Kein Triathlon II

Am Freitag nach der Arbeit holte ich Christin von zu Hause ab. Sie stand mit ihren zwei großen Schwimmtaschen und einer Zelttasche und einem großen Beutel mit einem Luftbett bereits vor der Tür und wartete auf mich. Auch wenn wir erst in zehn Minuten verabredet waren. Sie lud ihre Sachen hinten ein, setzte sich auf den Beifahrersitz und sagte: „Ich bin so aufgeregt.“ – Dabei schwimmt sie regelmäßig im In- und Ausland diese langen Strecken und das gar nicht mal so schlecht. Vier Stunden hatten wir für die Fahrt eingeplant. Bei Außentemperaturen von über 30 Grad lobte ich mir die Klimaanlage im Auto. Die Autobahn war relativ leer. Wir kamen sehr gut durch. Schon nach zwei Stunden waren wir an der Bundesgrenze, nach einer weiteren am Zielort angekommen. Zeltplatz sofort gefunden, einen schönen, großen Rasenplatz, durch Hecken eingegrenzt, mit Parkmöglichkeit für das Auto zugewiesen bekommen, Zelt aufgebaut, mein Luftbett von einem Kompressor am Stromanschluss des Autos aufblasen lassen. „Muss ich meins auch aufblasen oder reicht eins für uns beide?“, fragte sie. Das Zelt hatte zwei Kabinen und in der Mitte einen überdachten Eingang, war auf vier erwachsene Personen ausgelegt. Ich antwortete: „Meinetwegen kannst du auch mit auf meiner Luftmatratze schlafen. 140 cm sollten für zwei Leute reichen.“

Am Abend fuhren wir zu dem See, an dem Samstag und Sonntag der Wettkampf stattfinden würde. Einige Schwimmerinnen und Schwimmer gaben sich eine letzte Trainingseinheit. Ein Ponton aus vielen kleinen Plastikeinheiten war aufgebaut und schaukelte in ein paar Miniwellen. Einige Fahnen wehten müde im Wind. Im Organisationsbüro konnten wir unsere Unterlagen abholen und mussten mein Startgeld bezahlen. Christin übersetzte für mich und half mir bei der Kommunikation. Die Menschen vor Ort seien sehr gespannt auf mich, es sei das erste Mal, dass eine Rollstuhlfahrerin teilnehme, aber man sei erwartungsvoll und neugierig. Und selbstverständlich könne Christin mich mit einem Begleitkajak unterstützen. Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, kam aus dem Nebenraum ein etwas kräftiger gebauter Mann Anfang 50, mit weißem Hemd und Krawatte, und gab mir die Hand. Er entschuldigte sich für sein schlechtes Schul-Englisch, aber die Kommunikation klappte. Er erkundigte sich nach unserer Anreise und wo wir schlafen werden. „Ich habe mir nicht vorstellen können, dass diese langen Strecken auch für Menschen im Rollstuhl interessant sein könnten, daher haben wir es nicht so ausgeschrieben. Mein Fehler. Aber wenn Sie hier zurecht kommen, freue ich mich über Ihre Teilnahme. Und so sportlich wie Sie aussehen, habe ich daran gar keine Zweifel. Werden Sie etwas Außergewöhnliches benötigen?“

Ich kannte mich mit Freiwasserschwimmen nicht so gut aus, dass ich alle Eventualitäten überblicken konnte. Ich guckte Christin fragend an und sie antwortete in der Landessprache: „Bitte keine Besonderheiten. Meine Freundin liebt es, wenn sie genauso behandelt wird wie alle anderen auch. Mit allen Konsequenzen. Sie wird nur nicht im Stehen starten können, sondern sie wird sich mit dem Po an die Stegkante setzen und sich dann ins Wasser fallen lassen.“ – Der Mann antwortete: „Also müssen wir nichts mehr extra vorbereiten?“ – „Nein, und bitte auch keine besondere Aufmerksamkeit. Also keine Ansprache, dass der Bürgermeister sich freut, dass 43 Männer, 42 Frauen und eine Rollstuhlfahrerin teilnehmen, die besondere Rücksichtnahme benötigt. Und auch keine gelbe Badekappe mit drei schwarzen Punkten für sie. Sie hat dasselbe Recht, einen Kick ins Gesicht zu kriegen wie alle anderen auch.“ – „Ich glaube, ich habe verstanden.“

