Laktat und Glucagon

Ab morgen wird uns der Alltag wiederhaben. Marie und ich müssen wieder arbeiten, Helena muss in dieser Woche wieder zur Schule und es wird nicht mehr lange dauern, bis der letzte Weihnachtsschmuck aus den Vorgärten verschwunden ist. Wir haben den Heiligabend mit Susi und Otto bei uns zu Hause an der Ostsee verbracht. Wir waren gemeinsam in der Kirche, wo eine Schulfreundin von Helena ein Solo gesungen hat. Was sie echt toll hinbekommen hat.

Helena hat zu Weihnachten ihr erstes vernünftiges Smartphone bekommen, nachdem sie ein Jahr lang mit einem sehr einfachen Jugend-Smartphone sehr gut zurechtgekommen ist und sich überraschend gut an unsere Vereinbarung gehalten hat. Vereinbarung darüber, wie häufig das Ding genutzt wird. Sie spielt überhaupt nicht, nutzt es ausschließlich für Soziale Medien und zur Kommunikation. Wenn ich mitbekomme, was da in ihrer Klasse bei Gleichaltrigen passiert, können wir uns wirklich nicht beklagen.

Seit einem Jahr hat Helena ein eigenes Taschengeld-Girokonto. Auch das funktioniert erstaunlich gut. Sie bekommt derzeit noch 20 Euro im Monat (mit 13 Jahren), in Kürze hat sie Geburtstag, ab dann werden wir es auf 30 Euro im Monat erhöhen. Sie hat ein zweites Konto, auf das die Reste ihrer Unterhaltsleistung vom Jugendamt gehen, also Geld für Schulsachen, Klamotten und ähnliche einmalige Anschaffungen. Die Karte war anfangs bei Marie oder bei mir und die bekam sie einst nur, wenn wir gemeinsam etwas für sie einkaufen. Im Sommer habe ich Helena mit der Karte zum Schulsachen einkaufen geschickt, auch das hat geklappt. Sie kam mit Bon und Karte zu mir und alles war gut. Seit Dezember hat sie die Karte ständig in ihrer Geldbörse. Sie genießt sehr großes Vertrauen – wenngleich das Tageslimit stark begrenzt ist und Marie und ich eine Mail bekommen, wenn jemand mit der Karte verfügt.

Ein Geschenk, über das sie sich ebenfalls sehr gefreut hat, ist ein langer Neoprenanzug zum Schwimmen, den sie von Otto und Susi bekommen hat. Ja genau, jenes Kind, das vor zwei Jahren nicht ins Wasser wollte, weil alle ihr eingeredet haben, sie könne wegen ihrer Behinderung nicht schwimmen. Und es darf geraten werden, wer am zweiten Weihnachtstag nicht mehr aus dem eiskalten Gartenpool herauszulösen war. Wir waren am 1. Weihnachtag mit Susi und Otto nach Hamburg gefahren.

Und während wir den Jahreswechsel ohne großes Theater bei einer Runde Monopoly zu Hause verbracht haben (zu Mitternacht sind wir drei mit unseren Handbikes an die Ostsee geradelt, bei eiskaltem Wind aber guter Sicht haben wir einen Moment dem Feuerwerk zugeschaut, sind anschließend ins Bett), ging es pünktlich am Neujahrsmorgen für uns drei in ein (kommerzielles) Trainings-Camp nach Niedersachsen.

Wir haben uns schon zwei Mal von diesem Anbieter schinden lassen. Fünf Tage für 250 Euro pro Person sind zwar viel Geld, sind aber angemessen. Vollpension wohlgemerkt. Die Unterkunft mit Zwei- oder Vierbettzimmern war für mich okay, da ich mit Marie in ein Zimmer kam. Helena schlief mit drei gleichaltrigen Sportlerinnen in einem Zimmer. Mit Marie und mir hatten sich insgesamt 16 Leute zum Schwimmtraining angemeldet, es gab eine Jugendgruppe für Leichtathletik und eine noch wesentlich größere Gruppe, die Kampfsport trainierte. Gegessen und übernachtet wurde im selben Haus, die Trainingseinheiten waren halt getrennt.

