Denkzettel

Dass eine Person mit einem Rollstuhl durch einen Baumarkt fährt, mag ja heute keine große Besonderheit mehr sein. Aber wenn nun drei Menschen im Rollstuhl hintereinander herfahren, dann bleiben selbst heute noch Leute stehen oder rennen gar gegen ein Regal. Ganz zu schweigen von den vielen lustigen Sprüchen und Fragen, wie beispielsweise der, ob wir ein Rollstuhlrennen machen. Oder ob man die Dinger im Baumarkt testen und kaufen könnte. Die Oma sei nämlich schlecht zu Fuß. Und wehe, ich lächle dann nicht. Dann gibt es beleidigte Leberwürste, und nachdem ich mal gesehen habe, was so alles in eine Leberwurst gedreht wird, mag ich keine Leberwürste mehr. Schade.

Auf den wenigen Rolliparkplätzen vor dem Baumarkt konnten wir nicht parken, weil mal wieder alle anderen darauf parkten. Bis auf eine Ausnahme hatte niemand einen Ausweis. Zu unserem Glück mussten wir nicht viel oder schwer schleppen. Zu unserem Pech ging in dem Moment, als wir über den großen Parkplatz zurück zum Auto rollen wollten, ein Wolkenbruch los, so heftig und so derbe plötzlich, dass wir es gerade noch schafften, uns in ein Zelt zu retten, das ein Würstchenverkäufer auf dem Baumarktparkplatz aufgebaut hat. Bis zum Auto und vor allem bis wir alles verladen hätten, wären wir nass bis auf die Knochen gewesen.

Wenn ich schon keine Leberwurst esse, esse ich Bratwürste eigentlich erst recht nicht. Marie auch nicht. Helena auch nicht. Ob wir trotzdem hier stehen dürften für ein paar Minuten? Beim Würstchenverkäufer fiel mir sofort sein unvollständiges Gebiss und eine eindeutige Alkoholisierung auf. Im Zelt futterte ein Mensch eine Currywurst, der, wenn er kein Rocker war, zumindest wie einer aussah. Mit ihm warteten zwei weitere Typen. Alle drei trugen die gleiche Lederkluft und Sonnenbrillen, hatten kahlrasierte Schädel und lange Bärte, waren extrem tätowiert und hatten auf ihrem Rücken die gleichen Symbole auf der Kutte aufgenäht. „Denen möchte ich nicht im Dunkeln begegnen“, dachte ich mir so.

„Dürfen wir ganz kurz hier warten bis es etwas weniger regnet, auch wenn wir nichts bestellen, sondern nur einen Taler in die Kaffeekasse werfen?“, fragte ich. Der Würstchenverkäufer nickte fröhlich, der Typ mit der Currywurst sagte zu seinen Kumpeln: „Zieht mal die Ärsche ein, damit die Bräute hier komplett reinpassen. Nicht, dass die Lütte noch wegschwimmt. Wie alt bist du?“, fragte er Helena. Helena antwortete etwas schüchtern: „Dreizehn.“ – Während er kaute, sagte er: „Dreizehn … als ich dreizehn war, hab ich mit der Schule schon nichts mehr am Hut gehabt. Hausaufgaben hab ich nie gemacht und Fehlstunden … 333 Stück. Oder so.“ – Die anderen beiden lachten dreckig. Er fuhr fort: „Mach das bloß nicht nach, hörst du?“ – Helena schüttelte den Kopf. Geheuer war ihr der Typ nicht, das sah ich ihren Augen an. Sie guckte mich an, entspannte sich etwas und lächelte.

