Rucksack

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So häufig komme ich ja nicht mehr zum Schwimmtraining, aber ich versuche, es irgendwie hinzubekommen. Und nach Möglichkeit auch mit Marie zusammen, was hier nicht klappte. In der letzten Woche war unser Trainer mal wieder krank, der „dienstälteste“ Schwimmer übernahm, während er selbst schwamm, die Aufgabe, sich das Trainingsprogramm auszudenken und anzusagen. Wir waren fünfundzwanzig Leute in zwei fünfundzwanzig Meter langen Bahnen. Ich kann beim Tempo deshalb ganz gut mithalten, weil ich in der Bahn schwimme, in der diejenigen schwimmen, die lediglich trainieren, um fit zu bleiben, nicht, um den Deutschen Rekord zu knacken.

Ich bin 14 von 16 Bahnen eingeschwommen, als eine etwa fünfundzwanzig Jahre alte Trainingspartnerin, die ich nur oberflächlich kenne, verspätet ins Wasser steigt, ihre erste Bahn zurückgelegt hat und auf der gegenüber liegenden Beckenseite mit Mühe und Not ihren Oberkörper auf den Beckenrand legt, sich auf den Rücken umdreht, die Arme über dem Kopf ausgestreckt, die Beine ab Knie ins Wasser hängend. Hatte sie einen Wadenkrampf? Kreislaufprobleme? Oder nur ein Trainingsdefizit? Sie war lange nicht beim Training.

Als ich drüben ankam, tickte ich sie am Bein an. „Hey, was ist los mit dir?“ – Im Lärm des Schwimmbads war keine Antwort zu verstehen. Sie hatte irgendwas gemurmelt. In Ruhe lassen? Nee, das kam mir komisch vor. Ich stützte mich auf den Rand, legte mich auf den Bauch, drehte mich herum, setzte mich neben sie und blickte in ein kalkweißes Gesicht und auf bläuliche Lippen. Ich erschrak mich. Sie sah ernsthaft krank aus. Nee, oder? Lange keinen Notfall gehabt. „Was ist denn mit dir los? Hast du Asthma?“ – Sie schüttelte den Kopf. Sprach nicht. Fasste sich auf den Brustkorb. Herzinfarkt?

„Hast du Schmerzen?“ – Sie schüttelte den Kopf. „Brauchst du ein Medikament? Kann ich dir was bringen?“ – Sie schüttelte den Kopf. Griff nach meiner Hand: Angst. Luftnot. Das sah nicht gut aus. Der Ersatztrainer kam an, spritzte mich nass: „Hey, ihr Schlaffis, schwimmen, nicht feiern!“ – Er wollte gerade weiterschwimmen, ich krallte mir sein Handgelenk. „Hey! In meinem Auto ist ein Notfallrucksack im Kofferraumboden. Schlüssel ist in der Kletttasche im Rollstuhl unter meiner Sitzfläche. Und der Bademeister soll den Notarzt rufen. Zackig!“ – „Scheiße. Bin unterwegs.“

Er kletterte aus dem Wasser, lief um das Becken herum zu meinem Rollstuhl. Während er sich zu meiner Kletttasche vorarbeitete, brüllte er: „Training einstellen! Alle raus aus dem Wasser!“ – Da kein Bademeister anwesend war, drückte er im Rauslaufen einen Alarmknopf. Mehrere Piezzo-Sirenen begannen an unterschiedlichen Stellen unter der Hallendecke ohrenbetäubend zu kreischen. Ich stellte mir vor, wie er nass in Badehose bei einstelligen Gradzahlen barfuß zu meinem Auto läuft und es, weil es auf einem der drei Behindertenparkplätze stand, wohl gleich finden würde. Vier in weiß gekleidete Bad-Angestellte kamen im Abstand von jeweils zehn Sekunden angewetzt.

Vier Mal kam die Frage auf, ob es ein Ertrinkungsunfall war. Der Trainer kam mit dem Notfallrucksack angelaufen. „Lass den an der Seite stehen, bevor das hier alles ins Wasser fällt. Könnt ihr die Frau mal bitte unter den Schultern und unter den Knien mit ins Trockene nehmen?“ – „Wir haben da so ein Rettungsbrett. Das könnten wir holen.“ – „Nee. Vier Mann, vier Ecken, ab in den Sanitätsraum. Keine großartigen Manöver jetzt. Ich komme mit.“

Der Trainer brachte meinen Rollstuhl zum Rand. Ich ließ mich zurück ins Wasser fallen, tauchte unter den Leinen hindurch zum Rand, kletterte dort wieder aus dem Wasser. Das ging schneller, als zwischen den Startblöcken hindurch zu krabbeln. Im Sanitätsraum stand eine Bank. „Habt ihr ein Handtuch?“ – Sofort holte jemand drei Handtücher. Die Trainingspartnerin konnte kaum sprechen. Im Sanitätsraum war es relativ ruhig. Ich versuchte, mit einem Stethoskop die Lunge abzuhören, konnte kein Pfeifen, wie man es üblicherweise beim Asthma-Anfall hört, hören. Sie war extrem kurzatmig und es hörte sich so an, als wenn das Atemgeräusch nicht überall gleich war. Ich wollte sie auch nicht unnötig bewegen, und es gab noch kein EKG. Für eine Diagnose war es zu früh, aber ich tippte auf eine Lungen-Embolie.