Wir waren die einzigen Menschen mit Behinderung, aber der Veranstalter betonte, dass das kein Problem sei. Ebenso war es kein Problem, dass Helena mit schwamm, statt Leichtathletik zu trainieren – rennen und springen sind nun wirklich nicht ihre Disziplinen. Natürlich konnte sie nicht mit den Schwimmerinnen und Schwimmern mithalten, die das täglich machen, aber sie hatte zusammen mit einer angemeldeten Seniorin ihre eigene Bahn und bekam vom Trainer regelmäßig Aufgaben und Tipps – sie war Feuer und Flamme.

Insgesamt waren viele spannende und sehr freundliche Leute dabei, mit denen jede Unterhaltung Spaß machte. Aber drei Leute schossen natürlich wieder den Vogel ab. Die erste kam mit Fieber und fettem Atemwegsinfekt und wurde quasi noch auf der Türschwelle wieder nach Hause geschickt. Was ich sehr gut fand, denn ich bin dorthin gefahren, um meinem Körper etwas Gutes zu tun und nicht, um krank zu werden. Die zweite wusste genau, wie man „mit Behinderten umgeht“, weil ihr Vater auch mal im Rollstuhl saß. Und so wurde sie regelmäßig übergriffig. Räumte ungefragt unseren Teller weg (obwohl wir nochmal Nachschlag wollten), brachte uns Getränke mit zum Essen (zum Beispiel Kirschsaft aus Pulver angerührt, ohne vorher zu fragen). Sowohl Marie als auch ich haben beide unabhängig freundlich mit ihr geredet, dass das nicht erwünscht ist und wir alleine für uns sorgen können – und bei Bedarf fragen.

Puls bekam Marie, als die Dame ihr im Vorbeigehen in der Schwimmhalle, beim Aufwärmtraining an Land, plötzlich unvermittelt den Kragen vom Poloshirt richtete. Sie grabbelte Marie einfach so an und faltete da am Hemdkragen rum. Marie sagte: „Lass es, ich möchte nicht andauernd angefasst werden.“ – Sie meinte es natürlich nur gut. Wie immer. Als die Dame mir unter Wasser an den Po fasste, um diesen Waschzettel, also dieses eingenähte Etikett, wo draufsteht, wie man etwas waschen kann, wieder in meinen Badeanzug zu stecken, habe ich ihr Schläge angedroht. Wirklich, sowas mache ich normalerweise nicht. Aber wenn es inzwischen drei ganz deutliche Ansagen gegeben hat, muss das wohl sein, um noch klarer zum Ausdruck zu bringen, dass ich es nicht möchte, dass mir jemand ungefragt an den Po greift.

Und der Hammer war auch eine andere Dame, in den Vierzigern, wie ich schätze. Bei einigen Sportlern, die wirklich sehr gut waren und sich auch entsprechend für ein teures Einzeltraining angemeldet hatten, wurde der Laktatspiegel im Blut gemessen. Damit kann man salopp gesagt die Fitness und die Belastbarkeit eines Sportlers messen (und später den Trainingserfolg). Laktat steigt im Blutkreislauf an, wenn die von den Muskeln verwertete Energie nicht vollständig verbrannt wird, also salopp gesagt nach einer Überlastung. Ziel eines solchen Trainings unter Bestimmung des Laktatgehalts im Blut ist es, diese Schwelle, ab der der Körper beginnt, wegen Überlastung die Energie nur noch unvollständig zu verheizen, zu verschieben.

Die Dame behauptete nun ernsthaft, Laktat sei ein Glückshormon, das bei intensivem Training ausgeschüttet würde und für das Glücksgefühl nach einem Ausdauertraining verantwortlich sei. Sie vertiefte das immer weiter und immer abenteuerlicher. Ich habe sie reden lassen. Sie brauchte vermutlich Aufmerksamkeit. Als sie Helena ansprach, dass der frühere Handelsname des synthetisch hergestellten, therapeutisch verwendeten Insulins „Glucagon“ sei, antwortete Helena, sie habe in der Diabetes-Schulung gelernt, dass Glucagon ein Gegenspieler zum Insulin sei – es sei doch fatal, wenn zwei so unterschiedliche Dinge denselben Namen trügen. Ich habe dann gesagt, dass ich vermute, dass die Dame etwas verwechselt. Da war ja was los. Es gibt eben Menschen, die keine Kritik vertragen – und ich hatte das schon befürchtet.

Alles in allem war das aber eine sehr tolle, wenn auch anstrengende Urlaubswoche.

