Schöne Aussicht

Vor einigen Tagen habe ich mich, seit langer Zeit mal wieder, mit einer Freundin getroffen. Wir sprachen über alles mögliche, unter anderem aber über das Thema „Wohnen“ als Mensch im Rollstuhl. Aus Gründen.

Seit Jahren gelten in fast allen Bundesländern mehr oder weniger engagierte Bauvorschriften, die die Barrierefreiheit von Mietwohnungen regeln sollen. In den meisten Fällen wird unterschieden zwischen rollstuhlgerechten Wohnungen, die fast überall nur im öffentlich geförderten Wohnungsbau errichtet werden müssen, und barrierefrei erreichbaren Wohnungen, die inzwischen in fast allen Bundesländern nach einem bestimmten Schlüssel in allen Neubauten, ob öffentlich gefördert oder nicht, vorhanden sein müssen.

Besagte Freundin ist Rollstuhlfahrerin und verdient aus eigener Arbeit so viel Geld, dass sie für den sozialen Wohnungsbau nicht in Betracht kommt, jedoch sich ein eigenes Haus, das sie nach eigenen Erfordernissen barrierefrei ausbaut, nicht leisten kann – trotz aller persönlichen Zuschuss-Möglichkeiten. Also bleibt ihr nur der freie Wohnungsmarkt. Sie ist zudem recht fit, kommt also eigentlich auch in Wohnungen zurecht, die lediglich „barrierefrei erreichbar“ sind, ohne dabei über die für Rollstuhlfahrer vorgesehenen zusätzlichen Platzangebote und unterfahrbaren Küchen zu verfügen.

Was man aber wissen muss: „Barrierefrei erreichbar“ heißt lediglich, dass man ohne Stufe und ohne Schwelle bis hinter die Wohnungstür kommt. In den meisten Bundesländern geht es noch weiter, da müssen auch die Wohn- und Schlafräume schwellenlos erreichbar sein, eine Toilette, ein Bad und die Küche. Das bedeutet: Eine barrierefreie Wohnung ist mitunter für jemanden mit Rollator geeignet, für jemanden im Rollstuhl aber nicht unbedingt, selbst wenn jemand noch so fit ist.

In dem Haus, in dem sie vorher gewohnt hat, war beispielsweise ein Tiefgaragenstellplatz zur barrierefreien Wohnung mit vermietet. Nur konnte sie den nicht nutzen, weil sie mit dem Rollstuhl nicht dorthin kam. Auch in ihren Kellerraum kam sie nicht. Die Bauordnung sagte: Der Aufzug muss Kellergeschosse nicht bedienen. Das Haus hatte auch eine wunderschöne Dachterrasse. Konnte sie aber auch nicht nutzen, weil der Aufzug auch das oberste Geschoss nicht bedienen muss. Es sei denn, dort würden auch barrierefreie Wohnungen liegen, was aber nicht der Fall war.

Die Wohnung hatte auch keine Dusche. Sondern eine Badewanne. Weil es einfacher ist, eine Badewanne als eine bodengleiche Dusche einzubauen. Die Landesbaubehörde weist in diesem Fall sogar explizit darauf hin: „Gemäß [Landesbauordnung] muss eine Wohnung ein Bad mit Badewanne oder Dusche haben. Dieses gilt auch für barrierefreie Wohnungen. Enthält das Bad nur eine Dusche, ist diese […] niveaugleich mit einer max. Höhendifferenz von 2 cm auszubilden. An Badewannen werden […] keine besonderen Anforderungen gestellt. Mit einer Badewanne sind die Anforderungen [der Landesbauordnung] erfüllt. Enthält ein Bad eine Dusche und eine Badewanne, sind die Anforderungen […] an die Duschplätze nicht zwangsläufig umzusetzen, da die Badewanne als ausreichend barrierefrei gilt.“

Auch wenn ich persönlich gerne in einer Badewanne liege, ist es aus meiner Sicht ein Unding, wenn eine Behörde, die für die Umsetzung der Richtlien für barrierefreies Bauen sorgen soll (ohne Druck wird ja nicht barrierefrei gebaut, wie wir wissen), Hinweise gibt, wie man sich die barrierefreie Ausgestaltung der Dusche sparen kann. Unglaublich.

