Fridolin

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Bis heute scheint es keine Probleme damit zu geben, dass Helena ihren Schulweg mit dem Rollstuhl zurücklegt. Auf meine Frage, ob ich sie am Montag bis zur Schule begleiten soll, antwortete sie: „Nee, was sollen denn die anderen Leute von mir denken? Dass ich den Schulweg nicht alleine finde?“

Als sie mittags nach Hause kam, war sie fröhlich. „Er hat übrigens seit heute einen Namen: Fridolin Bumblebee.“ – Ich musste laut lachen. Ich bin immer wieder fasziniert von ihrer Fantasie. Sie gackerte mit und sagte: „Etwas ernsthafter bitte, ja? Er kann nichts dafür.“ – „Für seinen Namen?“ – „Ja.“ – „Das stimmt, für den bist du verantwortlich.“ – „Man kann sich seinen Namen nicht aussuchen.“ – „Und warum gerade Fridolin Bumblebee?“ – „Naja, Fridolin, weil er einfach wie ein Fridolin aussieht. Und Bumblebee, weil er für mich wie eine Hummel unterm Hintern ist. Ich bin viel schneller mit ihm. Ist doch klar.“

„Also ihr beide vertragt euch gut?“ – „Ja. Aber ich muss dir was erzählen. Was lustiges. Aber peinlich ist es auch. Ich bin ja über die Ampel gerollt, weil, du weißt schon, und steh da und hab gedrückt und es ist saukalt und ein eisiger Wind pfeift. Kein Auto weit und breit, okay?“ – „Jetzt sag nicht, du bist wieder bei Rot rüber.“ – „Nun unterbrich mich doch nicht ständig! Also, ich steh da und warte auf Grün. Gucke nach links: Niemand zu sehen. Gucke nach rechts: Niemand zu sehen. Gucke nach vorne: Immernoch rot. Und dann hab ich eine Pobacke angehoben und einmal richtig laut gepupst. Also es war so richtig laut, okay? Und dann hab ich gesagt: ‚Sorry, Fridolin, das musste leider raus.‘ – Und zwei Sekunden später, nein eine Sekunde später, steht Frau [Sportlehrerin aus der Nachbarklasse] hinter mir und sagt: ‚Na, na!‘ – Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken und ich weiß bis jetzt noch nicht, was peinlicher ist, der laute Pups oder dass ich mit Fridolin geredet habe. Sie hat bestimmt gedacht, ich führe Selbstgespräche, als ich mich bei Fridolin entschuldigt habe, weil ich ihn angepupst habe.“

Und dann gackerte sie derart los, dass ich Angst hatte, sie würde keine Luft mehr kriegen. Verschluckte sich dabei noch. Unglaublich. Als sie sich wieder beruhigt hatte, sagte ich: „Armer Fridolin!“ – Was dazu führte, dass das Gelächter von vorne losging. Sie erzählte, dass [ihre beste Freundin] sich bei ihr auf den Schoß gesetzt hat, als sie auf dem Rückweg an der Ampel warten mussten. Also kann ich wohl erstmal entspannt sein.

Jetzt fehlt noch die Insulinpumpe. Die Krankenkasse meldet sich nicht. Wir werden nun zum Ende der Woche das Ding selbst beschaffen und der Krankenkasse in Rechnung stellen. Wenn sie sie nicht ablehnen, dürfen wir wohl inzwischen davon ausgehen, dass sie bewilligt ist, und bevor das nun noch ein halbes Jahr dauert und wir Helena jeden morgen früh wecken, um einen morgendlichen Spitzenwert wegzuspritzen, werden wir mal selbst aktiv. Ich bin sehr gespannt, ob sie das Gerät genauso gut annimmt.

Die Psychotherapie tut ihr übrigens bis jetzt sehr gut. Sie hat für sich entschieden (und uns verkündet), dass sie über ihre bisherigen Pflege-Eltern mit uns erstmal nicht mehr reden möchte, sondern das derzeit ausschließlich mit dem Therapeuten macht. Sie sagt, sie möchte das Schlechte von dem Guten trennen. Das kommt so von ihr. Und das werden Marie und ich selbstverständlich akzeptieren.

Marie und ich sind beide sehr verliebt in sie. Sie ist zum Ende dieses Monats ein halbes Jahr bei uns. Wir sind sehr erleichtert, uns dafür entschieden zu haben, ihr diese Chance zu geben.

