Studium, Nachbar, Partner

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Es wird allerhöchste Zeit, dass mein Praktisches Jahr vorbei ist. Ich fühle mich, als machte ich im Moment außer arbeiten, lernen und schlafen nichts anderes mehr. Derzeit zeichnen sich Interesse und Arbeitsbereitschaft enorm aus. Und die Bereitschaft, die Scheißjobs ohne großes Aufsehen abzuarbeiten. Entsprechend habe ich acht bis vierzehn Stunden pro Tag oft ununterbrochen mit Menschen zu tun, die einfach nur anstrengend sind. Respektlos, laut, egoistisch, dumm. Und oft auch sexistisch. Mein gestriges Highlight war die Frage, ob man einen Sonografie-Schallkopf auch vaginal einführen könnte und ob das Spaß macht. Als ich direkt zum roten Faden zurückkehrte, griff der Mann um die 40 das Thema noch einmal auf und fragte direkt noch einmal nach, ob ich jemanden kennen würde, der sich das Ding schonmal eingeführt hat. Seine Frau sitzt daneben und lacht sich kaputt. Und nein, es war kein Stab-Sono, wie es der Frauenarzt benutzt und das aussieht wie eine elektrische Zahnbürste, sondern ein ganz normaler Konvexscanner, wie man ihn auch vom Babys-Gucken kennt. Den wird sich niemand freiwillig irgendwo einführen.

Zu meinem verstorbenen Nachbarn gibt es auch einige Neuigkeiten: Inzwischen haben sich Kinder dieses Mannes daran gemacht, die Wohnung aufzuräumen und den ganzen Müll in blauen Säcken aus dem Fenster zu werfen (und unten mit einem Pritschenwagen einer Autovermietung zur Mülldeponie zu bringen). Tatsächlich klingelten sie am Freitag hier und wollten sich mit einer großen Tafel Schokolade bei mir bedanken. Sie hätten gehört, dass ich mich um ihn gekümmert hätte. Leider hatten beide seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, da er diesen nicht wünschte. Wir haben uns eine Zeitlang unterhalten.

Danach hätten beide Kinder noch bis vor etwa vier Jahren regelmäßig Kontakt gehabt und ihren (geschiedenen) Vater etwa zwei bis drei Mal pro Jahr besucht. Sie hätten auch noch etwa einmal monatlich bis zum Schluss mit ihm telefoniert. Er sei immer klar gewesen und orientiert, konnte mitreden, auch zum Tagesgeschehen. In den letzten vier Jahren wollte er schlagartig keinen Besuch mehr und hat es immer wieder mit neuen Ausreden erklärt. Letztlich hätten sich die Kinder oft die Frage gestellt, was wichtiger ist: Der Kontakt und das Vertrauen – oder das Hinwegsetzen über die Wünsche (niemanden zu sehen), verbunden mit Klarheit (über die Situation), aber vermutlich auch mit einem Vertrauensverlust. Aufgesprochen auf den massiven Alkoholmissbrauch, sagten beide Kinder, dass der Vater bereits vor 30 Jahren alkoholkrank war und nie eine Therapie gemacht hat. Schon als beide zur Schule gingen, hat er jeden Abend bis zu 10 Dosen (0,5 Liter) Bier getrunken. Erst später kam auch noch Hochprozentiges dazu.

Das heißt im Klartext, dass er seit dreißig Jahren kaum mehr nüchtern war. Selbst wenn er normal gebaut war, normal gegessen, sich normal bewegt hat, tagsüber kein Alkohol getrunken hat: Bis 5 Liter Bier abgebaut sind, braucht es wohl rund 20 bis 24 Stunden. Wenn ich mir das vorstelle … nicht nur die Menge, die man anschließend pinkeln muss, sondern auch die Ausfälle, die das mitbringt! Ich habe einmal auf einer Party an einem Badesee an einem warmen Sommerabend über mehrere Stunden verteilt insgesamt drei große Flaschen kühles Bier getrunken. Dazu normal gegessen (es wurde gegrillt, gab dazu Brot und Salate und später noch Knabberzeugs). Okay, ich bin nicht so groß und wiege nicht so viel, ich bin eine Frau, das ist nicht vergleichbar. Dennoch: Die dritte Flasche war mir schon zu viel. Ich war nach zwei Flaschen schon so durch den Wind, dass mich plötzlich alle Jungs süß fanden. Und ich hatte gefühlt auch alle lieb. Am Ende war ich froh, dass wir dort gezeltet haben und ich nicht noch irgendwo hinrollen musste.

Ich bin froh, dass auch mein derzeitiger Partner kaum Alkohol trinkt, nicht raucht und auch keine Drogen nimmt. Wir hatten am letzten Wochenende endlich mal wieder viel Zeit für uns. Während mir meine wenigen früheren Beziehungen immer sehr viel bedeutet haben, sehe ich das inzwischen etwas lockerer. Damit ist nicht gemeint, dass wir eine offene Beziehung führen und jemand noch mit anderen Leuten ins Bett geht. Im Gegenteil: Wir gehen beide sehr wohl von Exklusivität aus. Ich halte mich daran auch, und ich vertraue ihm, dass er es auch tut. Mit „etwas lockerer“ meine ich die Hoffnung, den Glauben, vielleicht sogar den Anspruch daran, dass diese Beziehung für immer halten wird. Dass wir in zwei, drei, fünf, zehn Jahren noch zusammen sind. Wenn es so ist und wir damit glücklich sind, ist es schön (denn glücklich zu sein ist immer schön), wenn nicht, hat es dafür wohl nicht gepasst. Ich will insgesamt damit sagen, dass ich mir komplett abgewöhnt habe, eine Beziehung als „Institution“ anzusehen und diese „Institution“ zu bedienen. Stattdessen „bediene“ ich die Beziehung selbst. Gerade in der schwierigen Zeit der letzten zwei Jahre habe ich einige Gedanken dazu durchaus noch einmal etwas neu ausgerichtet. Und zwar durchaus tiefgründiger als es in einen Absatz passt. Vielleicht schreibe ich darüber demnächst noch einmal ausführlicher.

