Ergebniskosmetik

Ich hatte gestern morgen einen weiteren Termin in Helenas Schule. Zusammen mit Marie. Beim Direktor. Wegen des dicken Bretts. Mir war klar, dass sein Sekretariat erstmal mit ihm Rücksprache hält, bevor wir einen Termin bekommen. Wir bekamen aber sofort einen. Wurden in sein Büro geführt, wir sollten uns an einen Tisch setzen, er würde gleich kommen. Marie sagte: „Ich bin mal gespannt, was für eine eklige Erklärung wir hier gleich bekommen.“ – Ich antwortete: „Gar keine. Du ahnst nämlich noch nicht, wie eklig ich werden kann.“

In dem Moment kam der Direktor herein, gab uns die Hand. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie warten lasse, ich musste erstmal eine Vertretung organisieren, normalerweise habe ich jetzt Unterricht. Aber wenn hier etwas so dringlich ist, hat das natürlich Vorrang. Ich wünsche mir zwar, dass Sie keine neuen Horrornachrichten für mich haben. Aber wenn ich die Dringlichkeit und Ihre bedrückten Gesichter sehe, bekomme ich fast schon Angst. Schießen Sie mal los, was ist passiert?“

Ich öffnete meine Mappe, die ich vor mir auf den Glastisch gelegt hatte, holte eine Kopie von Helenas Zeugnis heraus, legte es vor dem Direktor auf den Tisch und sagte nichts. Er nahm das Zeugnis in die Hand, guckte es mit großen Augen an, guckte mich an, guckte Marie an und sagte: „Mir läuft es gerade eiskalt den Rücken runter. Ich möchte dazu gar nichts sagen. Wo ist das Original?“

„Bei uns zu Hause“, sagte ich. Der Direktor antwortete: „Tun Sie mir mal bitte einen Gefallen. Stellen Sie bitte schriftlich den offiziellen Antrag, dass die schriftlichen Leistungsnachweise von Helena im Fach Englisch auf die Einhaltung der Prüfungsbedingungen überprüft und nachträglich für ungültig erklärt werden. Erstens. Und zweitens, dass daraus folgend die Englischnote im Halbjahrszeugnis überprüft wird.“

Ich sagte: „Das will ich gerne machen. Können Sie mir denn erklären, wie Ihre Unterschrift unter das Zeugnis kommt?“ – „Frau Socke, machen Sie es nicht komplizierter als es schon ist. Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, wie es jetzt laufen muss, damit Helena zu einem angemessenen Zeugnis kommt. Wenn Sie jetzt noch andere Feuer entzünden, kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Ich kann hierzu im Detail nichts ausführen. Sie wird ein neues Zeugnis bekommen, dann ohne Englischnote. Das ist im Moment alles, was ich für Euch tun kann. Gehen Sie diesen Weg, jeder andere wird Jahre dauern mit ungewissem Ausgang.“

Auf mich wirkt es so, als hätte der Direktor mit der Englisch-Lehrkraft gesprochen, und als hätte die Englisch-Lehrkraft sich jetzt im Zeugnis darüber hinweg gesetzt. Oder sich sogar gerächt. Unter diesen Umständen wäre ein weiterer Unterricht bei dieser Person für Helena nicht mehr zumutbar. Also gehen wir jetzt den Schritt und lassen offiziell überprüfen, ob das seine Richtigkeit hat. Dazu müsste es ja dann einen schriftlichen Bescheid geben, der wiederum eine Grundlage für weitere Schritte bietet.

Ein Schulwechsel kommt für Helena nicht in Betracht. Die nächste geeignete Schule ist 26 Kilometer weit entfernt. Und es ist nicht gesagt, dass es dort besser wird. Im Gegenteil. Von daher hoffe ich, dass der Direktor es schafft, ein wenig mehr Ordnung in seinen Laden zu bringen. Und sein Angebot nicht nur kurzfristige kosmetische Effekte hat. Auch wenn das leider zu befürchten ist.

13 Gedanken zu „Ergebniskosmetik

  1. Jule, ich habe großen Respekt vor deinem dicken Fell. Und ich bin unglaublich dankbar, dass der Direktor euch diesen Weg aufzeigt und nicht noch der Lehrerin Rückendeckung gibt. (so ist das nämlich hier und dann kämpft man gegen Windmühlen…)
    Drück Helena unbekannterweise, sie ist echt toll und die 5 kein bisschen auf ihrem Mist gewachsen.

  2. Sehr ärgerlich, dass es solche Lehrkräfte gibt. Und sehr unmöglich, dass ihr immer so viel kämpfen müsst.

    Aber: schön, dass es scheinbar meistens funktioniert. Wenn man in meinem Kollegium mal ganz konsequent Arbeitsweisen und Bewertungen mit den Vorschriften abgleichen würde, käme man aus dem Staunen nicht heraus. Oft zugunsten der Schüler:innen. Leider aber auch manchmal zu ihrem Nachteil. Und das aus unterschiedlichsten Gründen. Unwissenheit, fehlende Empathie, Überlastung, Egozentrismus, Überheblichkeit, Wahrnehmungsmängel, Faulheit, Dinge gut gemeint und schlecht gemacht, eingesetzt auf der unpassenden Arbeitsstelle…

    Ich schüttle regelmäßig den Kopf, wenn ich abwertende, egoistische und wenig empathische Haltung mitbekomme. Das sind nur sehr wenige Kolleg:innen, die aber leider großen Schaden anrichten können. Ändern kann sie kaum jemand, echte Konsequenzen gibt es nur im absoluten Ausnahmefall. Fatal.

