Pubertät

Seit über einem halben Jahr ist Helena nun bei uns. Im nächsten Vierteljahr wird es ein Gespräch mit dem Kosten tragenden Jugendamt geben. Dem sehen Marie und ich aktuell sehr gelassen entgegen. Unsere ganzen Sorgen, ob es uns gelingen würde, Helena dauerhaft bei uns aufzunehmen, waren zumindest kurz- und mittelfristig unbegründet. Eine langfristige Prognose kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand abgeben, aber ich bin auch da entspannt. Ich glaube, sie hat sich sehr gut entwickelt, ist gewachsen, ich glaube, nicht nur körperlich.

In den letzten 14 Tagen haben wir uns zwei Mal gezofft. Das Gute ist: Wenn Helena mit Einem von uns Stress hat, sucht sie schnell die Nähe des Anderen. Sie braucht Frieden und kann es nur schwer aushalten, wenn etwas mal nicht harmonisch ist. Ich war früher genauso, wollte immer alles, was mich belastet, sofort aus dem Weg geräumt haben. Seit meinem Unfall und vor allem seit dieser letzten Übergriffigkeit, wegen der ich von Herbst 2015 bis Sommer 2017 nicht gebloggt habe, bin ich geduldiger geworden und kann auch ungeregelte Dinge, auch im zwischenmenschlichen Bereich, mal beiseite schieben und darauf vertrauen, dass später, in Ruhe und aus der Distanz, eine bessere Lösung gefunden wird, als wenn ich etwas in emotionaler Anspannung über das Knie zu brechen versuche. Aber so weit ist Helena noch lange nicht. Sie ist in dieser Hinsicht noch ein Kind, kann die Schwere einer Meinungsverschiedenheit nicht einschätzen und macht sich sofort um alles Sorgen. Sorgen von Kindern wiegen bekanntlich immer schwer.

Ich halte es dennoch für sehr wichtig, auch Grenzen zu zeigen, auch Kritik zu üben und ihr auch zu helfen, wie sie mit Kritik, Misserfolg, Fehlern oder eigenem Fehlverhalten umgeht. Das ist leider etwas, was viele Menschen nicht können. Helena ist da, wie ich finde, auf einem sehr guten Weg, wenngleich es noch viel zu tun gibt. Es hinterlässt einfach Spuren, wenn Helena früher irgendwas angestellt hatte und beispielsweise das Bad putzen musste. Allerdings hatte der Pflegevater Oberspacko vorher nochmal die Toilette benutzt – und extra nicht abgespült. Und wir reden hier nicht von kleinen Geschäften.

Richtigen Kummer haben wir mit ihr nicht. Da wir uns gut auf einander einlassen können, würde ich unser aller Verhältnis sogar durchaus als pflegeleicht bezeichnen wollen. Nicht wissend, was uns so alles noch erwarten wird, aber im Moment: Pflegeleicht. Trotz Pubertät. Gezofft haben wir uns, wie gesagt. Da Helena unheimlich schnell resigniert, wenn sie an ihre körperlichen Grenzen stößt und sie dann niemand an die Hand nehmen kann. Sie ist aber in einem Alter, wo sie allmählich einen Weg finden muss, wie es an der Grenze weitergeht. Resignation und Gleichgültigkeit helfen ihr nicht.

Zum Beispiel soll sie in Mathematik etwas zeichnen. Was bei einer (wenn auch sehr leicht ausgeprägten) Muskeltonusstörung in den Armen und Händen (als Symptom der Cerebralparese) sehr schwierig ist. Es ist sowieso schon schwierig, und hier liegt dann nochmal eine Schippe oben drauf. Sie darf ungenauer zeichnen, ihr wird im Rahmen eines Nachteilsausgleichs eine höhere Toleranz zugesprochen, aber sie soll es trotzdem machen. Helena ist dann so clever und macht die Zeichnung am PC, druckt das aus, klebt es ins Matheheft. Sie sitzt daran mindestens fünf Mal so lange wie andere Kinder, die einen Stift in die Hand nehmen. Das ist für sie kein Problem. Aber sie nimmt halt keinen Stift in die Hand, weil sie sagt, dass das sowieso bescheuert aussieht. Und genau das finde ich falsch: Ich möchte, dass sie die Zeichnung so gut es geht mit der Hand macht, um das zu üben und zu trainieren. Wenn sie das dann obendrauf mit dem PC nochmal macht, um zu demonstrieren, dass sie weiß, wie es aussehen soll, ist das ein Bonbon. Das Bonbon soll aber nicht die eigentliche Arbeit ersetzen.

