Infekt und Mobilität

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Ich wollte gerade schon schreiben, dass nichts Außergewöhnliches passiert ist, da sitze ich im Dienstzimmer, schreibe noch meinen letzten Bericht fertig, habe eigentlich schon Feierabend und alles an meine Nachtdienst-Kollegin übergeben und sehe plötzlich einen Kopf um die Ecke des hölzernen Türrahmens schauen. „Frau Socke? Könnten Sie sich noch um eine ambulante Patientin kümmern?“ – „Kann das nicht die Kollegin machen? Ich bin jetzt seit 12 Stunden hier und habe eigentlich Feierabend.“ – „Theoretisch schon, sie hat auch gerade nicht viel zu tun, aber wenn ich Ihnen morgen davon erzähle, würden Sie mich anmeckern, wenn ich Ihnen die Dame vorenthalten hätte.“ – „Wieso? Kenne ich sie?“ – „Möglich. Auf jeden Fall rollt sie auch. Ist 17 und total schüchtern. Hat Fieber und ein intimes Problem, wie sie sagt. Möchte bitte von einer Frau behandelt werden.“

Wieder eine mit Haselnüssen? Oder anderem Spielzeug? Aber eine rollende Patientin weckt dann doch mein Interesse. Wie gut, dass ich noch nicht umgezogen bin. Ich rolle um die Ecke, schiebe die Tür hinter mir zu und werde mit großen Augen angeschaut. „Wer bist du denn? Wir Rollifahrer sagen ‚du‘, oder?“ – „Wie kann ich dir denn helfen?“ – Sie seufzt. Druckst rum. Ich beginne zu raten: „Blase, Darm, Druckstelle.“ – „Blase, ja.“ – Sie fängt an zu weinen. Es ist ein einfacher Harnwegs-Infekt, ihr allererster, und ihr ist das alles unendlich peinlich. Die Nieren waren bei der Untersuchung unauffällig, vermutlich ist nur die Blase betroffen. Am Ende haben wir eine Probe zur Keimbestimmung gewinnen können, die aber erstmal gezüchtet werden muss. Anhand ihrer Angaben (war nicht im Krankenhaus, hatte keinen Geschlechtsverkehr), ist es höchstwahrscheinlich, dass ein Darmkeim für den Infekt verantwortlich ist. Mit Blick darauf, dass sie bereits Fieber hat und wegen ihrer angeborenen Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko für Nierenschäden besteht, hat sie ein Penicillin gegen den vermutlich gram-negativen Erreger aufgeschrieben bekommen.

Mit ein paar Tipps und Infos, unter welchen Umständen sie noch einmal zum Arzt muss, darf sie wieder nach Hause. Sie bedankt sich mehrmals und scheint froh zu sein, einerseits zu wissen, woran sie ist, andererseits eine gute Chance zu haben, dass das schon morgen wesentlich besser ist. Ich mache Feierabend, setze mich ins Auto und muss noch an einer Apotheke vorbei, um Insulin für Helena zu holen. Das wollte ich gestern schon und vorgestern, aber ständig muss ich länger bleiben, weil nicht genügend Personal da ist. Heute nun könnte ich es noch gerade vor 20 Uhr schaffen, in die Apotheke zu kommen. Vier Straßen weiter, ich stehe bereits auf dem Kundenparkplatz, schließt die Mitarbeiterin gerade die Tür ab. Es ist zehn Minuten vor Acht.

Ich rolle bis vor die Tür. Die Mitarbeiterin lässt mich mit genervtem Gesichtsausdruck doch noch rein. Ohne nachzuschauen weiß sie: „Das müssen wir bestellen.“ – „Eigentlich hatte ich angerufen.“ – „Mit wem haben Sie gesprochen?“ – Das ist doch jetzt völlig egal, oder? Ich zucke mit den Schultern. „Aber Sie sind sich sicher, dass es unsere Apotheke war?“ – Noch so ein Spruch nach einem Zwölfstundendienst und ich springe über den Tresen. Sie geht los, schaut in den Kühlschrank. „Haben Sie Glück, haben wir da. Sie wissen, wie Sie das anwenden müssen?“ – Ich sage nichts. Niemand bekommt Insulin verordnet, ohne zu wissen, was er damit machen soll. Aber sie will auch gar keine Antwort. „Möchten Sie ein paar Gummibären dazu? Oder Taschentücher?“ – „Nein, vielen Dank.“ – „Eine Zeitschrift?“ – „Nein.“ – Sie ist noch gar nicht fertig, da geht sie seufzend an mir vorbei zur Tür und öffnet sie erneut. Wer kommt rein? Die Patientin von eben. Ich darf nichts sagen. Aber sie spricht mich an, dieses Mal überhaupt nicht schüchtern: „Hey, das ist ja ein Zufall! Lange nicht gesehen, würde ich sagen.“ – „Tja, da hast du recht. Und, was machst du hier? Bist du krank?“ – Sie grinst: „War gerade im Krankenhaus. Harnwegsinfekt. Aber die haben tolles Personal da. Sehr einfühlsam und so. Und ich musste überhaupt nicht lange warten.“

Ich nehme mein Insulin auf den Schoß, die junge Frau kommt dran. „Oh, das hab ich nicht hier. Davon hatte ich heute schon mehrere. Brauchen Sie das dringend?“ – „Ich glaube schon“, sagt die Patientin und guckt mich an. Ich nicke. Die Mitarbeiterin sagt: „Ich könnte Ihnen ein ähnliches Präparat geben, da müsste ich aber einmal mit dem Krankenhaus Rücksprache halten.“ – „Entschuldigung, an welches haben Sie dabei denn gedacht?“, frage ich. Die Mitarbeiterin fährt mich an: „Geht Sie das was an? Sie haben Ihr Insulin bekommen, da ist die Tür, auf Wiedersehen. Und nächstes Mal bitte nicht wieder fünf Minuten vor Ladenschluss, wir wollen auch mal nach Hause.“ – Alter Verwalter! Schlecht gefrühstückt? Bevor ich was antworten kann, wiederholt die Patientin: „An welches denken Sie denn dabei?“ – „Ich würde Ihnen […] geben. Das ist aus derselben Gruppe.“ – Ich ergänze: „Naja, das wird aber vom Darm ganz schlecht aufgenommen.“ – „Das stimmt ja so nicht“, sagt die Mitarbeiterin.

