Antibiotika nix gut

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Die ersten Festtage haben wir alle gut überstanden. Ich musste am 1. Weihnachtstag arbeiten und hatte entgegen meiner Erwartungen eine eher ruhige Schicht. Ich musste mich zusammen mit einer rund 60 Jahre alten Kinderärztin, die nur aushilfsweise eingesetzt war und normalerweise in einer Behörde arbeitet, um vier periphere Kinder- und Jugendstationen kümmern sowie um alle ambulanten Patienten unter 18 Jahren, die keiner sofortigen Notfallbehandlung bedürfen.

Als einziges kleines Drama kam gleich am frühesten Morgen ein 2 Jahre altes Kind auf dem Arm des Vaters zur Station. Der Vater verstand nur einzelne Worte, die Mutter auch nicht viel mehr. Zum Glück sind sie nicht erst durch das ganze Gebäude gelaufen, sondern haben sich sofort am Empfangstisch gemeldet und die examinierte Pflegekraft hat sie gleich umgeleitet: „Kannst du dir das Kleinkind mal bitte ansehen? Das könnte ansteckend sein, daher hab ich die Familie gleich isoliert.“

„Mach ich“, sagte ich. Meine Aushilfskollegin sagte: „Ich will mal gucken, wie das im Rollstuhl so klappt. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wenn es dich nicht stört.“ – „Nö, kein Problem.“

Als ich die Tür öffnete und das glühende und eher teilnahmslose Kind auf dem Arm des Vaters sah, fiel mir sofort das sogenannte Milchbärtchen auf. So nennt man ein typisches Symptom, bei dem der Bereich um den Mund von einem (ebenfalls typischen) Hautausschlag ausgespart bleibt. Auch die Kollegin erkannte das von weitem und sagte gleich: „Oha, du hast Kinder zu Hause, oder? Soll ich das übernehmen?“ – „Nein, ist okay.“ – „Zieh dir einen Mundschutz an.“ – „Ja.“ – So fürsorglich ist es ja selten an meinem Arbeitsplatz.

Die Symptome waren so eindeutig, dass man sich fast schon die weiter eingehende Diagnostik sparen könnte, um den sich unmittelbar aufdrängenden Verdacht auf Scharlach zu bestätigen. Die Mutter gab an, bereits vor fünf Tagen bei einer Krankenschwester gewesen zu sein, die Kamillentee gegen die Entzündung im Hals und Wadenwickel gegen das Fieber empfohlen hätte. Wenn ich das richtig verstanden habe. Der Hals war ein einziger Eiterherd, das Kind musste unheimliche Schmerzen haben. Der Puls lag bei 150 Schlägen pro Minute. Abstrich ließ es problemlos mit sich machen. „Ich würde auch einmal Blut abnehmen“, sagte ich. Beim Schnelltest bestätigte sich dann das, was ich eigentlich ausschließen wollte: Eine akute Sepsis. Vermutlich ist der Eiterherd im Hals bereits in der Blutbahn angekommen.

Die Mutter sagte: „Antibiotika? Oder nix Antibiotika?“ – Ich sagte: „Antibiotikum auf jeden Fall, ja.“ – „Antibiotika nix gut, Gift für Kind.“ – Die Kollegin konnte nicht mehr an sich halten: „Antibiotika sofort.“ – „Kind nix Antibiotika.“ – „Kind ist morgen mausetot ohne Antibiotika.“ – Die Mutter guckte mich mit großen Augen an. Ich holte unsere Übersetzungsfolien aus der Schublade. Ihre Sprache war mit drauf, nur leider konnte sie nicht lesen. Aber der Vater ein wenig, als er seine Brille aus der Tasche geholt hatte. Ich nahm mir einen Fasermaler und kreiste Blutvergiftung, Scharlach, Intensivstation und Antibiotikum ein. Er redete mit seiner Frau. Sie kam in Fahrt: „Kind doll krank?“ – Ich antwortete: „Kind ganz doll krank! Kind braucht Hilfe. Okay?“ – „Kind muss sterben?“ – „Nein. Doktor hilft Kind. Kind bleibt hier. Okay?“ – „Doktor bitte Hilfe. Kind nix Antibiotika.“ – Die Kollegin holte schon tief Luft, als die Mutter einen Allergiepass aus ihrer Jackentasche fischte. Allergie gegen Penicillin. Das wollte sie also mitteilen. Sie war also nicht grundsätzlich gegen Antibiose, sondern wollte verhindert wissen, dass ihr Kind Penicillin bekommt. Ich sagte: „Penicillin. No. Nix Penicillin.“ – Die Mutter nickte aufgeregt. „Nix Penicillin gut. Bitte Doktor Hilfe.“ – Jetzt fing sie auch noch zu weinen an.

