Maries drittes Stex

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Gute Nachrichten: Marie hat ihr drittes Staatsexamen bestanden. Und ist natürlich super happy. Ich freue mich auch über dieses schöne „Weihnachtsgeschenk“ für sie; Mama und Papa sind auch ganz aus dem Häuschen. Ein gutes halbes Jahr nach mir ist sie nun auch endlich fertig und kann sich nun demnächst für fünf bis sechs Jahre in einer Fachrichtung, vermutlich auch Kinder- und Jugendmedizin, fortbilden. Allerdings ist sie zunächst noch mit ihrer Dissertation beschäftigt, was vermutlich noch ein gutes Jahr dauern wird.

Sie sagt: „Ich überlege, ob ich zwischen den Festtagen mal bei meiner Grundschullehrerin vorbei fahre und klingele.“ – Sie hat sich damals dagegen ausgesprochen, dass Marie auf ein Gymnasium darf, sie hätte sie eher auf einer Körperbehindertenschule gesehen. „Meine Eltern haben an mich geglaubt und mich gefördert. Und ohne ihre Geduld hätte ich es nie soweit gebracht. Aber ich bin so froh, dass meine Eltern sich nicht von dieser Fehleinschätzung haben leiten lassen.“

Noch eine erfreuliche Nachricht: Die Stelle, die für die Feststellungen nach dem Schwerbehindertenrecht zuständig ist, hat sich gemeldet. Ich habe damit gerechnet, dass die uns den Antragseingang bestätigen und uns mitteilen, dass vor Ablauf von sechs Monaten nicht mit einer Entscheidung zu rechnen ist und es ein Eilverfahren gar nicht gibt. Stattdessen: Die Befunde, die Maries Mutter an den Antrag angehängt hat, waren wohl aussagekräftig genug. Und entweder war der externe Gutachter extrem schnell, oder es hat ein interner Gutachter zwei Flure weiter bearbeitet. Zwei Wochen (!) nach Antragseingang bewilligen sie für Helena einen Grad der Behinderung von 80, außerdem wegen der Zuckerkrankheit auch einen regelmäßigen erheblichen Hilfebedarf. Damit sind hier nun drei offiziell „hilflose“ Leute im Haushalt. Das heißt vor allem: Auch Helena darf künftig kostenlos mit Bus und Bahn fahren und auch eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Sehr schön!

Außerdem hat sie für Februar 2019 einen ambulanten Psychotherapie-Platz in Aussicht. Eine Probesitzung hat sie gemacht, sie war von dem Menschen sehr begeistert. Zwei weitere Probestunden sollen im Januar folgen, wenn dann die Chemie noch immer stimmt, könne sie voraussichtlich im Februar, mit wenig Glück erst im März oder April, beginnen.

Und an meinem Arbeitsplatz? Der Kollege, der ständig dafür gesorgt hat, dass die Betäubungsmittelbestände nicht mit den Büchern übereinstimmten, indem er regelmäßig vergessen hat, Entnahmen zu protokollieren, ist gefeuert. Ich kenne die Einzelheiten nicht, aber man munkelt, dass genau diese Problemlage ursächlich für die Kündigung gewesen sein soll. Ich hatte das Maries Mutter kürzlich auch erzählt, sie hatte das schon vorausgesagt: „Das ist nur noch eine Frage der Zeit. Das lässt sich kein halbwegs verantwortungsvoller Klinik-Chef lange gefallen.“ – Sie sollte Recht behalten.

Der andere Vogel, mein Lieblingskollege, der so gerne BHs öffnet und sich für die Farbe der Unterhosen meiner Kolleginnen interessiert, ist hingegen noch an Bord. Wir protokollieren mit mehreren Kolleginnen fleißig, und es ist interessant zu sehen, dass auch Kolleginnen, die sich (noch) nicht zum Protokollieren durchgerungen haben, bereits schwer genervt sind. Wir haben eine Ärztin mit Namenszusatz, also ein „von“ vor ihrem Nachnamen. Mein Lieblingskollege trabt über den Flur und sagt zu ihr: „Hallo Frau Baronin, wie empfinden Hochwohlgeboren denn das erlauchte Wetter vor der Tür?“ – Sie antwortet: „Hat jemand die Null gedrückt oder warum meldest du dich?“ – Wir werden das gesammelte Werk zum Jahreswechsel beim Klinik-Chef abgeben, als Anlage zu einer schriftlichen Aufforderung, dafür zu sorgen, dass sowas an unseren Arbeitsplätzen unterbleibt. So ist der Plan. Ich bin auf die Reaktionen gespannt und hoffe, dass wir danach unsere Ruhe haben werden.

