Mehr als eine Nacht

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Am Montag war ich mit Helena schwimmen. Im Schwimmbad. Wir hatten ein Becken fast ganz für uns alleine, wir hatten eine Badaufsicht fast für uns alleine und wir haben im flachen Wasser angefangen. In Rückenlage. Es hat einige Zeit gedauert, bis sie sich soweit fallen lassen konnte, dass sie sich flach in Rückenlage auf das Wasser gelegt und ihre Arme ausgebreitet hat. Der schwierigste Punkt war, dass sie merken musste, dass das Wasser sie trägt. Dazu taucht in Rückenlage der Kopf fast komplett ein, am Ende sind die Ohren unter Wasser und nur die Augen, die Nase und der Mund schauen raus. Als Helena verstanden hatte, dass sie bis an diese äußerste Grenze gehen muss, um Erfolg zu haben, klappte es. Ein paar Mal habe ich die Kopfhaltung korrigieren müssen, damit ihr das Wasser nicht über den Mund läuft, aber dann lag sie, anfangs noch etwas verkrampft, später recht locker, auf dem Wasser. Am Ende hat sie sogar zwei, drei Mal mit ihren Armen Schwung gegeben. Es wird noch zwei, drei Stunden dauern, bis sie die erste Bahn alleine schwimmt. Aber sie hat verstanden und Marie zu Hause als allererstes ganz stolz erzählt, dass sie das Schwimmen lernen wird. Der übliche Satz kam auch von ihr: Sie hätte nicht geglaubt, dass das geht.

Am frühen Abend bekam ich einen Anruf. Ob ich bitte, bitte einen einzelnen Nachtdienst machen könnte. Eine Kollegin sei krank geworden und man könne die Quote nicht mehr einhalten, die man bräuchte. Auf einen Nachtdienst bereite ich mich ja gerne vor, indem ich mich nachmittags sehr ausruhe und nicht noch Schwimmen gehe. Aber okay. Am Ende musste ich gar nichts machen, bin um elf Uhr in ein Bereitschaftszimmer gerollt, habe mich hingelegt, bin eingeschlafen und baute plötzlich eine weinende Männerstimme in meinen Traum ein, die tatsächlich im Bereitschaftszimmer herzzerreißend schluchzte: „Das Paradies ist abgebrannt. Ich hab Heimweh, ich will nur weg. Ganz weit weg. Ich will fort. Ganz weit fort.“ – Ich wachte auf und im selben Moment brüllte Purple Schulz: „Ich will raus!“ scheppernd durch den Radiowecker, dessen Sleeptimer ich benutzt hatte. Ich musste mich erstmal orientieren, bevor ich mit Gänsehaut am ganzen Körper das Ding im völlig abgedunkelten Zimmer gefunden und abgestellt hatte. Wieso um alles in der Welt muss man sowas senden, wenn Socke einschlafen will?

Am nächsten Morgen bin ich wieder aufgestanden und nach Hause gefahren. Habe frische Brötchen mitgebracht und anschließend damit begonnen, unsere Bewerbung für Helena zu schreiben. Sie hat inzwischen gefragt, ob sie nicht auch länger bei uns bleiben könnte. Ob wir es uns nicht vorstellen könnten, dass sie bis zum Halbjahreswechsel [in der Schule, also Ende Januar 2019] bleibe. Sie wisse, dass sie eine Last sei, aber wenn sie immer lieb sei und keinen Ärger mache, dann sei sie doch vielleicht nur eine kleine Last und es wäre dann vielleicht einen Versuch wert.

Ich habe ihr erstmal erklärt, dass sie keine Last ist. Sondern ihre Berechtigung hat mit allen Herausforderungen, die ein Kind oder ein pubertierender Teenager mit nach Hause bringt. Mit allen Launen und jedem Ärger, den das mitbringt. Aber dass so etwas eben auch nur funktionieren kann, wenn wir auf diese Herausforderungen eine Antwort finden, mit der alle leben können. Und dass es sehr fraglich ist, ob wir dafür überhaupt die Zustimmung des Jugendamtes bekämen. Und wenn, dann nicht für ein halbes Jahr. Zwar immer mit der Option, etwas, was überhaupt nicht mehr funktioniert, zu beenden, aber schon auf Dauer ausgerichtet. Helena fand das klasse. Allerdings weiß ich auch, dass ihre Angst vor dem Wohnen in einer Einrichtung ihre Meinung sehr beeinflusst.

