Kein Triathlon III

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Geweckt wurden wir um kurz vor sechs Uhr von einem Entenpaar, das hinter der Hecke stand und laut schimpfte. Worüber auch immer. Christin schaute mich verschlafen an und verdrehte ob des Lärms die Augen. Während andere Menschen sich jetzt noch einmal umdrehen würden, hatte mich meine Querschnittlähmung schon wieder voll im Griff: Ich stellte erstmal fest, dass meine Blase über die Nacht brav gewesen war. Jetzt aber randvoll war, was kein Problem war, solange ich mich nicht aufrichte. Sobald ich das mache, bleibt ein Zeitfenster von zwei bis drei Minuten. Mein Rollstuhl stand im Vorzelt. Zum Waschraum müsste ich über den unebenen Rasen. Das ist ein ziemliches Risiko, da auch Erschütterung die Blase triggern kann. Und zeitlich muss die eine Toilette wirklich sofort frei sein. Zu viele Unsicherheiten, um das auszutesten. Also präparierte ich mich. Neben Christin. Mir war es schon etwas unangenehm, aber sie guckte mir interessiert zu. „Ich habe noch nie gesehen, dass sich jemand selbst sowas anziehen kann. Also so Pants schon, die hatten in der einen Schule, in der ich Praktikum gemacht habe, auch einige Leute. Überwiegend welche mit mehreren Einschränkungen. Warum hast du welche zum Zukleben?“ – „Weil die mehr Saugstärke haben. Die Pants sind eher für schwachen Beckenboden geeignet, aber nicht, wenn das plötzlich alles auf einmal rauswill.“ – „Will es das jetzt?“, fragte sie interessiert. Ich antwortete: „Das Risiko ist halt sehr groß nach so vielen Stunden. Und ich will nicht, dass du noch dein Handtuch opfern musst.“ – Ich zog mir Shorts und Top über, rutschte über den Boden zu meinem Rollstuhl, rollte über den Rasen zum Toilettenhaus und war froh, dank zehnjähriger Erfahrung richtig entschieden zu haben.

Christin wurde nach unserem Frühstück vor dem Zelt zunehmend nervöser. Ich bat ihr meine Hilfe an, aber sie sagte klar, und das fand ich gut, denn mit klaren Ansagen kann ich am Besten umgehen, dass es ihr am Meisten hilft, wenn ich sie komplett in Ruhe lasse, mich oberhalb des Stegs auf einer Zuschauer-Wiese aufhalte und sie sich dann unmittelbar vor dem Start nochmal „verabschiedet“. So schnappte ich mir eine Wolldecke, legte sie unterhalb eines Baums auf eine Rasenfläche in der Nähe des Starts, wo gerade jemand ein großes Zelt und einen riesigen Grill aufbaute, genoss die Ruhe und ließ mir die letzte Nacht noch einmal durch den Kopf gehen. War das in Ordnung? Ja, ich fand schon. Selbstverständlich wird es Menschen geben, die zwei Frauen im selben Bett falsch oder sogar eklig finden. Vor allem, wenn eine auch noch eine körperliche Einschränkung hat. Und wenn sie gar nicht zusammen sind. Aber Banane.

Ziemlich bald kam Christin sowie rund zwei Dutzend andere Frauen auf die Wiese. Die Männer, etwa 30 insgesamt, starteten eine Viertelstunde vor den Frauen. Christin war sehr nervös, trug einen Trainingsanzug und darunter ihre Schwimmkleidung. Aufwärm-Gymnastik, Einschwimmen, nochmal Dehnen, dann gab es eine Instruktion in einem großen Zelt, während die Männer bereits starteten. Kurz darauf kam sie heraus, drückte mir ihr Handtuch, ihre Hose und ihre Jacke in die Hand, dazu ihre leere Trinkflasche und meinte: „Wünsch mir Glück!“ – „Viel Glück!“, sagte ich. Sie sagte: „Mein Ziel sind zwei Stunden und fünfzehn Minuten. Oder weniger.“ – „Ich drücke dir die Daumen.“

Das wäre eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 4,4 Kilometern pro Stunde, rechnete ich nebenbei aus. Und das ist wohl nicht schlecht. Tatsächlich brauchte Christin genau 2:15:36 Stunden, also eine halbe Minute mehr als ihr Ziel. Absolut genial, auch wenn sie ihr Zeitziel ganz knapp verpasst hat. Deutschlands beste Schwimmerinnen bleiben wohl unter zwei Stunden, sodass es lediglich eine persönliche gute Leistung ist. Dennoch: Ich finde es wahnsinnig, eine Leistung über zwei Stunden lang auf einem so hohen Niveau halten zu können. Die Mehrzahl der Freizeitschwimmer würde nicht mal eine 25-Meter-Bahn in unter 21 Sekunden schaffen. Sie schwimmt 400 Bahnen hintereinander in diesem Tempo. Absolut irre.

Sie kam aus dem Wasser und konnte nach dieser Leistung noch normal gehen. Ich glaube, mich müssten sie tragen… Ich saß inzwischen im Rollstuhl, konnte mich auf dem Rasen aber nur schlecht bewegen. Sie setzte sich mit ihren nassen Sachen auf meinen Schoß, trocknete sich mit dem Handtuch das Gesicht ab. Sie roch nach See und war angenehm kühl. Ihr Herz raste und sie war noch immer außer Atem. Ich umarmte sie und hielt sie fest. Echt klasse Leistung. „Geht es dir gut?“, fragte ich, da sie nichts sagte. Noch immer außer Atem antwortete sie: „Ich bin glücklich. Ich habe so viele Endorphine im Körper, dass ich gerade die ganze Welt umarmen möchte. Ich gehe mich gleich erstmal in Ruhe ausschwimmen und dann habe ich Hunger, dass ich ein halbes Schwein auf Toast essen könnte. Such mal bitte inzwischen irgendwas raus, wo wir was mampfen können. Und bitte nichts Feines, ich brauche ‚Fressen und Saufen‘. Und bitte keine Grillwurst“, sagte sie und guckte auf den rauchenden Grill.