Sie dachte damals: Erstbezug, Neubau, barrierefreie Wohnung in einem Haus, das extra für Menschen mit Behinderung gebaut wird – was soll da schief gehen? Besichtigung gab es nicht, weil die Rampe zum Haus erst am Tag vor dem Einzug fertiggestellt wurde, Grundrisse wurden auch nicht herausgegeben, lediglich die Zimmergrößen. Mündlich wurde diverse Male gesagt, dass selbstverständlich alles ebenerdig sei. Sogar Reklameschilder (hier entstehen rollstuhlgerechte Wohnungen nach DIN) waren aufgestellt. Aber die sind, so die Rechtsprechung, leider nicht verbindlich, wenn es einen Mietvertrag gibt, in dem steht „soweit verfügbar“.

Leider war sie auch enorm unter Druck. Sie war damals in einem Internat untergebracht, weil sie nach dem Klinikaufenthalt nicht in ihre Wohnung im dritten Stock ohne Aufzug zurück konnte. Diese Wohnung hatte ihr die Wohnungsbehörde vermittelt. Als barrierefrei, mit dem Hinweis, dass sie keine weiteren Vermittlungsangebote bekomme, wenn sie diese Wohnung ablehne. Schließlich hatte sie bereits zwei im Hochhaus (laut Vormieter mit ständig defektem Aufzug) abgelehnt gehabt.

Auch bei ihrer jetzigen Wohnung war vorher keine Besichtigung möglich. Aber immerhin gab es die Bauzeichnung. Und die vertragliche Zusicherung, dass die Wohnung mit allen Räumen barrierefrei erreichbar ist. Die Wohnung liegt im Erdgeschoss, einen Aufzug gibt es nicht – bessere Ausgangsvoraussetzungen.

Denkste. Die Terrasse und der mit vermietete Garten (eine mit einer Hecke eingefriedeten Rasenfläche) sind nicht mit dem Rollstuhl erreichbar, weil die Terrassentür eine Schwelle von 10 Zentimeter Höhe und, direkt dahinter, eine Blockstufe von 15 Zentimetern Höhe hat. Die Blockstufe hat man inzwischen auf Drängen ihrer Anwältin entfernt, Terrasse und Garten um 15 Zentimeter „angehoben“. Aber die 10 Zentimeter hohe Schwelle ist noch da und lässt sich, ohne dass das komplette Fensterelement herausgerissen und neu eingesetzt wird, nicht entfernen.

Der Vermieter ist nun auf die pfiffige Idee gekommen, einfach die Hecke auf einer Breite von 150 Zentimetern wegzunehmen und dort einen Weg zur Terrasse zu pflastern. Dieser Weg ist nun von der Straße aus erreichbar. Entsprechend rennen alle Paketboten, Hunde, …, über ihre Terrasse. Weil: „Wenn Sie eine Pforte davor setzen möchten, müssten Sie die selbst beauftragen. Kosten: Rund 700 Euro.“ – Und falls sie sich nun noch immer unwohl fühlen sollte, könne sie ja wieder ausziehen. Schreibt eine große Hausverwaltung an die Anwältin. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

Wenn die Freundin sich also jetzt im Bikini in ihren Garten legen will, mit einem Glas frisch gepresstem Orangensaft, dann muss sie durch ihre Wohnung, durch den Hausflur, über die Grundstückseinfahrt, auf die Straße, durch das Loch in der Hecke in ihren Garten. Bis dahin ist der Orangensaft lauwarm. Um die vergessenen Eiswürfel zu holen, …

Lediglich das Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Bremen und Brandenburg regeln, dass in barrierefrei erreichbaren Wohnungen auch die Terrasse oder der Balkon barrierefrei erreichbar sein müssen, wenn sie vorhanden sind. Fast alle Bundesländer sagen sogar: Es reicht, wenn in der ganzen Wohnung nur ein einziges Fenster so niedrig ist, dass man als Rollstuhlfahrer rausgucken kann. Das sind doch, trotz allen Fortschritts, schöne Aussichten!

