Alleine sein

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Aktuell ist ja sehr lange hell. Im Norden sogar noch etwas länger als im Süden. Helena verschwindet regelmäßig, wenn die Psychotherapie zu aufwühlend war, mit einer Flasche Malzbier und ihrem Handbike für etwa zwei Stunden. Sie fährt ans Meer, setzt sich auf eine Düne, schaut auf das endlose Meer, ordnet ihre Gedanken, rekapituliert noch einmal die Stunde, weint, verarbeitet und gibt sich irgendwann den Ruck, diesen Happen abzuschließen und herunterzuschlucken. Anfangs, gerade beim ersten Mal, hatten Marie und ich sehr viel Angst, dass sie sich selbst etwas antut. Aber sie braucht offenbar nur eins: Einen Moment Einsamkeit.

Vor zwei Wochen verschwand Helena mit einer Flasche Malzbier und ihrem Handbike, inzwischen hat sie übrigens ihr endgültiges, das ihr auch sehr viel besser gefällt, in Richtung Strand. Es war etwa 22.00 Uhr, als sie losfuhr. Und es war noch nicht richtig dunkel. Gegen 23.15 Uhr klingelte es zwei Mal an der Tür. Ich guckte auf mein Handy: Zwei uniformierte Personen standen davor. Ich dachte mir nur so: Nee, oder? Was hat das jetzt zu bedeuten? Ich lege ja viel Wert darauf, trotz Herzklopfen cool zu bleiben, aber ich wurde zittrig. Ich hatte wirklich Angst.

Marie hatte das auch gesehen. Vor meinem Zimmer wären wir mit unseren Rollstühlen beinahe zusammengekracht. Sie sagte: „Mach du mal auf, ich bleibe drinnen. Und bleib cool. Vielleicht ging nur das Licht am Handbike nicht.“ – „Und dann bringen die sie gleich rum?“ – „Bei Behinderten ist man immer sehr vorsichtig.“

Ich öffnete die Tür. „Guten Abend. Bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Wohnt hier Helena […]?“ – „Ja, wieso?“ – „Sind Sie die Mutter?“ – „Sie lebt hier als Pflegekind.“ – „Wissen Sie, wo sie ist?“ – „Mit ihrem Bike unterwegs zur Ostsee. Warum?“ – „Können wir mal reinkommen?“ – „Wo ist Helena?“ – „Können wir mal reinkommen?“

Eine Dame, geschätzt Mitte 20, ein Herr, geschätzt Anfang 50, kamen herein. Ich bat ihnen einen Sitzplatz an, aber beide wollten lieber stehen. Ich fragte: „Wo ist Helena? Was ist mit ihr?“ – „Sie sitzt bei meinen Kollegen im Auto. Und wir alle haben den Eindruck, es geht ihr nicht so gut. Können Sie uns dazu vielleicht etwas sagen?“ – „Was heißt das?“ – „Frau […], das Kind ist völlig aufgelöst. Es saß mutterseelenallein um kurz vor Mitternacht im Dunkeln im Sand, weinte, schluchzte und schimpfte bitterlich. Ein Landwirt hat uns informiert, nachdem er das Kind einige Zeit lang beobachtet hat.“ – „Ein Landwirt?“ – „Ja, es hatte jemand nach seinen Tieren geschaut.“ – „Das ist sehr nett von dem Menschen, aber aus meiner Sicht wäre das nicht nötig gewesen. Sie wäre von alleine in der nächsten Stunde zurückgekommen.“ – „Frau […], was ist hier vorgefallen, dass das Kind von Zuhause abhaut?“ – „Hier gar nichts. Die Gründe liegen woanders.“

Bevor ich mehr sagen konnte, wurde der ältere Kollege fast schon zornig: „Würden Sie uns bitte sagen, was hier vorgefallen ist?“ – „Ich fände es besser, wenn Helena dabei ist. Es ist sehr persönlich.“ – „Nee. Ich höre.“ – „Wie Sie wollen. Das Kind ist schwer traumatisiert durch die Pflegeeltern, bei denen es bisher gelebt hat. Gegen beide Eltern ermittelt seit etwa einem Jahr die Staatsanwaltschaft. Helena macht eine Psychotherapie in […], mit der sie ihre sehr belastende Vorgeschichte aufarbeitet. Heute hatte sie eine Stunde, und sie fährt regelmäßig für eine Stunde danach ans Meer, um ihre Gedanken zu ordnen.“ – Die beiden sahen sich an. Die jüngere sagte: „Oh Gott.“ – Er fragte: „Warum sitzt sie in einem Rollstuhl?“ – „Sie hat in früher Kindheit einen Sauerstoffmangel und in der Folge eine Hirnschädigung überlebt. Dadurch ist ihr Muskeltonus zu hoch und die Bewegungen sind unkoordiniert, so dass sie nicht gut und weit laufen oder Fahrrad fahren könnte.“