Schaumparty

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Warum ist meine Badewanne eigentlich so leer? Wofür ist es draußen so kalt und ungemütlich? Warum bin ich so verspannt? Wofür steht da eine Flasche Hefeweizen im Kühlschrank? Das sind doch alles keine Zufälle.

Nach sechsundzwanzig Kilometern mit dem Handbike auf dem Ostseedeich bei nur wenig Wind und nur wenig Schneegestöber hatten meine Eisbeine eine leicht bläulich-blasse Note und würden vermutlich zu gerne intensiv kribbeln. Fünf Teelichte bringen genügend Beleuchtung ins Bad. Das Bierglas habe ich nicht vergessen. Im Radio ist Rod Stewart so in love with me, dass ich mich entscheide, ihn leise für mich singen zu lassen.

Da liege ich also. Der Duft von Mandeln (nein, keine gebrannten) liegt in der Luft, seidiger Schaum ohne Mikrokristalle umschmiegt meinen dezent muskulösen und noch nicht ganz winterblassen Oberkörper, ich mache die Augen zu, entspanne mich und fange zu träumen an. Von dem gut aussehenden Typen, der jetzt mit mir ins Wasser steigt, mich von Kopf bis Fuß massiert, es nicht erwarten kann, mit mir … meine Hände gleiten über meine samtige Haut, die meinem Gehirn ein umfassendes Wohlbefinden in dem vermutlich viel zu heißen Wasser zurückmeldet und eine nicht ganz unerhebliche Hormonausschüttung anregt.

Es klopft an der Tür. Der gut aussehende Typ, der mich massieren und vernaschen will? Oder wenigstens Marie, die mir schnell mal meinen kleinen Delfin reinreicht? Es klopft noch einmal. Eher schüchtern. Ich bin freundlich, kann aber den genervten Unterton nicht ganz verbergen. „Ja?“, frage ich. Es ist Helena. Sie hat eine Schüssel in der Hand. Und einen Löffel in der anderen. Bringt mir eine Kugel Vanille-Eis mit warmen Himbeeren. Und eine Serviette mit Herzen drauf. „Für dich“, sagt sie, stellt mir die Schüssel mit Löffel auf den Badewannenrand und verschwindet wieder. Wie süß! „Dankeschön“, stammel ich.

Bier auf Wein? Das lass sein. Heißt es. Gibt es dazu auch was zu Bier auf Eis? Oder Bier auf Himbeeren? Der Kontrast ist ganz reizvoll. Rod Stewart hat schon lange aufgehört zu singen, aktuell meldet ein Hörer einen Wildunfall. Das Reh sei Matsch. Wie romantisch. Warum senden die sowas? Ist das live? Ich dachte, solche Anrufe zeichnen sie immer auf. Jetzt spielen sie die Fischer von San Juan. Die Fernbedienung liegt natürlich auf dem Radio. Ein Teelicht ist ausgegangen, qualmt und stinkt vor sich hin. Zwanzig Minuten sind ungefähr vergangen, an der Tür klopft es erneut.

Nochmal Helena. Sie kommt rein, setzt sich auf den Badewannenrand. Sieht irgendwie ein wenig traurig aus. Ich bin mir unsicher, ob ich meine Zeit einfordern soll oder nicht. Sie schläft in aller Regel alleine, sie ist den ganzen Tag in der Schule, ich muss in Schichten arbeiten. Einerseits möchte ich auch mit 12 Jahren erwarten können, dass sie mich mal eine Stunde in Ruhe lässt, andererseits weiß ich nicht, wie lange das, was ihr gerade unter den Nägeln brennt, schon brennt. Während ich mit dem Handbike unterwegs war, war sie bei ihrer Freundin. Marie wäre auch noch da. Nein, es ist okay. „Alles gut bei dir?“, frage ich sie. Sie schüttelt mit dem Kopf.