Wir haben das Angebot, dass sie eine Ganztagsschule besucht. Damit wird es sich hinbekommen lassen, dass immer einer von uns erreichbar ist. Marie und ich werden nicht gleichzeitig Nachtdienst haben, das lässt sich immer einrichten. Und für alles andere lassen sich individuelle Lösungen finden. Eine Zwölfjährige ist kein Baby mehr und sie wird auch mal eine Stunde oder zwei alleine zu Hause sein können, ohne dass die Welt davon untergeht. Marie und ich wissen, dass wir damit eine ernste Entscheidung getroffen haben, von der die Entwicklung eines Kindes abhängig ist. Aber wir sind uns sicher, dass wir es schaffen können und dass wir es gut hinbekommen werden. Wir haben mehr als eine Nacht darüber geschlafen.

Helena ist übrigens als Klappenkind zu Pflegeeltern gekommen.

Shoppen und so

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Helena und ich waren heute morgen in der nächstgrößeren Stadt zum Klamotten shoppen. Mich nervt es absolut, durch enge Gänge von Bekleidungsgeschäften zu rollen, an jedem zweiten Kleiderständer aufzupassen, dass man nichts herunterreißt, schmutzig macht, ständig laufen mir Leute vor den Rollstuhl, die ihre Augen nur auf das nächste Schnäppchen gerichtet haben, es ist laut, stickig – und es ist Samstag morgen. Aber Helena hat gerade einmal zwei Hosen. Davon ist eine eigentlich fertig, so dass sie in Sporthose durch die Gegend läuft, wenn ihre Jeans in der Wäsche ist. Vielleicht geht es anderen Menschen auch so, aber hier ist es unnötig.

Helenas erste Reaktion war: „Die Idee ist supertoll, aber wer soll das bezahlen?“ – „Wir schauen mal, ob wir überhaupt was finden, und dann lege ich das aus und hole es mir vom Jugendamt wieder. Wir können ja nun nicht warten, bis das durch alle Mühlen hindurch ist.“ – Helena weiß natürlich nicht, dass ich, ohne vorher einen Antrag gestellt zu haben, vermutlich niemals irgendetwas zurückbekommen werde. Aber das ist mir gerade egal, denn ich möchte, dass dieses Kind vernünftig herumläuft und sich wohlfühlt. Und mir tut das nun wirklich nicht weh.

Dasselbe gilt für den Friseur. Helena hat in der Substanz sehr gepflegte, lange Haare, aber in den letzten Monaten war da kein Friseur mehr dran. Vielleicht reicht es, wenn die Pflegemutter eine Haushaltsschere schwingt, aber für mich gehört auf einen Kopf ein Haarschnitt. Das muss nichts besonderes sein, aber wenigstens die Spitzen sollten auf einer Länge und die ganze Frisur irgendwie symmetrisch sein.

Gestern kümmerte ich mich bereits um Finger- und Fußnägel. Ob man die mit zwölf Jahren selbst schneiden können sollte, ist nirgendwo festgelegt. Manche Kinder machen das schon mit acht Jahren, zumindest an einer Hand, andere sind mit vierzehn Jahren noch völlig unbeholfen. Helena hat wohl immer mal versucht, sich die Fingernägel zu schneiden, aber dann eher schief und mit scharfen Kanten. Nun muss man wissen, dass jemand mit einer (leichten) Cerebralparese es nochmal erheblich schwerer hat. Insbesondere die Fußnägel brauchten dringend mal eine Pflege. Ihr war das extremst peinlich.

