Schaumparty

Warum ist meine Badewanne eigentlich so leer? Wofür ist es draußen so kalt und ungemütlich? Warum bin ich so verspannt? Wofür steht da eine Flasche Hefeweizen im Kühlschrank? Das sind doch alles keine Zufälle.

Nach sechsundzwanzig Kilometern mit dem Handbike auf dem Ostseedeich bei nur wenig Wind und nur wenig Schneegestöber hatten meine Eisbeine eine leicht bläulich-blasse Note und würden vermutlich zu gerne intensiv kribbeln. Fünf Teelichte bringen genügend Beleuchtung ins Bad. Das Bierglas habe ich nicht vergessen. Im Radio ist Rod Stewart so in love with me, dass ich mich entscheide, ihn leise für mich singen zu lassen.

Da liege ich also. Der Duft von Mandeln (nein, keine gebrannten) liegt in der Luft, seidiger Schaum ohne Mikrokristalle umschmiegt meinen dezent muskulösen und noch nicht ganz winterblassen Oberkörper, ich mache die Augen zu, entspanne mich und fange zu träumen an. Von dem gut aussehenden Typen, der jetzt mit mir ins Wasser steigt, mich von Kopf bis Fuß massiert, es nicht erwarten kann, mit mir … meine Hände gleiten über meine samtige Haut, die meinem Gehirn ein umfassendes Wohlbefinden in dem vermutlich viel zu heißen Wasser zurückmeldet und eine nicht ganz unerhebliche Hormonausschüttung anregt.

Es klopft an der Tür. Der gut aussehende Typ, der mich massieren und vernaschen will? Oder wenigstens Marie, die mir schnell mal meinen kleinen Delfin reinreicht? Es klopft noch einmal. Eher schüchtern. Ich bin freundlich, kann aber den genervten Unterton nicht ganz verbergen. „Ja?“, frage ich. Es ist Helena. Sie hat eine Schüssel in der Hand. Und einen Löffel in der anderen. Bringt mir eine Kugel Vanille-Eis mit warmen Himbeeren. Und eine Serviette mit Herzen drauf. „Für dich“, sagt sie, stellt mir die Schüssel mit Löffel auf den Badewannenrand und verschwindet wieder. Wie süß! „Dankeschön“, stammel ich.

Bier auf Wein? Das lass sein. Heißt es. Gibt es dazu auch was zu Bier auf Eis? Oder Bier auf Himbeeren? Der Kontrast ist ganz reizvoll. Rod Stewart hat schon lange aufgehört zu singen, aktuell meldet ein Hörer einen Wildunfall. Das Reh sei Matsch. Wie romantisch. Warum senden die sowas? Ist das live? Ich dachte, solche Anrufe zeichnen sie immer auf. Jetzt spielen sie die Fischer von San Juan. Die Fernbedienung liegt natürlich auf dem Radio. Ein Teelicht ist ausgegangen, qualmt und stinkt vor sich hin. Zwanzig Minuten sind ungefähr vergangen, an der Tür klopft es erneut.

Nochmal Helena. Sie kommt rein, setzt sich auf den Badewannenrand. Sieht irgendwie ein wenig traurig aus. Ich bin mir unsicher, ob ich meine Zeit einfordern soll oder nicht. Sie schläft in aller Regel alleine, sie ist den ganzen Tag in der Schule, ich muss in Schichten arbeiten. Einerseits möchte ich auch mit 12 Jahren erwarten können, dass sie mich mal eine Stunde in Ruhe lässt, andererseits weiß ich nicht, wie lange das, was ihr gerade unter den Nägeln brennt, schon brennt. Während ich mit dem Handbike unterwegs war, war sie bei ihrer Freundin. Marie wäre auch noch da. Nein, es ist okay. „Alles gut bei dir?“, frage ich sie. Sie schüttelt mit dem Kopf.

„Ich hab in Geo einen Test verkackt. Voll verkackt.“ – „Oh. Woran hat es gelegen?“ – „Ich konnte es nicht. Obwohl ich geübt habe. Aber dann war die Aufgabe plötzlich ganz anders und ich hab gar nichts mehr gewusst und dann geraten, um vielleicht noch einen Zufallstreffer zu kriegen.“ – „Und das hat nicht wirklich geklappt.“ – „Nee. Bist du mir böse?“

Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin nach alledem, was früher war, super stolz darauf, dass sie mir das so offen und ehrlich erzählt. Ich schüttel den Kopf und frage: „Konntest du die anderen Aufgaben denn auch nicht? Eigentlich kommen im Test ja die Themen dran, die im Unterricht oder in den Hausaufgaben dran waren. Und wenn ich früher eine Aufgabe mal nicht konnte, habe ich vielleicht erstmal die anderen gemacht.“ – „Es gab nur die eine Aufgabe. Es war ein Kurztest. Und der ist bewertet worden. Und ich hab ne Fünf. Gerade noch so.“ – „Wie, nur eine Aufgabe?“ – „Ja, es gab eine Deutschlandkarte. Nur die Umrisse. Wir sollten die Nachbarländer eintragen, das hab ich hinbekommen. Und dann sollten wir die Landesgrenzen einzeichnen von den Bundesländern, diese benennen, die Lage der Hauptstädte einzeichnen und beschriften und fünf große Flüsse einzeichnen und beschriften. Das alles in 20 Minuten. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Berlin zu tief, Bremen zu weit an den Niederlanden, München zwar auf der richtigen Höhe aber zu weit in der Mitte, Stuttgart zu tief und ehrlich gesagt, wo die Havel welche Kurve macht und ob der Main oben oder unten an Frankfurt vorbei fließt, hab ich nicht geübt. Ich dachte, wir kriegen eine Karte, wo die Punkte alle schon eingezeichnet sind und wir sollen sie beschriften. Wir mussten davor noch nie eine Karte malen.“ – „Was haben denn die anderen?“ – „Keine Eins, keine Zwei, zwei Dreien, …“ – „Vergiss es. Mach dir keinen Kopf.“ – „Du findest das auch fies, oder?“ – „Einseitig.“ – „Was heißt das?“

Während ich mit ihr redete, tunkte sie ihre Socke in mein Badewasser. Erst nur in den Schaum, aber dann immer tiefer. Und guckte mich dabei an. Wartete ganz offensichtlich darauf, dass ich was sage. Jule, ich brauche gerade ganz viel Aufmerksamkeit! Um jeden Preis! Gib sie mir! Irgendwann war die Socke bis zum Knöchel nass. Plötzlich rutschte sie ab, wobei das auch mehr Theater als Realität war, und war bis zum Schienbein im Wasser. „Sag mal, was machst du hier eigentlich?“, fragte ich sie. Sie grinste: „Faxen.“ – Rutschte mit dem Po rum und stellte das andere Bein dazu. Fußbad. Mit Socken und Leggings. Ich sagte: „Och Helena. Das ist mein Bad. Ganz alleine.“ – „Ich komm mit rein, okay?“ – „Nee.“ – „Ach komm. Ich spritz auch nicht herum und mache auch keine Wellen.“ – Ich musste ein Grinsen unterdrücken. Und Helena merkt sowas. Ich hätte sicherlich sagen können: ‚Nein heißt nein und ich möchte, dass du das respektierst.‘ – Dann wäre sie sicherlich rausgegangen. Aber inzwischen qualmte das zweite Teelicht, mein Hefeweizen war so gut wie leer und im Radio spielten Sie ‚It never rains in Southern California.‘

Bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, war sie in der Badewanne. „Hi“, begrüßte sie mich albern und tauchte bis zum Hals unter. Immerhin ist die Wanne groß genug für zwei. Sie begann, sich ihre nassen Klamotten auszuziehen. Plötzlich tauchte eine Socke vor mir auf. „Unglaublich. Andere Leute ziehen sich aus, bevor sie in die Wanne steigen.“ – „Bin ich andere Leute? Komm, den Spruch habe ich von dir gelernt.“ – „Du wringst jetzt bitte die nassen Sachen aus und schmeißt sie wenigstens drüben ins Waschbecken. Ich habe keine Lust, dass hier Käsesocken und getragene Unterhosen vor meinem Gesicht herumdümpeln.“ – „Ich habe keine Käsefüße.“ – „Helena, bitte. Sonst schmeiß ich dich raus.“

Während Helena aufräumte, kam Marie rein. „Was ist denn hier los?“, fragte sie. Helena antwortete: „Schaumparty.“ – „Ich gehe gleich noch mal die Terrortatze entmisten. Und eigentlich wollte ich dich mitnehmen, Helena. Damit Jule endlich mal eine halbe Stunde ungestört rapunzeln kann.“ – Ihre Miene versteinerte. Sie guckte mich mit großen Augen an. „Hab ich dich jetzt wirklich beim Rapunzeln gestört?“ – Ich schüttelte den Kopf. Mir war klar, dass sie nicht lange auf sich warten lassen würde: Maries Hündin kam um die Ecke getrottet und guckte mit gerunzelter Stirn auf das Treiben im Bad. Helena lockte sie zur Wanne und machte ihr einen Schaumklecks auf den Kopf. Ich sagte: „Wenn sie jetzt auch noch hier rein springt, raste ich aus.“

