Glückskäfer

Ich bin ja noch eine Auflösung schuldig. Nein, ich löse mich nicht selbst auf, sondern die „Prüfungsfragen“, die ich vor einer Woche in den Raum gestellt habe. Ich muss ja erwähnen, dass ich hier keine Rechtsberatung mache und die „Auflösung“ nur meine persönliche Meinung ist, die keinen Anspruch auf Richtigkeit hat. Aber so habe ich es gelöst:

Zu 1) Das kommt ja immer auf den Umfang und das mit der Behandlung verbundene Risiko einerseits, auf die Einwilligungsfähigkeit des Patienten andererseits an. Wenn der Eingriff so schwerwiegend ist, dass selbst bei Erwachsenen regelmäßig ein schriftliches Einverständnis eingeholt wird (Narkose, Operation etc.), dann muss immer auch eine Unterschrift der gesetzlichen Vertretung sein. Gleiches gilt bei allen Handlungen des Kindes gegen ärztlichen Rat. Bei einfachen Behandlungen oder Untersuchungen, die in der Regel keine Folgen haben werden, kann ein Kind ab 14 Jahren zustimmen, wenn es überblickt, worum es geht. Das ist bei der Haselnuss-Sache und dieser Patientin eindeutig der Fall gewesen.

Zu 2) Kann das Kind ab 14 Jahren alleine in eine Behandlung einwilligen, gilt die Schweigepflicht vollumfänglich auch gegenüber den eigenen Eltern. Ich dürfte also nicht mal erwähnen, dass das Kind bei mir gewesen ist oder es auf dem Flur in Anwesenheit anderer grüßen (es sei denn, es grüßt zuerst).

Zu 3) Ich bin nicht erziehungsberechtigt und habe keine Verpflichtung, den Eltern zu berichten, dass ihr Kind die Wohnung verlassen hat. Dass die Eltern das vermutlich nicht wünschen, ist nicht meine Baustelle. Selbstverständlich empfehle ich dem Kind aber, mit dem Taxi zu fahren. Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls, die mich zum Eingreifen zwingen würden, liegen nicht schon deshalb vor, weil ein Kind nachts von der Wohnung zum Krankenhaus geht oder ohne Eltern behandelt werden möchte.

Zu 4) Ich esse Haselnüsse nicht so gerne und habe deshalb auch keine auf meinem „bunten Teller“.

Zu 5) Ich hoffe sehr, dass Helena zu mir kommt, wenn sie ein Problem hat. Im Moment glaube ich auch, dass sie das tun würde. Selbst bei einer Haselnuss. Wie das in ein oder zwei Jahren sein wird, weiß ich allerdings nicht.

Ich war gestern nach Dienstschluss im Schwimmbad. Nicht in dem, in dem Lukas und die anderen Leute trainieren, sondern in einem wesentlich größeren Bad, das direkt auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz nach Hause liegt. Das Training mit der Gruppe um Lukas ist zwar nach wie vor klasse und, sofern ich Zeit habe, auch angesagt, aber außerhalb dieser offiziellen Trainingszeiten sind mir einfach zu viele Rentnerinnen vor Ort, die dann wie Treibgut diagonal durch die Bahnen schwimmen oder die ganze Zeit pupsend und pinkelnd quatschend und tratschend am Rand stehen.

In diesem alternativen Schwimmbad habe ich vor einiger Zeit eine stark sehbehinderte Frau, geschätzt in meinem Alter, getroffen, die super gut und vor allem sehr schnell schwimmt und dort wohl regelmäßig ebenfalls zwei bis drei Kilometer abreißt. Wir sind aufeinander aufmerksam geworden, als diese Frau auf dem Weg zum Becken beinahe über meinen Rollstuhl gestolpert wäre, der am Beckenrand stand. Ich habe das in letzter Sekunde gesehen und sie angesprochen. Sie fragte dann, ob der zu mir gehöre und ob sie mit in die „Behindertenbahn“ dürfe. Genau mein Humor. Die Mitarbeiter des Bades waren so freundlich, ihr ein wenig Extralicht einzuschalten, also kein Kerzenschein und Schummerlicht, sondern 750 Lux Veranstaltungsbeleuchtung. Damit ist zwar ihr Eintrittspreis voll und ganz für Lichtstrom draufgegangen, aber sie konnte nun die Wände vor der Wende sehen, was ja, gerade bei schnellem Schwimmen, gewisse Vorteile mit sich bringt.