Ich legte ihr einen Zugang in die Armvene. Kurz darauf traf der Rettungswagen ein. Wir verständigten uns, dass sie so schnell wie möglich in das Fahrzeug kommt. Es klappte wunderbar. Ich hoffte, dass der Notarzt gleich eintreffen würde, denn mit dem Rollstuhl würde ich nicht in den Rettungswagen kommen. Der Badmitarbeiter lieh mir einen Kapuzenpullover, den ich überziehen konnte. Ich rollte mit nach draußen. Als sie gerade in den Rettungswagen geschoben wurde, kam der Notarzt auf den Parkplatz gefahren. Stellte sich vor. Ich äußerte meinen Verdacht und bekam zwei dämliche Reaktionen. Erstens: „Lungenembolie? Und dann noch kein EKG dran?“ – Als wir geklärt hatten, dass der Rettungswagen gerade erst eingetroffen war, sagte er: „Mit Verlaub, aber eine Lungenembolie sieht anders aus. Aber Sie sind ja noch sehr frisch und deshalb recht unerfahren auf dem Gebiet. Ich tippe eher auf einen entzündlichen Prozess. Vielleicht einen verschleppten Infekt.“

Klar. Alles möglich. Ich habe meinen Verdacht ausdrücklich als erstes Bauchgefühl gekennzeichnet. Training war gelaufen. Ich ging heiß duschen und ab nach Hause. Am Abend bekam ich eine Kurznachricht vom Ersatztrainer: Eine weitergeleitete Message von der Mutter der Trainingspartnerin. Sie bedankt sich tausendfach für die schnelle und beherzte Reaktion. Ihre Tochter hatte: Eine Lungen-Embolie. Absolut krass. Und völlig unnötig, gerade in dem Alter. Außer der Ersten Hilfe konnte ich nichts für sie tun. Und wäre ich nicht dort gewesen, hätte in den nächsten zwanzig Sekunden vermutlich der Ersatz-Trainer was unternommen. Aber ich konnte ihr helfen. Und inzwischen bin ich froh, den Rucksack im Auto dabei zu haben, auch wenn ich ihn dieses Mal nicht wirklich gebraucht habe. Aber ich wette: Bei meinem Glück ist es eines Tages soweit.

Pubertät

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Seit über einem halben Jahr ist Helena nun bei uns. Im nächsten Vierteljahr wird es ein Gespräch mit dem Kosten tragenden Jugendamt geben. Dem sehen Marie und ich aktuell sehr gelassen entgegen. Unsere ganzen Sorgen, ob es uns gelingen würde, Helena dauerhaft bei uns aufzunehmen, waren zumindest kurz- und mittelfristig unbegründet. Eine langfristige Prognose kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand abgeben, aber ich bin auch da entspannt. Ich glaube, sie hat sich sehr gut entwickelt, ist gewachsen, ich glaube, nicht nur körperlich.

In den letzten 14 Tagen haben wir uns zwei Mal gezofft. Das Gute ist: Wenn Helena mit Einem von uns Stress hat, sucht sie schnell die Nähe des Anderen. Sie braucht Frieden und kann es nur schwer aushalten, wenn etwas mal nicht harmonisch ist. Ich war früher genauso, wollte immer alles, was mich belastet, sofort aus dem Weg geräumt haben. Seit meinem Unfall und vor allem seit dieser letzten Übergriffigkeit, wegen der ich von Herbst 2015 bis Sommer 2017 nicht gebloggt habe, bin ich geduldiger geworden und kann auch ungeregelte Dinge, auch im zwischenmenschlichen Bereich, mal beiseite schieben und darauf vertrauen, dass später, in Ruhe und aus der Distanz, eine bessere Lösung gefunden wird, als wenn ich etwas in emotionaler Anspannung über das Knie zu brechen versuche. Aber so weit ist Helena noch lange nicht. Sie ist in dieser Hinsicht noch ein Kind, kann die Schwere einer Meinungsverschiedenheit nicht einschätzen und macht sich sofort um alles Sorgen. Sorgen von Kindern wiegen bekanntlich immer schwer.

Ich halte es dennoch für sehr wichtig, auch Grenzen zu zeigen, auch Kritik zu üben und ihr auch zu helfen, wie sie mit Kritik, Misserfolg, Fehlern oder eigenem Fehlverhalten umgeht. Das ist leider etwas, was viele Menschen nicht können. Helena ist da, wie ich finde, auf einem sehr guten Weg, wenngleich es noch viel zu tun gibt. Es hinterlässt einfach Spuren, wenn Helena früher irgendwas angestellt hatte und beispielsweise das Bad putzen musste. Allerdings hatte der Pflegevater Oberspacko vorher nochmal die Toilette benutzt – und extra nicht abgespült. Und wir reden hier nicht von kleinen Geschäften.