„Ich hab in Geo einen Test verkackt. Voll verkackt.“ – „Oh. Woran hat es gelegen?“ – „Ich konnte es nicht. Obwohl ich geübt habe. Aber dann war die Aufgabe plötzlich ganz anders und ich hab gar nichts mehr gewusst und dann geraten, um vielleicht noch einen Zufallstreffer zu kriegen.“ – „Und das hat nicht wirklich geklappt.“ – „Nee. Bist du mir böse?“

Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin nach alledem, was früher war, super stolz darauf, dass sie mir das so offen und ehrlich erzählt. Ich schüttel den Kopf und frage: „Konntest du die anderen Aufgaben denn auch nicht? Eigentlich kommen im Test ja die Themen dran, die im Unterricht oder in den Hausaufgaben dran waren. Und wenn ich früher eine Aufgabe mal nicht konnte, habe ich vielleicht erstmal die anderen gemacht.“ – „Es gab nur die eine Aufgabe. Es war ein Kurztest. Und der ist bewertet worden. Und ich hab ne Fünf. Gerade noch so.“ – „Wie, nur eine Aufgabe?“ – „Ja, es gab eine Deutschlandkarte. Nur die Umrisse. Wir sollten die Nachbarländer eintragen, das hab ich hinbekommen. Und dann sollten wir die Landesgrenzen einzeichnen von den Bundesländern, diese benennen, die Lage der Hauptstädte einzeichnen und beschriften und fünf große Flüsse einzeichnen und beschriften. Das alles in 20 Minuten. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Berlin zu tief, Bremen zu weit an den Niederlanden, München zwar auf der richtigen Höhe aber zu weit in der Mitte, Stuttgart zu tief und ehrlich gesagt, wo die Havel welche Kurve macht und ob der Main oben oder unten an Frankfurt vorbei fließt, hab ich nicht geübt. Ich dachte, wir kriegen eine Karte, wo die Punkte alle schon eingezeichnet sind und wir sollen sie beschriften. Wir mussten davor noch nie eine Karte malen.“ – „Was haben denn die anderen?“ – „Keine Eins, keine Zwei, zwei Dreien, …“ – „Vergiss es. Mach dir keinen Kopf.“ – „Du findest das auch fies, oder?“ – „Einseitig.“ – „Was heißt das?“

Während ich mit ihr redete, tunkte sie ihre Socke in mein Badewasser. Erst nur in den Schaum, aber dann immer tiefer. Und guckte mich dabei an. Wartete ganz offensichtlich darauf, dass ich was sage. Jule, ich brauche gerade ganz viel Aufmerksamkeit! Um jeden Preis! Gib sie mir! Irgendwann war die Socke bis zum Knöchel nass. Plötzlich rutschte sie ab, wobei das auch mehr Theater als Realität war, und war bis zum Schienbein im Wasser. „Sag mal, was machst du hier eigentlich?“, fragte ich sie. Sie grinste: „Faxen.“ – Rutschte mit dem Po rum und stellte das andere Bein dazu. Fußbad. Mit Socken und Leggings. Ich sagte: „Och Helena. Das ist mein Bad. Ganz alleine.“ – „Ich komm mit rein, okay?“ – „Nee.“ – „Ach komm. Ich spritz auch nicht herum und mache auch keine Wellen.“ – Ich musste ein Grinsen unterdrücken. Und Helena merkt sowas. Ich hätte sicherlich sagen können: ‚Nein heißt nein und ich möchte, dass du das respektierst.‘ – Dann wäre sie sicherlich rausgegangen. Aber inzwischen qualmte das zweite Teelicht, mein Hefeweizen war so gut wie leer und im Radio spielten Sie ‚It never rains in Southern California.‘

Bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, war sie in der Badewanne. „Hi“, begrüßte sie mich albern und tauchte bis zum Hals unter. Immerhin ist die Wanne groß genug für zwei. Sie begann, sich ihre nassen Klamotten auszuziehen. Plötzlich tauchte eine Socke vor mir auf. „Unglaublich. Andere Leute ziehen sich aus, bevor sie in die Wanne steigen.“ – „Bin ich andere Leute? Komm, den Spruch habe ich von dir gelernt.“ – „Du wringst jetzt bitte die nassen Sachen aus und schmeißt sie wenigstens drüben ins Waschbecken. Ich habe keine Lust, dass hier Käsesocken und getragene Unterhosen vor meinem Gesicht herumdümpeln.“ – „Ich habe keine Käsefüße.“ – „Helena, bitte. Sonst schmeiß ich dich raus.“

Während Helena aufräumte, kam Marie rein. „Was ist denn hier los?“, fragte sie. Helena antwortete: „Schaumparty.“ – „Ich gehe gleich noch mal die Terrortatze entmisten. Und eigentlich wollte ich dich mitnehmen, Helena. Damit Jule endlich mal eine halbe Stunde ungestört rapunzeln kann.“ – Ihre Miene versteinerte. Sie guckte mich mit großen Augen an. „Hab ich dich jetzt wirklich beim Rapunzeln gestört?“ – Ich schüttelte den Kopf. Mir war klar, dass sie nicht lange auf sich warten lassen würde: Maries Hündin kam um die Ecke getrottet und guckte mit gerunzelter Stirn auf das Treiben im Bad. Helena lockte sie zur Wanne und machte ihr einen Schaumklecks auf den Kopf. Ich sagte: „Wenn sie jetzt auch noch hier rein springt, raste ich aus.“