Ja, ich bin auch dafür, Antibiotika sehr sparsam, gut überlegt und korrekt einzusetzen. Aber sorry, wenn ich die radikalen Positionen einiger Eltern, die Antibiotika, Impfstoff und Bluttransfusionen generell und konsequent ablehnen, nicht nachvollziehen und nicht teilen kann. Zum Glück hat sich dieses „Missverständnis“ sehr schnell aufgeklärt. Es wäre ansonsten ein Fall gewesen, bei dem wir über das Jugendamt eine gerichtliche Anordnung zur Behandlung eingeholt hätten. Denn das war schon lebensgefährlich.

Auf dem Rückweg nach Hause stand eine relativ neue A-Klasse mitten auf der Straße. Mit Warnblinklicht. Ein Rad stand auf der Gegenfahrbahn, wie nach einem Ausweich-Manöver. Der Fahrer hatte eine Warnweste angezogen und kam mir mit dem Warndreieck entgegen. Na super. Jemanden angefahren? Mein neuer Notfall-Rucksack liegt noch zu Hause. Ich hielt an. „Brauchen Sie Hilfe?“ – „Nein, die Polizei ist schon unterwegs. Die Ricke ist tot.“ – „Sie sind nicht verletzt?“ – „Nein, mir geht es gut. Naja, ‚gut‘ ist übertrieben, aber es ist alles in Ordnung. Vielen Dank.“ – Vor dem Auto lag ein totes Reh, relativ jung. Am Auto hing das Kennzeichen senkrecht herunter. Blechschaden war nicht sichtbar. Airbags waren auch zu. Mehr war im Vorbeifahren nicht zu erkennen. Ich entschied mich, weiterzufahren.

Am 2. Weihnachtstag waren wir bei Maries Eltern. Es gab kein Flattervieh zu essen, sondern einen Kartoffel-Auflauf mit ganz vielen unterschiedlichen Gemüsesorten. Super lecker. Am Nachmittag waren Marie und ich mit Helena in der Sauna und im Pool, während Maries Eltern bei Freunden zum Weihnachtsbesuch waren. Helena entwickelt sich definitiv zum Wassertier.

Bis jetzt haben wir die Anschaffung eines Smartphones für Helena noch nicht bereut. Sie legt es tatsächlich von sich aus nach einiger Zeit weg. Zwei Nächte lag es in der Küche, so dass ich davon ausgehe, dass sie es nachts nach unserem Einschlaf-Ritual nicht noch einmal in die Hand nimmt. Aber das Ding ist schon eine gewisse Größe im Alltag. Wir beobachten es im Moment noch ohne Sorge.

Als ich heute von der Arbeit nach Hause kam, war Marie kurz zum Silvestereinkauf los. Helena und ihre beste Freundin waren alleine zu Haus. Als ich aus dem Auto stieg, hörte ich schon laute Musik. Und als ich die Tür aufmachte, tanzten im Wohnzimmer zwei Mädels gackernd zur aufgerissenen Anlage. Gerade war Morandi mit seiner Kalinka fertig, nun sang Willy William ihnen was vor, sofern man das „singen“ nennen kann. In diesem Sinne: „La lalalala la la la!!!“

Weihnachten 2018

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Ist es schlimm, wenn ich nicht geputzt habe? Ich finde, es ist immer sauber bei uns. Einmal pro Woche kommt zu uns eine junge Frau, die feucht durchwischt. Einmal im Quartal werden die Fenster geputzt. Ansonsten gurkt, wenn sonst niemand zu Hause ist, ein Saugroboter durch die Räume. Naja, groben Dreck mache ich dann schonmal sofort weg, nasse Hündinnen werden vor der Tür abgetrocknet und ein feuchter Lappen mit etwas Scheuermilch durchquert hin und wieder auch mal das Waschbecken. Aber wenn ich sehe, dass unsere Nachbarn seit Tagen mit nichts anderem mehr beschäftigt sind als mit Hausputz, finde ich Maries Bemerkung sehr passend: „Sag mal, kommt da das Christkind oder das Gesundheitsamt?“

Und dann diese ganzen Last-Minute-Einkäufer. Marie kam von ihrer Runde mit dem Hund zurück und erzählte, dass der Supermarktparkplatz bis auf den letzten Platz belegt und kein Einkaufswagen mehr zu bekommen sei. Wir haben schon am letzten Dienstag alles eingekauft. Was bin ich froh, dass ich mir das heute nicht mehr antun musste!

Um die Mittagszeit kamen Maries Eltern angereist. Die Türklingel holte Maries Hündin aus dem Tiefschlaf, sie überschlug sich fast auf dem Weg zur Tür. Als sie merkte, wer davor stand, gab es gar kein Halten mehr. Der Schwanz drehte sich im Kreis, es wurde gequiekt und gefiept als wenn man sich Jahrzehnte nicht gesehen hat. Helena fiel den beiden gleich auch erstmal um den Hals, zum Glück ohne Quieken und Fiepen.