Richtigen Kummer haben wir mit ihr nicht. Da wir uns gut auf einander einlassen können, würde ich unser aller Verhältnis sogar durchaus als pflegeleicht bezeichnen wollen. Nicht wissend, was uns so alles noch erwarten wird, aber im Moment: Pflegeleicht. Trotz Pubertät. Gezofft haben wir uns, wie gesagt. Da Helena unheimlich schnell resigniert, wenn sie an ihre körperlichen Grenzen stößt und sie dann niemand an die Hand nehmen kann. Sie ist aber in einem Alter, wo sie allmählich einen Weg finden muss, wie es an der Grenze weitergeht. Resignation und Gleichgültigkeit helfen ihr nicht.

Zum Beispiel soll sie in Mathematik etwas zeichnen. Was bei einer (wenn auch sehr leicht ausgeprägten) Muskeltonusstörung in den Armen und Händen (als Symptom der Cerebralparese) sehr schwierig ist. Es ist sowieso schon schwierig, und hier liegt dann nochmal eine Schippe oben drauf. Sie darf ungenauer zeichnen, ihr wird im Rahmen eines Nachteilsausgleichs eine höhere Toleranz zugesprochen, aber sie soll es trotzdem machen. Helena ist dann so clever und macht die Zeichnung am PC, druckt das aus, klebt es ins Matheheft. Sie sitzt daran mindestens fünf Mal so lange wie andere Kinder, die einen Stift in die Hand nehmen. Das ist für sie kein Problem. Aber sie nimmt halt keinen Stift in die Hand, weil sie sagt, dass das sowieso bescheuert aussieht. Und genau das finde ich falsch: Ich möchte, dass sie die Zeichnung so gut es geht mit der Hand macht, um das zu üben und zu trainieren. Wenn sie das dann obendrauf mit dem PC nochmal macht, um zu demonstrieren, dass sie weiß, wie es aussehen soll, ist das ein Bonbon. Das Bonbon soll aber nicht die eigentliche Arbeit ersetzen.

Sie darf ihre Hausaufgaben auch am PC schreiben. Ich möchte aber, und da achtet die Deutschlehrerin leider nicht drauf, dass sie die Rechtschreibüberprüfung abschaltet. Sie soll Rechtschreibung können. Und nicht ständig mit Autokorrektur arbeiten und sich später darauf herausreden, dass der Computer falsche Wörter ersetzt hat. Wenn ich den falschen Moment erwische, kommen dann von ihr Reaktionen wie: „Das ist aber doppelter Aufwand. Ich muss das ja danach nochmal alles durchsehen. Schneller ginge es, wenn der Computer gleich die falschen Worte unterstreicht und ich sie dann gleich richtig schreibe.“ – Wenn ich dann noch einmal darauf eingehe, dass sie es nicht lernt, wenn sie bei jedem unterstrichenen Wort einfach wild irgendeinen Verbesserungsvorschlag anklickt, sagt sie: „Andere Kinder machen gar keine Hausaufgaben. Oder schreiben alles ab. Und sind trotzdem gut im Test.“ Oder: „Ich kann das nicht besser. Dann mache ich das eben gar nicht.“

Darauf kann ich auf drei Arten reagieren: Entweder sie trösten. Dann diskutiert sie mit mir eine Stunde oder mehr, fängt irgendwann zu heulen an, stellt alles in Frage, was sie bereits kann, findet alles und jeden ungerecht und würde am liebsten auswandern. Oder, zweite Möglichkeit, ich kann sie aus der Sache rausziehen, erstmal etwas anderes machen, dann das Gespräch wieder auf das Thema lenken. Dann kann sie sich nicht mehr auf die Aufgaben konzentrieren und macht nur noch albernen Quatsch. Sobald ich etwas nachdrücklicher auf das Thema zusteuere, fängt sie ebenfalls zu heulen an und will sich nicht erneut darauf einlassen. Dritte Möglichkeit: „Dann lässt du es.“ – Dann fängt sie gleich zu heulen an und wirft mir in einem unmöglichen Tonfall vor, gar kein Interesse an ihrer Zukunft zu haben. Wobei sie übersieht, dass der Vorschlag, das beiseite zu legen, gerade von ihr kam. Sie erwartet also, dass ich ihr das ‚dann mache ich das eben gar nicht‘ nicht durchgehen lasse.

Ich sag nur: Pubertät. Irgendwann flitzt sie zu Marie, kuschelt sich auf ihren Schoß und plappert wie ein Wasserfall. Marie hört ihr zu, sagt gar nichts, hört sich geduldig an, wie gemein ich bin. Und wie gemein der Rest der Welt ist. Manchmal dauert es nur fünf Minuten, manchmal fünfzehn, dann ist sie den ganzen Frust los, dann denkt sie eine Zeitlang nach, und dann sagt sie solche Dinge wie: „Und den größten Knall von allen habe ich. Wenn ich so darüber nachdenke, was ich hier die letzte Stunde abgezogen habe, möchte ich mich eigentlich bis morgen früh im Keller verstecken. Marie, hilfst du mir, mich bei Jule zu entschuldigen?“ – „Setz dich doch einfach bei ihr auf den Schoß und dann erzählst du ihr das alles genauso, wie du es mir erzählt hast.“ – „Nee, das ist ja peinlich. Außerdem ist sie sauer auf mich.“

