Nudelsuppe

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Ich bin derzeit Fan von ‚in medias res‘, und so schreibe ich nicht von einem stressigen Frühdienst mit mal wieder unterbesetzter Schicht, kranken Kindern und Jugendlichen und einer aus Kapazitätsgründen irgendwie kaum stattfindenden Facharztausbildung, sondern von einem 16 Jahre alten Jungen, der in Bauchlage vor mir auf dem Tisch liegt und am oberen Rücken einen 14 Zentimeter langen Schnitt hat, den er sich angeblich beim Herumtollen in der Küche selbst zugezogen haben soll, nachdem er nackt (!) auf das zuvor hinabgeworfene Messer gefallen sei. Ich muss keine Rechtsmedizinerin sein, um zu wissen, dass das so nicht stimmen kann. Wenn jemand auf ein am Boden liegendes Messer fällt, zieht er sich keinen 14 Zentimeter langen, geraden, völlig oberflächlichen Cut zu.

Socke hat ja dazugelernt und informiert ihre Oberärztin. Die ist extrem genervt. Zum Vater kann der Junge keine Angaben machen, die Mutter sei arbeiten. Die Wunde habe seine Freundin vorsorglich verbunden und ihn hierher geschickt. Sie mache eine Ausbildung in der Pflege. Anweisung: Wundversorgung, Tetanusschutz prüfen, Bericht schreiben, entlassen. Dritte werden nicht informiert. Er sei alleine gekommen und könne auch alleine wieder gehen. Es sei zwar ungewöhnlich, aber nicht maßnahmebedürftig. Vielleicht hat er sich geritzt oder hat irgendwas ausprobiert. Super. Es fällt mir in solchen Fällen wirklich schwer, nach Anweisung zu arbeiten. Aber ich werde die Anweisung zumindest in der Akte dokumentieren. Und selbst dabei muss man ja vorsichtig sein.

Während ich beginne, die Wunde zu versorgen, frage ich den Jungen nochmal: „Was war denn das für ein Messer, das dich da geschnitten hat?“ – „Ich möchte kein Aids bekommen.“ – „Wieso solltest du Aids bekommen?“ – „Das möchte ich nicht, klaro?“ – „Klaro. Und was war das jetzt für ein Messer?“ – „Geht es bald mal weiter? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit für den Scheiß hier.“ – „Warum bist du so aggressiv? Wir helfen dir hier nur, aber das dauert nunmal seine Zeit.“ – „Ich möchte kein Aids bekommen.“ – „Von mir bekommst du es nicht.“ – „Sind Sie bald fertig?“ – „Jetzt entspann dich mal, das Tempo geb ich vor. Klar?“

Klar. Was hatte der Junge mit seinem Aids? Der war doch nicht nur aufgeregt. Während ich die Wunde versorgte, war er extrem unruhig und führte Selbstgespräche. „Das geht so nicht, alles klar, das geht so nicht, mach weiter, du bist nicht gemeint, das sind meine Schuhe, wo ist der Hinweis, ich bin nicht im Bild.“

Als ich mit der Wunde gerade fertig war, musste ich sofort zur nächsten Patientin. Also musste der junge Mann noch weiter auf seinen Brief warten. Und ich wollte, dass sich meine Oberärztin den jungen Mann noch einmal anschaute, insbesondere wegen der auffälligen psychischen Verfassung. Als ich eine Viertelstunde später wieder in sein Behandlungszimmer rollte, – Vorsicht: Eklig! – wehte mir Gestank entgegen. Der Grund war schnell ausgemacht: Jemand hatte eine Wurst auf den Fußboden gelegt. Und nein: Sie stammte nicht von einem Hund.

Dass bei jemandem was in die Hose geht, kommt hin und wieder mal vor. Dass sich jemand übergibt, auch. Aber sowas hatte ich in den letzten sechs Jahren so noch nicht. Ich rollte sofort wieder hinaus und holte eine Pflegekraft hinzu. Sprach den Patienten an: „Was ist das hier auf der Erde?“ – „Das war der Nachbar über mir. Der scheißt immer in den Topf und dann spült er die ganze Nudelsuppe zu mir runter.“ – „Ich frag dich jetzt mal was Persönliches: Warst du schonmal in der KJP?“

Ganz bewusst habe ich nicht Kinder- und Jugendpsychiatrie gesagt. Ich wollte natürlich wissen, ob er die Antwort gibt, bevor er fragt, was das ist. Er antwortete: „Ich war in [Stadt, in der ein großes psychiatrisches Krankenhaus steht].“ – Aha. Also gibt es eine einschlägige Vorgeschichte. Ich möchte, dass sich ein psychiatrischer Kollege den jungen Mann anschaut, um eine akute Psychose auszuschließen. Und ich werde ihn nicht alleine entlassen. Egal, welche Anweisung ich bekomme.

