Missbilligung

Das Leben in der Gesellschaft kommt nicht ohne Regeln aus. Regeln und vor allem deren Einhaltung sind vor allem wichtig, um die Schwächeren zu schützen und für alle gleiche und faire Bedingungen zu schaffen. Auch in der Schule gibt es viele Regeln, an die sich die Schülerinnen und Schüler halten müssen. Bei Prüfungen sind beispielsweise Täuschungen verboten. Abgucken vom Nachbarn, Spicker im Mäppchen, Handy unter dem Tisch – selbstverständlich alles verboten.

Nach einer nicht-repräsentativen Sockenumfrage unter mehr als 3.000 Menschen gaben über 90% zu, zumindest gelegentlich mal geschummelt zu haben, fast 75% haben mehr gemacht als nur „mal abgeguckt“. Ich selbst habe früher mit viel Herzklopfen und großer Angst, erwischt zu werden, auch mal auf das Papier der Nachbarin geschaut, allerdings immer nur dann, wenn mir zu einer Frage so gar nichts einfiel. Und ich bin zum Glück auch nie erwischt worden.

Anders erging es Helena. Sie hatte sich für einen Englischtest einen Spickzettel geschrieben. Englisch, das einzige Fach, in dem sie eine 4 im Zeugnis hatte, setzt sie ziemlich unter Druck. Sie hatte den Test geschrieben und am Ende, weil sie sich über eine Sache unsicher war, von der sie wusste, dass sie auf ihrem Spicker stand, diesen hervorgeholt und draufgeschaut. Und hat sich dabei erwischen lassen.

Ihr Test wurde natürlich sofort eingesammelt, wobei sie allerdings ja ohnehin bereits fertig war und nur „kontrollieren“ wollte, die Lehrerin war böse und Helena kam mit eingezogenem Kopf aus der Schule. Ich merkte sofort, dass was nicht stimmte, und sie erzählte mir auch sehr rasch davon. Natürlich fand ich es nicht gut, denn die Regeln sind nunmal klar vorgegeben und jede so erzielte Leistung hat keinen Wert. Anders als bei einem sportlichen Wettkampf, bei dem man konkret jemanden schädigt, wird hier allerdings zuerst ein System betrogen, das aus meiner Sicht einiger dringender Reformen bedarf. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich sehe natürlich auch, dass Helena gelernt und sich gut vorbereitet hat. Ich sehe auch, dass sie Regeln kennt, Regeln beachtet und gezielte Versuche unternimmt, Regeln zu brechen. Ich sehe auch, dass sie Eigenverantwortung übernimmt und ein Gewissen hat. Vor allem sehe ich aber, dass sie sich inzwischen auch bei solchen Anlässen nicht in Lügen und Märchen verstrickt, sondern so viel Selbstvertrauen hat, dass sie von sich aus den Blödsinn eingesteht und Verantwortung übernimmt.

„Frau … hat mich beim Schummeln erwischt. Ich hatte einen Spickzettel dabei und bin damit aufgeflogen.“ – Ein Blick aus dem Augenwinkel, wie ich wohl reagieren würde. Ich fragte: „Das hast du gemacht? Was hast du dir denn dabei gedacht?“ – „Ich wollte einfach nur mal eine etwas bessere Leistung dazwischen haben, um nicht immer so viel Druck vor den nächsten Arbeiten zu haben.“

Den Druck macht sie sich selber. Oder das Schulsystem. Marie und ich können mit einer 4 in Englisch leben. Und ich finde ihr gesprochenes Englisch gar nicht so schlecht. Schriftlich ist es nicht ganz so gut wie mündlich, aber es ist jetzt auch nicht wirklich schlecht. Sie macht öfter Fehler, die sie im zweiten Anlauf selbst korrigieren kann. Ich möchte dem eigentlich gar nicht so viel unnötige Aufmerksamkeit geben. Aber Helena sagt: „Aus einer 4 wird schnell mal eine 5. Und die brauche ich nicht auf dem Zeugnis.“

Das Thema war eigentlich erledigt, als wir Post von der Schule bekamen. Aus Anlass ihres Fehlverhaltens mögen wir mit Helena über „durch Täuschungsversuche entstehenden Vertrauensschaden“ sprechen. Und eine „schriftliche Missbilligung“ unterzeichnet zur Schule zurücksenden. Sie bekam also einen blauen Brief nach Hause, einen Tadel – wie es in meiner ersten Schule noch hieß.