    Die Reaktion des Schulleiters ist vermutlich die beste, die er zeigen konnte. Hinter den Kulissen geht das aber sicher weiter.

    Viel Glück und gute Nerven wünsch ich euch.

  3. Ich drücke die Daumen, denn was hier läuft ist mehr wie unverschämt (um höflich zu bleiben). Vielleicht wäre es sinnvoll von Herrn Direktor darüber nachzudenken, die Englischlehrerin in dieser Klasse gegen eine andere Lehrerin (natürlich auch Lehrer) auszutauschen. OK einfacher gesagt wie getan, zu mal es Ja Lehrermangel gibt. Aber geholfen wäre damit allen Beeiligten

  4. Klingt für mich, als ob der Direktor tut, was er kann: Seine Kollegin ins Messer laufen zu lassen. Heißt für mich, dass die Frau auch intern nicht wirklich Freunde hat. Offensichtlich hat er mit der Note selbst ein Problem, aber er unterrichtet Helena ja nicht. Die Verantwortung für die Note trägt erstmal die Lehrkraft. Die Lehrkraft scheint ein Problem zu haben, angemessen zu benoten, aber es ist ja nicht der Direktor, der hier benotet wird. Eine meiner Noten wurde mal geändert im ganz kleinen Rahmen. Still und heimlich. Dass der Direktor den Rahmen über die Schule hinaus aufbaut, zieht ihn aus der Schusslinie und setzt die problematische Lehrkraft ins Ziel. Was für euch in beiden Fällen sinnvoll erscheint.

    Geh mal davon aus, dass der Direktor die Zeugnisse blanko unterschreibt. In jedem Fall, dass er nicht jede einzelne Note aller Schüler gegenprüft. Das bereut er in diesem Fall vermutlich gerade, aber ich kann es mir in der Realität nicht vorstellen, dass die Unterschrift des Direktors eine Aussage über die Noten enthält, sondern nur, dass das Zeugnis aus seinem Haus kommt.

    Ansonsten muss ich leider auch sagen: Vermutlich jeder von uns hatte irgendwo beschissene Lehrer. Das ist keine Frage einer Behinderung, es finden sich fast bei jedem Schüler Lehrer, die diesen Schüler unsympathisch finden. Ich wurde beispielsweise mehrfach als „unwürdig für diese Schule“ betitelt. Da weiß man auch direkt, dass die Note unabhängig von der Leistung im Fach ist. Aber ich habe von diesen Lehrern auch viel gelernt. Darunter auch das Selbstbewusstsein, meine Leistungen selbst einzuschätzen. Zu begreifen, dass Ablehnung meiner Person nicht zwangsläufig bedeutet, dass ich das zu verantworten habe. Ich habe gelernt mit solchen Lehrern zusammen zu arbeiten. Einer hat nach intensiven Mobbing erkannt, dass ich gar nicht so unfähig bin, weil ich blöderweise der einzige war, der seinem Unterricht folgen konnte.

    Ich habe auch interne Kriege in Kollegien mitgemacht oder war teilweise auch der Zündfunke. Da sind Beamte. Die wird man nicht einfach so los. Ein Direktor kann einen unfähigen Kollegen nicht einfach feuern. Ein beschissener Lehrer wird bis zur Rente unterrichten. Du verschaffst dem Direktor bestenfalls Argumente, dass diese Frau weniger unterrichtet. Bzw. dass er sie aus Helenas Klasse abziehen darf. Eine Aussage wie „Dazu möchte ich nichts sagen“ halte ich für vielsagend, weil es für mich auf genau so einen internen Krieg hindeutet, der explodiert, wenn er in dem Moment etwas sagt. Der Direktor hat offenbar eine Position, muss sich als Direktor aber neutral verhalten.

    Zündest Du die ganze Schule an, wird er Dir wirklich nicht helfen können, weil die komplette Schule an der Wand steht. Ich würde den Weg in Absprache mit dem Direktor gehen. Ich würde aber auch die Option eines Schulwechsels in der Hinterhand behalten. Wenn das Standing der Lehrerin nämlich im Kollegium gut ist, hätte Helena plötzlich einige, die ihr nicht so wohlgesonnen sind, weil ihr die geschätzte Kollegin attackiert habt. Andere würden ihr ungerechtfertigt gute Noten geben, weil sie keinen Bock auf Streß haben. Mobbing bei guten Noten ist schwierig zu belegen. Hat die Frau aber sowieso kein gutes Standing im Kollegium, lasst den Direktor machen.