Okay, sie kennt die Evidenz nicht. Interessant, aber erstmal egal. Wenn ich mit einer Querschnittlähmung (und der damit einhergehenden relativen Darmlähmung und fehlender Kontrolle über den Schließmuskel) davon abhängig bin, möglichst nicht noch Durchfall zu bekommen (und dadurch nebenbei möglicherweise noch mehr Keime in den Harnweg), sollte ich schon Präparate vermeiden, von denen bekannt ist, dass sie vom Darm schlecht aufgenommen werden, dort entsprechend lange verbleiben und die ganze Besiedlung killen. Das sollte schon mit einfließen in die Auswahl. Ich sage: „Ich würde alternativ […] geben, wenn Sie das vorrätig haben.“ – „Das hätte ich da. Aber das können wir jetzt hier nicht so einfach austauschen, das müsste das Krankenhaus entscheiden.“ – „Das entscheidet das Krankenhaus so. Gib mir mal bitte die Verordnung“, sage ich zu der Patientin, die in derselben Sekunde das Rezept vom Tisch nimmt, es mir grinsend unter die Nase hält und aus der in ihre Rückenlehne eingenähten Tasche einen Kugelschreiber hervorzaubert.

„Sie können da jetzt aber nicht einfach so drauf herum malen“, sagt die Mitarbeiterin und guckt mich mit großen Augen an. Ich denke mir so: Ich kann noch ganz andere Dinge. Und ich würde hier auch nicht so eine Show abziehen, wenn du mich eben nicht grundlos so rotzfrech angemacht hättest. Ich antworte: „Ich male nicht, ich ändere nur den Verordnungstext. Können Sie mir sagen, mit welchem Hersteller die [Krankenkasse] da Verträge hat? Dann würde ich den gleich aufschreiben.“ – Die Mitarbeiterin verschwindet im hinteren Teil der Apotheke und kommt kurz danach mit der Apothekerin wieder. Zu erkennen am Namensschild und den hübschen silbernen Knöpfen am Kittel. Sie stellt sich zwischen uns, beugt sich herunter und schaut sich die Verordnung an. „Haben Sie das gerade geändert?“ – „Ja, Sie haben das, was ich der Patientin ursprünglich verordnet hatte, nicht hier.“ – „Was heißt ‚ursprünglich verordnet‘?“ – „Die Patientin war vor einer halben Stunde bei mir in der Ambulanz und hat dort diese Verordnung bekommen. Nur das Präparat haben Sie nicht da.“ – „Können Sie sich mal bitte ausweisen?“ – „Liegt im Auto.“ – „Jaja. Ich komme da mal mit.“ – „Ach, wären Sie dann vielleicht so freundlich, bei dem Regen? Ich gebe Ihnen eben meinen Schlüssel, mein Portmonee liegt im Fach in der Fahrertür. Das geht schneller, als wenn ich die ganze Rampe entlang fahren muss. Schauen Sie, der dort hinten.“

Hauptsache, sie fährt nicht mit meinem Auto weg. Nein, sie kommt mit meinem Portmonee wieder. Ich krame den Ausweis von der Klinik raus. Den von der Handwerkskammer will sie gar nicht mehr sehen. „Können Sie wieder wegpacken. Sie müssen uns aber auch verstehen. Das kommt ja nun nicht alle Tage vor, dass jemand seine Patienten in die Apotheke begleitet.“ – „Wir haben uns hier zufällig wiedergetroffen. Und mit dem Verständnis ist das so eine Sache. Wissen Sie, ich bin heute morgen auch um 7 Uhr angefangen, hatte noch nichts Vernünftiges zu essen, und hatte am Telefon gefragt, wie lange Sie da sind. Bis acht, hieß es. Und zehn Minuten vor Acht ist bei mir eben ‚bis Acht‘, vor allem, wenn ich nur etwas rausholen möchte.“ – Die Dame hinter dem Tisch bekommt einen hochroten Kopf.

„Was machen wir jetzt hier?“ – Sie deutet auf die Patientin mit dem Harnwegsinfekt. Die Mitarbeiterin hinter dem Tisch sagt: „Ich hatte […] empfohlen, aber das wollte sie nicht.“ – Meine Güte, mach Feierabend! Ich frage meine Patientin: „Darf ich was zur Diagnose sagen?“ – „Jaja, unbedingt.“ – „Bei einer Darmlähmung ist das nicht sinnvoll.“ – Die Apothekerin sagt: „Nee, das würde ich dann auch nicht machen.“ – Danke. Und ich hätte es ihr nicht noch einmal unter die Nase gerieben, wenn die Mitarbeiterin nicht noch einmal davon angefangen hätte. Zumal es meine Verantwortung ist und es auch die Apothekerin eigentlich nichts angeht, warum ich das so oder anders entscheide.

