Glücklich und zufrieden

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Ja, gestern fühlte ich mich so halbwegs wieder fit. Was auch einigermaßen wichtig war, denn wir bekamen Besuch vom Jugendamt, das sich turnusmäßig anschauen wollte, wie es Helena geht. Um turnusmäßig zu entscheiden, wie es mit Helena weitergeht. Weil ja alles so schön unter gefühlt einem halben Dutzend Behörden aufgeteilt ist, müssen wir uns mit zwei Jugendämtern unterhalten: Ein örtliches, das offiziell für Erziehungsfragen und die Auszahlung der Kohle zuständig ist, und eins an ihrem bisherigen Wohnort, das für die Kohle aufkommen muss, die Helena kostet.

Das Kosten tragende Jugendamt hat sie seit Monaten nicht mehr gesehen, und bisher sind auch wir immer dorthin gefahren. Heute sollte es anders sein: Eine Mitarbeiterin hatte sich angekündigt, Helena in ihrem häuslichen Umfeld zu besuchen und mit allen ein Gespräch führen zu wollen. Marie hatte Dienst getauscht, Helena hat extra ihr Nachmittagsprogramm gecancelt, sogar Susi war extra für einen Kurzbesuch von einer Stunde zwischen Vormittags- und Nachmittagssprechstunde angereist.

Ich erinnere mich noch an offizielle Anlässe während meiner Kindheit. Auch noch an solche in Helenas Alter. Auch wenn wir nie Besuch vom Jugendamt bekamen. Ich musste vorher nochmal zum Friseur, Haare waschen und zusammenbinden, am liebsten flechten, Fingernägel schneiden, die besten Klamotten anziehen, am liebsten ein Kleid und polierte Schuhe, und dann: Schön artig sein! Es wirkt im Nachhinein für mich so, als wären meine Eltern nicht in der Lage gewesen, auf eventuelle Unpässlichkeiten angemessen zu reagieren. Vielleicht war es vor fünfzehn Jahren aber auch einfach eine ganz andere Zeit. Ich wundere mich gerade über mich selbst, diesen Satz zu verwenden.

„Die nehmen mich hier aber nicht wieder raus, oder?“ – Diese Frage hatte sie mir in den letzten drei Tagen schon fünf Mal gestellt. Und eigentlich hatten wir auch darüber gesprochen. Aber sie hat das Trauma noch lange nicht überwunden. Cool bleiben. „Ich wüsste nicht warum, Helena.“ – „Das ist wirklich nur ein Routine-Besuch, oder?“ – „Ja, Helena. Warum hast du denn plötzlich solche Angst? Hast du was angestellt?“ – „Nein, nichts Großes, aber es gibt bestimmt Dinge, die ihr nicht gut findet und einige Sachen habe ich ja auch falsch gemacht.“ – „Setz dich doch nicht so unter Druck, Helena. Es geht bei dem Termin nicht darum, zu petzen oder dich anzuklagen. Sondern darüber zu sprechen, ob es dir hier gut geht.“ – „Es geht mir gut. Es ging mir nie besser.“ – „Aber das wissen die doch nicht. Und du weißt doch selbst, dass es Pflegefamilien gibt, in denen es den Kindern nicht gut geht. Das prüfen die immer mal wieder.“ – „Und warum haben die bei meiner letzten Pflegefamilie nicht gesehen, dass es mir schlecht ging?“

In dem Moment klingelte es. Pünktlich, zwei Minuten zu früh. Susi öffnete die Tür. Die Mitarbeiterin, die herein kam, kannten wir schon vom letzten Termin auf dem Amt. Ich hatte sie als sehr freundlich in Erinnerung. Sie gab uns allen die Hand, dann setzten wir uns an den Esstisch. Helena war extremst aufgeregt. Rotes Gesicht, unruhige Hände, ängstlicher Blick. „Helena, ich bin gekommen, um mir einen Eindruck von deinen aktuellen Lebensverhältnissen zu machen. Du erinnerst dich vielleicht noch an mich von unserem letzten Gespräch. Wie geht es dir heute?“ – „Gut“, sagte Helena wie aus der Pistole geschossen. Ein Wort. Bloß nicht mehr. Die Mitarbeiterin erwiderte: „Ich muss sagen, du siehst auch sehr gut aus und machst auf mich einen sehr positiven ersten Eindruck.“ – „Dann darf ich also weiter hier bleiben?“