Wir hatten gemeinsam verabredet, einen Familien-Gottesdienst zu besuchen. Um 15 Uhr sollte das losgehen. Wenn wir schon feiern, dann muss zumindest nochmal jemand genau erzählen, was wir da feiern. Und Helena musste davon überzeugt werden, dass wir nicht mit dem Auto dorthin fahren. „Die Kirche liegt in Sichtweite deiner Schule. Für das kurze Stück mach ich das Auto nicht an.“ – „Bis zur Schule ist schon hammerhart. Ich schaff das nicht.“ – „Du hast doch jetzt neue Orthesen, damit geht es bestimmt besser. Versuche es bitte wenigstens.“ – „Jule, die Orthesen geben mir mehr Stabilität, aber nicht mehr Ausdauer.“ – „Maries Mama kann dich einhaken, wir gehen langsam und notfalls nehme ich dich die letzten 100 Meter auf den Schoß, okay? Aber da ist kein Parkplatz, und wenn wir vom Auto einen Kilometer laufen müssen, haben wir nichts gewonnen.“ – „Schon gut. Aber wehe, ich pack mich mit meinem Brezel-Outfit in den Dreck.“

Wir hatten eine Dreiviertelstunde für den Weg eingeplant. Und die brauchten wir am Ende auch. Die letzten 200 Meter habe ich sie auf den Schoß genommen. Ich schätze, das wird auch durch intensives Training nicht besser. Allerdings geht sie mit Orthesen wesentlich stabiler als ohne. Bleibt zu hoffen, dass der bewilligte Rollstuhl bald kommt, damit sie längere Strecken auch vernünftig zurücklegen kann. In der Kirche waren drei Plätze für Rollstühle vorgesehen, auf denen standen aber schon sechs Großmütter und ein junger Mann. „Können Sie eventuell einen späteren Gottesdienst besuchen? Wir haben beim besten Willen keine zwei Rollstuhlplätze mehr frei.“ – „Dürfen wir uns auf eine normale Bank umsetzen und jemand bringt die leeren Rollstühle in den Vorraum?“ – „Wenn Sie das können, selbstverständlich.“

Marie und ich nahmen unsere Sitzkissen aus dem Stuhl mit. Eine Stunde oder länger auf einer harten Holzbank zu sitzen, könnte böse Druckstellen geben. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, der Jugendchor sang, der Pastor machte es sehr gut und kinderfreundlich. Wobei ich noch immer nicht verstehen kann, warum eine Mutter, deren Kind zuerst laut weint und dann aber aus voller Kehle kreischt und sich nicht mehr beruhigen lässt, nicht mal einen Augenblick vor die Tür gehen kann. Sicherlich, der Pastor selbst wird niemanden ausschließen, aber es war eine ziemliche Zumutung. Man hat teilweise über eine Viertelstunde lang nichts mehr verstanden, bevor der Unmut der daneben sitzenden Leute so groß wurde, dass die Mutter dann doch mit ihrem Kind rausging. Und übrigens nicht wieder reinkam.

Wie gesagt, es war sehr kinderfreundlich. Nur einzelne Bibel-Zitate, vieles gut erklärt, und dann kam das Vaterunser. „Dazu erhebt sich die Gemeinde bitte von ihren Plätzen.“ – Warum? Aus Respekt vor Gott. Immer, wenn man Gott anspricht, stellt man sich hin. So habe ich es im Konfirmanden-Unterricht gelernt und mein damaliger Pastor sagte: „Oft sehen wir ganz alte, gebrechliche Menschen, die sich ganz mühsam hinstellen. Bei denen man Angst haben muss, dass sie noch umfallen. Wenn man nicht stehen kann, kann man Respekt auch ausdrücken, indem man Kopf und Blick senkt.“ – Daran erinnere ich mich jedes Mal, wenn um mich herum hunderte Menschen aufstehen und ich sitzen bleiben muss. Bevor ich Luft holen konnte, boxte mir jemand mit den gefalteten Händen in den Nacken. Auch Marie bekam was von hinten an den Hals. Ich drehte mich um. Eine Frau, geschätzt 70 Jahre alt, feuerrote Haare, schwarz geschminkte Augen, mit langem, grauen Wollmantel bekleidet, kniff ihre Augen zusammen, machte eine zum Aufstehen auffordernde Handbewegung und fauchte mich an: „Das gilt auch für dich hier.“

