Stemm-Eisen und many reasons

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Es ist kurz nach halb sechs am Abend. Eine gute halbe Stunde dauert mein Dienst noch, bevor ich endlich nach Hause darf. Personalnot zwingt die Klinik nicht nur zu immer individuelleren Arbeitszeiten, sondern auch noch zu immer individuelleren Einsatzbereichen. „Können Sie mal bitte geschwind in die chirurgische Notaufnahme, dort unterstützen, man erwartet in den nächsten zehn Minuten einen Jugendlichen mit Schnittwunde an der Stirn? Die Kollegen sind alle beschäftigt.“

Na sicher. Ich muss durch das halbe Gebäude, weil nur vorne ein barrierefreier Ausgang ist. Die Notaufnahme liegt aber hinter dem Gebäude. Ich muss über einen matschigen Sandweg, Wind peitscht mir eiskalten Regen in völliger Dunkelheit ins Gesicht. Drüben ins Gebäude, die Greifreifen vom Rollstuhl sind so glitschig, dass ich aufpassen muss, nicht gegen die geschlossene Aufzugstür zu rutschen. In der Notaufnahme angekommen, muss ich mich erstmal wieder einsatzfähig machen. Ich tausche mein nasses Hemd gegen ein trockenes, trockene mein Gesicht, wasche und desinfiziere mir die Hände und Unterarme. Draußen auf dem Flur ist Remmidemmi. Ein 17 Jahre alter junger Mann wird auf einer Liege durch den Gang gerollt, ist volltrunken, hat eingepullert, hat eine blutdurchtränkte Kompresse an der Stirn und pöbelt herum.

Ob er sich geprügelt hat oder ob er nur mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen ist, ist nicht festzustellen. Er soll in einem Jugendclub mittig auf einem Billardtisch gelegen und geschlafen haben. „Wissen Sie, wo Sie hier sind? Sie sind im Krankenhaus. Sie sind verletzt am Kopf. Soll ich mir das mal angucken?“ – „Nö, ich will schlafen“, lallt er. Ich antworte: „Es wäre besser, wenn ich das versorge, nicht dass Ihr Hirn rausläuft. Außerdem bluten Sie am Oberschenkel. Ihre Hose ist voller Blut. Haben Sie eingepullert? Die Kollegin zieht Ihnen mal die nasse Hose aus, okay?“ – „Alles schon raus.“

Ja fein. Während die Kollegin ihm die nasse und blutverschmierte Hose auszieht, fällt ein Stemm-Eisen aus seiner Unterhose auf den Fußboden. „Müssen Sie noch was abhobeln?“, frage ich ihn. Er antwortet: „Ich will renovieren.“ – Die Kollegin aus der Pflege legt das Ding neben ihm auf den Tisch, ich packe es bei nächster Gelegenheit erstmal aus seiner Reichweite. Nicht, dass ich da mit Nadel und Faden hantiere und er mir damit eine neue Frisur verpasst. Nachdem ich seine Wunden gesäubert und versorgt habe und mir sicher bin, dass das Hirn nichts außer Alkohol abbekommen hat, darf er seinen Rausch ausschlafen.

Als ich endlich zu Hause durch die Tür komme, empfängt mich Helena mit drei Briefen. Orthesen genehmigt wie angefragt. Rollstuhl genehmigt wie angefragt. Termin mit dem Medizinischen Dienst wegen Pflegebedürftigkeit in der Woche vor Weihnachten. Sind die immer so schnell? Helena grinst, wechselt aber sofort das Thema: „Marie und ich haben uns vorhin gegenseitig abgefragt. Sie meine Vokabeln, ich ihre komischen Medizin-Sachen. Kannst du die 12 Hirnnerven auswendig?“ – „Na sicher.“ – „Zähl mal auf!“, verlangt sie von mir. – „Wofür willst du die hören?“ – „Mach mal bitte.“ – „Okay: Nervus olfactorius, opticus, oculomotorius, trochlearis, trigeminus, abducens, facialis, vestibulocochlearis, glossopharyngeus, vagus, accessorius und hypoglossus.“ – „Falsch.“ – „Okay. Und wie ist es richtig?“ – „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf.“ – „Du bist doof.“ – Helena lacht sich kaputt. Und ich habe mir solche Mühe gegeben.

