Popo gerettet

Mein Chef möchte, dass ich um sechs Uhr einsatzbereit an meinem Arbeitsplatz bin. So hat er es mir in den Dienstplan schreiben lassen. Damit ich mich vorher noch umziehen und auch noch einmal pullern kann, bin ich etwa 30 Minuten vor Dienstbeginn auf dem Parkplatz. Bei rund 45 Minuten Anfahrtszeit (nachts, ohne Ampeln) muss ich um 4.45 Uhr zu Hause los. Ich muss halt am Abend früh ins Bett, dann macht mir das frühe Aufstehen auch nichts aus.

Die Kollegin, die nachts im Bereitschaftszimmer geschlafen hatte, übergab mir zwei ruhige Stationen. Sie habe die ganze Nacht durchschlafen können. Allerdings habe sich der Oberarzt krank gemeldet. Der Chefarzt käme gegen 9 Uhr, so lange müsste ich ohne Hintergrunddienst arbeiten und ihn bei wichtigen Fragen anrufen. Okay, ich muss das nicht verantworten. Wenn der Chef das so entscheidet, ist das seine Sache. Und ein wenig wohl auch ein Vertrauensbeweis. Hoffe ich.

Eine Ambulanz für Kinder haben wir nicht, und Kindernotfälle werden über die allgemeine Notaufnahme aufgenommen, in der Regel wird dort ein Kinderarzt hinzugeholt. Was an diesem Morgen schwierig werden würde, denn ich bin ja keine Kinderärztin. Bis 7 Uhr war alles ruhig, dann kam eine Familie aus Estland direkt auf meine Station. Sie sprach nur wenige Worte Deutsch. Ich bekam heraus, die Familie sei in der letzten Woche angereist, würde Urlaub machen. Das Kind sei 12 Jahre alt und habe vor sechs Wochen, wenn ich den Zeitpunkt richtig verstanden habe, einen künstlichen Darmausgang angelegt bekommen, nachdem der Dickdarm komplett entfernt worden war. Wieso man dann nach sechs Wochen so eine Reise macht, weiß ich nicht, ich kann es aber auch falsch verstanden haben. Seit Freitag abend ging es dem Kind nun nicht gut, es käme kein Stuhl mehr aus dem Darm, stattdessen müsse sie ständig spucken, habe keinen Appetit und seit gestern auch Fieber und Bauchweh.

Es gibt Leute, die kommen wegen jedem Scheiß in die Notaufnahme. Wadenkrampf, Blähungen, eingerissener Fingernagel. Und es gibt welche, die haben ein massives Problem und kommen nicht. Weil sie angeblich nicht wussten, dass sie auch am Wochenende kommen könnten. Eine Blutuntersuchung brachte hohe Entzündungswerte und eine Übersäuerung zu Tage. Ich versuchte, den Chefarzt zu erreichen, das Handy war aber aus. Oder im Funkloch oder sonstwas. Jedenfalls kam: „Der Teilnehmer ist vorrübergehend nicht zu erreichen. Bitte versuchen Sie es später wieder.“

Tja. Aus der Notaufnahme war auch kein Kollege abkömmlich, der mir vielleicht beim Entscheiden helfen könnte, von daher entschied ich mich, einen Rettungswagen zu bestellen und das Mädchen sofort in eine andere Kinderklinik mit entsprechenden Versorgungsmöglichkeiten, also Bauch-Chirurgie, verlegen zu lassen. Eine Entscheidung, die mir nicht zusteht. Aber wenn das ablief, was ich vermutete, nämlich ein verschlossener und bereits perforierter Dünndarm mit Nahrungsbrei in der Bauchhöhle (was den sauren Wert erklären könnte), dann sind wir schon mittendrin im Wettlauf ums Überleben. Die Sauerei bekommt man primär schnell in den Griff, aber die Entzündung und Blutvergiftung, die wird mit jeder Stunde Zuwarten schwerer beherrschbar. Und irgendwann dann auch gar nicht mehr.

