Trampolin

Helenas Krankenkasse ist halbwegs zur Vernunft gekommen und will ihre Insulinpumpe nun doch vollständig übernehmen. Also zumindest den verordnungsfähigen Teil des Systems. Die Zuzahlung, die anfallen sollte, weil die Insulinpumpe angeblich einen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens ersetzen soll, soll entfallen. Die Krankenkasse hat den Bescheid trotz angezeigter Vertretung nicht an den Anwalt geschickt, sondern direkt an (die minderjährige) Helena. Die Kohle werde auch nicht an uns überwiesen, die ja die Rechnung bereits bezahlt haben, sondern an die Firma, die uns die Pumpe verkauft hat. Es steht ein Satz im Bescheid: „Bitte setzen Sie sich zwecks Abrechnung Ihrer Vorleistung direkt mit dem Leistungserbringer in Verbindung.“

Auch zum beantragten Handbike (Vorspannbike) haben sie sich gemeldet. Auch bei Helena direkt. Helena möge eine Bescheinigung ihrer Schule einreichen, dass das Therapiefahrrad (!) für den Schulunterricht benötigt werde. Außerdem werde eine Stellungnahme des Haus- oder Facharztes benötigt, warum neben dem Rollstuhl auch noch ein Therapiefahrrad benötigt wird. What?! Auch gleich zum Anwalt. Sowas kann ich wirklich nicht leiden. Es ist mir einfach zu dämlich.

Susi und Otto haben Helena zum 13. Geburtstag ein Gartentrampolin geschenkt. Sie wusste davon noch nichts, hatte damals einen Gutschein für eine Überraschung im Sommer bekommen und den an ihre Pinnwand gehängt. Am Freitag hatte Otto Zeit, das Ding aufzustellen. Damit Helena nicht so hoch klettern muss, und damit es so unauffällig wie möglich bleibt, haben wir uns für eins entschieden, das man in den Boden eingräbt. Das Sicherheitsnetz, das verhindert, dass jemand nach falschem Abspringen außerhalb des Trampolins auf dem harten Rasen landet, kann beispielsweise im Winter abgebaut werden. Da Susi und Otto nicht für halbe Sachen zu haben sind, hat es rund vier Meter Durchmesser. Weil bei uns noch keine hohen Bäume wachsen, war das Eingraben zwar schweißtreibend, aber keine übermäßige Herausforderung.

Als Helena von der Schule nach Hause kam, freute sie sich, Otto zu sehen, wusste aber nicht, dass er ihretwegen bei uns war. Otto hatte die Rolläden zum Garten halb herunter gelassen. Angeblich wegen der zu grellen Sonne. Helena fragte nicht nach, sondern stürzte sich auf die Spaghetti. Als wir fertig waren mit Essen, ließ ich die Rolläden wieder nach oben. Der Blick war frei auf das Trampolin am Ende des Gartens. Es dauerte fünf Minuten, bevor Helena fragte: „Was ist das für ein komisches Netz dahinten? Ist das bei uns oder nebenan?“ – „Marie und Jule haben sich eine neue Kompost-Anlage gekauft, wo im Herbst das ganze Laub reinkommt“, blödelte Otto, ohne eine Miene zu verziehen. Helena glaubte ihm das erstmal und antwortete: „Und warum stellen wir die jetzt dorthin und nicht im Herbst?“ – Ich sagte: „Geh mal hin und guck dir das Ding mal genau an.“

Jetzt ahnte sie was und flitzte los. Ging einmal drum herum, musterte alles genau, testete ganz vorsichtig mit der Hand, wie hart oder weich die Sprungfläche ist, kam wieder zurück und fragte: „Darf ich es ausprobieren?“ – „Wenn du möchtest, darfst du den Geburtstags-Gutschein einlösen. Dann gehört es dir, Helena“, antwortete Otto. Sie guckte ihn erst drei Sekunden mit ungläubigem Blick an, dann sprang sie ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss. Dann fragte sie mich: „Darf ich?“ – Ich sagte: „Ja, na los!“ – „Ich zieh mir schnell was anderes an, okay? Jeans ist nicht so gut dafür. Und ich brauche warme Socken, weil ich ja meine Schuhe ausziehen muss.“