Sie darf ihre Hausaufgaben auch am PC schreiben. Ich möchte aber, und da achtet die Deutschlehrerin leider nicht drauf, dass sie die Rechtschreibüberprüfung abschaltet. Sie soll Rechtschreibung können. Und nicht ständig mit Autokorrektur arbeiten und sich später darauf herausreden, dass der Computer falsche Wörter ersetzt hat. Wenn ich den falschen Moment erwische, kommen dann von ihr Reaktionen wie: „Das ist aber doppelter Aufwand. Ich muss das ja danach nochmal alles durchsehen. Schneller ginge es, wenn der Computer gleich die falschen Worte unterstreicht und ich sie dann gleich richtig schreibe.“ – Wenn ich dann noch einmal darauf eingehe, dass sie es nicht lernt, wenn sie bei jedem unterstrichenen Wort einfach wild irgendeinen Verbesserungsvorschlag anklickt, sagt sie: „Andere Kinder machen gar keine Hausaufgaben. Oder schreiben alles ab. Und sind trotzdem gut im Test.“ Oder: „Ich kann das nicht besser. Dann mache ich das eben gar nicht.“

Darauf kann ich auf drei Arten reagieren: Entweder sie trösten. Dann diskutiert sie mit mir eine Stunde oder mehr, fängt irgendwann zu heulen an, stellt alles in Frage, was sie bereits kann, findet alles und jeden ungerecht und würde am liebsten auswandern. Oder, zweite Möglichkeit, ich kann sie aus der Sache rausziehen, erstmal etwas anderes machen, dann das Gespräch wieder auf das Thema lenken. Dann kann sie sich nicht mehr auf die Aufgaben konzentrieren und macht nur noch albernen Quatsch. Sobald ich etwas nachdrücklicher auf das Thema zusteuere, fängt sie ebenfalls zu heulen an und will sich nicht erneut darauf einlassen. Dritte Möglichkeit: „Dann lässt du es.“ – Dann fängt sie gleich zu heulen an und wirft mir in einem unmöglichen Tonfall vor, gar kein Interesse an ihrer Zukunft zu haben. Wobei sie übersieht, dass der Vorschlag, das beiseite zu legen, gerade von ihr kam. Sie erwartet also, dass ich ihr das ‚dann mache ich das eben gar nicht‘ nicht durchgehen lasse.

Ich sag nur: Pubertät. Irgendwann flitzt sie zu Marie, kuschelt sich auf ihren Schoß und plappert wie ein Wasserfall. Marie hört ihr zu, sagt gar nichts, hört sich geduldig an, wie gemein ich bin. Und wie gemein der Rest der Welt ist. Manchmal dauert es nur fünf Minuten, manchmal fünfzehn, dann ist sie den ganzen Frust los, dann denkt sie eine Zeitlang nach, und dann sagt sie solche Dinge wie: „Und den größten Knall von allen habe ich. Wenn ich so darüber nachdenke, was ich hier die letzte Stunde abgezogen habe, möchte ich mich eigentlich bis morgen früh im Keller verstecken. Marie, hilfst du mir, mich bei Jule zu entschuldigen?“ – „Setz dich doch einfach bei ihr auf den Schoß und dann erzählst du ihr das alles genauso, wie du es mir erzählt hast.“ – „Nee, das ist ja peinlich. Außerdem ist sie sauer auf mich.“