Jetzt geht es jawohl los. Ohne etwas zu sagen, drehte ich mich wieder zurück. Als endlich alle wieder saßen, blökte sie hinten laut herum: „Benehmen ist bei Jugendlichen heutzutage echt Glückssache!“ – ‚Jugendlich‘ darf ich wohl als Kompliment auffassen. Aber noch so ein Spruch und ich hätte mich umgedreht und was gesagt. Im letzten Moment hörte ich jemanden leise flüstern: „Mama, das ist nicht dein Problem. Heute ist Weihnachten und wir wollen alle keinen Streit, ja?“ – „Ja, aber …“ – „Nichts ‚aber‘, du bist jetzt leise.“ – Da schien es irgendein psychisches Problem zu geben. Klar, dass dieser Mensch mal wieder nicht irgendwo, sondern in meiner unmittelbaren Nähe sitzt.

Helena saß zwischen Marie und mir und wurde zunehmend unruhig. Normalerweise fällt es ihr nicht schwer, sich auf etwas zu konzentrieren, selbst wenn es keine Werbepausen gibt. War das die Aufregung? Oder wühlte sie die Geschichte um Weihnachten zu sehr auf? Dachte sie vielleicht an ihre letzte Pflegefamilie? Oder wünscht sie sich zu Weihnachten angesichts der vielen Familien um uns herum etwas anderes als wir ihr bieten können? Oder überwältigen sie gerade andere Gefühle, vielleicht weil sie ja schon mehrmals erzählt hat, dass sie sich letztes Jahr zu Weihnachten gewünscht hat, sie möge uns im Sommer wiedersehen? Oder ist es einfach nur die emotionale Stimmung mit dem Gesang, den vielen Menschen, den vielen Kerzen, die ihr nun auch noch einzelne Tränen über die Wangen kullern lässt?

Ich nehme mir ihre linke Hand, mit der sie sich auf der Bank aufstützt, und halte sie zwischen meinen beiden Händen fest. Sie ist ganz warm, aber auch etwas schwitzig. „Es dauert nicht mehr lange“, flüstere ich ihr ins Ohr. Links neben mir sitzt Maries Mama, die mich stirnrunzelnd anguckt. Ich zucke mit den Schultern. Nach zehn Minuten ist der Gottesdienst vorbei. Während Maries Papa die beiden Rollstühle holt, flüstert sie mir ins Ohr: „Bitte nicht schimpfen. Ich bin ein bißchen ausgelaufen.“ – „Oh nee, Tage oder Blase?“ – „Blase.“ – „Dann läufst du hier jetzt bitte nicht mehr durch die Gegend, sondern setzt dich gleich auf meinen Schoß und Maries Mama schiebt uns auf dem direkten Weg nach Hause.“ – „Ich setz mich doch nicht mit nassem Po auf deinen Schoß.“ – „Doch.“ – „Nein, vergiss es. So räudig bin ich nicht zu dir.“ – „Helena, ich spüre das in den Beinen nicht. Ich ziehe mir zu Hause gleich eine andere Hose an. Aber so kommen wir schnell nach Hause, ohne dass alle das sehen.“

Maries Mama ging mit uns schnurstraks zum Ausgang und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmassen. Dass sie weiß, worauf es beim Rollstuhl schieben ankommt, war von ebenso großem Vorteil wie die Tatsache, dass sie nicht erst lange nachfragte, als ich sie bat, uns ganz schnell nach Hause zu schieben. „Ist was mit dem Zucker?“, fragte sie dann aber unterwegs. – „Toilette“, antwortete ich. Helena weinte schon wieder und drehte sich dann aber zu mir um: „Warum sind diese ganzen Sachen, die Jahre lang ein großes Problem waren, bei euch so entspannt?“ – „Weil Marie und ich uns in unserem Leben schon fünfhundert Mal angepinkelt haben und die Waschmaschine auch am Heiligabend funktioniert.“ – „Ist dir das nicht peinlich?“ – „Das kommt wirklich auf die Leute an. Wenn das Menschen sind, die selbst betroffen sind oder deren Angehörige, dann nicht. Es gibt aber Menschen, die können damit überhaupt nicht umgehen und dramatisieren das. Es hängt aber auch sehr davon ab, welche Größe du der Sache gibst.“ – „Was meinst du mit ‚Größe‘?“ – „Wenn du später Marie das als normalste Sache der Welt erzählst, wird es nicht peinlich. Wenn du aber versuchst, es zu verheimlichen und weißt, dass sie es vermutlich doch irgendwie mitbekommen hat oder sich das zusammenreimen kann, steht was zwischen euch. Probiere es einfach mal aus.“