Fünf Minuten später saßen Marie und ich mit Otto auf unserer Terrasse in der Sonne, während Helena ihr neues Trampolin erkundete. Wir waren zwar in Sichtweite, aber ich finde es gut, wenn sie das alleine ausprobiert. Wenn sie etwas will, kann sie ja sehr geduldig und zäh sein. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis sie zum ersten Mal aufrecht auf diesem nachgebenden Boden stand und versuchte, ein wenig hochzuspringen. Vorher ist sie mindestens dreißig Mal wieder umgefallen. Immer wieder drehte sie sich auf die Seite, ging in den Vierfüßlerstand, Oberkörper hoch, hinstellen. Das Hinstellen war das Schwierigste. Aber irgendwann stand sie, wippte vorsichtig vor und zurück, sprang etwas hoch und lag wieder lang. Ottos Blick war voller Fragezeichen: „Vielleicht wäre ein Bungee-Trampolin besser gewesen?“ – Marie antwortete: „Wir stellen uns hier doch keinen zehn Meter hohen Blitzableiter in den Garten. Warte mal ab. Sie wird das schaffen wollen, und alles, was dann kommt, ist gut für ihre Koordination.“

Zehn Minuten später kletterte sie vom Trampolin herunter. Und hatte große Probleme, auf dem festen Boden zu stehen. Ohne Orthesen sowieso, nach dem wackeligen Trampolin noch mehr. Ich sah sie schon fliegen, aber es ging doch gut. „Das ist ganz schön anstrengend. Aber ich schaffe das. Ich muss nur üben. Darf ich Kiara fragen, ob sie zu mir kommt?“

Keine halbe Stunde später war Kiara da. Die beiden flitzten gemeinsam zum Trampolin. Kiara nahm Helena an beiden Händen und fing an, mit ihr gemeinsam zu üben. Jetzt, wo Helena einigermaßen Stabilität hatte, gelang es ihr auch, die Balance zu halten. Fünf, sechs Sprünge, dann war erstmal wieder Schluss. Helena und Kiara kamen zur Terrasse. Helena sagte: „Das geht so viel besser, aber erstmal gibt es noch ein neues Problem. BB. Nicht ‚Big Brother‘, sondern ‚Bouncing Bladder‘.“ – Kiara fragte: „Was ist Bouncing Bladder?“ – Helena antwortete: „Meine Spasti-Blase ist so undicht wie die von Oma nach der zehnten Geburt. Deswegen steigen Omas ja auch nie auf Trampoline.“

Trotz der eher coolen Reaktion guckte Helena mich nahezu ängstlich an. Leider ist es wegen des hohen Muskeltonus oft so, dass Menschen mit Cerebralparese auch Schwierigkeiten mit ihrer Blase haben. Der Effekt verstärkt sich natürlich, wenn man auf einem Trampolin auf und ab springt. „Ist okay, Helena. Geh aufs Klo, zieh dir ne frische Hose an und vielleicht ziehst du dir zur Sicherheit noch was drunter.“ – Helena schluckte deutlich sichtbar einen Kloß hinunter. Das neue Trampolin war aber so spannend, dass sie kurz danach wiederkam und dann weiter mit Kiara übte. Kiara war sehr geduldig mit Helena und nach einer weiteren halben Stunde klappte es bereits sehr gut. Beide hielten sich nach wie vor an den Händen, probierten aber jetzt schon, nicht gleichzeitig zu springen, sondern abwechselnd. Auch das klappte. Sie hatten ein Handy daneben gelegt, auf dem Musik lief, und waren seit einer Stunde ununterbrochen am Quatschen und Lachen. Otto wurde zunehmend entspannter und schickte erstmal ein Kurzvideo an Susi.

„Ich werde morgen so einen fiesen Muskelkater haben“, sagte Helena, als ich sie abend rein holte. „Meine Knie zittern, meine Arme tun weh, aber es war toll.“ – Die beiden entschieden spontan, dass Kiara bei Helena übernachten sollte. Uns war es recht, Kiaras Mama auch. Beide gingen duschen, Kiara bekam anschließend Short & Shirt von Helena, eine Zahnbürste von mir, ich bezog noch ein weiteres Kopfkissen und nach dem Abendessen verschwanden sie in Helenas Zimmer. Als ich um neun einmal nach Helenas Zucker schauen wollte, immerhin hatte sie heute ungewöhnlich viel Sport, leuchtete eine Nachttischlampe, eine Bluetooth-Box spielte irgendeine Playlist ab und zwei Teenys lagen völlig fertig im Bett, hatten alle Viere von sich gestreckt und schnarchten um die Wette. Ich deckte Kiara richtig zu, las Helenas Blutzucker ab, stellte das Gedudel und das Licht aus und rollte wieder nach draußen.