Zu Hause angekommen, werde ich begrüßt. Helenas Rollstuhl wurde heute geliefert. Das Blau gefällt mir noch besser als in dem Katalog. Ein „Speedy 4teen“, ein typischer Rolli für Jugendliche. „Ich war mit Marie vorhin schon einkaufen damit. Der fährt sich super! Und der ist total wendig! Und ich bin mindestens genauso schnell wie sie. Und morgen fahre ich damit zur Schule. Und kann eine halbe Stunde länger schlafen.“ – „Meinst du denn, dass das alle akzeptieren können? Oder gibt es blöde Kommentare, wenn du da mit so einem Ding ankommst?“ – „Es gibt blöde Kommentare. Aber die gibt es auch, wenn ich im Regen stolper und mit der Nase voraus in den Dreck falle.“ – „Nicht wirklich.“ – „Ja, doch. Voll auffe Fresse. Und alle stehen daneben und klatschen. Aber [ihre beste Freundin] kam angelaufen und hat mir geholfen. Ich wäre aber auch alleine wieder hochgekommen. Ich habe das schon geklärt, in der Klasse kann ich den hinten in der Ecke parken und dann da zu Fuß rumlaufen.“ – „Das klingt nach einem Plan.“ – „Gut, oder?!“

„Sehr gut.“ – „Schade, dass das draußen regnet und kein Sommer ist, sonst wären wir zwei noch eine Runde um die Häuser gefahren, Jule. Du und ich und Marie. Oder alle nochmal ans Wasser und schauen, ob heute Wellen da sind. Und ein Foto machen vom Sonnenuntergang.“ – „Da brauchst du wirklich noch etwas Geduld. Aber es wird schon ganz bald wieder wärmer.“ – „Ich möchte mit euch im Meer schwimmen. Und Sandburgen bauen.“

Gib dem Kind Mobilität!

Schöne Aussicht

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Vor einigen Tagen habe ich mich, seit langer Zeit mal wieder, mit einer Freundin getroffen. Wir sprachen über alles mögliche, unter anderem aber über das Thema „Wohnen“ als Mensch im Rollstuhl. Aus Gründen.

Seit Jahren gelten in fast allen Bundesländern mehr oder weniger engagierte Bauvorschriften, die die Barrierefreiheit von Mietwohnungen regeln sollen. In den meisten Fällen wird unterschieden zwischen rollstuhlgerechten Wohnungen, die fast überall nur im öffentlich geförderten Wohnungsbau errichtet werden müssen, und barrierefrei erreichbaren Wohnungen, die inzwischen in fast allen Bundesländern nach einem bestimmten Schlüssel in allen Neubauten, ob öffentlich gefördert oder nicht, vorhanden sein müssen.

Besagte Freundin ist Rollstuhlfahrerin und verdient aus eigener Arbeit so viel Geld, dass sie für den sozialen Wohnungsbau nicht in Betracht kommt, jedoch sich ein eigenes Haus, das sie nach eigenen Erfordernissen barrierefrei ausbaut, nicht leisten kann – trotz aller persönlichen Zuschuss-Möglichkeiten. Also bleibt ihr nur der freie Wohnungsmarkt. Sie ist zudem recht fit, kommt also eigentlich auch in Wohnungen zurecht, die lediglich „barrierefrei erreichbar“ sind, ohne dabei über die für Rollstuhlfahrer vorgesehenen zusätzlichen Platzangebote und unterfahrbaren Küchen zu verfügen.

Was man aber wissen muss: „Barrierefrei erreichbar“ heißt lediglich, dass man ohne Stufe und ohne Schwelle bis hinter die Wohnungstür kommt. In den meisten Bundesländern geht es noch weiter, da müssen auch die Wohn- und Schlafräume schwellenlos erreichbar sein, eine Toilette, ein Bad und die Küche. Das bedeutet: Eine barrierefreie Wohnung ist mitunter für jemanden mit Rollator geeignet, für jemanden im Rollstuhl aber nicht unbedingt, selbst wenn jemand noch so fit ist.

In dem Haus, in dem sie vorher gewohnt hat, war beispielsweise ein Tiefgaragenstellplatz zur barrierefreien Wohnung mit vermietet. Nur konnte sie den nicht nutzen, weil sie mit dem Rollstuhl nicht dorthin kam. Auch in ihren Kellerraum kam sie nicht. Die Bauordnung sagte: Der Aufzug muss Kellergeschosse nicht bedienen. Das Haus hatte auch eine wunderschöne Dachterrasse. Konnte sie aber auch nicht nutzen, weil der Aufzug auch das oberste Geschoss nicht bedienen muss. Es sei denn, dort würden auch barrierefreie Wohnungen liegen, was aber nicht der Fall war.

Die Wohnung hatte auch keine Dusche. Sondern eine Badewanne. Weil es einfacher ist, eine Badewanne als eine bodengleiche Dusche einzubauen. Die Landesbaubehörde weist in diesem Fall sogar explizit darauf hin: „Gemäß [Landesbauordnung] muss eine Wohnung ein Bad mit Badewanne oder Dusche haben. Dieses gilt auch für barrierefreie Wohnungen. Enthält das Bad nur eine Dusche, ist diese […] niveaugleich mit einer max. Höhendifferenz von 2 cm auszubilden. An Badewannen werden […] keine besonderen Anforderungen gestellt. Mit einer Badewanne sind die Anforderungen [der Landesbauordnung] erfüllt. Enthält ein Bad eine Dusche und eine Badewanne, sind die Anforderungen […] an die Duschplätze nicht zwangsläufig umzusetzen, da die Badewanne als ausreichend barrierefrei gilt.“

Auch wenn ich persönlich gerne in einer Badewanne liege, ist es aus meiner Sicht ein Unding, wenn eine Behörde, die für die Umsetzung der Richtlien für barrierefreies Bauen sorgen soll (ohne Druck wird ja nicht barrierefrei gebaut, wie wir wissen), Hinweise gibt, wie man sich die barrierefreie Ausgestaltung der Dusche sparen kann. Unglaublich.