21 Gedanken zu „Schöne Aussicht

  1. Tschuldigung, aber so etwas kann es doch nicht geben. Es kann doch nicht sein, dass man eine barrierefrei erreichbare Wohnung baut (und abgenommen kriegt) und einen Balkon dranhängt, der aber nicht barrierefrei sein muss. Also der Balkon ist dann nur für die Mieter da, die nicht auf die Barrierefreiheit der Wohnung angewiesen sind. Entweder barrierefrei oder nicht. Und die Miete für den Stellplatz hätte ich nicht gezahlt, wenn ich den nicht erreichen kann.

  2. Wenn ein Balkon da ist oder ein Kellerraum zur Wohnung gehört, und die Wohnung barrierefrei ist, dann müssen auch Balkon und Keller barrierefrei sein. Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand!

  3. Das ist eine ungeheuerliche Frechheit.

    Weißt du, wie und wieso solche Gesetze gemacht werden?
    Experten müsste es doch eigentlich genug geben?
    Und zumindest die Fensterhöhe und Balkontür dürften doch bei Neubauten ungefähr gleich teuer sein, oder nicht? Und rollstuhlgerecht wäre auch kein Nachteil für Leute ohne Rollstuhl…

    Und ich fragen mich, ob es eine Möglichkeit gibt, gute von schlechten Bauträgern zu unterscheiden.
    Für diesen hier möchte ich nicht arbeiten müssen.

  4. Das ist in meiner Wohnung ähnlich, geht für mich aber trotz Gehbehinderung in Ordnung, auch wenn es nicht schön ist. Begründung für die Stufe außen war, dass das Eindringen von Wasser bei Starkregen vermieden werden sollte, und ich denke, darüber muss ich dann auch intensiv nachdenken, wenn ich das mal umbauen wollen sollte.

  5. Off topic: Schön, daß der Link zu den Kommentaren jetzt auch _unter_ dem Artikel zu finden ist. Macht das Navigieren deutlich leichter…

    Gruß,
    Peter

  6. Tipp: gezielt wohnungsbaugenossenschaften anschreiben. Die sind da oft rücksichtsvoller. Und eventuell wird sie bei der Vergabe geeigneter wohnungen bevorzugt. In meinem haus am Stadtpark sind z.b alle wohnungen in allen stockwerken barrierefreie ausgebaut, naja bis auf die unterfahrbare Küche. Auch Tiefgarage ist komplett nutzbar.

    Probiert es mal!

  7. … Braucht es zu dieser Wursterei einen ernsthaften Kommentar…?
    Oh man. Das ist super beschissen. Weil ich es gerade auf die schnelle nicht finde: Gibt es Parteien die sich dafür einsetzen, dass sich das ändert?