„Pennen beide tief und fest“, sagte ich zu Marie. Sie hatte zwischenzeitlich den Kamin zum Brennen gebracht. Otto blieb noch eine gute Stunde, dann fuhr er zurück zu seiner Susi. Kaum waren Marie und ich alleine, kam Kiara aus dem Bett. „Kann mal bitte jemand nach Helena schauen? Sie atmet so komisch und zuckt.“ – Oh nee. Ich setzte mich vom Sofa in den Rolli, flitzte in ihr Zimmer. Marie kam hinterher. Die Nachttischlampe leuchtete. Helena schwitzte, atmete relativ schnell, murmelte irgendwas. Bewegte hin und wieder den Kopf hin und her, zuckte immer mal wieder mit einer Hand. Die Augenlider waren zwar geschlossen, aber man konnte eine ausgeprägte Bewegung der Augen erkennen. „Sie träumt nur“, sagte ich. Ich setzte mich zu ihr auf das Bett, legte einen Arm um ihren Oberkörper, streichelte ihr mit der anderen Hand durch das Gesicht. „Hey, Helena! Alles okay? Helena?“

Im gleichen Moment fuhr sie hoch: „Waswaswas?“ – Als sie mich erkannte, ließ sie sich wieder auf das Kissen fallen, seufzte und sagte: „Ich hab voll den Mist geträumt. [Der frühere Pflegevater] wollte mich zurück holen und wollte mich mit Süßigkeiten locken. Und ich wusste die ganze Zeit, dass ich in Gefahr bin, aber ich durfte mir nicht anmerken lassen, dass ich den Süßigkeiten-Trick durchschaut hatte. Ich wollte abhauen, aber aus irgendeinem Grund ging das immer nicht.“ – „Du bist bei uns und niemand holt dich zurück. Atme mal tief durch und drücke mal meine Hand ganz fest. Das war nur ein böser Traum. Lass uns mal bitte einmal nach deinem Zucker gucken.“ – Der war aber normal. Kiara legte sich wieder zu Helena ins Bett und sagte: „Wenn ich schlecht träume, mache ich erstmal Licht an und dann gucke ich erstmal einen Moment Fernsehen, damit mein Gehirn etwas anderes verarbeitet und den Traum vergisst. Wir könnten vielleicht noch einen Augenblick quatschen. Und nochmal über das Trampolin reden oder so.“ – Gute Idee.

7 Gedanken zu „Trampolin

  1. Alles Gute zum Geburtstag nachträglich ! Schön, dass ihr Helena so viel ermöglicht. Trampolin ist da Spiel, Spaß, Spannung aber auch eine Stütze für die Koordination und Körperspannung. Aus eigenen Trampolinzeiten (richtiges) weiß ich noch was für ein merkwürdiges Gefühl es ist wenn man vom Trampolin auf festen Grund zurück kehrt.
    Auch gut, dass Kiara gut reagiert hat 🙂
    Meine Lieblingsstelle lautet „Wir stellen uns hier doch keinen zehn Meter hohen Blitzableiter in den Garten. […]“ 😀

  2. Nachdem von Vorspann-Bike und Loch für Trampolin buddeln zu lesen war, entwickelten meine Synapsen spontan die Frage, ob es wohl auch einen Vorspann-Bagger für Rolllis gibt. Für die, die öfter Trampoline installieren. Na gut, oder die Gemüsebeete umgraben wollen.
    Liesse sich vielleicht von diesen Mini-Baggern her entwickeln, die teils bei so kleineren Leitungsverlegungen zu sehen sind.

  3. „Helenas Krankenkasse ist halbwegs zur Vernunft gekommen …“

    Sehr schön. Für diesmal.
    Ich hoffe der Anwalt wird für das Widerspruchsverfahren auch bezahlt. Von der KK natürlich.

