Eulenspiegel

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„Quäle stets ein Tier mit Schmerz, denn es fühlt wie du den Scherz.“ – Diesen verballhornten Spruch hörte ich kürzlich von Jugendlichen, die versuchten, im Bus eine Fliege mit einem Feuerzeug anzukokeln. Der Busfahrer hat die Jugendlichen auf offener Strecke rausgesetzt, ob wegen der Tierquälerei oder aus Sorge, dass demnächst sein Bus brennt, weiß ich nicht. Vielleicht auch aus beiden Gründen.

Keinen Brummer, sondern einen lebendigen Hund hat der Überlieferung nach Till Eulenspiegel, der vor 700 Jahren lebte und in Mölln in Schleswig-Holstein senkrecht begraben sein soll, beim Bier brauen in einen heißen Kessel geworfen. Der Hund hieß Hopf, und der Bierbrauer hatte Eulenspiegel gebeten, Hopfen in die Braupfanne zu werfen. „Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“, soll es damals geheißen haben. Eulenspiegel sollte lustig sein und nicht nur Majestät haben darüber gelacht: Der Spruch ist noch heute an der Tagesordnung.

Ich kam kürzlich in den Genuss, die allererste Folge einer Vorabendserie sehen zu dürfen, deren aktuelle Folgen noch heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden. Als sie gedreht wurde, waren die Charaktere überrascht, dass künftig auch Frauen im Streifendienst eingesetzt werden sollen. Kinder, wie die Zeit vergeht: Meine Halbschwester Emma ist in diesem Jahr zur Oberkommissarin befördert worden und hat damit einen höheren Dienstrang als alle Charaktere dieser Serie vor dreißig Jahren. Wertschätzung und respektvoller Umgang hätten enorm zugenommen, sagt sie. Die älteren Kollegen erzählten oft, dass es früher sogar Prügeleien unter den Beamten gegeben hätte, das Klima sehr viel rauer war. Schimpfworte wie „Arschloch“, „Neger“ und „Penner“ seien an der Tagesordnung gewesen. Das sei heute undenkbar und würde sofort sanktioniert.

Trotzdem gibt es Ausgrenzung und Dummheit noch immer. Es gibt noch immer Menschen, die glauben, Frauen sind nur dumm und können gut backen. Und Kinder gebären. Okay, Männer können meistens weder backen noch Kinder gebären. Irgendwie müssen wir uns ja unterscheiden. Homosexuelle sind eklig. Behinderte sowieso. Vor allem, wenn sie sabbern, brummen und inkontinent sind. Dass mir jemand nicht die Hand gibt, weil er denkt, er könne sich anstecken, kommt auch in 2019 noch vor. Nicht täglich. Und nicht häufig. Aber so etwas gibt es. Und ich muss weiter dagegen kämpfen.

Ich kämpfe. Zum Beispiel mit einem Blog, der über 7 Millionen Mal aufgerufen wurde. Aber ich kämpfe zum Glück nicht alleine gegen die Dummheit.

Anlässlich meiner doch rund umfangreichen Schilderungen über das Krankenkassen-Gutachter-Drama von Helena hatte ich einen recht umfangreichen Dialog mit einem Kumpel, den ich seit meiner Reha, also seit nun schon zehn Jahren kenne. Höheres Tier in einer Sozialbehörde, begleitet ehrenamtlich gerade eine junge Frau, die seit über einem Jahr versucht, einen Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Die Frau hat, wie Helena, eine leichte Cerebralparese, also eine Hirnschädigung, die die Motorik (nicht die geistige Leistungsfähigkeit, die junge Dame macht gerade Abitur) einschränkt. Sie benutzt für längere Strecken (so ab 700 Metern) ebenfalls einen Rollstuhl, spricht ein wenig undeutlich und hat erhebliche Schwierigkeiten mit der Feinmotorik, vor allem der der Hände. Sie schreibt in der Schule beispielsweise am Laptop. Ich selbst kenne die Frau nicht persönlich.

Hinzu kommen angeborene Fehlbildungen beider Hüftgelenke und eine Überreaktion auf Wasser: Sobald sie duscht, bilden sich Quaddeln am ganzen Körper. Außerdem reagiert sie allergisch auf Insektengift-Proteine, muss also ständig hochpotente Medikamente injektionsfertig mitführen, falls sie mal von einer Wespe gestochen wird und der Notarzt nicht rechtzeitig kommt.