  8. Bei den Bauvorschriften kann einem schon mal die Galle hochkommen. Wir wohnen (zufällig) auch in einer Wohnung, die von der Maklerin als „barrierefrei“ angepriesen wurde. Glücklicherweise sind wir nicht auf die Barrierefreiheit angewiesen, ganz anders als unsere Nachbarn aus dem betreuten Wohnen, deren Wohnung spiegelbildlich zu unserer gebaut ist. Hauptmerkmal sind extra breite Türen und die sehr flache Duschwanne (ca. 1 cm über dem Boden).
    Die Haustür ist das erste Hindernis, der Türschließer macht es den Rollifahrern im Haus unmöglich, die Tür alleine zu öffnen, außerdem muß man sich über eine fiese Schwelle kämpfen. Mich stört die nur, wenn ich mit der Sackkarre darüber rollen muß. Das geht nur mit Anlauf oder Gewalt. Ich kann also nur raten, wie schwer das mit einem Rolli ist. Ich sehe aber, dass die Rolli-fahrenden Nachbarn nie ohne Hilfe aus dem Haus rollen.
    Zwischen Hausflur und Wohnung ist ein Höhenunterschied von ca. 1 cm, lästig für Rollis, aber kein ernsthaftes Hindernis.
    Die Terasse ist ca. 10 cm unter Wohnungsniveau, mit einer kleinen Stufe vor den bodentiefen Fenstern. Die Fenster sind aber genau das: Fenster mit einem über 5 cm hohen Fensterrahmen, keine Türen. Meine Sackkarre bekomme ich da nicht drüber geschoben. Und einen Rolli kann man da garantiert nicht drüber schieben. Da hilft wieder nur mit viel Kraft rückwärts ziehen. Unsere Nachbarn haben innen und außen je eine mehr oder weniger mobile Rampe vor eines der Terassenfenster gebaut. Damit ist wenigstens der Kraftaufwand nicht mehr ganz so groß.
    Die Küche ist alles andere als barrierefrei, eine stinknormale Einbauküche in L-Form, mit Arbeitsplatten auf Schränken, fest in Normhöhe angebaut. Unterfahren unmöglich, und für mehr als zwei Fußgänger nicht brauchbar. Einen Rolli kann man in der Küche so gerade eben drehen. Zwei Rollifahrer passen in die Küche, werden aber die Plätze nicht tauschen können.
    In den Keller können Rollifahrer mit dem Fahrstuhl fahren. Dann stehen sie vor einer schweren Brandschutztür aus Stahl, deren Türschließer das Öffnen ziemlich nachhaltig verweigert. Kräftige Rollifahrer können sich theoretisch noch bis auf ein Podest hinter der Tür vorkämpfen, von dem der Türschließer sie runterschubsen wird. Vom Podest geht es rundherum mehr als 10 cm senkrecht runter auf den Betonboden, auf dem die Kellerabteile und der Trockenraum für Wäsche aufgebaut sind. Meine Sackkarre bekomme ich da kaum raufgezogen, mit einem Rolli dürfte man auf fremde Hilfe angewiesen sein, um aus dem Keller wieder rauszukommen. Denn selbst wenn man es zurück aufs Podest schafft, ist immer noch die Tür im Weg, denn die schwingt über fast das gesamte Podest auf. Ein Rolli blockiert sich dort also selbst. Ich habe im Keller in den letzten 10 Jahren noch keinen Rollifahrer gesehen.
    Tja, und vor und im Fahrstuhl ist man besser nicht blind und hat auch besser keine Probleme mit der Feinmotorik, denn irgendein bekiffter Designer hat beschlossen, statt robuster IP65-Edelstahl-Taster lieber eine Glasfläche mit Berührungssensoren für die Bedienung vorzusehen. Der Ruftaster ist immerhin klein genug, um einfach mit der ganzen Hand draufzupatschen, aber bei der Steuerung innen hilft das nicht mehr. Wer da nicht sieht oder nicht genau genug drücken kann, fährt nirgendwo hin und kommt auch nicht mehr raus, wenn die Tür einmal zu ist. Mit Handschuhen funktionieren die Sensoren übrigens auch nicht. Wenn man mal beide Hände voll hat, kann man den Fahrstuhl ebenfalls nicht bedienen. Taster kann man auch mal mit einer Kartonecke bedienen, die dämlichen Sensoren nicht.
    Ach ja, das ist keine Fehlplanung aus den gruseligen 1960ern, sondern ein Neubau aus dem Jahr 2007 in Hamburg. Gekrönt von einem waagerechten Vordach vor der Haustür, das zwischen Dach und Wand 2 cm Luft läßt, so dass man vor der Haustür beim Aufschließen immer schön mit Regen oder Tauwasser begossen wird.
    Tux2000

  9. Was Du da beschreibst und in den Kommentaren zu lesen ist (vor allem der von Tux) ist einfach nur gruselig, ja regt mich gar auf. Und ich bin nicht auf Barrierefreiheit angewiesen. Blogs wie Deiner haben mich aber für die Thematik sensibilisiert. Danke dafür! Mir fallen jetzt viele Sachen auf, die mir vorher nie aufgefallen sind.