Die uniformierte Frau kämpfte plötzlich sichtbar mit den Tränen, schluckte mehrfach, drückte eine Hand gegen ihren Mund, stammelte „Tschuldigung“ und ging raus. Keine Ahnung, warum sie das plötzlich so mitnahm. Der Mann blieb alleine zurück und fragte in wesentlich ruhigerem Tonfall: „Haben Sie keine Angst, das Kind mit diesen großen Sorgen alleine an den Strand zu lassen?“ – „Das Kind ist nicht alleine und die Sorgen hat es schon mitgebracht. Das Kind bekommt hier alle Liebe, Wärme und Unterstützung, die es braucht, um diese Sorgen verarbeiten zu können. Wenn Menschen ein Kind seelisch traumatisiert haben, reicht es nicht, eine Woche lang einen Hustensaft zu nehmen und alles ist wieder gut. Da findet sich kein Patentrezept und da muss man manchmal auch Ideale, Gewohnheiten und Regeln über Bord werfen. Die Alternative wäre, dass ich Helena einsperre, wenn sie zwei Stunden draußen alleine sein möchte. Dann hätten Sie aber einen Grund, einzuschreiten.“ – „Hat sie das schonmal gemacht?“ – „Jede Woche. Und sie kommt nach zwei Stunden wieder.“ – „Haben Sie einmal die Namen der bisherigen Pflegeeltern für mich? Und dürfte ich einmal ihr Zimmer sehen?“

„Ich schlage vor, Sie lassen sie rein und sie zeigt Ihnen dann einmal selbst ihr Zimmer.“ – Ich blieb in der Tür stehen. Zwei silberblaue Kleinbusse standen vor der Tür. Es wurde geredet, dann fuhr ein Wagen ab. Kurz danach wurde Helena rausgelassen. Sie kam auf mich zu, verdrehte die Augen und sagte: „Ich hab nichts gemacht. Irgendeiner fand, dass ich zu laut geheult habe. Die wollten schon einen Rettungswagen rufen. Mach mir bloß keinen Vorwurf, ich bin so schon übelst angeätzt.“

Sie verschwand in ihrem Zimmer. Die beiden Uniformierten kamen mit dem Handbike zur Tür. Ich fragte: „Was hat sie Ihnen denn erzählt?“ – „Wir haben sie nach den Personalien gefragt und was vorgefallen ist, aber sie hat darauf nur mit ’nichts‘ geantwortet. Und, dass sie keine Hilfe braucht und alles in Ordnung ist. Aber damit können wir uns nicht zufrieden geben bei einem Kind, das um diese Zeit in dem Zustand irgendwo alleine sitzt. Das müssen Sie bitte auch verstehen. Wir erleben auch ganz andere Situationen, in denen wir keinen Fehler machen dürfen.“

Ja. Verstehe ich. Ich dachte mir: Es ist nur so bescheuert, weil das total unnötig und kontraproduktiv ist. Früher, als Helena wirklich in Not war, hätten wir uns alle gewünscht, dass mal jemand hinterfragt, ob es ihr gut geht. Der Beamte sagte: „Es kann sein, dass sich morgen das Jugendamt bei Ihnen meldet. Ich gebe Ihnen dazu meine Karte mit. Falls es Fragen gibt, sollen die bitte auf der Wache anrufen. Ich mache dazu einen Vermerk.“ – „Ihr Zimmer ist dorthinten.“ – „Das hat sich für uns erledigt. Wir werden den Einsatz nachbesprechen und schauen, ob wir künftig etwas anders machen. Jedenfalls wissen wir aber jetzt Bescheid, was es damit auf sich hat, wenn Helena nächste Woche wieder dort sitzt. Bitte richten Sie ihr morgen unsere Entschuldigung aus.“

Marie und ich sind zu Helena ins Zimmer. Sie guckte uns mit großen Augen an. Ich sagte: „Da hat sich offenbar jemand viel zu große Sorgen um dich gemacht.“ – „Und wer?“ – „Irgendein Landwirt angeblich.“ – „Unnötig“, sagte Helena. – Ich antwortete: „Aber das konnten die beiden nicht wissen. Sie wollten dich beschützen.“ – „Das ist schon krass, oder? Früher war allen alles egal.“ – „Das stimmt so nicht, Helena. Früher hast du nicht gezeigt, wie es dir geht. Du hast nicht gesagt, dass es dir schlecht geht, weil du Angst hattest, in eine Einrichtung zu kommen.“ – „Das stimmt. Das habe ich schon vergessen. Das ist so pervers. Die haben gedacht, dass ihr der Grund seid, warum ich so matschig in der Birne war.“ – „Sie möchten dich um Entschuldigung bitten.“ – „Die haben sich entschuldigt? Krass. Wisst ihr, was passiert wäre, wenn ich früher mit den Bu**en nach Hause gebracht worden wäre? [Der frühere Pflegevater] hat mir dafür Prügel angedroht. Er meinte aber wohl hauptsächlich, falls ich klauen würde oder sowas.“