    „Bitte setzen Sie sich zwecks Abrechnung Ihrer Vorleistung direkt mit dem Leistungserbringer in Verbindung.“

    Kann man kaum was gegen machen und lohnt sich nicht. Die sozialen Träger haben grundsätzlich ein sog. Auswahlermessen, wie sie die Leistung erbringen, also z.B. auch als Sachleistung, d.h. die KK kauft das Ding für dich.

    „… das Therapiefahrrad (!) …“

    Es ist schwer zu erkenn, wie die Denke der KK hier läuft. Sie ist grundsätzlich verpflichtet, wenn jemand einen Antrag stellt, den Anspruch nach allen in Frage kommenden Rechtsgrundlagen zu prüfen, es wäre ja nicht tragbar, wenn der Antragsteller als Rechtslaie nicht bekommt, was ihm zusteht, weil er nicht die genaue juristische Begründung dafür angeben kann, warum es ihm zusteht. Außerdem muss die KK als zuerst angegangener Rehabilitationsträger auch prüfen, ob sie den Antrag weiterleiten muss oder zu vorläufige Leistung nach dem Recht anderer Träger verpflichtet ist https://www.buzer.de/gesetz/12357/a202778.htm (NB: Das kann man auf bei anderen Leistungen erreichen, muss man aber wissen und ausdrücklich beantragen https://www.buzer.de/gesetz/3690/a51853.htm ).

    Das zusammen mit dem amtsüblichen Schubladendenken führt dazu, dass der Antrag als irgendwas ausgelegt wird und (manchmal fälschlich) unter den Tisch fällt, was und warum man eigentlich beantragt hat. Leider hab ich keine Ahnung, welche Rechtsgrundlagen für ein Vorspannbike in Frage kommen. Die einschlägige Entscheidung, allerdings für eine Erwachsene, ist vermutlich B3 KR 8/98 R vom 16.09.1999 https://lexetius.com/1999,45
    „Das allgemeine Grundbedürfnis, selbständig zu gehen, kann den Anspruch gleichfalls nicht begründen. Dieses Grundbedürfnis kann nämlich nicht dahin verstanden werden, daß die Krankenkasse einen Behinderten durch die Bereitstellung von Hilfsmitteln in die Lage versetzen muß, Wegstrecken jeder Art und Länge zurückzulegen, die ein Nichtbehinderter bei normalem Gehen zu Fuß bewältigen kann. Auch hier ist zu berücksichtigen, daß die gesetzliche Krankenversicherung bei dem Verlust der Gehfähigkeit nur für einen Basisausgleich zu sorgen hat. Zu den insoweit maßgeblichen vitalen Lebensbedürfnissen im Bereich des Gehens gehört jedoch nur die Fähigkeit, sich in der eigenen Wohnung zu bewegen und die Wohnung zu verlassen, um bei einem kurzen Spaziergang „an die frische Luft zu kommen“ oder um die üblicherweise im Nahbereich der Wohnung liegenden Stellen zu erreichen, an denen Alltagsgeschäfte zu erledigen sind. In diesem Sinne ist die in früheren Entscheidungen verwandte Formulierung zu präzisieren, es sei auf diejenigen Entfernungen abzustellen, die ein Gesunder üblicherweise zu Fuß zurücklegt (BSG SozR 32500 § 33 Nrn 7, 27 und 29). Ein über den vorgenannten Rahmen hinausgehendes Bedürfnis zu gehen kann nicht als Grundbedürfnis anerkannt werden. “