Zuerst fuhren wir zu einem Supermarkt, Wasser und ein paar Lebensmittel für das Wochenende kaufen, anschließend wollten wir noch etwas zu Abend essen. Während ich mir beim Italiener nur noch einen Salatteller bestellte, bekam Christin einen richtig üppigen Nudelteller serviert. „Yummy“, meinte sie und futterte. Als wir wieder am Zelt waren, zeigte das Thermometer noch 25 Grad. Und es war bereits nach 22 Uhr. Wir hatten eine kleine Akkulampe im Zelt, sodass wir uns zurechtfinden konnten. In einem Haus waren Duschen, Waschbecken und Toiletten, sogar eine barrierefreie war dabei. Wir putzten zusammen Zähne. Als wir endlich im auf dem aufgeblasenen Bett lagen, den weit geöffneten Schlafsack nur einmal quer über die Hüfte gelegt, sagte Christin: „Was für eine Wärme im Zelt. Ich habe das Gefühl, das Mückengitter lässt überhaupt keine kühle Luft durch. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es draußen keine kühle Luft gibt. Am liebsten würde ich mein Top ausziehen. Stört es dich?“ – „Von mir aus kannst du auch nackt schlafen“, sagte ich, und es war in dem Moment von mir mehr Scherz als Ernst. Christin sagte aber in völlig naivem Tonfall: „Ich glaube, das mache ich wirklich.“

Kurz darauf lag sie dann tatsächlich völlig unbekleidet neben mir. Oder eher hinter mir, da ich ihr den Rücken zugedreht hatte. „Du bleibst angezogen und schwitzt lieber?“, fragte sie. Es war wirklich warm. Ich setzte mich auf, zog mein Top aus und legte mich wieder hin. Christin flüsterte: „Hose aus! Hose aus! Hose aus!“ – Ich antwortete leise: „Was geht denn bei dir ab? Hast du irgendwas mit mir vor? Ich meine: Außer Schwimmen?“ – Christin flüsterte: „Ja.“ – „Und was?“ – „Ich mache jetzt ein schickes Foto von uns beiden und dann lade es bei Insta hoch“, sagte sie, hielt ihr Handy in der Hand. Einen Moment später blitzte es einmal. Ich drehte mich um und sagte: „Hey, du spinnst wohl. Das möchte ich nicht.“ – „Zu spät. Ich habe dich gut getroffen.“ – Eigentlich hätte mir in dem Moment klar sein müssen, dass sie mich mal wieder neckt. Wurde es aber erst, als sie sagte: „Du musst mir schon das Handy wegnehmen, wenn du noch was retten willst.“

Sie wollte sich mit mir raufen. Sie nackt, ich nur mit Shorts bekleidet. Und wir rauften uns. Sie war durch ihre uneingeschränkte Beinfunktion erheblich beweglicher als ich. Aber ich hatte eindeutig die stärkeren Arme und Hände. Es dauerte nicht lange, dann saß sie auf mir, hatte mich auf dem Rücken liegend zwischen ihren Beinen fixiert und drückte mit ihren beiden Händen meine beiden Hände links und recht neben meinem Kopf auf die Matratze. Endlich mal wieder jemand, der mich normal behandelt. „Gewonnen“, sagte sie. Wir benahmen uns wie kleine Kinder. Aber es machte sehr viel Spaß. Nicht nur die Albernheit, sondern irgendwie auch der körperliche Kontakt. Es fühlte sich schön an. Während Christin mich festhielt, kitzelte sie mich mit ihren Haarspitzen im Gesicht. „Du bist mir völlig ausgeliefert, das weißt du, oder?“, fragte sie. Ich versuchte, meine Hände nach oben zu drücken. Keine Chance.

„Ich finde dich übrigens sehr lecker. Und du riechst auch sehr gut“, sagte sie mir. Frei raus. Vermutlich ohne nachzudenken. Was ich toll fand. Nicht nur wegen des Kompliments an sich, wenngleich ich nicht „lecker“ gesagt hätte, sondern auch wegen ihrer Direktheit. Allerdings könnte das auch schief gehen. Konnte sie sich sicher sein, dass es mir nicht zu weit ging? Hatten wir nicht noch ein ganzes Wochenende vor uns, an dem wir eigentlich schwimmen wollten? Also vor allem sie?

Sie machte keinen Hehl aus ihren Absichten. Und es gefiel mir. „Schmusen wir ein wenig? Vorausgesetzt, bei dir zu Hause wird niemand eifersüchtig.“ – „Ich bin Single“, sagte ich ohne nachzudenken und wusste in dem Moment, ich würde mich auf irgendetwas einlassen wollen. Auf etwas Festes eher nicht, aber eine schöne Nacht zu zweit geht, vier Jahre nach der letzten richtigen Partnerschaft, auch mal so, oder?! Unkompliziert. Nicht nachdenken.