Kaltstart und frisch überfahren

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Das Wochenende ist da, Socke hat am Samstag um sieben Uhr Dienstbeginn und im Warteraum der Station sitzen schon sechs Elternteile mit ihren kranken Kindern. Jene Menschen, die zu fit für die Notaufnahme sind, aber nicht bis Montag auf ihren Kinderarzt warten wollen, werden dorthin geschickt, weil es hier keine Kinder-Ambulanz gibt. Mit mir zusammen hat mein aktueller Lieblingskollege Dienst. Er unterstützt eine weitere Kollegin auf den beiden Kinder-Intensivstationen und mich, sofern es auf den vier peripheren Kinderstationen zu viele Probleme gleichzeitig gibt.

Eine weibliche Pflegekraft, Anfang 20, examiniert, ist heute alleine auf der Station. Zwei ihrer Kolleginnen haben sich heute morgen mit Magen-Darm-Grippe krank gemeldet. Ihr Hemd ist unter den Armen, an der Brust und am Rücken von Schweiß durchtränkt. „Ich weiß gar nicht, was ich zuerst und zuletzt machen soll. Ich müsste Frühstück verteilen, aber du siehst ja selbst“, sagt sie und deutet auf die Anzeige auf dem Flur, die sechs aktuelle Patientenrufe anzeigt. „Kann was Akutes dazwischen sein?“, frage ich sie. Sie antwortet: „In der Sechs und in der Elf vielleicht.“ – „Du die Sechs, ich die Elf.“

In Zimmer 11 hat sich eine Zwölfjährige übergeben. Die gute Nachricht: Im Magen war so gut wie nichts drin und den Fußboden kann man wischen. Die schlechte Nachricht: Das Mädchen hat eine Lernbehinderung, vielleicht sogar eine geistige Behinderung, hatte eine Nasensonde im Magen, die natürlich mit hochgekommen ist. Ein Ende guckt aus der Nase, das andere Ende hängt blutend aus dem Mund. Sie ist völlig überfordert und entsprechend groß ist das Spektakel. Sie hustet, würgt, zappelt und kreischt. Die Zimmernachbarin ist elf Jahre alt, kreidebleich vor Schreck, starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an.

Das betroffene Mädchen tobt wie eine Katze, der man eine scheppernde Blechdose an den Schwanz gebunden hat, durch das Zimmer. Wären Vorhänge im Raum, wäre sie an denen wohl schon hochgelaufen. Wenn ich alleine eine Chance haben soll, dass sie zu mir kommt, hilft nur, ihr nicht hinterher zu rollen. „Hallo! Da muss dir jetzt mal ein Arzt helfen, von alleine geht das nicht weg! Komm zu mir, ich kann dir helfen. Hierher zu mir. Wenn du rumtobst, wird es nur noch schlimmer. Komm zu mir, hierher.“ – Sie kommt tobend in meine Richtung. Ich schnappe sie mir mit einem Arm und ziehe sie zu mir auf den Schoß. „Setz dich hierhin. Hier auf den Schoß. Ich helfe dir. Nicht zappeln.“ – Ich lasse sie los, schnappe mir mit ganzer Kraft ihren Kopf und drücke ihn mit ihrer Wange gegen meine Schulter. Quasi wie im Schwitzkasten. Sie schreit wie am Spieß. Das Ding ist noch ausreichend feucht. Eine Schere und ruhige Atmung wären mir zwar lieber gewesen, aber … zack, draußen. Sie hat es gar nicht mitbekommen. Ich lasse sie los. Sie springt von meinem Schoß. Ich rufe ihr zu: „Hier, alles vorbei, hier ist das Ding. Guck!“

Sie guckte, fasste sich ins Gesicht und hörte augenblicklich auf zu schreien. Kam auf mich zu, fast schon bedrohlich, riss mir die Sonde aus der Hand und feuerte sie gegen die Wand. „Sowas will ich nie wieder!“, brüllte sie. Im gleichen Moment riss jemand die Tür auf. Eine Patientin aus einem anderen Zimmer. Ich dachte erst, wegen des Lärms, aber: „Können Sie mal schnell kommen?“ – Eigentlich nicht. Ich fragte: „Wohin?“ – „Zimmer sechs. Schnell! Bitte!“ – Auch das noch. Auf der anderen Seite des Flurs rannte die Pflegekraft von der Nachbarstation mit dem Notfallwagen. Im Fahren holte ich mein klingelndes Telefon aus der Brusttasche. Mein Lieblingskollege war wohl angepiept worden. „Braucht ihr Hilfe?“ – „Ja sofort.“ – Eine Schwester von der Station über uns kam auch schon angerannt.