Nee, ist sie nicht. Sie hat nur eine klare Haltung. Helena kommt dann wieder zu mir, mag keinen Unfrieden, entschuldigt sich, obwohl sie sich gar nicht zu entschuldigen bräuchte, bettelt darum, in den Arm genommen werden, obwohl meine Arme die ganze Zeit offen sind. Sie kann Persönliches und Sachliches überhaupt nicht trennen. Sie verbindet „ist nicht richtig“ schnell mit „ich werde nicht gemocht“ oder „hat mich nicht mehr lieb“. Jede Wette, das ist eine Folge dessen, dass jemand ungewünschtes Verhalten konsequent mit Liebesentzug bestraft hat. Es ist aber schon sehr viel besser geworden. Helena hat aber noch immer nicht verarbeitet, dass sie generell nicht (mehr) mit Liebesentzug bestraft wird. Sondern denkt noch immer situativ: In diesem Fall war es gerade nicht sooo schlimm. (Bei nächster Gelegenheit könnte es aber wieder anders sein.) Schwierige Zusatzaufgabe.

Andersrum geht das auch. Marie hat ihr neulich sagen müssen, dass sie bei sich im Zimmer kein schmutziges Geschirr zu sammeln hat. Grundsätzlich essen wir gemeinsam, aber sie muss ja wegen der Zuckerkrankheit viele kleine Mahlzeiten einnehmen (statt weniger großer) und hat dann manchmal eine Glasschale, in der Joghurt war, oder ähnliches, in ihrem Zimmer. Sowas steht dann mitunter nach Tagen noch da. Die Joghurtreste sprechen Helena bereits mit Namen an und haben die Haare schön. Dazu kommen dann ein paar Löffel, Gläser, Teebecher und ähnliches. Auf der Fensterbank, auf dem Schreibtisch, auf dem Nachtschrank. Unter der Bettdecke findet man irgendwann Unterwäsche, Leggings, Tops und Wollsocken zwischen Kuscheltieren, Körnerkissen und zwei kalten Wärmflaschen. Auf dem Fußboden davor liegt ein Handtuch, das sie nach dem Duschen um ihre Haare gewickelt hatte, bevor sie irgendwann ins Bett gegangen ist.

Zu mir kommt sie dann mit: „Warum versteht Marie das nicht? Ich möchte nachts nicht nackt durch das kalte und dunkle Haus rennen, nur um eine leere Teetasse wegzubringen. Und morgens muss ich sofort zur Schule, da kann ich nicht aufräumen.“ – Ohne dass ich etwas dazu sage, sagt sie nach ein paar Minuten kuscheln: „Ich bin ganz schön messi, oder? Als ich das mit dem Schimmel gesehen habe, hätte ich fast gekotzt.“ – Einen anderen Tag bezieht sie unaufgefordert selbst ihr Bett neu, ist als Erste zu Hause und räumt den Geschirrspüler aus, neulich hat sie sich unaufgefordert einen Besen genommen und den Plastikmüll zusammengefegt, der bei dem Sturm aus einem geplatzten gelben Sack auf unser Grundstück geweht war. „Wie sieht das hier denn aus?!“ – Es klappen so viele Dinge so gut, und trotzdem: Manchmal braucht es sehr viel Geduld. Aber wir sind nach wie vor so verliebt in sie, dass wir diese Geduld sehr gerne aufbringen.

Eigene Tasche

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Helenas Krankenkasse hat sich in der letzten Woche beim Anwalt gemeldet. Weil die Krankenkasse Helenas Insulinpumpe zwar als notwendig anerkannt hat, sie dennoch aber nur zu einem kleinen Anteil bezahlen wollte, haben wir den Quatsch gleich zum Anwalt umgeleitet. Der hat erstmal die Kasse aufgefordert, ihm Akteneinsicht zu gewähren.

Nach sieben Wochen bekommt er – statt der Akte – ein Schreiben, in dem steht: „Wunschgemäß teilen wir Ihnen mit, dass uns vom [Lieferanten von Helenas Insulinpumpe] mitgeteilt wurde, dass Ihre Mandantin bereit wäre, die Differenz zum vereinbarten Vertragspreis aus eigener Tasche zu zahlen. Bitte teilen Sie uns mit, wie mit Ihrem Widerspruch weiter umgegangen werden soll.“

Der Lieferant sagt dazu: Ein solches Gespräch hat es niemals gegeben. Aber genau dieser Textbaustein sei ihm schon etliche Male untergekommen.

Und jetzt kommst du.

Porsche und Strumpfhose

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Leider „konnte ich nichts mehr von dem Typen schreiben, dem ich da begegnet bin.“ So lautete der drittletzte Satz meines letzten Eintrags.

Während ich im Feuer Foyer des Hotels saß, um abzuwarten, dass eine der angestellten Personen nochmal eben den Müll vom Vornutzer aus meinem Zimmer holt und mein Bett bezieht, setzte sich jemand zu mich mir. Ein Mann, geschätzt zehn Jahre älter als ich, geschätzt über 190 cm groß, sportliche Figur, gepflegtes Äußeres, dunkelblonder Kurzhaarschnitt, kein Bart, bekleidet mit dunkelblauer Jeans, Poloshirt und schwarzen Halbschuhen. Stützte sich beim Sitzen mit seinen Unterarmen auf seinen Oberschenkeln ab und guckte mich an, während ich meine Handy-Kurznachrichten beantworte.

