Tausend

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Sonst habe ich ja häufig die Schnapszahlen hervorgehoben. Aber die Tausend? Die ist schon eine Erwähnung wert. Finde ich. Auch ohne Schnaps. Tausend. Tausend Mal gepostet.

Die meisten Statistiken (welcher Beitrag wurde am häufigsten geklickt etc.) werden ja fortwährend in der rechten Spalte angezeigt. Wenn ich also etwas Neues berichten will, muss ich wohl auf die unveröffentlichten Statistiken aus dem Hintergrund zugreifen. Also:

Seit Beginn wurde mein Blog mehr als 6,2 Millionen Mal angeklickt. Und während in den ersten Tagen kein einziger Besucher auf meine neue Seite kam, waren es im ersten Monat immerhin schon gleich über 13.000 Klicks. Also rund 500 pro Tag. Im April 2012 (als mein Blog zum Besten Deutschen Blog bei „The BOBs“ gekürt wurde), klickten im Monat fast 150.000 Leute auf meine Seite. Drei Monate später waren es nur noch rund 70.000 Klicks, der Ansturm hatte sich etwas gelegt. Im Juni 2015 waren es aber immerhin wieder 142.000 Klicks, die mich erreichten, bevor ich meine Pause machte.

Aktuell wird meine Seite rund 95.000 Mal pro Monat angeklickt, an einem Beitragstag durchaus knapp 5.000 Mal, an anderen Tagen entsprechend weniger. Die meisten Leserinnen und Leser kommen übrigens aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus den Vereinigten Staaten, aus Russland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Niederlande und Schweden.

Und es scheint sehr gezielt nach mir gesucht zu werden: Die zehn häufigsten Suchanfragen sind derzeit: „Jule Stinkesocke“, „Jules Blog“, „Jule Stinkesocke Blog“, „Stinkesocke Blog“, „Jule Socke“, „Jule Blog“, „Jule-Stinkesocke“, „Jule Stinke“, „Jule Rollstuhl Blog“ und „Rollstuhl Stinkesocke Blog“.

Wer nicht direkt nach mir sucht, sucht: „Behindertenwitze“, „Fiese Witze über Behinderte“ oder … ähm … „Windelgeschichten“. Oder nach über 1.000 anderen Dingen.

Zum Beispiel nach folgendem Wortlaut: „Eine Person im Rollstuhl schafft es nach dem Überqueren der Straße nicht, mit dem Rollstuhl den Bordstein zu überwinden, um den Gehweg zu erreichen. Wie verhalten Sie sich?“ – Für einen Moment habe ich überlegt, ob das wirklich eine Prüfungsfrage ist. Habe recherchiert und herausgefunden, dass diese sogar mit 4 Fehlerpunkten bestraft wird, wenn man was falsch macht. Richtig wäre, zumindest offiziell: Warnblinker an, aussteigen, helfen.

Falsch wäre gewesen: „Ich hupe und fahre um die Person herum.“ – Also wäre ein Kumpel von mir, den ich wirklich sehr schätze, durchgefallen. Der würde hupen, das Fenster öffnen und pöbeln: „Kann der Behinderte mal zackig die Straße frei machen?“

Tausend. Nein, hätte ich vor zehn Jahren nicht gedacht. Und keine Angst: Der eintausenderste Beitrag ist schon fast fertig.

Auberginen

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Ich glaube: Eins der größten Probleme unserer Gesellschaft ist der sorglose Umgang mit Macht. Sorglos ist bereits, wer sich durch Vorurteile lenken lässt. Ja, ich weiß, davon ist niemand ganz frei. Und nein, ich weiß auch, dass statistisch gesehen mehr Jungs Fußball spielen und mehr Mädchen reiten. Vermutlich werden auch die meisten Frauen, die heute Kinder bekommen, ihre Töchter auch Fußball spielen und ihre Söhne auch reiten lassen.

Ich habe vor ziemlich genau acht Jahren von einem Freund anlässlich eines Workshops eine Botschaft gehört, die ich nach wie vor elementar wichtig finde: „Wir müssen aufpassen, dass nicht wir es sind, die den ersten Stein legen für eine Mauer, die später mal jemanden tatsächlich behindern wird.“

Ich bin erschrocken darüber, welche Kommentare ich zu meinem letzten Beitrag lesen musste. Einige waren so schlimm, dass ich sie nicht veröffentlichen will. Einige habe ich gelöscht.