Nach dem Duschen auf dem Wettkampfgelände fuhren wir direkt wieder zu dem Italiener, bei dem wir auch gestern waren. Wir waren uns einig, dass wir für gutes Essen keine Experimente mehr machen. Christin bestellte sich eine Mega-Pizza, ich bekam die Nudeln. Auch wenn sie nach dem Schwimmen schon mehrere Flaschen Wasser geleert hatte, trank sie zum Essen noch weitere zwei Karaffen Leitungswasser. Der Gastwirt fragte, ob sie an dem Wettkampf teilgenommen hatte und stellte ihr sofort kostenloses Wasser auf den Tisch. Als wir fertig waren, sagte sie: „Sei mir nicht böse, aber ich möchte nur noch zum Zelt und mich hinlegen. Nicht schlafen, aber nicht mehr rumrennen.“ – „Alles gut. Ich werde mich auch ausruhen für meinen morgigen großen Tag. Ich werde sowas von verrecken auf der Strecke.“ – „Quatsch. Ich habe vorgelegt, du schwimmst morgen die gleiche Zeit. Das habe ich im Gefühl.“

„Träum weiter“, sagte ich. Und sie: „Und du schwimmst in meinem Anzug. Also nicht in dem von heute, sondern in meinem zweiten. Der bringt dir mindestens 10 Minuten.“ – „Da komme ich doch nie im Leben rein.“ – „Ziehen wir zusammen an. Plane schonmal eine halbe Stunde extra dafür ein. Aber die Dinger sind absolut geil. Damit gleitest du durchs Wasser wie ein Hai.“ – „Ich gehöre doch aber gar nicht zu denjenigen, bei denen es um 10 Minuten geht.“ – „Na und? Hallo? Bei dir bringt das bestimmt sogar noch mehr, weil du nur mit den Armen schwimmst und es dann sehr viel leichter geht.“ – „Die anderen lachen sich doch kaputt. Da sind echte Leistungssportler dabei und ich komme da mit so einem 250-Euro-Teil an.“ – „400 Euro. Aber das ist egal, weil die auch alle so ein Teil tragen. Oder es ist ihre Entscheidung, sowas nicht zu wollen. Aber das Ding gibst du nicht wieder her. Der Auftrieb, die Wasserlage, die Kompression – das wird dir gefallen. Und es kann dir doch egal sein, was die anderen Leute über dich denken. Manchmal bist du auch echt ein wenig empfindlich, wenn ich das mal so sagen darf.“

„Findest du?“ – „Ja. Ich helfe dir beim Anziehen.“ – „Die Dinger sind doch extrem empfindlich. Wenn ich mich damit auf den Steg setze und rutsche damit über irgendeine Kante…“ – „Du setzt dich auf ein Handtuch. Du würdest doch auch mit dem nackten Hintern nicht über eine Kante rutschen. Und sonst hast du eine Haftpflichtversicherung.“ – „Ich finde das unheimlich süß von dir, aber…“ – „Nichts ‚aber‘, Jule. Jetzt hör mal auf, das so pessimistisch zu sehen. Das nervt langsam. Es könnte auch morgen ein Gewitter kommen und der Blitz sucht sich ausgerechnet dich aus. Meine Güte. Ich habe mir schon gut überlegt, ob ich ihn dir gebe. Und ich würde ihn gewiss nicht jedem geben. Aber ich möchte, dass du ihn anziehst.“

Ich kam schon wieder so unter Druck, weil ich mich aufgrund von Intimitäten rechtfertigen musste. Ja, ich möchte, dass die Menschen mich verstehen. Ich könnte auch einfach sagen: „Mach ich nicht.“ – Vorsicht, es wird eklig.

„Es geht nicht, verstehst du? Wenn ich da über Stunden im Wasser bin, kann es passieren, dass mein Darm verrückt spielt. Und wenn ich dann vom Knöchel bis zum Hals in so einem Ding stecke, wird das richtig widerlich. Und dann gehört er mir noch nicht mal. Das wäre mir so derbe peinlich, ich glaube, ich könnte dir nicht mehr in die Augen schauen.“

„Du hast echt einen Knall. Okay, ich erzähle dir was. Ich bin vor zwei Jahren eine 25er-Strecke geschwommen, okay?“ – „25 Kilometer?“ – „Ja. Dafür brauche ich etwas über sechs Stunden. In den sechs Stunden bekommst du kein Land unter die Füße. Du bekommst von einem Ponton oder Begleitboot Getränke an einer langen Stange und auch mal warme Suppe. Ich bekam Suppe, schön salzig, nicht zu salzig, aber so, dass ich das Gefühl hatte, sie tut mir gut. Ich habe also auf dem Rücken liegend mir gepflegt diese Suppe eingeflößt und bin weiter geschwommen. Das war so nach etwa vier Stunden. Keine zwanzig Minuten später bekam ich Bauchkrämpfe. Ich dachte erst an Salzmangel oder Flüssigkeitsmangel allgemein, und dann merkte ich, dass das mein Darm war, der verrückt spielte. Bevor ich mich auf irgendwas konzentrieren konnte, explodierte die Bombe.“ – Ich guckte sie mit großen Augen an. Sie grinste und erzählte weiter: „Einen Moment lang dachte ich: Das war es jetzt. Aber dann ging es mir schlagartig wieder gut. Und ich bin einfach weiter geschwommen. Es ging mir richtig gut. Wie ein kleines Baby mit vollgeschissener Windel. Die sind ja auch immer quietschfidel, wenn sie gekackt haben.“