Eigentlich hatte er nicht das typische Alter, um mich mit einer Story, in der wahlweise er, seine Frau oder einer seiner Nachbarn auch schonmal in einem Rollstuhl gesessen hat, zu beglücken. Ich konnte im Augenwinkel sehen, dass er mich noch immer beobachtete, und ich versuchte, nicht hinzugucken, da ich keine Lust hatte, mich volltexten zu lassen. Ich schrieb noch einen Moment, dann sprach er mich auch ohne Blickkontakt an: „Tschuldigung, sind wir verabredet?“

Was für eine originelle Anmache! Als wenn ich, wenn ich verabredet wäre, mich an einen Tisch setzen und mein Gegenüber ignorieren würde. Ich dachte mir so: „Na, Socke, dann spiel das Spiel doch einfach mal mit!“ – Also antwortete ich: „Ja, sind wir, sorry, ich muss nur schnell die Nachricht zu Ende tippen.“ – „Kein Problem. Die anderen sind bestimmt auch gleich da. Ich heiße übrigens Daniel.“ – „Jule“, sagte ich, blickte einmal kurz hoch und tippte weiter. Die anderen? In welcher Gruppe würde ich da gelandet sein?

Als ich fertig war mit Tippen, schaute ich ihn an. Er sagte: „Ich bin zum allerersten Mal auf so einem Real-Treffen. Und bin tierisch aufgeregt. Wie oft warst du schon dabei?“ – „Ist auch mein erstes Mal.“ – „Unter welchem Nickname schreibst du im Forum?“ – „Ich schreibe gar nicht im Forum.“ – „Oh, eine stille Mitleserin! Das finde ich ja mal spannend.“

Ich fragte ihn: „Und unter welchem Nickname schreibst du?“ – „Geheimnis. Noch. Wenn ich ihn jetzt verraten würde, wüsstest du ja sofort alles über mich. Und ich kenne dich gar nicht. Das wäre doch unfair, oder? Wann hast du entdeckt, dass du auf Strumpfhosen stehst?“ – Ach herrje. Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Wo hinein bin ich denn da jetzt geraten? „Ähm. Äh. Tja.“ – „Ja, war bei mir so ähnlich. Wobei ich nur in die softe Ecke gehöre. Also ich ziehe selbst keine an.“ – „Ich schon. Manchmal.“ – „Darf ich fragen, ob du gerade eine trägst?“ – „Gemeimnis“, antwortete ich.

Dieser Mensch schien sich für mich zu interessieren. Oder vielleicht auch nur für meine Strumpfhose. Oder für die Vorstellung, dass ich gerade eine Strumpfhose tragen könnte. Bevor wir tiefer in ein Gespräch einsteigen konnten, kamen im Minutentakt weitere Leute hinzu. Am Ende waren es zehn Männer zwischen 25 und 55 Jahren und, außer mir, drei Frauen. Eine Frau, etwa 45 Jahre alt, war mit einem der Männer verheiratet, die andere war offensichtlich schon mehrmal auf „Realtreffen“ gewesen. Sie umarmte sofort alle und war, mit Minirock und schwarzer Feinstrumpfhose bekleidet, eindeutig darauf aus, allen zu gefallen.

Ein Mann, geschätzt um die 50, nannte sich Ralle, hielt in der kleinen Runde eine Begrüßungsrede. Sprach alle mit „Freundinnen und Freunde des glänzenden Nylons“ an. Das war der Moment, an dem ich überlegte, mich auszuklinken. Aber ich kam nicht dazu. Ralle brachte seine Freude über die Anwesenheit neuer und bekannter Gesichter zum Ausdruck und gab vor, dass wir uns in 15 Minuten am Ausgang treffen würden, um gemeinsam in einem nahe gelegenen Restaurant, in dem ein Tisch reserviert sei, zu Abend zu essen. Er blickte mich an und sagte, er hoffe, dass das ebenerdig sei.

„Ich … äh … gehöre gar nicht dazu“, stammelte ich. Ralle widersprach sofort: „Unsinn! Du kommst mit. Das ist ein Befehl.“ – „Sonst sind wir ja kräftig genug, dich die Stufen hochzutragen“, sagte ein anderer Mann und weitere Leute nickten. Während alle sich weiterhin laut begrüßten, sagte ich zu Daniel: „Ich habe mit eurem Forum gar nichts zu tun.“ – „Achso!“, lachte er. Und fragte: „Willst du vielleicht trotzdem mitkommen? Oder hast du schon eine andere Verabredung?“

Nein, hatte ich nicht. Sollte ich alleine im Hotel bleiben und in einem notdürftig gereinigten Zimmer fernsehen? Oder begleite ich Daniel zu einem Treffen mit ein paar Freaks aus dem Internet? Ich überlegte einen Moment, entschied mich dann für Daniel. Wahrscheinlich würde jeder, dem ich das erzähle, mich für verrückt halten. Es dauerte ein wenig, bevor ich mir dann aber dennoch sicher war, dass einige der anderen Leute eine gehörige Macke hatten. Wir saßen in dem ebenerdig erreichbaren Restaurant an einem Tisch, und während sich eine Delegation älterer Teilnehmer fast schon in die Haare darüber bekam, wie dick und wie dehnbar die richtige Feinstrumpfhose zu sein habe, griff Ralle mindestens fünf Mal auf, dass er das Forum gegründet habe und noch immer moderiere und er damit Menschen, die dachten, sie seien mit ihrer Vorliebe ganz alleine, eines besseren belehre und zusammengebracht habe. Der Nobelpreis stünde ihm dafür nicht zu, aber für ein Bundesverdienstkreuz sei es eigentlich mal an der Zeit.

