Nicht immer einfach

Diese Klinik scheint es besser mit mir zu meinen. Sofern ich das nach so kurzer Zeit überhaupt schon beurteilen kann. Die Arbeitszeiten und die Erwartungshaltung gerade gegenüber jungen Ärzten sind nicht anders als anderswo – darüber hatte ich aber auch keinerlei Illusionen. Immerhin wird relativ ernst genommen, dass ich ein Kind zu Hause habe, das nicht endlos alleine bleiben kann. Wann Marie da ist, wann Helena ein Angebot der Ganztagsschulbetreuung in Anspruch nimmt oder wann sie zur Therapie, mit einer Freundin unterwegs ist oder zu Hause, muss ich ja nicht großartig erläutern. Ich habe mich nur schon gewundert, dass alle Welt sich beschwert, Mütter hätten es in Deutschland im Beruf so schwer, und ich es als (Pflege-) Mutter gefühlt einfacher habe als als Arbeitnehmerin mit Behinderung. Vor allem, wenn es um klare Arbeitszeiten geht.

Die üblichen schrägen Vögel gibt es allerdings auch an meinem neuen Arbeitsplatz. Beispiel: Das gesamte ärztliche Personal der Kinderklinik sitzt zusammen mit dem Chefarzt in einem Besprechungsraum. An dem Tisch sind zwölf Plätze, es sind vierzehn Leute da. Strenge Hierarchie: Die teilnehmenden Studierenden im Praktischen Jahr sitzen zu viert an der kurzen Seite des Tisches, wo eigentlich nur zwei Plätze vorgesehen sind. Ein älterer Oberarzt, geschätzt 63 Jahre, nimmt auch an der Runde teil, setzt sich aber nicht zu uns an den Tisch, sondern setzt sich drei Meter zurück in den Türrahmen zur Teeküche. Ist dabei aber nur für diejenigen sichtbar, die ihm gegenüber sitzen. Ich sehe ihn nicht, sondern höre immer nur mal eine Stimme aus dem Off.

Bei einer meiner Patientinnen soll eine bestimmte Untersuchung gemacht werden. Ich darf sie alleine nicht machen, der ältere Oberarzt könnte sie machen, hat aber wegen des Aufwandes keinen Bock. Zumindest ist das mein Eindruck. Nun könnte sie auch ein anderer Kollege zusammen mit mir machen, dafür müssten wir aber in „seinen“ Behandlungsraum. Wobei man dazu sagen muss, dass es nicht sein Behandlungsraum ist. Er hat sich dort aber häuslich eingerichtet. Ganz schwieriges Kapitel, weil auch der (jüngere) Chefarzt sich nicht traut, das mit ihm auszudiskutieren. Der ältere Oberarzt macht dann nämlich auf bockig und arbeitet gar nicht mehr, sondern sitzt nur rum und tut beschäftigt. Also frage ich: „Wann können wir die [Untersuchung] bei [der Patientin] machen?“

Drei Kollegen bieten sich an, das mit mir zusammen zu machen. Stimme aus dem Off: „Wie sich ja alle, die einigermaßen Erfahrung haben, denken können, wird das in dieser Woche nicht mehr möglich sein. Von daher ist das erstmal vom Tisch.“ – „Warum geht es diese Woche nicht? Diese Erfahrung fehlt mir.“ – Stimme aus dem Off: „Werden Sie erfahren, Frau Kollegin, und so lange vertrauen Sie den Kollegen, die das schon 40 Jahre machen.“ – „Davon haben wir ja derzeit nur einen. Könnten Sie mich bitte teilhaben lassen?“ – Sagt er: „Nächster Punkt! Ich will nach Hause. Habe eigentlich schon seit einer halben Stunde Feierabend.“

Ich antworte: „So kommen wir doch jetzt nicht weiter. Wann machen wir denn jetzt die Untersuchung?“ – „Besprechen wir nächste Woche. Weiter im Text!“ – Und der Chefarzt sitzt daneben und spricht den nächsten Punkt an. Also schnappe ich mir nach dem Meeting die drei Kollegen, die sich angeboten hatten. Antwort: „Das haben wir ja nun vertagt.“ – Also wartet das Mädchen weiterhin auf ihre Untersuchung und nichts geht voran. Sie würde jetzt sowieso nicht entlassen werden, aber wir kämen in ihrer Therapie vielleicht mal ein Stückchen weiter. Und selbst wenn sich durch die Untersuchung kein neuer Ansatz finden sollte, immerhin habe ich dann alle Chancen genutzt. Aber nee, ich fühle mich wichtig und bin faul, ich stehe mal auf der Bremse.