In ein paar Tagen gibt es das erste Zeugnis. Wir sind sehr neugierig und gespannt. Nach dem, was wir bisher mitbekommen haben, und ich glaube, sie hat uns alles Wichtige gezeigt, und nach dem, was wir im Gespräch mit einzelnen Lehrkräften herausgehört haben, hat sie wohl einen recht guten Leistungsstand. Aber wir haben da keinerlei Erwartungen. Sondern lassen uns überraschen.

Mehraufwandszuschlag

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Ich bin auch vor meinem Unfall immer mal zu Frau Sör gegangen. Ja, ich weiß, „Frau Sör“ ist flach, aber den Spruch habe ich von einem Kumpel, der an dieser Stelle immer wissen möchte, ob es eine „Frau Sör“ oder ein „Herr Sör“ war. Ohne weiteren Hintergrund, einfach des Wortspiels wegen. Er drückt sich damit und mit der erstmal erzeugten Verwirrung darum, so meine Vermutung, über eine neue Frisur Ge- oder Missfallen äußern zu müssen. Frau ist ja meistens und dann gerne begeistert, wenn Mann erkennt, dass einem am Kopf was fehlt. Und entzückt, wenn etwas Gewagtes einer wichtigen Person gefällt.

Bei mir wurde noch nie etwas gewagt. Ich bin farblos, kann einen Pferdeschwanz und unter einer Badekappe auch mal einen Dutt. Derzeit, also nachdem Frau Sör es mal wieder gerade geschnippelt hat, hängt mir das Gewächs bis knapp unter die Brustwarzen. Das unter den Armen ist etwas kürzer, nachdem ich es am letzten Freitag erst rasiert hatte.

Also: Vor meinem Unfall, da habe ich mich als 15 Jahre altes Mädchen hin und wieder mal von Mama zu Frau Sör schicken lassen. Und dann für einen Mädchen-Haarschnitt acht bis neun Euro bezahlt. Nach meinem Unfall waren es bei einer deutschlandweit vertretenen Kette genau zehn, dazu gab es eine Treuekarte, mit der der zehnte Besuch gratis war. Also für 11 mal Spitzen schneiden habe ich 100 Euro bezahlt, macht rund 9,10 Euro pro Schnitt.

Letzte Woche war ich, wie erwähnt, bei Frau Sör. Wieder nur Spitzen schneiden. Wieder dieselbe deutschlandweit vertretene Kette. Jetzt allerdings eine andere Filiale und jetzt allerdings mit Waschen und Föhnen. Hat genau 30 Minuten gedauert. Einschließlich drei Mal unterbrechen, weil das Telefon klingelte. Die Dame, die das bei mir macht, ist die stellvertretene Salonleitung. Gekostet hat es mich 61 Euro.

Okay, kein Vergleich zu den 9,10 Euro für einen „Mädchen-Haarschnitt“, aber 61 Euro für eine halbe Stunde Arbeit? Vor dem Jahreswechsel habe ich 45 Euro bezahlt, das fand ich schon grenzwertig. Jetzt haben die die Preise mal eben um 13 Prozent erhöht und dazu noch einen „Meister-Mehraufwands-Zuschlag“ in Höhe von 10 Euro eingeführt, der fällig wird, wenn Herr oder Frau Sör einen handwerklichen Abschluss hat.

Weil es ja mehr Aufwand bedeutet, wenn jemand mit Brief mir die Spitzen schneidet. Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin sehr dafür, dass eine Friseurin von ihrem Einkommen leben kann. Und tatsächlich soll ihr Gehalt wohl zum Jahreswechsel um rund 400 Euro brutto pro Monat auf 2.150 Euro angehoben worden sein. Was sie mir ganz stolz mit feuchten Augen erzählte. Und was ich gerechtfertigt finde und ihr auch sehr gönne, denn sie ist sehr korrekt und sehr fleißig. Das heißt: Sie bekommt etwa 1.500 Euro netto überwiesen.

Um auf diese Summe zu kommen, müsste sie pro Monat 36 Frauen bedient haben. Das dürfte sie in einer Woche schaffen. Ich weiß, was ein Ladengeschäft kostet – brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber wir reden über 30 Minuten Haare schneiden. Wenn ich jemanden eine halbe Stunde auf der Straße reanimiere, ihm einen Zugang lege, ihn in Narkose setze, ihm einen Beatmungsschlauch in die Lunge lege und ihn bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes mit Herzdruckmassage und Beutelbeatmung über Wasser halte, darf ich ihm dafür anschließend rund 50 Euro in Rechnung stellen. Ich glaube, dann schneide ich dem Nächsten lieber die Haare.