Jedenfalls wurde es gestern plötzlich wieder krass hell in der Halle und siehe da: Jene Frau war wieder da. Während sie am Rand entlang tappste und vermutlich austestete, aus welcher Bahn die wenigsten Geräusche kamen, schwamm ich zum Rand und sagte: „Hier wäre noch ein Platz in der Behindertenbahn frei.“ – „Jule, alte Socke, ich hatte schon Sehnsucht nach dir! Wie geht es dir und deinem Rollstuhl? Steht er hier oder drüben?“ – „Noch zwei Schritte nach rechts und du sitzt drin. Mir geht es gut. Und wie sieht es bei dir aus?“ – „Alles ein wenig verschwommen gerade und drinnen dunkler als draußen, aber sonst bestens. Hast du das Becken schon ordentlich umgerührt?“ – „Aufgeschäumt. Hab mich über einen Kollegen geärgert und meine ganze schlechte Laune am Wasser ausgelassen. Könnte sein, dass ich es an einigen Stellen ein wenig kaputt gemacht habe.“

In der Nachbarbahn steht ein älterer Herr und grinst. Dann kommt er zur Leine uns sagt: „Ich hab da mal eine Frage.“ – Wenn das schon so losgeht, kommt meistens irgendwas mit Schicksal, Behinderung und „wie schaffen Sie das eigentlich“. Ohne meine Reaktion abzuwarten, fragt er: „Wie schaffen Sie das eigentlich, trotz ihrem schweren Schicksal so viel Humor zu haben?“ – Bingo. Die sehbehinderte Schwimmerin sagt: „Tja, Jule, da will ich nicht stören. Der Blindfisch schwimmt sich inzwischen mal locker ein. Kann ich da mit dem Kopf voraus reinspringen oder tut das jemandem weh?“ – „Kannst springen, wir sind zu zweit in der Bahn.“ – Zu dem Mann sage ich: „Es klappt nicht immer und es ist auch nicht immer einfach, aber ich gebe mir größte Mühe.“

Ohne seine Reaktion abzuwarten, schwimme ich weiter. Ich bin nicht zum Quatschen und Tratschen hier, sondern zum Schwimmen. Heute nur 2.300 Meter insgesamt. Als ich wieder zu Hause ankomme, Helena begrüßt habe und meine nassen Sachen aufhängen will, hängen da schon wieder diverse nasse Klamotten von Helena. Einschließlich Jeans und Kapuzenpullover. Die Jeans ist allerdings ohne Falten aufgehängt, ein Wischlappen drunter, weil sie noch tropft. Sie kommt um die Ecke, steht schweigend in der Tür und guckt mich an. Inzwischen kenne ich diesen Ich-habe-etwas-ausgefressen-Blick von ihr.

„Was ist denn das hier schon wieder für nasses Zeug?“, frage ich sie. Als hätte sie darauf gewartet, sagt sie grinsend: „Ich schweige.“ – „Du warst aber nicht in der Ostsee schwimmen bei vier Grad und Schneetreiben, oder?“ – „Ich schweige. Nein, in der Ostsee war ich nicht.“ – „Darf ich trotzdem eine Frage stellen, auch wenn du schweigst?“ – „Darf ich trotzdem schweigen, wenn ich nicht antworten will?“ – „Ja. Warum Jeans und Jacke?“ – Sie überlegt einen Moment und sagt, immer noch grinsend: „Ich möchte schweigen.“ – Und geht in ihr Zimmer. Tja. Es gibt Dinge, die gehen mich nichts an. Das ist so.

Einen Moment später, ich bin gerade in der Küche, bereite das Abendessen vor und freue mich, dass sie von sich aus den Geschirrspüler ausgeräumt hat, setzt sie sich bei mir auf den Schoß, umarmt mich und drückt ihre linke Wange gegen meine linke Wange. Bewegt sich bestimmt zwanzig Sekunden lang nicht, sondern atmet ganz entspannt, gibt mir dann einen Kuss auf meine linke Wange und geht ohne ein Wort zu sagen wieder in ihr Zimmer. Ich werde noch nicht aus jeder Geste schlau, aber mir reicht es manchmal auch, wenn ich das in meinem Kopf in jene Kiste mit dem großen roten Glückskäfer packen darf.