Insbesondere wurde mehrmals indirekt gefragt, ob man über Gewalt, die mir oder einem Dritten angetan wird, sprechen soll. Meine Haltung dazu: Unbedingt! Ein Täter, der regelmäßig seine Überlegenheit durch die Anwendung von Gewalt demonstriert, kann (in unserer Gesellschaft) nur im Verborgenen agieren. Er ist nur deshalb verborgen, weil Geschädigte sich nicht trauen zu sprechen. Selbstverständlich muss man klug handeln und sicherstellen, dass ein Täter, der aus dem Verborgenen geholt wird, keinen Zugriff mehr auf die geschädigte Person hat. Aber so etwas gehört nicht verschwiegen und nicht verheimlicht. Damit unterstütze ich den Täter.

Es wurde mehrmals geschrieben, dass ich mich mit Helena überfordern würde und bloß die Finger von einem Kind lassen soll, das schon eine solche Vergangenheit hat. Ja, tatsächlich, es kann sein und es ist aus Statistikersicht bestimmt hochwahrscheinlich, dass Helena bereits einen Knacks hat. Aber: Es war nicht die Rede davon, dass ich sie adoptieren möchte. Wenn sie sich die Chance verbaut, vielleicht weil sie Dinge tut, die ich nicht tolerieren möchte, dann verbaut sie selbst sich ihre Chance. Aber ich werde weder aus Vorurteilen noch aus Angst eine ausgestreckte Hand wieder einziehen. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn hier zwei Nächte jemand pennt, der zu Hause geschlagen und mit Messern beworfen wird. Ich weiß um die Polemik des letzten Satzes.

Die zahlreichen Warnungen, das Kind gegen den Willen der Pflegefamilie bis Montag bei mir zu behalten, habe ich ebenfalls zur Kenntnis genommen. Soweit sie fürsorglich und freundlich gemeint waren, bedanke ich mich. Ansonsten muss ich aber sagen: Kein Gesetz kann von mir verlangen, ein Kind in einen Haushalt zu geben, in dem gewohnheitsmäßig körperliche und psychische Gewalt angewendet wird. Auch wenn sie vielleicht in den nächsten sieben Tagen nicht geschlagen wird, wer garantiert mir, dass die Pflegemutter nicht am Wochenende die freie Zeit für ein Pläuschchen genutzt hat, bei dem sie Dinge erfahren hat, die sie wieder Messer werfen lässt?

Ganz sicher werde ich Helena nicht verstecken. Sondern ich habe die Pflegeeltern inzwischen angerufen und ihnen gesagt, dass ich Helena erst am Montagvormittag vorbei bringe, weil ich in der Stadt, in der Helena wohnt, sowieso noch etwas zu erledigen habe. Die Pflegemutter war damit einverstanden. Sie wird also nicht plötzlich die Herausgabe des Kindes verlangen, sondern sei froh, dass sie noch eine weitere Nacht Ruhe hat. Und alle anderen Instanzen sind erst am Montag wieder ansprechbar. Sie in die Hände eines Notdienstes zu geben, kommt nicht in Frage, da keine akute, sondern nur eine latente (dafür aber erhebliche) Gefahr besteht. Das emotionale Verhältnis zu den Pflegeeltern, die die gesamte familiäre Beziehungssituation und die Kommunikationsebene zwischen Pflegeeltern und Helena sind so schwer gestört und laufen der Entwicklung des Kindes in so erheblichem Maße zuwider, dass ich mein Handeln für notwendig und angemessen halte. Zu dieser Einschätzung komme ich nicht nur anhand der Geschichten, die Helena erzählt, und deren Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar ist. Hinzu kommt, dass sie in irgendeiner Notunterkunft vermutlich gar nicht korrekt medizinisch versorgt werden könnte und damit vermutlich in eine Klinik verlegt werden würde. Das alles ist unverhältnismäßig gegen einen um mehrere Stunden verlängerten, genehmigten Besuch in den Schulferien.