Sie dachte damals: Erstbezug, Neubau, barrierefreie Wohnung in einem Haus, das extra für Menschen mit Behinderung gebaut wird – was soll da schief gehen? Besichtigung gab es nicht, weil die Rampe zum Haus erst am Tag vor dem Einzug fertiggestellt wurde, Grundrisse wurden auch nicht herausgegeben, lediglich die Zimmergrößen. Mündlich wurde diverse Male gesagt, dass selbstverständlich alles ebenerdig sei. Sogar Reklameschilder (hier entstehen rollstuhlgerechte Wohnungen nach DIN) waren aufgestellt. Aber die sind, so die Rechtsprechung, leider nicht verbindlich, wenn es einen Mietvertrag gibt, in dem steht „soweit verfügbar“.

Leider war sie auch enorm unter Druck. Sie war damals in einem Internat untergebracht, weil sie nach dem Klinikaufenthalt nicht in ihre Wohnung im dritten Stock ohne Aufzug zurück konnte. Diese Wohnung hatte ihr die Wohnungsbehörde vermittelt. Als barrierefrei, mit dem Hinweis, dass sie keine weiteren Vermittlungsangebote bekomme, wenn sie diese Wohnung ablehne. Schließlich hatte sie bereits zwei im Hochhaus (laut Vormieter mit ständig defektem Aufzug) abgelehnt gehabt.

Auch bei ihrer jetzigen Wohnung war vorher keine Besichtigung möglich. Aber immerhin gab es die Bauzeichnung. Und die vertragliche Zusicherung, dass die Wohnung mit allen Räumen barrierefrei erreichbar ist. Die Wohnung liegt im Erdgeschoss, einen Aufzug gibt es nicht – bessere Ausgangsvoraussetzungen.

Denkste. Die Terrasse und der mit vermietete Garten (eine mit einer Hecke eingefriedeten Rasenfläche) sind nicht mit dem Rollstuhl erreichbar, weil die Terrassentür eine Schwelle von 10 Zentimeter Höhe und, direkt dahinter, eine Blockstufe von 15 Zentimetern Höhe hat. Die Blockstufe hat man inzwischen auf Drängen ihrer Anwältin entfernt, Terrasse und Garten um 15 Zentimeter „angehoben“. Aber die 10 Zentimeter hohe Schwelle ist noch da und lässt sich, ohne dass das komplette Fensterelement herausgerissen und neu eingesetzt wird, nicht entfernen.

Der Vermieter ist nun auf die pfiffige Idee gekommen, einfach die Hecke auf einer Breite von 150 Zentimetern wegzunehmen und dort einen Weg zur Terrasse zu pflastern. Dieser Weg ist nun von der Straße aus erreichbar. Entsprechend rennen alle Paketboten, Hunde, …, über ihre Terrasse. Weil: „Wenn Sie eine Pforte davor setzen möchten, müssten Sie die selbst beauftragen. Kosten: Rund 700 Euro.“ – Und falls sie sich nun noch immer unwohl fühlen sollte, könne sie ja wieder ausziehen. Schreibt eine große Hausverwaltung an die Anwältin. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

Wenn die Freundin sich also jetzt im Bikini in ihren Garten legen will, mit einem Glas frisch gepresstem Orangensaft, dann muss sie durch ihre Wohnung, durch den Hausflur, über die Grundstückseinfahrt, auf die Straße, durch das Loch in der Hecke in ihren Garten. Bis dahin ist der Orangensaft lauwarm. Um die vergessenen Eiswürfel zu holen, …

Lediglich das Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Bremen und Brandenburg regeln, dass in barrierefrei erreichbaren Wohnungen auch die Terrasse oder der Balkon barrierefrei erreichbar sein müssen, wenn sie vorhanden sind. Fast alle Bundesländer sagen sogar: Es reicht, wenn in der ganzen Wohnung nur ein einziges Fenster so niedrig ist, dass man als Rollstuhlfahrer rausgucken kann. Das sind doch, trotz allen Fortschritts, schöne Aussichten!

Glückskäfer

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Ich bin ja noch eine Auflösung schuldig. Nein, ich löse mich nicht selbst auf, sondern die „Prüfungsfragen“, die ich vor einer Woche in den Raum gestellt habe. Ich muss ja erwähnen, dass ich hier keine Rechtsberatung mache und die „Auflösung“ nur meine persönliche Meinung ist, die keinen Anspruch auf Richtigkeit hat. Aber so habe ich es gelöst:

Zu 1) Das kommt ja immer auf den Umfang und das mit der Behandlung verbundene Risiko einerseits, auf die Einwilligungsfähigkeit des Patienten andererseits an. Wenn der Eingriff so schwerwiegend ist, dass selbst bei Erwachsenen regelmäßig ein schriftliches Einverständnis eingeholt wird (Narkose, Operation etc.), dann muss immer auch eine Unterschrift der gesetzlichen Vertretung sein. Gleiches gilt bei allen Handlungen des Kindes gegen ärztlichen Rat. Bei einfachen Behandlungen oder Untersuchungen, die in der Regel keine Folgen haben werden, kann ein Kind ab 14 Jahren zustimmen, wenn es überblickt, worum es geht. Das ist bei der Haselnuss-Sache und dieser Patientin eindeutig der Fall gewesen.

Zu 2) Kann das Kind ab 14 Jahren alleine in eine Behandlung einwilligen, gilt die Schweigepflicht vollumfänglich auch gegenüber den eigenen Eltern. Ich dürfte also nicht mal erwähnen, dass das Kind bei mir gewesen ist oder es auf dem Flur in Anwesenheit anderer grüßen (es sei denn, es grüßt zuerst).

