Tägliches Leben

Helena hat seit letzter Woche ihre Insulinpumpe. Bis jetzt sind wir super zufrieden. Wir haben uns für die neueste Generation entschieden, also ein schlauchloses System, bei dem ein Reservoir mit 2 ml Insulin gefüllt und zusammen mit der Pumpe auf die Haut geklebt wird. Die Pumpe ist etwa so groß wie eine Streichholzschachtel. Aus ihr sticht eine Nadel in die Haut und verbleibt dort für einen gewissen Zeitraum. Bei Helena reichen die 2 ml Insulin für etwa 5 Tage. Die kleinste Einzeldosis, die die Pumpe abgeben kann, ist ein halber Mikroliter Insulin. Also die Hälfte von einem Tausendstel Milliliter. Kurz gefasst: Ein hochpräzises Teil.

Dazu gibt es noch eine Steuereinheit, auf der die Software ist, die dann die Befehle zur Pumpe sendet. Diese muss im Umkreis von 10 Metern zur Pumpe sein. Diese empfängt wiederum Daten von einer Mess-Einheit, die ebenfalls auf die Haut geklebt wird und etwa so groß ist wie ein Brausebonbon. Diese piekst eine Sonde in die Haut und misst dort alle zwei Minuten den Blutzuckerwert, verfolgt ihn also live. Nach sieben Tagen muss die Sonde gewechselt werden. Der ganze Kram lässt sich dann auch noch über eine App verfolgen und steuern.

Nun muss man wissen, dass die Krankenkassen eine Insulinpumpe nur unter bestimmten Voraussetzungen bezahlen. Eine Pumpe ohne Schlauch, also eine mit einer separaten Einheit, die auf die Haut geklebt wird, wird nur in ganz besonderen Ausnahmefällen übernommen. Und dann noch eine kontinuierliche Blutzuckermessung dazu, die auch relativ teuer ist, wäre bei Helena aussichtslos. Entsprechend haben wir nur die Pumpe mit externem Reservoir verordnen lassen und beantragt, und haben die Mess-Einheit selbst gekauft, mit der Option, die Sonden später statt der Blutzuckerteststreifen übernehmen zu lassen.

Die Krankenkasse hat innerhalb der vorgeschrieben Frist nicht geantwortet. Entsprechend haben wir die Pumpe besorgt und nun die Kosten zur Erstattung eingereicht. Innerhalb von 48 Stunden bekommen wir nun ein Schreiben, dass über den Antrag sehr wohl entschieden worden war. Möglicherweise sei der Bescheid auf dem Postweg verloren gegangen, was man bedaure.

Die grundsätzliche Notwendigkeit habe man anerkannt. Allerdings sei eine Pumpe mit Schlauchsystem ausreichend, und (und nun wird es lustig), die Pumpe ersetzt in ihrer Funktion einen [nicht näher bezeichneten] allgemeinen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens, so dass eine Zuzahlung von rund 2.500 € anfalle. Aufpreis für schlauchlos und Aufpreis für Messeinheit sollen wir also selbst zahlen bzw. war gar nicht erst zu verordnen. Man will im Endeffekt nur ein Fünftel der Gesamtkosten übernehmen, behält sich aber gleich im nächsten Satz das Eigentum an dem Gerät vor.

Da ich mich mit so einem Schwachsinn nicht mehr auseinandersetze, ist die ganze Sache nun beim Anwalt. Der ließ schon durchblicken, dass er sich nach Einsichtnahme in die Akte mit der Frage beschäftigen möchte, ob überhaupt eine Entscheidung ergangen ist, oder ob man nur, um die Frist einzuhalten, irgendwas „hingerotzt“ hat. Maries Mutter hat sich, als sie das zu lesen bekam, nur an die Stirn getippt. Der ewige Kampf geht in eine neue Runde.

20 Gedanken zu „Tägliches Leben

  1. Typisch Krankenkassen ….

    Aber eins verstehe ich nicht, was bringt eine Insulinpumpe ohne Messeinheit? Haut die dann in bestimmten intervallen einfach Menge X in den Körper?

  2. Natürlich ersetzt eine Insulinpumpe mit Schlauch so einiges an Gebrauchsgegenständen, z.B. die Wasserpumpe im Garten, den Senfspender an der Imbissbude oder auch die Pumpe für das Benzin aus Nachbars Autotank. #Kranke-Kassenlogik

    P.S.: Ich bin wohl ein Robot.