Die Hälfte der Leute war nur wenig bescheiden unterwegs. Ich kann Protzerei nicht leiden. Es gab überhaupt keine Veranlassung, mit der Größe des Firmenwagens, der Farbe der Kreditkarte oder der Höhe des Jahreseinkommens anzugeben. Dennoch wurde das bei einigen Leuten sofort Thema. Aber nie direkt, sondern immer ganz subtil. Subtile Protzerei finde ich nochmal schlimmer.

„Ist dein Rollstuhl eigentlich eine gesundheitliche Notwendigkeit oder ein ausgelebter Teil deines Fetisches?“, wollte Ralle von mir plötzlich wissen. Ich liebe direkte Fragen. Ich versuchte, mich in die Denkweise hinein zu versetzen, denn die Frage war offenbar ernst gemeint. Dass es Menschen gibt, die auf amputierte Gliedmaßen stehen, ist ja inzwischen kein Geheimnis mehr. Auch sie dürften sich übrigens vor einem Austausch über ihre „Vorliebe“ ähnlich alleine fühlen. Umso deutlicher wurde mir noch einmal, was (und nicht wer) hier eigentlich in den Fokussen der Begierden steht. Wenn ich meinen Rollstuhl als sexuelles Objekt verstehen würde, müsste ich dann wirklich damit in der Öffentlichkeit herumfahren? Eher nicht. Aber das war gar nicht seine Idee.

Binnen weniger Sekunden redete niemand mehr. Alle schauten mich fragend an und warteten, teils kauend, teils mit halb geöffnetem Mund, auf meine Antwort. „Eine gelebte Notwendigkeit meiner Mobilität“, sagte ich. Zwei Männer prosteten mir mit ihrem Bierkrug zu, zwei andere lobten mich für meine Antwort, die Gespräche gingen weiter, nur Ralle war noch nicht zufrieden. „Dann hat man bestimmt einen Behindertenausweis, oder?“, fragte er. „Davon kann man ausgehen“, antwortete ich. Ralle streckte mir fordernd seine Hand entgegen: „Darf ich mal sehen?“

Nö. Hatte der ne Meise? „Wenn wir uns kennen, zeig ich dir vielleicht auch meine Ausweis- und Bonuskartensammlung“, erwiderte ich. Drei Leute lachten, Ralle blieb hart. „Also doch Fetisch“, sagte er und aß weiter. Ich antwortete: „Meinetwegen.“ – „Siehste.“ – „Meinetwegen darfst du das denken.“ – „Wenn das stimmt, könntest du doch den Ausweis zeigen“, sagte er. Ich antworte: „Ich sehe keine Notwendigkeit, mich vor dir auszuweisen.“ – Ralle legte Messer und Gabel auf den Rand seines Tellers, holte sein Portmonee aus der Gesäßtasche und fragte: „Welchen Ausweis willst du sehen?“ – „Gar keinen.“ – Er nickte und sagte abschätzend: „Alles klar. Es tut mir leid, wenn ich jetzt deinen Auftritt zerstört haben sollte, aber das hier ist ein Realtreffen. Das wurde im Forum eindeutig gesagt.“

Ralle unterstellte mir also, und erst jetzt verstand ich überhaupt das Ansinnen, dass mein Rollstuhl nicht etwa mein sexueller Fetisch sei, sondern der behinderte Auftritt vor Dritten mich anmachen würde. Wirklich? Oder war er einfach nur unverschämt dominant und übergriffig? Bevor ich etwas antworten konnte, sagte einer der Männer: „Aber sie ist doch real hier, Ralle.“ – „Mir gehen diese ganzen Geschichten im Forum total auf den Keks. Deswegen machen wir ja diese Realtreffen. Kennengelernt haben wir uns im Forum, ich habe aber dauerhaft kein Interesse an virtuellen Freunden, die im Netz alle Porsche fahren und im realen Leben bei der Stadtreinigung oder bei Aldi an der Kasse arbeiten. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich habe nichts gegen Menschen, die bei Aldi arbeiten. Sondern gegen jene von ihnen, die behaupten, sie fahren einen Porsche.“

„Porsche ist also dein sexueller Fetisch?“, fragte ich. Mir war klar, dass sich unsere Wege in den nächsten zehn Minuten trennen würden. Ich hatte lediglich großen Hunger und wollte noch ein paar Happen essen, bevor ich zurück ins Hotel rollte. Ralle legte einen Autoschlüssel auf den Tisch. Von einem Porsche. Ich sagte: „Ach, Schlüssel-Fetisch. Ich habe verstanden. Ich muss ehrlich sein: Ich kenne dein Forum gar nicht. Ich begleite nur jemanden.“ – „Ja, dann bitte ich dich um Verständnis, wenn ich dich jetzt auffordere, zu gehen.“ – „Darf ich noch eben aufessen?“ – „Nee.“ – Jemand versuchte, zu vermitteln, aber Ralle blieb hart. „Ich bin der Chef.“ – „Achso. Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend, Chef.“