    P.S.: Ich habe schon wieder ein Captcha das nicht rechnen kann und jetzt ist mein halber Kommentar weg.

  10. Also, manchman habe ich das Gefühl, dass Behörden, Wohnungsbauer und Vermieterkonzerne von Menschen mit Behinderung Dankbarkeit dafür erwarten, dass man sie nicht wie früher im KZ vergast…

  11. Werden diese „Barrierfreien“ Wohnungen eigentlich zu höheren Preisen vermietet als die nicht barrierfreien?

  12. Stephan: Meine Wohnung ist meines Wissens nicht teurer als andere in der Siedlung. Die ganze Siedlung ist ohnehin eher teuer, verglichen mit anderen Wohnungen in Hamburg. Ist halt eine schöne Lage, für die wir hier zahlen. Alle Wohnungen im Haus haben den selben Grundriß, entweder wie meine oder genau spiegelverkehrt. Einige weitere Häuser in der Siedlung sind nochmal Klone unseres Hauses. Der Architekt hat Copy-and-Paste wirklich beherrscht. Ab dem 1. OG gibt’s natürlich keine Terrasse mehr, sondern einen Balkon in Größe der Terrasse, aber auch da muß man „durch ein Fenster klettern“.
    Im Mietvertrag steht übrigens nichts mehr von Barrierefreiheit. Nach den von Jule zitierten Richtlinien wäre meine Wohnung aber definitiv „barrierefrei“.

  13. Da sieht man das Inklusion…. noch immer erst am Anfang ist (es gibt ja Leute/Partei) die meinen es wäre alles in Ordnung, aber man sieht ja das viel zu viel noch im Argen liegt.

    Persönlich fändeich es gut wenn du in deinem Blog öfter auf solche Sachen zu sprechen kommen würdest (Hilfsmittel und deren Beschaffung, Wohnen,… und auch damit verbundene Schwierigkeiten z.B. mit Behörden/Krankenkassen….) Also mehr Hilfe (was, wer, wie….) denn sowas wird viel zu wenig thematisiert

  14. Wären 10 cm Stufe nicht mit Hilfe einer Rampe überwindbar? Gerade wenn deine Freundin fit ist? Ärgerlich sind solche Vorschriften natürlich trotzdem, schließlich wollen auch z. B. E-Rollifahrer mal auf den Balkon.

  15. Moin, moin
    vieles wurde ja schon geschrieben. Zwischen gesetzliche Normen und dem normalen Menschenverstand gibt es nicht nur bei der Bauordnung immer wieder große Differenzen.
    Wären wir alle als Investoren wirklich anders gestrickt? Minimale Normeneinhaltung bei maximaler Förderung. Wenn das möglich ist, kann ich die Leute verstehen, was nicht heißt, dass ich das gut finde. Bei den derzeitigen Baukosten braucht man auch ordentliche Einnahmen, sonst lassen sich Wohnungen nicht wirtschaftlich errichten bzw. bewirtschaften.
    Der Tipp Genossenschaften kam hier schon, da gibt’s auch immer mehr, die ein eigenes Sozialmanagement betreiben.
    Beim Thema Wohnen sind wir noch 100 Jahre von einer inklusiven Gesellschaft entfernt. Ein Rolli Fahrer sagte mal, er freue sich über seine optimale Wohnung. Freunde (Fußgänger) könne er aber kaum besuchen, da diese eben nicht barrierefrei wohnen (können). Bis sich das mal geändert hat, wird es noch sehr lange dauern.