Frisch geduscht gingen Helena und ich zu Marie in die Küche, wo sie Getränke aus dem Kühlschrank holte. „Marie, ich muss dir was erzählen“, sagte Helena prompt. Ich musste grinsen. Marie drehte sich zu ihr: „Weiß ich schon.“ – „Was?!“ – „Der Weihnachtsmann ist mit deinen Geschenken durchgebrannt.“ – „Du bist doof. Nein, was anderes.“ – „Was?“ – „Ich musste so schnell nach Hause, weil ich mich angepinkelt hab.“ – „Gib mir Fünf.“ – Helena guckte verdattert und schlug in Maries ausgestreckte Hand ein. „Du auch?“, fragte sie. Marie antwortete: „Heute nicht, aber zum Club gehöre ich trotzdem noch dazu. Ich hab, bis ich in die Pubertät kam, nichts unter Kontrolle gehabt. Also drei Minuten vielleicht mal. Und ich hatte ein Hochbett. Als Querschnitt. Muss ich noch mehr sagen?“

Am Ende erzählte sie es noch Maries Papa und der reagierte auch total cool. Und während wir beim Abendessen saßen und in der Ecke der geschmückte Weihnachtsbaum stand und elektrisch vor sich hin leuchtete, huschte plötzlich ein Schatten über die Terrasse. Maries Hündin flitzte zur Terrassentür und machte dort Terror. Sowas geht jawohl gar nicht. Maries Papa sagte: „Was ist denn da los? Da schleppt irgendein alter Kerl in rotem Mantel einen Sack weg. Sind da eure Gartenmöbel drin?“ – Helena bekam den Mund nicht mehr zu. Der Hund spielte verrückt. Und ob Helena keine Bescherung erwartete, sich nicht zu fragen traute oder vielleicht einfach nur geduldig abwartete, konnte ich aus ihrem bis eben noch ganz entspannten Gesicht nicht herauslesen. Maries Vater stand auf und ging zur Tür. „Du gehst da jetzt nicht raus, wer weiß, was der will. Nicht den Helden spielen hier, ja? Müssen wir die Polizei rufen?“, fragte Maries Mutter überzeugend ernst. Helena saß noch immer mit offenem Mund da. Es klingelte an der Tür. Die Hündin flitzte von der Terrassentür zur Haustür und kläffte jetzt dort.

Marie rollte dorthin und hielt den Hund fest. Maries Papa öffnete vorsichtig die Tür. Ein Typ sagte mit tiefer Stimme: „Ist das hier richtig bei Helena, Jule, Marie, [Maries Mama], [Maries Papa] und [Maries Hündin]?“ – Die Hündin hatte ihren Namen gehört, das rote Wesen mit dem weißen Bart an Geruch und Stimme erkannt und war plötzlich lammfromm. Helena flitzte zur Tür. „Ich habe hier einen ganzen Sack voller Geschenke abzugeben.“ – Maries Vater witzelte: „Zum Glück ist gerade jemand zu Hause. Helena, stell dir mal vor, er wäre zwei Stunden eher gekommen und hätte einfach nur eine Benachrichtigungskarte eingeworfen. Dann müssten wir das ganze Zeug am 27. aus einer Packstation abholen.“ – Mit tiefer Stimme kam die Antwort: „Deine Sachen nehme ich gleich wieder mit, du Banause. Und im Übrigen ist es nicht sehr schlau, den Kamin anzumachen, wenn ihr auf mich wartet. Beinahe hätte ich die ersten Päckchen ins Feuer geworfen.“

Helena sagte noch immer keinen Ton. Maries Papa ging auf den an der Erde abgestellten Sack zu. „Muss ich irgendwo unterschreiben?“, fragte er. Der Mann in dem roten Outfit konnte sein Lachen gerade so hinter dem weißen Bart verstecken. Maries Papa nahm den großen braunen Sack und trug ihn nach drinnen. „Sagt mal, hat sich jemand Telefonbücher gewünscht? Das kriege ich ja kaum von der Stelle.“ – Der rote Mann verabschiedete sich noch draußen und ging weg. Helena schluckte und fasste sich wieder. Sie lachte und sagte: „Ihr seid echt der Hammer. So ein Spektakel! Das ist schon jetzt eins der schönsten Weihnachtsfeste“, und kletterte bei Marie auf den Schoß.