Für den Moment habe ich es erwähnt, weil er nicht nur total verknallt ist und mich noch immer anhimmelt, was ich wunderschön finde, sondern mich irgendwie auch „vergöttert“. Was auch sehr schön sein kann, was mir bei ihm manchmal aber eine Spur zu extrem wird. Zum Beispiel, wenn er die erwähnte „Exklusivität“ der Beziehung für ihn auch bedeutet, dass er sich außerhalb unseres Zusammenseins jede sexuelle Aktivität verbietet. Als freiwillige Entscheidung, an der ich mir kein Beispiel nehmen müsse. Er sagt, er brauche eine gewisse visuelle Stimulation, wenn er masturbiert. Oder auf Deutsch: Augen zu und träumen reicht nicht. Und da ich ihm keine entsprechenden Bilder oder Clips von mir zur Verfügung stellen möchte (nicht nur ihm, sondern niemandem, denn man weiß ja nie, wo die nach einer hässlichen Trennung oder nach einem Systemfehler noch überall auftauchen), findet er, dass er mich so betrügen würde (beim Anschauen anderer Frauen).

Und tatsächlich scheint er das auch durchzuziehen. Was aber zur Folge hat, dass er, wenn wir uns am Wochenende nach fünf bis sechs, manchmal auch zwölf bis dreizehn Tagen wiedersehen, dermaßen unter Druck steht, dass ich gerade nicht weiß, ob es ihm und uns vielleicht besser ginge, wenn er sich hier mehr Freiräume gönnen würde. Dass er, soweit es geht, gleich über mich herfällt, gefällt mir meistens sehr. Nur ist er dann nach spätestens drei Minuten fertig. Neulich kam er schon, als ich ihm die Jeans aufgemacht habe. Mengenmäßig nehme ich ihm die ein bis zwei Wochen Enthaltsamkeit sofort ab. Emotional auch. Wobei es sehr gemischte Emotionen sein können. Neulich fing er zu weinen an und wusste gar nicht, warum. Er meinte, er wollte eigentlich lachen, aber das ginge gerade nicht. Es ginge ihm aber gut.

Wenn ich komme, möchte ich anschließend am liebsten ganz eng kuscheln. Und vielleicht in fünf, zehn, fünfzehn Minuten nochmal wieder etwas heftiger werden. Er ist, wenn er gekommen ist, erstmal offline. Er könnte, wie ein sattes Baby im Arm, dann unvermittelt glücklich einschlafen. Das Problem ist: Mir bringt „Jeans öffnen“ vielleicht klebrige Finger, aber keine eigene Befriedigung. Das ist kein Vorwurf, im Gegenteil: Wenn ich merke, dass es bei ihm so schnell geht, mache ich alles, damit es sich der Moment für ihn trotzdem toll anfühlt. Und es ist auch völlig okay. Sex ist für mich kein Wettbewerb, bei dem es darum geht, wer der Beste ist. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie viel Angst ich um meine Attraktivität wegen meiner Querschnittlähmung hatte (und auch manchmal immernoch habe).

Meistens ist es dann am Samstagmorgen oder Sonntagmorgen richtig schön. Da passt dann alles. Außer dass ich abends oft mehr Hormone im Blut habe als morgens. Aber es klappt trotzdem. Gerne würde ich auch die „stürmische Begrüßung“ noch anders genießen können. Vielleicht sind meine Erwartungen diesbezüglich zu hoch. Ich werde es wohl herausfinden müssen.

Gangster und Agenten

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Es war mal wieder eine aufwühlende Zeit. Der Schichtdienst, in den man mich inzwischen mehr oder weniger vollständig eingebunden hat, ist eine ziemliche Herausforderung. Ich meine, einerseits bin ich ja froh, dass dieses Krankenhaus mich „normal“ behandelt und mir vertraut. Und offenbar mit dem, was ich in meiner Schicht tue, einverstanden bis zufrieden ist. Vielleicht ist es auch einfach nur der Personalstruktur geschuldet, so dass man alles einsetzt, was irgendwie ein Stethoskop und ein Telefon richtig herum halten kann. Denn eigentlich soll man im PJ … ach, lassen wir das.

Andererseits weiß ich schon jetzt, was ich später nicht machen möchte. Auch wenn es mir irgendwie Spaß macht. Aber in einer chirurgischen Aufnahme hat man zwangsläufig mit Menschen zu tun, mit denen man eigentlich nicht zu tun haben möchte – falls mal jemand fragt. Man lebt nicht nur gefährlich, sondern hat oft das Gefühl, sich schlafen zu legen wäre sinnvoller als zu arbeiten. Zum Beispiel, wenn jemand mit einem eingewachsenen Nagel nachts um halb drei von mir verlangt, die Blutung am kleinen Zeh zu stillen. Oder in einer herbstlich bedruckten Serviette fünf haselnussgroße stinkende Kotkügelchen mitbringt, um ein Abführmittel ausgehändigt zu bekommen.

Vor zwei Monaten hatte ich über einen Nachbarn geschrieben, der mit 71 Jahren nach hohem täglichen Alkoholkonsum in „mein“ Krankenhaus eingeliefert wurde. Er hatte einen Entzug begonnen und ich war verhalten optimistisch, dass er anschließend auch versuchen wird, die psychische Abhängigkeit in den Griff zu bekommen.

Ich habe ihn in meiner Dienstzeit mit dem Segen meiner Chefin immer mal wieder besucht. Einmal pro Schicht. Einerseits, weil ich natürlich wissen wollte, was aus ihm wird. Andererseits, weil er keinen Besuch bekam. Von niemandem. Niemand aus der Familie interessierte sich für ihn. Keine Freunde, einfach niemand. Absolut traurig.

Gleich bei meinem ersten Besuch sprach mich der behandelnde Assistenzarzt an. Wollte weitere Informationen von mir, die ich aber gar nicht hatte. Wir lebten schließlich nur unter einem Dach, hatten sonst nichts miteinander zu tun. „Er hat nach dir gefragt. Und er hat gesagt, dass ich mit dir alles besprechen soll und du für ihn entscheiden sollst, was gut für ihn ist.“ – „Das möchte ich gar nicht. Er kann sich mit mir gerne beraten, sofern ich das als PJlerin überhaupt überblicke, aber ich werde nichts für ihn entscheiden.“

Ich sprach ihn darauf an. Er relativierte: „Es ist so, dass hier alle paar Stunden jemand anderes für mich zuständig ist. Dann wieder der eine, dann wieder der andere. Je nach Schicht. Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Können wir nicht miteinander sprechen, bevor ich wichtige Entscheidungen treffe?“

Also habe ich mich informiert. Mit den ersten Untersuchungen hatte man eine Anämie festgestellt, also einen Blutmangel. Dabei ist zu wenig Hämoglobin im Blut. Hämoglobin ist ein Protein, das den Sauerstoff transportiert. Hat man zu wenig davon, muss das Herz schneller schlagen, um den Sauerstofftransport im Blut aufrecht zu halten, und man ist ständig „außer Atem“, schon bei geringer Belastung. Die Ursache könnte falsche Ernährung sein, so dass zu wenig Eisen aufgenommen wird. Ohne Eisen gibt es nicht genug rote Blutkörperchen, ohne neue rote Blutkörperchen gibt es kein neues Hämoglobin. Es kann aber auch ein Blutverlust ursächlich sein. Oder beides. Oder noch was anderes.