Ich hätte versuchen können, erstmal noch Bilder zu bekommen. Dann hätte ich eine Sicherheit. Aber die zwanzig Minuten könnten später genau die zwanzig Minuten sein, die über Leben oder Tod entscheiden. Andererseits kann das Mädchen auch irgendwas vergleichsweise Harmloses haben. Und ich mache hier wegen etwas mehr als einem Bauchgefühl so eine Welle. Allerdings dachte ich mir: Wenn man mir solche Verantwortung mit meiner wenigen Erfahrung überträgt, darf man mir auch nicht übel nehmen, wenn ich sie so Ernst nehme, dass ich am Ende übers Ziel hinausgeschossen bin. Ich machte also die Papiere fertig und unterschrieb etwas, was ich nicht selbst unterschreiben darf. Zumindest nicht ohne Rücksprache. Telefonierte mit der Klinik, in die ich sie schicken wollte. Ja, sie könne kommen, man bereite sich vor.

Socke verlegt eine Patientin ohne Rücksprache. Stellt eine Verordnung für einen Rettungswagen aus. Die donnern mit Lalülala eine Dreiviertelstunde durch mehrere Landkreise, sind über Stunden gebunden. Obwohl hier die Rettungsmittel sowieso schon knapp sind. Die Kollegen im anderen Krankenhaus sind mit einem kompletten Kinder-OP-Team in Habachtstellung, schauen einmal drauf und wundern sich, machen dann ein Bild, stellen fest, dass es doch „nur“ ein Darmverschluss (also ohne Perforation) ist, und rufen meinen Chef an, ob wir bei uns noch alle Tassen im Schrank haben. Kostet mich das meinen Job?

Der Rettungswagen ist gerade abgefahren, da ruft der Chefarzt zurück. Er sei auf dem Weg in die Klinik. Ja, habe sich inzwischen erledigt, sage ich. Jetzt ist alles gelaufen. So ein Aufriss. Das war bestimmt die falsche Entscheidung, denke ich immer wieder. Um kurz vor neun Uhr ist endlich ein erfahrener Kollege da. Um neun Uhr kommt der Chefarzt. Um Zehn nach Neun werde ich von der Chefsekretärin angepiept: „Mal bitte in mein Büro.“ – Das gibt jetzt einen richtigen Anschiss. Und während ich im Aufzug stehe, überlege ich noch, ob ich lieber den Kopf einziehe oder lieber den Rücken gerade mache. Rücken gerade machen könnte taktisch unklug sein, ich möchte ja eigentlich, dass man mir was zutraut.

„Frau Socke, kommen Sie rein. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie heute morgen ein junges Mädchen nach [andere Stadt] verlegt haben. Die Kollegen wollten wissen, ob wir Bilder haben oder weitere Unterlagen. Haben wir doch nicht, oder?“ – Ich schüttelte den Kopf. Und erwartete ein: „Sind Sie eigentlich nicht ganz dicht, ohne Bilder solche Entscheidung zu treffen? Die Ihnen noch nicht mal zusteht?“ – Stattdessen kam eine weitere Nachfrage: „Woher kam die?“ – „Die Familie hat hier Urlaub gemacht. Die Tochter ist in ihrer Heimat Estland operiert worden.“ – Er blätterte in meinem Bericht. Und sagte dann: „Die Kollegen haben da literweise Soße aus dem Bauchraum geholt. Wir können für das Mädchen nur hoffen, dass sie die nächsten Tage überlebt.“ – „Dann war mein Handeln also so in Ordnung?“ – „In Ordnung? Sie haben uns den A*sch gerettet, Frau Socke. Dafür kann ich mich gar nicht oft genug bei Ihnen bedanken.“

Ich mag nicht daran denken, was los gewesen wäre, wenn ich das Mädchen nicht sofort verlegt hätte. Was sein Lob angeht, darf die Woche aber gerne so weitergehen.