Nee, ist sie nicht. Sie hat nur eine klare Haltung. Helena kommt dann wieder zu mir, mag keinen Unfrieden, entschuldigt sich, obwohl sie sich gar nicht zu entschuldigen bräuchte, bettelt darum, in den Arm genommen werden, obwohl meine Arme die ganze Zeit offen sind. Sie kann Persönliches und Sachliches überhaupt nicht trennen. Sie verbindet „ist nicht richtig“ schnell mit „ich werde nicht gemocht“ oder „hat mich nicht mehr lieb“. Jede Wette, das ist eine Folge dessen, dass jemand ungewünschtes Verhalten konsequent mit Liebesentzug bestraft hat. Es ist aber schon sehr viel besser geworden. Helena hat aber noch immer nicht verarbeitet, dass sie generell nicht (mehr) mit Liebesentzug bestraft wird. Sondern denkt noch immer situativ: In diesem Fall war es gerade nicht sooo schlimm. (Bei nächster Gelegenheit könnte es aber wieder anders sein.) Schwierige Zusatzaufgabe.

Andersrum geht das auch. Marie hat ihr neulich sagen müssen, dass sie bei sich im Zimmer kein schmutziges Geschirr zu sammeln hat. Grundsätzlich essen wir gemeinsam, aber sie muss ja wegen der Zuckerkrankheit viele kleine Mahlzeiten einnehmen (statt weniger großer) und hat dann manchmal eine Glasschale, in der Joghurt war, oder ähnliches, in ihrem Zimmer. Sowas steht dann mitunter nach Tagen noch da. Die Joghurtreste sprechen Helena bereits mit Namen an und haben die Haare schön. Dazu kommen dann ein paar Löffel, Gläser, Teebecher und ähnliches. Auf der Fensterbank, auf dem Schreibtisch, auf dem Nachtschrank. Unter der Bettdecke findet man irgendwann Unterwäsche, Leggings, Tops und Wollsocken zwischen Kuscheltieren, Körnerkissen und zwei kalten Wärmflaschen. Auf dem Fußboden davor liegt ein Handtuch, das sie nach dem Duschen um ihre Haare gewickelt hatte, bevor sie irgendwann ins Bett gegangen ist.

Zu mir kommt sie dann mit: „Warum versteht Marie das nicht? Ich möchte nachts nicht nackt durch das kalte und dunkle Haus rennen, nur um eine leere Teetasse wegzubringen. Und morgens muss ich sofort zur Schule, da kann ich nicht aufräumen.“ – Ohne dass ich etwas dazu sage, sagt sie nach ein paar Minuten kuscheln: „Ich bin ganz schön messi, oder? Als ich das mit dem Schimmel gesehen habe, hätte ich fast gekotzt.“ – Einen anderen Tag bezieht sie unaufgefordert selbst ihr Bett neu, ist als Erste zu Hause und räumt den Geschirrspüler aus, neulich hat sie sich unaufgefordert einen Besen genommen und den Plastikmüll zusammengefegt, der bei dem Sturm aus einem geplatzten gelben Sack auf unser Grundstück geweht war. „Wie sieht das hier denn aus?!“ – Es klappen so viele Dinge so gut, und trotzdem: Manchmal braucht es sehr viel Geduld. Aber wir sind nach wie vor so verliebt in sie, dass wir diese Geduld sehr gerne aufbringen.

17 Gedanken zu „Pubertät

  1. Ach ja, Pubertäts-Messi, kenne ich aus eigenem Verhalten. Das legt sich irgendwann, aber ein gelegentlicher verbaler „Tritt in den Hintern“ schadet definitiv nicht. Ich bin immer noch ein Chaot. Aber nicht mehr so schlimm wie in der Pubertät.