7 Gedanken zu „Laktat und Glucagon

  1. nachträglich frohe Weihnachten und ein Frohes neues Jahr euch zusammen!
    Mmh, bei größeren Gruppen verhält es sich oftmals wie eine Gaußsche Verteilung: es gibt Personen mit denen man absolut nicht zurecht kommt, mit denen man sich ohne Wort versteht und eben jene die Weder Kopp noch Fisch sind.
    Ja, sie hat recht: sie meint es nur gut. Aber gut gemeint ist nicht gut gemacht. Viele Menschen haben die Herausforderung den Mittelweg zwischen Ignoranz und Bemutterung zu finden. Deshalb habe ich mir im Sinne der Zivilcourage (Person bleibt mit Rolator am Gehweg hängen / Person wirkt blass und Hypoton) angewöhnt, dass ich die Personen von denen ich gerade denke, dass sie Unterstützung benötigen gezielt frage „Ist alles in Ordnung? Kann ich Ihnen helfen?“ In ähnlicher Form könnte man dies auch generell und unabhängig von Behinderungen anwenden, gleichwohl ob bei einer Familienfeier oder Klassenfahrt: „möchte noch jemand etwas vom Buffet ?“ Damit hätte man signalisiert, dass jeder die Chance hat sich zu melden und, dass man nicht nur sich selbst sieht, jedoch auch niemanden bevormundet.
    Antatschen geht natürlich auch nicht. Das mag ich auch nicht und finde hier mitunter klare Worte. Das ist übergriffig.
    Jaaa, Helena macht bei euch mehr Fortschritte wie ihr von anderen Personen zugetraut wurden <3
    Es freut mich zu lesen, dass Helena enorme Fortschritte macht, Mutig ist aber zugleich auch Vernunft hat. Da hat sie vielen in ihrem Alter etwas voraus.
    Alles Gute 🙂

  2. Ich wünsche Euch dreien ein glückliches und gutes neues Jahr mit viel spannenden und wenig enervierenden Erlebnissen.

  3. Ein frohes neues Jahr wünsche ich euch! Bleibt fit und so, wie ihr seid: genau richtig! Ich habe Weihnachten den Blog „ganz hinten“ angefangen zu lesen und bin jetzt hier angekommen. Viele Sachen haben meine Weltanschauung hinterfragt – positiv gesehen. Dafür möchte ich Mal danke sagen, Blogziel erreicht oder so. Ich bin gehbehindert und habe einige Situationen so selbst auch ohne Rollstuhl erlebt. Ich glaube, Dank dir werde ich mutiger „nein“ zu sagen. Mich hat mein erster Chef als “ frische Behinderte“ vor 19 Jahren so dermaßen geprägt (1. Arbeitstag: „Sie sind 80 % behindert? Dann können Sie ja nur 20% arbeiten!“), dass ich immer meine, ich muss 250% Arbeitsleistung bringen und trotzdem reicht es für die „normalos“ nicht. Daher bin ich restlos begeistert, wie ihr mit Helena umgeht. Ich arbeite in einer Förderschule mit verschiedenen Bereichen (KmE, LG, gE, Sprachheil). Und ich versuche immer, Selbstbewusstsein und Verantwortlichkeit den Schülern zu vermitteln. Fähigkeiten zu fördern. Stärke entwickelt sich nicht von allein. Und nicht jeder hat ein funktionierende Familie im Hintergrund. Danke, dass ihr Helena helft, ihre Stärke zu finden. Die Welt braucht mehr Menschen, wie euch. Denn es gibt leider zu viele Helenas. Alles Gute euch!

  4. „… überraschend gut …“

    „… erstaunlich gut … “

    Wie zu erwarten war. Wobei ich mir Sorgen mache, ob all das gute Karma hier nicht den Deppenmagneten herausfordert , der …

    „Die zweite wusste genau, wie man „mit Behinderten umgeht“, …“

    Ah! Hier isser schon.

    Na, wenn die sich auskennt, dann wird’s an euch liegen. Seit Ihr überhaupt zertifizierte DIN-Behinderte? Geprüft nach ISO? Wo soll das denn hinführen, wenn einfach jeder will, was er will? Anarchie! Chaos!! The End of the World as we know it!!! Am Ende wird man noch Pluderhosen tragen wollen!!!!!