Und zum Thema Cerebralparese bin ich auch etwas angepiekst. Ich hatte auch schon mit Maries Mutter darüber gesprochen. Helena läuft insbesondere barfuß und auf Parkett- oder Fliesenboden wie ein Schwan auf dem Trockenen: Platsch, platsch, platsch. Eindeutige Fußheberschwäche mit Kompensationsbewegungen aus Knie und Hüfte. Entsprechend instabil und wenig grazil sieht das Ganze aus. Man könnte dem Kind mal Orthesen geben für das Fußgelenk, vielleicht reicht es schon, wenn nur der Knöchel stabilisiert wird, vielleicht muss bis zum Schienbein hoch Stabilität her – aber es wäre doch sehr wichtig, dass sie ihre Beine nicht falsch belastet, wenn sie geht. Ich habe beim Fußnägelschneiden, natürlich mit ihrem Einverständnis, mal zwei Reflexe überprüft. Oder eher vier, da beidseitig. Weder links noch rechts funktionieren die Eigenreflexe der Beine, was immer klärungsbedürftig ist. Maries Mutter meinte, das gibt es eigentlich nicht, dass ein Kind heutzutage durch alle Netze fällt, gerade wenn das Jugendamt dran ist. Nach Helenas Aussage wurde sie auch etwa bis zum sechsten Lebensjahr eng durch den Kinderarzt betreut, allerdings habe sich um ihr Gangbild nie jemand gekümmert.

Hinzu kommt, und damit sind wir wieder beim Shoppen, dass sie nach einem Kilometer an ihrer Belastungsgrenze ist. Sie kann dann einfach nicht mehr. Sie will zwar noch hierhin und dorthin, aber dann setzt sie sich an der Bushaltestelle auf die Bank und meint, sie brauche mal einen Moment Pause. Quatscht mit mir, dann geht es irgendwann weiter, aber nach weiteren 500 Metern ist sie wieder am Limit. Vom Sportunterricht in der Schule sei sie einerseits befreit gewesen, weil sie immer schon k.o. war, wenn sie an der Sporthalle ankam, wegen ihrer Behinderung; andererseits habe sie nicht mal Physiotherapie dauerhaft gehabt. Für zwei Kilometer brauchen wir mit Pausen fast 45 Minuten. Am Ende ist sie bei mir auf dem Schoß mitgefahren für das letzte Stück bis zum Auto. Zum Glück sind wir nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, sondern hatten das Auto zentral geparkt.

Immerhin haben wir einige Klamotten gefunden und sie muss nicht mehr jeden Tag dieselbe Hose anziehen. Schuhe müssen wir nochmal an einem anderen Tag besorgen. Sie steht übrigens sehr auf sportliche und figurbetonte Sachen. Sporttights, Sporttops, irgendwann kam sie mit einem Hoodie um die Ecke, hatte die Kapuze und eine Sonnenbrille aufgesetzt, machte plötzlich auf Gangster-Rapperin – war recht amüsant. Hoodie haben wir mitgenommen, Sonnenbrille hat sie von sich aus gleich wieder weggehängt.

Im Moment schläft sie mit T-Shirt und Slip. „Wollen wir auch noch nach einem Schlafanzug gucken?“ – In ihren Größen war alles mit Einhörnern, Regenbögen, Mickey Mouse oder Meerjungfrauen bedruckt. „Oah, Jule, ehrlich, das ist nur Mist hier. Wer zieht denn sowas an? Das sind so Dinge, die einem Großeltern zu Weihnachten schenken und Freude erwarten.“ – Eine Verkäuferin, die gerade etwas weghängen wollte, lachte: „Ich denke das auch immer. Meine Tochter zieht sowas auch nicht an. Mit acht Jahren ist das noch okay, aber danach nicht mehr.“

Wir gingen weiter, plötzlich meinte sie: „Wenn ich 18 bin, schlafe ich sowieso nur noch nackt.“ – Warum formulierte sie das so? Sollte ich darauf reagieren? Oder hatte das keinen tieferen Sinn? Ich fragte: „Warum erst mit 18?“ – „Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich schonmal ganz ausgezogen im Bett. Keine Angst, nicht jetzt bei dir. Aber es war halt immer ein Spiel mit dem Feuer.“ – „Wovor sollte ich Angst haben und warum ist es ein Spiel mit dem Feuer?“ – „Hätte meine Pflegemutter das mitbekommen, hätte es richtigen Anschiss gegeben. Ich habe sie mal gefragt, als es ganz heiß draußen war, da meinte sie, sie hätte keine Lust, täglich die Bettwäsche zu waschen.“ – „Das ist doch albern.“ – „Also darf ich bei euch auch nackt schlafen?“, fragte sie keck. Ich antwortete: „Solange du nicht nackt zum Frühstück kommst und du deine Bettwäsche oft genug wechselst, sehe ich darin kein Problem.“ – „Meinst du das jetzt ernst?“ – Natürlich meinte ich das ernst. Kann mir mal bitte jemand erklären, was die mit diesem Kind gemacht haben?!