Marie und ich haben zu Weihnachten jeweils einen Notfallrucksack fürs Auto bekommen. Nachdem ich kürzlich noch überlegt habe, ob ich mir so etwas ins Auto packe, ist mir die Entscheidung jetzt abgenommen worden. Die technische Ausstattung ist ganz gut, einige Notfallmedikamente sind sogar auch schon drin. Ob ich das nochmal aufstocke, muss ich sehen. Auf jeden Fall ist das mal eine sehr coole und nützliche Idee. Marie und ich haben uns traditionell jeweils einen Badeanzug geschenkt, in der Hoffnung, dass wir bald mal wieder häufiger zum Schwimmen kommen. Maries Eltern haben wir Theaterkarten zu einer Premiere geschenkt, wann und wo, werde ich mal berichten, wenn es soweit war, da ich natürlich keine Lust habe, dort auch noch Autogramme geben zu müssen. Marie und ich haben von Helena jeweils ein Fotobuch bekommen, das sie zusammen mit Maries Papa gemacht hat. Nicht nur mit Bildern aus der jüngsten Vergangenheit, sondern auch aus ihrem Leben, bevor wir uns kennengelernt haben. Sehr klasse. Außerdem habe ich noch ein Hörbuch bekommen und ein Hemd sowie, und das eskaliert jedes Jahr, jede Menge Schokolade und anderen Süßkram.

Und Helena? Das aufregendste Geschenk ist wohl ein eigenes Smartphone. Sie hatte vorher einen Erreichbarkeits-Knochen, damit war sie wohl die letzte in der Klasse, die noch kein Smartphone hatte. Wir haben uns für eine aktuelle Jugendversion mit Android-Betriebssystem entschieden, das wir neu für 160 € bekommen haben. Dazu noch eine Speicherkarte – ich glaube, das ist ganz gut so. Mal schauen, wie gut Helena und das Gerät zusammenpassen. Ein weiterer großer Hit waren Pferde-Bettwäsche, ein Pferdebuch (nein, keine Geschichten, sondern ein Sachbuch mit ganz vielen Bildern von den ganzen Rassen etc.), eine Reithose (eine Kappe gab es aus Sicherheitsgründen schon ziemlich schnell, aber bisher musste sie mit Jeans reiten), einen Schul-Rucksack, eine Halskette und natürlich auch einen gut gefüllten „bunten Teller“.

Es war übrigens auch ein großer Knochen mit im Sack, der zum Glück noch eingeschweißt war. Wir vermuten, dass der wohl für Maries Hündin bestimmt ist. Als der nämlich zum Vorschein kam, war das Felltier in Sekundenbruchteilen neben Marie, setzte sich unaufgefordert direkt neben ihr auf den Popo und fing zu sabbern an.

Maries Eltern schlafen heute nacht in Maries Zimmer, Marie pennt bei mir, und ich darf morgen ganz früh raus, weil mein Dienst um 7 Uhr beginnt. Ich hoffe nur, dass es nicht noch glatt wird. Mittags fahren Maries Eltern wieder nach Hamburg, und am 2. Weihnachtstag fahren wir drei plus Wauwau für einen Tag hinterher. Jetzt muss ich nach diesem aufregenden Tag aber erstmal schlafen, damit ich den Dienst morgen überstehe. Ich wünsche allseits ein frohes Weihnachtsfest!

Plätzchen und Smartphone

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Ich weiß, wir sind sehr spät dran. Aber seit heute gibt es bei uns einen Weihnachtsbaum. Noch steht er auf der Terrasse. Maries Papa hat ihn zusammen mit Helena besorgt. Man kann ihn nach Weihnachten einpflanzen (also es ist einer mit Wurzeln im Eimer), und wir haben auch schon einen Abnehmer in der Nachbarschaft. In den letzten Jahren hatten wir nur ein paar nadelnde Tannenzweige und einen Adventskranz auf dem Tisch, dieses Jahr kommen Maries Eltern zu Besuch und Helena fragte irgendwann mal, ob wir uns eigentlich auch einen Weihnachtsbaum besorgen. Meinetwegen müsste das nicht sein, aber jetzt, wo er auf der Terrasse steht und am Heilig Abend drinnen geschmückt werden soll, freue ich mich schon darauf. Es erinnert mich auch ein wenig an meine Kindheit.

Seit heute gibt es bei uns auch Weihnachtsplätzchen. Ja, ich weiß, auch spät dran. Aber noch rechtzeitig. Und keine Unmengen. Marie hat sie vorhin mit Helena gebacken. Ich habe auch achteinhalb Sternschnuppen ausgestochen. Ich glaube, das sind meine ersten selbst gebackenen Weihnachtsplätzchen seit meinem Unfall.

Und seit heute habe ich alle Weihnachtsgeschenke beisammen. Für einen Moment dachte ich, ich würde es nicht mehr schaffen, aber heute gaben sich Paketdienste und Postbote die Klinke in die Hand und lieferten Dinge aus, die teilweise zehn Tage innerhalb Deutschlands unterwegs waren.