Oh jee. Die Mitarbeiterin fing die Frage aber sehr gut auf: „Es geht heute nicht um Dürfen, Helena, sondern um Möchten. Du bestimmst ganz alleine für dich, ob du weiter hier bleiben möchtest.“ – „Ich möchte das auf jeden Fall“, sagte sie sofort. Marie sagte: „Helena hat die ganz große Befürchtung, dass es heute erneut darum gehen könnte, eine neue Familie für sie zu finden. Sie ist die ganze Zeit schon extrem angespannt. Deshalb möchte sie gerade nicht so lange um den heißen Brei herumreden, sondern kommt direkt zur Sache.“ – „Marie!“, rief Helena. Ich nahm mir ihre schweißnasse Hand. Sie schüttelte mich weg. Die Mitarbeiterin sagte: „Also nochmal: Ich bin glücklich, wenn es dir gut geht. Von mir aus muss sich nichts ändern. Es sei denn, du möchtest das und bittest mich darum. Du weißt, dass du das jederzeit tun kannst, du hast von mir mal eine Karte mit meiner Nummer bekommen. Du kannst mich immer anrufen, wenn was ist, und du bekommst auch heute einmal die Chance, mit mir unter vier Augen zu sprechen. Aber ich bin heute nicht gekommen, um was zu ändern, sondern weil ich mir regelmäßig ein Bild davon machen muss, ob alles in Ordnung ist. Okay?“ – Helena nickte.

Sie holte einen Pappdeckel aus ihrer Handtasche, in dem einige Blätter lagen, nahm sich einen Kugelschreiber in die Hand, und fragte Helena: „Kannst du mir mal eine normale Woche beschreiben? Also was du so machst?“ – Helena beschrieb. In allen Einzelheiten. Die Mitarbeiterin machte sich Notizen. Hakte nach. Ob Kiara ihre beste Freundin sei. Wieviele Freundinnen sie hätte. Ob sie erzählen möchte, mit wem sie gerade zusammen sei. So langsam entspannte sich Helena und plauderte. Schule war ein Thema. Sport war ein Thema. Ob sie beim Reiten immer eine Kappe trage, wollte die Mitarbeiterin wissen. „Na klar, ich bin doch nicht lebensmüde“, erwiderte Helena beinahe entsetzt. Die Mitarbeiterin sagte: „Ich habe neulich ein Mädchen besucht, das zeigte mir einige Fotos vom Reiten, da war sie aber überall ohne Kappe drauf. Das fand ich gar nicht gut.“

Das war das Stichwort. Helena stand auf, ging in ihr Zimmer und kam mit einem Tablet zurück. Fotos vom Reiten. Mit Kappe. Und vom Strand. Und vom Volksfest. Und von Susi und Otto aus dem Garten. Und von Maries Hund. Auf dem Bauch, auf dem Rücken, beim Laufen, springen, schlafen, Nahaufnahmen, Fernaufnahmen – kurzum: „Du magst den Hund sehr gerne, oder?“ – Von unserem Garten, von Katzenbabys am Pferdestall. Marie, Susi und ich guckten uns an, wir kamen uns irgendwie überflüssig vor. Angenehm überflüssig. „Hast du Geheimnisse, die du zu Hause nicht erzählst?“ – Ganz plötzlich, ganz überraschend. Helena guckte die Mitarbeiterin an, guckte uns an, sagte dann: „Na klar! Und wissen Sie, was cool ist? Ich werde nicht erpresst deshalb.“ – „Was meinst du mit ‚erpresst‘?“ – „Na, so lange unter Druck setzen, bis ich das sage“, sagte sie. Und fügte leise hinzu: „So wie das früher war.“

„Kennst du den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen?“, fragte sie weiter. Helena antwortete erstaunlich erwachsen: „Sie brauchen sich da gar nicht solche Mühe zu geben. Ich habe im Moment kein Geheimnis, was ich nicht schon erzählt habe oder was wirklich eins ist. Jule hat gesagt, dass es ein Unterschied ist, ob ich richtig etwas mit aller Kraft in mir einschließe, oder ob ich nur nicht ständig drüber quatsche.“ – „Was ist denn der Unterschied?“ – „Also ein großes Geheimnis darf wirklich niemand erfahren. Und das andere ist so: Ich hatte heute morgen einen fetten Pickel im Gesicht, den ich ausgedrückt habe bis der platzte und es blutete, aber das erzähle ich einfach nicht jedem, weil es eklig und peinlich ist. Aber wenn jetzt jemand fragt, mache ich da kein Geheimnis draus, sondern erzähle das. Worüber ich zum Beispiel gar nicht rede, ist das, was wir in der Therapie besprechen. Das bleibt dort im Raum und das ist mir sehr wichtig. Aber das ist kein Geheimnis, weil ich es ja nicht für mich behalte, sondern weil ich darüber im Moment nur während der Therapie reden möchte.