Zu 3) Ich bin nicht erziehungsberechtigt und habe keine Verpflichtung, den Eltern zu berichten, dass ihr Kind die Wohnung verlassen hat. Dass die Eltern das vermutlich nicht wünschen, ist nicht meine Baustelle. Selbstverständlich empfehle ich dem Kind aber, mit dem Taxi zu fahren. Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls, die mich zum Eingreifen zwingen würden, liegen nicht schon deshalb vor, weil ein Kind nachts von der Wohnung zum Krankenhaus geht oder ohne Eltern behandelt werden möchte.

Zu 4) Ich esse Haselnüsse nicht so gerne und habe deshalb auch keine auf meinem „bunten Teller“.

Zu 5) Ich hoffe sehr, dass Helena zu mir kommt, wenn sie ein Problem hat. Im Moment glaube ich auch, dass sie das tun würde. Selbst bei einer Haselnuss. Wie das in ein oder zwei Jahren sein wird, weiß ich allerdings nicht.

Ich war gestern nach Dienstschluss im Schwimmbad. Nicht in dem, in dem Lukas und die anderen Leute trainieren, sondern in einem wesentlich größeren Bad, das direkt auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz nach Hause liegt. Das Training mit der Gruppe um Lukas ist zwar nach wie vor klasse und, sofern ich Zeit habe, auch angesagt, aber außerhalb dieser offiziellen Trainingszeiten sind mir einfach zu viele Rentnerinnen vor Ort, die dann wie Treibgut diagonal durch die Bahnen schwimmen oder die ganze Zeit pupsend und pinkelnd quatschend und tratschend am Rand stehen.

In diesem alternativen Schwimmbad habe ich vor einiger Zeit eine stark sehbehinderte Frau, geschätzt in meinem Alter, getroffen, die super gut und vor allem sehr schnell schwimmt und dort wohl regelmäßig ebenfalls zwei bis drei Kilometer abreißt. Wir sind aufeinander aufmerksam geworden, als diese Frau auf dem Weg zum Becken beinahe über meinen Rollstuhl gestolpert wäre, der am Beckenrand stand. Ich habe das in letzter Sekunde gesehen und sie angesprochen. Sie fragte dann, ob der zu mir gehöre und ob sie mit in die „Behindertenbahn“ dürfe. Genau mein Humor. Die Mitarbeiter des Bades waren so freundlich, ihr ein wenig Extralicht einzuschalten, also kein Kerzenschein und Schummerlicht, sondern 750 Lux Veranstaltungsbeleuchtung. Damit ist zwar ihr Eintrittspreis voll und ganz für Lichtstrom draufgegangen, aber sie konnte nun die Wände vor der Wende sehen, was ja, gerade bei schnellem Schwimmen, gewisse Vorteile mit sich bringt.

Jedenfalls wurde es gestern plötzlich wieder krass hell in der Halle und siehe da: Jene Frau war wieder da. Während sie am Rand entlang tappste und vermutlich austestete, aus welcher Bahn die wenigsten Geräusche kamen, schwamm ich zum Rand und sagte: „Hier wäre noch ein Platz in der Behindertenbahn frei.“ – „Jule, alte Socke, ich hatte schon Sehnsucht nach dir! Wie geht es dir und deinem Rollstuhl? Steht er hier oder drüben?“ – „Noch zwei Schritte nach rechts und du sitzt drin. Mir geht es gut. Und wie sieht es bei dir aus?“ – „Alles ein wenig verschwommen gerade und drinnen dunkler als draußen, aber sonst bestens. Hast du das Becken schon ordentlich umgerührt?“ – „Aufgeschäumt. Hab mich über einen Kollegen geärgert und meine ganze schlechte Laune am Wasser ausgelassen. Könnte sein, dass ich es an einigen Stellen ein wenig kaputt gemacht habe.“

In der Nachbarbahn steht ein älterer Herr und grinst. Dann kommt er zur Leine uns sagt: „Ich hab da mal eine Frage.“ – Wenn das schon so losgeht, kommt meistens irgendwas mit Schicksal, Behinderung und „wie schaffen Sie das eigentlich“. Ohne meine Reaktion abzuwarten, fragt er: „Wie schaffen Sie das eigentlich, trotz ihrem schweren Schicksal so viel Humor zu haben?“ – Bingo. Die sehbehinderte Schwimmerin sagt: „Tja, Jule, da will ich nicht stören. Der Blindfisch schwimmt sich inzwischen mal locker ein. Kann ich da mit dem Kopf voraus reinspringen oder tut das jemandem weh?“ – „Kannst springen, wir sind zu zweit in der Bahn.“ – Zu dem Mann sage ich: „Es klappt nicht immer und es ist auch nicht immer einfach, aber ich gebe mir größte Mühe.“

Ohne seine Reaktion abzuwarten, schwimme ich weiter. Ich bin nicht zum Quatschen und Tratschen hier, sondern zum Schwimmen. Heute nur 2.300 Meter insgesamt. Als ich wieder zu Hause ankomme, Helena begrüßt habe und meine nassen Sachen aufhängen will, hängen da schon wieder diverse nasse Klamotten von Helena. Einschließlich Jeans und Kapuzenpullover. Die Jeans ist allerdings ohne Falten aufgehängt, ein Wischlappen drunter, weil sie noch tropft. Sie kommt um die Ecke, steht schweigend in der Tür und guckt mich an. Inzwischen kenne ich diesen Ich-habe-etwas-ausgefressen-Blick von ihr.