    Zeichnungen in Mathe gibt’s grob in zwei Kateorien. Eine Skizze, anhand derer man sich den Lösungsweg visualisiert Sowas schleppt man in ingenieursartigen Berufen bis zur Rente mit sich rum, weil man es für Diskussionen mit Kunden und Kollegen braucht. Die muß (im Berufsleben) weder schön noch genau sein, und wird gerne auch mal auf ein Whiteboard oder notfalls auf eine Serviette gekritzelt. Diese Erkenntnis hat’s leider (noch) nicht bis in die Schule geschafft. Wichtig ist nur, dass der Inhalt vemittelt wird. Und die andere Kategorie sind grafische Lösungsverfahren. Typische Fragestellungen sind Nullstellen einer Kurve oder Kreuzungspunkte mehrerer Kurven. Im Prinzip ein brutal primitiver Analogrechner, dem man mit viel Glück und Geschick zwei tragende Stellen entlocken kann. Ich kann mir vorstellen, dass man im Bereich Maschinenbau damit noch ein paar Übungen macht, aber für die meisten 2D- und 3D-Probleme, mit denen sich Ingenieure rumschlagen müssen, gibt’s funktionierende Lösungen oder wenigstens brauchbare Näherungsverfahren, die deutlich bessere Ergebnisse liefern als eine Handzeichnung. Die Handzeichnung im Mathe-Unterricht ist bestenfalls ein Hilfsmittel, um ein Ergebnis einer Rechnung zu verifizieren. Mathe-Lehrer mögen das anders sehen, insbesondere die, die noch nie einen anderen Beruf hatten.

    Rechtschreibung ist essenziell wichtig. Punkt. Wer schon im Anschreiben einer Bewerbung krasse Fehler macht, fällt durch. Da ist es völlig egal, wie qualifiziert man ist, ob man blonde oder braune Haare hat, ob man Fußgänger oder Rolli-Fahrer ist. Wenn man einen Job hat, ist die Rechtschreibung immer noch wichtig. Einem Kunden eine Mail oder einen Brief mit 20 Fehlern zu schicken geht einfach nicht. (Was Kunden nicht davon abhält, genau das zu tun ….) In beiden Fällen greift heute natürlich die Rechtschreibkontrolle (da hat Helena recht), aber die ist alles andere als perfekt. Wer nicht fehlerfrei schreiben kann, gilt als dumm oder unqualifiziert, selbst wenn das nicht stimmt. Sich auf die Rechtschreibkontrolle zu verlassen ist vergleichbar damit, sich auf den Autopilot zu verlassen. Das macht man in der Luftfahrt aus gutem Grund nicht, und dass der Autopilot im Straßenverkehr nicht funktioniert, sollte spätestens der tödliche Unfall von Uber (https://blog.fefe.de/?ts=a44eed1c) gezeigt haben.

    Dann sei noch zu erwähnen, dass Verantwortliche in Unternehmen immer noch massiv Vorurteile gegen Behinderte haben. Das geht so weit, dass man Gebäude bewußt behindertenfeindlich baut (so geschehen in einer gemeinnützigen GmbH um 2010) und z.B. bewußt schmale, selbstschließende Türen einbaut und Fahrstühle so definiert und verbaut, dass sie für Behinderte nicht nutzbar sind. Alles, um keine Arbeitsplätze für Behinderte haben zu können. Nachher kann man dann sagen „wir würden ja gerne, aber das Gebäude läßt es nicht zu“. So krass muß es gar nicht sein, aber selbst eine rein körperliche Behinderung wird oft mit einer geistigen Behinderung gleichgesetzt.

    Natürlich widerspricht es allen Gleichstellungsgrundsätzen und allen schönen Reden, aber in der Praxis haben Behinderte gleich einen oder mehrere Minuspunkte bei der Bewerbung. Wer dann noch Schwächen in der Allgemeinbildung (Rechtschreibung, Mathe) oder gar fachliche Schwächen hat, braucht gar nicht auf ein Vorstellungsgespräch oder gar eine Stelle zu hoffen.

    Also, mein Tipp für Helena: Sieh zu, dass Du deutlich besser bist als Deine zukünftigen Mitbewerber, sonst hast Du gleich verloren. Ja, das ist unfaire Scheiße, und mit viel Glück wird es in Zukunft etwas besser. Aber die Realität ist leider so übel.