Nachtrag:
Mehrere Leserinnen und Leser beschwerten sich, dass meine eher harmlosen Beschreibungen einer Bauchfellentzündung für diejenigen unerträglich seien, die selbst schon einmal eine solche durchgemacht hätten oder aufgrund ihrer Tätigkeit regelmäßig damit konfrontiert werden. Tatsächlich habe ich in meinem Beitrag ganz bewusst einige unappetitliche Details ausgelassen. Es ist und war natürlich niemals meine Absicht, jemanden zu nahe zu treten. Auf einzelne Anmerkungen gehe ich mit einem zusätzlichen eigenen Kommentar ein, siehe unten.

29 Gedanken zu „Popo gerettet

  1. Gut gemacht! Offensichtlich hatte er die Verantwortung stillschweigend delegiert, und Du hattest sie verdient.

    Aus reiner Neugier zwei Fragen:
    – Wenn es auf Minuten ankommt, warum nicht gleich ein Heli? In Göttingen vor 25 Jahren hat man die ständig gesehen, das war die Zeit, als Studien rauskamen, dass die gesparten 3-5 Minuten (weiter als 8 Minuten ist dort keine Straße dort von einer Rettungswache weg) mehr sparen als der Heli kostet. Es ist sogar mehrfach einer auf der Wiese vor meinem Wohnblock gelandet, wenn unten in der Arztpraxis ein Notfall war.
    – Wenn wirklich Not ist, könnte so eine Not-OP nicht auch jedes Kreiskrankenhaus machen?

  2. Respekt. Das ist wahnsinnig schwer da auf das Bauchgefuehl zu hoeren und richtig Aerger in Kauf zu nehmen.
    Habe einmal einen Polizeieinsatz inclusive Bahnstreckensperrung iniitiert wegen einem Menschen neben! den Bahnschienen. Mein Bauchgefuehl sagte mir, dass die Person plante sich vor nen Zug zu schmeissen und ich habe auf dem Weg zu der Person schon die Polizei gerufen. Stellte sich hinterher als richtig raus. Aber als Die Polizei ankam und mich die Person festhalten sah und ich ihnen nur sagen konnte, dass die Person kein Wort gesagt hat, wurde ich schon sehr schraeg angeguckt.
    Abends bekam ich dann einen Dankesanruf von der Polizei, die merklich erstaunt waren, dass mein Bauchgefuehl sich als komplett richtig erwiesen hat.
    Aber ich hatte zwischendurch auch mit allem gerechnet, von Anzeige wegen dem Festhalten zu uebertriebenen Polizeieinsatz.

  3. Tja intuitiv mal wieder ins Schwarze getroffen. Wie sagte mal dein „Kuschel“ Professor.
    „Weil Sie sich eine so vielfältige Routine angeeignet haben, dass Sie auf Anhieb die Dinge sehen, die Sie sehen müssen.“ Aber genau DAS macht eine gute Ärzin aus.
    Das und den Mut auch möglicherweise falsche Entscheidungen zu treffen. Würde mich übrigens nicht wundern wenn Dein Chef oder andere Kollegen gerade wegen Deinen Leistungen Die Möglichkeit zu Promovieren zur Sprache bringen
    Vielen Dank für diesen Blog Eintrag.

  4. Gut gemacht, weiter so (wenn so etwas von einem Schwaben kommt, dann ist das schon ein großes Lob).
    Auch wenn es Anschiss gegeben hätte, wenn sie dich alleine lassen und du niemanden erreichst, dann musst du im Notfall etwas tun, alles andere wäre grob fahrlässig/unterlassene Hilfeleistung. Alles Gute für die Kleine, hoffentlich schafft sie das.

    Als ich beim Frühstück zuerst nur die Artikelüberschrift gesehen habe, musste ich innerlich lachen und fragte mich, ob nun etwas über Christin kommt, oder sonst wieder eine Fäkalgeschichte, an das Sprichwort habe ich zuletzt gedacht, auch wenn ich deinen Tweet gestern gesehen hatte. Vielleicht bin ich morgens auch nur ein bischen langsam, aber deine Überschriften sind öfters suggestiv eindeutig-zweideutig, das ist echt preisverdächtig und gibt von mir auch ein ganz großes Lob.