Das fand ich nun allerdings reichlich übertrieben. Einen Zettel unterschreiben zu müssen, der dann in der Akte abgeheftet wird? Und überhaupt: Vertrauensschaden? Basieren Klassenarbeiten und Englischtests neuerdings auf Vertrauen? Klar gehört Vertrauen dazu. Wie überall im Leben. Aber über 90% der Menschen haben schonmal geschummelt in der Schule. Und die sind dann alle nicht vertrauenswürdig? Und die Lehrer unter den 90%, die das Vertrauen beanspruchen wollen, sind auch darunter? Nee, Leute, kommt. Falsches Verhalten, ja. Aber schriftlicher Verweis wegen so einer Sache? Das ist überzogen.

Also habe ich der Englischlehrerin gemailt, dass ich das nicht unterzeichnen werde und um ein Gespräch bitte. Gleich am nächsten Morgen in der dritten Stunde traf ich mich mit ihr in der Schule. Helenas Klassenlehrerin kam auch dazu. Selbstverständlich hatte ich mit Helena darüber gesprochen. Ich fände es sehr schlimm, wenn sie mich da sehen würde, ohne zu wissen, was ich da wollte. Und meine Vermutung, dass das Gespräch zunächst ohne Helena stattfinden würde, bestätigte sich gleich.

Die Englischlehrerin drehte erstmal ziemlich auf und begann, mich über meine elterlichen Pflichten zu unterrichten. Dazu gehöre nicht, die pädagogischen Maßnahmen der Schule zu kritisieren oder zu kommentieren, sondern sie zur Kenntnis zu nehmen. Dazu brauchte ich gar nichts erwidern, weil die Klassenlehrerin sofort einschritt: „Frau Kollegin, ich finde schon, dass wir unser Verhalten auch immer überprüfen lassen dürfen. Und auch Eltern dürfen immer einen Anstoß dazu geben.“

Danke. Der nächste Hammer: Helena werden wegen ihrer körperlichen Einschränkung einige Sonderregeln, sogenannte Nachteilsausgleiche, zugestanden. Wie beispielsweise eine Zeitverlängerung, da sie im Vergleich zu nicht eingeschränkten Schülerinnen und Schülern langsamer schreibt. Die Englischlehrerin meinte allen Ernstes: Wenn Helena von Regelerleichterungen profitiere, sei es eine doppelte Ohrfeige, wenn sie diese Regeln, die ihr einen Bonus verschafften, mit Füßen treten würde.

Bonus? Ernsthaft? Mir platzte echt der Kragen: „Wenn vor einem Pflegeheim die Fußgängerampel nur sechs Sekunden grün zeigt, so dass selbst fitte Fußgänger fast sprinten müssen, um rechtzeitig auf die andere Seite zu gelangen, und man dann wegen des Pflegeheims die Phase auf 12 Sekunden verlängert: Zahlen dann alle Senioren ab 65 doppeltes Bußgeld, wenn sie noch schnell bei Rot mit ihrem Rollator über die Straße hüpfen und dabei vielleicht noch den moralischen Umstand ausnutzen, dass kein Autofahrer sich traut, gebrechliche Menschen anzuhupen?“

Die Englischlehrerin holte Luft, aber die Klassenlehrerin war schneller und vermittelte gleich: „Frau Socke hat Recht. Was Frau [Englischlehrerin] meint: Helena, die Nachteilsausgleiche in Anspruch nimmt, weiß einmal mehr, wie wichtig fair erreichte Leistungen sind. Da wirkt es besonders, wenn sie dann wissentlich die Regeln bricht, nachdem sie für mehr Fairness gekämpft hat.“