Es ist halb zwei Uhr in der Nacht, als plötzlich jemand an meine Schlafzimmertür klopft. Ganz leise. Und dann reinkommt. Bevor ich richtig wach werde und Licht anmachen kann, schlüpft Helena unter meine Bettdecke, umklammert mich fest. Ich komme aus dem Tiefschlaf, muss mich erstmal orientieren und erstmal checken, was hier abgeht. Ich fasse ihr mit einer Hand an den Hinterkopf und drücke sie an mich heran. Sie weint. Ich streiche über ihre Haare, schiebe die Bettdecke ein Stück herunter. Normalerweise kommt sie nicht mitten in der Nacht in mein Bett gekrabbelt. Hatte sie schlecht geträumt?

Nach fünf Minuten beruhigt sie sich. „Ist alles gut bei dir?“, frage ich sie. Sie sagt: „Ja, alles ist gut, ich bin glücklich und ich konnte es alleine nicht mehr aushalten. Ich habe Angst, aus meinem Traum aufzuwachen.“ – „Aus welchem Traum?“ – „Ich denke manchmal, dass ich in einem Traum bin und wenn ich aufwache, bin ich wieder bei [ihren vorherigen Pflegeeltern].“ – Was für ein Drama und was für ein Kompliment zugleich. „Nein, das passiert nicht, Helena. Du träumst nicht. Das, was [ihre vorherigen Pflegeeltern] gemacht haben, war nicht okay. Dieser Albtraum ist zum Glück vorbei und du bist jetzt daraus erwacht, wenn du so willst. Du kannst ganz beruhigt sein. Marie und ich passen auf dich auf. Du bist hier in einer ganz anderen Stadt, du wirst [den bisherigen Pflegeeltern] nicht mehr begegnen, wenn du es nicht willst.“ – „Es ist so schön hier. Ich habe das alles noch immer nicht realisiert. Alleine dass ich mit [ihrer Freundin] reiten kann und hier mein eigenes Zimmer habe und dass ich nicht mehr lügen muss und ihr mich wirklich nicht schlagt. Ich rede schon wie eine alte Oma, oder? Vorhin beim Einschlafen habe ich auch schon geweint. Crying for no reason.“

„Da sind schon many reasons, würde ich sagen. Und ich finde es auch gut, dass du das rauslässt und auch erzählst, was dich bewegt.“ – „Bin ich normal?“ – „Du bist sowas von normal, Helena, da mach dir mal keine Sorgen. Und das, obwohl ich ’normal‘ gar nicht mag.“ – „Darf ich bei dir schlafen? Es ist wirklich nur für diese eine Nacht.“

Rundumschlag

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Sehr lange haben wir gewartet, noch viel länger musste Helena darauf warten, dass sie nun endlich mal die Therapie bekommt, die hinsichtlich ihrer Einschränkungen dem hiesigen Standard entspricht. Dafür geht es jetzt aber hoffentlich umso schneller. Wir wollen Fortschritte.

Wir haben lange abgewogen, ob es sinnvoll ist, Helena bei Maries Mutter in die hausärztliche Behandlung zu geben. Es sprechen einige Dinge dagegen, insbesondere ist Maries Mutter keine Pädiaterin (also keine Kinderärztin), sie ist persönlich betroffen, und damit besteht immer die Gefahr, dass man ihr fehlende Objektivität unterstellt; andererseits verstehen die beiden sich prächtig und Maries Mutter labert nicht lange um den heißen Brei, sondern fasst auch unangenehme und aufwändige Themen beherzt an. Insofern haben wir uns zusammen mit dem Jugendamt und dem Betreuer darauf verständigt, dass Maries Mutter das am Anfang alles anschieben und koordinieren soll, mittelfristig die verschiedenen Fachbereiche aber selbstverständlich durch Fachärzte in der näheren Umgebung betreut werden. Aber mit Blick darauf, dass es einen ersten Termin meistens erst in drei bis sechs Monaten gibt, war es Gold wert, dass Marie bereits am Freitag mit ihr zu ihrer Mama fahren konnte.