Behinderung? Nö. Fehlanzeige. Das Versorgungsamt sagt: Das reicht nicht. Sie ist nicht so stark eingeschränkt, dass ihr Zustand in erheblichem Maße von dem eines gesunden Menschen ihres Lebensalters abweicht. Schließlich hat auch nur ihr Kinderarzt was dazu attestiert und kein Neurologe. Unser Haus-Gutachter kommt nach Aktenlage zu dem Ergebnis, es liege auch keine Hirnschädigung, sondern eine Entwicklungsretadierung vor.

Ich weiß noch, wie es mir ging, als mir mitgeteilt wurde, dass ich ein Vollpfosten bin. Wobei man mir ja eher gutmütig die Dinge attestiert hatte, die wirklich vorlagen. Retadiert war ich noch nie. Nicht mal auf dem Papier. Krüppel halt. Aber alleine diese Tatsache schwarz auf weiß zu lesen, hat mir damals schon gereicht.

Die junge Frau legt also Widerspruch ein und lässt sich brandaktuell von einer spezialisierten Kinderneurologin noch einmal von Kopf bis Fuß durchchecken. Legt ihr Hirn in eine bildgebende magnetische Röhre. Mit glasklaren Ergebnissen. Nix retadiert, sondern eine waschechte Cerebralparese. Reichte dem Amt wieder nicht. Dieses Mal sei die Abweichung zwischen dem (oberflächlichen und auf den Alltag bezogenen) Bericht des Kinderarztes und dem (fachlich bis in die tiefste Ebene abgegrenzten) Bericht der Fachärztin zu groß, von daher sei das alles unplausibel. Man setze alles auf Null und beauftrage einen externen Gutachter, einen niedergelassenen Neurologen, damit, das alles einzuschätzen.

Die junge Dame holt sich also schulfrei, muss einen handgeschriebenen Lebenslauf schreiben (kenne ich irgendwoher), taucht dort pünktlich auf und fährt, dem Rat ihres Rechtsanwalts folgend, natürlich nicht alleine dorthin, sondern nimmt eine Vertrauensperson mit. Bevor der Termin starten kann, kommt der Gutachter ins Wartezimmer und blubbert die junge Frau an: Schön, dass Sie eine Begleitperson mitgenommen haben, die bleibt aber draußen. Die Begutachtung führe ich nur unter vier Augen durch. Als die junge Frau darauf besteht, dass die Vertrauensperson sich bei der Untersuchung still in eine Ecke setzt und zuschaut, verweigert der Gutachter die Untersuchung und kündigt an, ihr im Gutachten eine „mangelnde Kompromissbereitschaft“ zu attestieren. Was die Behörde später als mangelnde Mitwirkung auslegen werde, mit dem Ergebnis, dass es weder einen Ausweis, noch eine Gleichstellung gebe.

Ähm ja. Wie, du willst nicht angegrapscht werden? Bist du etwa zu keinen Kompromissen bereit? Ein Totschlag-Argument aus der Sicht jedes Rambos, eine Disqualifikation mit Pauken und Trompeten aus der Sicht all jener, die Machtmissbrauch und Mobbing auch gegen den Wind riechen.

Das Glück der jungen Frau war wohl die Begleitung durch den Sozialrechts-Fuchs. Der hat die junge Frau, die nicht nur wegen der eigentlichen Begutachtungs-Situation unter großer Anspannung stand, sondern mit diesem Benehmen des Gutachters auch völlig überfordert war, ins Auto gepackt und ist mit ihr auf dem direkten Weg zu der Behörde gefahren, die das Gutachten in Auftrag gegeben hat. Frei nach dem Motto: „Hier bin ich. Begutachten Sie. Mitwirkung liegt vor. Maximal. Kopie der Akte, alle Befunde, handgeschriebener Lebenslauf: Alles dabei.“

Die Sachbearbeiterin an der Publikumsfront hat nach zwei Sätzen die Flinte ins Korn geworfen und das Gespann in die Chef-Etage geführt. Die junge Frau durfte daran teilhaben, wie ihr Begleiter und eine ältere Dame aus dem höhere Dienst der Behörde sich über den grundgesetzlich garantierten Anspruch auf rechtliches Gehör und den damit verbundenen Anspruch auf ein faires Verfahren austauschten und sofort derselben Meinung waren. Dass beide der Überzeugung waren, dass insbesondere in einem Widerspruchsverfahren der freie und gleichberechtigte Zugang zur Justiz eher überkorrekt berücksichtigt werden müsse, zumal Deutschland bei der Umsetzung der anerkannten UN-Forderung ohnehin defizitär sei.

