gestern saß ich am Tisch, bestrich mein Brötchen, und sah, dass eine Kollegin ihre Brötchen auch von dem alternativen Bäcker in der Nebenstraße geholt hatte. Ich erzählte ihr beiläufig die Story mit dem Kuchen. Sie unterbrach mich nach zwei Sätzen und sagte: „Zu dem geh ich nicht mehr. Wenn man da nicht aufpasst, hat man nebenbei einen halben Rasenmäher und zwei Dutzend Handys gekauft.“

Scheinbar war ich nicht die einzige „Freundin“, mit der er seine Spielchen machte. So ein Käsekuchenbasar mag ja für einige Menschen durchaus attraktiv, charmant oder lustig sein – mir geht es auf den Keks. Vor allem morgens um kurz vor Sechs.