Am Ende stellte sich heraus: Der junge Mann lebt mir seiner Mutter zusammen, die angerufen wurde und sofort in die Klinik kam. Sie war völlig entsetzt und überfordert. Arbeitet halbtags, dachte, er wäre in der Schule. Eine Freundin habe er eigentlich gar nicht. Glaubt zumindest die Mutter. Selbst kann er sich aber nicht so verbunden haben. Lauter Ungereimtheiten. Die Mutter hatte mitbekommen, dass er „mal wieder etwas schräg drauf“ ist, er hat ihr aber versprochen, seine Medikamente zu nehmen. So schlimm wie heute sei es gestern noch nicht gewesen. Am Ende stimmten alle zu, dass er sich stationär in der Klinik aufnehmen lässt, in der er zuletzt bereits wegen seiner Psychose behandelt wurde. Und was sagt meine Oberärztin? Nichts. Also wohl mal wieder alles richtig gemacht.

Kampf-Lesbe

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Im Jahr 2018 werden junge Schüler gefragt, wie eine Familie entsteht. Laut dem inzwischen vorliegenden Lösungsmuster gibt es die volle Punktzahl bei: „Ein Mann heiratet eine Frau und zeugt ein Kind mit ihr.“

Ich finde, dass nicht nur die Schüler Fehler machen dürfen. Ich hätte es stark gefunden, wenn die Lehrerin, die nicht mehr die Jüngste ist, etwas nachliest und sich eingesteht, dass ein großes Stück gesellschaftliche Entwicklung unbemerkt an ihr vorbei gezogen ist. Sie war in einem Trott, hat jedes Jahr dieselben Tests geschrieben, ist vielleicht schon lange ausgebrannt … keine Ahnung.

Da mit ihr nicht zu reden war und sie mich, obwohl ich super freundlich war und ihr diverse diplomatische Brücken am Telefon gebaut habe, fragen musste, ob ich „eine kleine Kampf-Lesbe“ sei, habe ich mich anschließend direkt mit dem Schulleiter unterhalten. Das fand ich echt unglaublich und irgendwann ist dann auch mal Schluss. Seine Meinung: „Ich kann der Kollegin ihre Ansicht von Partnerschaft und Familie nicht vorschreiben. Aber die darf nicht der Maßstab für eine Leistungsbeurteilung sein.“

Danke. Mehr wollte ich gar nicht hören. Die Tatsache, dass Fragen wie beispielsweise nach der Funktionsweise der Temperaturmethode nur zwei Punkte gaben, während das vorgenannte Familienbild mit fünf Punkten bewertet wird, unter Ausschluss sinnvoller Antworten, lässt in mir die Vermutung aufkommen, dass hier nur die Sonne scheint, wenn alle Kinder ihren Teller homophobe Grütze mit Milch brav aufgegessen haben.

Nein, das mit der Kampf-Lesbe habe ich nicht gepetzt. Darüber kann ich auch alleine laut genug lachen. Ich gehöre zwar auch zu jenen Menschen, die nicht jeden gendersensiblen Formulierungsvorstoß passend finden. Allerdings: Eine Lehrkraft, die meine vermutete Homosexualität auf beleidigende Weise an völlig unpassender Stelle thematisiert, verhält sich übergriffig. Bevor sie da nicht an sich arbeitet, wäre ich strikt dafür, den Sexualkunde-Unterricht künftig anderen Personen zu übertragen.

„Rapunzeln“ kam übrigens nicht von ihr sondern von Helena. Ich muss gestehen, ich finde diese Umschreibung irgendwie süß.