Ich antwortete: „Mit Verlaub, das sehe ich etwas anders. Jeder, der in der Schule schummelt, weiß, dass er eine Regel übertritt. Manche Menschen kalkulieren sogar einen Regelübertritt. Wenn der Handwerker auf der Autobahn schneller fährt, weil er sich ausrechnet, dass 35 Euro Verwarngeld günstiger sind als ein verlorener Auftrag. Wenn der Sportler ein taktisches Foul macht, um einen neuen Einwurf zu provozieren. Es gibt sicherlich noch Dutzende Beispiele. Wie verwerflich und unfair ein Regelübertritt ist, bemisst sich nicht daran, wie sehr jemand um seine Rechte kämpfen musste und wie rechtskundig jemand durch diesen Kampf geworden ist. Sondern im Sinne der Gleichbehandlung bitte an Faktoren, die für alle gleichermaßen gelten. Wie beispielsweise die Moral.“

Darauf die Englischlehrerin: „Moral, da sagen Sie was. Ich kann nicht auf der einen Seite die Moral für mich in Anspruch nehmen, mit der die Gesellschaft meine Behinderung respektiert, und auf der anderen Seite die Moral mit Füßen treten.“ – Ich reagiere ja höchst allergisch auf eine Haltung, mit der jemand für zuerkannte Rechte (wie Parken auf Behindertenparkplätzen oder ermäßigten Eintritt für Menschen im Rollstuhl) Dankbarkeit erwartet. Diese Rechte sind meistens hart erkämpft worden, und meistens gleichen Sie einen Missstand aus, von dem derjenige, der die (meistens auch noch persönliche) Dankbarkeit erwartet, oft gar keinen Schimmer hat.

Auch das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen: „Eine Beeinträchtigung zu respektieren hat doch nichts mit Moral oder Anstand zu tun. Es nicht zu tun und jemanden zu behindern, beispielsweise mit der Forderung nach gleich schneller Erledigung einer geistigen Aufgabe, für die jemand aufgrund einer körperlichen Beeinträchtigung mehr Zeit braucht, wäre ein moralisches Problem. Unser Bildungssystem reagiert auf seine eigenen Schwächen und die daraus entstehenden Benachteiligungen inzwischen mit Nachteilsausgleichen. Sie sind ein Instrument, das rechtlich bindend ist und keine Almosen. Es gleicht eine Benachteiligung aus, die erst durch dieses System entstanden ist.“ – „Sie drehen sich die Welt gerne ein wenig zurecht, oder?“

Bevor ich darauf antworten konnte, und mir lag etwas Passendes auf der Zunge, unterbrach die Klassenlehrerin: „Frau Kollegin, ich mache den Vorschlag, dass wir es dabei belassen, dass für Helena dieselben Rechte gelten wie für alle anderen Schülerinnen und Schüler. Und ich würde vorschlagen, dass wir Helena einmal zu uns holen und ihre Meinung hören. Und wir sollten alle nicht vergessen, dass es sich nur um einen Spickzettel handelt.“ – Die Englischlehrerin antwortete: „‚Nur‘ ist gut. Es ist eine Täuschung, ein Betrug.“ – „Ja, Frau Kollegin, aber auf der Skala der vorstellbaren Schülerdelikte ist es eher eine Kleinigkeit als ein Kapitalverbrechen, da sind wir uns doch einig, oder?“

Die Klassenlehrerin ging Helena holen. Ich dachte mir, ich gehe mir in der Zwischenzeit mal die Hände waschen. Schließlich hatte ich nur wenig Lust, das zu zweit noch weiter auszudiskutieren. Besser wäre wohl, wenn alle ein wenig runterfahren. Nach dem Händewaschen wartete ich draußen auf dem Flur, bis die Klassenlehrerin mit Helena wiederkam.