„Und dann?“ – „Ich war auf das Schlimmste vorbereitet. Ich dachte, wenn ich aus dem Wasser klettere, läuft überall braune Soße runter. Ich wäre dann schnellstens in eine Dusche und hätte mich sauber gemacht. Aber: Nichts passierte. Das hatte sich bereits alles rausgespült. Ich habe natürlich trotzdem sofort geduscht, aber es roch nichtmal mehr. Ich wette mit dir, dass dir von den fünfzig Leuten, die da morgen auf dem Steg stehen, die Hälfte irgendeine solche Geschichte erzählen kann. Und sollte dir das morgen passieren, hole ich dich am Ende aus dem Wasser und bringe dich diskret in die nächste Dusche. Versprochen. Aber jetzt hör auf, alles schwarz zu sehen.“ – „Es tut mir leid, dass ich da so unsicher bin. Normalerweise stoße ich nicht auf so viel Verständnis und ich wette mit dir, dass die Mehrzahl der Menschen, die deine Geschichte hört, sie entweder nicht glaubt oder sich angewidert abwendet.“ – „Da könntest du Recht haben. Da könnten wir jetzt eine lange Diskussion über Werte und Tabus draus machen. Aus Abgrenzung und so. Ich habe das gestern schon gedacht, als es um deine Hose ging, und ich sage auch ganz klar, ich möchte mit dir nicht tauschen. Ich kann mir inzwischen sehr gut vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn alle Menschen einen beobachten und bewerten. Ob auf dem Rasenplatz oder im Restaurant. Es wird in einer Tour geglotzt und geredet. Ich hätte das so nicht erwartet. Aber du brauchst dich vor mir nicht zu genieren. Und ich unterstütze dich auch, wenn andere dumm reden.“ – „Du bist so süß zu mir. Früher hat mir das auch nicht so viel ausgemacht. Als ich noch mit vielen anderen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern zusammen war. Heute ist das kaum noch der Fall, und je älter ich werde und um so mehr auf mich geschaut wird, wie ich arbeite, wie ich mich benehme, ob ich die richtigen Dinge sage, umso sensibler werde ich.“ – „Das ist nicht gut. Man muss auch mal die Sau rauslassen können, ohne dass es Konsequenzen hat. Solange man niemandem weh tut, finde ich das wichtig.“

Weil ich mich nicht zu genieren brauche, hatte sie ja gesagt, führte ich aus: „Ich bin morgen früh um sechs Uhr mit Abführen dran. Das klappt eigentlich sehr gut. Danach dürfte nichts mehr passieren.“ – „Wenn doch, helfe ich dir. Du schwimmst morgen deine Kilometer, alles andere klären wir danach.“ – Nun war ich doch einigermaßen aufgeregt. Ob ich überhaupt schlafen können würde? Wir schmusten erneut etwas miteinander. Ich muss ziemlich schnell eingeschlafen sein, denn am nächsten Morgen konnte ich mich an keine Einzelheiten mehr erinnern.

Cliffhanger – Fortsetzung folgt!

Kein Triathlon II

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Am Freitag nach der Arbeit holte ich Christin von zu Hause ab. Sie stand mit ihren zwei großen Schwimmtaschen und einer Zelttasche und einem großen Beutel mit einem Luftbett bereits vor der Tür und wartete auf mich. Auch wenn wir erst in zehn Minuten verabredet waren. Sie lud ihre Sachen hinten ein, setzte sich auf den Beifahrersitz und sagte: „Ich bin so aufgeregt.“ – Dabei schwimmt sie regelmäßig im In- und Ausland diese langen Strecken und das gar nicht mal so schlecht. Vier Stunden hatten wir für die Fahrt eingeplant. Bei Außentemperaturen von über 30 Grad lobte ich mir die Klimaanlage im Auto. Die Autobahn war relativ leer. Wir kamen sehr gut durch. Schon nach zwei Stunden waren wir an der Bundesgrenze, nach einer weiteren am Zielort angekommen. Zeltplatz sofort gefunden, einen schönen, großen Rasenplatz, durch Hecken eingegrenzt, mit Parkmöglichkeit für das Auto zugewiesen bekommen, Zelt aufgebaut, mein Luftbett von einem Kompressor am Stromanschluss des Autos aufblasen lassen. „Muss ich meins auch aufblasen oder reicht eins für uns beide?“, fragte sie. Das Zelt hatte zwei Kabinen und in der Mitte einen überdachten Eingang, war auf vier erwachsene Personen ausgelegt. Ich antwortete: „Meinetwegen kannst du auch mit auf meiner Luftmatratze schlafen. 140 cm sollten für zwei Leute reichen.“

Am Abend fuhren wir zu dem See, an dem Samstag und Sonntag der Wettkampf stattfinden würde. Einige Schwimmerinnen und Schwimmer gaben sich eine letzte Trainingseinheit. Ein Ponton aus vielen kleinen Plastikeinheiten war aufgebaut und schaukelte in ein paar Miniwellen. Einige Fahnen wehten müde im Wind. Im Organisationsbüro konnten wir unsere Unterlagen abholen und mussten mein Startgeld bezahlen. Christin übersetzte für mich und half mir bei der Kommunikation. Die Menschen vor Ort seien sehr gespannt auf mich, es sei das erste Mal, dass eine Rollstuhlfahrerin teilnehme, aber man sei erwartungsvoll und neugierig. Und selbstverständlich könne Christin mich mit einem Begleitkajak unterstützen. Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, kam aus dem Nebenraum ein etwas kräftiger gebauter Mann Anfang 50, mit weißem Hemd und Krawatte, und gab mir die Hand. Er entschuldigte sich für sein schlechtes Schul-Englisch, aber die Kommunikation klappte. Er erkundigte sich nach unserer Anreise und wo wir schlafen werden. „Ich habe mir nicht vorstellen können, dass diese langen Strecken auch für Menschen im Rollstuhl interessant sein könnten, daher haben wir es nicht so ausgeschrieben. Mein Fehler. Aber wenn Sie hier zurecht kommen, freue ich mich über Ihre Teilnahme. Und so sportlich wie Sie aussehen, habe ich daran gar keine Zweifel. Werden Sie etwas Außergewöhnliches benötigen?“