Und während ich nach Dienstschluss in meiner Alltagskleidung im Krankenhausflur stehe und auf den Aufzug warte, sehe ich beim Blick aus dem Fenster einen wunderschönen Sonnenuntergang. Hinter mir sprechen zwei ältere weibliche Subjekte: „Oh nein, die arme Frau. Das ist ja nun wirklich kein Leben mehr.“

Ich drehe mich um, möchte wissen, ob ich gemeint sein könnte. Oder ob sich vielleicht zwei Kolleginnen einen Scherz mit mir erlauben. Ich bin gemeint. Und es sind weder Kolleginnen, noch ist es ein Scherz. Bevor ich überlegen kann, ob ich darauf etwas erwidere, fragt mich diejenige, die schon den ersten Spruch rausgehauen hatte: „Wie lange geben Ihnen die Ärzte denn noch?“

Ich habe einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt, im Vorbeirollen ein paar Backpfeifen zu verteilen, bevor ich mich dann doch wieder dem wunderschönen Sonnenuntergang zugewandt und die blöden Schrippen alleine mit dem Aufzug vorweg fahren lassen habe. Man soll sich ja nicht provozieren lassen. Und ich glaube, sie wollten mich provozieren. Denn so kaputt sehe ich nun wirklich nicht aus, dass man denken könnte, mein Ableben stünde unmittelbar bevor.

Rapunzeln

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Unsere konzeptionelle Bewerbung für Helena haben wir Mitte dieses Monats offiziell eingereicht. Die formellen Voraussetzungen erfüllen wir, das örtliche Jugendamt hat keine Bedenken, Maries Eltern haben schriftlich zugesagt, uns bei Bedarf zu unterstützen, in der Schule und der anschließenden Tagesbetreuung gibt es keine nennenswerten Probleme, der Vormund ist „grundsätzlich einverstanden“, lässt sich aber von der fachlichen Einschätzung des derzeit betreuenden Jugendamtes leiten. Wir drei wollen nach wie vor unbedingt. Einige Menschen um uns herum sind vorsichtig optimistisch, dass das klappen wird, andere behaupten sogar, dass die das nicht mehr ablehnen können … wir sind gespannt und hoffen, dass die Entscheidung noch in diesem Jahr gefällt wird. Damit einige Dinge endlich mal einen Schritt weitergehen und für alle lieber heute als morgen Klarheit herrscht.

In ihrer Schule sind sie derzeit mit Sexualkunde-Unterricht beschäftigt. Helena kommt aus der Schule, hüpft zuerst bei Marie auf den Schoß und fragt: „Marie, darf ich dich mal was extrem Intimes fragen? Also was richtig ganz extrem Intimes?“ – „Na sicher. Darf ich mir nach der Frage aber noch überlegen, ob ich das beantworten möchte?“ – „Ähm … ja. Okay. Also. Wie soll ich das fragen? Ähm: Haben deine Eltern dir jemals das … ähm … Rapunzeln verboten?“ – „Das Rapunzeln? Ist es das, was ich denke?“ – „Ja. Genau das.“

Ich sitze im Nebenzimmer und spitze die Ohren. Was ist denn mit ihr los? Marie sagt: „Nein. Warum sollten sie das tun?“ – „Keine Ahnung.“ – Helena flitzt zu mir, springt bei mir auf den Schoß, hält sich an mir fest. „Jule?“ – „Meine Eltern haben mir das Rapunzeln auch nicht verboten. Aber ich muss dazu sagen, dass ich, solange ich zu Hause gewohnt habe, das auch nicht gemacht habe. Aber sie hätten es mir auch nicht verboten. Wer verbietet sowas?“ – „Ich weiß es nicht, ich glaube, die Eltern von der [Mitschülerin]. Sie hat ganz extrem nachgefragt, ob Eltern so etwas verbieten dürfen. Also ob so ein Verbot zählt.“ – „Ach du liebe Zeit. Aber du kennst die richtige Antwort dazu.“ – „Na klar. Mein Körper gehört mir und wer ihn anfassen will, braucht mein Okay.“ – „Das sowieso. Und was Rapunzel angeht: Es ist immer nur schwierig, wenn andere das mitbekommen. Weil man das von anderen Leuten nicht ungefragt und unvorbereitet sehen will.“ – „Nein. Aber die [Mitschülerin] tut mir leid.“ – „Das hat man früher sehr häufig gemacht, dass man das verboten hat. Man hat sogar den Kindern eingeredet, wenn sie das machen, würden sie krank werden. Das Rückenmark zerstört sich und sowas.“ – „Aber das stimmt nicht.“ – „Nein, und ich bin mindestens verwundert, wenn nicht sogar entsetzt, dass es sowas heute noch gibt.“