„Wie groß ist deine Privatsphäre?“ – „Ist das das mit dem Alleinesein? Also ich kann das Bad abschließen und an meiner Zimmertür ist so ein Rahmen, wo man Zettel reinschieben kann. Da kann ich dann drauf schreiben, dass ich nicht gestört werden will.“ – „Und das klappt?“ – „Naja, wenn Jule sich Sorgen macht, klopft sie. Dann ruf ich ‚Stop‘ und dann weiß sie, dass sie nicht reinkommen darf und dass ich aber noch lebe.“ – Ich ergänzte: „Wir haben wegen des Diabetes die Abmachung, dass die Zimmertür nicht abgeschlossen wird, dass aber das Schild an der Tür von uns allen beachtet wird und bei geschlossener Tür sowieso immer ein ‚Ja‘ abgewartet wird. Das gilt übrigens auch, wenn Helena eine Tür öffnen will.“

Helena ergänzte: „Aber meine Tür hat trotzdem einen Schlüssel. Nur den nehme ich nicht.“ – „Zu wem gehst du, wenn du nachts schlecht geträumt oder zum Beispiel Bauchschmerzen hast?“ – „Also zum Glück träume ich nicht so häufig schlecht, und wenn, dann muss ich überlegen, ob ich mich nicht lieber unter meiner Bettdecke verkrieche oder erstmal Licht anmache. Aber wenn ich nachts Angst habe oder so, dann gehe ich manchmal zu Jule und manchmal zu Marie. Meistens aber zu Jule, weil sie ein Wasserbett hat, und das ist ganz flauschig und warm.“ – „Du schläfst dann bei Jule im Bett?“ – „Dafür bin ich eigentlich zu alt, oder?“ – „Nein, das hängt nicht vom Alter ab. Wenn du Wärme und Nähe brauchst und sie bekommen kannst, dann darfst du sie dir auch nehmen. Wichtig ist nur, dass das bei Wärme und Nähe bleibt. Verstehst du, was ich meine?“ – „Also manchmal kämpfen wir auch im Bett. Aber nur aus Spaß. Und ich bin meistens stärker. Oder wir quatschen noch im Dunkeln.“ – „Das ist auch okay.“ – Ich griff in das Gespräch ein, da Helena nicht verstand, was die Mitarbeiterin sagen wollte: „Wir schlafen alle angezogen.“

Darauf sagte Helena natürlich: „Nee, manchmal schlafe ich aber auch ganz nackt. Und seit ich hier mein eigenes Zimmer habe, darf ich das auch offiziell. Oder Marie?“ – „Aber nicht bei mir im Bett“, ergänzte ich. – „Nee, das stimmt. Achso, jetzt verstehe ich! Igitt, nee, ich fang doch nicht mit Jule oder Marie was an! Die wären mir doch viel zu alt dafür. Das ist eklig.“

Dann hätten wir das ja auch geklärt. Anschließend kam noch eine Suggestivfrage, wie Helena mit meinem Freund zurecht käme. Dabei habe ich gar keinen Freund. Und die Frage, ob Marie oder ich schonmal Helenas Handy durchsucht haben, fand ich, nachdem wir an der Zimmertür anklopfen, auch überflüssig. Ohne Anlass gibt es auch keine Handy-Durchsuchung. Zumal sie ganz häufig mir auch ihr entsperrtes Handy hinhält mit aufgeklapptem Fotoalbum, und dann sind da 50 Bilder drauf, Pferde in allen Lebenslagen, die ich mir anschauen soll, weil die ja so süß sind. Und ich als (ehemalige) Pferdenarrin kann sie natürlich gut verstehen.

Ansonsten hoffen wir ein Stück weit darauf, dass „das“ gut geht. Sie hat noch keinen Datentarif außerhalb, kann also nur im WLAN ins Internet. Was in der Schule vorhanden ist, mit Jugendfilter. Zu Hause hat sie ebenfalls ihr eigenes WLAN-Netz, mit Jugendfilter und wochentags ist abends um 21 Uhr Feierabend, am Freitag und am Samstag ist ihr WLAN um 23 Uhr aus. Beschützen können wir sie nicht vor den bösen Seiten der Medien, und sie erzählte mir neulich bereits: „Jule, die Jungs in meiner Klasse schicken sich die ganze Zeit eklige Sachen hin und her. Nackte Frauen, die ihren nackten Po in die Kamera halten und dann damit wackeln, und …“ – Ich führe das hier nicht weiter aus, sondern nenne nur das Stichwort, aus Gründen: Bu**ake. Aber es ist ja demnächst Elternabend. Wo es zur Sprache kommen wird, nur vermutlich nichts ändert.