Helena sagte: „Also, was ich dazu sagen möchte: Ich habe Blödsinn gebaut, es war nicht okay. Ich habe vorher gewusst, dass es nicht okay ist, und ich weiß es jetzt auch. Ich habe geschummelt, ich bin erwischt worden, ich muss die Konsequenzen tragen. Ich weiß, dass es das nicht besser macht, aber ich möchte auch sagen, dass ich den Test geschrieben habe, ohne auf den Zettel zu schauen. Ich habe ihn erst am Ende rausgeholt, weil ich mir bei einer Sache unsicher war. Und dabei wurde ich dann erwischt. Ich habe mich tierisch erschrocken, alle haben geguckt, ich musste das zu Hause erzählen, mein Plan, etwas mehr Abstand zur Fünf zu bekommen, war falsch, und jetzt ist alles richtig Scheiße.“

Die Englischlehrerin machte eine Geste, aus der man ein mitleidloses „selbst Schuld“ ablesen könnte. Ich habe sie echt gefressen, wenn ich das mal so sagen darf. Und das Schuljahr ist noch jung. Die Klassenlehrerin sagte: „Das bedeutet aber, dass es sich nicht um eine Täuschung, sondern um einen Täuschungsversuch gehandelt hat. Wir haben also eine Leistung, die bewertbar ist, weil klar ist, wann das Täuschungsmittel eingesetzt werden sollte. Wenn ich das richtig verstanden habe. Und was meinst du mit ‚Abstand zur Fünf‘, Helena? Stehst du in Englisch auf Fünf? Frau Kollegin, können Sie da mal …“

„Die letzte Zeugnisnote war eine Vierplus. Stand eine Vier im Zeugnis. Aktuell steht sie mündlich auf Zweiminus und schriftlich auf glatt Vier. Nach dem Test wohl auf schriftlich Fünf.“ – „Frau Kollegin, das ist doch noch gar nicht raus. Wir wollen doch eine Lösung finden.“ – Ich sagte: „Ich möchte einfach die Verhältnismäßigkeit bewahren. Ich finde eine schriftliche Missbilligung unangemessen. Ich denke, dass eine mündliche Rüge völlig ausreichend ist und dass man auch den Test bis zum Zeitpunkt der Täuschung bewerten kann. Oder ihr vielleicht aufgibt, eine Hausarbeit zu schreiben, damit sie sich noch intensiver mit dem Stoff, den sie vielleicht noch nicht beherrscht, auseinandersetzt.“

Die Klassenlehrerin sagte: „Das wäre doch immerhin eine Möglichkeit.“ – „Frau Kollegin, meinen Sie, dass Sie damit erreichen, dass Helena künftig nicht mehr bei Leistungsnachweisen täuscht?“ – Ich fand es in Gegenwart von Helena völlig unangemessen und fuhr ihr gleich in die Parade: „Das erreichen Sie mit einer schriftlichen Missbilligung auch nicht. Sie wird doch dadurch kein anderer Mensch. Soll sie jetzt versprechen, dass sie bis zum Abi nicht mehr schummelt?“ – Helena guckte mich mit großen Augen an.

Am Ende einigten wir uns auf eine mündliche Verwarnung. Der Test wird gewertet (und war mit einer Drei gar nicht so schlecht). Die Sache ist vom Tisch. Helena und ihre Englischlehrerin haben sich die Hand gegeben und sie hat von sich aus gesagt, dass sie Helenas „Übertretung“ damit jetzt vergisst, alle sind glücklich, aber Popcorn gab es keins. Das muss ich uns noch kaufen.