Ich kannte mich mit Freiwasserschwimmen nicht so gut aus, dass ich alle Eventualitäten überblicken konnte. Ich guckte Christin fragend an und sie antwortete in der Landessprache: „Bitte keine Besonderheiten. Meine Freundin liebt es, wenn sie genauso behandelt wird wie alle anderen auch. Mit allen Konsequenzen. Sie wird nur nicht im Stehen starten können, sondern sie wird sich mit dem Po an die Stegkante setzen und sich dann ins Wasser fallen lassen.“ – Der Mann antwortete: „Also müssen wir nichts mehr extra vorbereiten?“ – „Nein, und bitte auch keine besondere Aufmerksamkeit. Also keine Ansprache, dass der Bürgermeister sich freut, dass 43 Männer, 42 Frauen und eine Rollstuhlfahrerin teilnehmen, die besondere Rücksichtnahme benötigt. Und auch keine gelbe Badekappe mit drei schwarzen Punkten für sie. Sie hat dasselbe Recht, einen Kick ins Gesicht zu kriegen wie alle anderen auch.“ – „Ich glaube, ich habe verstanden.“

Zuerst fuhren wir zu einem Supermarkt, Wasser und ein paar Lebensmittel für das Wochenende kaufen, anschließend wollten wir noch etwas zu Abend essen. Während ich mir beim Italiener nur noch einen Salatteller bestellte, bekam Christin einen richtig üppigen Nudelteller serviert. „Yummy“, meinte sie und futterte. Als wir wieder am Zelt waren, zeigte das Thermometer noch 25 Grad. Und es war bereits nach 22 Uhr. Wir hatten eine kleine Akkulampe im Zelt, sodass wir uns zurechtfinden konnten. In einem Haus waren Duschen, Waschbecken und Toiletten, sogar eine barrierefreie war dabei. Wir putzten zusammen Zähne. Als wir endlich im auf dem aufgeblasenen Bett lagen, den weit geöffneten Schlafsack nur einmal quer über die Hüfte gelegt, sagte Christin: „Was für eine Wärme im Zelt. Ich habe das Gefühl, das Mückengitter lässt überhaupt keine kühle Luft durch. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es draußen keine kühle Luft gibt. Am liebsten würde ich mein Top ausziehen. Stört es dich?“ – „Von mir aus kannst du auch nackt schlafen“, sagte ich, und es war in dem Moment von mir mehr Scherz als Ernst. Christin sagte aber in völlig naivem Tonfall: „Ich glaube, das mache ich wirklich.“

Kurz darauf lag sie dann tatsächlich völlig unbekleidet neben mir. Oder eher hinter mir, da ich ihr den Rücken zugedreht hatte. „Du bleibst angezogen und schwitzt lieber?“, fragte sie. Es war wirklich warm. Ich setzte mich auf, zog mein Top aus und legte mich wieder hin. Christin flüsterte: „Hose aus! Hose aus! Hose aus!“ – Ich antwortete leise: „Was geht denn bei dir ab? Hast du irgendwas mit mir vor? Ich meine: Außer Schwimmen?“ – Christin flüsterte: „Ja.“ – „Und was?“ – „Ich mache jetzt ein schickes Foto von uns beiden und dann lade es bei Insta hoch“, sagte sie, hielt ihr Handy in der Hand. Einen Moment später blitzte es einmal. Ich drehte mich um und sagte: „Hey, du spinnst wohl. Das möchte ich nicht.“ – „Zu spät. Ich habe dich gut getroffen.“ – Eigentlich hätte mir in dem Moment klar sein müssen, dass sie mich mal wieder neckt. Wurde es aber erst, als sie sagte: „Du musst mir schon das Handy wegnehmen, wenn du noch was retten willst.“

Sie wollte sich mit mir raufen. Sie nackt, ich nur mit Shorts bekleidet. Und wir rauften uns. Sie war durch ihre uneingeschränkte Beinfunktion erheblich beweglicher als ich. Aber ich hatte eindeutig die stärkeren Arme und Hände. Es dauerte nicht lange, dann saß sie auf mir, hatte mich auf dem Rücken liegend zwischen ihren Beinen fixiert und drückte mit ihren beiden Händen meine beiden Hände links und recht neben meinem Kopf auf die Matratze. Endlich mal wieder jemand, der mich normal behandelt. „Gewonnen“, sagte sie. Wir benahmen uns wie kleine Kinder. Aber es machte sehr viel Spaß. Nicht nur die Albernheit, sondern irgendwie auch der körperliche Kontakt. Es fühlte sich schön an. Während Christin mich festhielt, kitzelte sie mich mit ihren Haarspitzen im Gesicht. „Du bist mir völlig ausgeliefert, das weißt du, oder?“, fragte sie. Ich versuchte, meine Hände nach oben zu drücken. Keine Chance.

„Ich finde dich übrigens sehr lecker. Und du riechst auch sehr gut“, sagte sie mir. Frei raus. Vermutlich ohne nachzudenken. Was ich toll fand. Nicht nur wegen des Kompliments an sich, wenngleich ich nicht „lecker“ gesagt hätte, sondern auch wegen ihrer Direktheit. Allerdings könnte das auch schief gehen. Konnte sie sich sicher sein, dass es mir nicht zu weit ging? Hatten wir nicht noch ein ganzes Wochenende vor uns, an dem wir eigentlich schwimmen wollten? Also vor allem sie?