Nach kurzer Wartezeit auf dem Behördenflur, in der die Beamtin den Gutachter anfunkte, ließ sie durchblicken, dass sie höchstpersönlich vor Jahren eine Anordnung verfügt hatte, die Begleitpersonen bei Gutachten ausdrücklich zulasse. „Solange die Begleitperson sich nicht ungefragt einmischt oder dort randaliert, sondern der Gutachter seine Arbeit machen kann, soll sie doch still in der Ecke sitzen. Ich würde meinen Mann auch nicht unbegleitet zum Doktor lassen, alleine schon, weil er immer nur die Hälfte versteht.“

Ende vom Lied: Die Frau hat die Antragstellerin im Namen der Behörde ausdrücklich für diesen Vorfall um Entschuldigung gebeten und ihr einen neuen Termin bei einem anderen Gutachter in Aussicht gestellt. Den kenne sie persönlich, dorthin würde sie auch gehen. Und sie habe ihn extra angerufen: Selbstverständlich dürfe jederzeit eine Vertrauensperson dabei sein.

Ich frage mich nun, was wohl passiert wäre, wenn der Sozialrechts-Fuchs nicht dabei gewesen wäre. Dann hätte der Gutachter wohl festgestellt, dass noch immer keine Behinderung vorliege. Wer so drauf ist, ist aus meiner Sicht als Gutachter untauglich. Machtspiele und die damit verbundene Ausgrenzung haben in fairen Verfahren nichts zu suchen!

Fand übrigens damals auch schon Till Eulenspiegel.

Bißchen nasty

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Nach fast 40 Tipps, Ideen und anderen Kommentaren (wow) muss ich natürlich sofort über den Gutachtertermin schreiben! Oder fast sofort, denn zunächst möchte ich noch auf einige Fragen eingehen, die in diesem Zusammenhang gestellt wurden. Und noch einmal zusammenfassen.

Wir hatten ja die Verordnung für Helenas Insulinpumpe mit Kostenvoranschlag bei der Krankenkasse eingereicht, die hatte sich nicht gerührt. Nach Ablauf von drei Wochen gilt die Leistung dann als genehmigt, wir haben sie privat beschafft und möchten nun unsere Kohle von der Kasse zurück bekommen.

In der Zwischenzeit behauptete die Krankenkasse, sie habe den Antrag sehr wohl bearbeitet und auch bewilligt, aber mit einem sehr hohen Eigenanteil, weil die Insulinpumpe einen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens ersetze und daher eine Zuzahlung anfalle. Komisch dabei: Weder wir noch der Lieferant hatte diese Bewilligung erhalten. Aber die Post ist schuldig.

Ab zum Anwalt damit. Die beantragte Akteneinsicht wurde ihm nicht gewährt. Stattdessen behauptete die Krankenkasse nun, wir hätten den Wunsch gehabt, dass die Krankenkasse dem Anwalt mitteile, dass der Lieferant behauptet hätte, wir würden die hohe Zuzahlung „aus eigener Tasche“ leisten wollen. Der Lieferant weiß davon nichts. Der Anwalt schickte ein Schreiben zur Krankenkasse, woraufhin diese Helena zu einem Gutachtentermin einbestellte, bei dem sie unter anderem einen handgeschriebenen Lebenslauf vorlegen soll.

Dazu hatte der Anwalt signalisiert, dass wir einen solchen Termin nicht ohne Weiteres absagen könnten. Es sei generell schwer, sich dagegen zu wehren. Gleichzeitig hatte Maries Mama angeboten, Helena zu begleiten, falls es wirklich zu dem Termin kommen sollte. Für Marie und mich war eigentlich klar: Das, was die Kasse verlangt, ist überzogen und bringt auch nichts. Von Schikane möchte ich nicht schreiben, weil ich niemandem so etwas unterstellen möchte, aber ein Geschmäckle hat es allemal.