Ich will nicht meckern. Eine Assistenzärztin im Krankenhaus bekommt im ersten Jahr laut Tarif zwischen 2.500 und 2.700 Euro netto monatlich ausgezahlt. Dazu kommen hin und wieder Schicht-Zulagen. Und oft besteht in Kliniken eine solche Personalknappheit, dass man mit etwas Geschick auch als Anfänger einige hundert Euro mehr raushandeln kann. Genug Geld, um nach Frau Sör auch nochmal Herrn Sör, Herrn Maniküre, Frau Pediküre, Frau Walküre und die Stadt Küre in Nord-Anatolien zu besuchen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass hier ganz offensichtlich die Gehaltserhöhung dazu benutzt wird, den Kunden im Verhältnis noch mehr Geld aus dem Kreuz zu leiern, um denjenigen die Taschen vollzustopfen, die vermutlich noch nie Kamm und Schere in der Hand gehabt haben. Während Frau Sör jahrelang gerade so eine Großstadtmiete bezahlen konnte.

Und fände ich meine Frau Sör nicht so sympathisch, würde ich irgendwo hinrollen, wo nicht der Name einer großen Kette an der Eingangstür klebt.

Hokuspokus

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Ich war heute nach Feierabend noch einmal im Schwimmbad. Helena war mit eine Freundin verabredet, Marie hilft heute ihrer Mutter bei einer Jahresabrechnung und ich hatte nochmal Lust auf den Blindfisch.

Normalerweise glaube ich nicht an Hokuspokus. Aber manchmal habe ich das Gefühl, als gäbe es eine gewisse Paranormalität. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Frau bereits fertig ist mit Schwimmen und im nassen Badeanzug, in ein Handtuch eingewickelt, auf einer gefliesten Bank sitzt und … auf mich wartet? Würde sie sehen können, würde ich sagen, sie starrt Löcher in die Luft. Ich rolle zu ihr und begrüße sie mit einem herzlichen „Moin“, wie sich das für ein Nordlicht gehört.

Sie dreht ihr Gesicht in meine Richtung. Weint sie? Oder ist das vom Chlorwasser? Nein, sie weint. Neulich hat mich noch jemand gefragt, ob blinde Menschen weinen können. Sie versucht, das, was sie bedrückt, einigermaßen zu überspielen, aber es gelingt ihr nicht. „Hi Jule, schön, dass du hier bist. Wie geht es dir?“ – „Danke. Was ist denn los mit dir? Ärger?“ – „Nee, alles gut.“ – „Du kannst mit mir sprechen. Oder möchtest du nicht?“ – Sie schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, fängt an, Rotz und Wasser zu heulen. Ich nehme sie in den Arm und streichel ihr den Rücken. Ich kenne die Frau kaum.

Da ist was ganz bescheuertes passiert. So mitgenommen, wie sie ist. Das hab ich im Gefühl. Zum Glück hab ich noch nicht geduscht. „Wir ziehen uns jetzt an und dann setzen wir uns zu mir ins Auto und dann erzählst du mir alles, okay?“ – Würde sie das wollen? Ich möchte mich nicht aufdrängen. Aber sie nickte. Eine Viertelstunde später saßen wir tatsächlich in meinem Auto. Die Standheizung versuchte, die kalten Temperaturen draußen zu lassen. Und die sehbehinderte Frau fing sofort zu erzählen an: „Ich war heute nicht arbeiten. Ich konnte nicht.“

„Was ist denn passiert? Hat dich da jemand geärgert?“ – „Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe mich gewundert, warum er nicht neben mir liegt heute morgen, habe totale Panik bekommen, dass ihm was passiert sein könnte, will ihn anrufen und lese eine Nachricht auf meinem Handy. Ich habe sie noch immer nicht vollständig entziffert. Magst du sie mir mal vorlesen, bitte?“

„Oh nein. Wie lange seit ihr denn verheiratet?“ – „Seit knapp drei Jahren. Kannst du mir das bitte vorlesen?“ – „Wenn du das unbedingt möchtest?“ – „Keine Sorge, Jule, ich kann das trennen. Ich verknüpfe das nicht mit dir. Aber ich möchte wirklich wissen, was er geschrieben hat. Wenn ich so aufgeregt bin, kann ich mich nicht konzentrieren, da können Schrift und Kontrast noch so groß sein.“