13 Gedanken zu „Missbilligung

  1. Was ein Schmarrn.
    Gut argumentiert.
    Unglaublich, dass die Englischlehrerin Helenas „kampf um Gleichbehandlung“ und den Täuschungsversuch in einen Topf wirft und dabei noch auf höchster Stufe zum kochen bringt. Da hat die Gute aber sehr schlecht argumentiert.
    Hätte sie ihr Urteil bei einer Person ohne Nachteilsausgleich etwa milder gefällt?
    Fragwürdige Pädagogik, jedoch mit guten Ende 🙂

  2. Hut ab vor deine Rhetorik Jule. Echt ey, ganz großes Kino von dir und auch die Klassenlehrerin scheint nicht so übel. Ich vermute, nach dem Aufriss war es Helena eine echte Lehre, sich zumindest in Englisch keinen Spicker mehr zu schreiben… 😉

    Ich hoffe, die Englischlehrerin vergisst es jetzt wirklich… ich traue dem Braten nicht so ganz aber ich hab mit eigenen Kindern inzwischen auch meine ganz eigenen Erfahrungen an den Schulen sammeln dürfen. Da waren einige Negative dabei. 🙁

  3. Nun ja. Bei uns damals und auch aktuell gilt. selbst ein täuschungsversuch wird mit üngenügend “ bestraft.
    Dass die Arbeit doch gewertet wurde ist ein Bonus, den man anerkennen sollte.
    Das Thema mit der schriftlichen Stellungnahme im Nachhinein ist so ein moderner Zirkus, den ich echt nicht verstehe.
    Unsere Tochter macht auch einmal im halbjahr die Lernstandserfassung in der sie dann beurteilen soll, wie sie sich selbst ewinschätzt und welche Ziele sie hat.
    nach dem Motto 2Kinder sind kleine Erwachsene“, macht man das gleiche wie bei den großen im halbjährlichen Personalgespräch.
    Meine Meinung „Lächerlich“
    Glaubt tatsächlich jemand, dass das Kind sich bessert, weil es schreibt 2Das tut mir leid ich bin tiefbedrückt…“?
    Die armen Tröpfe, denen es tatsächlich leid tut, machen das nach einem Beichtgespräch mit den eltern sowieso nicht mehr und die Hartgesottenen Sch*en auf die entschuldigung.
    Bei mir hat auch die ganze Jugendgerichtshilfe und Polizeilehrstunde nach dem Mofafrisieren nur insofern geholfen, dass ich beim nächsten Mal besser aufgepasst habe.

  4. Es darf nicht langweilig werden…..

    Mir hatte mein Vater sogar damals immer geholfen und mit die Spickzettel auf dem Computer geschrieben. Verwischt worden bin Ich nie. Ich denke auch man sollte hier aus einer Mücke keinen Elefanten machen.

    Grüße aus Dresden

    Philipp.

  5. Sauber argumentiert und vor allem sachlich gut getrennt: Täuschungsversuch und Nachteilsausgleich waren zwar in einer Person vereint, haben aber trotzdem nichts miteinander zu tun.
    Und diese schriftliche Erklärung halte ich nach wie vor für vollkommen überzogen und nutzlos – obwohl es sicherlich Eltern gibt, bei denen man anders keine Reaktion auf schulische „Leistungen“ der Kinder bekommt.
    Ich drück euch die Daumen, dass das mit der Englischlehrerin wie besprochen klappt…

  6. „Ich reagiere ja höchst allergisch auf eine Haltung, mit der jemand für zuerkannte Rechte (wie Parken auf Behindertenparkplätzen oder ermäßigten Eintritt für Menschen im Rollstuhl) Dankbarkeit erwartet.“
    Also diese Wortwahl muss ich doch sehr kritisieren. Als Medizinerin muss Du wissen, dass „allergisch“ eine unerwünschte, unsinnige, überschießende Abwehrreaktion bezeichnet. Davon ist hier nix zu sehen. Das ist das segensreiche Wirken der völlig intakten Jule-Immunabwehr gegen Blödsinn und Zumutungen. Yes Sir! … Äh … ich mein M’lady.