„Ich habe kein Foto gemacht. Das war nur die Taschenlampe. Ich wollte, dass du dich mit mir raufst und der Plan ist zumindest halb aufgegangen.“ – Ich war so hin- und hergerissen, ob ich meine Hose ebenfalls ausziehen sollte. Ich hatte seit vielen Jahren endlich mal wieder so ein Kribbeln im Bauch. Ganz intensiv. Sie drängte mich nicht weiter dazu, und ich glaubte auch, sie wusste bereits, warum ich die Hose nicht auszog. Spätestens als sie auf mir gesessen hat, dürfte sie es gemerkt haben. Oder vielleicht hatte sie mich bei der Rangelei auch bereits am Po berührt. Querschnittlähmung ist wirklich nicht immer einfach. Auch wenn ich viele Alltagssituationen bis hin zu irgendwelchen dämlichen verbalen Anwürfen inzwischen locker bewältige, das hier war trotz aller Unkompliziertheit keine Alltagssituation. Auch nach 10 Jahren nicht. Christin und ich lagen inzwischen mit den Gesichtern zueinander im geringen Abstand nebeneinander, in völliger Dunkelheit, und sie streichelte meinen Unterarm.

„Ich habe übrigens meine Hose noch an, weil … also ich bin so unvorbereitet, weil …“, stammelte ich mir zurecht. Nein, das wird nichts. Mein Kopf wollte nicht. Sie sagte: „Weil du deine Regel hast. Möchtest du einen Tampon?“ – „Nein, ich … bei einer Querschnittlähmung …“ – Sie unterbrach mich: „Achso, du bist undicht?“ – Sie war so umkomplizert. „Sozusagen. Normalerweise nicht, aber es könnte eben was passieren.“ – „Wie hoch ist die Chance?“ – „Dass was passiert? Nachts vielleicht einmal im Monat. Oder seltener. Zu Hause schlaf ich ohne irgendwas. Aber wenn jemand mit mir im Bett ist…“ – „Zieh aus das Ding! Du schwitzt dich dadrin doch zu Tode!“, sagte sie. Ich antwortete: „Ich kann aber nicht garantieren…“ – „Du musst gar nichts garantieren. Im schlimmsten Fall haben wir morgen Sektfrühstück? Damit kann ich leben. Echt jetzt. Dafür würde ich sogar mein großes Schwimmhandtuch opfern.“ – „Ich bin da wirklich sehr ängstlich.“ – „Und für mich ist es überhaupt kein Problem“, sagte sie und zog meinen Kopf zu sich heran, als wollte sie mich trösten. „Ich bewundere deine Stärke und deine Ausstrahlung. Du bist eine sehr erotische Frau. Ein undichter Beckenboden tut dem keinen Abbruch. Finde ich.“ – „Wer von uns beiden hier wohl stark ist.“ – „Du. Und mir ist es egal, ob ich tollpatschig ein Glas umkippe oder bei dir was rausläuft, was bei anderen Leuten drinnen bleibt. Aber wenn es dir lieber ist, lässt du die Hose an.“

Nein, es war mir nicht lieber. Und es ist auch alles gut gegangen. Es war ein sehr schönes Erlebnis. Es ist am Ende gar nicht so viel passiert, sondern wir haben uns gegenseitig den Rücken gestreichelt, sie hatte eine Zeitlang ihr Bein locker zwischen meinen Knien, es war sehr entspannend und angenehm. Auch wenn wir beide nackt waren, gab es keine intime Berührung. Auch keinen Kuss.

Cliffhanger – Fortsetzung folgt!

3 Gedanken zu „Kein Triathlon II

  1. > Auf etwas Festes eher nicht, aber eine schöne Nacht zu zweit geht, vier Jahre nach dem letzten Freund, auch mal so, oder?! Unkompliziert. Nicht nachdenken< ähm jetzt bin ein wenig irritiert, wenn ich mich recht erinnere hat doch dein letzter Freund vor Anfang 2018 kurz nach deinem Hauskauf mit dir Schluss gemacht das ist aber keine 4 Jahre her, oder zählst Du diesen nicht las letzten FESTEN Freund ?

  2. Wenn es die Sprache ist, die ich denke das es ist, wird “lecker” ganz viel benutzt.
    Das kann „schön“, „toll“, „angenehm“, „hübsch“, „entspannt“ und viel mehr meinen.
    Das ist ein Wort das ganz viele Bedeutungen hat und regelmäßig als ein Füllhorns benutzt wird.

    z.B. „Wir liegen lecker in der Sonne“ 😉

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