Das thematisierte Helena zum Glück nicht. Genauso wie die unentschuldigten Fehlstunden. Nicht, dass ich das nicht besprochen hätte, aber so war es natürlich einfacher. Die Mitarbeiterin redete mit Marie und mir kurz, und war erstaunt, dass wir auch nach drei Nachfragen noch darauf beharrten, dass Helena noch nie richtig genervt hat. Sie redete auch kurz mit Helena alleine, aber das war auch nach drei Minuten wieder vorbei.

Am Ende war die Mitarbeiterin glücklich und zufrieden. Sie habe ein sehr positives Gesamtbild aufgenommen. Als sie draußen war, fiel Helena erst Marie, dann mir um den Hals und knutschte uns ab. Es war deutlich zu spüren, dass ihr ein großer Stein vom Herzen gefallen war.

Ab morgen bin ich wieder gesund genug für die Frühschicht. Also nix mit Tanzen in den Mai. Schlafen in den Mai. Und dann um Fünf aus den Federn. Hurra.

Krank ist krank

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Sagenhaft, was ich so alles erlebe, wenn ich eine Woche im Bett liege! Zum Beispiel habe ich mich von meiner linken Seite auf die rechte Seite gedreht. Und von der rechten manchmal auch wieder auf die linke. Und zwischendurch noch auf den Rücken. Manchmal auch auf den Bauch. Und wieder zurück.

Gemessen an der Anzahl meiner Stunden in der Pädiatrie war ich lange nicht krank. Wirklich lange. Gefühlt ist es schon über ein halbes Jahr her. Aber irgendwann erwischt es jeden. Trotz größtmöglicher Vorsicht und Hygiene. Es fühlte sich schon in der letzten Woche so an, als wenn ich irgendwas ausbrüte. Ich hatte dann vorsichtshalber schonmal die üblichen Verdächtigen aus ihren Tiefs substituiert und meinen edlen Körper maximal geschont, in der Hoffnung, der Kelch würde an mir vielleicht noch vorübergehen. Aber nein: Volle Breitseite.

Wobei sich das Halsweh durch acht bis zehn Kräuterbonbons ganz gut im Rahmen halten ließ. Allerdings vertrage ich weder diese Mengen an Fruchtzucker, noch diese Mengen an Zucker-Ersatzstoffen, die in den meisten Hustenbonschen enthalten ist. Ich weiß, too much information, aber ich habe stundenlang immer wieder gefurzt und fühlte mich dabei wie ein Pferd, das irgendwer mit frischem Brot und Würfelzucker gefüttert hat.

Das Kribbeln in der Nase und der ganze Rotz, der danach kommt, war auch innerhalb von zwölf Stunden vorbei. Husten hatte ich gar nicht erst. Fieber auch nicht. Im Grunde waren die klassischen Erkältungssymptome innerhalb von 24 Stunden durch. Aber die Gliederschmerzen: Nicht auszuhalten. Von Sonntag bis Donnerstag habe ich nicht gewusst, wie ich liegen sollte. Auch Sitzen ging nicht. In Ruhe war es schon nicht wirklich schön, aber wenn ich dann auch noch irgendeinen Muskel anspannen sollte, um mich beispielsweise umzudrehen oder in den Rollstuhl zu kommen, hätte ich am liebsten geschrien vor Schmerz. So eine fiese Geschichte!

Ich musste Schmerzmittel nehmen, weil das ohne nicht auszuhalten war. An Schlaf war überhaupt gar nicht zu denken. Von den üblichen freiverkäuflichen Tabletten ließen sich die Schmerzen überhaupt nicht beeindrucken. Abgesehen von Paracetamol, das halbierte nach etwa 20 Minuten die Schmerzen auf ein irgendwie erträgliches Maß, nach zwei Stunden war aber alles wieder beim Alten. Das Zeug wie Smarties zu fressen, würde sehr kurzfristig dazu führen, dass die Leber Pfötchen gibt. Absolut nicht empfehlenswert. In telefonischer Abstimmung mit Susi, Maries Mutter, fuhr ich also am Sonntag zur nächsten notdienstbereiten Apotheke, rund 35 Kilometer entfernt, um irgendwas Wirksameres zu bekommen.