  5. Wow, alle Achtung und Glückwunsch zu der Entscheidung!
    Du hast zu deinem Wissen die richtige Intuition, das zeigt sich auch bei anderen Blogeinträgen wie z.B. dem mit der Lungenembolie deiner Vereinskollegin. Klasse!

  6. Danke für Deinen Blogeintrag, Jule! Als ich Deinen Tweet gelesen habe, hatte ich schon gehofft, dass Du die Sache noch ausführlicher in einem Blogeintrag beschreibst. Sieh es doch so: Durch Dein beherztes Eingreifen, das Hören auf Dein Bauchgefühl bei noch spärlicher Faktenlage und durch Dein Überschreiten Deiner Kompetenzen hast Du dem Mädchen eine viel größere Chance gegeben, zu überleben. Ob sie es wirklich schafft, wissen wir leider noch nicht, aber mit etwas Glück hast Du nicht nur Deiner Klinik das Hinterteil gerettet und dafür ein großes Lob von Deinem Chef bekommen, sondern auch noch ein Leben gerettet.
    Auf jeden Fall würde ich mir sehr wünschen, falls ich mal als Patient oder als Begleitperson in eine ähnliche Situation kommen sollte, dass es dort eine Ärztin oder einen Arzt gibt, die oder der sich ähnlich beherzt einsetzt und dafür eventuell sogar eigene Nachteile riskiert.
    Viele liebe Grüße, Wulf

  7. @Taste:
    1. Heli wäre vermutlich nicht schneller gegangen. Wir haben keinen Landeplatz, also müsste der Notarzt erstmal zu mir zur Übergabe gebracht werden und anschließend die Patientin im RTW erstmal zu einem Landeplatz. Vorher hätte das Ding rund 10 Minuten Anflugzeit gehabt. Sie hat mehrmals erbrochen. Mit dem Darm sind verschiedene Komplikationen denkbar, die man im Flug nicht versorgen kann. Und so weiter.
    2. Wir könnten es nicht. Wir haben keine Bauch-Chirurgie bei uns. Die Patientin ist bereits sauer und fiebrig, der Bauchraum vermutlich entzündet. Es ist ein Kind. Alles schlechte Vorzeichen für eine lange Narkose. Ich kenne weder die Grunderkrankung (vermutlich Colitis ulcerosa), noch die vermutlich ähnlich dramatische Vorgeschichte, die zur radikalen Entfernung des Dickdarms in dem Alter geführt hat (vermutlich toxisches Megakolon). Ich habe einen relativ frisch operierten Bauch. Ich muss nicht nur schon wieder alles rausnehmen und sauber kriegen, ich muss ja auch die Leckage finden, den künstlichen Darmausgang vermutlich neu anlegen. Das muss auf Anhieb alles richtig sein. Es kann Komplikationen geben, nicht nur im Bauch, sondern auch bei der Narkose. Das müssen Leute machen, die sich damit bestens auskennen und schnelle Routine haben.

  8. Meine Güte. Das arme Kind muss doch höllische Schmerzen gehabt haben…. hoffentlich kommt sie durch. Wie gut, dass es an dich als Ärztin geraten ist. Alles richtig gemacht, Socke!