In der nächsten Sekunde brüllte er mit derart lauter und tiefer Stimme, dass Helena vor Schreck fast aus ihrem Rollstuhl sprang: „Hööiiii! Kannst du lesen? Oder hast du Tomaten auf den Augen? Du willst mir doch nicht sagen, dass du ne Behinderung hast!“ – Die Brüllerei richtete sich an jemanden, der gerade auf einem der frei gewordenen Rolliplätze parkte, ausstieg und beinahe wie ein junger Gott mit einem Regenschirm in der Hand in Richtung des Baumarktes sprang. Der Mensch blieb erschrocken stehen und sagte: „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“ – Unser Rockerfreund ging zum Eingang des Zeltes, stemmte seine Hände in die Hüften und sagte: „Das geht mich verdammt was an. Meine Freunde hier müssen bei Regen über den gesamten Parkplatz eiern, weil du Idiot denen die Plätze wegnimmst. Sieh zu, dass du deine Karre umparkst, sonst erledige ich das gleich für dich.“ – „Blas dich hier nicht so auf“, sagte der Falschparker und lief weiter.

Unser Rockerfreund zog die Nase hoch, schüttelte den Kopf und sagte: „Wie ich solche Krawattenträger hasse. Zu fein, mal zehn Schritte durch den Regen zu laufen. Lieber nehmen sie anderen Leuten die Parkplätze weg. Der kriegt jetzt erstmal eine Packung.“ – Die beiden anderen Kollegen lachten erneut dreckig. Was hatte er vor?

Ohne Schirm stapfte er zum falsch geparkten Auto, holte ein Taschenmesser aus seiner Lederweste und begann, die Kennzeichen des Autos abzumontieren. Erst vorne, dann hinten. Beide waren in so eine Blende mit Werbeaufdruck geklemmt. Die Kennzeichen stellte er neben einen Müllcontainer neben dem Imbisszelt, dann kam er völlig durchnässt wieder rein und sagte: „Meister, gib mir mal was von deiner Papierrolle.“ – Er bekam eine Rolle Küchentücher und trocknete sich damit ausgiebig die Glatze und das Gesicht ab. Irgendwann deutete er auf meine Beine und sprach mich an: „War das ein Unfall?“ – Ich sagte: „Auf dem Schulweg, ja. Eine Autofahrerin hat mich erwischt beim Abbiegen. Fußgängerüberweg. Ich hatte grün, sie auch … zack.“ – „Bei dir auch?“, fragte er Marie. Marie schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe das seit Geburt. Ich bin so auf die Welt gekommen.“ – „Was gibt es bloß für einen Scheiß auf dieser Welt? Ich stelle mir das schlimm vor, in so einem Ding sitzen zu müssen. Entschuldige, wenn ich so direkt bin.“ – „Ich habe nie etwas anderes kennengelernt“, sagte Marie. Der Typ guckte sie an, dachte einen Moment nach und verkniff sich irgendwas. Wie zu erwarten war, kam die Story von einem Kumpel, der jetzt im Rollstuhl sitzt.

Dann guckte er Helena an, traute sich aber wohl nicht, sie auch zu fragen. Helena sagte: „Ich kann laufen. Wollen Sie mal sehen?“ – Bevor er antwortete, stand sie auf und wackelte in dem engen Zelt einmal um unsere drei Rollstühle herum. Der Imbissbesitzer klatschte, aber unser Rocker sagte: „Bist du bescheuert, da klatscht man nicht. Aber eins musst du dir merken: Ich will von Frauen nicht gesiezt werden. Ich heiße Torsten. Und …“

Bevor er weiter reden konnte, kam der Falschparker zu seinem Auto zurück. Er wollte gerade einsteigen, als Torsten sich wieder in den Zelteingang stellte und rief: „Die Bullen waren gerade hier und haben deine Kennzeichen mitgenommen. Sie mussten gleich weiter und hatten leider keine Zeit. Wir sollen dir aber ausrichten, wenn du ohne Kennzeichen fährst, bist du reif. Du sollst da drüben zur Wache kommen und deine Kennzeichen auslösen. Tja, dumm gelaufen, würde ich sagen.“

Einer seiner Kumpel röhrte lachend in sein Glas. Helenas Augen wurden immer größer. Marie guckte mich an. Ich dachte mir so: Damit möchte ich eigentlich nichts zu tun haben. Mit so einem Scheiß, so nett es auch gemeint ist, macht man sich bestimmt strafbar. Amtsanmaßung oder irgendsowas. Der Falschparker kam mit seinem Schirm zum Imbiss gelaufen. „Haben die gesagt, was es kostet?“ – „Ich würde vorher lieber nochmal zum Automaten. Die haben bestimmt keine Kartenzahlung da.“ – „Haben Sie dort angerufen?“ – Torsten grinste. Der Mann lief mit seinem Schirm in der Hand davon.