„Hast du mal geklaut?“ – „Nee. Gelogen habe ich oft. Aber geklaut habe ich nie. Ich kann nicht garantieren, dass das immer so geblieben wäre, aber heute kriege ich Taschengeld und von daher … nee. Habt ihr gedacht, ich habe geklaut, als ihr das Auto gesehen habt?“ – „Nee, wir haben gedacht, du hättest dir irgendwas angetan.“ – „Ich hab doch gesagt, ich mach das nicht. Ich dachte, ihr glaubt mir.“ – „Das tun wir. Aber Angst habe ich trotzdem um dich.“ – „Jetzt hör mal auf damit. Ich will da einfach nur alleine sein. Zum Nachdenken. Ungestört. Okay?“

Ja, Große. Okay. Völlig okay.

Endlich Ferien

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Vor einem halben Jahr war es schon ein kleines Drama. Der letzte Zeugnisausgabetag war für Helena sehr aufwühlend, obwohl Marie und ich nie Druck gemacht hatten. Nachgewirkt hatte offenbar das unmögliche Verhalten der früheren Pflegeeltern, die offenbar ihre Ziele ausschließlich durch Bestrafung ereichen wollten. Das ist so sehr eingebrannt, dass Helena auch an diesem Morgen völlig in sich gekehrt am Frühstückstisch saß. Inzwischen konnten wir es ja bereits einordnen. Allerdings gefiel es mir nicht, denn die Stimmung wird nicht heute morgen, sondern schon viel früher umgeschlagen sein.

Ich muss sagen, dass ich mir früher nie großartige Gedanken darüber gemacht habe, wie ich wohl eines Tages ein Kind begleiten könnte. Die Kinder und Jugendlichen, die jünger als ich waren und mit denen ich bis dahin zu tun hatte, habe ich immer nur ernst genommen und mit Respekt behandelt. Das fand ich schon damals wichtig. Heute hat sich daran nichts geändert. Hinzu gekommen ist, dass ich glaube, dass Kindern und Jugendlichen klare Positionen und klare Grenzen brauchen. Und zwar auch als Feedback zu ihrem Verhalten und ihren Ideen. Aber auch das ändert nichts am Ernst nehmen und Respekt aufbringen.

Was gar nicht geht, ist Angst. Kinder, die nicht mehr lachen, sondern beten und Gott bitten, etwas besser zu machen. Die sich nicht mehr trauen, Fehler zu machen oder eigene Wege zu gehen, die sich später als unglücklich oder ungünstig herausstellen. An der Anzahl der Wörter, die sie morgens sprach, an dem fehlenden Blickkontakt und an der innerlichen Anspannung merkte ich, wie sehr sie unter Strom stand. Ich bat ihr meinen Schoß an. Sie kam dieses Mal sofort, setzte sich, umarmte mich, und fing zu weinen an. „Mach dir nicht solchen Stress, Helena. Ein Zeugnis entscheidet nicht darüber, wie sehr du gemocht und geliebt wirst. Es entscheidet nur darüber, ob du vielleicht künftig in einem Fach Unterstützung brauchst, um die als ‚wichtig‘ definierten Inhalte zu verstehen. Hast du vor irgendeiner Sache besondere Angst oder ist es nur dieser offizielle Anlass, der dich so unter Druck setzt?“

„Es sind die Erinnerungen. Immer, wenn ich daran denke, dass ich ein Zeugnis bekomme, denke ich automatisch daran, wie schlimm diese Tage früher waren.“ – „Kannst du diesen Tag heute als Indikator sehen, was sich in deinem Leben im letzten Jahr verändert hat?“ – „Ich muss automatisch immer wieder daran denken, was gewesen ist, und dann möchte ich mir am liebsten Augen und Ohren zuhalten und mich irgendwo verstecken.“ – „Möchtest du zu Hause bleiben und wir fahren später gemeinsam zur Schule und holen dein Zeugnis aus dem Sekretariat ab?“ – „Nee, bloß nicht. Ich muss da jetzt durch. Herr [Therapeut] sagt, wenn das kalte Wasser irgendwie auszuhalten ist, ist es am besten, einmal die Zähne zusammen zu beißen. Immer schauen, wie ich notfalls schnell raus komme. Aber sonst die Chance nutzen, sich daran zu gewöhnen, die Angst abzustreifen und mit gutem Gefühl wieder rauszuklettern. Und das mache ich jetzt und höre auf zu heulen, sonst fragt mich jeder, warum ich mit so einem Matschgesicht zur Schule komme“, sagte sie und kletterte von meinem Schoß.