Später, im Auto, sagte sie: „Hast du eigentlich gemerkt, dass ich, seit ich bei euch bin, kein einziges Mal gelogen habe?“ – Ich musste einen Moment überlegen, wie ich hierauf am Besten antworte. Ich entschied mich für: „Ich vertraue dir, dass du mir die Wahrheit sagst und zuletzt immer nur gelogen hast, weil deine Pflegeeltern nicht fair zu dir waren. Ich habe deswegen auch noch nie überprüft, ob das, was du sagst, die Wahrheit ist. Sondern ich habe dir geglaubt.“ – „Es ist mir nicht mal schwergefallen. Weißt du, wie das ist, wenn man für jeden Blödsinn Ärger bekommt? Weißt du, wie glücklich ich gerade bin, weil ich seit einer Woche scheinbar auch mal was richtig mache?“

„Ich fand es bisher noch gar nicht so kompliziert mit dir. Ich glaube einfach, dass du viele Dinge, gerade wenn du in Situationen kommst, in denen du bisher gelogen hast, neu lernen musst. Sowas kann man üben.“ – „Wie zum Beispiel?“ – „Wenn jemand dir zum Beispiel eine Frage stellt, auf die du nicht antworten möchtest und bei der du dir überlegst, zu lügen, könntest du auch einfach im ersten Schritt gar nichts sagen. Statt etwas Unwahres zu sagen. Und dann in Ruhe überlegen, ob du nicht deinen Konflikt benennst. Also dann zum Beispiel sagst: ‚Die Frage finde ich gerade sehr intim. Ich möchte darauf nicht antworten.'“ – „Und dann?“ – „Dann ist das entweder so okay oder man spricht mit dir darüber, warum deine Antwort schon wichtig wäre.“ – „Sind das in deinen Augen keine Widerworte?“ – „Ich finde eine Haltung, ein Kind dürfe keine Widerworte geben, inakzeptabel. Ein Kind darf mir gerne sagen, wenn es sich unwohl fühlt.“

Ganz plötzlich wechselte sie das Thema. Und fragte mich, ob ich ihr das Schwimmen beibringen kann. Na sicher, junge Frau. Nur nicht mehr heute.

Plastikkisten

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Inzwischen haben auch Maries Eltern und Helena sich kennengelernt. Sollte es tatsächlich so sein, dass wir uns darum bewerben werden, Helena dauerhaft bei uns aufzunehmen, ginge das nur, wenn Maries Eltern das zumindest ideell unterstützen. Ein gemeinsames Grillen bei uns zu Hause bot eine gute Möglichkeit, sich zu beschnuppern. Ich war vor allem sehr gespannt darauf, wie Helena mit Maries Papa zurecht kommen würde, weil ich sie bisher noch nie im Dialog mit einem Mann erlebt habe. Manchmal gibt es ja, wenn ein Kind Gewalt durch einen Angehörigen eines Geschlechts ausgesetzt war, grundsätzliche Vorbehalte gegen andere Menschen desselben Geschlechts. War hier aber überhaupt nicht der Fall. Anfangs war sie sehr aufgeregt und schüchtern, das hat sich aber sehr schnell gelegt. Ich weiß, dass Maries Papa normalerweise in der Freizeit nicht viel über seinen Job als Polizist spricht, aber als Helena interessiert nachfragte, konnte er sie mit einigen Details in seinen Bann ziehen.