Es gibt zwei Mittel, ein Opioid und ein Nicht-Opioid, die etwa 30 Mal stärker sind als ASS, und die beide noch ohne Betäubungsmittelrezept zu bekommen sind. Beide Mittel werden von Menschen, die von Opiaten abhängig sind und eine Ersatztherapie machen, häufig nebenbei konsumiert, weshalb diese Medikamente in Apotheken nur sehr schwierig zu bekommen sind. Es gibt noch einen Geheimtipp, ein Mittel, das ebenfalls ohne Betäubungsmittelrezept zu bekommen ist, und etwa 200 Mal stärker als ASS wirkt, und das in der Drogenszene uninteressant ist, weil es nicht berauscht, sondern die Wirkung von Opiaten sogar teilweise noch neutralisiert und somit für Beikonsum absolut ungeeignet ist. Da es hauptsächlich in der Anästhesie eingesetzt wird, hat die Dorf-Apotheke sowas in der Regel aber auch nicht vorrätig. Susi meinte, und ich ging unter Abwägung von Nutzen und Risiko d’accord, dass das Mittel der Wahl das einzige Opioid sein sollte, das in allen Darreichungsformen mit normalem Repept verordnungsfähig ist.

Ich rollte also in die Apotheke, deren Türen trotz sonntäglichen Notdienstes offen waren, und sagte der anwesenden Apothekerin meinen Wunsch und fummelte dabei die Plastikkarte meiner „Handwerkskammer“ aus dem Portmonee. Bevor ich sie auf den Tisch legen konnte, begann sie zu lachen und sagte: „Das bekommst du hier nicht. Kannst gleich wieder abschwirren, sonst ruf ich die Polizei.“ – Ich erwiderte: „Na, na, was sind das denn für Töne?“ – „Ich diskutiere nicht!“

Sehe ich wirklich so mies aus? Ringe unter den Augen, glasiger Blick, Haare nicht gewaschen, nur mit Sporthose und Hoodie bekleidet. Aber selbst wenn, könnte man das dann nicht vernünftig sagen? Wer gibt ihr das Recht, mich zu duzen, selbst wenn ich von Betäubungsmitteln abhängig sein sollte? Ich legte meinen Ausweis auf den Tisch. Sie nahm ihn, guckte sich den an: „Sind Sie das?“ – „Jetzt ist aber gut.“ – „Wofür brauchen Sie das?“ – „Für mich selbst. Ich habe starke Schmerzen, die auf die …“ – „Haben Sie es denn schon mal mit Ibuprofen versucht? Verstehen Sie es nicht falsch, aber Sie sind doch noch sehr jung.“ – „Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“ – Sie ging kopfschüttelnd durch ihre Apotheke und kam mit einer Flasche zurück. „Mit größten Bedenken“, sagte sie. „Das ist die größte Größe, die ich vorrätig hab. Macht [knapp 20 Euro].“

50 Milliliter dürften mehr als reichen. Und ob sie Bedenken hat, war mir jetzt auch ziemlich egal. Hauptsache ich hatte keine. Als ich wieder zu Hause war, packte ich mich sofort wieder ins Bett. Einzeldosis sollten maximal 40 Tropfen sein. Ich dache mir, ich würde mal mit 5 Tropfen beginnen. Das klingt zwar homöopathisch, aber das Mittel setzt ja ganz woanders an. Und? Zehn Minuten später: Was für eine Wohltat. Die Schmerzen waren weg. Komplett weg. Ich fühlte mich wie neu geboren. Ich las noch eine halbe Stunde lang etwas, um sicher zu sein, dass nicht irgendwelche unerwünschten Wirkungen eintreten würden, dann drehte ich mich um und pennte.

Sechs Stunden hielt die Wirkung an, dann ging es wieder los. Am jeweiligen Morgen lag die letzte Einnahme immer etwa 10 Stunden zurück – das war nicht auszuhalten. Ansonsten keine Erkältungssymptome mehr, nur unerträgliche Gliederschmerzen. Am Freitagmorgen habe ich zuletzt die 5 Tropfen eingenommen, seitdem nicht mehr. Seit heute fühle ich mich wieder einigermaßen passabel. Ich werde aber noch bis einschließlich Dienstag zu Hause bleiben.