  9. Anerkennung für gute Leistungen zu bekommen ist noch immer nicht üblich. Daher auch ein an den CheffBoss!

    Und Dir Glückwunsch zu einem guten CheffBoss 😉

  10. Ui, Glückwunsch zu einer weiteren goldrichtigen Diagnose 🙂
    Manchmal muss man etwas riskieren – aber ehrlich? du kannst deine Maßnahme begründen. Du stehst hinter deiner Maßnahme. Du hast das Risiko sorgfältig abgewägt, du bist der Überschreitung der Kompetenzen bewusst gewesen, hast jedoch versucht das zunächst ordentlich abzuarbeiten.
    Von daher.. alles Richtig gemacht 🙂
    So, und nun habe ich eine Frage 😉 Wenn der Dünndarm perforiert, dann ergißt sich der Stuhl in den Bauchraum, entzündet sich, Folge eine Peritonitis. Sollte dies nicht höllisch wehtun? Einer mir bekannten Person ist dies aus dem nichts passiert (vorbekannte Divertikulitis), die hatte es einmal ordentlich gluggern gehört, und dann nur noch Schmerzen des Todes gehabt. (sie überlebte es letztlich und ist wieder ganze die Alte)

  11. Ich fass es nicht… ich komme gerade von einem Artikel über Sepsis, ausgelöst durch eine Operation wegen Leistenbruchs. Ein 44jähriger Mann, der jetzt blind ist, doppelt unterschenkelamputiert und natürlich auch sonstige Schäden. Und jetzt hier quasi nochmal in Grün.
    Jule, du bist ein Segen, nicht nur für dein Krankenhaus und dieses Kind, sondern auch sonst. Bitte höre immer weiter auf dein Bauchgefühl.

    Salat

  12. @Clavicular: „Wenn der Dünndarm perforiert, dann ergißt sich der Stuhl in den Bauchraum, entzündet sich, Folge eine Peritonitis. Sollte dies nicht höllisch wehtun?“

    Richtig, sowas tut höllisch weh. Das tut so weh, dass man damit nicht mehr bis zum Montagmorgen wartet, wenn sowas am Freitag losgeht. Die Patientin hätte auch direkt in die Notaufnahme gehört. Meine erste Annahme, dass die Kollegen sie dort abgelehnt haben, weil die Notaufnahme übervoll war (sogar abgemeldet war), hat sich inzwischen nicht bestätigt: Die Eltern haben sich mit dem Taxi bis vor den Haupteingang fahren lassen und sich selbst einen der dort herumstehenden Rollstühle zum Transport der Tochter geschnappt.

    Die Tochter war zwar sehr unruhig und konnte vor Schmerzen weder ruhig sitzen noch ruhig liegen, kniete sich selbst auf der Liege immer wieder hin, um ihre Lage zu ändern, aber die Schmerzen und die weitere Symptomatik entsprachen lange nicht dem, was üblicherweise bei einer Bauchfellentzündung zu erwarten gewesen wäre. Von daher war ich mir auch bis zuletzt unsicher, was da wirklich vorliegt. Beispielsweise ein Darmverschluss (ohne dass Nahrungsbrei austritt) kann ebenfalls sehr schmerzhaft sein, ist aber im Verhältnis erstmal weniger dramatisch.

    Dass die operierenden Kollegen angegeben haben, sie hätten „literweise Soße“ aus dem Bauchraum geholt, passt insoweit auch eher nicht zu meinem Befund. Entweder haben die oder mein Chef übertrieben, oder die richtige Sauerei ist erst nach meiner Untersuchung passiert. Ob das Mädchen das überlebt, werden die nächsten Tage zeigen. Die Gefahr ist ja die sogenannte Blutvergiftung, die selbst Tage nach einer „geglückten“ OP noch größte Schwierigkeiten machen kann.

  13. Wie kann man von dem Eintrag getriggert werden?

    Und warum erwarten Menschen überall nur für sie und zu Lasten aller anderen einen Safe Space? Das ist doch sehr egoistisch.

  14. Hubschrauber brauchen nicht zwingend einen ordentlichen Landeplatz. Im Notfall landen die auch auf der nächsten größeren Kreuzung, Sportplatz oder Parkplatz. Kreuzung macht die Polizei rasend schnell dicht, dann steht da erst einmal der Hubschrauber und sammelt in aller notwendigen Ruhe den Patienten ein.