  16. Hey Jule!
    Das Problem wird wohl sein, wie so oft in unserer wundervollen Politik, es kümmern sich Menschen um diese Regelungen und Gesetze die absolut keinen blassen Dunst davon haben wie es im echten Leben zugeht. ( Siehe diese ganzen tollen Ideen um das Internet sicherer zu machen zum Beispiel)
    Hast du mal überlegt einen offenen Brief zu schreiben? Ich finde gerade du kennst dich auf diesem Feld ganz gut aus. Schließlich hast du von Wohnung über Neubau schon alles mitgemacht.

    Auch wenn dein „Neustart“ schon eine ganze Weile her ist, wollte ich mich trotzdem nochmal herzlich bedanken. Deine Bloggerei begleitet mich nun seit einigen Jahren. Meine Routine jeden Morgen im Büro (Erzähl’s nicht meinem Chef) besteht darin, mir einen Kaffee zu holen und zu sehen ob Jule etwas Neues verfasst hat.
    Liebe Grüße aus Wien und falls du mal in der Stadt bist, Bier und Schnitzel gehen auf mich 😉

  17. Ich hoffe, deine Freundin wird eine gute Lösung für sich finden. Das mit der Badewanne verstehe ich auch nicht wirklich. Ich glaube die teilweise sich widersprechenden Bauvorschriften kommen auch daher, dass die sich die Leute und die Politiker die Quadratur des Kreises wünschen: möglichst barrierefrei und komfortabel, hübsch anzusehen, alle neuen energetischen Anforderung erfüllend und bezahlbar. An sich ist ein Neubau, welcher die Anforderungen der Barrierefreiheit der jetzigen Bauvorschriften umsetzt, nicht teuer als ein anderer Neubau, wenn die Umsetzung schon bei der Planung beachtet wird. Dazu gibt es auch Vergleichsstudien – das Problem ist jedoch, dass die Vergleichsstudien sich auf eine Minimalumsetzung beziehen und keine komfortable Lösung in den Vergleich einbeziehen.

    Jemand erwähnte zB schwere Feuer- und Rauchschutztüren im Keller, die schwierig zu öffnen sind. Feuerschutzabschlüsse können auch mit Feststellanlagen betrieben werden – das ist aber aufwändiger in der Umsetzung und Wartung und auch anfälliger als einfach eine normale Feuerschutztür zu verwenden. Auch so Dinge wie die direkte Zufahrt zur Tiefgarage sind absolute Kostentreiber, weil Keller an sich teuer sind und jeder weitere Haltepunkt eines Aufzuges extra Kosten verursacht. Das müssen die Leute bereit sein zu bezahlen und da bin ich mir nicht so sicher, ob dies wirklich der Fall ist. So wurden im NDR als auch in der Zeit Neubauprojekt in Neugraben und Hamburg-Bramfeld vorgestellt, die sich das Ziel gesetzt haben für 8 Euro Netto kalt zu vermieten und zum Teil wurde erheblich über die Kosten gemeckert. Die Projekte sind auch jetzt schon nur umsetzbar, weil zB in Bramfeld das Grundstück vom Senat zu einer niedrigeren Grundstückspreis als üblich abgegeben wurde und erhebliche Abstriche im Bezug auf Parkplätze, Aufzüge und (nicht vorhandenen) Keller gemacht wurden.

  18. Anonymous vom 15. Januar 2019 um 7:37 Uhr: („Wären 10 cm Stufe nicht mit Hilfe einer Rampe überwindbar?“)

    Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass Du in Deutschland einfach so eine Rampe bauen kannst. Da muß erst einmal ein kleines Wäldchen für den notwendigen Papierkrieg abgeholzt werden. Und ein größerer Wald, um die Genehmigung für das Abholzen des Wäldchens zu bekommen.

    Tux2000

  19. @13.01., 23.58 Uhr: Soweit ich weiß, stand sie bei diversen Wohnungsbaugenossenschaften über Jahre auf den Listen, ohne Erfolg.

    @nickel: Ich hatte noch nie Probleme mit dem Captcha. Leg doch den Text vorsichtshalber einmal in den Zwischenspeicher vor dem Abschicken, falls so etwas nochmal passiert, hast du ihn dann noch. Ich kann daran leider nichts ändern.