Problem ist: Der Anwalt arbeitet nicht für den Satz, den die Prozesskostenhilfe zahlen würde. Hinzu kommt, dass wir ja noch nicht einmal in einem Widerspruchs- oder Klageverfahren sind, sondern immernoch im Antragsverfahren. Wenn ich das mit meinem wenigen Rechtsverständnis richtig sehe.

Am Montagabend bin ich mit meinem Rennbike unterwegs gewesen, rund eine Stunde, bin anschließend völlig verregnet, vermatscht und unterkühlt wieder zurück gekommen, sah also aus wie ein Wildschwein nach erfolgloser Trüffelsuche, bin vor Kälte zitternd erstmal unter die warme Dusche, um den nach dem Entkleiden auf Haut und in Haaren verbliebenen Dreck abzuspülen, und anschließend in die heiße Badewanne.

Ich liege kaum fünf Minuten drin, da klopft es zaghaft und vorsichtig an der Tür. Helena guckt um die Ecke, ich lege meinen Kopf schief, sie versteht die Geste als Einladung und kommt rein. Hat in jeder Hand eine geöffnete Flasche Malzbier aus dem Kühlschrank. Stellt sie vor der Badewanne auf die Erde und steigt im selben Moment zu mir in die Badewanne. Mit Flauschsocken, Leggings und Top, setzt sich zwischen meine Beine, lehnt sich an mich an, nimmt sich eine Flasche, drückt die andere mir in die Hand und stößt mit mir flaschenklirrend an. „Prost!“, sagt sie und grinst.

„Gibt es was zu feiern?“, frage ich. Sie antwortet: „Jo, 48 von 48 Punkten in der Mathe-Arbeit. Ich habe zehn Mal nachgerechnet, weil ich das nicht glauben wollte. Aber ich habe alle Lösungen richtig und die beste Arbeit der Klasse. Die nächste Arbeit hatte nur 45 Punkte und es gibt vier Leute, die unter zehn Punkte haben. Frau [Lehrerin] hat es vor der ganzen Klasse erwähnt und ich wäre vor Peinlichkeit am liebsten im Erdboden versunken. Ich wusste, dass die Arbeit gut wird, ich habe ja auch viel geübt, aber dass alles richtig ist, hätte ich nicht vermutet.“

Ich weiß, dass es sehr unterschiedliche Meinungen zu dem Thema gibt, aber ich halte es bei solchen herausragenden Leistungen dennoch für angemessen: „Für so ein tolles Ergebnis hast du dir eine Belohnung verdient.“ – „Krieg ich, was ich möchte?“ – „Wenn es nicht zu teuer ist.“ – „Jule, ich möchte, dass weder du noch Marie irgendeinen Kommentar zu meiner Englisch-Arbeit macht, die wir heute auch zurück bekommen haben.“ – „Oh nee, so blöd?“ – „Richtig blöd. Ne glatte Fünf. Okay? Mittendrin. Keine Fast-Vierminus, auch kein Rechenfehler von der Lehrerin, sondern ich habe das höchstpersönlich voll verkackt. Mit Anlauf.“

Sie prostete mir erneut mit ihrem Getränk zu, so dass die Flaschen noch einmal gegeneinander klirrten. Sie sagte: „Ich möchte, dass du es einfach unterschreibst und dann will ich darüber nicht mehr reden.“ – Ich antwortete: „Es ist okay.“ – Bevor ich noch mehr sagen konnte, unterbrach sie mich: „Und auch kein pädagogisches Gesabbel jetzt, Jule. Ich habs verkackt, ich ärgere mich darüber, und ich verspreche dir, dass ich mit [meiner besten Freundin] zusammen lernen werde, damit die nächste Arbeit besser wird.“ – „Darf ich dir ein Angebot machen?“ – „Ja. Eins.“ – „Okay. Wenn du Nachhilfe haben möchtest, sagst du mir Bescheid? Und wenn du möchtest, dass ich mit deiner Lehrerin spreche, mache ich das auch.“ – „Jule? Das sind zwei Angebote. Früher hätte ich übrigens gelogen, wenn mich jemand nach der Arbeit gefragt hätte. Ich wollte es nur mal erwähnen.“