13 Gedanken zu „Schaumparty

  1. Ich freu mich jeden Abend, wenn es etwas Neues von dir gibt – Und heute wurde ich nicht enttäuscht… genial, wie du aus einem blöden Test und einem nicht ganz so geplanten Bad eine unterhaltsame Geschichte machst, und dabei noch mit dem Bier im Kühlschrank beginnst. Danke, dass du so viel aus eurem Leben mit uns teilst! Wie schön, dass es bei eurer kleinen Familie gut läuft 🙂

  2. Das klingt zwar auch nicht super entspannend, aber amüsant allemal. Schön auch, dass Helena dir so sehr vertraut. Und der Test war mal völlig daneben. Da sollte sich eine Lehrkraft noch einmal den Zweck einer Kontrolle durchlesen, der ist nämlich nicht, die Kids für etwas zu bestrafen, das sie nicht können und sicher 80% der Erwachsenen hier auch nicht schaffen würden. Das kann man sicher für nichtig erklären lassen, bei einem so miserablen Notendurchschnitt in der Klasse sowieso.
    Anyway, ich hoffe du konntest aus dem nicht ganz so entspannenden Schaumbadpartyevent dennoch Energie ziehen. 🙂

  3. Was für ein entspanntes Bad für dich. 😛
    Den Test habe ich damals vor 30 Jahren auch schon gemacht und verhauen. Jetzt heute wäre es auch nicht viel besser. Die genaue Position der Städte wird schwierig und die Flüsse sowieso.

  4. Als ich den Anfang las, habe ich mir geträumt, der Typ zu sein, der zu Dir ins Wasser steigt.

    Schmunzel, schmunzel, schmunzel. Schöner Beitrag, schon fast etwas kitschig.

    Gruss
    k4RollerCH

  5. Ich hätte den Test auch voll verkackt. Da kann sich Helena trösten. Die meisten Erwachsenen hätten es kein Stück besser gekonnt als sie.
    Diese Aufgabe erinnert mich daran, wie ich im Kindergarten die DDR Fahne malen sollte – komplett mit Hammer, Zirkel (weiß jede 6jährige, was das ist) und Ährenkranz! Was ist bei sowas das pädagogische Ziel? Selbstzweifel zu erzeugen?

  6. Oh, den Test hab ich damals auch verhauen. Flüsse? ICh bin schon froh, dass ich weiß, wo die ab und an mal sind (also Saale? In der Nähe von Halle. Rhein? Irgendwo im Westen. Oder? Ööööh… Osten!) aber den gesamten Verlauf durch Deutschland? Den konnte ich damals nicht, kann ich heute nicht und interessiert(e) mich auch nicht die Bohne.
    Bundesländergrenzen wurden so grob eingezeichnet und waren eher geometrisch-anmutende Formen anstatt Landeskrenzen (hier bekam ich aber immerhin Mitleidspunkte, weil die Länder halbwegs richtig waren). Städte wären so halbwegs gegangen, wenn ich nicht das Land Brandenburg (das extra behandelt wurde, weil Heimatbundesland) mit Deutschland verwechsel hätte und Berlin in die Mitte eingezeichnet hätte. Tja.

    Und Nachbarländer? Ha. Selbst heute wüsste ich es bei den kleineren Länder nicht sicher.

    Ich glaube es war damals auch eine 5. Ärger gab es damals – aber nur solange, bis ich Muttern die Blankokarte hingelegt hab und verlangt habe, dass sie das Ding auch mal macht. Sie wusste zwar wo Berlin lag (Spoiler: Nicht in der Mitte von Deutschland) aber alles darüber hinaus wurde dann auch langsam schwierig.

    Bei uns ist der Test nebenbei nicht mit in die Jahresendnote eingeflossen.

  7. Jules Blog ein einzig Berg von Samen (Geschichten), die unzweifelhaft Respekt, Bewunderung, Interesse, Sympathie und Anziehung beim Leser auslösen. Und dann so Einschübe von dem Herren oder dem dezent muskulösem Oberkörper erhöhen m.E. auch die Gefahr, dass in Städten mit vielen Bloglesern die VHS-Massagekurse überbucht werden.

  8. Ich möchte anmerken, dass der Main durch Frankfurt fließt. Bin heute schon mehrfach drunter durch oder oben drüber gefahren. Als Sonderpunkte: es gibt keinen Burgerking südlich des Mains in Frankfurt (wenn man den am Flughafen mal ignoriert 😉).

  9. @Anonym
    "Als ich den Anfang las, habe ich mir geträumt, der Typ zu sein, der zu Dir ins Wasser steigt."

    Wer nicht.
    Aber ich muss hier mal ernsthaft meine Priorität geltend machen. Schließlich bin ich auf Jules fachfrauischen Rat und Hilfe angewiesen, damit ich es mit meiner Arthrose überhaupt über den Badewannenrand schaffe.

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