    @BigDigger: Das mit dem KZ ist vielleicht etwas überzogen, aber im Grunde ist es tatsächlich so. Auch hier hatte man betont, dass man ja schon für viel Geld extra für sie die Terrasse höher gesetzt hat. Wo ich so denke: Hättest du es gleich richtig gemacht, hättest du keinen doppelten Aufwand und keine doppelten Kosten. War doch von Anfang an klar, dass das so nicht geht (oder nur deshalb unklar, weil du ein Haus baust und dich vorher nicht mit den Anforderungen auseinandergesetzt hast).

    @Stephan: Durch die Bauweise selbst werden sie nicht teurer; oft sind sie aber größer und deshalb teurer. Es gibt meistens keine kleinen barrierefreien Wohnungen.

    @15.01., 7.37 Uhr: Fahr mal mit einem Glas Orangensaft zwischen den Beinen eine 10 cm hohe Rampe hoch. Damit das keine Sauerei gibt, müsste die Rampe im Schlafzimmer beginnen. Zehn Zentimeter sind selbst für jemanden, der sehr sportlich unterwegs ist, eine Herausforderung.

    @Sebastian: Danke für die Einladung! Mit offenen Briefen habe ich bisher keine guten Erfahrungen gemacht.

  20. Ja Frau Socke, das müssen Sie doch verstehen. Wir haben einen Bauboom. Jeder braucht Wohnungen. Die Preise steigen. Auch die Straßen sind in einem schlechten Zustand. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Da müssen auch die Behinderten einen kleinen Beitrag leisten und können nicht immer sofort das Allerbeste haben.
    Jahre vergehen.
    Ja Frau Socke, das müssen Sie doch verstehen. Wir haben eine Baukrise. Jeder hat Leerstände. Die Preise ruinieren die Firmen. Auch die Wirtschaft ist in einem schlechten Zustand. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Da müssen auch die Behinderten einen kleinen Beitrag leisten und können nicht immer sofort das Allerbeste haben.
    Rrrins & Rrrrepeat.
    Ich fürchte, das wirst Du noch erleben müssen.
    Hab ich alles schon hinter mir. Es ist nie der Zeitpunkt für vorausschauende, humane Politik. Nie. Immer ist irgendwas.

  21. Ich bin immer froh, dass unsere Wohnung so barrierearm ist, dass ich zumindest jeden meiner Freunde und Bekannten problemlos einladen kann.

    Nein, die ehemalige WG-Mitbewohnerin meines Mannes kommt nicht auf den Balkon (bei uns ist die Schwelle eher 15cm… und dann nochmal 5 wieder runter, das hat sogar nach meiner doofen Patellafraktur Monate gebraucht, bis ich das wieder konnte) und damit sie ins Bad kommt, muss die Wäschetruhe raus… aber es kommen alle ebenerdig rein, der Aufzug ist (gerade) groß genug auch für einen ausgewachsenen E-Rolli, die Türen sind breit genug und dass die Küche nicht unterfahrbar ist, ist der mangelnden Notwendigkeit für uns geschuldet (dafür ist sie extra hoch, weil das für meinen Mann einfacher ist).

    Und wir wohnen in einem 70er Jahre Bau. Der sicherlich nicht auf Barrierefreiheit ausgelegt ist. Die Wohnungen sind eher so „accidentally vegan“. Sieht man auch an der Bewohnerstruktur. In jedem Gang wohnt mindestens ein Rollstuhlfahrer. Wenn das in den 70ern schon ausversehen ging (die Wohnungen sind sicher nicht ideal und haben sicherlich ihre Grenzen in der Zugänglichkeit), ist mir immer schleierhaft, wo heute, bei allen Vorschriften und allem ‚Bewusstsein‘ noch das große Problem ist, die drei Schritte zur Barierefreiheit, die hier noch fehlen, einfach mit einzubauen.

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