„Was ist denn das hier schon wieder für nasses Zeug?“, frage ich sie. Als hätte sie darauf gewartet, sagt sie grinsend: „Ich schweige.“ – „Du warst aber nicht in der Ostsee schwimmen bei vier Grad und Schneetreiben, oder?“ – „Ich schweige. Nein, in der Ostsee war ich nicht.“ – „Darf ich trotzdem eine Frage stellen, auch wenn du schweigst?“ – „Darf ich trotzdem schweigen, wenn ich nicht antworten will?“ – „Ja. Warum Jeans und Jacke?“ – Sie überlegt einen Moment und sagt, immer noch grinsend: „Ich möchte schweigen.“ – Und geht in ihr Zimmer. Tja. Es gibt Dinge, die gehen mich nichts an. Das ist so.

Einen Moment später, ich bin gerade in der Küche, bereite das Abendessen vor und freue mich, dass sie von sich aus den Geschirrspüler ausgeräumt hat, setzt sie sich bei mir auf den Schoß, umarmt mich und drückt ihre linke Wange gegen meine linke Wange. Bewegt sich bestimmt zwanzig Sekunden lang nicht, sondern atmet ganz entspannt, gibt mir dann einen Kuss auf meine linke Wange und geht ohne ein Wort zu sagen wieder in ihr Zimmer. Ich werde noch nicht aus jeder Geste schlau, aber mir reicht es manchmal auch, wenn ich das in meinem Kopf in jene Kiste mit dem großen roten Glückskäfer packen darf.

Tina

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Endlich mal wieder ein Vormittag, an dem ich nicht arbeiten muss. Marie hat ein Vorstellungsgespräch und ist unterwegs. Helena ist in der Schule. Sturmfreie Bude! Wow, was ich so alles tun könnte. Ich könnte splitterfasernackt zu viel zu lauter Musik durchs ganze Haus tanzen. Ich könnte mich im Latex-Outfit auf dem Küchentisch räkeln, das per Webcam ins weltweite Netz übertragen und dabei fünfhundert Euro verdienen. Ich könnte mir spontan Lukas nach Hause einladen, der übrigens ganz offensichtlich immer noch was von mir will, aber immer noch keinen Schritt weiter ist, und mal überprüfen, wie sportlich er ist. Irgendwann entführe ich ihn mal. Ob er der Richtige für etwas Dauerhaftes ist, weiß ich nicht. Vermutlich wird der Altersunterschied doch zu groß sein. Aber vielleicht gibt es was, was uns beiden Spaß macht.

Ich könnte nachschauen, ob jetzt eine Dauerwerbesendung läuft, dort für teures Geld anrufen, vom Hot Button ausgewählt werden und meine Tipps abgeben. Bei den gesuchten Tieren, die mit „S“ beginnen, würde ich auf Stirnlappenbasilisk, Schirmqualle, Samtstirnkleiber und die Seigauantilope tippen und mal eben 10.000 Euro gewinnen. Nicht 11.000 Euro, weil mir das Schwein nicht eingefallen ist. Ich könnte auch eine Actioncam in den Kühlschrank stellen und schauen, ob bei geschlossener Tür drinnen das Licht brennt. Oder sie für ein Live-Video eine Runde im Geschirrspüler mitfahren lassen.

Bevor ich meine Gedanken abschließen kann, klingelt mein Handy. Helenas Schule ist dran. Mein erster Gedanke: Stoffwechsel-Entgleisung. Wo bleibt eigentlich die bescheuerte Pumpe? „Könnten Sie gegen 10.00 Uhr in die Schule kommen? Wir müssen mit Helena und einer Mitschülerin ein Gespräch führen. Die Mitschülerin möchte, dass ihre Mutter dabei ist und hat sie bereits angerufen. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie auch dabei sind.“ – „Worum geht es?“ – „Das würden wir dann vor Ort besprechen.“ – „Sagen Sie mir bitte ein Stichwort, ich möchte mich vorbereiten können.“ – „Es geht um eine Prügelei, in die Ihre Tochter verwickelt war. Und Prügeleien dulden wir hier nicht.“

What? Das sind ja mal ganz neue Lieder. Die kenne ich noch nicht. Wieso prügelt sie sich mit jemandem, wo sie selbst so viel Angst vor und so schlechte Erfahrungen mit körperlicher Gewalt hat? Wenn das überhaupt so stimmt. Einerseits kann ich mir nicht vorstellen, dass sie eine Klopperei anzettelt, andererseits gibt es ja die Beobachtung, dass Kinder, bei denen zu Hause die Probleme mit Gewalt gelöst werden (wurden), statistisch öfter die eigenen Probleme auch mit Gewalt zu lösen versuchen. Das wird ein schwieriges Gespräch, wenn das wirklich so stimmt.

Sie soll in der Schule das Handy still und außerhalb ihrer Hände lassen. Trotzdem: Warum bekomme ich von ihr keine Nachricht? Um 10.00 Uhr bin ich in der Schule, rolle zum Treffpunkt. Helena steht im Gang, mit dem Po an eine Fensterbank gelehnt und schaut ins Leere. Neben ihr steht ein anderes Mädchen, das ich noch nicht kenne, und eine Frau, die die Mutter sein könnte. In mir kommen Erinnerungen an meine Schulzeit hoch, die ich schnell verdränge. Helena guckt zu mir hoch, als ich einen Meter vor ihr bin. „Was machst du denn hier?“, fragt sie mich.