  7. Andererseits ist damit jetzt aber die Chance vertan, dass sich Helena „some serious Street cred“ holt, wie immer man da auf Deutsch auch sagt, also im Pausenhof mit den „bad kids“ rumhängen kann. „Bad“ i.S. von Michael Jackson, also dominant und unbeeindruckt, weniger und nur optional richtig böse, sondern … was? … Wie man das nennt, wenn jemand, der keine Verantwortung hat, rumschlaumeiert und allen mit seinen Tipps mächtig auf den Senkel geht? Das wäre „backseat driving“ -…. äöhm … warum jetzt? ….

  8. Was für ein Affenzirkus um einen Spickzettel! Man kann es auch echt übertreiben.

    Gut, dass Du Dich (für Helena) gewehrt hast, die Mehrheit aller Eltern nimmt Dinge halt so hin, auch wenn sie unfair waren/ sind.
    Die Einstellung der Englischlehrerin ist doch mächtig unpädagogisch. Ugh.

  9. Ich steh hier zwischen den Stühlen, um ehrlich zu sein. Natürlich ist das ganze schriftliche Drumerhum, selbst die „mündliche Rüge“ meiner Meinung nach zu viel… es ging hier „nur“ um eine Klassenarbeit, die entsprechend benotet wurde (dazu gleich noch etwas mehr) und nicht um die Abschlussprüfung… Auf der anderen Seite finde ich aber auch… die folgerichtige Note 6 hätte sich Helena dafür absolut verdient, denn ja… hier sollte die reine Absicht in der Tat genauso relevant sein wie das, was letztlich der „Erfolg“ der Sache war. Aus Sicht der Lehrerin ist es schwer zu sagen, wann Helena einen Blick auf den Zettel geworfen hat und wie viel sie dann nachgetragen hat und ihrem Wort dann einfach zu „vertrauen“ und dann quasi den „Rest“ ganz normal zu bewerten, halte ich aus Sicht des Lehrkörpers in der Tat für unangemessen – auch in Bezug auf die Fairness den anderen Schülern gegenüber, denn andernfalls sendet das an die gesamte Klasse völlig die falschen Signale. Ich würde also der Englischlehrerin wenn auch bei sonst nichts, zumindest bei dem „selbst schuld“ zustimmen.

  10. @Micha: Wenn die Englischlehrerin es tatsächlich so gehandhabt hätte – Täuschungsversuch: 6 -, ohne jegliches weitere Rumgedröhne, wäre dagegen nichts zu sagen gewesen.

    Sie hat sich allerdings entschieden, den großen Otto loszumachen und dabei den Nachteilsausgleich – der Helena lediglich ermöglichen soll, die gleiche Leistung zu erbringen wie ihre MitschülerInnen (ob und wie sie es dann schafft, das Gelernte umzusetzen, liegt an ihr) – gegen sie zu verwenden. Und damit hat sie sich, vor allem mit ihren Äußerungen zum angeblichen „Bonus“ – sie sagt damit, Helena hätte einen Vorteil, den ihre MitschülerInnen ohne Behinderung nicht haben, geht aber völlig darüber hinweg, dass Helena durch ihre Einschränkungen einen NACHTEIL hat – selbst angreifbar gemacht. Vor allem steht hier die Frage im Raum, ob sie Helenas schulische Leistungen überhaupt objektiv fair benotet (dass unter Lehrern verbreitet ist, selbst Diktate bei gleicher Fehlerzahl schlechter zu benoten, wenn auf dem Blatt der Name „Mehmet“ steht im Vergleich zu „Max“, ist bereits wissenschaftlich belegt).
    Damit hat sie dann auch ihrer eigenen Sache geschadet. Denn sie hat ja nicht auf sachlicher Ebene argumentiert, dass sie nicht wissen könne, ob Helena den Spicker nicht schon vorher eingesetzt habe – in dem Fall wäre gegen eine 6 immer noch nichts zu sagen. Aber WEIL sie Zweifel an der Objektivität ihrer Bewertung zugelassen hat, hat sie der Klassenlehrerin dieses Argument in die Hand gegeben.