    Ist übrigens eine coole Entschuldigung, warum man zu spät kommt. „Mir stand eine Bell UH-1D im Weg, und die Polizei hat mich nicht vorbei gelassen.“ Und die hab ich erst einmal benutzen müssen. Ich war schon ziemlich beeindruckt, dass der Pilot den Hubschrauber mal eben so zwischen Laternen und Ampeln einsortiert hat. Mancher Mitmensch hätte Probleme gehabt, seinen PKW auf der Kreuzung zu wenden.

    Ich hab auch schon mehrfach Hubschrauber an einem schrägen Hang hinter dem Haus eines Blutspendedienstes landen sehen, zwischen Bäumen, Bürocontainern und Baugerüsten, um wirklich dringend benötigte Blutkonserven zu einem Patienten zu bringen An der Stelle hätte ich mir eher in die Hose gemacht, als dort mit einem Hubschrauber zu landen. Aber die Rettungsflieger können das.

  15. @Peter: getriggert werden kann man von den seltsamsten Dingen. Und das ist durchaus auch nicht angenehm, von daher durchaus etwas Mitgefühl. Andererseits: wenn man weiß, dass Gesundheitsthemen kritisch sind, dann sollte man vielleicht nicht einen Blog einer Ärztin lesen, die bekanntermassen immer wieder auch von der Arbeit berichtet.
    Und wenn man’s nicht mal selbst weiß, dass diese Themen triggern, dann ist es schon ein wenig viel verlangt, von anderen vorauseilende Behutsamkeit zu verlangen.
    Egoistisch würd ich das aber nicht nennen.
    Eher hochgradig anspruchsvoll. 😉

    Salat

  16. Ich habe gerade gelesen, dass du den Beitrag zwischendurch offline genommen hast. Ich weiß natürlich jetzt nicht, was da zwischendurch an Kommentaren reingekommen ist, aber ich kann es nicht nachvollziehen. Wer ein paar Beiträge in diesem Blog gelesen hat, sollte wissen, dass du relativ direkt schreibst und auch Blut und Scheiße nicht außen vor lässt. Wer das nicht haben möchte, sollte sich nicht beschweren, sondern einfach woanders hin gehen … Das Internet ist groß …

    Ich mag deine Geschichten und lese gerne mit …

  17. Jetzt schreibe ich auch noch einen Kommentar. Ich lese hier gerne mit und lese als unmedizinischer Fußgänger den Blog einer Rollstuhlfahrerin. Dabei gibt es private Themen aber auch welche von der Arbeit. Dies ist nicht ein wissenschaftlicher Bericht, der den Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit und Benutzung der Fachterminologie hat. Entsprechend ist es vollkommen in Ordnung, das du Dinge vereinfacht darstellst und / oder für den Laien verharmlost.
    Ich möchte die Geschichte aus Deiner Sicht hören. Es geht darum was dir passiert ist und nicht die Geschichte des Mädchen. Das ist schade, aber in diesem Blog richtig. Deswegen kann man nicht erwarten die komplette Vorgeschichte und das Ende ihres Zustands hier zu finden. Zusammengefasst bleibt nur zu sagen: Schreib weiter wie du es jetzt schon tust. Du gibst am Anfang der Geschichten meist schon eine Warnung aus. Man wird es nie für alle immer ganz richtig machen.

  18. Ach, Söckchen… Du brauchst Dich für so eine Entscheidung nicht entschuldigen. Du kannst sie vertreten. Auch vor der Klinikleitung. Und zwar nicht deshalb, weil Du recht hattest mit Deiner Einschätzung einer lebensbedrohenden Situation – auch wenn es „nur“ ein Darmverschluss gewesen wäre, wäre die Entscheidung richtig gewesen, allein deshalb, WEIL das Ableben noch sehr viel wahrscheinlicher hätte sein können, wenn Du Zeit verloren hättest. (Und wenn die in der Kinderklinik deswegen sauer gewesen wären, hättest Du Dich am Telefon, je nach Stimmung, entweder wegen der Fehleinschätzung – oder sarkastisch – dafür entschuldigen können, dass die Patientin dort nicht halbtot ankam.)