Ich werde auch weiterhin das Angebot machen (nicht Helena, sondern dem Jugendamt bzw. dem Vormund), dass Helena zunächst hier bleiben kann, bis eine geeignete Lösung gefunden ist. Ich rechne mit ein bis zwei Wochen und ich weiß zwar noch nicht, wie ich das mit meinem Job arrangieren kann, aber es wird schon einen Weg geben. Vielleicht findet sich aber auch etwas, was Helena hilft, ohne dass ich daran beteiligt bin. Selbstverständlich kommt sie morgen mit, wenn ich zum Jugendamt fahre.

Helena und Marie sind gerade in der Küche. Zum Mittagessen kochen beide ein Lieblingsgericht von Helena: Gedünstete Auberginen- und Möhrenscheibchen, selbst gemachte Kartoffel-Ecken, in Olivenöl gebratenes gewürztes Hühnerfleisch und dazu Tzaziki. Ich bin sehr gespannt. Heute morgen waren wir zu dritt an der Ostsee (wobei man eigentlich zu viert sagen muss, weil Maries Hund auch dabei war) und haben bei etwas kühlerem Wind in den warmen Wellen gebadet. Wir hatten ein aufblasbares Stand-Up-Board dabei, Helena bekam eine Schwimmweste an. Es hat alles sehr gut funktioniert. Die Hündin, die von Natur aus sehr kritisch gegenüber allen neuen Menschen ist, hat sich von Helena eine Viertelstunde lang den Bauch kraulen lassen und sich dazu komplett auf den Rücken gelegt. Sie scheint ihr zu vertrauen. Marie und ich tun das auch.

Uff.

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Ich habe es befürchtet. Ich hatte es im Gefühl. Und nicht nur ich, sondern auch Marie. Helena, die seit gestern abend bei uns ist, bekommt nicht nur kein Eis oder wird von den mit ihr im Haushalt lebenden leiblichen Kindern ihrer Pflegeeltern ausgegrenzt, sondern ich kann (und muss) hier davon ausgehen, dass ihre persönliche Entwicklung innerhalb dieser Pflegefamilie erheblich beeinträchtigt ist.

Daraus ergibt sich ein großer Konflikt, und das meinte ich in meinem letzten Beitrag, als ich befürchtet hatte, Helena mit meinem (unserem) Angebot, hin und wieder mal ein Wochenende „raus“ zu kommen, einen Bärendienst zu erweisen: Ich bin aus beruflichen Gründen zur Anzeige verpflichtet. Mit allen Konsequenzen: Hat sie mich, was ich nicht glaube, angelogen und mir gleich am ersten Abend großen Mist erzählt, gibt es wohl kaum noch eine Basis für ein künftiges Miteinander. Stimmt es, was sie erzählt hat, und daran habe ich keine Zweifel, wird das Jugendamt sie nicht mehr zu den Pflegeeltern zurück lassen. Behalte ich für mich, was ich weiß, gebe ich Helena in Gefahr, mich wird mein Gewissen auffressen und ich verliere unter Garantie meine Approbation.

Glücklicherweise habe ich ihr nicht versprochen, niemandem von dem zu erzählen, was sie mir erzählt hat. Sonst hätte ich jetzt nicht nur ein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern auch noch einen ernsthaften Loyalitätskonflikt. Vielleicht wünscht Helena sich hintergründig sogar, dass sich etwas verändert, und weiß nicht, wie sie es anstellen kann. Sie saß mit mir und Marie auf dem Sofa. Sie ist extrem kuschelbedürftig. Sie hat mir von sich aus unter anderem von einem Gewaltausbruch der Mutter erzählt, die an einer Küchenschublade stand und insgesamt drei Brotmesser (also jene, mit denen man sich ein Brot bestreicht) gezielt nach ihr geworfen haben soll. Als Reaktion darauf, dass Helena ihr frech ins Gesicht gelogen haben will. Weil Helena schnell weglief und die Tür hinter sich zuwarf, sei sie nicht getroffen worden. Der Vorfall soll vier Monate her sein.