Maries Eltern rieten uns am Ende weder zu noch ab, sagten aber, dass sie hinter jeder Entscheidung hundertprozentig stehen. Sie fänden es gut, wenn wir uns für eine dauerhafte Aufnahme von Helena bewerben würden, sofern wir das zeitlich und organisatorisch hinbekämen, sie könnten es aber auch verstehen und vertreten, wenn wir uns dagegen entscheiden. Immerhin wird Helena uns mindestens sechs Jahre beschäftigen, davon ist erstmal auszugehen, und es wird, auch wenn sie derzeit noch so pflegeleicht zu sein scheint, ernsthafte Probleme geben. Wenn ich wüsste, dass sich das einspielt und Marie und ich mit Helena zumindest im alltäglichen Leben gut zurecht kämen, dann wäre nur der Gedanke daran, einem Kind mit einer Einbindung in unseren Alltag enorm zu helfen, ein großer Lohn. Andererseits haben wir uns beide derzeit ganz bewusst gegen eigene Kinder entschieden – zumindest aktuell. Andererseits ist ein zwölfjähriges Kind auch anders als ein Säugling. Derzeit sagen unsere beiden Herzen „ja“ und unsere beiden Köpfe „nein“. Vermutlich wird das Herz siegen, falls der Kopf keine Argumente mehr findet. Aber es ist wirklich keine leichte Entscheidung. Danke für die vielen Kommentare, die mich gerade überwiegend ermutigen.

Helena, Marie und ich haben heute erneut persönlich mit der Dame vom Jugendamt und mit ihrem Vormund gesprochen. Helena darf auch weiterhin bei uns übergangsweise bleiben. Bis zu einer Dauer von insgesamt acht Wochen sehen die Verantwortlichen keine Schwierigkeiten, solange es Helena gut geht. Das wäre bis Ende September. Das heißt nicht, dass nicht vielleicht in der nächsten oder übernächsten Woche eine geeignete Einrichtung oder übergangsweise eine Bereitschafts-Pflegefamilie zur Verfügung steht, wo Helena zunächst hinkommen kann. Es heißt nur, dass bis dann eine Art „Besuch“, und als solcher wird es im Moment gesehen, prinzipiell möglich ist. Insbesondere soll nächste Woche geklärt werden, auf welche Schule sie nach den Sommerferien erstmal geht. Und es ist heute dafür gesorgt worden, dass ihre persönlichen Gegenstände erstmal zu ihr kommen. Sie hatte ja bisher lediglich für wenige Tage gepackt.

Insgesamt vier große Plastikboxen bekam ich von einem Mitarbeiter eines Sozialdienstes übergeben, der diese wohl bereits gestern bei Helenas ehemaligen Pflegeeltern abgeholt hatte. Als Helena das Zeug sah, war sie mehr als aufgeregt, weil wohl entscheidende Dinge fehlten. Also fuhr, während wir warteten, erneut jemand zu der Adresse und holte auf Helenas Beschreibung unter anderem eine „Schatzkiste“ aus einem Hohlraum hinter einem Schlafsofa. Das ganze Hab und Gut einer Zwölfjährigen passte in nicht mal ein halbes Dutzend Plastikkisten. Sehr viele Bücher waren dazwischen, eine Sporthose (zu den zwei Jeans, die sie in ihrer mitgebrachten Sporttasche hatte), ein zweites Paar Schuhe, drei Sweatshirts und insgesamt vielleicht acht bis zehn T-Shirts. Ein Dutzend Unterhosen und vielleicht sechs Paar Socken. Ein wenig persönlicher Kleinkram. Ein Kuschelkissen. Keine einzige Jacke, sondern lediglich ein etwas dickerer Fleece-Pullover. Ich hätte beinahe gefragt, wo der Rest ist, als sie sagte: „Jetzt scheint alles da zu sein.“

Heute abend war ich zu einem Beratungskurs zum Thema Pflegekinder und Pflegeeltern. Sechs andere Menschen waren unter den Zuhörern. Es dauerte gut zwei Stunden, mit Hin- und Rückfahrt insgesamt rund viereinhalb Stunden. Die Veranstaltung war inhaltlich eher langweilig. Ich hatte den Eindruck, sie richtet sich an Menschen, denen man wirklich alles vorkauen muss und die keine eigenen Überlegungen anstellen können. Solche Dinge wie: „Was macht es mit einem Kind, wenn eine Bezugsperon stirbt?“ – Ich hatte gehofft, dort zumindest mehr Entscheidungshilfe zu bekommen. War leider nichts. Vermutlich bin ich mit den falschen Erwartungen dorthin gefahren.