Ich brauche ganz viel Lob und Anerkennung. Ich zog Helena zu mir heran und umarmte sie. „Das ist mir sehr bewusst, Helena. Aber ich glaube, du weißt inzwischen auch, dass es ohne zu lügen viel besser geht.“ – „Also es ist nicht einfacher, aber es fühlt sich besser an. Und ich möchte, dass du und Marie mir eines Tages auch die abenteuerlichste Geschichte glaubt ohne zu zweifeln.“ – „Das tun wir, Helena.“ – „Ja, aber ich möchte, dass das so bleibt.“ – „Du darfst dir für die Eins aber noch etwas anderes hinzu wünschen.“ – „Nö. Zwei Belohnungen habe ich mir nicht verdient. Und diese eine ist mir wichtig. Sag es bitte auch Marie.“ – Ich bin so verliebt in sie. Und Marie ist es auch.

Plötzlich guckte sie mich mit großen Augen, starrem Blick und versteinerter Miene an. Fünf Sekunden, zehn Sekunden, fünfzehn Sekunden. Ich wusste es nicht einzuordnen. Wollte sie mir in die Augen schauen? Hatte sie irgendwas? Gäbe es einen entsprechenden neurologischen Befund, hätte ich es vom Bild her auch für eine epileptische Absence halten können. Ich strich ihr über die Schulter: „Was ist? Alles okay?“ – Schlagartig drehte sie ihren Kopf wieder mit Blick nach vorne, lehnte ihre Wange wieder gegen meine, hielt mit ihrer Hand meine fest und sagte: „Alles gut. Ich hab nur geträumt. Darf ich pischen?“

What?! „Nee, Helena. Da drüben ist ein Klo.“ – „Dann wird aber alles nass auf dem Fußboden.“ – „Du kannst ja vorher deine Klamotten ausziehen.“ – „Ach komm. Das Malzbier treibt. Außerdem machst du das auch ab und zu. Und darüber reg ich mich auch nicht auf. Oder?“ – „Es ist ein Unterschied, ob man seine Blase nicht kontrollieren kann, oder ob man das mutwillig macht.“ – „Hätte ich nicht gefragt, hättest du es gar nicht gemerkt.“ – „Du hast aber gefragt. Und wenn ich an Weihnachten erinnern darf … da fandest du es ganz räudig, dich auf meinen Schoß zu setzen.“ – „Das ist aber auch ein Unterschied, direkt auf den Schoß setzen oder verdünnt. Das ist wie homo … dings … hier … du weißt schon, Frau Doktor. Globuli.“ – „Homöopathie.“ – „Sag ich doch.“

„Marie und ich haben entschieden, dass wir mit dir nicht zu dem Gutachter gehen werden.“ – „Muss ich meine Pumpe wieder abgeben?“, fragte sie mich, guckte mich entsetzt an und kämpfte sofort mit den Tränen. Ich antwortete: „Nein! Versprochen. Die darfst du behalten. Wir müssen uns nur weiter mit der Krankenkasse streiten, wer sie bezahlt. Beziehungsweise unser Anwalt darf sich für uns mit denen streiten. Wir alle sehen nur nicht, was der Gutachter feststellen soll, und solange wir das nicht wissen, gehst du an dem Tag zur Schule.“

„Ich könnte ihm die Pumpe aber doch vorführen. Schließlich bin ich inzwischen auch eine kleine Expertin darin, oder?“ – „Das bist du, aber ich glaube nicht, dass er das wirklich wissen will. Sondern Marie und ich und auch [Maries Mama] haben das Gefühl, dass es nur darum geht, einen Grund zu finden, warum es eben nicht bezahlt werden soll. Und sie wollen uns indirekt dazu bringen, dass wir anerkennen, dass die Genehmigungsfiktion nicht greift.“ – „Was für ein Ding?“ – „Genehmigungsfiktion. Wir sagen ja, die Kasse hat nicht rechtzeitig entschieden und deswegen muss sie die Pumpe bezahlen. Wenn wir jetzt zum Gutachter gehen, geben wir ja indirekt zu, dass wir uns doch nicht so ganz sicher sind, ob sie rechtzeitig entschieden haben. Weil: Wenn sie eindeutig nicht rechtzeitig entschieden hätte, müssten wir ja auch nicht zum Gutachter, weil dann ja eh alles klar ist.“ – „Versteh ich nicht. Aber das ist doch dann eine fiese Nummer, oder?“ – „Ja. Aber das ist nichts, worüber du dir einen Kopf machen musst. Fakt ist: Nix Gutachter.“