    Und Du hast auch niemanden übergangen! Du bist Ärztin. Du warst die einzige Person, die eine Entscheidung treffen KONNTE. Du hattest in dem Moment die alleinige Verantwortung für das Leben Deiner Patientin. Ob Du arbeitsrechtlich, im Binnenverhältnis zwischen Dir und der Klinik, diese Entscheidung treffen durftest, ist in so einer Situation meines Erachtens nach unerheblich. Es gibt nämlich einen Grundsatz, der über dem Arbeitsvertrag steht. Der Satz „Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht“ dürfte Dir vertraut vorkommen. Du weißt, woher er stammt. Und danach hast Du gehandelt.

    Weil das eine gute Ärztin tut.

  19. Ich dachte schon, dass Du die Geschichte wegen Datenschutzbedenken offline genommen hättest, aber dafür bist Du zu erfahren. Die Kritik an der Schilderung medizinischer Details kann ich nicht nachvollziehen. Wem das zu nahe geht, sollte kein Blog einer Ärztin lesen.

  20. @Tux2000 sagt: 7. August 2019 um 21:11 Uhr
    „Aber die Rettungsflieger können das.“

    Ja, manche Menschenh sind schon krass kompetent. Manche scxhreiben nebenbei sogar noch Blogs.

    Armer Chef allerdings. So bleib t ihm außer dem Lob nix übrig. Herausfordernder wäre gewesen, zu loben, wenn doch nix passiert wäre. Dann hätte das Lob auf der richtigen Beurteilung des Risikos beruht, obwohl sich das nicht realisiert hat. „Hat sich zwar als unnötig herausgestellt, aber Sie haben uns potentiell den Allerwertesten gerettet.“

    zwei mal eins? Endlich ’ne Aufgabe auf meinem Nivea!

  21. Es ist bewundernswert, wie Sie diese Situation trotz aller Zweifel gemeistert haben.

    Bemerkenswert ist auch, dass Ihre Zweifel ausschließlich auf der Angst vor moralisch unverantwortlichen Prinzipienreiter basieren, nicht aber auf Ihre Erfahrung mit der Materie. Das sollte uns allen zu denken geben.

    Sie sind die Fachkraft und haben Expertenwissen. Das wird immer mehr mit der Zeit. Solange Fachkräftemangel herrscht, brauchen Sie sich um Ihren Job nicht zu sorgen.

  22. Laut diesem Eintrag „https://www.jule-stinkesocke.de/2010/08/endlich-volljahrig/“ müsste heute Dein Geburtstag sein. Alles Gute von einem langjährigen Leser

  23. 21. August: Herzlichen Glückwunsch zum 27. Geburtstag liebe Jule. Auf dass du noch viele Popos rettest. Und Deinen gelegentlich noch dazu.

  24. Nun ist es wieder mal passiert,
    ein Beitrag wurde kritisiert,
    weil einzelne sich echauffieren,
    bei Blut, und Darm und etwas Nieren.
    Da stöhnt es in der Community,
    so recht steril ware Jule nie!
    und der Beitrag noch recht clean,
    so dass die Kritik zu heftig schien.
    Doch der Schaden ist schon groß.
    und in dem Blog seitdem nichts los.
    So, liebe Jule, lass dir sagen,
    schlägt wem dein Schreibstil auf den Magen,
    sollte dich das nicht ins Bockshorn jagen,
    er (m, w, d) wird es sicherlich ertragen.
    Schreib weiterhin und wie bisher,
    denn deine Fans, die wollen mehr.

  25. @ Die Stimme aus dem Off sagt: 3. September 2019 um 10:38 Uhr

    Daumen hoch!*

    *: Ja liebe Kinder, sowas geht auch ohne den Datenkraken Facebook. Ob ich was? Ob ich das nicht ohne diese merkwürdigen „Buchstaben“, einfach mit Emojis sagen kann?

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