Nun hatte man bei ihm sowohl eine Mangel-Ernährung angenommen (er hatte sich ja fast nur noch von alkoholischen Getränken „ernährt“), zumal auch alle wichtigen Vitamine fehlten, was insbesondere bei verschiedenen B-Vitaminen auch höllische Nervenschmerzen machen kann, hatte aber auch Werte im Blut gemessen, die auf einen entzündlichen Vorgang im Körper hinwiesen. Und eine Entzündung kann auch mit Blutverlust einhergehen.

„Sie wollen, dass ich eine Magenspiegelung machen lasse“, sagte er. „Würden Sie mir das zu- oder abraten?“ – „Weder noch“, sagte ich. Ich erklärte ihm, was da passiert, und welchen Sinn es hat. Am Ende stimmte er zu. Ich fragte meine Chefin, ob ich dabei sein dürfte. Ich durfte. Und ob es ihm recht wäre. Sehr recht. Und wie zu erwarten war, nach jahrelangem Alkoholmissbrauch, war die Magenschleimhaut überall entzündet, zwei blutende Geschwüre am Übergang zum Zwölffingerdarm zu sehen – könnte sein, dass daher die Entzündungszeichen im Blut kamen.

Nach der Narkose entwickelte er ein Delir, also eine Verwirrtheit. Er wusste teilweise nicht mehr, wo er war, wer er war, war unruhig, fahrig, redete dummes Zeug. Von nächtlichen Überfällen durch irgendwelche Gangster (vermutlich hatte jemand Fieber gemessen). Das ist nicht ungewöhnlich. Zwischenzeitlich, vor allem morgens, wurde er aber wieder klar. An einem Morgen sprach mich die Schwester an: „Ihr Vater hat nichts anzuziehen. Vielleicht schaffen Sie es ja trotz Ihrer Behinderung mal, drei Hemden oder so zu kaufen.“

Was für eine blöde Schrippe! Nicht, weil sie annahm, er könnte mein Vater sein. Sondern für diese Bemerkung mit der Behinderung. Dennoch fuhr Socke nach Feierabend bei Clemens und August vorbei, um ein paar Schlübber und ein paar T-Shirts für ihn zu kaufen. Und Socken, weil er kalte Füße hatte. Socke veranlasste auch, dass der Friseur und die Fußpflege zu ihm kamen, da weder die langen Haare noch die langen Fußnägel wirklich schön aussahen. Das alles kostete mich mal eben 90 Euro.

Alkohol wollte er keinen. „Ich trinke nicht mehr“, sagte er. Seit Tagen bekam er immer wieder Fieberschübe. In einer Blutkultur stellte man fest, dass sein Blut mit Alpha-Streptokokken besiedelt war. Man weiß, dass diese ebenfalls Hämoglobin abbauen. In diesem Fall vermutete ich, dass sie über die kariösen Zähne in die Blutbahn gekommen waren. Viele dieser Stämme greifen die Herzklappen an, teilweise so sehr, dass sie durch künstliche Herzklappen ersetzt werden müssen. Erstmal konnte ein Antibiotikum erreichen, dass der Befall massiv eingedämmt wurde. Solange die Baustellen im Mund jedoch nicht geschlossen werden, wäre der Erfolg aber wohl nur von kurzer Dauer.

„Können Sie mir einen Gefallen tun?“, fragte er mich an einem Morgen, völlig klar. Ich antwortete: „Das kommt auf den Gefallen an.“ – „In meiner Wohnung liegt Geld. Mein Nachbar, der Herr …, hat einen Wohnungsschlüssel. Ich möchte nicht, dass das Geld plötzlich weg ist. Ich möchte, dass Sie sich Ihr Geld für den Friseur und die Fußpflege und die Hemden rausnehmen und den Rest sicherstellen. Machen Sie das für mich? Ich wüsste nicht, wen ich sonst fragen sollte.“ – „Eigentlich nicht.“ – „Bitte.“ – „Ich überlege es mir.“

Wollte ich mich da so einbringen? Und einbinden lassen? Andererseits war er nicht nur ein Patient, sondern auch ein Nachbar. Und ich war offenbar im Moment die einzige, die sich um ihn kümmerte. Ein wenig. Ich sprach mit meiner Chefin. Sie riet mir ab. Am Ende müsste ich es selbst entscheiden, verbieten könnte mir das niemand. Bei einem Patienten sehe sie Interessenkonflikte, da würde sie es verbieten, hier sei es zusätzlich ein Nachbar. Schwierige Situation. „Wenn du da rein gehst, nimm einen Zeugen mit. Und zieh dir Handschuhe an, wer weiß, was da alles lebt und wohnt.“

In einer Schublade im Schlafzimmer sei ein Umschlag mit mehreren Scheinen. Ich sagte, ich würde mit einer Freundin dort hingehen, damit ich einen Zeugen habe. Er sagte: „Wenn Sie das Geld unterschlagen, ist es weg. Das ist mir aber viel lieber, als wenn der Nachbar es klaut. Aber ich weiß, dass Sie ein ehrlicher Mensch sind.“ – „Ich mache es nur unter einer Bedingung: Ich zähle es in der Wohnung und überweise es auf ihr Girokonto, bevor ich es an mich nehme. Ich möchte nicht mit Geld herumlaufen, das mir nicht gehört.“ – „Das ist eine gute Idee. In der Schublade liegt auch meine Bankkarte. Die lassen Sie bitte dort, aber da steht meine Kontonummer drauf. Wenn Sie das für mich machen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“

Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin, als ich mit seinem Schlüssel, den er gerade von der Feuerwehr bekommen hatte (nach der Türöffnungs-Aktion), seine Wohnungstür aufschloss. Jene Bekannte, die mit mir manchmal zusammen schwimmt, war dabei. Beißender Gestank kam aus der Wohnung. Ich blieb gleich hinter der Tür stehen, hielt meinen Ärmel vor den Mund. Meine Bekannte ging zum Fenster und machte erstmal Durchzug. Bekackte Klamotten lagen auf der Erde. Inzwischen eingetrocknet. Verschimmeltes Brot lag auf dem Küchentisch. Überall leere Flaschen, Dosen, Müll. Ich merkte, dass meine Hilfsbereitschaft zu weit ging. Ich bereute in diesem Moment, hier zu stehen. „Wo soll das sein?“, fragte mich meine Bekannte. Im Schlafzimmer hatte jemand gegen die Wand gekotzt. „Stoß bloß nirgendwo gegen die Wand“, sagte sie zu mir, obwohl ich noch immer hinter der Eingangstür stand. Sie kam mit einer Waffe in der Hand zurück. „Hände hoch“, sagte sie.