    Einer meiner jungen Kollegen hat eine echt fiese Augenerkrankung, die ihn weit vor der Rente komplett erblinden lassen wird. Er gilt schon jetzt deswegen als schwerbehindert. Er hat seinen Job bei uns, weil er fachlich verdammt gut ist. Ein Naturtalent, wenn man so möchte. Und er kann – ganz untypisch für unseren Beruf – sehr gut mit Menschen umgehen. Angefangen hat er als Werksstudent, und das nur über „Vitamin B“. Ob er bei einer regulären Bewerbung eingestellt worden wäre, wage ich zu bezweifeln.

    Tux2000

  2. Ja cool. Schimmelige Joghurtbecher im Zimmer kenne ich auch. Mein Junior hatte irgendwann mal ein halbes Dutzend nicht mehr leere Colaflaschen unter dem Bett liegen, die er nachts als Urinal verwendet hatte. Da war er 14 und kurz davor, rauszufliegen. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung und eine nette Freundin und ist hoffentlich etwas sauberer geworden.

  3. Wäh! Schimmel! Und wieso liegen da Schlüpfer im Bett? Zieht sie die nachts aus oder was? Ihr müsst da durchgreifen, sowas geht nicht.

  4. Noch ein Kommentar zur Rechtschreibung und generell zu Sprachen: Lesen hilft.
    Je mehr Bücher man liest, desto besser werden Rechtschreibung, Grammatik und Wortschatz. In Deutsch hatte ich damit nie Probleme, weil ich schon als Kind quasi in Büchern gebadet wurde. Ich hab immer viel gelesen, und so waren Rechtschreibung und Grammatik nie ein Problem. Bewußr wurde mir das erst, nach dem mir ein absolut unqualifizierter Englisch-Lehrer in einer Schule mit fragwürdigem pädagogischen Konzept zwei Jahre lang KEIN Englisch beigebracht hat und ich nach einem Schulwechsel in Englisch eine gründliche Bauchlandung hingelegt habe.
    Die Lösung kam von der Nachbarstochter, die mir Nachhilfe gab, in Form eines einzigen Satzes. „Du mußt englische Texte lesen,. egal was.“ Also hab ich erst die Schulbücher, dann Fachliteratur im englischen Original gelesen. Und – oh Wunder – plötzlich gingen die Noten von 6 auf 2 bis 3 hoch. Später hab ich dann auch einige andere Werke im englischen Original gelesen und – was ich jahre zuvor nie geglaubt hätte – ich habe es genossen. Wer Spaß an Sprachen hat, wird „The Hobbit“ und „The Lord of The Rings“ genießen …

    Tux2000

  5. Du verlangst der Kleinen aber ganz schön was ab. Wenn sie Schwierigkeiten hat, mit der Hand zu zeichnen, dann lass sie das doch mit dem Computer machen. Wo ist da das Problem?

  6. Ihr seid nicht alleine was den Dreck im Zimmer angeht. Meine Tochter hat mit 12 schimmelige Brote im Rucksack gehabt und sogar gammelige Bananen, weil sie die in der Schule nicht gegessen, sondern wieder mitgebracht und dann übers Wochenende oder über die Ferien nicht wieder ausgepackt hat. Mein Sohn hatte einem Mädchen in der Schule einen Schlüpfer geklaut und den für gewisse Dinge benutzt, so dass es irgendwann richtig lecker roch, als ich ihn in der Matratze gefunden habe. Heute ist er 28 und wir lachen gemeinsam drüber. Ihr macht das alles richtig. Obwohl alles macht nie jemand richtig. Aber ich habe vollstes Vertrauen.

  7. Wir hatten früher schimmelige Brote in der Schultasche über die Sommerferien. Drei Millionen Fliegen im Haus, als wir aus Tunesien wiederkamen. Und Raupen. Werd ich nie vergessen. Passiert, Jule und Marie. Passiert.

  8. Liberal im Allgemeinen, klare Kante an der richtigen Stelle. Schaffen die zwei von der Menschlichkeitstankstelle das? Ist der Papst katholisch? Mit Zirkel und Lineal zu arbeiten ist nicht nur ein Rechenverfahren, es ist auch den Handskizzen überlegen, eben weil es exakter ist. Eine solche Planfigur soll einem ja Ideen geben, aber wenn sie wirklich nur von Hand gezeichnet ist, ist die Gefahr größer, dass das falsche Ideen sind, weil auf einmal Schnittpunkte da auftauchen, wo es keine geben kann und dergleichen. Keiner zeichnet absolut exakt, aber es soll so exakt wie möglich sein.