Marie kam ins Bad. „Ach hier seid ihr. Was macht ihr? Schmusestunde?“ – „Wir haben auf meine Eins in Mathe angestoßen, ich habe mir meine Kraul-Einheit abgeholt und aus Versehen in die Wanne gepischt.“ – Ich guckte sie entsetzt an. Diese Kröte! Hatte ich eben noch von Verliebtheit geschrieben? Ich überlege es mir nochmal. Helena lachte: „Jule regt sich gleich voll auf, dabei macht sie das selbst auch.“ – „Och Helena, du bist ein Ferkel.“ – „Nee, Ferkel war ich Weihnachten. Das hier war doch nur ein bißchen nasty.“

Gutachten

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In die Arie um die Kostenübernahme für Helenas Insulinpumpe kommt Bewegung. Nachdem unser Anwalt auf die Behauptung der Krankenkasse, der Lieferant hätte behauptet, wir hätten behauptet, wir wollten die Insulinpumpe zum großen Teil aus eigener Tasche zahlen, in einem eigenen Schreiben an die Kasse behauptet hat, seine Mandantschaft würde erwarten können, dass die Widerspruchsstelle sich mehr mit Fakten denn mit Behauptungen befasst, wurde prompt reagiert: Um Fakten zu schaffen, sei eine amtsärztliche Begutachtung von Helena unumgänglich.

Sie möge sich daher in der nächsten Woche an einem bestimmten Datum morgens um 8.00 Uhr (an einem Schultag) beim Gutachter einfinden und alle Aufzeichnungen über ihre Zuckerkrankheit, einen handgeschriebenen Lebenslauf, alle verordneten Medikamente und Hilfsmittel sowie eine tabellarische Aufstellung über ihre derzeitigen „Leiden und Gebrechen“ mitbringen. Sie möge darauf eingehen, was sie besonders belaste und wie die Krankenkasse sie bei der Bewältigung ihrer gesundheitlichen Situation ihrer Meinung nach unterstützen könne.

Anwalt sagt: Gegen einen solchen Termin kann man sich erstmal nur schwer wehren. Also müsste ich Helena aus der Schule nehmen, obwohl sie an dem Tag eine Klassenarbeit schreibt, ich müsste mir unbezahlt frei nehmen, weil ich sie natürlich nicht alleine dorthin schicken kann, und dann habe ich nochmal eine Suchmaschine bemüht und festgestellt, dass der begutachtende Mensch völlig unmöglich sein soll.

Ich überlege noch, ob ich dem gewachsen bin, oder ob ich das Angebot von Maries Mutter annehme, sie mit Helena dorthin zu schicken und zuvor um Verlegung des Termins zu bitten, da sie natürlich für so ein Manöver nicht einfach ihre Praxis schließen kann. Oder ob ich dem Anwalt noch einen Hunni mehr rüberschicke und ihn bitte, zu begründen, dass die Grenzen der Mitwirkung überschritten sind, weil alle Informationen, die zur Bewilligung der Insulinpumpe benötigt werden, bereits vom Hausarzt umfangreich zur Verfügung gestellt wurden und aus medizinischer Sicht eine weitere punktuelle Bestandsaufnahme keine neuen für die Entscheidung relevanten Tatsachen ans Licht bringen wird. Ohne eine konkrete Begründung, wozu genau ein solcher Termin dienen soll und welche neuen Erkenntnisse noch gewonnen werden müssen, fahre Helena nirgendwo hin.

Ich weiß es nicht. Und ich habe weder Bock noch Muße, mich zu entscheiden. Hat jemand Würfel?

Waschstraße

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Stell dir vor, dein Auto ist dreckig. Also nicht nur die Abgase, die optimalerweise hinten rauskommen, sondern auch der Lack. Versehen mit einer Schicht aus Matsch, Hunde-, Katzen- und Marderpipi, Blütenstaub, anderem Staub, Vogelkot, Pferdekot, geplatzten Insekten und dem Speichel jener Zeitgenossen, die im Vorbeigehen gegen parkende Fahrzeuge rotzen müssen, ist es irgendwann nur noch eklig. Auf deinem Grundstück oder auf öffentlichen Wegen darfst du bekanntlich keinen Schwamm in die Hand nehmen, die SB-Waschanlagen sind für Menschen im Rollstuhl eher eine Herausforderung, und jene Dinger an den Tankstellen ebenfalls.