Ebenfalls seit heute hat Helena ein eigenes Girokonto. Beziehungsweise heute kamen die dazugehörigen Karten mit der Post. Es sind zwei Girokonten, ein Taschengeldkonto und eins für alle übrigen Finanzen. Das gab es bisher nicht, allerdings sind Marie und ich uns mit ihrem Vormund einig geworden, dass wir trotz aller familiärer Geschlossenheit dennoch ihre Finanzen über keins unserer Girokonten laufen lassen wollen. Nicht nur, um uns bei Bedarf besser rechtfertigen zu können, sowohl eines Tages vielleicht ihr gegenüber als auch Dritten, sondern auch, um sie in zwei, drei Jahren vielleicht an mehr Selbständigkeit heranführen zu können. Was das Taschengeld angeht, soll das ab heute so sein. Sie bekommt aktuell noch 20 € pro Monat, über die sie mit einer Karte frei verfügen kann. Die zweite Karte bleibt bei Marie oder mir und die bekommt sie dann in die Hand, wenn wir Klamotten einkaufen oder andere Dinge bezahlt werden müssen. Ich bin sehr gespannt, ob und wie das funktioniert. Und als drittes werden wir das Geld, das neben dem „Unterhalt“ als „Aufwandsentschädigung“ vom Jugendamt gezahlt wird, auf ein Sparbuch einzahlen, da Marie und ich dafür kein Geld haben wollen – das kann sie sicherlich gut gebrauchen, wenn sie irgendwann mal einen Führerschein oder ähnliches bezahlen muss.

Wir haben auch lange Diskussionen darüber gehabt, ob es zu früh ist, einer knapp dreizehn Jahre alten Schülerin ein Smartphone zu geben. Wir sind der Meinung, dass es passt. Wir werden das an Bedingungen knüpfen, das heißt, wir werden mit ihr eine Art „Vertrag“ machen, wo wir schriftlich mit ihr vereinbaren, wie das läuft. Damit sie sich das notfalls wieder vor Augen halten kann, was wir vereinbart haben, wenn das Gedaddel mit dem Ding doch gerade spannender ist als der Rest der Welt. Ich bin auch hier sehr gespannt, wie sich das entwickeln wird. Ich hoffe: gut.

Ableismus und Stigma

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Dass ich seit vielen Jahren versuche, den Menschen um mich herum einen Spiegel vorzuhalten, wenn mich jemand anschaut und mal wieder nur einen Rollstuhl sieht, ist nicht neu und haben alle, die meinen Blog regelmäßig lesen, wohl schon mitbekommen. Was heute „Able-ismus“ genannt wird, also die Beurteilung meiner Persönlichkeit anhand meiner Fähigkeiten, zieht sich seit jeher durch meinen Blog. Leider scheint diese Seuche nicht auszurotten zu sein.

Ich finde es ja charmant, beispielsweise besonders schlau, besonders schnell, besonders kräftig oder auch besonders hübsch zu sein. Ich unterhalte mich gerne mit schlauen Menschen, fiebere sehr gerne mit tollen Sportlerinnen, lasse mich gerne von einem muskulösen Menschen tragen und könnte stundenlang einen wunderhübschen Mann anblicken. Oder eine wunderhübsche Frau. Eine der hübschesten Frauen, die ich persönlich kennenlernen durfte, hat übrigens das 21. Chromosom drei Mal.

Ich finde es wichtig, auch gegenüber sich selbst anspruchsvoll zu sein. Und für das alltägliche Zusammenleben brauchen wir Maßstäbe und Schubladen, und selbstverständlich müssen wir sortieren. Ich möchte nicht, dass mir jemand eine Spritze setzt, der von dem, was da drin ist, keinen blassen Schimmer hat. Mir ist sehr wichtig, dass der Mensch, der mir meine Winterräder ans Auto schraubt, begreift, was er da tut. Und auch wenn mir meine Frisörin jedes Mal wieder erzählt, welche Gangster in ihrem Haus wohnen und dort regelmäßig randalieren, möchte ich sie nicht eintauschen. Aber darum geht es auch gar nicht.

Ich kann einen Menschen nicht anhand seiner Fähigkeiten beurteilen. Wer legt bitte fest, was Fähigkeiten sind, welche gut und welche schlecht sind? Kennt jemand alle Fähigkeiten eines anderen Menschen? Oftmals kennt man seine eigenen Fähigkeiten ja noch nicht mal vollumfänglich. Und den Wert eines Menschen kann überhaupt niemand beurteilen. Nicht zuletzt, weil es niemandem zusteht, den Wert eines Menschen festzulegen. Ich kann mir meine persönliche, subjektive Meinung bilden. Und diese auch vertreten. Eigentlich hatte ich gedacht, oder zumindest gehofft, dass das gerade in Deutschland seit mindestens 75 Jahren Konsens wäre. Stattdessen lese ich gestern auf einer Gratulationskarte an Marie:

„Liebe [Marie], wir freuen uns mit dir, dass du es geschafft hast! Wir zweifeln keine Sekunde daran, dass du schon bald eine mindestens genauso gute Medizinerin sein wirst wie deine Mutter, die [meinem Mann] und mir nun schon seit so vielen Jahren, in guten und in schlechten Zeiten, mit Rat und Tat zur Seite steht und immer für uns da ist. [Wir] erinnern uns noch sehr genau an deine Anfänge in ihrem Labor. Die Zeit vergeht, und inzwischen bist du eine erwachsene Frau geworden und gehst deinen eigenen Weg! Wir hoffen sehr und wünschen dir von ganzem Herzen, dass dein abgeschlossenes Studium dir […] helfen wird, den Makel deiner Behinderung und der damit oft verbundenen gesellschaftlichen Wertlosigkeit mit eigener Kraft auszugleichen. Wir wünschen dir von ganzen Herzen eine gute Zukunft in deinem neuen Lebensabschnitt und hoffen, dass es dir [an der Ostsee] genauso gut geht wie [in Hamburg]! Herzliche Grüße, deine […]“

Die Dame ist noch nicht pensioniert und arbeitet im höheren Dienst einer Behörde. Hat also studiert, engagiert sich in Kirche und vor allem in der Politik, ist also keine Anfängerin, wenn es darum geht, die richtigen Worte zu finden. Na klar, unglückliche Formulierungen, ein Griff ins Klo, davor kann sich niemand immer bewahren. Aber „Makel“ und „gesellschaftliche Wertlosigkeit“ in einem Satz sind kein Versehen. Das ist das Spiegelbild einer behindertenfeindlichen und ableistischen Denkweise. Maries Mutter hat schon gesagt, dass sie eine ausdrückliche Entschuldigung dafür erwartet, auch wenn sie überzeugt ist, dass dieses Ehepaar es nicht böse gemeint hat.

Ich begreife diese Denkweise nicht.

Ich habe heute mit einer Nachbarin gesprochen. Sie brachte uns unsere Mülltonne wieder, die jemand bei ihr vor die Tür gestellt hat. Die Tonne wurde heute geleert und ich vermute, sie ist nach der Leerung bei dem Orkan hier durch die halbe Straße geweht, obwohl wir eigentlich dafür bezahlen, dass sie wieder zurückgebracht wird. Ich hatte sie noch gar nicht vermisst. Die Nachbarin wohnt seit drei Jahren hier und ist mit ihrer Lebenspartnerin aus Syrien geflüchtet. Wir sind schon öfter mal kurz ins Gespräch gekommen. So auch heute. „Der Lesbenhaushalt hat keinen Tannenbaum“, erzählt ein Nachbar (zum Glück nicht der, der bei uns den Rasen mäht) in der ganzen Straße herum. Sowas gebe es in Syrien nicht. Ich habe das auch schon mitbekommen, obwohl er Marie und mich noch nicht persönlich angesprochen hat. Sie erzählt: „Wir haben ihn in unsere Wohnung eingeladen, damit er sich davon überzeugen kann, dass wir dort kein offenes Feuer machen. Das hat er nämlich auch behauptet.“ – „Das müssen Sie nicht machen. Der Mensch hat ein dreckiges Mundwerk und verstößt gegen unsere Gesetze.“ – „Wir wollen keine Probleme. Davon hatten wir Jahre lang genug.“

Am Ende haben wir beide Frauen zu uns zum Abendessen eingeladen. Es gab nichts Besonderes, belegte Brote, Gemüse, Wasser, Tee. Und Kaminfeuer. Es war sehr schön, ein unterhaltsames und auch spannendes Gespräch, ein Viertel auf Deutsch, drei Viertel auf Englisch. Es ist übrigens zu keinem Zeitpunkt die Frage gestellt worden, warum wir im Rollstuhl sitzen und ob Marie und ich eine sexuelle Beziehung haben. Nur mal so angemerkt. Und wir sind jetzt „per du“.

Helena hat uns heute berichtet, dass sie beim Reiten ihrer besten Freundin von ihrer bald beginnenden Psychotherapie erzählt hat. Sie geht vollkommen neugierig und positiv an das Thema heran. Die Freundin habe sie über die Probestunde ausgefragt und ganz interessiert zugehört. Eine anwesende Pferdebesitzerin, die Helena gar nicht kennt aber das Gespräch zwischen ihr und ihrer Freundin wohl mitbekommen hat, habe Helena ungefragt den Rat gegeben, das mit der Pschotherapie künftig für sich zu behalten, weil Psychotherapie „etwas Peinliches“ sei. Der Spruch hätte auch von meinem Vater kommen können.

Was denken Menschen eigentlich, was man da Peinliches macht? Können wir mal bitte aufhören, Menschen, die traumatisiert sind, mit dem Stigma zu beschämen, dass sie gerade von der Welt um sie herum falsch verstanden und ausgegrenzt werden?