Nicht ohne Hilfe

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Natürlich sind Helena und ich nicht völlig überraschend beim Jugendamt aufgetaucht, sondern ich habe uns vorher per Mail angekündigt. Klar, am Wochenende liest niemand seine dienstlichen Mails, aber immerhin hatte die zuständige Mitarbeiterin so direkt zu Dienstbeginn eine Information. Es war etwa 7.35 Uhr, als mein Handy klingelte. Nachdem ich in der Mail nur zwei Sätze geschrieben habe, sagte sie: „Frau Socke, mit Verlaub, Sie kommen gerade von der Uni, sind noch sehr jung, sind persönlich betroffen: Darf ich bitte einmal ausschließen, dass Sie aus einer möglichen Unerfahrenheit heraus Dinge anders bewerten als wir es hier tun? Wir wissen, dass die Pflegeeltern zu den eher strengeren gehören und mitunter etwas konservativere Ansichten haben als Ihr Jahrgang. Wenn da Grenzen überschritten sind, können wir uns vielleicht in einem geordneten Rahmen treffen und gemeinsam überlegen, was wir für Helena tun können. Braucht es wirklich diesen Notfallrahmen? Brauchen wir ein Gespräch heute morgen?“

„Ich kann nicht ausschließen, dass Helena hier eine Märchenstunde veranstaltet und uns Dinge erzählt hat, die sich hinterher als falscher Alarm herausstellen. Ich habe dafür aber keine Anhaltspunkte. Für mich klingt das plausibel, schlüssig, zu detailreich, auch auf Nachfragen, und vor allem inhaltlich zu reflektiert, um ausgedacht zu sein. Nach ihren Schilderungen werde sie gewohnheitsmäßig körperlich misshandelt, durch Schläge, auch mit Gegenständen, es sei auch schon mit Messern nach ihr geworfen worden.“ – „Ach du liebe Scheiße. Das hat ja gerade noch gefehlt. Ja, da müssen Sie kommen. Ist Helena noch bei Ihnen?“ – „Ja.“ – „Dann bringen Sie sie bitte mit. Sie können ihr sagen, dass wir auf ihrer Seite sind und ihr helfen werden.“

Im Auto fragte ich Helena: „Hast du Angst?“ – „Ja.“ – „Wovor?“ – „Dass ich in ein Heim gesteckt werde. Bist du erstmal drin, kommst du nie wieder aus diesen Mühlen heraus. Und wenn du irgendwann rauskommst, bist du nicht mehr die, die du warst, als du reingegangen bist. In diesen Einrichtungen ist kein Platz für jemanden wie mich.“ – „Ich habe das nicht zu entscheiden. Aber ich werde alles versuchen, um dir das zu ersparen. Möchtest du zurück zu deinen jetzigen Pflegeeltern?“ – Natürlich war mir klar, dass das niemals in Betracht kommen würde. Sie antwortete: „Es wäre besser als ein Heim oder eine Jugendeinrichtung, aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich lieber mit Menschen zusammenleben, die so cool sind wie Maries Eltern. Ich kenne sie zwar nicht, aber was ich so von Marie gehört habe, müssen sie cool sein. Marie ist auch so cool. Überhaupt seid ihr beide cool. Vielleicht schicken sie mich auch in eine andere Stadt. Wo ich niemanden kenne und alles von vorne anfangen muss. Ich habe so etwas mal im Fernsehen gesehen. Darf ich euch dann trotzdem mal besuchen kommen? Ich meine, für ein Wochenende wie dieses?“ – „Na sicher.“

Wir wurden bereits erwartet. Zwei Mitarbeiterinnen setzten sich mit Helena und mir an einen großen runden Tisch in einem großen Raum. In der Ecke stand ein großer Tischkicker, auf dem einige Broschüren abgelegt waren. Unter der Decke hing ein Fernseher. Ausgeschaltet. Ein Kalender hing an der Wand und war seit Wochen nicht mehr aktualisiert worden. An der anderen Wand hing ein großes Bild aus einem Hafen. „Möchtest du ein Wasser? Oder einen Fruchtsaft?“ – „Wasser. Bitte.“ – Man schlug vor, dass Helena zunächst einfach nur das erzählt, was sie erzählen möchte, und man anschließend mit ihr ein Protokoll anfertigt, während man parallel auch nochmal mit mir redet.