Deshalb lobe ich mir die Waschstraße im Nachbarort. Dort arbeiten immer drei bis fünf junge Männer, die sich buchstäblich darum reißen, mich erst vollspritzen und anschließend trocken legen zu dürfen. Ein älterer Herr, der dort kassiert, flirtet jedes Mal mit mir, ein jüngerer Mann kommt anschließend mit seiner Lappensammlung auf den Vorplatz und poliert mir den Hintern blitzeblank. Und am Besten finde ich, dass ich beim Waschen sitzen bleiben darf. Serienmäßiger Dialog bei der Einfahrt: „Wenn was ist, drücken Sie einfach auf Ihre Hupen.“ – „Auf meine Hupen?“, frage ich dann jedes Mal, dem Niveau angepasst, und drücke grinsend einmal mit beiden Händen auf meine Brüste. – Der ältere Herr bekommt dann glänzende Augen und ein Lächeln ins Gesicht. Und sagt: „Ja, die jungen Mädels vom Land verstehen noch Spaß, nä? Aber was ich sagte, ist völlig korrekt, denn Ihr Auto hat ein Doppelton-Horn serienmäßig.“

Nee, ist nicht korrekt. Ich bin nämlich nicht vom Lande. Ich wurde in der großen Stadt geboren. Aber egal. Ich kann mich bei Bedarf an jedes Niveau anpassen und manchmal auch mit kleinen Sachen Menschen eine Freude machen. Und während ich da so übers Förderband gezogen und eingeschäumt werde, frage ich mich, wieviele Gründe es wohl geben könne, in der Waschstraße zu hupen. Die Bürste wirbelt den Außenspiegel des Vordermanns herum, meine Windschutzscheibe fällt mir auf den Schoß, das Hallendach stürzt ein, … Während ich noch so darüber nachdenke, werde ich auch schon trocken geblasen. Und traue meinen Augen nicht: Ein Senior, geschätzt über 80, versucht, mit seinem Audi an der Rückseite in die Waschstraße hineinzufahren. Als Geisterfahrer sozusagen. Scheinwerfer strahlen mich an und ich werde unaufhörlich in seine Richtung befördert. Prompt drücke ich auf mein Doppelton-Horn. Nix. Zündung an, nochmal: Trööööt! Fünf Sekunden später gibt es einen Ruck, mein Auto bleibt stehen und das Gebläse, das gerade noch die ganzen Wassertropfen von meiner Scheibe gepustet hatte, fährt herunter. Vermutlich fährt auch der ganze Rest der Waschanlage herunter. Und meinetwegen stehen jetzt drei bis acht Fahrzeuge gefangen zwischen Bürsten, Schaum und automatisierten Wasserpistolen.

Ein Mann in Latzhose kommt forschen Schrittes den Gang neben der Anlage entlang, sieht den Senior mit seinem Audi vor mir rangieren und rastet aus. Sagt ihm ein paar unfreundliche Worte, merkt, dass er völlig überfordert ist, lässt ihn aussteigen und fährt kurzerhand den Audi selbst wieder rückwärts aus der Waschanlagen-Ausfahrt. Kurz danach zieht das Förderband mein Auto ins Freie, ich fahre auf den Parkplatz und werde prompt angesprochen: „Sie dürfen noch einmal durch. Sie haben das Trocknen nicht mehr bis zu Ende durchlaufen. Dadurch könnten sich Wasserflecken bilden.“

Nee, wie gesagt, der junge Mann ledert mich ja gerne trocken. Und krallt sich seine zwei Euro Trinkgeld, die er von einer Rollstuhlfahrerin immer nur im zweiten Anlauf annehmen möchte. Benehmen kann er sich immerhin. Wenn er mich nicht gerade fragt, ob ich denn -trotz Rollstuhl- noch Sex haben kann. Was er jedes Mal tut, wenn er mich trocken ledert. Aber bei so vielen Kundinnen kann er sich das vermutlich auch nicht nachhaltig einprägen.