Als sie mittags nach Hause kam, legte sie sofort ihr Zeugnis auf den Tisch. Da ich wusste, wie sehr sie unter Strom stand, sah ich es mir sofort an. Deutsch 3, Mathematik 2, Englisch 4, Biologie 2, Physik 2, Geschichte 1, Geographie 3, Religion 2, Kunst 3, Musik 2, Sport 1, Spanisch 2. Noten auf der gymnasialen Anforderungsebene. Also, bis auf Religion, alles wie im Halbjahr zuvor. Auch die Beurteilung des Lern- und Sozialverhaltens war dieselbe. Aber: „Versäumnisse 12 Stunden, davon unentschuldigt: 0 Stunden. Verspätungen: 0“.

Im letzten Jahr waren es zehn unentschuldigte Fehlstunden, weil sie zwei Mal geschwänzt hatte, ohne uns davon zu erzählen. Die entschuldigten Stunden waren jetzt kränk und Jugendamt. Marie sprach sie drauf an: „Wie jetzt … gar nicht blau gemacht dieses Halbjahr?“ – „Nö.“ – „Wie kommt’s?“ – „Naja, wenn ich zwei Tage schwänzen darf, ist der Druck ja weg. Außerdem brauchte ich den Eintrag im Zeugnis, um von meinen schlechten Noten abzulenken. Aber da irgendwie keiner meine Noten schlecht findet, muss ich von denen auch nicht ablenken. Klingt unlogisch, oder?“ – „Ja, weil du keine schlechten Noten hast, von denen du ablenken müsstest.“ – „Ich hätte mich über eine 3 in Englisch gefreut. Nach 5, 3, 3 und 3 hätte das eigentlich drin sein können.“ – „Helena, eine Vier ist ausreichend. Alles darüber ist schön.“ – „Ich möchte da aber eine 3.“ – „Nächstes Halbjahr gibst du nochmal Gas, und dann klappt das schon.“ – „Wenn da jetzt eine Fünf gestanden hätte, welche Folgen hätte das für mich gehabt?“ – „Hm. Gutschein über Nachhilfe? Keine Ahnung. Was hättest du dir dann gewünscht?“ – „Das ihr mich trotzdem lieb habt.“

Es. Geht. Einfach. Nicht. Aus. Ihr. Raus. Noch nicht. Aber erstmal: Endlich Ferien.

Klassenfahrt

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Seit heute ist Helena wieder da. Am Mittwoch war sie mit ihrer Klasse nach Bayern gefahren. Auf Klassenfahrt. Zusammen mit einer Parallelklasse. Und vier Lehrkräften. Diejenige Lehrkraft, mit der wir vorher alles besprochen haben, war kurzfristig nicht dabei. Als ich Helena am Mittwoch zum Bahnhof brachte, hieß es, dass die eine Lehrerin „sich mit dem Fahrrad gemault“ hätte und mit Gipsarm nicht arbeitsfähig sei. Natürlich erfuhren wir das erst bei Abfahrt.

Ich will ja nicht immer nur meckern, zumal Helena die Klassenfahrt sehr gut gefallen hat. Andererseits finde ich aber auch, dass es nicht sein kann, dass Menschen mit Behinderung ständig Maxima an Toleranz, Geduld, Aufgeklärtheit, Milde, Wohlwollen, Freundlichkeit, Hinnahme und Opferbereitschaft abverlangt werden. Insbesondere, wenn dieser Mensch noch ein Kind oder eine Jugendliche ist.

Ich hätte nämlich schon wieder im Strahl kotzen können, als sich herausstellte, dass im Zug die Reservierungen in Verbindung mit dem Gruppenfahrschein so gebucht wurden, dass alle im selben Großraumwagen sitzen würden. Alle bis auf Helena. Sie sollte auf dem Rollstuhl-Stellplatz untergebracht werden. So hatte sie ihren Platz in Wagen 9, alle anderen in Wagen 3. Ich verstehe ja, dass ein Lehrer damit überfordert ist, und ich verstehe auch, dass für Gruppenreservierungen bestimmte Platzkontingente vorgesehen sind. Ich verstehe auch, dass das schief geht, wenn das jemand noch nie gemacht hat. Ich verstehe aber nicht, dass die Lehrkraft mit mir im Austausch ist und das überhaupt nicht thematisiert. Also es vermutlich gar nicht auf dem Schirm hat.