Angeblich habe Helena irgendeine Hausaufgabe für die Schule falsch oder gar nicht erledigt und in der Folge vom Lehrer eine weitere Aufgabe bekommen, die sie am nächsten Tag zu Hause erledigen sollte. Also sinngemäß: „Aufgabe 1 und 2 solltest du zu heute anfertigen, das hast du von deiner Banknachbarin abgeschrieben, also machst du zu morgen die Aufgaben 3 und 4 zusätzlich.“ – Über die Mutter einer Mitschülerin (die im Gegensatz zu Helena offenbar alles zu Hause erzählt) habe Helenas Pflegemutter beim Einkaufen davon Wind bekommen, Helena zu Hause mit dem Sachverhalt konfrontiert, und als Helena abgestritten habe, eine „Strafarbeit“ aufgebrummt bekommen zu haben, habe die Pflegemutter sich derart über die wiederholte Lügerei von Helena echauffiert, dass sie zusätzlich zu ihrem Gebrüll auch noch Brotmesser in ihre Richtung geworfen habe. Über Strafarbeiten kann man sicherlich schon unterschiedlich denken, aber wieso bekommen solche Menschen ein Kind zur Erziehung anvertraut?!

„Hast du jemals jemandem davon erzählt?“, wollte ich wissen. Helena antwortete: „Wenn ich das Frau [vom Jugendamt] erzählt hätte, hätte sie mich gleich in eine Wohneinrichtung gesteckt. Dann wäre ich vom Regen in die Traufe gekommen, denn da geht richtig die Post ab. Da will ich auf keinen Fall hin.“ – „Und in der Schule, niemandem davon erzählt? Einer Vertrauenslehrerin?“ – Sie schüttelte den Kopf. Ich fragte weiter: „Kannst du beweisen, dass deine Pflegemutter mit Messern geworfen hat?“ – „Ja. Ich hab Fotos gemacht, als ich alleine war, von den Kerben in der Wand neben der Tür. Die sind auch noch nicht repariert.“ – „Was hat denn dein Pflegevater dazu gesagt, hat er das mitbekommen?“ – „Natürlich, das war ja ein Höllenlärm. Er hat mich gefragt, ob es mir gut geht und gesagt, dass seine Frau manchmal einen kleinen Knall hat, ich soll mir nicht zu viele Gedanken machen, das renkt sich schon wieder ein. Dann haben sie sich gestritten und er hat eine Kaffeekanne gegen die Wand geworfen.“ – „Wo waren deren Kinder, als dieses Theater war?“ – „Im Wohnzimmer. [Die ältere] hat zu mir gesagt: ‚Was hast du nun schon wieder angestellt? Du machst unsere ganze Familie kaputt. Wir hassen dich.'“

„Ist er auch gewalttätig?“ – „Er hat mir mal mit einem Kleiderbügel auf den Po gehauen.“ – „Mit einem Kleiderbügel?“ – „Ja, so einen aus Plastik, der ist dabei zerbrochen und dann hat er mit der Hand weitergemacht. Er hat sich aber hinterher bei mir entschuldigt und mir 100 Euro Schmerzensgeld gegeben. Die habe ich aber nie ausgegeben, die liegen noch immer [in einem Versteck]. Die gebe ich auch nicht aus.“ – „Hat er das nochmal gemacht?“ – „Nein, aber ich bekomme von meiner Pflegemutter manchmal eine Ohrfeige. Aber das ist nicht so schlimm wie das mit dem Kleiderbügel. Das tat schon sehr weh.“

Ich kenne Helenas Vergangenheit nicht. Ich weiß nicht, was sie schon so alles „auf dem Kerbholz“ hat. Konnte ich ausschließen, dass das, was sie mir hier erzählte, nur eine weitere Lügengeschichte einer Zwölfjährigen ist? Es gibt tatsächlich Kinder, die sich haarsträubende Geschichten ausdenken (und dabei nicht überblicken, dass das Konstrukt schon bei nächster Gelegenheit einstürzt). Teilweise sind nicht einmal Motivationen dafür erkennbar. Auf logischer Ebene nicht. Auf emotionaler schon. Chronisches Lügen ist behandlungsbedürftig. Ich fragte sie direkt: „Warum lügst du?“ – Ihre Antwort passte zunächst zur chronischen Lügerei: „Ich lüge nicht! Das ist die Wahrheit!“