Das Mädchen in Zimmer sechs ist nicht ansprechbar und hat ein blaues Gesicht. Ist zur Diagnostik am Vortag aufgenommen worden, fragliches allergisches Asthma. Sei gestern den ganzen Nachmittag lang quietschfidel gewesen. Die Bettnachbarin sagt, sie habe heute morgen plötzlich komische Geräusche von sich gegeben, sei blau angelaufen, da habe sie sich ihre Musik aus den Ohren genommen und geklingelt. Die Pflegekraft will eine Sauerstoffmaske und ein Pulsoxymeter vorbereiten. Einen ganz schwachen, schnellen Puls kann ich am Hals tasten. Ihre Atmung ist nicht sichtbar, hörbar oder fühlbar. „Atmung höre ich gar nicht. Puls ist noch. Bett bitte ein Stück von der Wand weg, venösen Zugang mach ich, EKG dran, und sie ist auch gleich reanimationspflichtig. Wir intubieren.“ – Eine weitere Schwester kommt in den Raum. Und eine Frau mit Jacke. Wo bleibt mein Kollege? Die Schwester schiebt erstmal das Bett der anderen Patientin quer an die Wand, Stühle und Nachttisch aus dem Weg, macht einen Höllenlärm. „Wer sind Sie?“, frage ich die Frau mit Jacke. Sie antwortet mit weit aufgerissenen Augen: „Meine Tochter!“ – „Ist in Ordnung, ich kümmere mich um Ihre Tochter. Warten Sie bitte draußen.“ – Zugang liegt. Medikamente zur Narkose-Einleitung sind bereit. Ich sage: „Tubus haben wir, Laryngoskop haben wir, dann geht es los. Bring doch mal jemand die Mutter raus. Und schau mal bitte jemand nach der Patientin in Zimmer elf. Der habe ich eben die Nasensonde gezogen, nachdem sie erbrochen hatte.“

Die Patientin dämmert weg. Inzwischen ist das Kopfteil des Bettes entfernt, so dass ich ungehinderten Zugang zu ihrem Kopf habe. „Es sieht nicht so aus, als ob sie aspiriert hätte.“ – Also nicht erbrochen und dann die Soße eingeatmet. Der Tubus liegt auf Anhieb richtig. Beatmungsgerät lässt sich starten und beatmet. Sie hat trotz entsprechender Medikation noch immer ein spastisches Atemgeräusch. Die Kreislaufwerte stabilisieren sich aber. Als endlich das EKG geschrieben wird, kommt mein Kollege um die Ecke. „Was ist hier denn los? Blue Bayou?“ – „Nach dem EKG scheint es nicht vom Herzen herzurühren. Ich würde sie gerne auf Intensiv verlegen. Ist da was frei?“ – „Nein.“ – „Können wir was tauschen?“ – „Ich nehme sie erstmal mit, kann sein, dass ich dir gleich jemanden rüberschicke. Ein Junge ist gestern operiert worden, der ist soweit stabil und der könnte eigentlich verlegt werden.“

Während die Patientin rausgeschoben wird, geht mein Lieblingskollege hinterher, klopft mir im Rausgehen beiläufig auf meinen Rücken. Nicht auf die Schulter, sondern auf den Rücken. Anerkennend? Nee, er kneift mich an der Stelle so geschickt, dass mein BH-Verschluss unter meinem Hemd aufgeht. An der Tür dreht er sich zu mir um. Grinst von einem Ohr zum anderen und zwinkert mir zu. Ich sitze da wie Klein-Doofi mit Plüsch-Ohren. Hatte er mir wirklich gerade an meinen völlig verschwitzten Rücken gefasst? Hatte er mir wirklich meinen BH geöffnet? Fand er das wirklich witzig? Ich rollte ins Bad, zog mein Oberteil aus, wischte mir damit den Schweiß von der Stirn, warf mir eine Kurve kaltes Wasser ins Gesicht, schloss meinen BH und zog mir ein trockenes Oberteil an. Zurück im Dienstzimmer, hielt mir die Kollegin aus der Pflege eine Flasche Mineralwasser hin. „Jule? Danke, dass du so schnell da warst. Es macht echt Spaß, mit dir zu arbeiten.“ – Ich nehme sie einmal in den Arm.