Ein anderer schräger Vogel kommt aus dem Pflegedienst. Eine achtjährige Patientin wird stationär aufgenommen. Immer bei Anstrengung kommt sie außer Atem und bekommt blaue Lippen. Der Kinderarzt hat sie eingewiesen. Ich untersuche sie im Rahmen der Aufnahme und möchte selbstverständlich ihr Herz abhören. Dafür brauche ich ein paar Minuten Zeit und vor allem Ruhe. Immer, wenn ich gerade drei bis vier Sekunden auf ihr Herz höre, fängt die Pflegekraft an zu labern, irgendwas zu verräumen oder stellt Fragen an die Patientin oder an die daneben sitzende Mutter. „Können wir mal bitte alle kurz zwei Minuten still sein? Ich kann sonst nichts hören.“

Zehn Sekunden später labert sie wieder. „Bitte! Seien Sie einmal ganz ruhig. Ich höre sonst nicht das, was ich hören will, sondern nur Ihre Stimme.“ – Ich versuche mich zu konzentrieren, Sie räumt Kanülen in die Fächer ein, reißt dafür Kartons auf und lässt Schubladen auf und zu schlagen. – „Also nochmal jetzt: Ich brauche absolute Ruhe. Können Sie das bitte später machen!“ – Nächster Anlauf: „Wie lange hat sie das schon?“, fragt die Pflegekraft die Mutter, flüsternd. Das kann doch echt nicht wahr sein. Ich fahre Sie an: „Kommen Sie mal bitte kurz mit raus.“ – Ich rolle vor die Tür. „Sagen Sie mal, wie oft soll ich Sie jetzt noch bitten, leise zu sein? Ich möchte einmal das Herz abhören, und das geht nur, wenn es leise ist.“ – „Das haben Sie doch nun schon fünf Mal gemacht. Wie lange brauchen Sie denn dafür? Bei anderen Patienten geht das doch auch in acht bis zehn Sekunden.“ – Ich bin sprachlos. Das ist eine solche Respektlosigkeit, dass ich mich frage, was ich falsch mache.

Das, was ich hören muss, ist ungefähr so, als wenn ich vor einer geschlossenen Tür stehe, drinnen im Raum spielt jemand eine große Pauke, und jetzt soll ich durch die geschlossene Tür hindurch hören, ob in dem Raum auch noch eine Katze schnurrt oder sich die Pfoten leckt. Oder ob gar keine Katze mit drinnen ist. Also hänge ich mit meinem Ohr direkt an der Tür, werde von dieser Pauke malträtiert – und dann labert jemand in dem Flur, in dem ich stehe. Unnötig.

Jedenfalls kann ich für einen Mini-Sekunden-Bruchteil eine Art Zwitschern oder Zirpen hören, ganz leise, unregelmäßig. Aber wenn, dann rhythmisch und immer im selben Abstand zu den üblichen Herztönen. Das kann auf eine nicht richtig schließende Herzklappe hindeuten und durchaus schon die Ursache für das akute Problem sein. Ich untersuche alles andere, mache auch ein Ultraschall, das unauffällig ist, höre danach erneut auf das Herz. Wieder dieses Geräusch. Ganz leise, nicht immer, aber wenn, dann regelmäßig.

Ich rolle zu einer Kollegin, bitte sie, auch einmal auf das Herz zu hören. Wichtig ist natürlich, dass das Kind nicht verunsichert wird. Aber die Kollegin verpackt das ganz gut. Wieder fängt die Schwester an, Lärm zu machen. Die Kollegin: „Einmal Ruhe bitte!“ – Sagt die Schwester: „Ach, geht das wieder los.“ – „Schschttt!“ – Die Kollegin schüttelt den Kopf. „Ich höre da nichts.“ – Wir hören zusammen auf das Herz. Wieder dieses Geräusch: „Das!“, sage ich zu der Kollegin. Nochmal: „Das!“ – Die Kollegin: „Ich höre das nicht. Aber du hast eindeutig die jüngeren Ohren.“

Die ersten Laborwerte kommen zurück: Ausgeprägter Eisenmangel, erheblich zu wenige rote Blutkörperchen, hohe Entzündungswerte. Der Rest unauffällig. Ich entscheide mich zusammen mit der Kollegin, die kleine Maus in eine Kinder-Herzklinik verlegen zu lassen, wo eine vernünftige Herzdiagnostik gemacht werden kann. Ende vom Lied: Das Mädchen hatte vor einem halben Jahr eine Entzündung im Mund, Bakterien von dort haben das Herz besiedelt und es geschädigt. Wie es mit ihr weitergeht, weiß ich nicht. Die Information habe ich nur bekommen, weil die Mutter mir ein großes Glas selbst gemachte Marmelade vorbeigebracht hat. Sie war der Meinung, dass ihre Tochter es nur mir verdankt hat, dass die Ursache gefunden wurde. Ich behaupte mal bescheiden: Spätestens bei einer Keimbestimmung im Blut wäre das jedem aufgefallen. Aber dass die Mutter nochmal zurückkommt, hat mich natürlich gefreut: So etwas passiert bei 200 Patienten vielleicht ein Mal. Vom Rest erfährt man nichts.