Marie sagte: „Jule hat nicht gemeint, dass du jetzt lügst. Sondern sie wollte wissen, warum du deine Pflegemutter anlügst. Zum Beispiel als das mit den Messern war.“ – „Achso. Okay, pass auf, ich erkläre es dir, Jule. Darf ich dir vorher eine Gegenfrage stellen? Oder zwei?“ – „Klar.“ – „Hast du schonmal gelogen?“ – „Ja.“ – „Okay. Und hast du früher in der Schule mal heimlich die Hausaufgaben von jemandem abgeschrieben?“ – „Sicher. Mehr als einmal.“ – „Ist das schlimm?“ – „‚Schlimm‘ würde ich es nicht nennen, es ist blöd, weil man davon nicht so viel lernt als wenn man es selbst im Kopf herleitet und überlegt.“ – „Was würdest du mit deiner Tochter machen, wenn sie 12 ist und dir erzählt, dass sie Hausaufgaben abgeschrieben hat?“ – „Machen? Gar nichts. Ich wünsche mir, dass wir darüber plaudern könnten. Ich würde ihr erzählen, wie das bei mir früher war. Und ich würde versuchen, eine Lösung zu finden, dass sie künftig ihre Hausaufgaben macht. Warum hast du sie denn nicht gemacht?“ – „In dem Fall hatte ich das einfach vergessen. Und erst am Morgen gedacht: Scheiße, wo krieg ich das jetzt noch schnell her? Aber manchmal hab ich auch einfach keinen Bock. Bei dir kann ich das auch zugeben. Oder bei Marie. Bei meiner Pflegemutter kann ich das nicht. Sie würde gleich ausrasten. Da lüge ich dann, weil ich keinen Bock auf Ausraster habe. Und auf Strafen.“ – „Aber wenn das dann später rauskommt, ist das dann nicht viel schlimmer, weil du zusätzlich gelogen hast?“ – „Nein. Jede Chance, dass was nicht rauskommt, ist es wert, zu lügen.“

Sie fragte Marie: „Hast du deine Eltern früher angelogen?“ – „Eigentlich nicht. Mit meiner Mama konnte ich über alles reden und mit meinem Papa eigentlich auch.“ – „Das muss so schön sein. Einfach mal was falsch gemacht haben und dann eine zweite Chance bekommen ohne Strafe oder dass dich jemand lächerlich macht.“ – „Machst du oft etwas falsch?“ – „Ich versuche, immer alles richtig zu machen. Aber das ist sehr anstrengend und manchmal gelingt es mir einfach nicht. Manchmal möchte ich auch einfach nur etwas ausprobieren.“ – „Was zum Beispiel?“ – „Tanzen. Nicht gleich Tanzsport. Sondern ich habe mir im Internet ein paar Moves zu einem Song angeschaut. Und habe die bei mir im Zimmer nachgemacht. Mein Pflegevater kam rein und sagte, ich bewege mich wie ein Epileptiker beim Krampfanfall.“ – „Sollte das witzig sein?“ – „Nein, er hat mir später sogar verboten, damit weiterzumachen. Ich sollte die Musik abstellen, die nervt, und mir ein vernünftiges Hobby suchen. Ich gebe zu, die Musik war etwas lauter.“

Eigentlich müsste ich sie morgen abend zurück zu ihren Pflegeeltern bringen. Und Montag morgen arbeiten. Ich bekomme Montag morgen frei, das habe ich eben klären können. Bleibt nur zu hoffen, dass die Pflegeeltern keinen Aufstand proben, wenn ich sie nachher anrufe und mit wenigen Worten sage, dass wir Helena erst am Montagmorgen zurückbringen. Denn Montagmorgen werde ich zunächst dem Jugendamt anbieten, dass sie bis auf Weiteres hier bleibt. Ich weiß noch nicht, wie ich das leisten kann, schließlich kann ich mir nicht gleich in der ersten vollen Arbeitswoche frei nehmen, aber mir fällt schon etwas ein. Natürlich sage ich den Pflegeeltern noch nichts davon. Und ich hoffe, Helena wird nun nicht von einer Jugendeinrichtung in die nächste verschoben.

Wir werden heute zum Badesee fahren und zu dritt einen tollen Tag verbringen. Wir werden heute abend zu Hause grillen und vorher gemeinsam Salate schnibbeln … ich freue mich. Jetzt erstmal gemeinsam frühstücken. Mir raucht der Kopf.