„Bist du irre? Pack das weg. Wo hast du die her?“, fragte ich erschrocken. Sie grinste: „Oberste Schublade. Scheint nur Gas zu sein.“ – „Weg damit! Bevor sich noch jemand verletzt. Hast du die Kohle?“ – „Noch nicht. Warte, hier.“ – In Handschuhen zählt es sich schlecht. Zudem waren das alles neue Scheine. Nur grüne Hunderter. Sechsunddreißig Stück. Oder? Nach vier Mal zählen waren wir uns sicher. Die Bankkarte war auch da. Ich rief mein Onlinebanking auf. Und erinnerte mich, dass ich ja vom Handy keine Überweisungen vornehmen kann. Aus Sicherheitsgründen. „Lass das alles so liegen. Wir gehen in meine Wohnung, überweisen die Kohle, solange kann das hier noch lüften, und dann holen wir die anschließend.“

Gesagt, getan. 3.600 € überwiesen, wieder in die Wohnung, alle Fenster zu, alle Heizungen abgestellt, das Geld im Umschlag zwischen meinen Rücken und die Rückenlehne (nicht, dass das im Treppenhaus oder im Aufzug noch jemand sieht), Tür auf und: „Na, was machen Sie da?“ – Zwei uniformierte Menschen. Und zwei weitere kamen gerade die Treppe hochgelaufen. Wie sollte es auch anders sein? Mein Magnet … ich hasse ihn. „Stellen Sie sich da mal bitte dort an die Wand“, sagten sie zu meiner Freundin. Irgendein Ar… aus dem Haus musste dort angerufen haben. Sehr freundlich, man hätte auch einfach mal fragen können. Meine Freundin wurde abgetastet, mich ließ man in Ruhe. Super. So viel Geld in der Tasche, eine Kanone im Nachtschrank, wenn mich einer gefragt hätte, wie ich mir eine blöde Situation vorstelle, hätte ich sie nicht besser beschreiben können.

„Wohnen Sie hier?“ – „Nein.“ – „Was machen Sie hier?“ – „Der Mieter, der Herr …, liegt im Krankenhaus. Ich besuche ihn regelmäßig. Er hat mich gebeten, einmal zu lüften und nach dem Rechten zu sehen.“ – „Aha. Mit Handschuhen, ja? Ist klar. Haben Sie mal einen Ausweis für mich?“ – „Die Wohnung ist sehr schmutzig. Daher die Handschuhe.“ – Wie gut, dass ich das Geld nicht in mein Portmonee gesteckt hatte. Er fragte: „Stimmt die Adresse hier noch? Dann wohnen Sie hier ja doch.“ – „Ja, aber nicht in dieser Wohnung.“ – „In welchem Krankenhaus liegt der Herr …?“ – Ich sagte ihm das Krankenhaus mit Station und Zimmer. Er fragte: „Und Sie sollten was tun?“ – „Einmal nach dem Rechten sehen.“

Hinter der Nachbartür guckte einer durch den Türspion. Sollte ich winken? Der Polizist sagte: „Ich will ganz ehrlich sein: Für mich wirkt es so, als hätten Sie gewusst, dass Ihr Nachbar nicht kommt und sind mit dem Nachschlüssel, den er Ihnen gegeben hat, damit Sie Blumen gießen, in die Wohnung eingebrochen. Das mit den Handschuhen ist nahezu eindeutig. Meine Kollegin wird Sie daher jetzt beide durchsuchen. Wollen wir das auf der Wache machen oder gehen wir dazu in Ihre Wohnung?“ – „Wir gehen in die Wohnung, und ich würde Sie bitten, dass Sie zunächst einmal von unserer Unschuld ausgehen und Kontakt zu dem Nachbarn aufnehmen.“ – „Wir werden hier vor Ort die Faktenlage festhalten und dann wird die Kripo entscheiden, ob Sie einem Haftrichter vorgeführt werden. Selbstverständlich fragen wir auch noch den Herrn …, aber ich mache meinen Job auch nicht erst seit gestern.“

„Sie sollten wirklich niemanden vorverurteilen.“ – Das Funkgerät fing an zu brabbeln. Jemand sagte: „Also wir haben hier nochmal mit den Nachbarn gesprochen. Der Anrufer gab uns noch einen weiteren Namen, Herrn …, der hätte bis vor kurzem noch einen Schlüssel zur Wohnung gehabt, und er hält es für unwahrscheinlich, dass er die Studentin und ihre Freundin damit beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Der lebte absolut zurückgezogen.“ – In dem Moment wurde mir klar: Der Nachbar hatte ja gar keinen Schlüssel mehr! Der konnte ja gar nicht an das Geld, weil die Feuerwehr nach der Türöffnung einen neuen Zylinder ins Schloss eingebaut hatte. Der ganze Zirkus war überflüssig! Und ich stecke hier in der Scheiße! Und wenn die da jetzt (abends!) vorbei gingen und ihn fragten, würde er sowieso nur dummes Zeug reden. Aus seinem Delir heraus, was immernoch gerade abends stark ausgeprägt war.

Ich sah mich schon im Knast. Spätestens, wenn man das ganze Geld bei mir findet. Zum Glück hatte ich das vorher überwiesen. Als hätte ich sowas geahnt. Ob mich das noch retten würde? Ein Handy klingelte. Einer der Beamten ging dran. „Also stimmt das doch? Dann haben wir die Personalien und machen hier erstmal nichts weiter? Okay.“ – So schnell, wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder weg. Ohne von dem Geld erfahren zu haben. „Der Herr … hat gerade meinen Kollegen gesagt, dass er Sie beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Und der Bettnachbar hat es auch bestätigt. Es tut mir leid, die Fakten sprachen erstmal gegen Sie. Und wir erleben täglich das Gegenteil. Aber es hat sich zum Glück ja schnell geklärt. Auf Wiedersehen!“