Sie machte keinen Hehl aus ihren Absichten. Und es gefiel mir. „Schmusen wir ein wenig? Vorausgesetzt, bei dir zu Hause wird niemand eifersüchtig.“ – „Ich bin Single“, sagte ich ohne nachzudenken und wusste in dem Moment, ich würde mich auf irgendetwas einlassen wollen. Auf etwas Festes eher nicht, aber eine schöne Nacht zu zweit geht, vier Jahre nach der letzten richtigen Partnerschaft, auch mal so, oder?! Unkompliziert. Nicht nachdenken.

„Ich habe kein Foto gemacht. Das war nur die Taschenlampe. Ich wollte, dass du dich mit mir raufst und der Plan ist zumindest halb aufgegangen.“ – Ich war so hin- und hergerissen, ob ich meine Hose ebenfalls ausziehen sollte. Ich hatte seit vielen Jahren endlich mal wieder so ein Kribbeln im Bauch. Ganz intensiv. Sie drängte mich nicht weiter dazu, und ich glaubte auch, sie wusste bereits, warum ich die Hose nicht auszog. Spätestens als sie auf mir gesessen hat, dürfte sie es gemerkt haben. Oder vielleicht hatte sie mich bei der Rangelei auch bereits am Po berührt. Querschnittlähmung ist wirklich nicht immer einfach. Auch wenn ich viele Alltagssituationen bis hin zu irgendwelchen dämlichen verbalen Anwürfen inzwischen locker bewältige, das hier war trotz aller Unkompliziertheit keine Alltagssituation. Auch nach 10 Jahren nicht. Christin und ich lagen inzwischen mit den Gesichtern zueinander im geringen Abstand nebeneinander, in völliger Dunkelheit, und sie streichelte meinen Unterarm.

„Ich habe übrigens meine Hose noch an, weil … also ich bin so unvorbereitet, weil …“, stammelte ich mir zurecht. Nein, das wird nichts. Mein Kopf wollte nicht. Sie sagte: „Weil du deine Regel hast. Möchtest du einen Tampon?“ – „Nein, ich … bei einer Querschnittlähmung …“ – Sie unterbrach mich: „Achso, du bist undicht?“ – Sie war so umkomplizert. „Sozusagen. Normalerweise nicht, aber es könnte eben was passieren.“ – „Wie hoch ist die Chance?“ – „Dass was passiert? Nachts vielleicht einmal im Monat. Oder seltener. Zu Hause schlaf ich ohne irgendwas. Aber wenn jemand mit mir im Bett ist…“ – „Zieh aus das Ding! Du schwitzt dich dadrin doch zu Tode!“, sagte sie. Ich antwortete: „Ich kann aber nicht garantieren…“ – „Du musst gar nichts garantieren. Im schlimmsten Fall haben wir morgen Sektfrühstück? Damit kann ich leben. Echt jetzt. Dafür würde ich sogar mein großes Schwimmhandtuch opfern.“ – „Ich bin da wirklich sehr ängstlich.“ – „Und für mich ist es überhaupt kein Problem“, sagte sie und zog meinen Kopf zu sich heran, als wollte sie mich trösten. „Ich bewundere deine Stärke und deine Ausstrahlung. Du bist eine sehr erotische Frau. Ein undichter Beckenboden tut dem keinen Abbruch. Finde ich.“ – „Wer von uns beiden hier wohl stark ist.“ – „Du. Und mir ist es egal, ob ich tollpatschig ein Glas umkippe oder bei dir was rausläuft, was bei anderen Leuten drinnen bleibt. Aber wenn es dir lieber ist, lässt du die Hose an.“

Nein, es war mir nicht lieber. Und es ist auch alles gut gegangen. Es war ein sehr schönes Erlebnis. Es ist am Ende gar nicht so viel passiert, sondern wir haben uns gegenseitig den Rücken gestreichelt, sie hatte eine Zeitlang ihr Bein locker zwischen meinen Knien, es war sehr entspannend und angenehm. Auch wenn wir beide nackt waren, gab es keine intime Berührung. Auch keinen Kuss.

Cliffhanger – Fortsetzung folgt!

Kein Triathlon I

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Es war schon lange geplant, und ich habe lange darauf trainiert und mich vorbereitet. Nicht professionell trainiert, sowas mit zehn Einheiten pro Woche; aber schon etwas mehr als freizeitsportlich. Also mit Trainingsplan und bei jedem Wetter, drei bis vier Mal pro Woche. Ich wollte an diesem Wochenende endlich mal wieder an einem Triathlon teilnehmen. Marie hat mich zwar hin und wieder beim Training begleitet, aber da an diesem Wochenende eine gute Freundin von ihr heiratet, war klar, dass sie nicht dabei sein würde. Helena hatte sich für dieses Wochenende mit Kiara bei einem Reit-Camp angemeldet: Also alle ausgeflogen.

Am letzten Montag, also nicht mal mehr eine Woche vor der Veranstaltung, bekam ich einen Anruf aus dem Organisationsbüro, dass ich leider nicht teilnehmen könnte. Grund: Ein Spinner. Ein richtig ekliger Spinner. Eklig, weil Menschen bei Kontakt mit seiner Raupe heftig reagieren. Nein, nicht die Raupen, deren Bilder mir einige Spinner gerne ungefragt schicken. Die Rede ist vom Eichenprozessionsspinner, dessen Gespinste der Veranstalter zwischen Ausstieg aus dem Wasser und der ersten Wechselstation entdeckt hat, so dass er einen anderen Weg für die Läufer wählen musste. Dieser andere Weg sei aber so steil, dass er für Rollstuhlfahrer untauglich sei.

Tatsächlich gibt es zu diesem See nur einen Zugang und ich kann diese Entscheidung durchaus nachvollziehen. Auch wenn es mich ärgert, dass es keine Lösung gibt. Mit Blick darauf, dass tausende Menschen meine Beiträge lesen und teilen, erwähne ich vorsorglich, dass es sich nicht um den an diesem Wochenende ebenfalls stattfindenden Ironman in Hamburg gehandelt hat.