Helena

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Ich kann nicht die Welt retten. Das weiß ich. Aber vielleicht kann ich sie ein wenig besser machen? Das weiß ich nicht. Ich weiß derzeit wirklich nicht, ob ich Helena einen Gefallen tue, oder ihr einen Bärendienst erweise, wenn ich mich um sie ein wenig kümmere. Helena ist, alten Prinzipien folgend, nicht ihr richtiger Name, und ich habe bisher auch noch nicht über sie geschrieben.

Marie und ich haben Helena im Sommer 2017 an einem Badesee getroffen. Sie war mit ihren beiden Geschwistern und ihren Eltern dort, um die wenige Sonne zu genießen und im seinerzeit eher kalten Wasser ein paar Runden zu schwimmen. Wobei eigentlich nur Helenas Schwestern schwammen. Helena selbst saß auf einer Bank und las ein Buch, während ihre (jüngeren) Schwestern im Wasser planschten. Erst als Marie und ich mit unseren Rollstühlen auf einen Steg fuhren und an dessen Ende ins Wasser kletterten, wurde sie auf uns aufmerksam. Sie sprach uns aber nicht an, sondern packte ihr Buch weg und setzte sich hinter unsere Rollstühle auf den Steg und beobachtete uns.

Wir schwammen eine ganze Zeit. Als wir zum Steg zurückkehrten, saß Helena noch immer hinter unseren Rollstühlen und beobachtete uns. Ich schätzte ihr Alter auf 10 Jahre. Es ist nicht neu, dass wir für einige Menschen eine Attraktion sind. Wenn Kinder sich an mir festgucken, spreche ich sie irgendwann an. Warum geglotzt werde, ob das spannend sei oder ob das Kind Fragen habe, sind dabei keine guten Ansätze um zu vermitteln, dass Menschen mit Behinderung keine Außerirdischen sind. „Na, alles klar bei dir?“, fragte ich. Helena nickte schüchtern. „Gehst du nicht schwimmen?“, fragte ich weiter. Helena schüttelte den Kopf. „Das Wasser ist sehr erfrischend“, fügte Marie hinzu. Helena sagte leise, schüchtern die Finger verknotend und mit der Hüfte hin und her wackelnd: „Ich kann nicht schwimmen.“

What? Okay. Dass manche Kinder keinen Zugang zum Schwimmunterricht bekommen, soll ja vorkommen. Aber dass Helena nicht wenigstens sagte, sie könne noch nicht schwimmen, fand ich bemerkenswert. Das schien ja gerade so, als hätte sie sich damit abgefunden. Ich erwiderte: „Möchtest du es denn noch lernen?“ – Sie antwortete: „Ich kann es nicht lernen. Ich bin auch behindert.“

Ich dachte spontan an irgendwelche Erkrankungen, bei denen man kurzfristig das Bewusstsein verliert, vielleicht bekam sie Krampfanfälle, die gerade im kalten Wasser provoziert werden könnten. Ich fragte: „Okay?! Was für eine Behinderung hast du denn? Darf ich das wissen?“ – Sie nickte. „Ich habe eine Cerebralparese. Und Diabetes.“ – Die Cerebralparese konnte nur sehr gering ausgeprägt sein, denn sie lief barfuß ohne jedes Hilfsmittel, Armbewegungen und Sprache waren auf den ersten Blick auch nicht auffällig. Vielleicht war der Diabetes so schwierig einzustellen, dass sie bei Anstrengungen gerne mal unterzuckert. Aber deswegen nicht schwimmen zu lernen? – „Okay, Socke, es wird schon einen guten Grund geben, nicht so kritisch sein“, dachte ich mir.

Marie und ich legten uns auf den Rasen, Helena setzte sich wieder auf die Bank, nahm ihr Buch, las aber nicht, sondern schaute verträumt zu uns herüber. Die beiden Geschwister durften sich ein Eis holen, Helena hatte keins. Ich habe nicht mitbekommen, ob sie keins wollte oder ob die Eltern es nicht auf die Reihe bekamen, wie man das mit Diabetes löst. Die Eltern und die beiden jüngeren Geschwister alberten auf einer Decke herum, Helena saß still auf der Bank und beobachtete uns.