Marie und Helena waren sehr lieb zu mir. Helena kam immer mit Mundschutz rein, fragte immer wieder, ob sie mir etwas bringen sollte. „Ich würde für dich auch zu [Supermarkt, der Lebensmittel liebt] flitzen und dir ein Schokoeis holen.“ – „Das ist ganz süß von dir, aber ich habe gar keinen Appetit. Möchtest du dir eins holen?“ – „Nee. Was anderes auch nicht? Ein leckeres Stück Kuchen? Saure Gummitiere? Obstsalat? Einen Gurkensalat aus dem Kühlschrank? Eine fettige Pizza? Gar nix zu machen?“

Nee. Wenn ich krank bin, bin ich krank. Wasser ist okay, Maries Suppe zwischendrin war auch sehr lecker, aber alles, was ich hätte kauen müssen, hätte meinen Appetit überfordert. Heute habe ich schon wieder zwei Stunden in der Sonne gesessen und Weintrauben genascht. Mittwoch wird mich der Frühdienst wiederhaben.

Micki Messer

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Abgeordnete sind ja berechtigt, (schriftliche) Anfragen an die Landes- bzw. Bundesregierung zu stellen, die diese dann wahrheitsgemäß zu beantworten hat. Dieses Instrument der (meistens „kleinen“) Anfragen dient der parlamentarischen Kontrolle.

Was genau kontrolliert wurde, als der Landtag des Saarlandes von einem Abgeordneten einer Partei, die ich nicht wähle, gefragt wurde, welche Vornamen die deutschen Staatsbürger hatten, die in den letzten zweieinhalb Jahren unter dem Einsatz eines Messers eine Straftat im Saarland begangen haben, erschließt sich mir nicht. Ich bin aber auch keine Politikerin und verstehe davon nicht genug.

Jedenfalls hießen, der Antwort zufolge, 24 dieser Straftäter Michael. Daniel kam mit 22 Kandidaten auf Platz 2, Andreas mit 20 Stichen genäht auf Platz 3.

Das bedeutet also: Wenn du im Saarland wohnst und dein bester Freund Michael gerufen wird, ist das Risiko, dass er ein Messerstecher ist, größer, als wenn er Daniel heißt.

Die Aussage ist vor allem deshalb so aufschlussreich, weil nicht aufgeschlüsselt wurde, wieviele Michaels und Daniels es insgesamt im Saarland gibt. Eines geht aber vielleicht dennoch aus dem Zettel hervor: Wenn du im Saarland wohnst und Rudi gerufen wirst, ist die Chance, dass du gerne polarisierst, größer, als wenn deine Freunde dich Michael nennen, weil du ein Messer in der Tasche hast. Oder so ähnlich.

Susi, Föhni, Anwälte

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Mich selbst reizt das größte Volksfest des Nordens inzwischen nicht mehr so sehr. Früher bin ich da gerne mal mit meinen Leuten hingefahren, um ein wenig Spaß zu haben; nachdem ich mit diesen Leuten aber inzwischen entweder nichts mehr zu tun habe oder sie selbst auch älter geworden sind, finde ich es nun ganz gut, dass Helena begeistert ist. So muss sie einerseits als Ausrede dafür herhalten, dass man mich doch nochmal dort antrifft, andererseits steckt mich ihre Freude am Karussellfahren auch an.

Helena spart dafür ihr Taschengeld. Sie ist ohnehin sehr bescheiden. Es ist nicht so, dass sie nach einer neuen Jeans fragt, sondern dass Marie oder ich sie anpieksen. Sie weiß dann zwar klar, was sie will, aber die Initiative kommt selten von ihr. Vielleicht ändert sich das noch, wenn sie etwas älter wird. Sie gibt auch ihr Taschengeld nicht aus, sondern spart es. Hat kaum eigene Wünsche. „Darf [meine beste Freundin] mitkommen? Ihr würde das Volksfest bestimmt auch viel Spaß machen.“

Ich nenne ihre beste Freundin ab heute mal Kiara. Ich habe übrigens Maries Mutter gefragt, wie sie gerne in meinem Blog heißen möchte. „Nenn mich Susi“, sagte sie albern. Ich erwiderte: „Und dann ‚Susanne‘ für alle etwas ernsteren Themen?“ – „Meinetwegen auch das.“ – „Und wie nenne ich [Maries Papa]?“ – „Föhni“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen. – Ich antwortete: „Nö. Abgelehnt.“ – „Du weißt, wieso?“ – „Nee?!“ – „Dann googel mal nach Susi Sorglos und ihrem Föhn.“ – Maries Mama fiel ihrem Mann um den Hals und küsste ihn. Sagte dann: „Kein verzauberter Königssohn und auch kein Rasier-Apparat“, blickte zu mir und sagte: „Er hat nicht gelogen. Kannst ihn Otto nennen.“ – Und so heißen Maries Eltern ab heute Susi und Otto.