Die Tür war gerade zu, da fährt mich meine Bekannte an: „Bist du noch ganz klar? In welche Situation bringst du mich hier? Ich könnte dir gerade echt ein paar knallen.“ – „Nun beruhige dich doch mal. Woher sollte ich wissen, dass so ein bescheuerter Nachbar gleich die Bullen ruft?“ – „Eine Schnapsidee war das.“ – „Sollen wir den Nachbarn mal zur Rede stellen? Der hätte doch einfach nur mal klingeln brauchen.“ – „Nee. Am Ende ruft der nochmal die Bullen, wenn wir da klingeln. Wir hätten ja auch eine Waffe haben können, warum sollte er klingeln?“

Am nächsten Morgen erzähle ich die Story meiner Chefin. „Ich habe dir davon abgeraten. Gerade wenn Geld im Spiel ist. Dann behauptet er später, da lag noch ein zweiter Umschlag und jetzt ist der auch weg. Nicht einbinden lassen. Du willst dem helfen, das ist auch absolut süß. Aber du begibst dich dabei unnötig in Gefahr.“

Ja, vielleicht bin ich zu naiv. Ich besuchte meinen Nachbarn. Im Zimmer stank es, obwohl zwei Fenster offen waren. Er saß auf der Bettkante, redete wirr. Ich sprach die Schwester an. „Ich kenne ihn nur so.“ – „Gestern abend war er doch noch klar.“ – „Ich kenne ihn nur so.“ – Danke für das Gespräch. Der Assistenzarzt sagte, das Delir sei stärker geworden. Er habe heute morgen auf seinem Bett gesessen und alles mit Kot beschmiert. Das ganze Laken war auch voller Blut. Wir wollen sehen, dass wir noch eine Darmspiegelung machen, um zu schauen, wo das ganze Blut herkommt.

Von dem Geschwür im Zwölffingerdarm konnte das Blut nicht kommen. Auch wenn es dort blutete, das vermischt sich ja mit dem Nahrungsbrei. Da musste noch etwas im Dickdarm sein. Gegen Mittag wurde er wieder klar. Der Assistenzarzt rief mich an. Ich sprach kurz mit meinem Nachbarn. Sagte ihm, dass wir das Geld sichergestellt hätten. „Da waren gestern Agenten an meinem Bett, die wollten wissen, ob sie in meiner Wohnung schlafen können.“ – Es hatte keinen Sinn.

Ich war auch bei der Dickdarmspiegelung dabei. Schon auf den ersten dreißig Zentimetern war ein großer blutender Tumor. So, wie der aussah, konnte er nicht gutartig sein. Aber man lässt ja trotzdem das Gewebe untersuchen. „Wir spiegeln nicht mehr weiter, wir müssen entscheiden, ob wir operieren wollen. Das kommt aber nicht mehr auf einen Tag an. Und er sollte zustimmen. Oder es muss ein Betreuer bestellt werden. Wir werden das jetzt über den Sozialen Dienst anregen.“

In den nächsten Tagen wurde er gar nicht mehr klar. Fünf Tage später gab es plötzlich Probleme mit dem Blutdruck. Er bekam Kreislauf stabilisierende Medikamente. Man suchte einen Platz auf der Intensivstation für ihn. Man müsste ihn dafür in ein anderes Krankenhaus verlegen. Kurz bevor die Verlegung losgehen sollte, hörte sein Herz auf zu schlagen.

Irgendwie hat mich das alles sehr aufgewühlt. Ich lag über Stunden nachts wach und habe über alles mögliche nachgedacht. Ob ich nochmal jemandem so helfen werde. Vermutlich nicht. Zumindest nicht, wenn er auch Patient ist. Traurig war ich nicht. Eher froh, dass ihm das, was jetzt vielleicht noch alles gekommen wäre, erspart blieb.

Renate und Chantal

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Ich habe wirklich sehr lange hin und her überlegt. Eigentlich kann man im Praktischen Jahr, in dem ich gerade stecke, nicht einfach fehlen. Man darf insgesamt 30 Tage (egal, aus welchen Gründen) abwesend sein. Blöd wäre natürlich, wenn ich bis zum April (dann ist das dritte Drittel vorbei) noch krank werde und deshalb längere Zeit flach liege. Allerdings muss ich bis Weihnachten insgesamt 10 freie Tage genommen haben, sonst verfallen sie.

In der letzten Woche hätte ich an drei Tagen arbeiten sollen – und habe mir diese drei Tage frei geben lassen. Um etwas für meinen Körper zu tun, was mir schon lange fehlte. Ich bin am Freitagabend in ein Trainingslager gefahren. Für eine Woche. Ein offener Workshop im Schwimmen, in Deutschland, mit völlig fremden Menschen. Eigentlich nicht für Menschen mit Behinderung konzipiert, aber eine Bekannte aus der Uni, mit der ich hin und wieder zusammen schwimme, hatte sich dort angemeldet und meinte, der Kurs würde nicht stattfinden, weil eine Anmeldung fehle. Die Mindest-Teilnehmerzahl von 25 sei um eine Person unterschritten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren alle aus einem Umkreis von 400 Kilometern angereist und im Alter zwischen 14 und 50 Jahren. Ich war allerdings die einzige Teilnehmerin mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Und meine Bekannte aus der Uni hat im letzten Moment wegen einer Erkältung abgesagt, so dass ich als einzige Teilnehmerin niemanden vorher kannte.

Die Unterbringung war in einer Art Jugendherberge – in Sechserzimmern. Noch bevor die Zimmerverteilung geklärt werden konnte, fragte mich eine ältere Teilnehmerin, Renate, ob ich denn als Rollstuhlfahrerin überhaupt schwimmen könnte. Als ich das bejahte, legte sie den Kopf schief und meinte, ich würde mich doch selbst in Gefahr bringen oder mindestens den Betrieb aufhalten. „Behinderte sind doch irgendwie Scheiße. Ich hoffe, du schwimmst nicht in meiner Bahn.“

Danke fürs Gespräch. Klasse, wenn Menschen quasi zur Begrüßung gleich solche Dinge raushauen. Inzwischen bin ich ja abgebrühter als noch vor Jahren. Früher war ich nicht so schlagfertig, wollte keinen Streit. Heute habe ich geantwortet: „Ja, das hoffe ich auch.“ – Sie wollte wissen, was das heißen sollte. Ich ignorierte sie erstmal demonstrativ. Der Rest der Leute war ganz okay. Und die vorurteilsbehaftete Renate bekam ein Einzelzimmer. Auf eigene Kosten, nachdem sie „den Schweiß junger Mädchen“ nicht riechen wollte.