„So, Regen wird weniger. Wir machen zügig die Biege. Vorher baue ich ihm noch schnell seine Kennzeichen wieder an.“ – Er gab Marie, mir und zum Schluss Helena seine Pranke. „Hol di fuchtig“, sagte er zu ihr. Was auf Hochdeutsch so viel heißt wie: „Machs gut.“ – Das Anbauen der Kennzeichen dauerte nur Sekunden. Reinstecken, gegendrücken, fertig. Der Regen hatte so gut wie aufgehört. „Wir machen uns dann auch mal vom Acker“, sagte ich. Ich hatte keine Lust, erst noch befragt zu werden. Denn er würde mit ziemlicher Sicherheit nicht alleine wiederkommen.

Ich sage nochmal, dass ich Selbstjustiz nicht gut finde. Es ist nicht meine Aufgabe, jemand anderen für sein falsches Verhalten zu sanktionieren. Das ist alleine Aufgabe des Staates und seiner Organe. Ich hoffe trotzdem, dass dem Falschparker dieser Denkzettel eine Lehre war. Ich vermute allerdings, er wird spätestens bei der Rückkehr realisiert haben, dass Torsten ihm ein Märchen aufgetischt hat. Von daher dürfte der Erfolg des Denkzettels dann auch dahin sein. Und nein, wir haben nicht mitbekommen, wie das ausgegangen ist. Wollen wir auch nicht.

8 Gedanken zu „Denkzettel

  1. Möglicherweise kam der ja mit Begleitung zurück. Dann wär das ganz schön raffiniert.

    Aber wie gesagt: Distanzierung.

    Ist mir in ganz anderem Zusammenhang schon öfters passiert. Menschen , die mir durch ihr illegales Verhalten helfen wollen. Ist ganz schön schwierig, das höflich abzulehnen und da rauszukommen.

    Und in meinem Namen ist ein H. Nur so zur Sicherheit.

  2. Ganz ehrlich hätte diese Story Brösel in einem Werner Comic gezeichnet, hätte ich vor lachen auf dem Boden gelegen.
    Auch wenn icn mehr zu deiner Ansicht tendiere das man i.d.R. solche Angelegenheiten den Staat und seinen Organen überlassen sollte, sehe ich das ganze nicht so Dramatisch. Denn nüchtern betrachet ist ausser das der Falschparker umsonst zu Wache laufen musste und vorn der Polizei Ärger bekommt, keiner wirklich zu Schaden gekommen. Anders wäre es gewesen wenn Thorsten die Nummernschilder geklaut hätte, das Auto bschädigt oder die Reifen platzt gestochen hätte . Hat er aber nicht.
    Und wenn man das ganze weiter spinnt, denke ich schon das der Falschparker einen Denkzettel bekommen hat der er sich merken wird. Denn angenommen er käme mit Polizeibeamten wieder. Was wäre denn dann ? Seine Nummerschilder sind wieder dran . Der Imbissbesitzer kann sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlicjkeit, an nichts erinnern und Thorsten und sein Kumpels haben die Biege gemacht. Das man noch irgendwelche Zeugen findet die das beobachtet haben, eher unwahrscheinlich. Das einzige was die Polizei vorfindet und ich gehe mal davon aus das diese dort auch auftauchen wird , alleine schon deshalb weil sie damit rechnen muss das auf einem Behinderten Parkplatz ein „stillglegtes“ Fahrzeug steht, ist das widerrechtlich geparkte Fahrzeug des Falschparkers, wofür ein Bußgeld fällig ist. Da der Falschparker der Lächerlichkeit preisgegeben wurde ,wird Er es sich vieleicht doch dreimal überlegen ob er nochmal auf einem Behindertenparklatz parken wird. Und es würde mich nicht wundern wenn dieser auf der Wache zum Tagesgespräch wird und man sich eher darüber hinter hervorgehaltener Hand totlachen wird. Du kannst ja mal Otto oder auch Emma Fragen wie die das sehen. Ich persönlich sehe das ganze eher als einen Streich, den Till Eulenspiegel nicht hätte besser machen können.
    Was ich übrigens auch interessant fand das Thorsten und seine Kumples auch wenn du denen nicht im Dunkeln begegnen möchtest ziemlich selbstverständlich mit euer Behinderung umgegangen sind, was vieleicht auch damit zusammenhängt das sie ( als Biker ) immer damit rechnen müssen das ihnen sowas auch passieren kann.