9 Gedanken zu „Glückskäfer

  1. Huhu Jule,
    zunächst einmal: danke, für deine meinige Ansprache im letzten Beitrag 🙂
    Nicht schlecht was man erlebt wenn man seine sichere kleine Höhle verlässt und raus geht unter die Leute. Dabei begegnet man allerhand Leuten. Getreu einem Kinderlied „Große Leut, kleine Leut, Dicke Leut, dünne Leut […]“ (Hilfe Ohrwurm).
    Helenas Verhalten interpretiere ich aus der Ferne so, dass sie glücklich ist, dass sie keine Angst mehr haben muss und das auf diese Art und weise dir gezeigt hat. Andererseits habe ich den Eindruck, dass sie teilweise Grenzen austestet. Andererseites ist es gut, dass sie ihren Klamotten einen Tropfschutz untergestellt hat, sie denkt also mit und bringt sich auch aktiv im Haushalt ein (oder war das eine Ausnahme weil sie etwas ausgefressen hat?)
    Überhaupt habt ihr ihr die Möglichkeit geschaffen sich entwickeln zu können, sodass sie auch ihre eigenen Grenzen und Fähigkeiten austesten kann. Das ist ein Privileg welches sie in ihrer alten „Familie“ nicht hatte – zudem behandelt ihr sie nicht kindlich sondern ernsthaft und auf Augenhöhe. Ihr erklärt die Dinge nachvollziehbar, sodass sie versteht weshalb etwas ist wie es ist, und sagt nicht einfach nur „nein“. Alles Gute und bis bald 🙂

  2. Ich bin ja mal gespannt, ob sich noch auflöst, warum ihre Klamotten nass waren. Oder auch, ob das jetzt ein Test war, ob ihr das ernst meint mit dem Schwiegen dürfen.
    Boah, ey – ja. Die schwimmenden Rentner! Ich verstehe nicht, warum die immer wirklich das GANZE VERDAMMTE Becken für ihr Quergedümpel, Quatschen und Plantschen brauchen, wenn die doch sehen, dass da jemand Bahnen schwimmen will! Wenigstens eine verflixte Bahnbreite von 2 Metern für Schwimmer frei lassen!

  3. Das mit den Rentnern müsst Ihr verstehen. Die müssen den Umstand der späten Geburt kompensieren. Ihre Großeltern waren in Frankreich und Russland, ihre Eltern auch, ihre Enkel durften nach Afghanistan – nur sie mussten zuhause bleiben… Das ist ein schweres Schicksal, und so kompensieren sie das halt im Schwimmbad. Grins.

  4. Aktuell versuche ich nach meiner Krebserkrankung auch etwas mehr zu schwimmen um wieder „in Form“ zu kommen, aber meine Fresse, diese Rentner! Dieses rumgedümpel, drei Bahnen für sich nutzen weil gleichzeitig schwimmend und quatschen müssen, ist einfach furchtbar.
    Nach einiger Zeit schaffe ich die langen Bahnen nicht mehr und wenn die dann aufholen muss ich mir ewig dieses dumme Gelaber anhören. Gut das ich meine kurzen Bahnen auch am Ende vom Nichtschwimmerbecken ziehen kann, wenn gar nichts mehr geht. Verstehe den Frust.

  5. @Wichtig: Es gibt tatsächlich Kinder und Jugendliche, die das machen, insbesondere auch, wenn sie ihre Geschlechtsteile nicht sehen wollen, weil sie sich beispielsweise in der falschen körperlichen Hülle fühlen, aber da Helena auch nackt in die Sauna geht und da so überhaupt keine Probleme mit dem Nacktsein hat, glaube ich eher, dass es die nassen Klamotten sind, die sie faszinieren.

  6. @Jule 22:40 vom 13.1.
    Ich weiß es gibt „Bikinis“ die sind mit einem Faden genäht, der sich im Wasser auflöst.
    Man könnte Helena vielleicht mal ein T-Shirt dieser Art besorgen. Das gäbe sicher ein interessantes Gesicht.
    ( man müsste nur sicherstellen, das sie sich dabei nicht zufällig vor unbeteiligten dritten blosstellt!

  7. Oh ja die Rentner beim Schwimmen. Ich denke auch, 1 Bahn frei zu halten müsste doch möglich sein. Welche Zeit hast Du für 2.300 m? Damit ich für mich einen Vergleich – Trainingsvorlage habe. Ja den Trick fürs Bahnen zahlen hätte ich auch gerne.

    Und überhaupt jetzt bin ich von 2009 bis hier gekommen. Dein Schreibstil ist genial und der trockene norddeutsche Humor auch. Leider wird der nicht so oft verstanden.

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