In meinem Zimmer schlief eine junge Frau namens Chantal. Ich weiß, dass sich nicht vom Namen auf den Charakter schließen lässt. Ich weiß als Blondine auch, dass die Wörter „blond“ und „blöd“ manchmal nur zufällig mit denselben Buchstaben beginnen. Fällt jemandem eine Erklärung ein, warum Chantal sich noch vor dem Betten beziehen darüber aufregt, dass es weder einen Fernseher auf dem Zimmer gibt noch der Handyempfang ausreicht, um „Jung, pleite, verzweifelt“ streamen zu können? „Das ist voll krass, ich seh mich da ganz oft selba wieda“, lässt Chantal ihre Umwelt wissen. Nachdem sie von mir wissen wollte, ob meine Behinderung nur die Beine betrifft, fragte sie in die Runde: „Welche Furzregel gibt es eigentlich im Zimmer? Ich bin für ‚Licht aus, alles raus‘, wenn ihr wisst, was ich meine. Das heißt, dass man im Bett einen rausballern darf, ohne dass man sich schlafend stellen muss.“

Eine andere Teilnehmerin, die mit dem Rücken zu Chantal stand und mich anschaute, verdrehte die Augen und fasste sich mit der Hand an die Stirn. Wir hatten wohl im selben Moment den selben Gedanken. Machte es Sinn, mit Chantal über im Schlaf abgehende Darmwinde zu diskutieren? Nein. Ich habe gelernt, es sollen vier bis zehn sein pro Nacht, mit viel Luft nach oben bei Menschen, die ihren Nahrungsbrei schlecht verdauen. Es wäre also unsinnig zu behaupten, dass irgendeine der sechs Personen nachts im Schlaf nicht pupst. Aber wenn das schon verhandelt wird, bietet sich ja auch eine Chance, mein nächtliches Frischluftbedürfnis durchzusetzen: „Ich wäre dafür, dass hier gar nicht gefurzt wird. Aber ich würde mich kompromissweise auch auf deinen Wunsch einlassen, wenn wir dafür das Fenster nachts gekippt lassen können.“ – Eins zu Null für mich.

Im Wasser war ich natürlich die Attraktion. Dass der Rollstuhl nicht mit ins Wasser kommt, war entweder allen klar oder es hat sich niemand zu fragen getraut; aber dass jemand ohne Beineinsatz 50 Meter in 50 Sekunden krault, hat einige schon fasziniert. Renate konnte es nicht zugeben, sondern musste weitere Gehässigkeiten rauslassen. Auch die Frage, ob ich Sex haben kann, fand ich zumindest in der Schwimmhalle unangemessen. Geschockt hat sie mich aber nicht.

Licht ins Dunkel kam für mich, als sie morgens beim gemeinsamen Frühstück erstmal ihre ganzen Pillen auspackte. Ganz ehrlich: Wenn ich Psychopharmaka einnehmen würde, dann würde ich mir eine Medikamentenbox holen und die Tabletten irgendwo im Off aus dem Blister in die Box umfüllen. Einfach, um Nachfragen jener Renates und Chantals zu vermeiden, die schon Menschen mit körperlicher Behinderung als potenziell durchgeknallt ansehen. Renate nahm alleine zum Frühstück vor allen Leuten demonstrativ 30 mg Aripripazol, 300 mg Venlafaxin und 2,5 mg Lorazepam ein – vermutlich litt sie also unter einer bipolaren affektiven Störung und unter starken Ängsten. Das rechtfertigte zwar nicht, so gehässig und distanzlos zu mir zu sein, aber vermutlich ließ es sich damit erklären. Ich habe mir nicht anmerken lassen, dass ich wusste, was sie da nimmt. Und vor allem: In welchen Mengen. Ich würde bei einer solchen Einnahme allenfalls noch als Zombie durch die Gegend rollen. Renate aber fuhr noch Auto.

Und sang. Nachts auf dem Innenhof. Laut. „Wenn ich zum Markt geh, dann kauf ich dir ein Hähnchen, und das soll dich jeden Morgen wecken.“ – Wirklich wahr. Es folgten Gespräche zwischen der Trainerin und Renate. Am vierten Tag saß sie heulend beim Frühstück, meinte, die Trainerin sei Schuld, dass sie sich nun eine „Angstdosis“ reinziehen müsste. 10 mg Zopiclon, einen Flachmann auf Ex und ab ins Bett. Als sie wieder aufwachte, haben die Trainer sie nach Hause geschickt. Ich hatte ja schon Bedenken, ob sie überhaupt wieder aufwachen würde, aber ich glaube, ich bin da noch zu unerfahren.

Und Chantal? Pupste nachts zwar munter, konnte ihr Niveau aber noch steigern. „Weißt du, was ich hasse? Wenn die ganzen Pupsblasen sich im Badeanzug verfangen.“

Ansonsten war es eine schöne Woche. Die vielen anderen Menschen waren interessant bis wundervoll. Oft auch interessiert. „Darf ich mal sehen, wie du Auto fährst?“, war die häufigste Frage. So hatte ich immer zwei bis vier Leute, die mit mir mal kurz zum Einkaufen fuhren, denn nur von der Kantinenkost konnte niemand überleben. Es gab viel zu wenig zu trinken, und damit meine ich keine Alkoholika, die ich sowieso nicht trinke. Socke musste also regelmäßig Einkaufslisten anfertigen und für alle möglichen Leute Gummitiere, Schoki und Energydrinks holen. Ich will ja nicht behaupten, dass ich nie Süßkram esse, aber was einige Leute sich so täglich ins System schütten – pfui. Aber mit eigenem Auto (als einzige neben der abgereisten Renate) war ich natürlich eine feste Größe im Team.

Ich weiß jetzt jedenfalls, warum ich gerade noch ein wenig schneller geworden bin und freue mich, dass ich das gemacht habe. Auch, wenn das mit einer Woche Funkstille in meinem Blog einher ging. Und wenn ich es so schnell nicht noch einmal brauche.

Jung und alt

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Das aktuelle Drittel meines Praktischen Jahrs verbringe ich in der Chirurgie. Und gerade in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses. Chirurgische und internistische Notaufnahmen sind dort getrennt, wenngleich sie im selben Gebäude, nur in unterschiedlichen Abschnitten liegen. Plötzlich kommt ein Anruf: Könnt ihr mal bitte eure Rollstuhlfahrerin rüberschicken? Ein zwölfjähriges Mädchen, Cerebralparese, geistig etwa auf dem Stand einer Sieben- bis Achtjährigen, klagte in der Schule plötzlich über Bauchweh und hat gespuckt. Schreit jetzt wie am Spieß und lässt nichts mit sich machen. Die Mama ist unterwegs, braucht aber noch mindestens eine Dreiviertelstunde.