Zurück zum Volksfest: „Eigentlich wollten wir nach dem Volksfest zu Susi und Otto fahren und dort übernachten, wenn wir schon mal in Hamburg sind“, antwortete ich. Helena guckte mich an: „Und Kiara würde da stören, oder?“ – „Ich müsste Susi zumindest vorher fragen, ob das in Ordnung wäre. Und ich weiß auch nicht, ob Kiara Lust auf fremde Verwandtschaft hätte.“ – „Und wenn wir das so machen, dass Kiara mit uns kommt und wir sie abends in den Zug setzen und ihre Mama holt sie in [nächste größere Stadt] vom Bahnhof ab?“ – „Wenn die Mama das mitmacht und Kiara das möchte, habe ich nichts dagegen. Aber ich bezweifle, dass ihre Mama sie über die Strecke alleine Zug fahren lässt mit 13 Jahren.“

Lange Rede: Irgendwann rief mich die Mama an: Wenn wir sie in Hamburg in den richtigen Zug setzen und ihr eine Nachricht schicken, in welchem Zug sie sitzt, wäre das für sie in Ordnung. Ich muss wohl nicht erwähnen, wie die beiden sich gefreut haben. Helena war Feuer und Flamme. „Meinst du, Susi und Otto haben ihren Gartenpool schon wieder gefüllt und ich kann da morgens schwimmen? Und glaubst du, Otto bringt seine Drohne mit und wir können die hier über Ostern fliegen lassen und ein paar krasse Videos von der Ostsee machen? Meinst du, dass er auch Ostereier im Garten versteckt? Und können wir, wenn das Wetter so schön bleibt, über Ostern auch mal draußen grillen? Darf ich mit Kiara Autoscooter fahren und in [ein Karussell, das sich über Kopf dreht]? Fridolin muss auf jeden Fall mit und ich möchte mir an dem Tag eine Tena anziehen und Kiara und ich wollen uns vorher Eyeliner ziehen und Mascara für die Wimpern und die Haut etwas abpudern. Aber keinen Lippgloss. Und kannst du uns die Haare flechten?“

What? Bisher hat sie sich noch nie geschminkt. Also zumindest nicht, dass ich das wüsste. Mit 13 Jahren hat sich bei mir in der Schule früher niemand geschminkt. Mit 14 haben bei uns einzelne etwas Kayal oder Wimperntusche benutzt. Aber das ist schließlich auch schon über 10 Jahre her. Und eine Tena anziehen? Hatten wir bislang auch noch nicht. Ich fragte mal vorsichtig nach: „Seit wann kennst du dich denn schon so gut mit Schminke aus?“ – „Es gibt ein Video auf Youtube, wo eine Bloggerin zeigt, wie das geht. Und Kiara und ich wollen das jetzt zum Volksfest auch mal ausprobieren. Spricht was dagegen?“ – „Darf ich darüber nochmal nachdenken?“ – „Oh nee. Ganz dezent nur, Jule. Wir haben beschlossen, dass wir da schön aussehen wollen und Kiaras Mutter hat auch nichts dagegen.“ – „Und was ist das mit der Tena?“ – „Da wollte ich dich fragen, ob ich so eine Pants anziehen kann, wenn das da über Kopf geht und so … bevor da was schief geht. Außerdem finde ich diese Toilettenwagen dort mega eklig und ich muss alles anfassen, weil ich nicht frei stehen kann. Ich will nicht so eine Klebewindel wie du, darin werde ich zu fett.“ – „Na vielen Dank.“ – „Ja du sitzt, da sieht das keiner, aber wenn ich aufstehe und in ein Karussell gehe, denken alle, ich habe einen fetten Arsch. Hintern meine ich.“

Als Marie nach Hause kam, sprach ich mit ihr. „Gegen Schminke hab ich nichts. Solange sie sich wohl fühlt und es nicht nach Babystrich aussieht, aber dann würde ich dagegen konkret was sagen und nicht gegen Schminke an sich. Und wegen der Pampers: Im Studium haben wir gelernt, dass man Bequemlichkeit nicht unterstützen darf. Andererseits gibt es eine Diagnose und du würdest auch nicht ohne über das Volksfest rollen, obwohl es eigentlich möglich sein sollte. Einige Kollegen hätten ihr bestimmt nicht mal einen Rollstuhl verordnet. Also mach es nicht zu kompliziert.“

Also am nächsten Tag im Supermarkt konkret das Alte-Damen-Regal angesteuert und Helena gefragt: „Welche möchtest du?“ – „Die“, sagte sie, ohne nachzudenken. „Die hatte ich auch manchmal bei meinen früheren Pflegeeltern. Mit denen habe ich aber nie drüber gesprochen und irgendwann haben die es mitgekriegt. Da gab es richtig Terror und danach waren sie verboten. Obwohl ich sie von meinem Taschengeld bezahlt habe. Eigentlich brauche ich sie ja nicht, nur wenn mal lange kein Klo in der Nähe ist, ist mir das sicherer. Ich habe beschlossen, dass ich das bei euch nicht nochmal heimlich mache, weil ich mich bei euch nicht dafür schämen muss, dass ich behindert bin. Tschuldigung“, sagt sie, fängt bitterlich zu weinen an und fährt davon.