Der Eine macht mir den BH auf, die Zweite lobt mich, die Dritte springt fast über die Wupper und die Vierte tanzt wie Mister Hyde mit einem Schlauch aus Mund und Nase diagonal durch den Raum. Und das alles innerhalb der ersten halben Stunde. „Das war ein Kaltstart.“

Noch bevor ich was trinken kann, kommt eine Mutter an die Tür. „Kann bitte mal ein Arzt nach meinem Sohn sehen? Er hat eben gespuckt.“ – Der 6 Jahre alte Junge war gestern mit Gehirnerschütterung gekommen und eine Nacht zur Beobachtung geblieben, nachdem man im MRT nichts gesehen hatte. Ich fahre mit. Die Pupillen reagieren seitengleich, die anderen Hirnnerven, soweit ich sie testen kann, sind auch unauffällig. War das nur die Aufregung? Der junge Mann ist orientiert und lebhaft, spielt mit einem grauen Plüsch-Delfin. Der schwimmt durchs Bett und stuppst mich immer wieder am Arm an. Ich schnappe mir den Delfin und vestecke ihn unter der Bettdecke. „Der taucht“, sage ich. Der Junge guckt hinterher und macht eine unübliche Ausgleichsbewegung. „Ist dir schwindelig?“, frage ich ihn. Der Junge schüttelt den Kopf und hält sich schon wieder mit der Hand fest. Ich entscheide mich, ihn nochmal ins MRT zu stecken. Am Ende stellt sich heraus: Falscher Alarm.

Um halb neun kann ich mich endlich um die erste ambulante Patientin kümmern. Um halb elf kommt die Mutter wieder, deren Tochter ich am Morgen intubiert hatte. Inzwischen hatte man den Schlauch schon wieder entfernt. Sie drückte mir die Hand und weinte. „Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie so schnell reagiert haben. So schlimm wie heute war es noch nie. Wir hatten vor einem Vierteljahr schon einmal den Notarzt holen müssen, der hatte ihr damals auch einen Schlauch in die Lunge gelegt. Aber danach waren wir mit ihr regelmäßig bei einem Lungenarzt und der hatte ihr eigentlich Medikamente aufgeschrieben. Gestern morgen war es wieder sehr schlimm, und heute wäre sie ja fast erstickt. Und mein Mann ist auf Dienstreise und ich kann ihn nicht erreichen. Ich wollte eigentlich nur schnell vor der Arbeit nochmal nach ihr sehen, so hatten wir es besprochen. Wie kann ich Ihnen bloß danken? Können meine Familie und ich uns irgendwie erkenntlich zeigen bei Ihnen?“ – „Ich freue mich, dass ich Ihrer Tochter helfen konnte und dass Sie nochmal zurückgekommen sind.“ – „Ich war so geschockt, als ich sie so dort liegen sah.“ – „Das tut mir sehr leid.“ – „Aber dass Sie so ruhig bleiben können dabei, bewundere ich ja. Als ich beim letzten Mal den Notarzt rufen musste, habe ich mich drei Mal verwählt, so zittrig war ich. Ich könnte das nicht.“

Um frühen Nachmittag löste mich meine Oberärztin ab. Und meckerte herum, dass sie an einem Samstag im Advent Dienst schieben sollte. Als ich losfuhr, schickte ich Helena eine Nachricht. Sie und Marie wollten kochen. Hoffentlich würde ich nicht im Stau steckenbleiben oder noch zu irgendwelchen Erste-Hilfe-Leistungen angehalten werden. Bei meinem Glück… Nein, ich war püntlich zu Hause. Es gab Geschnetzeltes mit Reis, Möhren, Tzaziki und einer großer Schüssel buntem Salat. „Endlich mal wieder etwas leckeres. Unser Schulkoch hat Urlaub und seine Vertretung macht das alles immer nur lauwarm. Neulich gab es was mit Huhn, das schmeckte so lauwarm und labberig, wie frisch überfahren. Aber das hier … lecker. Wir sind genial, oder Marie?“

Zu viele Gedanken

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Es ist ja keinesfalls so, dass ich nur bescheuerte Kollegen um mich herum schare. Ich bekomme hin und wieder Kommentare oder Nachrichten, dass der Eindruck entstünde. Nein, selbstverständlich ist die Mehrzahl der Menschen, mit denen ich irgendwie zu tun habe, so, wie ich mir meine Umwelt vorstelle und wie ich sie akzeptieren kann. Aber darüber jeden Tag zu bloggen, wäre mir zu langweilig. Und ich glaube, das will auch niemand lesen. Und ich glaube auch, dass ich nach über sechs Millionen Klicks behaupten darf, zu wissen, was gelesen wird. Aber hin und wieder muss ich es dennoch erwähnen. Heute zum Beispiel.