Ich rollte zur Kasse, bezahlte mein Essen und machte mich auf den Weg zurück ins Hotel. Es ging etwas bergab. Aus meiner Erfahrung mit einem Ex-Partner, der auch nur meine körperliche Beeinträchtigung sexuell attraktiv fand und nicht mich, und aus den Informationen, die ich während meines Studiums sammeln durfte, ist eine ganz große Schwierigkeit beim Fetischismus, dass das Nirwana nie erreicht werden kann. Selbst das heute perfekte Objekt ist morgen unvollkommen und damit potenziell immer weniger interessant. Schwierig wird eine Beziehung vor allem dann, wenn mindestens einer der Partner nicht reflektiert genug ist, um die Motivation der sexuellen Aktivität zu erkennen. Oder der andere nicht aufrichtig genug ist. Ich fürchte, dass Ralle mehrmals in seiner Vergangenheit genau mit diesen Konflikten konfrontiert war, mit sich oder mit anderen, und er deshalb aus meiner Sicht so unangemessen agiert hatte.

„Bist du flott unterwegs“, hechelte hinter mir jemand. Es war Daniel. Ich stoppte. Er guckte mich an: „Das war ja unerträglich. Ich habe mich auch verabschiedet.“ – „Aber jetzt nicht meinetwegen, oder? Du bist doch extra zu diesem Treffen gekommen.“ – „Nein, die Leute sind mir zu strange. Bundesverdienstkreuz für ein Forum voller Geschichten, ich bitte dich. Ich hatte das nicht erwartet. Und seitdem ich weiß, dass das Treffen nicht dem geistigen Austausch dient, sondern nur Ralles Überprüfung derjenigen, die sich im Forum als strumpfhosenliebende Frau ausgeben, habe ich sofort die Biege gemacht. Und ich würde noch heute wieder abreisen, wenn du nicht hier wärst. Gehen wir noch zusammen was trinken?“

Daniel ging aufs Ganze. Ich antwortete: „Ich muss morgen einigermaßen fit sein und habe eigentlich keine Lust auf Gedränge, Lärm und schlechte Luft. Ich würde jetzt eher ins Hotel zurück fahren, mich aufs Bett legen und noch ein wenig fernsehen.“ – „Das könnte ich mir auch vorstellen. Allerdings verbrauchen zwei Fernseher, die dasselbe Programm zeigen, doppelt so viel Strom wie einer. Wäre es da aus ökologischer Sicht nicht sinnvoller, mit vier Augen auf ein Gerät zu schauen statt auf zwei?“ – Ich ließ die Frage unbeantwortet und bog in Richtung eines Kaufhauses ab. Irgendwie juckte mir das Fell. Daniel lief hinter mir her, auf eine Antwort wartend. Oder damit rechnend, dass er keine bekommt.

In der Strumpf-Abteilung im Erdgeschoss blieb ich stehen. „Welche favorisiert Ralle?“ – „Keine Ahnung.“ – „Und welche favorisierst du?“ – „Das ist mir jetzt peinlich.“ – „Wieso das denn? Also ich fände die ganz attraktiv“, sagte ich und holte die erstbeste Schachtel, in der sich eine schwarze mit einem angedeuteten Karomuster befinden sollte, von einem Haken. Daniel antwortete: „Die sieht bestimmt gut aus, aber so richtig sexy finde ich ja die etwas festeren, transparenten. Nahtlos sollte sie sein, mit Höschenteil, eher glatt und glänzend als samtig, …“ – „Zeig sie mir“, sagte ich neugierig. Er ging zu einem anderen Regal, stöberte ein wenig und holte etwas vom obersten Haken: „Sowas zum Beispiel. Aber es muss eben auch die richtige Frau in dem Ding sein und auch bestimmte Verhaltensweisen zeigen.“ – „Sich räkeln?“ – „Nee, eben genau das nicht. Ich stehe eher auf Lässigkeit, Ungezwungenheit, Unbekümmertheit.“

Ich hatte Lust. Lust, ihm den Kopf zu verdrehen. Beziehungsweise ihm den Kopf noch weiter zu verdrehen. Denn sein Hinterherlaufen, seine Einladungen, seine Andeutungen waren ja bereits mehr als eindeutig. „Und soll sie eher eng sitzen?“ – „Also eng anliegen auf jeden Fall. Keine Falten oder Leerräume. Aber Pellwurst mit Laufmaschen ist auch nicht gut.“ – „Guck mal bitte, ob sie die in 36 haben.“ – „Haben sie.“ – „Dann möchte ich mir so eine kaufen. Was kostet sie?“ – „Über 30 Euro. Aber was willst du damit?“ – „Ich werde nirgendwo sonst eine bessere Kaufberatung bekommen, die keine kommerziellen Absichten verfolgt.“ – „Achso.“

Zurück am Hotel sagte ich: „Ich rolle jetzt in mein Zimmer, ziehe meine Jacke, meine Schuhe und meine dicken Klamotten aus, gehe einmal pullern und dann komme ich zu dir aufs Zimmer zum Fernsehen gucken. Okay? Welche Zimmernummer hast du?“ – Mein Bett war inzwischen bezogen. So richtig sauber fand ich das Zimmer aber noch immer nicht. Sollte ich nochmal duschen? Untenrum auf jeden Fall. Rasiert hatte ich mich gestern erst. Zum Glück hatte ich kein Bier getrunken, sondern nur Wasser. Und nichts Blähendes gegessen. Blase einmal kathetern würde auch sinnvoll sein, auch wenn sich diese sonst auf dem Klo eigentlich zuverlässig komplett entleert. Haare bürsten. Zähne nach dem Essen putzen. Nein, keine Strumpfhose angezogen. Sondern normale Unterwäsche, darüber eine flauschige bunte Stoffhose, gestrickte bunte Wollsocken und ein ärmelloses Top.