    Grundsätzlich sind die Aussichten, dass die KK zahlen muss, nicht so klar, da der Grundsatz „Du bekommst keine Hilfe, dass Du dich bewegen kannst, wie sich ein Gesunder tatsächlich bewegt, sondern nur wie ein Gesunder sich unbedingt bewegen muss.“ immer noch besteht. Das BSG hat in B 3 KR 4/08 R vom 25.06.2009 entschieden
    „Für den Ausgleich von Folgen krankheitsbedingter Mobilitätseinschränkungen haben die Krankenkassen im Gefüge der verschiedenen Sozialleistungsträger nur einzustehen, soweit die Bewegung im Nahbereich der Wohnung eines Versicherten betroffen ist und das beanspruchte Hilfsmittel hierfür einen besonderen Gebrauchsvorteil bietet; dies hat das LSG der ständigen Rechtsprechung des BSG zutreffend entnommen. Auch nach Inkrafttreten des SGB IX (vgl hier § 31 Abs 1 Nr 3 SGB IX) ist die GKV nicht für den Ausgleich sämtlicher direkter und indirekter Behinderungsfolgen zuständig. Ihre Aufgabe ist allein die medizinische Rehabilitation, also die möglichst weitgehende Wiederherstellung der Gesundheit und der Organfunktionen einschließlich der Sicherung des Behandlungserfolges, um ein selbstständiges Leben führen und die Anforderungen des Alltags meistern zu können. “
    Deswegen bekommt ein Blinder kein Navi, weil er sich in der Nähe seiner Wohnung auch mit dem Stock durchschlagen kann auch wenn das eben mal schwieriger ist und was muss der weiter weg und irgendwie hinreisen wollen? Alles unnötiger Luxus.
    Der Vergleichsmaßstab, was der Rollifahrer von der KK erhält, ist also wie sich der Couchpotato, der nur dann einen Fuß aus der Wohnung setzt, wenn er es gar nicht mehr vermeiden kann, bewegt. Deswegen ist es hier wichtig darauf zu achten, dass die KK in Punkto Antragsweiterleitung und vorläufiger Leistung richtig handelt, weil ein anderer Träger möglicherweise mehr erbringen muss. Man kann allerdings nicht wirklich etwas machen, wenn die KK einen Antrag nicht weiterleitet. Dafür gibt es keine Strafe oder sowas. Man kann nur den Schaden der dadurch entstanden ist nachträglich geltend machen (sog. Wiederherstellungsanspruch)

    Und weil ich grade beim Ranten bin: Das was man TATSÄCHLICH braucht ist natürlich nur dann von Bedeutung, wenn es den Bedarf senkt, nicht wenn es ihn erhöht, wie das BSG auch ausführt. Wenn Du wohnst, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, wird der Mobilitätsbedarf nicht anhand der tatsächlichen Verhältnisse bestimmt, sondern es wird so getan, als würdest Du in einem Stadtviertel wohnen, wo Ärzte, Behörden etc. leicht per Fuß erreichbar sind und ein perfekt funktionierender ÖPNV existiert.

    „Auch bei Helena direkt.“

    Es gibt im SGB/SGG zwar viele Vorschriften, was der Träger alles muss und das liest sich sehr schön, was Kranke, Behinderte, Arme, Alte für eine tolle Rundumsorge genießen, aber macht der Träger es nicht, so macht er es nicht. Sanktionen? Keine. Schaufenstergesetzgebung At Large. Speziell das Übergehen des Anwalts hat potentiell feine Wirkungen für die KK, wenn sie es mit einem anderen Trick kombiniert: Keine Rechtsbehelfsbelehrung in den Bescheid schreiben und ihn durch Floskeln wie „Man könne leider nicht leisten, … es täte einem ja so leid … Man müsse leider darüber informieren, das es nichts gibt …“ u.s.w so ausssehen zu lassen, als wäre es bloß ein Informationsschreiben, das man freundlicherweise dem Versicherten zusätzlich zur Korrespondenz mit dem Anwalt schickt und das nur um Verständnis wirbt. Der Versicherte erkennt nicht, dass das der Bescheid ist, hält es für unwichtiges Blabla und wenn sich dann lange nichts tut und er nach mehr als einem Jahr mal beim Anwalt nachfragt, ist die Frist abgelaufen. Die KK hat durch widerrechtliches Verhalten nichts zu verlieren (schlimmstenfalls später doch noch zahlen) aber potentiell viel zu gewinnen (nix zahlen müssen). Wenn der Gesetzgeber Behördenschlamperei belohnt, dann bekommt er sie eben. Und ne schöne Einsparung bei den ja immer viel zu hohen Sozialausgaben noch dazu. Nicht dass ich üm gerüüngsten andeuten will, dass das alles so gewollt ist, weil jeder profitiert, außer den Behinderten.