„Dasselbe wie du, vermutlich“, antworte ich. Und weiter: „Ich bin angerufen worden, ich soll bei einem Gespräch dabei sein.“ – Helena antwortet: „So ein Blödsinn.“ – „Wieso ist das Blödsinn?“ – „Das sind Tina und ihre Mama“, sagt sie und zeigt auf die beiden. Die Mutter gibt mir die Hand. Helena geht ein Stück weiter und winkt mich zu sich heran, beugt ihren Kopf zu mir runter und flüstert: „Die blöde Kuh kriegt gleich eine Packung. Aber sie ahnt es noch nicht. Ich habe ein As im Ärmel.“ – Danach gibt sie mir einen Kuss auf die Wange, lehnt sich wieder zurück und tut so, als hätte sie nichts gesagt. In welchem Film bin ich hier?

Ein Mann, um die 55, eher edel mit Anzug und Krawatte gekleidet, kommt schnellen Schrittes den Gang entlang, klimpert mit einem Schlüsselbund herum, gibt mir die Hand, gibt der anderen Mutter die Hand, stellt sich vor. „Schön, dass das so schnell geklappt hat und Sie die Zeit erübrigen konnten. Kommen Sie bitte mit.“ – Er führt uns in einen Konferenzraum. Helena lässt sich auf einen Stuhl fallen und macht einen eher desinteressierten Eindruck. Tina lümmelt sich lässig auf einen anderen Sitz, wird von ihrer Mutter angetickt und setzt sich mit genervtem Blick gerade hin.

Der Lehrer erklärt: „Tina hat sich heute an mich gewandt, weil sie von Helena körperlich angegriffen worden sein soll. Anlass soll eine Meinungsverschiedenheit gewesen sein. Tina wollte zuerst nicht sagen, worum es geht. Inzwischen hat sie eingeräumt, Helena darum gebeten zu haben, die Deutsch-Hausaufgabe abschreiben zu dürfen. Helena habe das abgelehnt und sie als Schmarotzerin bezeichnet. Bei dem darauf folgenden Wortwechsel sei Helena ihre Mitschülerin körperlich angegangen und habe sie mit roher Gewalt zu Boden gerungen. Tina habe sich danach auf ihren Sitzplatz zurückgezogen und sich am Ende der Stunde entschieden, zu mir zu kommen. Stimmt das so, Tina?“

Tina nickt. Der Lehrer sagt: „Wer möchte dazu etwas sagen?“ – Niemand sagt etwas dazu. Helena blickt ins Leere. Der Lehrer sagt: „Dann sag ich noch was dazu: Körperliche Gewalt lehnen wir ab. Jeder Schüler verpflichtet sich, an der Schule keine Gewalt auszuüben. Es steht im Raum, dass du, Helena, dagegen verstoßen hast. Es wäre gut, wenn du dazu was sagst.“ – Helena sagt nichts, schaut weiter ins Leere. Ich hole Luft, da sagt Tina: „Damit gibt sie es ja zu.“ – Helena antwortet: „Nö. Schweigen ist neutral. Und ich darf schweigen.“ – Tina lacht. Ich muss daran denken, wie mühsam es war, Helena zu vermitteln, dass sie nicht auf alle Fragen antworten muss und sie lieber schweigen als lügen soll. Ich versuche nur gerade herauszufinden, was Helena ausdrücken möchte. Ich sage: „So lächerlich finde ich das nicht, Tina.“

Der Lehrer sagt: „Es steht jedem Menschen zu, zu schweigen. Manchmal kann es aber sinnvoller sein, etwas zu sagen. Zum Beispiel, warum man etwas getan hat. Das kann dich ja auch entlasten. So müssten wir davon ausgehen, dass du körperlich übergriffig geworden bist und würdest sanktioniert werden. Das kann sogar dazu führen, dass du verwarnt und im Wiederholungsfall von der Schule verwiesen wirst. Und ins Zeugnis könnte das auch kommen.“ – Tina streckt Helena die Zunge raus. Helena sieht das nicht, sondern blickt weiter auf ihren Schoß und murmelt: „Dann ist das eben so.“ – So kenne ich sie überhaupt nicht. Sie war in den letzten Wochen, Monaten und auch heute morgen noch ganz anders. Irgendetwas musste passiert sein, was vermutlich alte Denkmuster hochgespült hat. Oder Erinnerungen. Warum mauert sie so? Warum ist ihr scheinbar alles egal?

„Dann wäre ja alles geklärt“, sagt Tina. Jetzt platzt mir aber gleich der Kragen. Ich habe ein „Nichts ist geklärt“ auf der Zunge, aber die andere Mutter fährt ihrer Tochter in die Parade. „Du bist unmöglich, Tina. Ich kann das Verhalten von Helena zwar auch nicht gut heißen, aber …“ – „Nun nimm du sie noch in Schutz“, faucht Tina dazwischen. Die Mutter antwortet: „Ich kenne dich, Tina. Was ist das für eine Geschichte mit den Hausaufgaben? Ich habe mir doch gestern deine Deutsch-Hausaufgaben angesehen. Ihr solltet doch eure Fehler in der Klassenarbeit berichtigen.“

Welche Klassenarbeit? Helenas Augen blicken einmal kurz in meine Richtung. Davon wusste ich nichts. Warum hatte sie mir die nicht gezeigt? War es eine schlechte Note? Verheimlichte sie mir die? Später. Eins nach dem anderen. Ich wollte gerade vorschlagen, dass ich mal fünf Minuten unter vier Augen mit Helena rede, da platzt es aus ihr heraus. Sie schreit fast: „Wenn du es nicht fertig bringst, was dazu zu sagen: Ich habe mich nur verteidigt und das ist nicht verboten.“ – Der Lehrer zuckt angesichts der Lautstärke zusammen und legt seine Hand beruhigend auf Helenas Arm. Helena zieht ihren Arm weg und schiebt nach: „Sorry, bin aufgeregt.“