Als ich am Montagabend zum Schwimmtraining fuhr, war da, wie fast immer, auch Christin. So nenne ich sie mal. 22 Jahre alt, studiert Sonderpädagogik, etwa 165 cm groß, dunkelbraune, schulterlange Haare, braune Augen, schlanke, fast schon zierliche Figur, die Oberarme und Schultern allerdings sportlich-muskulös, meistens mit Brille anzutreffen. Sie hat bei der Auswahl ihrer Kleidung, auch der Badebekleidung, einen sehr guten Geschmack, trägt häufig sehr hübsche Sachen, die ich auch gerne mal finden würde, wenn ich auf Klamottensuche bin. Sie ist ein auffallend fröhlicher und selbstbewusster Mensch, ich erlebe sie häufig lachend und oft zu Scherzen aufgelegt. Mir war schon mehrmals aufgefallen, dass sie mich gerne neckt. Zum Beispiel, indem sie beim Training meine Wasserflasche, die eigentlich am Rand steht, schwimmen lässt. Oder meine Paddles. Neulich, als ich eine Trennleine ziehen wollte und mit dem einen Ende durch das Becken schwamm, hat sie sie regelmäßig festgehalten oder mich zurückgezogen. Immer, wenn ich mich umdrehte, guckte sie natürlich in eine andere Richtung und verhielt sich absolut unbeteiligt und unschuldig. Sie hat es also faustdick hinter den Ohren, aber auf eine sehr erfrischende Art und Weise.

Neulich hat sie mir eine gelbe Quietsche-Ente geschenkt. Hat sie, während ich schon im Wasser war, einfach auf die Sitzfläche meines Rollstuhls gestellt. Aber ohne irgendwas zu sagen. Wenn ich in die Halle möchte, muss ich durch eine Glastür. Nur so ist der barrierefreie Zugang möglich. Irgendwer muss die aber von innen öffnen, da von außen nur ein Knauf dran ist. Damit keine kleinen Kinder ungefragt über den Nebeneingang in die Halle kommen und ins Wasser plumpsen. Oft öffnet mir Christin, allerdings niemals ohne irgendwelche Blödeleien. Manchmal stellt sie sich erstmal vor die Tür und winkt mir zu, als wüsste sie nicht, dass ich hinein möchte. Oder ähnliches. Wir haben einigen Spaß miteinander. So gehe ich oft auf den Unsinn ein, der sehr häufig auch meine Behinderung thematisiert. Neulich öffnete sie die Tür einen Spalt und fragte: „Ja bitte? Wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Guten Tag, ich bin die Jule, bin 26 Jahre alt und möchte gerne Schwimmen lernen. Hätten Sie noch einen Platz für mich frei?“ – „Da muss ich mal unseren Trainer fragen, aber ich glaube nicht, dass wir hier Behinderte nehmen. Können Sie morgen nochmal wiederkommen?“ – „Morgen kriege ich keinen Ausgang. Kann ich vielleicht selbst mal mit dem Trainer reden?“ – „Grundsätzlich gerne, aber leider klemmt die Tür.“

Und so weiter. Am Montag nun sprach Christin mich auf den am Wochenende bevorstehenden Triathlon an. „Wann geht’s los?“, fragte sie. „Gar nicht“, antwortete ich. Sie guckte mich erstaunt an: „Wie jetzt, in letzter Sekunde anders überlegt?“ – „Nö. Da spinnt ein Spinner in einer Prozession an einer Eiche, deshalb mussten sie die Strecke ändern, und die neue Strecke ist leider nicht mehr mit dem Rollstuhl zu befahren.“ – „Och nö. Echt jetzt?“ – „Ja. Die haben mir heute abgesagt. Meldegeld gibt es zurück, sie hoffen, dass die Viecher nächstes Jahr rechtzeitig abgesaugt wurden.“ – „Na toll. Aber dann kommst du einfach mit mir! Ich fahre am Wochenende zu einem Wettkampf und ich bin mir sicher, wir würden dich da auch noch angemeldet bekommen.“ – „Schwimmen?“ – „Ja, im See. Ich bin für zehn Kilometer angemeldet, aber ich schätze, sie haben auch was für Anfänger im Programm.“ – „Haha. Du bist doof.“ – „Ja, ernsthaft, für Schüler bestimmt 1000 Meter oder so.“ – „Und dann schwimme ich da als einzige Erwachsene zwischen den ganzen Kindern oder was?“ – „Na klar, also bei mir würdest du auf Anhieb manchmal auch als Neunjährige durchgehen.“ – „Ich hab dich auch lieb.“ – „Okay, Zehnjährige. Wenn du kein Mitleid haben willst, musst du wohl 5.000 schwimmen. Das schaffst du. Das ist wie etwas längeres Training.“ – „Im Training schwimme ich maximal drei. Und das ist in einer Halle ohne Wind und Wellen.“ – „Du trainierst auch in der Ostsee mit Wind und Wellen, und wer drei schafft, schafft auch zehn, und du meldest nur fünf. Also kein Problem.“ – „Wenn du das sagst…“ – „Also ist das schonmal gebont. Dann hab ich ja auch schon eine Mitfahrgelegenheit. Cool. Müssen wir nur noch klären, ob du bei mir im Zelt pennen willst oder edel ins Hotel gehst. Ich könnte mir ein Vier-Personen-Zelt von meinen Eltern ausleihen, einen Platz für mich und drei für dich.“ – „Ich habe nicht gesagt, dass ich mitfahre.“ – „Nee, aber ich. Nun komm schon, dein Wettkampf ist am Sonntag, du kannst dir meinen am Samstag in aller Ruhe anschauen, dich vorbereiten, mich vielleicht mal anfeuern. Und ich versuche, dich mit dem Kajak zu begleiten. Vielleicht bekommen wir das geregelt.“ – „Da war doch sicherlich schon lange Meldeschluss.“ – „Nachmeldungen kosten 25 Euro extra. Ich kümmere mich darum. Und du denkst positiv. Okay?“ – „Ich denke darüber nach und sage dir nach dem Training Bescheid.“