Ist ja nicht das erste Mal und nicht die erste Geschichte dieser Art. Socke rollt hinüber, orientiert sich am Lärm. Und der ist ohrenbetäubend. Meine Güte, kann das Mädchen kreischen. Vielleicht sollte ich ihr auf die Schnelle noch ein T-Shirt drucken lassen: „Ich bin dein kleiner Tinnitus.“

Pinker Rollstuhl, pinke Jeans, pinkes Top, lange, geflochtene blonde Haare, süßes Gesicht, vielleicht 140 Zentimeter groß und geschätzt 28 bis 30 Kilogramm schwer. Sieht überhaupt nicht krank aus. Guckt mich mit großen, strahlend blauen Augen an. Und sagt schlagartig keinen Pieps mehr. „Na, wer bist du denn?“, frage ich sie. Sie guckt mich weiterhin mit großen Augen an. „Oder hast du keinen Namen?“ – Ich drehe mich zu der anwesenden Ärztin. „Schreib mal auf: Süßes Mädchen ohne Namen.“ – „Ich heiße Emma und ich bin nicht süß. Nun spinn mal nicht rum! Jeder Mensch hat einen Namen!“ – „Okay, dann schreib auf: Emma. Und wieso krähst du hier so laut? Das hört man ja einmal quer durch das ganze Gebäude!“

„Ich will keine Spritze!“ – „Wer will dir Spritzen geben?“ – „Weiß ich nicht. Warum sitzt du im Rollstuhl?“ – „Weil ich nicht laufen kann. Und warum sitzt du im Rollstuhl?“ – „Ich kann laufen! Willst du sehen?“ – „Ja.“ – „Guck! So.“

Emma lief wie ein Pinguin einmal quer von der einen Wand zur nächsten. Dann sagte sie: „Und jetzt will ich zu Mama.“ – „Mama kommt gleich. Sie fährt jetzt mit dem Auto hierher und holt dich ab. Aber das dauert noch einen kleinen Moment. So lange müssen wir noch warten. Aber das kriegen wir zusammen hin, oder? Wie alt bist du denn schon? Elf?“ – „Nein, zwölf. Guck mal: Zehn Finger und nochmal zwei dazu.“ – „Hast du nur zehn Finger?“ – Sie guckte auf ihre Hände und begann zu zählen. Oh nein, die war wirklich süß. Keine Widerrede. Sie sagte: „Ich hab nur zehn. Aber du hast doch auch nur zehn.“ – „Echt?“ – Ich zählte: „Zehn neun acht sieben sechs – und fünf sind elf. Huch?“ – „What?!“ – „Elf. Nochmal. Zehn, neun, acht, sieben, sechs – und fünf sind elf. Komisch.“

Ich nahm mir den Schallkopf vom Sonografiegerät, machte Glibber drauf, hob mein Hemd hoch und schmierte mir damit auf dem Bauch herum. „Huch, ist das kalt.“ – „Was machst du da?“ – „Ich gucke gerade, ob man mein Frühstück noch sehen kann. Das ist nämlich ein Zauberstab, mit dem man sein Essen nochmal im Fernsehen sehen kann. Guck mal, da auf dem Fernseher. Siehst du?“ – Sie nickte, obwohl da natürlich für sie nicht wirklich etwas zu erkennen war. „Huch, da ist ja mein Toastbrot von heute morgen. Und eine Kartoffel vom Mittagsessen. Erkennst du sie?“ – Sie lachte. Ich machte weiter. „Das sind die Nudeln von gestern abend.“ – Nur nicht mein Herz schallen, ich glaube, das würde sie wohl erschrecken.

„Geht das bei mir auch?“ – „Ich weiß nicht. Wollen wir das mal ausprobieren?“ – Sie nickte eifrig. „Leg dich mal da hin, dann sieht man alles besser.“ – Die anwesende Kollegin schüttelte ungläubig ihren Kopf. Emma fuhr fort: „Warte … so. Und du musst raten, was ich gegessen habe.“ – „Okay, ich rate … Pommes frites. Nee. Moment. Sind das Fische?“ – Sie lachte: „Irgendwo müssen noch zwei Bonbons sein.“ – „Moment, die finden wir auch noch.“

Ja, ich möchte später mal in die Pädiatrie. Denke ich mir so, als die Mutter Emma abgeholt hatte. Vielleicht muss man wegen einmal spucken nicht gleich einen Rettungswagen rufen. Es war nämlich nichts los. Vermutlich hat sie sich einfach nur aufgeregt. Es gab nämlich eine neue Schulbegleitung bzw. Schulassistenz für Emma, und mit der hatte sie sich gleich gestritten.

Emma ist weg, ich will gerade wieder zurück in die Chirurgie, da wird in einem der im Eingang stehenden Rollstühle ein alter Mann hereingeschoben. Bläuliche Lippen, kalter Schweiß, aufgeregt. „Kann sich bitte mal jemand um meinen Urgroßvater kümmern? Der bekommt keine Luft“, sagt ein junger Mann, vielleicht 20 Jahre alt. Den alten Mann, dessen Gesicht voller Altersflecken ist, dessen Ohren riesengroß sind, schätze ich auf deutlich über neunzig Jahre. Von seinem akuten Problem abgesehen, sieht er eigentlich noch recht fit aus. Gut gekleidet. Er spricht auf Plattdeutsch (was für die Gegend, in der ich mein Praktisches Jahr mache, eher ungewöhnlich ist) sowas wie: „Dass ich das alles noch erleben muss!“

Es juckt mir in den Fingern. Nach dem äußerst gut gelaufenen Einsatz bei Emma bin ich nahezu euphorisiert. Ich gucke die approbierte Kollegin an: „Darf ich?“ – „Den alten Herrn?“ – Ich nicke. Sie sagt: „Ja, mach, ich komme mit.“

Die Schwester lässt er nicht an sich heran. Als hätte ich es geahnt. Er kann vor Luftnot kaum reden, aber sagt, wieder auf Plattdeutsch: „Lass mich in Ruhe! Ich will das alles nicht mehr.“ – Die Schwester versteht ihn nicht. „Sie müssen deutsch mit mir reden, sonst verstehe ich nicht, was Sie wollen.“ – „Scher dich zum Teufel“, japst er, wieder auf Plattdeutsch. Und dann auf Hochdeutsch: „Weißt du, was das heißt? Leck mich am Ar***.“