    Wer jetzt nicht Pluderhosen hat,
    die schier zur Erde hangen
    mit Zotten wie des Teufels Wat
    der kann nicht höflich prangen.
    Es ist solchs so ein schnöde Tracht,
    der Teufel hat’s gewiss erdacht,
    wird selbst sein also gangen.

    – „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ von Kantor Johann Walter, 1561
    https://de.wikipedia.org/wiki/Pluderhose

    „… habe ich ihr Schläge angedroht. … Aber wenn es inzwischen drei ganz deutliche Ansagen gegeben hat, muss das wohl sein, …“

    Es ist wie mit Otto&Kollegen. Eigentlich sollte/n es/sie unnötig sein und ich bin wahrlich kein großer Freund, aber ich muss eingestehen, dass es notwendig ist, dass es sie gibt. Mir fällt einfach nix Besseres ein, wenn man es klar und deutlich im Guten erklärt hat. Wenn ich mein, dass es hilft, jemanden anzubrüllen, mach ich auch das. Obwohl es aufgrund meiner … ähm nicht absolut überragenden Statur von außen komisch aussehen mag. Wer zwangsweise sitzt, hätte da wohl ähnliche Probleme.

    „Ich habe dann gesagt, dass ich vermute, dass die Dame etwas verwechselt.“

    Tss. Tss. Tss. Wie kann man nur so rüde sein. Woher willst Du das überhaupt schon wieder besserwissen? Hmm? Hast Du vielleicht Medizin stud… Äh. Anderes Thema.

    Frohe neue Decade! https://www.xkcd.com/2249/

  5. „… antwortete Helena, sie habe in der Diabetes-Schulung gelernt, dass Glucagon ein Gegenspieler zum Insulin sei …“

    Ziemlich raffiniert, die Kleine: die Quelle angeben und sich dadurch in der unangenehmen Diskussion jederzeit aus der Schusslinie ziehen zu können.

    Kleine Medienschau

    Mein Recht auf Familie
    https://rodlzdf-a.akamaihd.net/none/zdf/20/01/200111_sendung_mdm/2/200111_sendung_mdm_3360k_p36v15.mp4

    Claras Kampf gegen die Querschnittslähmung
    https://pdodswr-a.akamaihd.net/swrfernsehen/landesschau-rp/1188464.xxl.mp4

    Eine falsche Entscheidung – ein Leben als Querschnittgelähmter
    http://hrardmediathek-a.akamaihd.net/video/as/maintower/2019_12/hrLogo_191218184642_L367126_A03_1280x720-50p-5000kbit.mp4

    Medikamententests an Kindern waren rechtswidrig
    https://mediandr-a.akamaihd.net/progressive/2020/0109/TV-20200109-1412-0500.hd.mp4

  6. Liebe Jule,
    Ich bin aus mir nicht mehr erinnerlichen Gründen auf deinem Blog gelandet.
    Das war vor einigen Tagen. Ich habe nach einigem Lesen mein Buch Buch sein lassen und – wenn meine Zeit es zuließ – Deinen Blog von Beginn an gelesen- Tag für Tag.
    Ich kommentierte bisher nie, wenn ich irgendeinen Blog las, denn ich bin der Meinung, dass mir nicht zusteht, ob ich das gut finde oder nicht, was geschrieben wurde.
    Aber bei dir (ich bleibe beim DU, weil du schriebst, dass du in deinem Blog beim DU bleibst) muss ich mal eine Ausnahme machen.
    Ich habe jeden deiner Posts seit Beginn gelesen und verneige mich tief.
    Vor dir, vor Marie und vor allem vor Helena, die mit eurer Unterstützung zu der Persönlichkeit geworden ist, die sie ist.

    Ich habe beim lesen gelacht aber auch geweint, ich war wütend, entsetzt, ge- und berührt.
    Vor allem habe ich trotz meines fortgeschrittenen Alters Einiges gelernt bzw. begriffen, was mir so nicht bewusst bzw. präsent war.

    Dafür danke ich dir und deinem Tagebuch, das ich natürlich weiter verfolgen werde.

    Tief berührt und voller Hochachtung

    Walter

  7. Da hat Helena super in der Schulung aufgepasst. Wenn sich nur jeder Diabetiker schulen lassen würde.. Dann würde es weniger so eine Schwurbelei geben… (Y)

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