Eine Stunde später wollten wir noch einmal ins Wasser. Sobald wir uns vom Rasen in den Rollstuhl setzten, packte Helena ihr Buch weg und wollte uns folgen. Ich blieb stehen. Helena guckte mich an. Ich fragte sie: „Na, willst du jetzt mit ins Wasser?“ – Sie schüttelte den Kopf und schaute ihre Eltern an. Ich merkte, dass sie gerne gesagt hätten, Helena habe eine Behinderung. Aber angesichts unserer Rollstühle trauten sie sich das wohl nicht. Ich weiß es nicht. Die Mutter sagte: „Wenn du ins Wasser möchtest, ziehst du dir Schwimmflügel an.“ – Eigentlich wollten wir schwimmen. Ich schaute Marie an. Marie nickte. Ich sagte zu Helena: „Na komm. Wir planschen eine Runde.“

Im Wasser taute sie völlig auf. Sie konnte wirklich nicht schwimmen. Und ich wollte auch nicht die Schwimmflügel entfernen, was aber sicherlich kein Problem gewesen wäre. Fast jeder Mensch kann auf dem Rücken liegend im Wasser treiben, vor allem mit einer helfenden Hand unter dem Rücken. Sie versuchte etliche Schwimmbewegungen, und eigentlich sah das alles auch ganz gut aus. Ich war mir sicher, sie könnte das Schwimmen erlernen, wenn man ihr das nur zutrauen würde. Sie tobte mit uns im Wasser, hatte sehr schnell überhaupt keine Berührungsängste mehr, holte erst einen Tennisball ins Wasser, den wir uns gegenseitig zuwarfen, später versuchte sie, uns unterzutauchen und klammerte sich immer wieder an uns. Mal hatte ich sie am Rücken kleben, mal umarmte sie mich, bei Marie dasselbe.

Dann begann sie zu erzählen. Dass sie hier Urlaub machen würden. Dass sie nur ein Pflegekind sei und ständig schlechter behandelt werde als die leiblichen Kinder, dass ihr Diabetes ständig als Rechtfertigung für irgendwelche Verbote herhalten müsse. Manchmal würde sie am liebsten alles, was den Diabetes betrifft, einfach in den nächsten Mülleimer werfen. Bevor sie mehr erzählen konnte, rief der (Pflege-) Vater sie aus dem Wasser. Ich vermute, er hat das Gespräch oder Teile daraus mitgehört. Helena sei kalt, sagte er, sie solle sich abtrocknen, man wolle nach Hause. Marie und ich beachtete er mit keinem Blick. Sie verabschiedete sich und ging davon. Marie und ich unterhielten uns noch eine Weile über Helena, verdrängten aber letztlich unsere vielen Fragen, schließlich würden wir sie wohl nie mehr wiedersehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Vor rund sechs Wochen waren Marie und ich erneut an diesem See. An einem Wochenende. Und wen trafen wir? Richtig, Helena. Ein Jahr älter, sehr viel größer geworden. Wir waren noch nicht aus dem Auto ausgestiegen, da kam sie angeflitzt, umarmte mich so heftig, dass ich fast mitsamt dem Rollstuhl umkippte. Marie saß noch im Auto, als sie die Tür öffnete, hüpfte Helena ihr auf den Schoß und umarmte auch sie. „Ich habe so gehofft, euch wieder zu treffen“, sprudelte es aus ihr heraus. „Als zu Weihnachten klar wurde, dass wir wieder hierher in den Urlaub fahren, habe ich mir das ganz fest gewünscht und es ist wirklich in Erfüllung gegangen.“

Ich wusste nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen konnte angesichts der lauten Alarmglocken, die in meinem Kopf bimmelten. Dieses Mal war nur die Mutter mit den drei Kindern am See. Wieder bekamen nur die beiden anderen Kinder ein Eis, wieder durfte Helena nur mit Schwimmflügeln ins Wasser, wieder erzählte sie uns, wie blöd es zu Hause lief. Die Eltern würden ganz klar kommunizieren, dass Helena nicht ihr eigenes Kind sei und die drei Kinder unterschiedlich behandeln. Inzwischen würden auch die beiden leiblichen Kinder Helena systematisch ausgrenzen. „Hast du schonmal mit jemandem darüber gesprochen?“, wollte Marie wissen.