Die drei hatten den letzten Termin und haben dazu über zwei Stunden in der Praxis gesessen. Überweisung zum Kinderneurologen und Termin in der zweiten Januarwoche: Check. Überweisung zum Orthopäden und Termin in der ersten Märzwoche: Check. Überweisung zum Urologen und Termin in der übernächsten Woche: Check. Ärztliche Stellungnahme zur Psychotherapie und Termin für eine Probesitzung bei einer Kinderpsychologin in einer Nachbargemeinde in der nächsten Woche: Check. Verordnung für Knöchel-Orthesen zum Laufen, einen Rollstuhl für lange Strecken (ja, wirklich) und ein Vorspannbike als Alternative zum Fahrrad zum Inhaber „meines“ Sanitätshauses gefaxt, der auf telefonische Bitte noch am selben Tag drei Kostenvoranschläge online an die Krankenkasse geschickt hat: Check. Ärztliche Verordnung über eine Insulinpumpe mit ausführlicher medizinischer Begründung an die Krankenkasse geschickt: Check. Antrag auf Feststellung von Pflegebedürftigkeit zusammen mit Vollmacht und medizinischer Stellungnahme an die Pflegekasse geschickt: Check. Antrag auf Feststellung von Schwerbehinderung im Eilverfahren zusammen mit Vollmacht und ärztlicher Stellungnahme an die zuständige Behörde geschickt: Check. Den ganzen Senf in einem PDF-Dokument zusammengefasst und (ohne Befunde) an den Vormund und an das Jugendamt zur Kenntnis geschickt: Check. Am Ende mit rauchendem Kopf aus der Praxis gerollt: Check. Am Abend vom Vormund drei Daumen-hoch-Smileys per Mail zurück bekommen: Check.

Ende Januar haben wir nun auch einen Termin beim Kinderarzt bekommen. Leider müssen wir dafür fast 20 Kilometer fahren. Die Praxis hier im Ort ist nicht ohne Stufen zu erreichen (und alleine lassen wir Helena mit der komplexen Vorgeschichte never ever zum Erstgespräch), die Praxis hat die Note 4,6 aus 20 Bewertungen, das würde mir nicht mal für einen Tierarzt im Notdienst reichen. Vergiss es. Der Kollege, den wir uns jetzt gemeinsam ausgesucht haben, hat aus 35 Bewertungen eine 1,0. Und eine Weiterbildung als Endokrinologe – da kann also nichts verkehrt laufen.

Nach diesem bürokratischen Rundumschlag haben Marie und ich mit Helena noch Klamotten und Bettwäsche gekauft. Auch wenn ich an einem Advents-Samstag normalerweise niemals shoppen würde, gab es noch einen Großeinkauf. Ja, es ist bald Weihnachten, aber Helena soll nicht den Eindruck bekommen, dass das, was sie täglich benötigt und jahrelang versäumt wurde, nun als Weihnachtsgeschenk abgegolten wird. Dafür fallen uns noch jede Menge andere Dinge ein, die dann auch wirklich mal ein Bonbon und keine Notwendigkeit sind. Bis zu einer klaren Entscheidung haben wir uns ja auf das Nötigste beschränkt.

Heute war ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit mal wieder mit meinem Rennbike los. Im Orkan bin ich zwar nicht weggeflogen, aber teilweise blieb mir richtig die Luft weg, als der Wind mir direkt ins Gesicht wehte. Ich musste hin und wieder drei, vier Gänge runterschalten, um einigermaßen im Tempo zu bleiben. Zum Glück hatte ich den Gegenwind auf dem Hinweg und den Rückenwind auf dem Rückweg. Ich bin so glücklich, mich endlich mal wieder auspowern zu können. Ich hatte gehofft, zwischen zwei Schauern hindurch zu kommen, bin aber so richtig triefnass geworden. Also hinterher gleich in die heiße Badewanne. Und jetzt gleich ins warme Bettchen, denn morgen früh beginnt der Tag mit Frühdienst!