Ich beobachte Menschen ja bekanntlich sehr genau. Nein, ich gaffe nicht, aber mir fallen sehr viele Details auf und ich bin auch sehr kritisch. Übrigens auch mit mir selbst. Zwar vorrangig nach meinen eigenen Maßstäben … okay, nicht rumlabern, Socke. Komm auf den Punkt.

Es gibt in meinem Arbeitsbereich einen Kollegen, der demnächst in den wohlverdienten Ruhestand geht. Hat vor etwa vierzig Jahren Medizin studiert, damals gleich im Anschluss seinen Facharzt in Kinderheilkunde gemacht und dann im Krankenhaus gearbeitet. Ohne Ambitionen, dort aufzusteigen und Karriere zu machen, sondern er hat einfach nur gearbeitet. Irgendwann war er mal für 10 Jahre als angestellter Arzt in einer großen Praxis, seit fünf Jahren ist er wieder in der Klinik. Er ist sehr freundlich, sowohl zu mir als auch zu den anderen Kolleginnen und Kollegen, und ich habe das Gefühl, er mag mich sehr. Er lobt mich regelmäßig, er interessiert sich für mich, betont immer wieder, dass ich mich bei Fragen immer an ihn wenden kann, fragt immer, wie es mir geht, wünscht mir immer einen schönen Abend oder ein schönes Wochenende, begrüßt mich, je nach Laune, sogar mal mit „Na, mein Mädchen, wie geht es dir denn heute?“ – auf Plattdeutsch. Ja, wir sind hier im Norden. Und nein, das ist nicht aufdringlich. Und unaufgefordert würde ich es nicht sprechen. Aber es ist für mich völlig okay.

Das alles wäre wunderbar, wenn ich nicht immer so hohe Ansprüche hätte. Jeder Mensch hat ja seine Schwächen und vielleicht auch seine Fehler, und gerade andere, ältere Generationen haben lange Zeit nach ganz anderen Werten gelebt. Oder leben heute noch nach ihnen. Und auch wenn sie fachlich vielleicht nicht in jeder Nische auf dem aktuellen Stand sind, so haben sie doch jahrzehntelange Erfahrung, die auch für junge Menschen ein Segen sein kann, wenn sie denn partizipieren dürfen. Dennoch: Ich kriege selbst mit ihm, der es eigentlich so gut mit mir meint, regelmäßig einen Föhn!

Zum Beispiel neulich: Er behauptet vor einer Runde versammelter Studenten, immer im Krankenhaus gearbeitet zu haben und ein Kritiker von niedergelassenen Ärzten zu sein. Das seien oft Menschen, die nicht teamfähig seien. Mir sind fast die Ohren abgefallen, als ich das beiläufig hörte. Erstmal finde ich diese These schon unmöglich: Wenn ich an Maries Mama denke, und an ihr Praxisteam, wenn ich daran denke, wie sie Marie und mich im Studium in ihre Praxis eingebunden hat, dann rollen sich mir schon die Fußnägel hoch. Ich habe ihn anschließend direkt darauf angesprochen: „Was erzählst du denn hier für einen Scheiß? Du bist doch zehn Jahre lang in einer Praxis gewesen! Warum verleugnest du das?“ – „Das war ja eine Großpraxis, wo wir dennoch im Team arbeiten müssen.“ – Und dann wird ganz schnell das Thema gewechselt.