In dieser Woche war ich mal wieder besonders stolz auf sie. Was ich ihr nicht in der vollen Breite zeigen möchte, was ich hier aber unverhohlen zugebe. Über Sexualkunde und Rapunzel werden zum Glück keine Tests geschrieben. Aus Gründen. Aber es wurde im Test die Frage gestellt: „Wie entsteht eine Familie?“ – Kann man fragen, dann sollte man aber meiner Meinung nach aber nicht nur konservative Antworten zulassen. Helena hat aus meiner Sicht sehr klug geantwortet: „1. Durch den Wunsch, zusammen zu leben. 2. Durch die Geburt eines Kindes.“ – Leider war das der Lehrkraft keinen der fünf Punkte wert, den diese Frage vorsah. ‚Heiraten und Kinder kriegen‘ hätte vermutlich die volle Punktzahl ausgelöst. Oder noch mehr. Helena möchte der Lehrerin einen Brief schreiben. Ich weiß noch nicht, ob ich das gut finde. Ich möchte brechen.

Ganz viel Müll

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Paula und ich sind am letzten Freitag rechtzeitig um 4.30 Uhr bei mir losgefahren, um Emma vom Bahnhof abzuholen. Sie hatte einen Nachtzug genommen und wir hatten vereinbart, uns um 7 Uhr morgens am bisherigen Wohnort unseres verstorbenen Vaters zu treffen. Weil noch kein Berufsverkehr war, hoffte ich, mit zweieinhalb Stunden für die rund 300 Kilometer auszukommen. Da es fast nur Autobahn war, müsste es funktionieren.

Eine Baustelle kam nach der nächsten, kaum fuhren wir mal 120 km/h, wurden wir auch schon wieder auf Tempo 80 oder sogar nur 60 km/h ausgebremst. Schon für die ersten 100 Kilometer brauchten wir über eine Stunde. Doch dann war die Strecke frei, gut ausgebaut, freie Sicht – was will man mehr? Mit Tempomat fährt es sich sehr entspannt. Irgendwann fragte Paula: „Sag mal, fahren wir wirklich die ganze Zeit 200? Wenn ich da an meine Karre denke, die ist schon bei 130 dreimal so laut. Und kommt selbst bergab bei Rückenwind nicht über 160. Das ist voll entspannt.“ – „Im Moment sind Winterreifen drauf, daher ist es sogar etwas lauter. Aber ich bin auch sehr zufrieden.“ – Bei 200 km/h hört man nur Wind- und Abrollgeräusche. Der Motor schnurrt bei rund 2.300 Umdrehungen im 9. Gang leise vor sich hin.

Um 6.50 Uhr standen wir vor dem Bahnhof. Emmas Zug fuhr gerade ein. Wir warteten im Auto, da es arschkalt draußen war. Als nächstes wollten wir den Wohnungsschlüssel von der Polizeiwache abholen. Ich hatte extra am Vortag noch dort angerufen und nachgefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja, natürlicher Tod, die Wohnung sei wieder freigegeben. Emma flitzte zu ihren „Kollegen“ rein – und kam zehn Minuten später ohne Schlüssel wieder raus. „Die haben den an das Nachlassgericht weitergegeben.“ – Ich dachte erst, sie wollte uns foppen. Aber es stimmte. Ich fragte: „Nee, oder? Warum das denn?“ – „Weil die hier nicht beurteilen können, wer berechtigt ist, den Schlüssel in Empfang zu nehmen.“

Na super. Und das Nachlassgericht würde vermutlich am Freitag gar nicht geöffnet sein. „Ich habe mir gerade schriftlich bestätigen lassen, dass das von der Polizei angebrachte Siegel entfernt werden kann, weil die Todesermittlungen abgeschlossen sind.“ – „Wofür brauchen wir das denn?“ – „Warte mal ab. Wir fahren jetzt erstmal zu der Wohnung und hoffen, dass nur ein Siegel an der Tür ist und nicht noch eins vom Gericht.“