  9. Vielleicht kann sie für die Hausarbeiten ein anderes Textprogramm verwenden, das keine Rechtschreibprüfung beinhaltet. Das wäre bestimmt etwas einfacher als die Rechtschreibprüfung bewusst abschalten zu müssen. Auf Windows würde sich dafür zum Beispiel WordPad anbieten, das auf jedem Windows-PC vorinstalliert sein sollte.

  10. Sag mal, Jule, bist du sicher, dass du in Helenas Zimmer warst und nicht in einem der Zimmer meiner Töchter? Gerade das Handtuch vor dem Bett ist ein totsicherer Tipp, dass du bei uns warst… 😀
    Ja, so sind sie in dem Alter. Und Glückwunsch, dass deine Tochter so viel Größe und Erwachsenheit hat, schon (!) nach einer Stunde Rumschimpfen und Ausjammern wieder den realen Boden unter der Argumentation zu spüren. Das dauert bei uns durchaus auch mal länger… Mein SchwiVa, der mal Jugendpfleger war, sagt sowieso immer, wenn Pflegekinder anfangen Streß zu machen, dann kann man ordentlich drauf anstoßen: Kind ist angekommen, fühlt sich sicher, Mission geglückt. Also, Gläser hoch: ihr seid echte Eltern geworden.

  11. Vielen Dank für die vielen Reaktionen und unterstützenden Worte!

    @Uli: Da greifen wir bereits durch, Schimmel und Siff gehen gar nicht. Ausziehen im Bett finde ich jetzt allerdings nicht so dramatisch. Solange sie die Klamotten spätestens am nächsten Tag mal wegräumt.

    @Huhu: Mit dem Taschenrechner geht es auch schneller als im Kopf. Wenn man Kopfrechnen nicht kann.

    @Salat: Na dann: Prost!

  12. Ein Beispiel, daß Denken dem Tippen überlegen sein kann:

    Der letzte Tag vor den Ferien, an den Türen der Klassen 10, 11 und 12 hängen Zettel, daß der Unterricht krankheitdbedingt im großen Vorlesungssaal der benachbarten Hochschule stattfindet.
    Als die Klassen dort eintreffen werden sie vom alten Rektor begrüßt, der ihnen mitteilt, daß sich die Lehrer die planmäßig die Stunden bis zum Ferienbeginn zu halten hätten, sich kollektiv wegen Legensmittelvergiftung derzeit im Krankenhaus befinden.
    Er hat daraufhin als ehemaliger Mathelehrer eine Aufgabe für alle vorbereitet.
    Auf jedem Platz liegt ein Stoß Karopapier und ein Stift.
    Während er nun durch die Reihen geht und ein einseitig bedrucktes Blatt mit der leeren Seite nach oben verteilt, erklärt er daß auf diesem Blatt 27 jeweils fünfstellige Zahlen stehen – auf jedem Blatt andere – und er gleich eine Formel an die Tafel schreibt, in der diese 27 Zahlen miteinander zu verrechnen sind. Der Gebrauch von Taschenrechnern ist erst ab der dritten Stunde erlaubt! Wer ihm das richtige Ergebnis zeigt, darf direkt in die Ferien starten.
    Dann schreibt er an die Tafel:
    (a-x)*(b-x)*(c-x)*…………………..*(z-x)=

    Der Klassenprimus sieht sich die Formel an, dreht sei Blatt um schreibt etwas und geht zum Rektor vor.
    Der sieht sich das Ergebnis an und sagt: „Richtig! Schöne Ferien Albert.“