  3. Seid froh wenn ihr den Omnipod noch los werdet, der macht so viele Probleme… ne Schlauchpumpe ist wesentlich besser. Es hat einen Grund, dass nach einem kurzen „jeder will ne Schlauchlose Pumpe“ High aktuell fast jeder eine Schlauchpumpe trägt. Abgesehen von der katastrophalen Umweltbilanz. Lies dich mal bisschen ein in Patientenforen und überleg dir nochmal, ob du die Bürokratie nicht lieber in einen Rücktritt vom Omnipod Kauf investierst (wobei da ja die Kosten über einen längeren Zeitraum entstehen, also auch ein nicht möglicher Rücktritt nicht so ne Katastrophe wär wie bei ner Schlauchpumpe).
    Ich drück Helena jedenfalls die Daumen, dass sie am Ende irgendeine Pumpe hat- egal welche, ne Pumpe is besser als keine Pumpe.

    Liebe Grüße

  4. Da ich selber Diabetiker bin und auch viel über Zahlungsunwillige KK lese würde ich ja zu gerne wissen, um welche KK es sich handelt. Ich habe um Beispiel mal die KK gewechselt habe (zur DAK) da meine alte KK ein kontinuierliches Messsystem (Free Style Libre) anfangs nicht zahlen wollte. Bei Pumpen (ich bin aber „Penner“) habe ich das Gefühl, dass man den richtigen Sachbearbeiter erwischen muss. Aber das ist nur ein Gefühl! Und dass Ihr ein Teil des Systems selber übernehmt, dass interessiert die KK überhaupt nicht.. Leider..

  5. Bilden Pumpe und Sensor einen Loop, also wird aufgrund des Messwerts automatisch richtig dosiert?
    Ich habe noch vor ein paar Tagen im Radio was über Diabetis bei Kindern (anscheinend deutlich erhöhte Prävalenz, vor allen in Skandinavien) und über Looper gehört. Da klang es noch so, als würde diese selber den Loop herstellen, indem sie Firmware hacken und spezielle Apps von Foren installieren. Ein zugelassenes System gebe es noch nicht.

    https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/diabetes-vorbeugen/-/id=660374/did=23034942/nid=660374/sdpgid=1642903/vv=standard/14fkxbf/index.html

    Habe aber nur die halbe Sendung gehört und muss vielleicht nochmal im Manuskript nachlesen.

    Ämter (Finanz- und Arbeits-), halböffentiche (Kranken-) und private (KfZ-Haftpflicht-)Versicherungen versuchen gerne, einen erstmal zu verarschen. Berichte mal, was draus geworden ist.

  6. Hallo Jule,
    wenn es nicht für Betroffene, die oft einfach hilflos den Bescheiden ausgesetzt sind, so dramatisch wäre, müsste man das fast verfilmen oder als Dokusoap über Verwaltungsstilblüten senden. Ich befürchte aber, dahinter steckt System. Erstmal abschrecken und einsparen. Als ob die Sachbearbeitung ihr privates Geld verwalten würde. Schön, dass Helena da altgediente Haudegen an der Seite hat. Ich denke gerade an deine eigene Geschichte, hatte da eine Versicherung nicht auch deinen Querschnitt „übersehen“?
    Die schon einmal erwähnte Bekannte kämpft immer wieder mit ihrer Krankenkasse, da man dort der Meinung ist, die extrem festen Kompressionsstrümpfe ersetzten ja normale Strümpfe und daher müsste eben ein entsprechender Eigenanteil gezahlt werden. Welchen Alltagsgegenstand die Pumpe ersetzen soll, kann die Kasse ja offenbar nicht einmal benennen, oder?
    Was für ein Quatsch! Ich kann mir nicht helfen, manchmal wünsche ich diesen „Krankenkassenleistungsablehner“ eine eigene Betroffenheit, damit die mal merken, was ein Leben mit den verschiedenen Krankheiten für die Patienten bedeutet.
    Gruß Frank

  7. Au weia, Amtsschimmel, ick hör dir wiehern….

    Was kostet denn so eine Pumpe bzw das ganze System, wenn man es privat bezahlt?

  8. Ach, die Post ist also mal wieder verloren gegangen. Das zählt doch bei mir auch nie *als Ausrede*. Mich nervt es auch so dermaßen, dass man nur noch kämpfen muss. Sollen sie doch beweisen, dass sie es rechtzeitig abgelehnt haben.