Er schrieb sinngemäß: Liebe […], das ist ein Abschiedsbrief. Ich brauche eine Veränderung. Ich weiß noch nicht, wohin es geht und wo ich landen werde. Aber vor allem, dass wir keine gemeinsamen Kinder haben können, wird für mich zunehmend zu einem Problem. Ich habe nicht vermutet, dass mir etwas fehlen könnte, wenn ich immer im Hinterkopf habe, dass wir verhüten. Du bist eine wunderbare Frau und ich werde auch in Zukunft immer an dich denken. Alles Gute, […]

Sie hörte auf zu weinen. Eine Zeitlang sagte niemand was. Dann kam von ihr: „Der spinnt ja total. Weiß der, was er tut? Wir haben Jahre lang, bevor wir geheiratet haben, immer wieder darüber gesprochen, dass wir beide es nicht möchten, dass unser Kind ebenfalls sehbehindert sein wird. Das war nie ein Problem. Und plötzlich ist es eins, quasi von heute auf morgen? Und ich erfahre das in einem Abschiedsbrief?“

„Darf ich ehrlich zu dir sein, auch wenn das vielleicht weh tut?“ – „Bitte, Jule, deine Meinung interessiert mich sehr. Du schaust ja quasi von außen drauf.“ – „Für mich klingt es, als ob das vorgeschoben ist. Ist denn überhaupt sicher, dass euer Kind eine Sehbehinderung haben würde? Habt ihr das testen, euch beraten lassen? Und es gibt doch auch andere Möglichkeiten, ein Kind zu bekommen. Adoption zum Beispiel. Wenn man das unbedingt wollte.“ – „Jule, das war nie ein Thema. Ich habe das erwähnt und wir haben Dutzende Male darüber gesprochen, dass uns Kinder nicht wichtig sind. Und an dem Stand hat sich nie etwas geändert. Ich weiß, wie er schreibt, und ich vermute, er hat eine andere Frau kennengelernt. Sein Herz war schon seit Wochen nicht mehr bei mir.“

„Das tut mir so leid.“ – „Weißt du, das Schlimme ist ja, dass ich ihn so liebe. Und dass ich weiß, dass ihn niemand anderes so lieben wird wie ich. Würde er morgen, in einer Woche oder in drei Jahren wieder angekrochen kommen, ich würde ihm die Tür sofort wieder öffnen. Ich kann mir nicht einfach einen neuen Mann suchen. Ich liebe ihn. Und stehe jetzt irgendwo im Niemandsland, hoffe, dass er zurück kommt, wenn er zur Vernunft zurück findet und merkt, dass die andere Frau seine ganzen Träume auch nicht erfüllen kann.“

„Ist er denn so ein Träumer?“ – „Das liebe ich an ihm ja so. Ich hatte vor ihm eine kurze Beziehung, bevor ich ihn kennen gelernt habe. Und egal, mit welcher Freundin ich auch drüber gesprochen habe, alle haben mich beneidet. Er hat alles für mich getan, ich habe alles für ihn getan, wir haben uns manches Wochenende stundenlang geliebt. Nicht nur im Bett, verstehst du? Wir waren selbst nach Jahren noch wie zwei verliebte Turteltäubchen. Schon morgens habe ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass ich ihn nach Feierabend wieder neben mir habe. Und jetzt komme ich nach Hause und alle seine Sachen sind noch da. Und dann gehe ich ins Bett und sein Kopfkissen riecht nach ihm. Und jedes Mal muss ich mir wieder sagen: Der kommt nicht mehr. Oder hoffen, dass er eines Tages doch zurück kommt.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn du erstmal ein paar Tage zu einer Freundin gehst. Oder leben deine Eltern noch?“ – „Meine Mutter, aber die würde sterben vor Mitleid, wenn ich jetzt eine Woche bei ihr einziehe. Aber ich werde meine Schwester fragen, ob ich ein paar Tage zu ihr kann. Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“ – „Wird sie das machen?“ – „Hundertprozentig. Sie ist Single, jünger als ich und hat schon immer gesagt, wenn mal was ist, mein Gästezimmer ist immer für dich offen.“

Während sie im Auto saß, telefonierte sie mit ihr. „Ich fahre dich eben zu ihr.“ – Das war doch kein Zufall, dass sie trotz dieses Zustandes heute schwimmen gegangen ist. Und das war auch kein Zufall, dass ich vorher an sie gedacht habe und gehofft habe, sie zu treffen. Kann mir niemand erzählen.