  3. Aus eigener Erfahrung sind die Kerle die am meisten zum Fürchten aussehen oft die harmloseren (Solange man ihnen nicht blöd kommt). Jedenfalls hab ich persönlich zum Glück noch keine schlechten Erfahrungen mit Rockern gemacht.
    Die Aktion war sicher nicht rechtens auch wenn die Idee dahinter nett war. Glaub es war in jedem Fall gut dass ihr nicht abgewartet habt wie das ganze ausgeht.

  4. Ich hab herzlich gelacht. Ich mein, mithilfe der Baumarktkameras lässt sich das ggf. schon aufklären, und strafbar… wenn, dann ist die Schuld für die Nötigung so gering, dass Torsten da freigesprochen würde. Immerhin müsste der Genötigte ja sein Fehlverhalten eingestehen, und auch wenn das verkehrsrechtlich keine Folgen hätte (weil Privatgrund), liest da jeder Amtsrichter dem Falschparker die Leviten.

    Aber tatsächlich ticken manche Rocker so.
    Altes Volksparkstadion, in den 70ern. Eine Schiedsrichterin nutzt den kostenlosen Eintritt im Stehbereich des HSV. Steht fast ganz oben im Rang. Unten stehen die Rocker (Hells Angels usw.). Kommt ein Lederteufel von oben und will zu seinen Kumpels. Sieht die junge Frau und brüllt los: „Ey, Mädchen, Du kannst ja gar nix sehen! Komm mit!“ Eh sie begreift, was passiert, schleift er sie hinter sich her die Treppe runter, schiebt alles aus dem Weg, was ihm dumm kommt, stellt sie unten an einen Wellenbrecher und brüllt: „So is besser, ne? Viel Spaß!“ Und verschwindet in der Menge bei seinen Kumpels.

    Gleiches Stadion, gleiche Frau, ähnliche Zeit, anderes HSV-Spiel. Es ist gerammelt voll. Kommt von oben ein breitschultriger Motorradrocker, so richtig wie man ihn sich vorstellt: 2x2x2 Meter und nen Kopf wie ein Hauklotz – Bud Spencer in der Türsteherversion. Er hält vier dünne Plastikbecher überm Kopf. Und er kommt und kommt nicht durch zu seinen Leuten. Da brüllt der los: „Mich könnt Ihr gerne zerquetschen, aber lasst mein Bier heil!“

    Hat mir die Frau erzählt. Und aus familiären Gründen habe ich keinen Grund für Zweifel…

  5. Ich finde die Aktion irgendwie großartig. So muss der Falschparker ja quasi der Polizei gegenüber sein ignorantes Fehlverhalten als Grund angeben, warum er sie jetzt aufsucht… Das hat schon fast Charakter einer versehentlichen Selbstanzeige. Und da alles faktisch wieder rückgängig gemacht wurde, liegt von Thorsten keine große Sache vor. Geschichten erzählen kann man viel…
    Gerade unter den Bikern sind die optisch gefährlichsten oft die liebsten Menschen unter der (richtigen) Kutte… Harte Schale, weicher Kern zum Knuddeln…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

siebzehn + neunzehn =