Ob mein Plattdeutsch, das ich von meiner Oma und für zwei Weihnachtsgedichte in der Grundschule gelernt habe, ausreichen wird? Um ihn zu verstehen, allemal. Aber sprechen? Eigentlich kann ich es nicht. Aber es geht besser als ich denke. „Na, mein Junge? Warum bist du so missmutig?“, spreche ich ihn auf Plattdeutsch an. Plötzlich guckt er mich mit großen Augen an, greift nach meiner Hand. „Mein Mädchen! Es ist doch alles schei*e. Ich will nicht mehr. Ich kriege keine Luft, ich quäle mich, und meine Zeit ist abgelaufen. Ich bin neunundneunzig. Ich mag nicht mehr.“ – „Du kriegst keine Luft, sagst du. Nimmst du Medizin dagegen?“ – „Ach was. Ich geh nie zum Arzt. Ich hab nie einen Arzt gebraucht. Alles, was von alleine gekommen ist, ist auch von alleine wieder gegangen. Aber mein Urenkel fährt mich ins Krankenhaus. Er meint es gut.“

„Pass auf, mein Junge. Du stirbst nicht, sondern du quälst dich hier jetzt die nächsten Stunden, wenn wir nichts machen. Es war schon richtig von deinem Urenkel, dass er dich hierher gebracht hat. Darf ich wenigstens mal auf deine Lunge horchen, was da los ist?“ – „Nee.“ – „Ich will dir helfen.“ – „Alle wollen mir helfen. Aber ich will nicht mehr.“ – „Ein Jahr vor Hundert gibst du auf? Das ist doch nicht dein Ernst. Dir gehts jetzt dreckig, das seh ich, aber gib mir doch wenigstens eine Chance.“ – „Was willst du tun?“ – „Einmal deine Lunge abhorchen. Und ein EKG machen. Mehr nicht.“ – Er zog seinen Pullover und sein Hemd aus. Mit meiner Hilfe. „Tu, was du nicht lassen kannst.“ – „Du musst mithelfen. Komm, mal richtig ausatmen. Feste. Willst du selbst mal hören, was bei dir da los ist? Das pfeift wie ein Orkan bei dir da drinnen. Hast du mal mit Asthma zu tun gehabt?“

„Nein, so einen neumodischen Kram gab es bei uns nicht.“ – „Mal geraucht?“ – „Im Krieg haben wir alle geraucht. Danach nicht mehr. Für Zigaretten gab es kein Geld.“ Die approbierte Kollegin kommt mit ihrem Stethoskop dazu. Der alte Mann sagt fast schon böse: „Du nicht. Sie hat gefragt. Sie hat Anstand.“ – „Du bist aber auch ein harter Brocken. Meinst du nicht, vier Ohren hören besser als zwei? Ich lerne nämlich noch. Von ihr.“ – Am Ende ließ er meine Kollegin doch ran. Dann sagte ich: „Du kriegst jetzt ne Nadel von mir gelegt. In die Vene. Und dann kriegst du einen Tropf. Und dann ist der Spuk gleich vorbei.“ – „Ich hab doch gesagt, ich will nicht mehr.“ – „Du kriegst von mir was, damit du gleich wieder richtig Luft bekommst. Du fühlst dich in zehn Minuten wieder wie neu geboren. Gib mir eine Chance.“ – „Das wäre jetzt schon die zweite Chance. Du lässt ja sowieso nicht locker.“

Theophyllin wirkt sehr schnell. Nach fünf Minuten war er ganz ruhig, fast schon flauschig. Seine Gesichtsfarbe kehrte zurück. „Na, mein Junge, hab ich dir zu viel versprochen?“ – „Darf ich dich mal drücken, mein Mädchen? Was hast du mit dem alten Mann gemacht?“ – „Ich hab dir was gegen dein Asthma gegeben. Und das kannst du auch mit nach Hause kriegen. Und dein Hausarzt verschreibt dir das auch. Und dann gehst du nächste Woche wieder tanzen. Was hältst du davon?“ – „Du bist aber ne Charmante. Darf ich fragen, wie das passiert ist, mit dem Rollstuhl?“ – „Ich bin angefahren worden. Auf dem Weg zur Schule.“ – „Das tut mir sehr leid.“, sagte er und bekam feuchte Augen.

„Darf ich dir einen Vorschlag machen?“ – „Ja.“ – „Wir nehmen dich hier auf, du kriegst ein Einzelzimmer, damit du dir in deinem Alter hier bei uns nichts mehr einfängst, und dann gibst du uns drei Tage. Wir finden raus, woher das Asthma kommt und welches Zaubermittel du brauchst, damit du keine Beschwerden hast. Zu viel von dem Zeug hier ist nämlich auch nicht gut, dann wird dir übel.“ – „Woher kann das kommen?“ – „Hast du ne Katze zu Hause? Oder vielleicht reagiert deine Lunge auf bestimmte Blumen. Oder auf Anstrengung. Das kann man aber deutlich verbessern. Hast du ja heute gesehen. Drei Tage brauchen wir, dann bist du wieder zu Hause.“ – „Jo. Mok wi.“ – „Und einen Herzinfarkt hattest du nicht. Dein Herz ist putzmunter. Sagt das EKG.“ – Er nahm noch einmal meine Hand und drückte sie. Ich sagte: „Und zum Hundertsten sagst du Bescheid, dann komm ich vorbei mit einem Geburtstagskuchen.“ – Jetzt lachte er.

Manche Menschen machen sich das Leben unnötig schwer. Ich verstehe ja, dass man sich nicht quälen will. Und nicht ins Krankenhaus will. Und nicht an Apparate angeschlossen vor sich hin vegetieren möchte. Würde ich auch nicht wollen. Aber das hier war kein Hexenwerk. Theophyllin ist natürlich nicht das Mittel der Wahl für die Dauerbehandlung. Und es behandelt auch keine Entzündung, die typischerweise vorliegen wird. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass er das mit den üblichen Medikamenten und den üblichen Applikationsformen in den Griff bekommen wird. Besser als völlig unbehandelt wird es in jedem Fall werden.

Am Wochenende war ich endlich mal wieder in Hamburg. Marie besuchen. Kaum bin ich dort, regelt ein Mann ohne Hemd bei 12 Grad Außentemperatur auf einer viel befahrenen Kreuzung den Verkehr. Typisch Großstadt. Ich weiß, was ich vermisst habe. Und kaum habe ich den hinter mir gelassen, fahre ich fast eine alte Frau mit Rollator um, die in dunkler Kleidung auf einer sechsspurigen Straße wandert. Natürlich ohne Beleuchtung. Ich dachte mir: Bleib mal dahinter, bevor sie noch überfahren wird. Und schalte mal deine Dashcam ein…