Helena antwortete: „Das Jugendamt sucht seit Monaten für mich eine neue Familie. Frau …, das ist die Frau, die für mich zuständig ist, sagt aber, dass es ganz schwierig ist, eine neue Familie zu bekommen, weil ich schon 12 bin und das ein schwieriges Alter ist. Für eine Jugend-WG bin ich noch zu jung. Ich könnte in eine Betreuungs-Einrichtung, aber da möchte ich auf keinen Fall hin, lieber halte ich meine Pflege-Eltern aus. Die wissen natürlich auch, dass ich weg will, und deshalb kümmern die sich auch nur noch um das Nötigste.“

„Hast du niemanden, den du mal besuchen kannst, so dass du mal ein Wochenende da raus kommst und etwas anderes siehst?“ – Helena schüttelte den Kopf: „Das dürfte ich auch gar nicht. Meine Pflegeeltern wollen das nicht.“ – Am Ende des Tages gab Marie ihre Handynummer an Helena. Damit sie wen anrufen könne, wenn es ihr schlecht ging. Da Helena kein Handy dabei hatte, schrieb Marie ihr die Nummer auf ein Stück Papier. Ich sprach inzwischen mit der Pflegemutter, fragte sie, ob es nicht möglich wäre, dass Helena schwimmen lernt. So sehr wie sie im Wasser aufblühe. Keine Chance, das Kind sei behindert und eigentlich wolle man mit mir auch nicht reden.

Vor inzwischen drei Wochen ist es mir gelungen, die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes telefonisch zu erreichen. Sehr lange habe ich mit Marie und auch mit Maries Eltern darüber gesprochen, ob wir diesen Kontakt suchen sollten. Maries Eltern fanden, wir sollten das unbedingt tun. Die Mitarbeiterin war gleich sehr freundlich und meine Befürchtung, sie würde mich gleich mit ihrer Schweigepflicht konfrontieren, war unbegründet. Sie erzählte zwar nichts über Helena, aber ich schilderte ihr meinen Eindruck und bat an, dass Helena gerne für ein Wochenende oder auch mal für eine Woche zu uns kommen könnte, um mal aus der Situation herauszukommen. Je nach Erfolg vielleicht auch mehrmals, vielleicht auch regelmäßig einmal pro Monat.

„Wären Sie denn grundsätzlich bereit, Helena als Pflegekind aufzunehmen? Soll das eine Art Probewohnen werden?“ – „Marie und ich führen keine Beziehung, sind beide voll berufstätig. Für ein dauerhaftes Pflegeverhältnis sind wir eher nicht die richtige Wahl. Aber vielleicht für einen monatlichen Lichtblick, etwas Positives, mal raus kommen.“

Ich zweifelte einen Moment, ob die Dame sich überhaupt mit solchen Dingen beschäftigen wollte und konnte. Aber sie war sofort sehr angetan. Meine Befürchtung, die Pflegeeltern könnten dem nicht zustimmen, zerstreute sie: „Das Sorgerecht liegt nicht bei den Pflegeeltern.“ – In der letzten Woche rief mich die Mitarbeiterin zurück. Man habe mit Helena gesprochen und sie würde sehr gerne und am liebsten sofort für ein Wochenende zu uns kommen. In den Schulferien sei das auch kein Problem. Wir müssten jedoch zustimmen, dass sich das örtliche Jugendamt zunächst ein Bild von unseren Lebensverhältnissen macht. Also einen Hausbesuch veranstaltet. Und es müsse sichergestellt sein, dass Helena ihre Medizin bekomme. Das sei etwas kompliziert. Ich sagte: „Wenn Sie nur den Diabetes meinen, das bekomme wir wohl zusammen hin.“ – Ich erwähnte, welchen Beruf ich ausübe.

Der Hausbesuch war heute morgen. Helena darf am Wochenende zu uns. Man habe keine Bedenken und begrüße unsere Idee ausdrücklich. Nur ich weiß derzeit, wie gesagt, wirklich nicht, ob ich Helena einen Gefallen tue, oder ihr einen Bärendienst erweise, wenn ich mich um sie ein wenig kümmere. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich wünsche mir, dass Marie und ich ihr helfen können. Wir werden sie am Freitagabend mit dem Auto von ihrem Zuhause abholen. Es sind knapp über 100 Kilometer pro Strecke.