Und ich schreibe das auch einer Überforderung zu, wenn dann der Lehrer auf meinen Einwand Helena fragt, ob es ihr was ausmache, alleine zu sitzen. Helena antwortete nicht, entsprechend habe ich dann höflich gesagt: „Ich glaube nicht, dass Helena das einfordern muss. Schon die Aussicht, mit dem Wunsch erhebliche Unruhe zu stiften, ist wohl keine gute Basis für diese Diskussion.“ – Der Kragen platzte mir aber dennoch nach seiner Antwort. Grinsend fragte er mich, und ich glaube, es sollte ein Spaß sein: „Also stiften Sie dann jetzt stellvertretend für Helena Unruhe?“

Ich antwortete schnippisch: „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?! Also ich hoffe nicht, dass ich das muss.“ – Am Ende durfte Kiara bei ihr sitzen. Am Nachmittag bekamen Marie und ich eine Kurznachricht: Sie habe sich durchsetzen müssen, nicht im Einzelzimmer untergebracht zu werden, während der Rest in Vierer- und Sechserzimmern pennt. Man hatte für sie ein barrierefreies Zimmer gebucht. Alleine. Die Lehrkraft meinte, an der Zimmerbelegung sei nichts mehr zu ändern, woraufhin die Klassensprecherin der Nachbarklasse (!) die Leitung der Jugendherberge aufgesucht habe. Die machte das -im Gegensatz zu den Lehrern- wohl nicht zum ersten Mal. Sie trat mit dem Angebot, die Zimmerbelegung kurzfristig zu ändern, an die Lehrer heran. Das Problem war: Der Rollstuhl durfte nicht in anderen Zimmern und nicht im Gang stehen. Damit im Evakuierungsfall niemand darüber fällt und damit ihn keiner klaut oder damit durch die Gänge heizt. Am Ende wurden einfach weitere Leute mit in das barrierefreie Zimmer gelegt. Was die Lehrer zuerst nicht wollten, weil das in einem anderen Flur lag als der Rest der Klassen. Ich nehme an, das war auch der Grund, warum das nicht gleich anders gebucht wurde. Ich sehe mich schon auf dem nächsten Elternabend noch einen Impulsvortrag über gleichberechtigte Teilhabe halten.

Ich dachte mir so: So weitläufig wird das Gebäude jawohl nicht sein, dass die Lehrer Wanderstiefel brauchen, um bei der abendlichen Kontrollrunde auch einmal in einen anderen Gang zu gehen. Von einem Mitschüler kam der Spruch, dass wegen „einer Behinderten wieder alles aufgemischt wird, nur weil sie nicht im Stehen pinkeln kann“, was Helena mit „F*ck dich“ und ein weiterer Mitschüler mit „Spar die solche Sprüche, sonst pinkelst du die nächsten Tage gar nicht mehr“ kommentiert hat. Anstatt sich zuerst den ersten Idioten zur Brust zu nehmen, wurden der zweite Schüler wegen indirekter Gewaltandrohung und Helena wegen sexualisierter Sprache sanktioniert. Dass die Lehrer mit diesen zahlreichen nachbesserungsbedürftigen und halbherzigen Vorbereitungen die Gruppe spalten, muss wohl nochmal erklärt werden.

Ich glaube, mit Helena werden wir noch unseren Spaß haben. Sie sollte schriftlich über eine Seite erklären, warum sexualisierte Sprache nicht tolerierbar ist. Sie hat dann geantwortet, dass sie aufgrund ihrer Behinderung jede Schularbeit am Laptop anfertigen dürfe, ein solcher aber nicht vor Ort sei. Das ist zwar sehr frech, aber genau nach meinem Geschmack. Ich habe heute gelesen, was Helena und ihr „Gewalt androhender“ Mitschüler gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich zitiere: „Die Gesellschaft und jeder Einzelne [haben] das Recht, nicht mit sexualisierter Sprache belästigt zu werden. Das Recht möchte ich auch für mich. Wenn mein Recht nicht respektiert wird, darf ich mich aber wehren. Ein Subjekt, das selbst übergriffige Sprache benutzt, hat nicht mehr das Recht, weil [es] selbst bereits auf dieser Ebene ist und nicht fordern kann, dass ihm da niemand begegnet. Es kommt immer wieder vor, dass […] gegen mich mit Sprache übergriffig ist. Dagegen sollten die Lehrer auch etwas tun und nicht nur die bestrafen, die sich wehren!“