  9. Es ist leider oft furchtbar mit den Krankenkassen. Bitte bleibt dran und lasst euch nicht alles gefallen.
    Ich habe für meinen alten Vater jahrelang um alles mögliche bei seiner Krankenkasse kämpfen müssen. Ging los mit einem abgelehnten Rollstuhl bei Gehunfähigkeit durch fortgeschrittene Arthrose in beiden Knien. Die Krankenkasse wollte ihn also quasi vom öffentlichen Leben ausschließen. Er war da zwar 80 Jahre alt, aber sonst sehr fit (so fit, dass er dann sogar noch Konzerte und Theater im Rollstuhl besucht hat). Nach Einspruch ging es dann. Aber ich musste um viele Dinge kämpfen, nicht nur um den Rollstuhl. Und die Krankenkasse hat alle Fristen für Entscheidungen bis zum äußersten ausgenutzt. Die Rechtslage war damals noch etwas anders, die drei-Wochen-keine-Entscheidung-ist-ja-Regelung gab es da noch nicht.

    Mir tun die Menschen sehr, sehr Leid, die keine Angehörigen oder Freunde haben, die beim Kampf gegen die krankenkasse helfen.

  10. Einfach krank, dieses System. Nicht nur bei den kranken Kassen.
    Es würde mich ja interessieren, welchen Gebrauchsgegenstand die Pumpe ersetzt. Ich mein, vielleicht kann man sich ja dann den 4k-Fernseher von der Krankenkasse inklusive Beamer bezahlen lassen. Auch wenn die dann nur ein Fünftel übernehemn …
    … und Eigentümerin dürfen sie dann auch gerne sein – Ersatzteile und GEZ lasse ich mir doch gerne bezahlen von denen!

  11. Meine Tochter ist nicht nur herztransplantiert, sie ist nun auch noch Diabetikerin Typ 1Punkt2, also eher Typ 1 infolge der zu hohen Immunsupressiva.Bzw nunja, ausserdem Asthma, Epileptikerin und noch paar Kleinigkeiten. Was wir an Schwierigkeiten haben, an Zusahlungen, Gott sei Dank ist sie nun befreit, aber es ist schon Wahnsinn, was wir selber zahlen müssen, was für Kämpfe man hat. Ich hab wirklich Angst, was da noch auf uns zu kommt.

  12. Einen Schönen Sonntag wünsche ich.
    Ich hatte ja schon beim ersten Eintrag zum Pumpenkauf überlegt ob ich was schreibe aber es dann doch sein lassen.
    Aber was du schreibst deckt sich mit meiner Pumpenverordnung, das war im endefekt über 1 Jahr drama.
    Und auch wenn der Omnipod anfangs unglaublich verführerisch klingt, denkt wirklich über eine mit Schlauch noch mal nach. Ich war erst auch Feuer und Flamme und dann habe ich das Ding probegetragen.
    Es hat Vorteile wenn man zwischendurch mal abkoppeln kann, Stichwort Sauna sage ich nur als 1 Beispiel.
    Und eine Pumpe am Gurt kann man auch mal verrücken wenn sie stört. Der Pod hängt fest an der Stelle die man ausgewählt hat.
    Und auch wenn man als Typ 1 Diabetiker eh schon viel Müll produziert sollte man versuchen das so gering wie möglich zu halten.
    Lg
    Narijanna

  13. Ich finde deinen Blog echt super. Verfolge ihn schon lange Jahre und freue mich immer wenn ein neuer Eintrat erscheint.
    Bisher habe ich immer nur still mitgelesen. Zum Omnipod möchte ich aber aufgrund eigener Erfahrungen auch ezwas sagen.
    Ich finde den Omnipod, also das schlauchlose System super. Ich betreue ein Mädchen und die Handhabung ist einfach super. Außerdem kenne ich viele Diabetiker die sich über Geräte mit Schlauch beschweren aufgrund der Gefahr hängen zu bleiben, das Ding stört am Hosenbund und und und.