    „Ist okay, Helena.“

    Was denn? Keine Bestrafung für die Behinderung? Wäre Helene in einem Anständigen Deutschen Haushalt, wäre so eine Nachlässigkeit nicht passiert. Wo habt ihr nur diese linksextremistische Ideologie von der Diskriminierungsfreiheit her? Heimlich in der UN-BRK gelesen? In der EMRK? Gar im GG? Ich sag ja nix dagegen, dass man sowas im Haus hat, so aus dekorativen Gründen meinetwegen. Aber Lesen? Ernstnehmen?

    … tschulchung … tschulchung … aber ich bin nicht schuld, bin krank, bin medizinisch unterversorgt, ich bräuchte auch sowas wie ein Loopsystem, das mich immer mit der richtigen Menge cannabinoider oder ähnlicher Substanzen versorgt um die notwendige Isolation von der Wirklichkeit zu erreichen, damit ich nicht durchdrehe. Es muss ein Erbkrankheit oder sowas sein, dass ich ohne meine Medizin die Welt sehe, wie sie ist.

    „Zyniker: Ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Des_Teufels_W%C3%B6rterbuch

    „Ich sah sie schon fliegen, aber es ging doch gut.“

    Ich freu mich schon auf die Kommentare der „Das arme Kind wird vernachlässigt! Es muss aus dieser laissez-faire Kommune gerettet werden!“-Fraktion.

    „… zur Sicherheit noch was drunter.“

    Ich freu mich schon auf die Kommentare der „Das arme Kind wird verhätschelt! Es muss aus diesem Gluckenhaushalt gerettet werden!“-Fraktion.

  4. Ach, verdammt, hat es Helena schön bei euch! Mir geht jedesmal das Herz auf, wenn ich solche Berichte von euch lese. Ich wünsche Helena, dass sich die Alpträume bald geben. Dass ihr zwei, du und Marie, alles dafür tut, was gut und richtig ist, da bin ich völlig sicher.

  5. Die kranke Kasse schreibt irgendwas Abwegiges? Kenn ich zur Genüge.
    Wir wollten den Rehabuggy (Kinderwagen für größere Kinder) durch einen Aktivrollstuhl ersetzen. Was schreibt die KK? Sie haben doch schon einen. Einer reicht. Sie sind ausreichend versorgt. Ich also ein Foto hingeschickt, seht her: Dies ist ein Fahrzeug, dass nur ein anderer schieben kann. Wir wollen eins, das die Kandidatin auch selber fahren kann. Und dann haben wir uns noch ein ganzes Jahr mit dem MDK und der KK gebalgt, bevor wir den Rolli endlich bekommen haben.

    Beim Pflegebett für die Schule ein ähnliches Spiel. Der MDK liest die Akte und empfiehlt… ein Untergestell für eine Sitzschale. *Augenrollsmiley* Dass das Kind sich auch mal ausstrecken muss während 8 Stunden Schule? Dass es sich mal selbst ein bisschen bewegt im Rahmen seiner Möglichkeiten? Dass es womöglich gar Aufgaben erledigt in Seitenlage? Klar, nach Aktenlage muss man annehmen, dass dieser Mensch mit der hohen Querschnittlähmung nur noch passiv auf den Rücken gepackt werden kann. Vor allem, wenn man dann kein teures Pflegebett genehmigen muss. Also balgt man sich wieder ein halbes Jahr und das Kind liegt währenddessen auf Matten.

    So ein Anwalt muss was Feines sein.

  6. Das mit dem Bescheid direkt an die Mandantin schicken statt an den Anwalt kenn ich nur zu gut. Das ist echt so oldest trick in the book – immer schön hoffen, dass die das dann vielleicht erleichtert abheftet, sich nie mehr beim Anwalt meldet … und der dann auch nicht seine Rechnung gegenüber der KK stellt. Das hat also durchaus Methode.

    Ich drück die Daumen für den weiteren Kampf gegen die blöde Kasse.

    Das mit dem Trampolin ist großartig. Ich hoffe, sie hat lange Freude dran!

  7. Alles Gute nachträglich an Helena! 🙂
    Kiara ist wirklich eine tolle Freundin und hat auch auf den Albtraum super reagiert. Schön zu lesen, dass Helena gut zurecht kommt.
    Als CPler kann ich ihre anfänglichen Probleme mit dem Trampolin total nachvollziehen (ich selbst bin immer im Vierfüßlerstand geblieben; geht aber auch), aber die Dinger sind einfach toll, vorallem in der Größe! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

neunzehn + 11 =