Infekt und Mobilität

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Ich wollte gerade schon schreiben, dass nichts Außergewöhnliches passiert ist, da sitze ich im Dienstzimmer, schreibe noch meinen letzten Bericht fertig, habe eigentlich schon Feierabend und alles an meine Nachtdienst-Kollegin übergeben und sehe plötzlich einen Kopf um die Ecke des hölzernen Türrahmens schauen. „Frau Socke? Könnten Sie sich noch um eine ambulante Patientin kümmern?“ – „Kann das nicht die Kollegin machen? Ich bin jetzt seit 12 Stunden hier und habe eigentlich Feierabend.“ – „Theoretisch schon, sie hat auch gerade nicht viel zu tun, aber wenn ich Ihnen morgen davon erzähle, würden Sie mich anmeckern, wenn ich Ihnen die Dame vorenthalten hätte.“ – „Wieso? Kenne ich sie?“ – „Möglich. Auf jeden Fall rollt sie auch. Ist 17 und total schüchtern. Hat Fieber und ein intimes Problem, wie sie sagt. Möchte bitte von einer Frau behandelt werden.“

Wieder eine mit Haselnüssen? Oder anderem Spielzeug? Aber eine rollende Patientin weckt dann doch mein Interesse. Wie gut, dass ich noch nicht umgezogen bin. Ich rolle um die Ecke, schiebe die Tür hinter mir zu und werde mit großen Augen angeschaut. „Wer bist du denn? Wir Rollifahrer sagen ‚du‘, oder?“ – „Wie kann ich dir denn helfen?“ – Sie seufzt. Druckst rum. Ich beginne zu raten: „Blase, Darm, Druckstelle.“ – „Blase, ja.“ – Sie fängt an zu weinen. Es ist ein einfacher Harnwegs-Infekt, ihr allererster, und ihr ist das alles unendlich peinlich. Die Nieren waren bei der Untersuchung unauffällig, vermutlich ist nur die Blase betroffen. Am Ende haben wir eine Probe zur Keimbestimmung gewinnen können, die aber erstmal gezüchtet werden muss. Anhand ihrer Angaben (war nicht im Krankenhaus, hatte keinen Geschlechtsverkehr), ist es höchstwahrscheinlich, dass ein Darmkeim für den Infekt verantwortlich ist. Mit Blick darauf, dass sie bereits Fieber hat und wegen ihrer angeborenen Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko für Nierenschäden besteht, hat sie ein Penicillin gegen den vermutlich gram-negativen Erreger aufgeschrieben bekommen.

Mit ein paar Tipps und Infos, unter welchen Umständen sie noch einmal zum Arzt muss, darf sie wieder nach Hause. Sie bedankt sich mehrmals und scheint froh zu sein, einerseits zu wissen, woran sie ist, andererseits eine gute Chance zu haben, dass das schon morgen wesentlich besser ist. Ich mache Feierabend, setze mich ins Auto und muss noch an einer Apotheke vorbei, um Insulin für Helena zu holen. Das wollte ich gestern schon und vorgestern, aber ständig muss ich länger bleiben, weil nicht genügend Personal da ist. Heute nun könnte ich es noch gerade vor 20 Uhr schaffen, in die Apotheke zu kommen. Vier Straßen weiter, ich stehe bereits auf dem Kundenparkplatz, schließt die Mitarbeiterin gerade die Tür ab. Es ist zehn Minuten vor Acht.