  14. @Mel sagt: 6. Februar 2019 um 12:23 Uhr

    „Sollen sie doch beweisen, dass sie es rechtzeitig abgelehnt haben.“

    Der Trick funktioniert wie folgt.
    In § 37 SGB V steht
    „Dies gilt nicht, wenn der Verwaltungsakt nicht oder zu einem späteren Zeitpunkt zugegangen ist; im Zweifel hat die Behörde den Zugang des Verwaltungsaktes und den Zeitpunkt des Zugangs nachzuweisen.“
    https://www.buzer.de/gesetz/3086/a43310.htm
    Nun kann der Richter entscheiden, dass er keine Zweifel hat, wenn ihm die KK einen Ausgangsvermerk vorlegt. Damit ist der Beweis erbracht.

  15. Das muss man sich mal vorstellen. Das Ding kann einen HALBEN Mikroliter dosieren. Ich finde es immer wieder erstaunlich, was die Technik inzwischen alles möglich macht. Wahnsinn. Viele Grüße aus dem Rheinland, liebe Jule, und euch dreien weiterhin alles Gute!

  16. „Nun kann der Richter entscheiden, dass er keine Zweifel hat, wenn ihm die KK einen Ausgangsvermerk vorlegt. Damit ist der Beweis erbracht.“

    So einfach funktioniert das zum Glück nicht. Die Krankenkasse übermittelt die Bewilligung ja auch an den Hilfsmittellieferanten. Und zwar auf elektronischem Weg in einem festen System. Und da dort bis heute nichts eingetragen ist, sondern die Anfrage noch „in Bearbeitung“ ist, obwohl ja angeblich schon innerhalb der Frist ein Bescheid ergangen ist, und mein Anwalt dazu vermutlich die Screenshots vorlegen und beantragen wird, den Lieferanten als Zeugen zu befragen, wird der Richter wohl davon ausgehen müssen, dass die rechtzeitige Ablehnung eine Schutzbehauptung ist und das hoffentlich angemessen würdigen.

  17. @Jule sagt: 17. Februar 2019 um 12:33 Uhr

    „Die Krankenkasse übermittelt die Bewilligung ja auch an den Hilfsmittellieferanten.“

    Ich will nicht behaupten, da der große Experte zu sein und wenn dein Anwalt das meint, hoffe ich natürlich, dass er Recht hat und kriegt. In der Praxis läuft ja viel anders, als man nach dem Gesetzeswortlaut vermuten möchte. Aber wirklich schlüssig ist das nicht. Es gibt ja schon gar keine Bewilligung, sondern lt. Kasse eine Ablehnung. Das Recht auf fristgerechte Bescheidung hat Helena, nicht ein Hilfsmittellieferant. Selbst wenn die KK nie an den Lieferanten schreibt und ihn nie zahlt, ist das nur deren „sonstiges Verwaltungshandeln“, das Helena nicht betrifft. Das Argument dafür, dass sie das nix angeht, ist, dass sie durch § 13 SGB Abs. 3 V ja von allen Kosten freigestellt ist, wenn sich der Lieferant jetzt etwa an sie hält https://www.buzer.de/gesetz/2497/a35612.htm
    Sorry für den negativen Touch, aber auf sowas muss man vorbereitet sein. Es ist bekannt, dass das Bundessozialgericht zugunsten der Krankenkassen notfalls mit der Brechstange auslegt. Das färbt stark nach unten ab, wenn der Richter nicht einer von der seltenen, ganz aufrechten Sorte ist

    „Man wird den Richterinnen und Richtern des Senats wohl kein Unrecht tun, wenn man zu der Einschätzung gelangt, dass die Rechtsprechung in Krankenhausvergütungsstreitigkeiten von einer gewissen Einseitigkeit zu Gunsten der gesetzlichen Krankenkassen geprägt ist. Ob bereits die Grenze zur Rechtsbeugung überschritten ist, dürfte hingegen zweifelhaft sein (siehe dazu ausführlich Krasney, SGb 2018, 261 ff.).“
    https://blog.delegibus.com/2018/12/05/law-wars-episode-iii-der-gesetzgeber-schlaegt-zurueck/

    Also alles wie in der „guten“ alten Zeit

    „Da sitzt der Mann an der Arbeitsstatt,
    der ein Sekretariat und ein Vorzimmer hat,
    (über jenen, die an ihren Arbeitsstätten
    gern ein Sekretariat und ein Vorzimmer hätten).

    Hier wird der Deutsche erst richtig heiter:
    kein Mensch mehr – nur noch Abteilungsleiter.

    Hier regiert er und wirkt und macht und tut …
    Das Telefon klirrt, die Gehirntätigkeit ruht – …“

    https://www.textlog.de/tucholsky-ortskrankenkasse.html

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