  13. Zu den Mathe-Hausaufgaben: Ich habe selbst lange Mathenachhilfe gegeben (und dann auch Lehramt studiert, da bin ich dann aber an der Klassengröße gescheitert). Und ich hatte auch mal eine Nachhilfeschülerin mit einer ICP. Nach deinen Beschreibungen von Helena war sie etwas stärker betroffen, sie ging auf eine Körperbehindertenschule. Bei Geometrie wollte sie ihre Hausaufgaben auch nicht zeichnen, wollte, dass ich das mache. Überzeugt hat sie das Argument, dass die Hausaufgaben nicht dafür da sind, dass die Lehrerin schöne Zeichnungen sieht, sondern dafür, dass sie sieht, was die SchülerInnen können. Und dass sie alle Hilfsmittel und Hilfsangebote nutzen kann, wenn es um das Ergebnis geht, aber hier geht es eben darum, zu zeigen, was sie selbst kann und wo sie Hilfe braucht.

  14. @Salat
    Alle Zimmer aller Pupertierender sind auf astraler Ebene verbunden https://www.youtube.com/watch?v=FbMYtIfKhAw So erklärt sich auch, dass mitunter verdrecktes Zeug von irgendwoher erscheint, für das sich keine natürliche Erklärung finden lässt oder zumindest jede solche heftigst bestritten wird.
    Ansonsten gelten die weisen Worte der Mutter von Helenas Freundin unbeschränkt: Kleine Kröten sind sie doch! Willkommen im Elternsumpf. Wenn ein Kind von sich aus so richtig 1A hygienisch wird, ist es entweder durch einen Androiden ausgetauscht worden oder kein Kind mehr. So oder so sollte man es dann rauswerfen. Spätestens dann, weil manche Erwachsene …

  15. Beim lesen dieses Blog eintrages musste ich an an denken was Du in deinem Blogeintrag
    https://www.jule-stinkesocke.de/2009/02/die-erkenntnis-nach-7-monaten/
    geschrieben hast
    >>„Ganz viel Aufmerksamkeit bzw. oft auch Liebe und Anerkennung bekommt jeder Mensch schon als kleines Kind für Leistung und Fortschritt. Wenn sie das erste Mal „Mama“ sagen, freuen die Eltern sich ohne Ende. Dann Schleife binden, Bilder malen, sprechen, Fahrrad lernen, lesen, schreiben, singen. Meine Kleine lernt jetzt Englisch. Die Tochter hat eine Eins in Mathe, etc.
    Das hat man so gelernt. Wenn man gut ist und schneller und besser als die anderen, krieg ich eine Belohnung oder Liebe etc. Wenn ich eine Fünf habe, gibt es eher Stress, und wenn ich Pickel hab, lachen und lästern die anderen. Bei ganz vielen Menschen definiert sich das Leben nur so. Wenn die dann plötzlich behindert sind … ja worüber definiert sich dann das Leben?“<<

    Bei Helena wurde wenn ich das richtig verstanden habe genau dieses Prinzip "pervertiert". Fehlleistungen wurden nicht nur mit Liebesentzug betraft sondern zusätzlich sanktioniert. Für jemanden der eine Behinderung hat, gleich doppelt so schlimm.
    Meines Erachtens war es kein Zufall das sich helena euch als Vorbilder bzw. Pflegeeltern ausgesucht hat. Denn durch euch wurde Helena aufgezeigt das Sie trotz ( oder gerade wegen ) ihrer Behinderung Lebens bzw. Lebenswert sein kann. Was gerade durch das Schwimmen sehr deutlich wird.

    Ich finde es richtig das Du Helena dazu anhälst mathematische Zeichnungen von Hand zu erstellen auch wenn es Ihr schwerfällt und Sie zur Resignation neigt.
    Wobei es in diesem Zusammenhang es aber auch m.E. notwendig ist, es ihr für sie "kindgrecht" zu erklären und begründen das diese Forderung von Dir weder eine Sanktion ist und keinesfalls mit Liebesentzug bestraft wird sondern eher ein als Ansporn gemeint ist, und ihr helfen soll ihre motorischen Defizite zu meistern, wobei dort die Crux ist, den richtigen Ton zu treffen damit sie es ganuso versteht.

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