Es war aber nicht alles schlecht, sondern es sei überwiegend toll gewesen. Und die Mehrzahl der Mitschülerinnen und Mitschüler habe Helena inzwischen akzeptiert und es herrscht wohl ein freundliches, respektvolles und angenehmes Klima untereinander. Helena erzählte mir von lediglich vier Ausnahmen, die aus einer provozierenden Minderheit heraus regelmäßig versucht hätten, um Helena herum Stunk zu machen. Einmal hätte man sich wohl zum Quatschen mit einem Dutzend Leuten in Helenas Zimmer getroffen, und in den ersten zwei Minuten hat einer der stets Provozierenden gefragt: „Warum bekommen die Behinderten eigentlich immer die besten Zimmer?“ – Woraufhin derselbe, der auch schon wegen der angeblichen Gewaltandrohung sanktioniert worden war, geantwortet hat: „Warum haben die dümmsten Leute immer die größte Klappe?“ – Nachdem Helena erzählte, dass er auch immer morgens ihr Frühstückstablett geholt hat, scheint ihm wohl ziemlich viel an Helena zu liegen. Was ich sehr schön finde.

Krass soll aber wohl auch der gemeinsame Freibadbesuch gewesen sein. Helena wurde im Vorfeld von einer Lehrkraft darauf hingewiesen, dass sie sich zwar Badesachen anziehen und sich sonnen dürfe, aber nicht mit ins Wasser gehe, weil das mit ihrer Behinderung zu gefährlich sei. Helena erzählte, dass sie danach erstmal geheult hätte, vor allem, weil sie sich bei dieser Entscheidung so sehr an ihre vorherigen Pflegeeltern und unser Kennenlernen erinnert gefühlt hatte. Sie erzählte: „Aber dann habe ich gedacht, dass das ja ein guter Neuanfang war und bin erstmal so mit ins Freibad.“ – Und am Ende war es dann doch super. Eine Traube von Mitschülern habe sie ins Wasser geschubst. „Ob das vorher so abgesprochen war, sag ich nicht, man muss sich ja nicht selbst belasten“, erzählte sie lachend. Der Lehrer eskalierte am Rand, wäre fast hinterher gesprungen, Kiara hat aber derweil am Rand auf ihn eingeredet, dass sie mit Helena sogar in der Ostsee schwimmen geht. Ich frage mich, warum wir vorher besprechen, dass Helena schwimmen gehen darf. Sie kann schwimmen. Rücken. Brust. Und Kraul sieht auch schon gut aus. Punkt. Ende der Diskussion um Sicherheit und Verantwortung.

Eine weitere krasse Szene hat sich beim Besuch einer Veranstaltung ergeben. Das war so ein Dorffest oder ähnliches. Ein paar Mitschülerinnen haben sich irgendwelche Gummitiere gekauft. Vorher natürlich brav gefragt. Helena wollte sich eine Zuckerwatte kaufen. „Nee, Zucker ist ja nun schlecht bei Diabetes, das müsstest du doch aber wissen.“ – Helena hat dann geantwortet: „Die spritze ich mir weg.“ – „Nein, also auf gar keinen Fall, blabla.“ – Darf ich eigentlich erwarten, dass ein Lehrer sich vor Abreise informiert und, wenn etwas passiert, wo er sich unsicher ist, sich vergewissert, ob das Kind das Griff hat? Er hätte mich auch anrufen können. Helena macht das über Tage alles selbständig. Ist auf Reisen, bekommt fremdes Essen, am letzten Tag spielte die Pumpe verrückt, da hat sie sich mit Insulinpräparaten aus zwei Pens über Wasser gehalten. Selbständig. „Ich habe nur Kiara erzählt, was ich mache, der Lehrer hätte mich sonst bestimmt ins Krankenhaus gebracht. Hätte ich ihm zugetraut.“ – Da könnte sie Recht haben, denn der Lehrer rief mich am letzten Abend an, um zu fragen, ob sie ohne ärztliche Verordnung eine Ibu 200 nehmen darf, weil sie ihre Regel bekommen und Unterleibsschmerzen hat.

