Christin und Amerika

Für irgendwelche kulturellen Sehenswürdigkeiten hatten wir in den Tagen in Amerika keine Zeit. Wir hätten uns Zeit nehmen können, aber unser Hunger war hauptsächlich der nach Sonne. Wir haben es beide geschafft, schon vor unserem Wettkampf etwas Sonnenlicht zu bekommen ohne dabei die Haut zu verbrennen. Immerhin würde ich während meiner Schwimmzeit der prallen Sonne ausgesetzt sein. Wir lagen also am Strand, hatten uns einen Sonnenschirm geliehen (ohne den es nicht auszuhalten war), soffen literweise Wasser und gingen alle zwei Stunden mal in die Wellen. Vorausgesetzt, das Wasser war da. Wobei ein wenig Wasser immer da war.

Christin bat darum, die Klimaanlage nachts abgeschaltet zu lassen und lieber das Fenster weit zu öffnen, um sich nicht noch zu erkälten. Draußen kühlte es auch nachts nicht unter 20 Grad ab, so dass wir nackt unter einer großen Bettdecke lagen. Nein, eine feste Beziehung (im Sinne einer offiziellen Partnerschaft) haben wir nach wie vor nicht miteinander. Das sehen wir zum Glück beide so. Zum Glück, weil ich Einigkeit und Ehrlichkeit mag. Eine enge Freundschaft zweifelsfrei, und wenn ich mir vor Jahren auch noch nicht so sicher war, ob Sexualität und „keine feste Beziehung“ zusammenpassen, so empfinde ich zurzeit Sexualität nicht als etwas so Einzigartiges, dass das nur mit mir alleine oder mit einem festen Partner geht. Klar, nackt nebeneinander im Bett zu liegen, weil es warm ist, hat nicht unbedingt etwas mit Sexualität zu tun, wenn ich es ganz pragmatisch sehen möchte. Und ich halte nach wie vor und ausschließlich nach dem männlichen Geschlecht Ausschau. Wobei ich inzwischen weiß, wie anspruchsvoll ich bin.

Es geht eindeutig von ihr aus. Sie will. Sie will oft und lange. Sie ist nicht übergriffig, ich könnte alles sofort und jederzeit beenden. Aber sie zeigt mir sehr genau, was sie will. Führt meine Hand, lässt mich fühlen, schmiegt sich an, hat sehr großes Verlangen. Küsst gut, schmeckt gut, fühlt sich gut an. Und, und das gefällt mir ganz besonders, hat keine Berührungsängste mit Blick auf meine Querschnittlähmung. Nein, sie kann nichts kaputt machen und nein, ich bin nicht aus Zucker. Während ich eher etwas zurückhaltender bin, nimmt sie sich mich so, wie sie es gerade braucht. Und hat volles Vertrauen, dass ich „Nein“ und „Stopp“ sagen würde. Wenn ich etwas nicht möchte. Ich möchte aber und es fühlt sich verdammt gut an.

Am Tag vor Christins Wettkampf reiste eine amerikanische Sportlerin an, checkte im selben Hotel ein und fragte uns gleich, ob wir zusammen Mittagessen wollen. Christin und die amerikanische Sportlerin sind klare Konkurrentinnen im Sport, kämpfen um jede Sekunde gegeneinander. Allerdings nur im Wettkampf. Diese professionelle und faire Trennung, die ich mir im Privatleben, im Job, im Verhältnis zu anderen Eltern aus Helenas Klasse oder nur ganz allgemein viel mehr wünschen würde, wurde hier wirklich gelebt. Wir futterten zusammen, Christin und die Sportlerin quatschten über ihren letzten Wettkampf und über einen bestimmten Schiedsrichter, ich wurde gefragt, woher wir uns kennen, was meine Hobbys sind, und bekam gleich ein indirektes Lob, dass sie es faszinierend fände, wie gut und wie viele Deutsche Englisch sprechen könnten. Sie sagte, dass Deutsch so eine komplizierte Sprache sei, und wir übten am Beispiel „Frei-Wasser-Schwimmen“ das deutsche Wort für „Open Water Swimming“. Das „Sch“ machte ihr anfangs große Probleme, irgendwann konnte sie es aber. Ich bin in den Stunden nicht ein einziges Mal auf meine Behinderung angesprochen worden. Kein einziger Kommentar, weder, dass mein Rollstuhl sportlich sei, noch wie es passiert ist. Kurzum: Sie hat es mir überlassen, ihr davon zu erzählen. Und nicht umgekehrt.

Ich will nicht sagen, dass man mich nicht fragen darf. Wobei ich am liebsten gefragt werde, ob ich darüber sprechen möchte, weil es mir die Chance gibt, mich für ein „Nein“ zu entscheiden. Es ist um ein Vielfaches anstrengender, die Frage „Warum sitzt du im Rollstuhl“ mit „Darüber möchte ich nicht sprechen“ zu beantworten. Die nötige stärkere Zurückweisung des Anliegens bringt nicht selten einen Rechtfertigungsdruck mit sich, der vom Fragesteller oft auch ganz bewusst erzeugt, eingesetzt oder sogar ausgenutzt wird, beispielsweise durch Nachhaken oder durch eine eingeschnappte Vertrauensfrage.

Und so habe ich es genossen, dass meine Behinderung mal nicht im Vordergrund stand, auch wenn ich kein Problem gehabt hätte, mich mit ihr darüber zu unterhalten.

3 Gedanken zu „Christin und Amerika

  1. Ich finde, mit einer Behinderung verhält es sich wie mit Herkunft, Religion, Essverhalten – es sind persönliche Dinge.
    Wenn mein Gegenüber möchte, dass ich das über ihn weiß, wird er es mir schon erzählen.
    Ich käme jedoch nie auf die Idee, danach zu fragen.

  2. Das erinnert mich an die aktuelle „woher kommst du – ich meine wirklich“ Diskussion zu der Ich in letzter Zeit recht viel gelesen habe. Das, oder Fragen wie „warum sitzt du im Rollstuhl“ sind für mich einfach eine Unverschämtheit wenn man jemanden nicht oder nur fünf Minuten kennt.

    Grüße aus Dresden

    Philipp

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