Nach dem Training war Christin plötzlich verschwunden. Ich schaute mich in der Halle um, irgendwann fragte ich jemanden: Sie sei schon gegangen. Also hatte sie es sich vielleicht wieder überlegt? Zu spontane Ideen gehabt? Ich zog mich um und als ich aus der Halle rollte, stand sie dort. Ich rollte zu ihr. „Und?“ – „Ich komme mit.“ – „Super“, strahlte sie und fiel mir um den Hals. Ich hatte vorher noch gar nicht wahrgenommen, dass ihr das sooo wichtig war. „Dann rufe ich für dich jetzt einen Kumpel an, der im Orgateam ist, und versuche, ihm das zu erklären. Weil die Veranstaltung so nicht inklusiv ausgeschrieben ist.“ – „Aber wenn es beginnt, umständlich zu werden, lassen wir das.“ – „Ich rufe dort erstmal an. Also die 5 Kilometer, ja?“ – Ich nickte, wenngleich ich unsicher war, worauf ich mich da einlassen würde. Sie scrollte durch ihre Kontakte und wählte eine Nummer. Und fing dann an, in einer anderen Sprache mit ihm zu sprechen. Auch wenn ich diese Sprache nicht konnte, verstand ich viele Worte. Ich mag den für mich lustigen Klang dieser Sprache und wusste bis eben noch nicht einmal, dass sie diese Sprache fließend sprechen kann. „Alles klar, sie nehmen dich noch mit rein.“ – „Super. Aber wieso sprichst du diese Sprache fließend?“ – „Mein Vater kommt von dort und ich bin zweisprachig aufgewachsen.“

Cliffhanger – Fortsetzung folgt!

Denkzettel

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Dass eine Person mit einem Rollstuhl durch einen Baumarkt fährt, mag ja heute keine große Besonderheit mehr sein. Aber wenn nun drei Menschen im Rollstuhl hintereinander herfahren, dann bleiben selbst heute noch Leute stehen oder rennen gar gegen ein Regal. Ganz zu schweigen von den vielen lustigen Sprüchen und Fragen, wie beispielsweise der, ob wir ein Rollstuhlrennen machen. Oder ob man die Dinger im Baumarkt testen und kaufen könnte. Die Oma sei nämlich schlecht zu Fuß. Und wehe, ich lächle dann nicht. Dann gibt es beleidigte Leberwürste, und nachdem ich mal gesehen habe, was so alles in eine Leberwurst gedreht wird, mag ich keine Leberwürste mehr. Schade.

Auf den wenigen Rolliparkplätzen vor dem Baumarkt konnten wir nicht parken, weil mal wieder alle anderen darauf parkten. Bis auf eine Ausnahme hatte niemand einen Ausweis. Zu unserem Glück mussten wir nicht viel oder schwer schleppen. Zu unserem Pech ging in dem Moment, als wir über den großen Parkplatz zurück zum Auto rollen wollten, ein Wolkenbruch los, so heftig und so derbe plötzlich, dass wir es gerade noch schafften, uns in ein Zelt zu retten, das ein Würstchenverkäufer auf dem Baumarktparkplatz aufgebaut hat. Bis zum Auto und vor allem bis wir alles verladen hätten, wären wir nass bis auf die Knochen gewesen.

Wenn ich schon keine Leberwurst esse, esse ich Bratwürste eigentlich erst recht nicht. Marie auch nicht. Helena auch nicht. Ob wir trotzdem hier stehen dürften für ein paar Minuten? Beim Würstchenverkäufer fiel mir sofort sein unvollständiges Gebiss und eine eindeutige Alkoholisierung auf. Im Zelt futterte ein Mensch eine Currywurst, der, wenn er kein Rocker war, zumindest wie einer aussah. Mit ihm warteten zwei weitere Typen. Alle drei trugen die gleiche Lederkluft und Sonnenbrillen, hatten kahlrasierte Schädel und lange Bärte, waren extrem tätowiert und hatten auf ihrem Rücken die gleichen Symbole auf der Kutte aufgenäht. „Denen möchte ich nicht im Dunkeln begegnen“, dachte ich mir so.

„Dürfen wir ganz kurz hier warten bis es etwas weniger regnet, auch wenn wir nichts bestellen, sondern nur einen Taler in die Kaffeekasse werfen?“, fragte ich. Der Würstchenverkäufer nickte fröhlich, der Typ mit der Currywurst sagte zu seinen Kumpeln: „Zieht mal die Ärsche ein, damit die Bräute hier komplett reinpassen. Nicht, dass die Lütte noch wegschwimmt. Wie alt bist du?“, fragte er Helena. Helena antwortete etwas schüchtern: „Dreizehn.“ – Während er kaute, sagte er: „Dreizehn … als ich dreizehn war, hab ich mit der Schule schon nichts mehr am Hut gehabt. Hausaufgaben hab ich nie gemacht und Fehlstunden … 333 Stück. Oder so.“ – Die anderen beiden lachten dreckig. Er fuhr fort: „Mach das bloß nicht nach, hörst du?“ – Helena schüttelte den Kopf. Geheuer war ihr der Typ nicht, das sah ich ihren Augen an. Sie guckte mich an, entspannte sich etwas und lächelte.