Anderes Beispiel: Es gibt einen Kollegen, der eine fundamentale Aversion gegen Akten hat. Der ist fachlich sicherlich sehr gut, aber Dokumentation gehört nunmal zum Job genauso dazu. Ich liebe es, heiß zu baden, aber irgendwann muss ich zumindest mal einen Lappen und etwas Scheuermilch nehmen und die Badewanne auswischen. Irgendwann muss ich mein Rennbike auch mal säubern. Oder das Auto aussaugen. Das gehört einfach dazu. Er nimmt Betäubungsmittel aus dem Schrank und schreibt dazu: Nichts. Das geht nicht. Das fällt auch auf mich zurück, wenn da plötzlich was fehlt. Es ist nicht so, dass er damit Schindluder betreibt. Sondern ich glaube, dass er das völlig korrekt einsetzt. Aber er muss es dokumentieren. Und bekommt deswegen auch ständig Ärger. Er spricht dann immer ganz charmant darüber, wie schlusig er doch sei. Neulich musste ich was eintragen, merke aber, dass der Anfangsbestand nicht stimmt. Also hält das den ganzen Betrieb auf. Die Patientin braucht dringend das Medikament, ich bin anschließend damit beschäftigt, die Liste in Ordnung zu bringen. Um es nicht melden zu müssen, was der schlusige Kollege sofort als Angriff werten würde. Mein väterlicher Kollege steht plötzlich neben mir und sagt: „War das wieder der schlusige Kollege? Meine Güte, wie ist der überhaupt Arzt geworden? Entweder ist der ständig voll oder bedröhnt, anders kann ich mir das bald nicht mehr erklären. Das haben wir doch schon so oft gesagt.“ – „Redest du mal mit ihm? Als älterer Kollege? Ich habe das jetzt schon so oft gemacht und jedes Mal ist er hinterher sauer auf mich.“

Was passiert? Er sagt dem schlusigen Kollegen: „Sie ist da halt sehr genau, ist noch sehr jung und so – schreib da einfach irgendwas rein, damit das stimmt und [Socke] Ruhe gibt.“ – Hallo? Wieso fällt er mir in den Rücken? Ich spreche ihn auch darauf an, er sagt: „Dachtest du, ich ändere ihn? Ich habe nur eine Lösung für das aktuelle Problem gesucht. Und um Verständnis für dich gebeten. Da musst du mir schon vertrauen. Alles wird gut. Du musst mehr das Große Ganze sehen, sonst verzettelst du dich.“ – Alles klar, nur die Bücher müssen doch trotzdem stimmen. Sonst brauchen wir den ganzen Zirkus doch nicht zu machen, und wohin das dann führt, wissen doch alle. Was schreibt er rein? Er hat eine Ampulle fallen gelassen. Der ist so dämlich, das ist so unplausibel, wenn dann der nächste Eintrag Tage später von einer anderen Person ist. Wenn ich eine Ampulle runterwerfe, dann hole ich mir sofort einen Zeugen, der die zerbrochene Ampulle sieht, und lasse den das mit unterzeichnen. Und anschließend, und das ist der Knackpunkt, nehme ich die gleiche Ampulle noch einmal raus und mache damit das, was ich vorhatte. Also müsste es zwei Einträge geben. Ist aber nicht mein Problem. Und nein, ich werde nicht petzen gehen. Obwohl es mir gegen den Strich geht.

Drittes Beispiel: Mein väterlicher Kollege kommt auf die Idee, einer jugendlichen Patientin, die bei uns auf der Station liegt, noch ein zusätzliches Medikament zu geben, weil sie so verschleimt ist. Ich will das im Einzelnen nicht beschreiben, weil ich keine inhaltliche Diskussion auslösen will, es ist nur so, dass dieses Medikament in Kombination mit anderen Medikamenten, die sie bereits bekommt, ein absolutes No-Go ist. Steht in jeder Fachinformation, sogar im Beipackzettel, das geht nicht. Sagt er: „Doch, das kann man machen. Zur Nacht nicht, wenn sie schläft, aber tagsüber kann man das durchaus mal tun.“ – Nun muss ich das aber mit verantworten, spätestens wenn ich davon weiß. Ich sehe das nicht nur kritisch, sondern würde das niemals geben, weil ich es anders gelernt habe. Und sage ihm das auch so. Antwort: „Da bist du einfach zu ängstlich. Ich weiß, dass es diese Probleme, die du beschreibst, nicht gibt. Das sind irgendwelche haftungsrelevanten Vorsichtsmaßnahmen des Pharmaherstellers, sonst nichts.“ – Und dann ist er sauer, weil ich den Weg trotzdem nicht mitgehen möchte und mein „Fachwissen“ höher ansetze als seine „Erfahrung“. Und sagt: „Ich werde das bei der nächsten großen Visite ansprechen.“

Ich weiß, ich bin noch lange nicht angekommen. Ich weiß auch, dass es immer wieder Differenzen gibt. Aber es ist so anstrengend manchmal. Selbst mit Leuten, die es wohl insgesamt gut mit mir meinen. Argh. Ich denke wohl zu viel darüber nach. Und mache mir zu viele Gedanken.