Ich rolle bis vor die Tür. Die Mitarbeiterin lässt mich mit genervtem Gesichtsausdruck doch noch rein. Ohne nachzuschauen weiß sie: „Das müssen wir bestellen.“ – „Eigentlich hatte ich angerufen.“ – „Mit wem haben Sie gesprochen?“ – Das ist doch jetzt völlig egal, oder? Ich zucke mit den Schultern. „Aber Sie sind sich sicher, dass es unsere Apotheke war?“ – Noch so ein Spruch nach einem Zwölfstundendienst und ich springe über den Tresen. Sie geht los, schaut in den Kühlschrank. „Haben Sie Glück, haben wir da. Sie wissen, wie Sie das anwenden müssen?“ – Ich sage nichts. Niemand bekommt Insulin verordnet, ohne zu wissen, was er damit machen soll. Aber sie will auch gar keine Antwort. „Möchten Sie ein paar Gummibären dazu? Oder Taschentücher?“ – „Nein, vielen Dank.“ – „Eine Zeitschrift?“ – „Nein.“ – Sie ist noch gar nicht fertig, da geht sie seufzend an mir vorbei zur Tür und öffnet sie erneut. Wer kommt rein? Die Patientin von eben. Ich darf nichts sagen. Aber sie spricht mich an, dieses Mal überhaupt nicht schüchtern: „Hey, das ist ja ein Zufall! Lange nicht gesehen, würde ich sagen.“ – „Tja, da hast du recht. Und, was machst du hier? Bist du krank?“ – Sie grinst: „War gerade im Krankenhaus. Harnwegsinfekt. Aber die haben tolles Personal da. Sehr einfühlsam und so. Und ich musste überhaupt nicht lange warten.“

Ich nehme mein Insulin auf den Schoß, die junge Frau kommt dran. „Oh, das hab ich nicht hier. Davon hatte ich heute schon mehrere. Brauchen Sie das dringend?“ – „Ich glaube schon“, sagt die Patientin und guckt mich an. Ich nicke. Die Mitarbeiterin sagt: „Ich könnte Ihnen ein ähnliches Präparat geben, da müsste ich aber einmal mit dem Krankenhaus Rücksprache halten.“ – „Entschuldigung, an welches haben Sie dabei denn gedacht?“, frage ich. Die Mitarbeiterin fährt mich an: „Geht Sie das was an? Sie haben Ihr Insulin bekommen, da ist die Tür, auf Wiedersehen. Und nächstes Mal bitte nicht wieder fünf Minuten vor Ladenschluss, wir wollen auch mal nach Hause.“ – Alter Verwalter! Schlecht gefrühstückt? Bevor ich was antworten kann, wiederholt die Patientin: „An welches denken Sie denn dabei?“ – „Ich würde Ihnen […] geben. Das ist aus derselben Gruppe.“ – Ich ergänze: „Naja, das wird aber vom Darm ganz schlecht aufgenommen.“ – „Das stimmt ja so nicht“, sagt die Mitarbeiterin.

Okay, sie kennt die Evidenz nicht. Interessant, aber erstmal egal. Wenn ich mit einer Querschnittlähmung (und der damit einhergehenden relativen Darmlähmung und fehlender Kontrolle über den Schließmuskel) davon abhängig bin, möglichst nicht noch Durchfall zu bekommen (und dadurch nebenbei möglicherweise noch mehr Keime in den Harnweg), sollte ich schon Präparate vermeiden, von denen bekannt ist, dass sie vom Darm schlecht aufgenommen werden, dort entsprechend lange verbleiben und die ganze Besiedlung killen. Das sollte schon mit einfließen in die Auswahl. Ich sage: „Ich würde alternativ […] geben, wenn Sie das vorrätig haben.“ – „Das hätte ich da. Aber das können wir jetzt hier nicht so einfach austauschen, das müsste das Krankenhaus entscheiden.“ – „Das entscheidet das Krankenhaus so. Gib mir mal bitte die Verordnung“, sage ich zu der Patientin, die in derselben Sekunde das Rezept vom Tisch nimmt, es mir grinsend unter die Nase hält und aus der in ihre Rückenlehne eingenähten Tasche einen Kugelschreiber hervorzaubert.

„Sie können da jetzt aber nicht einfach so drauf herum malen“, sagt die Mitarbeiterin und guckt mich mit großen Augen an. Ich denke mir so: Ich kann noch ganz andere Dinge. Und ich würde hier auch nicht so eine Show abziehen, wenn du mich eben nicht grundlos so rotzfrech angemacht hättest. Ich antworte: „Ich male nicht, ich ändere nur den Verordnungstext. Können Sie mir sagen, mit welchem Hersteller die [Krankenkasse] da Verträge hat? Dann würde ich den gleich aufschreiben.“ – Die Mitarbeiterin verschwindet im hinteren Teil der Apotheke und kommt kurz danach mit der Apothekerin wieder. Zu erkennen am Namensschild und den hübschen silbernen Knöpfen am Kittel. Sie stellt sich zwischen uns, beugt sich herunter und schaut sich die Verordnung an. „Haben Sie das gerade geändert?“ – „Ja, Sie haben das, was ich der Patientin ursprünglich verordnet hatte, nicht hier.“ – „Was heißt ‚ursprünglich verordnet‘?“ – „Die Patientin war vor einer halben Stunde bei mir in der Ambulanz und hat dort diese Verordnung bekommen. Nur das Präparat haben Sie nicht da.“ – „Können Sie sich mal bitte ausweisen?“ – „Liegt im Auto.“ – „Jaja. Ich komme da mal mit.“ – „Ach, wären Sie dann vielleicht so freundlich, bei dem Regen? Ich gebe Ihnen eben meinen Schlüssel, mein Portmonee liegt im Fach in der Fahrertür. Das geht schneller, als wenn ich die ganze Rampe entlang fahren muss. Schauen Sie, der dort hinten.“