Schnucki

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Natürlich kann ich kurzfristig einspringen und Nachtdienst machen. Dass ich mein obligatorisches Mittagsschläfchen vor dem Nachtdienst nicht hatte, ist nicht weiter schlimm. Dass ich heute morgen eine ambulante OP hatte, auch nicht. Natürlich komme ich, damit mein aktueller Lieblingskollege nicht so alleine ist. Und ich weiß zu schätzen, dass es nur Bereitschaftsdienst ist. Dann kann ich mich vielleicht eine Stunde zwischendurch hinlegen. Ist noch Zeit für einen Klogang, bevor ich spontan los muss? Gerade noch.

Der Lieblingskollege begrüßt mich mit: „Na, Schnucki, gehen bei dir zu Hause auch die Uhren nach?“ – „Du kannst gerne nachfragen, wenn du meinen Namen nicht richtig verstanden hast.“ – „Ach komm, ‚Schnucki‘ ist doch süß. Ist nicht böse gemeint.“ – „Nee, nur sexistisch, ich weiß. Ich geb dir einen Tipp: Lass es einfach sein, auf die Dauer sparst du dir damit jede Menge Ärger ein.“ – „Sind wir heute wieder zickig?“ – „Du raffst es nicht, oder? Dir haben das doch jetzt schon so viele Leute so oft gesagt, was ist daran so schwierig?“ – „Diese Frauenlogik ist jenseits meiner Auffassungsgabe.“ – „Soll ich dir eine geistige Stärkung aus der Apotheke holen?“ – „Wie nennt dein Freund dich denn, wenn nicht ‚Schnucki‘?“

Ich überhöre das und blättere die Übergabevermerke durch. Mein Lieblingskollege wendet sich der männlichen Pflegekraft zu, die die ganze Zeit im Raum ist: „Sie hat auf Durchzug geschaltet.“ – Die Pflegekraft seufzt tief und geht ohne ein Wort nach draußen. Er wendet sich wieder mir zu: „Wenn Schnucki alles durchgelesen hat, könnte sie ja vielleicht in Zimmer 34 schonmal die Kanüle legen.“ – „Jetzt hör mal zu, Kollege: Wenn du mich im Dienst nochmal ‚Schnucki‘ nennst, noch dazu vor anderen Kollegen, dann kriegen wir beide richtig Ärger miteinander.“ – „Soll das heißen, wir gehen demnächst mal zusammen einen trinken? Nein, vergiss es, es macht einfach Spaß, dich zu ärgern. Nimm es einfach nicht so persönlich, ich meine es nicht böse.“ – „Es belästigt mich. Du kannst gerne dein Haus-Schaf so nennen, aber für Kolleginnen am Arbeitsplatz ist das ungeeignet.“ – „Am besten kaufst du dir ein Fahrrad. Aber eins, das nicht so klemmt wie du. Zimmer 34, nicht vergessen, übrigens die Schokolade hier kommt von der Mutter der kleinen Luisa und ist sehr lecker!“

Als wir das nächste Mal auf dem Flur aneinander vorbei kommen, singt er: „Schnucki, ach Schnucki, roll mal nach Kentucki, in die Bar ‚Old Shatterhand‘, dort spielt ne Indianerband.“ – Wie nervig. Keine Ahnung, was man nehmen muss, um so drauf zu sein. Das geht bei ihm ständig so und ich bin (zum Glück) nicht die Einzige.