Emma stiefelte zur Wohnung hoch und kam sofort wieder herunter. „Ist nur eins vom Landeskriminalamt dran wegen der Todesermittlung. Und das ist schon zur Hälfte ab. Also fragen wir jetzt mal die Nachbarn, wer einen Schlüssel hat.“ – „Doch nicht zum Gericht?“ – „Möglichst nicht. Die kommen noch auf die Idee, dass die Wohnung zur Sicherung des Nachlasses erneut beschlagnahmt wird. Ich glaube kaum, dass der zuständige Rechtspfleger an einem Freitag morgen drei Frauen einen Schlüssel aushändigt, ohne vorher geprüft zu haben, ob sie die rechtmäßigen Erben sind und ob sie das Erbe annehmen. Insofern stellen wir keine Fragen, deren Antworten wir nicht hören wollen, und wecken auch keine schlafenden Hunde.“

Die Nachbarn, die den Krankenwagen gerufen haben, hatten keinen Schlüssel. Aber der Hausmeister sollte einen haben. Der war in seinem Büro, wollte uns den Schlüssel zur Wohnung zunächst aber nicht aushändigen. Als ich ihm dann aber meinen Ausweis zeigte und den Zettel, dass die Versiegelung aufgehoben ist, versprach er, in den nächsten zehn Minuten vorbei zu kommen. Emma nahm mich auf den Arm und trug mich in den zweiten Stock, Paula kam mit meinem Rollstuhl hinterher. Vor der Tür warteten wir im Halbdunkel auf den Hausmeister. Der kam, schloss auf und sagte: „Aushändigen kann ich euch den nicht ohne Zustimmung des Haus-Eigentümers.“ – „Da wird ja bestimmt noch ein Schlüssel irgendwo liegen, dann nehmen wir den erstmal an uns.“

Wir bedankten uns, der Hausmeister ging wieder weg. Ich rollte über die Türschwelle in die Wohnung. Mir wurde schwindelig. Nicht nur von der schlechten Luft. Es war sehr sonderbar, nach zehn Jahren die Wohnung meines gerade verstorbenen Vaters zu betreten. Drinnen war das absolute Chaos. Er schien die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen zu haben. Auf verschiedenen Tischen lagen meterhohe Stapel Zeitungen. Dicke Staubschichten lagen überall auf dem Teppich, verstaubte Spinnenweben hingen unter der Decke. Auf dem Küchenfußboden, auf der Spüle, auf dem zugeklappten Herd und in einem Küchenschrank standen locker 300 Bierdosen. Und mindestens 50 leere Wodkaflaschen. Paula guckte mich mit großen Augen fassungslos an.

Versifft war es nicht. Kein Schimmel, keine Viecher. Vom Altpapier und von den leeren Gefäßen abgesehen, gab es keinen Müll. Dennoch war der Geruch unerträglich. Emma öffnete erstmal alle Fenster weit, stellte dazu einige vertrocknete Blumentöpfe auf den Fußboden. Hängte die Wohnungstür aus. „Nicht, dass die zufällt, solange wir keinen Schlüssel haben.“

Die Badewanne war randvoll mit Schmutzwäsche. Sechs Uhren hingen in den Räumen an den Wänden, alle zeigten andere Zeiten an oder waren stehen geblieben. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht der Currywurst-Tante. Ja, sie lebt noch. „Ruf doch mal zurück.“ – Nee, Schätzelein, der lebt nicht mehr.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Blöde Erinnerungen. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Aber andererseits musste ich doch nicht weinen. Ganz komische Situation. Emma sagte: „Komm Jule, wir fahren zum Baumarkt. Paula bleibt inzwischen hier und passt auf die Wohnung auf. Okay?“ – Ich nickte. Emma nahm mich wieder auf den Arm, trug mich ins Auto, lief nochmal hoch, holte meinen Rollstuhl. Im Baumarkt nahmen wir uns einen großen Wagen und holten 120 Umzugskartons, 10 Rollen blaue Müllsäcke, einen neuen Zylinder für die Tür, den billigsten, den es in der Größe gab, sechs Einweg-Overalls, einen Karton Einmalhandschuhe und zwei Packungen Einmal-Mundschutz. Ich rollte immer nur hinterher, Emma hatte das alles im Griff. Ich bezahlte. Fast 150 Euro.