Mit allen anderen Kolleginnen und Kollegen komme ich gut aus. Und sie wohl auch mit mir. Und die plappernde Pflegekraft kann auch anders drauf sein: Wenn sie nicht gerade redet, macht sie einen guten Job. Und es darf nicht vergessen werden, dass sie den schon seit Jahrzehnten macht. Aber sie ist halt super einfach gestrickt. Und der ältere Oberarzt kann auch anders. Neulich bekam ich von ihm ein großes Lob: „Sehr gut. Ich könnte das nicht. Als ich so alt war wie Sie, gab es sowas nicht.“ – Obwohl er eigentlich nicht für mich zuständig ist, hat er mir angeboten: „Wenn du mal ein Problem hast, kannst du immer zu mir kommen.“

Menschen: Nicht immer einfach.

12 Gedanken zu „Nicht immer einfach

  1. Freut mich, dass du anscheinend gut in der neuen Klinik zurecht kommst 🙂
    Auch wenn 1/2 Kollegen sich nicht immer von der besten Seite zeigen, ist das für uns Leser eine immense Verbesserung zum Arbeitsplatz davor!

    Ich verstehe nur nicht ganz, warum der ältere Oberarzt dir seine Erklärung nicht weiter erläutern wollte… Trägt es nicht zur Konfliktvermeidung bei, wenn man solche Dinge von Anfang an ausspricht, anstatt einen von beiden unzufrieden zurückzulassen? :/

  2. Is klar. Bakterien aus dem Mund haben das Herz besiedelt. Und du hast die da Fiepen, ach nee, Zirpen, gehört. Träum weiter.

  3. Je größer das Kollegium, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich hierrunter Exoten finden. Manche Eigenheiten muss man liebhaben, andere könnte man glatt.. aber meine Erfahrung ist: denoch allesamt irgendwie Liebenswürdig, gerade wegen ihrer Macken 🙂

    @Doktor No
    Man darf die Dinge nicht getrennt voneinander sehen. Der Körper ist EIN Organismus. Wenn die eine Stelle zwickt, kann das auswirkungen auf den gesamten Körper haben. Dies ist vor allem beim Herzen der Fall. Am Herz kommt über Umwegen fast jeder Schmodder des Körpers an. Klar, dass hier auch eine bakterieller Infekt auswirkungen auf das Herz haben kann. Klingt komisch, ist aber so.
    Wenn die eine Herzklappe angegriffen ist, dann kann man das durchaus hören. Ähnlich wie bei einem Auto, da kann man ebenfalls hören wenn ein Ventil nicht mehr richtig schließt.

  4. @Doktor No
    Was glaubst du machen Ärzte, wenn sie Lunge und Herz mit dem Stethoskop abhören? Mal ne Runde Pause?
    Nee – sie hören auf Geräusche, die ein gesundes Herz bzw. eine gesunde Lunge nicht machen sollte. Und die Geräusche hören sich halt dann auch mal seltsam an. Wenn man beim Abhören rasseln hört, dann nicht, weil der Patient ne Rassel in der Lunge hat, sondern weil da was nicht in Ordnung ist.
    Beim Herzen gibt es eben klare Töne – wenn sich der Muskel zusammenzieht, wenn das Blut durch die Öffnungen gedrückt wird und durch die Gefäße fließt. Da das klare Herzaktionen sind, sind diese auch mit klaren Geräuschen verbunden, die man als Arzt erkennen sollte.
    Wenn jetzt eine Herzklappe nicht fließt, kann das Blut zurück fließen (also von den Adern zurück ins Herz oder von der Kammer zurück in den Vorhof – je nachdem welche Klappen betroffen sind). Und das macht Geräusche. Sehr leise. Eventuell gut versteckt unter den ganzen anderen Geräuschen, die da so sind. Aber man kann es mit Übung (und guten Ohren) wahrnehmen.

    Und das Krankheitserreger das Herz schädigen können, ist eine bekannte, nicht gerade ungefährliche Komplikation vieler Erkrankungen. Die Erreger müssen nur in den Blutkreislauf gelangen und können von da aus jedes andere Organ erreichen – und jeder Tropfen Blut muss durch unser Herz. Selbst eine schnöde Erkältung kann unter Umständen zu einer Herzmuskelentzündung führen.