  5. Bitte was? Habe ich das recht gelesen „[…] , dann ohne Englischnote. “
    Wird die Note einfach gestrichen oder gibt es dann den Passus „in Prüfung, Bewertung folgt“ ?
    ich hätte es verstanden wenn der Direktor sagt, dass er an diesem Tag 250 Zeugnisse unterschrieb und sich nicht mehr jedes einzelne ansehen konnte, aber irgendwie hat er auch eine ablehnende Haltung an den Tag gebracht. Irgendwie ist das nichts ganzes und nichts halbes.

  6. Offensichtlich hat er keine Probleme die Fehler seiner Mitarbeiter einzugestehen, aber bei den eigenen Fehlern hört der Spaß auf. Hoffentlich bringt es euch wenigstens ein Stückchen weiter.

  7. Alles nicht so einfach, Stundenpläne schreiben ist eine Wissenschaft für sich. Im Übrigen kann eine Schule nur vernünftig arbeiten, wenn die Schulleitung hinter seinem Kollegium steht, auch bei Fehlern – ansonsten kann sie ihren Erziehungsauftrag vergessen, weil Ausspielen Raum bekommt und sich das rumspricht. Hinter den Kulissen tut sich dann häufig mehr, allerdings nicht nach außen hin! Der Schulleiter hat in seiner Funktion keinen Einfluss auf die Zeugnisnoten, vor allem dann nicht wenn er nicht Fachlehrer in dieser Klasse ist. Er macht das Zeugnis mit seiner Unterschrift nur zu einem gültigen Dokument.

    Habt ihr die Klassenarbeiten auch in Kopie zuhause liegen? Bei uns gibt es alle zwei Jahre Klassenlehrerwechsel und so gut es geht auch Fachlehrerwechsel. Vielleicht wird es mit der 9. Klasse besser, wäre schön.

  8. „Gehen Sie diesen Weg, jeder andere wird Jahre dauern mit ungewissem Ausgang.“

    Meint der das Ernst? Das halte ich eher für Unfug. Aber meine Schulzeit ist lange her, meine Sammlung von Fünfern im Zeugnis war recht schnell geklärt, mit einer kurzen Eskalation an die zuständige Schulbehörde. Meine Situation war aber auch nur bedingt vergleichbar.

    Gegen Lehrer, die sich bewußt daneben benehmen und bewußt Schüler benachteiligen, kann man sich wehren! Ich würde mal in die Runde der Eltern fragen, wie deren Erfahrungen (bzw. die ihrer Kinder) mit der Englischlehrerin sind. Wenn die Situation da ähnlich ist, kann man zusammen gegen die Lehrerin angehen. Ansonsten halt solo. (Darauf läuft es wegen der immer noch viel zu oft vorhandenen Gleichsetzung von Lehrern mit Göttern seitens der Eltern ohnehin hinaus.)

    Einsichtig ist die Lehrerin ja wohl nicht, dem Schulleiter ist kurzzeitig ein Paar Eier verloren gegangen, also eskaliert man das an die Schulbehörde oder höher. Es geht ja offensichtlich nicht anders.

    Plan B wäre der Wechsel in eine Parallelklasse, sofern die Problemlehrerin dort nicht unterrichtet. Das hilft dann zwar Helena, aber nicht den anderen Schülern.

    Und mal so an Rande: Englisch nicht bewerten lassen, weil sich die Lehrkraft daneben benimmt, kann ja auch wohl nicht angehen. Noten kann man auch berichtigen lassen!

    Tux2000

  9. Frage an die Lehrkräfte hier, schaut sich ein Direktor eigentlich jedes Zeugniss genauer an wenn er es unterschreibt, oder werden die Zeugnissformulare sogar vorher schon Blanko unterschrieben und vom Klassenlehrer bzw. der Sekretärin ausgefüllt werden?
    Denn es scheint hier offensichtlich zu sein das der Direkzor keine Kenntnisse von der Englischnote hatte.
    Ich persönlich halte seinen Vorschlag im Rahmen seiner Möglichkeiten für fair und angemessen. Hoffentlich habt ihr Erfolg damit .

  10. „Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, wie es jetzt laufen muss, damit Helena zu einem angemessenen Zeugnis kommt. Wenn Sie jetzt noch andere Feuer entzünden, kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Ich kann hierzu im Detail nichts ausführen.“
    Alles klar, warum so eine Figur „Führungskraft“ geworden ist. Teppich hochhalten, möglichst alles drunter kehren, damit ja nach außen der Schein gewahrt wird. So als ginge es nur um die Note an sich. Manchmal kann ich nicht soviel kotzen, wie ich wollte…

  11. Wenn ich das (auch aus twitter) richtig verstanden habe, kann doch die Zeugnisnote noch nicht einmal mit den schriftlichen Leistungsnachweisen begründet werden, zunächst unabhängig davon, ob bei diesen die Prüfungsbedingungen eingehalten wurden? D.h., es muss noch sehr schlechte mündliche Noten geben (können die die Zeugnisnote derart beeinflussen?). und die nicht eingehaltenen Prüfungsbedingungen sind ein Problem, erklären aber nicht die Zeugnisnote.

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