Ich packte die Strumpfhosenpackung, eine Packung Kondome und eine Pampers in meinen Rucksack. Wer weiß, was dieser Abend noch bringen würde. Ich war mir gerade nicht sicher, was mich mehr reizen würde: Etwas auszuprobieren, bei dem es nicht um mich, meine Behinderung oder fünfundneunzig soziale Bindungen ging, sondern um ein Objekt an meinem Körper. Oder herauszufinden, ob meine Weiblichkeit stärker ist als so ein merkwürdiger Fetisch.

Er öffnete seine Zimmertür. Ebenfalls frisch geduscht. Angezogen, mit einem Handtuch in der Hand, sich gerade die Haare trocken rubbelnd. „Mach es dir schonmal bequem! Du kannst ja schonmal nach dem Fernsehprogramm gucken, ich bin gleich da.“ – Ich setzte mich auf das Bett um, Kissen in den Rücken, Beine ausgestreckt. Den Fernseher ließ ich ausgeschaltet. Kurz danach kam er aus dem Bad, fragte, ob er sich zu mir auf sein Bett setzen darf.

Eine meiner ersten Fragen war, ob seine aktuelle Partnerin auf Strumpfhosen steht. Ich gebe zu, das kann etwas fies sein, aber er antwortete direkt: „Diejenige, die ich derzeit gerne als Freundin hätte, möchte nichts von mir. Und ob sie Strumpfhosen trägt oder sogar darauf steht, weiß ich noch nicht.“ – Also interessiert er sich für sie aus anderen Gründen und ist derzeit Single. Und früher?

„Meine erste Freundin konnte damit nichts anfangen. Wir waren ein paar Wochen zusammen. Damals war ich 15. Meine erste richtige Partnerin hatte ich mit 16 und war mit ihr sieben Jahre zusammen. Zuerst zwei Jahre heimlich, weil meine Eltern das nicht wollten. Mit 18 hatte ich mit ihr mein erstes Mal, das war aber nicht schön. Danach hatten wir nie wieder Verkehr.“ – „Was? Moment. Ihr wart fünf Jahre miteinander nicht im Bett?“ – „Doch. Wenn ich abends von der Arbeit kam, lag sie schon im Bett und hatte eine Strumpfhose an. Aber ihr machte das keinen Spaß. Nur das habe ich erst später gemerkt. Die letzten zwei Jahre haben wir in getrennten Betten geschlafen. Ich fand sie nicht mehr attraktiv, sie hatte ihr Wesen sehr verändert.“

„Ich habe sie dann für eine Frau verlassen, die ebenfalls mir zuliebe im Bett Strumpfhosen anzog, aber mit ihr war ich nur ein paar Monate zusammen. Dann lernte ich eine Frau kennen, die vier Jahre älter war als ich, und die auf einer Veranstaltung eine Strumpfhose so richtig nach meinem Geschmack trug. Ich war hin und weg und habe anschließend sieben Jahre lang versucht, sie irgendwie in die Nähe meines Fetisches zu bekommen. Was aber dazu führte, dass sie mich mehr und mehr abstoßend fand. Und dann war ich noch rund zwei Jahre mit einer fast zehn Jahre jüngeren Frau zusammen, die meinen Fetisch teilte. Aber sie verließ mich, drei Monate nachdem wir zusammen eine Wohnung bezogen hatten, für einen anderen Typen. Das war 2015. Seitdem bin ich solo.“

„Und schaust dir inzwischen täglich Strumpfhosen-Filmchen im Netz an und gibst jeden Monat viel Geld für Prostituierte aus.“ – „Das Erste ja, das Zweite nicht. Ich habe zu viel Angst, mir da was einzufangen.“ – „Denkst du, dass dich deine Vorliebe in deinem Leben einschränkt?“ – „So würde ich das nicht sagen. Aber sie moderiert mein Leben. Strumpfhosen sind für mich ein Indikator für Attraktivität. Wenn eine Frau noch so hübsch ist, aber keine Strumpfhosen tragen mag, finde ich sie nicht attraktiv.“

Das war natürlich schon eine heftige Ansage. Ich will es nach langem Text endlich kurz machen: Wir hatten nichts miteinander. Alles, was mir von diesem Abend, der dann auch bald zu Ende war, bleibt, ist eine noch immer verpackte Strumpfhose. Die Erkenntnis, dass ich den Typen recht attraktiv fand, mir vielleicht auch das Eine oder Andere hätte vorstellen können. Ich bin froh, keinen Fetisch zu haben. Faibles und Präferenzen ja. Aber einen Fetisch nicht. Und du so?