Es bricht mir das Herz, wie diese Menschen offenbar mit ihr umgegangen sind. Nach fünf Minuten sehe ich sie vor einem Postkartenständer stehen und auf die Postkarten starren. Ich streiche ihr über den Rücken, sie nimmt eine Karte aus dem Ständer und hält sie mir wortlos vor die Nase: „Darf ich dir ein Geheimnis verraten? Ich mag dich noch lieber als Schweinebraten.“ – „Futter mich nicht auf“, antwortete ich. Sie sortierte die Karte wieder ein. „Bin ich manchmal anstrengend?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. Nein, sie ist nicht anstrengend. Sie sagte: „Ist im Moment sehr aufwühlend in der Therapie. Aber so gut. Am Anfang will ich immer nicht, am Ende bin ich total aufgewühlt, aber glücklich, dass ich das gemacht habe. Die ersten fünf Minuten fühlen sich an wie eine ganze Stunde, der Rest der Stunde fühlt sich an wie fünf Minuten.“

Ich streichelte ihr über den Rücken. Sie drehte sich um, zog die Nase hoch, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und sagte: „So. Einkaufen. Therapie ist erst nach Ostern wieder dran.“

Gestern sind wir also auf dem Weg nach Hamburg. Vier Personen, drei Rollstühle, Rucksäcke und eine Reisetasche. Kiara und Helena haben vor der Abfahrt eine Stunde vor dem Spiegel gestanden, ich habe beiden Zöpfe geflochten – und beide sahen am Ende sehr hübsch aus. Wesentlich älter. Und wirklich hübsch. Vor dem Volksfest haben wir dann den letzten der zehn Behindertenparkplätze bekommen. Und dann ging es los. Aus dem Autoscooter waren die beiden nicht mehr raus zu bekommen. Fünf Chips für jeden der beiden fünf Euro – war früher billiger, ist aber okay. Die erste Runde drehten sie ganz vorsichtig, bei der zweiten wurden sie von zwei Jungs andauernd angefahren und hatten sichtlich Spaß, ab der dritten Runde wussten sie dann, wie das Ding auch rückwärts fahren kann.

Bei der Kinderbimmelbahn fragte Helena Marie und mich: „Hey, ihr beiden, wäre das nicht was für euch?“ – Dem Frechdachs ging es also gut.

Einen Moment später: „Marie, kannst du mir ne Zuckerwatte wegspritzen?“ – Marie: „Nee, du fragst jetzt mal die Verkäuferin, wieviel Zucker sie nimmt, und dann rechnest du selbst.“ – Gesagt, getan. Ein Teelöffel Zucker, sagte die Verkäuferin, Helena fummelte an ihrer Insulinpumpe rum, zeigte Marie den eingestellten Bolus, Marie nickte, fertig. Eigentlich kann sie das alleine, nur bei der Informations-Beschaffung hapert es manchmal noch. Sie hätte den Nährwert von Zuckerwatte bestimmt auch googeln können.

Ohne Fridolin hätte Helena den kilometerlangen Weg nicht geschafft. So war sie schneller als Kiara, die sich einige Male beschwert hat, weil sie nicht hinterher kam. Am Ende wollte Helena unbedingt noch ein Abschiedsfoto vom Riesenrad machen, das ich auch in diesen Beitrag eingefügt habe. Am Bahnhof setzten wir Kiara in den richtigen Zug. Zurück zum Auto, auf dem direkten Weg zu Susi, und als wir dort ankamen, sagte sie: „Die Tena ist übrigens noch trocken, willst du sehen?“ – „Nee, lass mal, das glaube ich dir so.“ – „Aber jetzt muss ich pissen wie ein Brauereipferd.“ – „Helena, bitte!“ – „Danke. Übrigens Kiara weiß davon.“ – „Wovon?“ – „Na von der Tena. Und zwei andere Freundinnen aus der Klasse auch. Wir haben einen Pakt geschlossen, falls mich mal wieder jemand mit meiner Behinderung aufziehen will, sind die meine Anwälte und auf meiner Seite. Das haben sie geschworen.“