Hauptsache, sie fährt nicht mit meinem Auto weg. Nein, sie kommt mit meinem Portmonee wieder. Ich krame den Ausweis von der Klinik raus. Den von der Handwerkskammer will sie gar nicht mehr sehen. „Können Sie wieder wegpacken. Sie müssen uns aber auch verstehen. Das kommt ja nun nicht alle Tage vor, dass jemand seine Patienten in die Apotheke begleitet.“ – „Wir haben uns hier zufällig wiedergetroffen. Und mit dem Verständnis ist das so eine Sache. Wissen Sie, ich bin heute morgen auch um 7 Uhr angefangen, hatte noch nichts Vernünftiges zu essen, und hatte am Telefon gefragt, wie lange Sie da sind. Bis acht, hieß es. Und zehn Minuten vor Acht ist bei mir eben ‚bis Acht‘, vor allem, wenn ich nur etwas rausholen möchte.“ – Die Dame hinter dem Tisch bekommt einen hochroten Kopf.

„Was machen wir jetzt hier?“ – Sie deutet auf die Patientin mit dem Harnwegsinfekt. Die Mitarbeiterin hinter dem Tisch sagt: „Ich hatte […] empfohlen, aber das wollte sie nicht.“ – Meine Güte, mach Feierabend! Ich frage meine Patientin: „Darf ich was zur Diagnose sagen?“ – „Jaja, unbedingt.“ – „Bei einer Darmlähmung ist das nicht sinnvoll.“ – Die Apothekerin sagt: „Nee, das würde ich dann auch nicht machen.“ – Danke. Und ich hätte es ihr nicht noch einmal unter die Nase gerieben, wenn die Mitarbeiterin nicht noch einmal davon angefangen hätte. Zumal es meine Verantwortung ist und es auch die Apothekerin eigentlich nichts angeht, warum ich das so oder anders entscheide.

Zu Hause angekommen, werde ich begrüßt. Helenas Rollstuhl wurde heute geliefert. Das Blau gefällt mir noch besser als in dem Katalog. Ein „Speedy 4teen“, ein typischer Rolli für Jugendliche. „Ich war mit Marie vorhin schon einkaufen damit. Der fährt sich super! Und der ist total wendig! Und ich bin mindestens genauso schnell wie sie. Und morgen fahre ich damit zur Schule. Und kann eine halbe Stunde länger schlafen.“ – „Meinst du denn, dass das alle akzeptieren können? Oder gibt es blöde Kommentare, wenn du da mit so einem Ding ankommst?“ – „Es gibt blöde Kommentare. Aber die gibt es auch, wenn ich im Regen stolper und mit der Nase voraus in den Dreck falle.“ – „Nicht wirklich.“ – „Ja, doch. Voll auffe Fresse. Und alle stehen daneben und klatschen. Aber [ihre beste Freundin] kam angelaufen und hat mir geholfen. Ich wäre aber auch alleine wieder hochgekommen. Ich habe das schon geklärt, in der Klasse kann ich den hinten in der Ecke parken und dann da zu Fuß rumlaufen.“ – „Das klingt nach einem Plan.“ – „Gut, oder?!“

„Sehr gut.“ – „Schade, dass das draußen regnet und kein Sommer ist, sonst wären wir zwei noch eine Runde um die Häuser gefahren, Jule. Du und ich und Marie. Oder alle nochmal ans Wasser und schauen, ob heute Wellen da sind. Und ein Foto machen vom Sonnenuntergang.“ – „Da brauchst du wirklich noch etwas Geduld. Aber es wird schon ganz bald wieder wärmer.“ – „Ich möchte mit euch im Meer schwimmen. Und Sandburgen bauen.“

Gib dem Kind Mobilität!