    @Jule

    Toll, dass du endlich mal ne vernünftige Klinik erwischt hast! Vielleicht gibt’s ja durchaus einen plausiblen Grund für das Verschieben der Untersuchung – auch wenn man das ja hätte mal erklären können.
    Und die komische Sitzordnung? Na, vielleicht will die Stimme aus dem Off ja die Stimme aus dem Off sein und gewisse Leute einfach nur nicht sehen? *grübel*

  5. @Doktor No/No Doktor

    Was meinst du denn, wieso man mit einem Stethoskop auf das Herz hört? Denkst du etwa, das macht man um die Herzfrequenz zu bestimmen?
    Natürlich hört man dort, wenn Herzklappen nicht mehr richtig schließen…

  6. Ich hasse es, wenn solche Stimmen aus dem Off ihre Position ausnutzen und alle anderen zum Augenrollen bringen.

    Und die PK fand ich auch nicht respektlos. Du hast doch selbst geschrieben, dass sie einfach gestrickt ist. Dann musst du auch erklären, dass du nach einem ganz leisen, intermittierenden, Geräusch suchst. Und du zwar schon 5 mal angefangen hast zu suchen, aber nicht bis zum Ende gekommen bist. Ansonsten stellt sie nämlich einfach fest, dass sie doch leise genug war so weit entfernt.

    @DoctorNo: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die….

  7. Oh, ja, plappernde Menschen, ich gebe zu, als Mutter konnte ich auch nicht immer die Klappe halten, wenn meine Tochter abgehorcht wurde. Keime, Endokarditis, Myokarditis, hoffentlich nicht, sondern am Ende hoffentlich eine Sehne, die mitschwingt. Das Herz meiner Tochter hat zum Schluss aus allen Löchern gepfiffen, immer interessant für Studenten, die sie heute noch gut findet. Übrigens gibt es im UKE nun die Vereinigung HerzCasper, die aus Studenten besteht und sich um die jungen ab 12 und jungen Erwachsenen kümmert. Eine gute Sache.

  8. @Doktor No: Googelst du mal nach Viridans-Streptokokken, sofern du dich ernsthaft informieren willst. Ich habe nicht gesagt, dass ich die Kokken pfeifen gehört habe, sondern dass während des Herzschlags ein fiepend-zirpendes Geräusch zu hören war. Dabei handelte es sich vermutlich um ein Strömungsgeräusch, das durch eine undichte Herzklappe ausgelöst wird. Häufig lagert sich an Herzklappen Fibrin ab, also „Plasmaklebstoff“, an dem dann die Kokken kleben bleiben und an der Struktur der Klappe sowie meistens später auch der gesamten Innenhaut des Herzens erheblichen Schaden anrichten.

    @19.04.19, 20.03 Uhr: Nee, da bin ich völlig anderer Meinung. Ich erkläre eben genau das nicht, wenn die Patientin daneben sitzt. Weil ich damit ganz großen Schaden anrichte. Kinder sind damit überfordert, haben ganz viel Angst vor Krankheiten, von denen sie täglich irgendwo hören. Wenn ich die Schwester mehrmals bitte, ruhig zu sein, dann hat sie ruhig zu sein. Sie kann mich später gerne fragen, warum das nötig war.

  9. Jule, du solltest das natürlich auch erklären, als du sie vor die Tür geschleppt hast. Auf keinen Fall vor Pat oder Angehörigen. Denk immer dran, es zählt dass, was der Empfänger hört, nicht was du denkst , was er hören sollte. 😉

    Schöne Ostern!

  10. Achso, dann haben wir aneinander vorbei geschrieben. Sorry. Selbstverständlich habe ich ihr das draußen erklärt, deshalb habe ich sie ja nach draußen geschleppt. Danach ging es ja dann auch.

  11. „Ein anderer schräger Vogel …“

    Ich könnte mich hier viel wichtiger fühlen, wenn ich nicht immer die ganzen Beiträge lesen würde, sondern sofort meine superwertvollen Tipps ausstreue, wenn ein Problem auf den Radar kommt. Was soll ich jetzt mit meinen Allerweltsweisheiten, dass man versucht auch das positive der Geschrägten zu sehen und bei allem Nachdruck wo es sein muss u.s.w. …

    Aber so?

    Schon alles irgendwie gelöst oder in Arbeit. Hm hm. Hm hm.

    Hach, das Leben ist gemein zu mir und dieses Schirmchen in meinem Cocktail, den ich zum Bloglesen brauche, hat auch nicht mehr die Qualität wie früher. Die Holzstäbchen ganz ungleichmäßig gearbeitet.

    Voll die Härte hier.

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