Helena begann zu weinen, bevor sie den ersten vollen Satz über die Lippen brachte. Dann stand sie auf, ging zum Fenster und schaute nach draußen. Niemand sagte was. Nur ihr Schluchzen war zu hören. Dann drehte sie sich um, lehnte sich gegen die Fensterbank und sagte: „Es ist alles Scheiße. Und ich weiß nicht mal, was ich falsch gemacht habe.“ – „Vermutlich gar nichts“, antwortete ich, rollte zurück und deutete auf meinen Schoß. Ohne zu zögern kam Helena zu mir, setzte sich auf meinen Schoß, lehnte sich an meinen Oberkörper an und begann zu erzählen. Die beiden Mitarbeiterinnen hörten zu.

Helena war schon lange fertig, als die Frage kam, auf die ich schon gewartet habe: „Warum hast du bisher niemandem davon erzählt?“ – Helena antwortete: „Das ist doch eine Bombe. Sie lassen alles stehen und liegen, um mit mir noch heute zu sprechen. So eine Bombe zünde ich doch nicht alleine. Nicht, ohne dass mir jemand hilft.“ – Ich schluckte mehrmals und gab mir größte Mühe, nicht zu weinen anzufangen.

Eine weitere Frage wurde ihr gestellt: Angenommen, sie würde in eine andere Stadt ziehen, wie sehr würde sie ihre Freunde vermissen? Helena antwortete: „Welche Freunde denn? Mit mir will doch schon lange niemand mehr etwas zu tun haben. Früher wurde ich auf jeden Kindergeburtstag eingeladen. Aber irgendwann hat die Mutter meiner damals besten Freundin gesagt, dass sie mich nicht mehr einladen, weil ich ja auch niemanden zu meinem Geburtstag einlade. Und wenn erstmal ein Kind damit anfängt, ist es aus.“ – „Warum hast du denn niemanden zu deinem Geburtstag eingeladen?“, fragte ich und ahnte schon die Antwort, ohne bisher mit Helena darüber gesprochen zu haben. Ja, die Pflegeeltern wollten das nicht.

Wie wir inzwischen wissen, hat Helena mich nicht angelogen. Die Pflegemutter habe inzwischen sowohl die Messerwürfe als auch die wiederholten Schläge durch den Pflegevater bestätigt. Zu den Gründen durfte man mir nichts sagen. Allerdings sagte mir die Dame vom Jugendamt telefonisch: „Aus unserer Sicht sind sie absurd.“

Soweit ich weiß, laufen Ermittlungen gegen die bisherigen Pflegeeltern. Und Helenas Unterbringung? Eine Pflegefamilie, die sie sofort aufnehmen könnte, sei nicht zu finden. Möglicherweise entschärfe sich die Situation nach den Sommerferien etwas. Aber versprechen könne man nichts. Die Einrichtung, die jetzt einen Platz frei räumen würde, ist jene, vor der Helena besonders viel Angst hat. Wegen ihrer Erkrankung ist ein hoher Pflegeaufwand nötig, der sei nur dort realisierbar. Weil dort so viel Personal ist, sind dort aber auch die ganzen Leute, die sich in keiner Pflegefamilie zurecht fänden.

Helena wechselt mit Beginn der Klasse 7, also in den nächsten Wochen, die Schule. Aus technischen Gründen, die nicht in ihrer Person liegen. Man wird so schnell nichts Geeignetes für sie finden. Damit ist das nächste Problem (fehlender Anschluss, fehlende Kontinuität, mindestens ein Wechsel mitten im Schuljahr) vor der Tür. Ich habe im Gefühl, dass aktuell vieles bei ihr noch gut läuft (oder besser). Ich habe auch im Gefühl, dass gerade jetzt sehr viel in die falsche Richtung gelenkt werden kann. Ich habe das Gefühl, dass die Mitarbeiterin des Jugendamtes das genauso sieht, auch wenn sie das nicht gesagt hat.