„Wogegen verteidigt?“, fragt der Lehrer. Helena sagt: „Tina wollte mir nasse Papierfetzen von hinten unter mein Shirt stecken. Ich wusste nicht, was passiert und habe mit der flachen Hand hinter mich gefasst, ihr Gesicht zu fassen bekommen und sie von mir weggedrückt.“ – „Stimmt ja gar nicht“, sagt Tina. Helena schreit: „Stimmt doch. Und Frau [andere Lehrerin] kann es bezeugen, die stand nämlich im Flur und hat mir die nassen Fetzen wieder rausgeholt.“ – „Helena, schrei doch nicht so. Wir hören dir ja zu.“ – „Tschuldigung, das ist immer so, wenn ich aufgeregt bin. Das kommt von meiner Behinderung.“ – Tina fängt an, hämisch zu lachen. Bevor ich was sagen kann, sagt Tinas Mutter: „Ich muss mich doch sehr wundern.“ – Tina sagt: „Du glaubst ihr ernsthaft mehr als mir?“ – „Ja, Tina. Ich weiß, wann du lügst. Hast du das mit dem Papier gemacht oder nicht? Guck mich an.“ – „Nein.“

Der Lehrer sagt: „Ich schlage vor, wir holen Frau [andere Lehrerin] dazu. Das könnte ja etwas Licht ins Dunkel bringen.“ – Helena ist in Fahrt und antwortet: „Ich schlage vor, Tina zeigt, wie mutig sie sein kann, und macht mal reinen Tisch. Und erzählt dann auch gleich, dass sie sich immer vor allen über meine Behinderung lustig macht. Und ständig meinen [Insulin-] Pen versteckt.“ – „Das mach ich nicht.“ – „Nee, und was war neulich, als du ihn in der Hand hattest, als ich reinkam?“ – „Da hatte ich einen Stift gesucht und den aus Versehen verwechselt.“ – „Ja, ist klar, du hattest ja auch keine zehn eigenen Stifte dabei und musstest, wenn ich draußen bin, in meiner Federtasche wühlen und ausgerechnet den Pen rausnehmen. Spinn weiter.“

Tina holt Luft, aber die Mutter packt sie mit der Hand am Unterarm und faucht sie an: „Sag, dass das nicht stimmt.“ – „Natürlich stimmt das nicht.“ – „Es hätte mich auch gewundert. Mir wird aber gerade einiges klar. Ich glaube dir, Helena, und es tut mir sehr leid, dass ich meiner eigenen Tochter so in den Rücken fallen muss. Tina hat mir ein paar Mal zu Hause von dir erzählt. Aber eigentlich voller Bewunderung.“ – „Mama, das erzählst du hier nicht.“ – „Doch, Tina. Da musst du jetzt durch, und ich glaube, du wirst mir später dankbar sein dafür. Tina hat zu Hause mehrmals erzählt, dass eine neue Schülerin an der Schule ist, die eine Behinderung hat und sich auch selbst Spritzen geben muss und das alles total lässig kann. Sie hat total von dir geschwärmt und ganz viel im Internet nachgelesen über Zuckerkrankheit und sowas.“

Tina sitzt da und hat einen hochroten Kopf. Helena guckt die Mutter mit großen Augen an und fragt Tina: „Aber warum bist du dann so gemein zu mir?“ – Ich bin nur sprachlos. Tina offenbar auch. Ich fühle mich zurück erinnert an meine Schulzeit. In der ich ebenfalls mal in einem Gespräch saß mit einer Mitschülerin, die mich gemobbt hat, und ihren Eltern. Es ist fast wie ein Déjà-vu. Die Mutter sagt: „Ich glaube, sie konnte dir nicht sagen, wie sehr sie dich bewundert. Und vielleicht ist sie auch eifersüchtig auf dich. Tina ist schnell sehr eifersüchtig.“ – „Mama!“, brüllt Tina. „Du machst mich hier gerade vor allen Leuten lächerlich! Ich hasse dich!“

Tina will aufstehen und rausgehen, aber die Mutter hält sie fest. Der Lehrer sagt: „Damit habe ich jetzt so allerdings nicht gerechnet.“ – Helena steht auf, geht zu Tina, streckt ihr die Hand hin. Tina reagiert nicht. Helena sagt: „Ich würde dir eine zweite Chance geben. Wenn du dich entschuldigst.“ – So eine starke Geste von ihr. Ich muss fast weinen vor Rührung. Die Mutter schubst Tina an der Schulter an, sie möge sich einen Ruck geben. Tina guckt mit hochrotem Kopf auf ihren Schoß und sagt, ohne hochzugucken: „Du hast mich immer ignoriert.“ – What? Ich muss echt schlucken.

Ende vom Lied: Die Mutter nimmt Tina im Anschluss sofort mit nach Hause und möchte das mit ihr „nacharbeiten“. Sie hat sich bei Helena und bei mir entschuldigt. Tina sagt kein Wort mehr. Helena soll zurück in den Unterricht. Der Lehrer findet, es sei zwar sehr emotional gewesen, aber man habe wohl alles klären können, von daher sei es „am Ende des Tages“ gut gewesen, darüber zu sprechen. Wenn er meint … Ich bezweifle, dass das bei Tina geklärt ist. Und ich hätte mir gewünscht, dass Helena gleich was sagt und nicht erst schweigt. Vielleicht erfahre ich eines Tages nochmal, warum das so war.

Vor der Tür spreche ich sie auf die Deutsch-Klassenarbeit an. „Warum hast du sie mir nicht gezeigt?“ – „Ich habe sie Marie gezeigt. Du hattest gestern Spätdienst und als du mir gute Nacht gewünscht hast, hab ich es vergessen. Es ist eine Zweiminus.“ – Daumen hoch.