Um halb drei kann ich mich einen Moment hinlegen. Da er Nachtdienst (und ich Nachtbereitschaft) hat, muss er wach bleiben. Um halb vier piept mein Melder. Als ich auf der Station ankomme, grinst er mich an. Ich überlege, ob meine Haare nicht ordentlich sind oder mein Hemd verknittert ist, er sagt: „Ich mag dein Orgasmus-Face. Oder hast du etwa nur geschlafen?“

Ich würde natürlich gerne etwas unternehmen, denn diese ewigen Sprüche nerven. Leider gibt es immer keinen Zeugen. Und wenn es doch mal einen gibt, wie den Kollegen aus der Pflege, dann sind es Banalitäten. Hinzu kommt, dass meine Oberärztin gefühlt keinen Bock hat, sich um irgendwas zu kümmern. Also eskaliert es irgendwann, und damit es dann fruchtet, schreiben zwei junge Kolleginnen, die er auch schon gefragt hat, ob er ihnen beim Umkleiden helfen soll und warum sie keine schwarzen Strings unter der weißen Hose tragen etc., bereits alles auf. Schnucki hat es bisher noch nicht getan, protokolliert dann aber ab heute auch mal mit.

Warum können so viele Männer eigentlich Komplimente von sexistischen Sprüchen nicht unterscheiden? Ganz viele können das, aber so viele können das eben nicht. Ist es wirklich so kompliziert?

Ihre Zukunft

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Noch aufregender hätte es nicht mehr sein können. Helena war am Ende so nervös, dass sie ohne Jacke und ohne Schuhe losgehen wollte. Gestern abend fragte sie immer wieder, was passieren würde, wenn sich das Jugendamt gegen unser weiteres Zusammenleben entscheidet. Und was sie am besten sagen soll, und was lieber nicht. Und ob das nicht alles schnell vorbei gehen könnte. Und ob ich nicht doch schon etwas wissen würde. Oder Marie. Wann wir losfahren würden, ob das nicht zu knapp sei, weil es ja einen Stau geben könnte. Und ob ich eine Ahnung davon hätte, was alles gefragt werden würde. Und ob es sein könnte, dass sie schon morgen abend in irgendeiner Einrichtung sei, in die sie gar nicht wolle.

Normalerweise geht Helena um 20.45 Uhr ins Bett, Licht aus um 21.00 Uhr. Normalerweise bringen entweder Marie oder ich sie ins Bett, decken sie gut zu, sprechen noch einen Moment über den Tag, streicheln ihr noch einen Moment den Kopf – und oft schläft sie dabei schon ein. Auch wenn sie schon 12 Jahre alt ist, ein Einschlaf-Ritual ist ihr enorm wichtig. Und ihr ist wichtig, dass alles in Frieden und in Ordnung ist. Gestern war sie nicht zur Ruhe zu bekommen. Um 21.30 Uhr habe ich sie alleine gelassen, um 21.45 Uhr kam sie weinend wieder zu uns. Dann saß sie fast eine Stunde wie ein Affenbaby auf Maries Schoß, ihren Kopf zwischen Maries Schulter und der Sofalehne, bis sie endlich so ruhig war, dass sie von sich aus wieder ins Bett ging. Als ich 30 Minuten später noch einmal um die Ecke guckte, war sie immer noch wach und hatte im Dunkeln ein Hörbuch leise laufen. Um 23.30 Uhr hat Marie ihr dann noch einen warmen Tee gekocht, als sie den getrunken hatte, schlief sie ein.

Heute morgen hat sie keinen Bissen gegessen. Auch wenn wir geahnt haben, in welche Richtung das gehen wird, weil man immer wieder bis ins letzte Detail alles abgeklopft und nachgefragt hat (was man nicht machen müsste, wenn man an anderen Lösungen arbeitet), sicher waren wir uns bis zum Schluss nicht, wohin die Reise gehen würde. Als wir dann endlich vor der Zimmertür der Mitarbeiterin standen, bei der wir einen Termin hatten, wurden wir gebeten, in einen anderen Raum am anderen Ende des Gebäudes zu wechseln. Und dann hieß es, man würde Helena von uns trennen und sowohl mit ihr als auch mit uns zunächst getrennt sprechen wollen. Das war der Moment, wo mir mulmig wurde. Und Marie auch, ich sah es an ihrem Blick.