Als wir wieder vor der Wohnung standen, stieg Emma nicht aus. Sie guckte mich an. Ganz sonderbar. Dann nahm sie mich in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Beschissene Situation. Lass uns das Beste draus machen.“ – Ich nickte. Sie brachte meinen Rollstuhl wieder in den zweiten Stock, kam zurück, trug mich in den zweiten Stock. Paula hatte inzwischen einen passenden Wohnungsschlüssel im Schlüsselkasten gefunden. Emma baute den Zylinder aus und baute den gekauften ein. Furzte dabei laut und sagte: „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Beitrag für etwas bessere Luft in dieser Hütte.“

Paula grinste und irgendwie musste ich über ihren Galgenhumor lachen. Emma sagte: „So. Paula faltet Kartons, Jule nimmt eine Zeitung nach der nächsten, schaut einmal, ob wichtige Briefe dazwischen liegen, und dann weg damit. Ich bringe die vollen Kartons ins Auto. Sobald das Auto voll ist, fahre ich den Mist zum Altpapiercontainer. Einverstanden?“ – Über 100 Kartons randvoll mit Altpapier hat Emma weggebracht. Immer zwei Kartons auf einmal die Treppe runtergetragen. Und natürlich die leeren Kartons wieder mitgebracht. Zwischendurch mal was getrunken. Dann wieder weiter. Fast dreißig Kartons voll mit Altglas. Beinahe 100 Euro Dosenpfand. Wir drei sahen in den Papieroveralls aus wie die Tatort-Reiniger. Und fühlten uns auch so.

Es war halb acht Uhr abends, als wir die Wohnung von allem frei stehenden Müll bereinigt hatten. Ich rief Marie an, sagte ihr nur kurz, dass wir heute nicht mehr nach Hause kämen. Fanden zu dritt ein Zimmer in einer billigen Hotelkette und duschten erstmal. Gingen in einem netten Restaurant noch eine Kleinigkeit essen. Fielen, zurück im Hotel, in unsere Betten und pennten sofort ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren wir fast die Einzigen. Emma sagte: „Wir werden heute alles durchwühlen und alle nötigen Dokumente sicherstellen. Und dann schlage ich vor, wir beauftragen ein Sperrmüllkommando, das die Bude in den nächsten Wochen komplett entrümpelt.“ – Vor ungefähr zehn Jahren hatte er die ganzen Möbel in einem Billig-Kiefermöbel-Mitnahmelager oder beim schwedischen Riesen gekauft. Nichts dazwischen, was man zum Flohmarkt bringen könnte, bei den meisten Schränken fielen schon die Türen ab oder Schubladen waren in sich zusammengefallen, kurzum: Schrott.

Wir sichteten zu dritt jede Menge Unterlagen. Fanden eine Sterbegeldversicherung über 2.500 Euro (für die er unsinnigerweise in den letzten 15 Jahren pro Monat 40 Euro eingezahlt hatte), fanden insgesamt sechs Sparbücher mit Guthaben jeweils zwischen 200 und 5.000 Euro. Auf dem Girokonto hatten sich, weil er ja in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts mehr ausgegeben hatte, fast 15.000 Euro angesammelt. In einem Briefumschlag waren fast 2.000 Euro Bargeld, die, wie man anhand der weiteren Unterlagen in dem Briefumschlag feststellen konnte, irgendwer vor drei Monaten von jenem Sparbuch abgehoben haben musste, auf dem jetzt noch 200 Euro waren. Wer das war (und womöglich eine Vollmacht hatte), konnten wir nicht klären.

Wir fanden das Scheidungsurteil über die Ehe meiner Eltern, was bei der Beantragung des Erbscheins, den wir brauchen würden, hilfreich sein wird. Und den Mietvertrag, den wir jetzt kündigen müssten. Wir fanden jede Menge alte Briefe, die meine Mutter meinem Vater geschrieben hat. Ich habe sie nicht gelesen. Wir fanden allerdings keine Fotos, weder von mir, noch von meinen Halbgeschwistern. Auch keine von nackten Frauen. Dafür aber ein schussbereites Gewehr und 200 Schuss Munition. Im Kleiderschrank im Schlafzimmer.

Wir haben inzwischen einen Bestatter damit beauftragt, meinen Vater abzuholen. Er wird verbrannt. Was mit seiner Asche passieren soll, ist noch nicht sicher. Vermutlich werden wir seine Urne anonym bestatten lassen.

Am Sonntagabend sind Emma und Paula zunächst wieder zu sich nach Hause gefahren. Helena empfing mich mit den Worten: „Ich hab dich vermisst“ und wollte sofort kuscheln. Seit Montag muss ich wieder arbeiten. Der Alltag hat mich wieder. Und das ist im Moment auch ganz gut so.