Ich habe dem Jugendamt angeboten, dass Helena in den nächsten Tagen und auch in den nächsten Wochen bei uns ein Gästezimmer hätte. Bis zum nächsten Wochenende wolle man das Angebot in Anspruch nehmen, man müsse allerdings noch einiges mit dem Familiengericht und dem Vormund klären. Aber erstmal sei das die beste Lösung. Die Mitarbeiterin fragte mich unter vier Augen: „Darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen? Spielen Sie mit dem Gedanken, Helena dauerhaft bei sich aufzunehmen?“

Ich antwortete: „Das ist eine sehr schwierige Frage. Zuerst weiß ich nicht, was besser ist. Wenn ich für sie eine Anlaufstation in der Not sein kann, so wie ein Kind vielleicht mal zur Oma rennt, wenn es zu Hause zu viel Theater gibt, bin ich sofort dabei. Wenn ich aber wüsste, dass ich Helena damit, dass sie bei uns wohnt, vor etwas Schlimmerem bewahren könnte, dann würde ich mir später ständig Vorwürfe machen, warum ich darüber nicht nachgedacht habe. Also denke ich demnächst darüber nach. Ich weiß noch nicht, ob wir das schaffen würden.“ – „Sie sollten auf jeden Fall darüber ernsthaft nachdenken. Und sich entscheiden. Dafür oder dagegen. Helena wird diese Frage in den nächsten Tagen stellen, und dann machen Sie vieles richtig, wenn Sie ihr eine klare Antwort geben können. Nicht, ob das klappt. Sondern ob Sie sich das grundsätzlich vorstellen können.“

„Würde ich, würden Marie und ich, würden wir überhaupt eine Chance haben, Helena dauerhaft zu uns zu nehmen?“ – „Eindeutig ja. Nicht so von heute auf morgen, Regelbewerbungen können auch schon mal ein ganzes Jahr bis zu einer Entscheidung benötigen, aber grundsätzlich ist das denkbar und in so konkreter Lage mitunter auch recht schnell. Wenn sich ein organisierter Weg findet, wie Sie ein plötzliches Kind in Ihre Lebensplanung eingliedern, Sie Kurse besuchen, in denen man Ihnen die Erziehungsfähigkeit bescheinigt, Sie sich umfangreich bewerben und darin Ihre Ideen, Ziele und Möglichkeiten überprüfbar ausführen, vielleicht noch ein Backup haben, falls Sie mal die Nase voll haben, mit ergänzenden Hilfen so über die Runden kommen, dass Helena alle Betreuung bekommt, die sie braucht, Ihre eigene Behinderung nicht im Wege steht, dann sind die Chancen durchaus gut. Sie haben einen Joker in der Tasche: Sie haben nach einem Wochenende eine tiefere Bindung zu dem Mädchen aufgebaut als viele Pflegeeltern es über Jahre schaffen. Sie können es sich ja mal überlegen und mit Ihrer Familie und der Marie besprechen.“

Das werden wir tun. Erstmal habe ich mich an meinen Chef gewandt und ihn gebeten, mich für vier Wochen unbezahlt freizustellen. Für den ersten Moment guckte er mich an, als sei ich nicht zu retten, und fragte: „Da muss aber ein großer Notfall vorliegen. Ich hoffe, es ist niemand gestorben.“ – „Meine Mitbewohnerin und ich haben ein zwölfjähriges Kind vorübergehend bei uns aufgenommen, das schnellstens von seinen prügelnden Pflegeeltern weg musste und für das es keinen anderen Platz gibt. Es muss medizinisch betreut werden. Diabetes Typ 1.“ – „Kann ich dazu etwas Schriftliches bekommen?“ – „Ich kann versuchen, vom Jugendamt etwas zu organisieren.“ – „Das bräuchte ich. Vier Wochen? Schweren Herzens. Und bitte keinen Tag länger.“

Nein. Keinen Tag länger. Aber wenn ich eine Chance haben soll, dieses Chaos zu ordnen, dann geht das nicht im Schichtdienst. Und hier muss erstmal Ordnung rein. Dringend.