Helena erzählte hinterher, dass die Frau, eine Psychologin, sich mit ihr unterhalten hat und alles mögliche über ihre derzeitige Situation bei uns wissen wollte. Wann sie aufstehen muss, wie es in der Schule so läuft, ob Maries Mutter nett ist, wovor sie Angst hat, ob sie Zukunftspläne hat, ob wir uns schonmal gestritten haben, welche Hobbies sie derzeit hat, wann Marie und wann ich nicht gestört werden möchten, ob sie mit mir oder mit Marie mehr kuschelt, wie oft es ihr Lieblingsessen gibt und welche Aufgaben sie im Haushalt hat, wieviel Taschengeld sie bekommt und wovon sie nachts träumt, wer ihr die Fußnägel schneidet und ob sie ihre Schulhelfte vorzeigen muss. Und etliche andere Dinge, die ich schon wieder verdrängt habe.

Und wir? Wir durften der pädagogischen Sachbearbeiterin etliche Nachfragen beantworten zu dem „Konzept“, das wir eingereicht hatten. Nachfragen, die sich eigentlich anhand des Textes beantworten lassen, aber auch Nachfragen, die wir -teilweise ganz bewusst- nicht beleuchtet hatten. Nach etwa einer halben Stunde kam die Chefin der Sachbearbeiterin dazu, dann kam Helena mit der Psychologin wieder, dann noch ihr Vormund, am Ende saßen wir zu siebt an einem runden Tisch. Und dann ließ man endlich die Katze aus dem Sack.

Es ist so, wie Maries Mutter schon prophezeit hatte: Sie können nicht mehr zurück. Und wollten das hoffentlich auch nicht. Nicht zuletzt wegen der Schule. Die Psychologin betonte drei Mal, dass sie sehr unter Zeitdruck stünde und gerne zuerst etwas dazu sagen und dann zum nächsten Termin möchte, am Ende gab es von ihr dann nur ein: „Alles wie vorab besprochen, ich unterschreibe das später, meinerseits gibt es keine Bedenken und eine eindeutige Empfehlung.“ – Da wussten Marie und ich schon, wie der Hase laufen wird, Helena begriff es noch nicht. Sie wurde noch einmal gefragt: „Möchtest du weiterhin dort leben, wo du jetzt bist, oder sollen wir uns um eine andere Möglichkeit für dich kümmern?“ – Ihre Antwort: „Bitte keine andere Möglichkeit.“ – Was natürlich sofort eine Nachfrage auslöste: „Also möchtest du da bleiben, wo du jetzt bist?“ – „Wenn ich das entscheiden darf, dann möchte ich unbedingt da bleiben. Ich kann mir kein besseres Zuhause vorstellen. Ich bin so glücklich dort und ich wäre sehr traurig, wenn ich von Jule und Marie weg muss. Muss ich das?“

Die Mitarbeiterin guckte mich an. Ich sagte: „Von uns aus nicht. Wir freuen uns, wenn sie bei uns bleibt.“

Dann sagte sie: „Von uns aus auch nicht.“

Helena guckte Marie und mich abwechselnd mit großen Augen an. So langsam realisierte sie, was die Antwort bedeutet. Plötzlich fing sie zu weinen an. Die Mitarbeiterin bekam das zuerst nicht mit, erst als die Psychologin sie anguckte und mit dem Kopf in Helenas Richtung nickte, unterbrach sie ihren Satz und sagte: „Ach Mensch. Alles sehr bewegend.“ – Helena antwortete: „Nee, ihr entscheidet hier gerade über meine Zukunft und die ist mir wichtig. Da muss ich auch mal drei Tränen rauslassen dürfen, sonst platz ich hier gleich.“ – Ich hätte am liebsten gleich mitgeheult. Aber ich habe ja gelernt, mich zusammenzureißen. Helena trocknete ihre Tränen mit dem Ärmel. Ich schob ihr ein Paket Papiertaschentücher über den Tisch.

Das Jugendamt und der Vormund (und auch das Familiengericht, wie ich später erfahren habe) haben zugestimmt, dass Helena weiterhin bei uns leben darf. Die Veranstaltung soll auf Dauer angelegt werden und wird zunächst bis zum 31.12.2020, also für zwei Jahre, so entschieden. Im Sommer 2020 will man entscheiden, wie es danach weitergeht. Bis dahin soll es eine enge Zusammenarbeit mit dem örtlichen Jugendamt geben, das ständig über Helenas Entwicklung informiert werden soll und bei Fragen beraten kann.