Ja, ich weiß, das ist speziell. Und ja, ich weiß, wer sich damit nicht auskennt, ist schnell überfordert. Aber der Erfolg lässt sich ganz einfach am Blutzucker ablesen und dafür gibt es ein Messgerät. Solange der in dem vorgegebenen Rahmen ist, ist alles in Ordnung. Und das kann sich auch eine Lehrkraft mal eben unter vier Augen zeigen lassen und anschließend darauf vertrauen, dass die Schülerin alles richtig macht. Marie und ich haben mit Helena die Diabetes-Woche nachbesprochen, als sie damit anfing und uns erzählte, wie es gelaufen ist. Wir haben uns am PC gemeinsam die gespeicherten Werte angesehen und ich fasse es zusammen: Es war alles in Ordnung. Ich hätte nichts anders gemacht. Und auch den ersatzweisen Einsatz der beiden Pens hat sie ohne Probleme gemeistert. Das ist etwa so, als wenn beim Flugzeug eins der beiden Triebwerke ausfällt. Man muss wissen, was zu tun ist. Aber es lässt sich trotzdem alles beherrschen. Alles richtig gemacht. Ich bin so stolz auf unsere „Große“.

Braun geworden ist sie in der einen Woche. Ohne Sonnenbrand. Viele tolle Fotos hat sie gemacht. Stundenlang erzählt. Zwei Drittel ihres Taschengelds für die Woche wieder mit nach Hause gebracht. Stichwort: Kaff. Regelmäßig geduscht, Zähne geputzt, Wäsche gewechselt, … was sie hier auch alleine und zuverlässig macht, was aber, nach ihren Schilderungen, bei anderen offenbar noch nicht überall so selbstverständlich ist. Und was mich nochmal mehr in meiner Annahme von einem pflegeleichten Pflegekind bestärkt.

Keine Mobilität

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Am Pfingstwochenende müssen Marie und ich in diesem Jahr nicht arbeiten. Gar nicht. Alle Tage frei. Wahnsinn.

Nein, wir verreisen nicht. Wir bekommen auch keinen Besuch. Sondern wir chillen. Garten, Sonne, Handbike, Strand. Mehr bitte nicht.

Und Kontaktpflege. Und Bloggen. Und ausnahmsweise kann ich heute Kontaktpflege und Bloggen mal gleich miteinander verbinden: Ein langjähriger Freund erzählte mir heute am Telefon seine Story, die eigentlich exklusiv zu meinem Idiotenmagneten passen würde. Vielleicht müssen wir inzwischen darüber nachdenken, ob alle Menschen mit Behinderung einen solchen Magneten haben, denn auch dieser Freund sitzt im Rollstuhl. Vielleicht wird dadurch aber auch nur einmal mehr deutlich, wie in diesem Land mit Menschen mit Behinderung umgegangen wird.

Ich betone, dass nicht alle Menschen so sind. Ich betone aber auch, dass ich den „bedauerlichen Einzelfall“ nicht mehr hören, lesen oder glauben kann. Es ist kein bedauerlicher Einzelfall, dass die Deutsche Bahn schon wieder ein Problem hatte, Rollstuhlfahrer von Hamburg nach Berlin zu transportieren.

Gerade erst vor knapp zwei Wochen traf es die ehemalige Bahnradsportlerin Kristina Vogel, die seit einem Unfall querschnittgelähmt ist und im Rollstuhl fährt: Verschiedene Medien berichten, dass sie in Frankfurt aussteigen wollte, das jedoch nur mit der Hilfe anderer Reisender schaffte, die sie mitsamt Rollstuhl aus dem Zug hoben. Der Mitarbeiter mit der für das Aussteigen benötigten Rampe sei nicht am Zug gewesen, der Schaffner habe sich auch nicht gemeldet. Ich kenne das auch, in einem solchen Fall stelle ich mich dann immer in die Tür und halte den gesamten Zug auf. Irgendwann kommt immer jemand und schaut nach, warum die Tür nicht schließt.

Zwei Wochen davor hatte Bloggerin Wheelymum beschrieben, wie sie beinahe eine Reise nach Berlin absagen musste, weil man ihren Rollstuhl nicht aus dem Zug bekam. Am Ende reiste sie mit dem Flugzeug an.

Und in der letzten Woche? Da traf es vier junge Menschen aus Hamburg, die zu einem internationalen Wettkampf nach Berlin wollten. Zwei sitzen im Rollstuhl, zwei haben andere Einschränkungen; alle vier gehörten zu einem Landes-Auswahlteam, hatten sich für die Teilnahme an dem Wettkampf qualifiziert und über ein Jahr hart dafür trainiert. Für die Hin- und Rückfahrt waren die Fahrkarten schon vor Monaten gekauft und bezahlt, die beiden einzigen in dem ICE vorhandenen Plätze für Rollstuhlfahrer reserviert und die Einstiegshilfe vorbestellt. Wer mit einem Rollstuhl in den Zug möchte, braucht die Hilfe vom Personal, da eine Rampe bedient werden muss.