In der nächsten Sekunde brüllte er mit derart lauter und tiefer Stimme, dass Helena vor Schreck fast aus ihrem Rollstuhl sprang: „Hööiiii! Kannst du lesen? Oder hast du Tomaten auf den Augen? Du willst mir doch nicht sagen, dass du ne Behinderung hast!“ – Die Brüllerei richtete sich an jemanden, der gerade auf einem der frei gewordenen Rolliplätze parkte, ausstieg und beinahe wie ein junger Gott mit einem Regenschirm in der Hand in Richtung des Baumarktes sprang. Der Mensch blieb erschrocken stehen und sagte: „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“ – Unser Rockerfreund ging zum Eingang des Zeltes, stemmte seine Hände in die Hüften und sagte: „Das geht mich verdammt was an. Meine Freunde hier müssen bei Regen über den gesamten Parkplatz eiern, weil du Idiot denen die Plätze wegnimmst. Sieh zu, dass du deine Karre umparkst, sonst erledige ich das gleich für dich.“ – „Blas dich hier nicht so auf“, sagte der Falschparker und lief weiter.

Unser Rockerfreund zog die Nase hoch, schüttelte den Kopf und sagte: „Wie ich solche Krawattenträger hasse. Zu fein, mal zehn Schritte durch den Regen zu laufen. Lieber nehmen sie anderen Leuten die Parkplätze weg. Der kriegt jetzt erstmal eine Packung.“ – Die beiden anderen Kollegen lachten erneut dreckig. Was hatte er vor?

Ohne Schirm stapfte er zum falsch geparkten Auto, holte ein Taschenmesser aus seiner Lederweste und begann, die Kennzeichen des Autos abzumontieren. Erst vorne, dann hinten. Beide waren in so eine Blende mit Werbeaufdruck geklemmt. Die Kennzeichen stellte er neben einen Müllcontainer neben dem Imbisszelt, dann kam er völlig durchnässt wieder rein und sagte: „Meister, gib mir mal was von deiner Papierrolle.“ – Er bekam eine Rolle Küchentücher und trocknete sich damit ausgiebig die Glatze und das Gesicht ab. Irgendwann deutete er auf meine Beine und sprach mich an: „War das ein Unfall?“ – Ich sagte: „Auf dem Schulweg, ja. Eine Autofahrerin hat mich erwischt beim Abbiegen. Fußgängerüberweg. Ich hatte grün, sie auch … zack.“ – „Bei dir auch?“, fragte er Marie. Marie schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe das seit Geburt. Ich bin so auf die Welt gekommen.“ – „Was gibt es bloß für einen Scheiß auf dieser Welt? Ich stelle mir das schlimm vor, in so einem Ding sitzen zu müssen. Entschuldige, wenn ich so direkt bin.“ – „Ich habe nie etwas anderes kennengelernt“, sagte Marie. Der Typ guckte sie an, dachte einen Moment nach und verkniff sich irgendwas. Wie zu erwarten war, kam die Story von einem Kumpel, der jetzt im Rollstuhl sitzt.

Dann guckte er Helena an, traute sich aber wohl nicht, sie auch zu fragen. Helena sagte: „Ich kann laufen. Wollen Sie mal sehen?“ – Bevor er antwortete, stand sie auf und wackelte in dem engen Zelt einmal um unsere drei Rollstühle herum. Der Imbissbesitzer klatschte, aber unser Rocker sagte: „Bist du bescheuert, da klatscht man nicht. Aber eins musst du dir merken: Ich will von Frauen nicht gesiezt werden. Ich heiße Torsten. Und …“

Bevor er weiter reden konnte, kam der Falschparker zu seinem Auto zurück. Er wollte gerade einsteigen, als Torsten sich wieder in den Zelteingang stellte und rief: „Die Bullen waren gerade hier und haben deine Kennzeichen mitgenommen. Sie mussten gleich weiter und hatten leider keine Zeit. Wir sollen dir aber ausrichten, wenn du ohne Kennzeichen fährst, bist du reif. Du sollst da drüben zur Wache kommen und deine Kennzeichen auslösen. Tja, dumm gelaufen, würde ich sagen.“

Einer seiner Kumpel röhrte lachend in sein Glas. Helenas Augen wurden immer größer. Marie guckte mich an. Ich dachte mir so: Damit möchte ich eigentlich nichts zu tun haben. Mit so einem Scheiß, so nett es auch gemeint ist, macht man sich bestimmt strafbar. Amtsanmaßung oder irgendsowas. Der Falschparker kam mit seinem Schirm zum Imbiss gelaufen. „Haben die gesagt, was es kostet?“ – „Ich würde vorher lieber nochmal zum Automaten. Die haben bestimmt keine Kartenzahlung da.“ – „Haben Sie dort angerufen?“ – Torsten grinste. Der Mann lief mit seinem Schirm in der Hand davon.

„So, Regen wird weniger. Wir machen zügig die Biege. Vorher baue ich ihm noch schnell seine Kennzeichen wieder an.“ – Er gab Marie, mir und zum Schluss Helena seine Pranke. „Hol di fuchtig“, sagte er zu ihr. Was auf Hochdeutsch so viel heißt wie: „Machs gut.“ – Das Anbauen der Kennzeichen dauerte nur Sekunden. Reinstecken, gegendrücken, fertig. Der Regen hatte so gut wie aufgehört. „Wir machen uns dann auch mal vom Acker“, sagte ich. Ich hatte keine Lust, erst noch befragt zu werden. Denn er würde mit ziemlicher Sicherheit nicht alleine wiederkommen.

Ich sage nochmal, dass ich Selbstjustiz nicht gut finde. Es ist nicht meine Aufgabe, jemand anderen für sein falsches Verhalten zu sanktionieren. Das ist alleine Aufgabe des Staates und seiner Organe. Ich hoffe trotzdem, dass dem Falschparker dieser Denkzettel eine Lehre war. Ich vermute allerdings, er wird spätestens bei der Rückkehr realisiert haben, dass Torsten ihm ein Märchen aufgetischt hat. Von daher dürfte der Erfolg des Denkzettels dann auch dahin sein. Und nein, wir haben nicht mitbekommen, wie das ausgegangen ist. Wollen wir auch nicht.