Als erste technische Schritte wurden vereinbart: Helena soll „unverzüglich einer ambulanten Psychotherapie zugeführt werden“, sie soll Physiotherapie bekommen, soll in kinderneurologische Behandlung gegeben und mit den nötigen Hilfsmitteln versorgt werden. Es soll auch ein Behindertenausweis beantragt werden. Und so weiter – im Grunde alles das, was wir auch in unseren Texten ausgeführt haben. Man hat uns also quasi aus der Hand gefressen, was diese und weitere Ideen angeht.

Als wir nach dem Termin endlich im Aufzug standen und die Tür hinter uns zufiel, schnappte sich Helena erst meinen Kopf, nahm ihn in beide Hände und drehte ihn so, dass sie mir nacheinander links und rechts einen Kuss auf die Wange und anschließend einen auf die Stirn geben konnte. Anschließend machte sie bei Marie dasselbe und fragte dann kiebig: „Seid ihr sicher? Ich meine, ihr wisst schon, dass ich ab morgen unausstehlich sein werde?“ – „Wir auch, Helena. Kuscheln ist vorbei, ab morgen beginnt der Tag mit Liegestützen, Ordnung und Disziplin.“ – „Echt?“ – „Das heißt: Jawohl, Frau Socke.“ – „Das fehlte noch.“

Die gute Nachricht: Das Jugendamt zahlt künftig monatlich einen Grundbetrag von 579 Euro für den Kindes-Unterhalt sowie 360 Euro für den Pflege- und Erziehungs-Aufwand. Dieser Betrag ist erhöht wegen ihrer Behinderung und dem damit verbundenen Mehraufwand. Dazu kommen noch 194 Euro Kindergeld, so dass uns im Monat für Helena 1.133 Euro zur Verfügung stehen. Das ist okay, finde ich. Jeweils 42 Euro monatlich werden in Maries und meine Rentenkasse eingezahlt.

Die schlechte Nachricht: Die Zeit bis gestern gilt als „Besuch“, da kommt das Jugendamt für keinerlei Kosten auf. Auch nicht für unsere Auslagen, die wir bis heute hatten (insbesondere Klamotten). Allerdings, und ab hier wird es wieder gut, wird für die Erstausstattung mit Möbeln und Bekleidung eine Beihilfe in Höhe von insgesamt maximal 800 Euro gewährt. Wir können also nochmal einkaufen und künftige Rechnungen bis zum Höchstbetrag einreichen.

Normalerweise würde auch noch ein Weihnachtsgeld von rund 42 Euro gezahlt werden. Allerdings wird das am 5. Dezember ausgezahlt, und da wir erst ab 6. Dezember Leistungen bekommen, fällt das für dieses Jahr ebenfalls flach. Ich schätze, dass wir uns noch mit vielen bürokratischen Besonderheiten beschäftigen werden müssen. Die gefühlt zwei Dutzend Merkblätter und Bescheide habe ich noch gar nicht alle durchgelesen.

Als wir wieder im Auto saßen, wollte Helena als erstes Maries Mutter anrufen. Die Praxismitarbeiterin stellte sie in die Warteschleife und kurz danach war sie direkt dran: „Weißt du, was dabei rausgekommen ist? Ich darf bleiben. Wir sehen uns also demnächst noch öfter.“ – Marie erzählte mir später, dass ihr Papa Marie gestern abend noch angerufen und ihr alles Gute gewünscht hat. Er drücke die Daumen – offenbar hat es etwas genützt.

Wir müssen nun erstmal alles ordnen. Auch wenn ich nie Angst hatte, dass es schief gehen könnte, ich hatte bis zuletzt Zweifel, ob das klappen wird. So komisch es klingt, irgendwie habe ich das verdrängt. Umso erleichterter bin ich, dass wir die Ungewissheit hinter uns lassen konnten. Und nun endgültig vor einer Aufgabe und vor einer Herausforderung stehen, auf die ich mich sehr freue.