Am Morgen des Anreisetags stellte eine der Sportlerinnen dann zufällig fest, nachdem sie sich im Internet auf dem Weg zur Schule noch einmal vergewissert hat, ob alles klappen würde: Der betreffende Zug fährt heute ohne Wagen 9. Leider sind im Wagen 9 die beiden einzigen Rollstuhlplätze des Zuges. Und das einzige mit dem Rollstuhl befahrbare WC. Vielleicht übersteht der eine oder andere die zwei Stunden ohne WC. Dass der Zug liegen bleibt und die vier dann nicht auf die Toilette können, mag auch noch weit hergeholt sein. Aber: Die Deutsche Bahn lädt keinen Menschen im Rollstuhl in einen anderen Wagen ein, denn selbst wenn der Rollstuhl durch die schmaleren Eingangstüren hindurch passen würde, müsste derjenige ja die ganze Fahrt über auf dem Gang und damit im Fluchtweg stehen.

Die Beförderung von Menschen mit Behinderung wird bei der Deutschen Bahn durch den hauseigenen Mobilitätsservice koordiniert. Insbesondere diejenigen, die mit dem Rollstuhl reisen, müssen sich spätestens zwei Tage vor Reiseantritt dorthin wenden und darum bitten, eine Einstiegshilfe, also einen Mitarbeiter, der die Rampe bedient, zu bekommen. Nachdem der Wunsch aufgenommen wurde, senden die Mitarbeiter ihn an die jeweiligen Bahnhöfe, diese melden dann zurück, ob das benötigte Personal zur Verfügung steht. Und ob alle Aufzüge funktionieren. Anschließend erhält der Rollstuhlfahrer eine Bestätigungsmail oder einen Anruf. Bei kurzfristigen Änderungen sollen die betroffenen Personen eigentlich informiert werden.

Das ist in diesem Fall nicht geschehen. „Es ist Ihre Aufgabe, zu prüfen, ob der Zug wie vorgesehen fährt und sich gegebenenfalls bei uns zu melden“, sagte die Mitarbeiterin am Telefon. Service geht natürlich anders. In diesem Fall versuchte man nun, die vier Sportlerinnen und Sportler aus Hamburg in einen anderen Zug umzubuchen. Ein Zug später ging nicht, weil dann die Ankunft zum Wettkampf nicht mehr sichergestellt wäre. Ein Zug vorher ging nicht, weil der ebenfalls ohne Wagen 9 fuhr. In dem Zug davor waren die beiden Rollstuhlstellplätze bereits durch andere Rollstuhlfahrer belegt, in dem davor auch, in dem davor auch. Also blieb nur eine Umbuchung auf einen Zug, der sechs Stunden vor der eigentlichen Verbindung fahren würde.

Der Versuch, die Jugendlichen sofort aus ihren Schulen zu bekommen, scheiterte. Alle Handys waren natürlich aus. Das war aber auch nicht mehr relevant, denn wie sich bei einem weiteren Telefonat mit der Bahn herausstellte, würde auch diese Verbindung scheitern: In Berlin stünde für diesen Zug kein Personal zur Verfügung, das die Rampe bedienen könnte.

Somit lässt sich zusammenfassen: Nix Bahn. Es mussten kurzfristig Fahrzeuge und Fahrer organisiert werden, die die Sportler zu ihrem internationalen Wettkampf nach Berlin fahren. Das kleinste Problem dürfte dabei gewesen sein, dass die vier Erfrischungsgetränke verfallen sind, die die Bahn den vier Sportlern vor zwei Monaten spendiert hat (Verzehrgutschein), nachdem dort auch bereits alles drunter und drüber ging, und das Team für eine Strecke, die üblicherweise in 1:52 Stunden zurückgelegt wird, mal eben über fünf Stunden (Rückfahrt nur vier Stunden) benötigt hat. Damals auch, weil die barrierefreien Komponenten gar nicht oder zeitlich nicht passend verfügbar waren. Auf die schriftliche Beschwerde ihres Vereins hat sich bis heute niemand gemeldet. Zwar wurden 50% des Fahrpreises inzwischen automatisiert erstattet, aber auf die versprochene Aufarbeitung warten die Jungs und Mädels noch heute.

Nein, die Deutsche Bahn ist nicht entschuldigt. Auch wenn viele motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagiert alles versuchen, und auch wenn es unter den Menschen mit Behinderung durchaus auch nervige Zeitgenossen gibt: Es kann nicht sein, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland nicht zuverlässig und gleichberechtigt mit der Deutschen Bahn fahren können. Es ist kein Einzelfall, wenn es den ganzen Tag lang effektiv nicht möglich ist, als Rollstuhlfahrer von Hamburg nach Berlin zu fahren. Und darüber diskutiere ich auch nicht.