    Davon abgesehen: Die Art und Weise, wie die Englischlehrerin offenbar aufgetreten ist, hatte so rein überhaupt nichts mit Pädagogik zu tun. Eine „Selbst schuld“-Haltung ist nach bildungs- und erziehungswissenschaftlichem Stand der Wissenschaft gerade NICHT geeignet, das Aneignen von Wissen und Fähigkeiten gerade bei Kindern und Jugendlichen zu fördern. Von einer Pädagogin (zur Erinnerung: wer LehrerIn an einer allgemeinbildenden Schule ist, hat ein Hochschulstudium absolvieren müssen) sollte man erwarten können, dass sie sich auf menschliche Art und Weise mit einem solchen Fall auseinandersetzt, das Geschehene hinterfragt und dann auch den SchülerInnen beim Erreichen der schulischen Ziele hilft, anstatt ihren Beruf offenbar als Bewachen von Lager-Häftlingen in 45-Minuten-Intervallen zu begreifen. Die Klassenlehrerin hat da als Pädagogin eindeutig die größere Kompetenz. Nicht zuletzt geht es hier auch um eine hoheitliche Aufgabe mit Verfassungsrang.

  11. Ich glaube, die wenigsten Lehrer werden es bezüglich des Schummeln mit dermaßen einsichtigen und eloquent argumentierenden Eltern und Schülern zu tun haben. Echt Hut ab!
    Statt sich darüber zu freuen, habe ich den Eindruck, sieht die Englischlehrerin das auch noch als Affront gegen ihre Autorität. Ich hoffe, sie hat Helena danach nicht erst recht auf dem Kieker.
    Englisch in der Schule lernen ist scheiße. Ich habe es erst im späten Erwachsenenalter durch Romane, Filme und Hörbücher gelernt, da es da endlich Spaß gemacht hat und wie von selbst ging. Warum muss unser System alles in die Köpfe reinprügeln…?

  12. Die Argumentation der Lehrerin passt natürlich nicht und ist absolut daneben. Ein Nachteilsausgleich ist ein Nachteilsausgleich und fertig. Trotzdem finde ich, dass Helena noch glimpflich davon gekommen ist. Ich bin gerade selbst in der Lehrerausbildung und meiner Meinung nach, wäre eine 6 die saubere Lösung für alle gewesen. Nur so ist klar, dass die anderen SchülerInnen eben auch nicht benachteiligt werden – es ist doch nicht nach zu vollziehen, ob Helena wirklich nur mal eben nachgucken wollte oder schon länger ihren Spickzettel zur Hilfe genommen hat. Das ist einfach ein Fall von dumm gelaufen. Und auch Helena wird daraus lernen, beim nächsten Mal intelligenter zu schummeln. 😉
    @BigDigger: Aus der Reaktion der Lehrerin jetzt eine Lager-Häftling-Aufseher-Attitüde herrauszulesen, ist aber auch ein bisschen drüber, meinst du nicht?

  13. Erst mal: Tolle Reaktion, merkwürdige Attitüde see Englischlehrerin. Scheint aber ohnehin mittlerweile viele Lehrer zu geben, die besser woanders aufgehoben wären. Ich hör da in letzter Zeit erschreckendes aus ner (privaten) Berufsschule für (!) Erzieher…
    @Shark: kommt immer ganz drauf an. Ich hatte das Glück, gleich am Anfang nen richtig guten Englischlehrer zu bekommen, der in mir den Spaß an der Sprache geweckt hat. Klar hab ich das Meiste so gelernt, wie beschrieben, aber eben von Anfang an. Weil mich die Sprache und das Fach „Englisch“ begeistert haben. Bis zum LK übrigens. Mit Französisch hat sich‘s genau umgekehrt verhalten, inzwischen radebreche ich genug, um nach dem Weg fragen zu können…

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