Keine Paranoia

Zum Check-In waren wir rechtzeitig im Flughafen, und während Christin genauestens auf Waffen und andere verbotene Gegenstände durchsucht und durchleuchtet wurde, wurde ich nur halb überprüft. Die Arme, der Rücken … hätte ich eine Handgranate in der Hosentasche gehabt, hätte das wohl niemand gemerkt. Immerhin wurde aber der Rollstuhlrahmen auf früheren Kontakt zu Sprengstoff beprobt. Jetzt fehlte nur noch, dass Emma nach ihrem letzten Schießtraining meinen Rollstuhl angefasst hat und dort jetzt noch Munitionsanhaftungen kleben. War aber alles negativ.

Wir waren gerade mit der Kontrolle fertig, da kam bereits eine Mitarbeiterin auf uns zu. „Sind Sie Frau Socke? Schön, dass Sie rechtzeitig da sind. Ich würde Sie gerne jetzt schon in Ihr Flugzeug bringen. Sie und Ihre Begleitung steigen zuerst ein. Sie dürfen mit Ihrem Rollstuhl bis zu Ihrem Sitzplatz fahren, anschließend wird der aber im Frachtraum verstaut. Ich lese hier, Sie sind eine WCHC, das heißt, Sie brauchen den Kabinenrollstuhl, um auf die Toilette zu kommen, richtig? Melden Sie sich bitte bei meinen Kolleginnen und Kollegen an Bord, sobald Sie ihn benötigen.“

Etwa zehn Minuten nach uns kamen die anderen Reisenden in den Flieger. Einige von ihnen glotzten, andere bekamen es gar nicht richtig mit, dass schon zwei Fluggäste dort saßen. Ein Mann schnaufte wie eine Lokomotive und hatte einen dunkelroten Kopf. Für mich sah das aus wie Bluthochdruck, aber es ist nicht mein Job, das zu bemerken. Und vielleicht täuschte ich mich auch. Ich hoffte nur, dass ich ihm nicht gleich helfen müsste. Ich wurde persönlich von einer Crew-Mitarbeiterin begrüßt und gefragt, ob es mir gut ging, dann rollte der Vogel los. Nach den Sicherheitshinweisen wussten wir alle, wie der Gurt anzulegen ist, wann die Sauerstoffmaske aus der Decke fällt und wo die Notausgänge sind, und wenig später waren wir schon in der Luft. Wir gewannen sehr schnell an Höhe, es dröhnte, wackelte und rumpelte ziemlich, während wir eine graue Wolkendecke durchquerten.

Der Flug verlief reibungslos und ohne medizinische oder andere Zwischenfälle. Auch der Klogang war unspektakulär. Wir haben uns ein wenig unterhalten, ich habe auch eine Zeitlang geschlafen. Irgendwann, schneller als gedacht, konnten wir wieder Festland unter uns sehen. Zum Aussteigen bekam ich, zwar erst, nachdem alle anderen draußen waren, aber immerhin persönlich meinen unbeschädigten Rollstuhl zurück. Die Passkontrolle, über die ja im Vorfeld so viel Dramatisches berichtet wurde, war völlig unspektakulär. Wir mussten unsere Papiere vorlegen und wurden gefragt, mit welcher Absicht wir ins Land reisen. Wir gaben an, an einem sportlichen Wettkampf teilnehmen zu wollen. Keine drei Minuten, dann war alles erledigt. Der Flieger war klimatisiert, der Flughafen auch, als wir allerdings nach draußen kamen, dachte ich, mich trifft der Schlag: Über 30 Grad Lufttemperatur schon vor dem Mittagessen, ein paar kleine Wölkchen am Himmel und eine Luftfeuchtigkeit, die an eine Waschküche erinnerte. Christin, die ja öfter mal auf internationalen Wettkämpfen startet, meinte, es sei günstiger, in einiger Entfernung zum Flughafen einen Mietwagen zu ordern als direkt im Flughafen. Womit sie völlig recht haben sollte. Während am Flughafen diverse Autovermieter ihre Station hatten, deren Namen oder Logo auch in Deutschland bekannt ist, gerieten wir drei Straßen weiter an einen lokalen Anbieter.

Hier bekam ich zum ersten Mal mit, was Kundenservice heißt. Als Christin und ich das Grundstück des Autovermieters betraten, eine Art Tankstellengelände zwischen ein paar Geschäftshäusern an einer vielbefahrenen Straße, hielt uns erstmal ein Mitarbeiter die Tür auf. Obwohl gerade schon jemand bedient wurde, wurden wir sofort gefragt, ob wir ein Auto mieten wollten. Wir bekamen einen Sitzplatz an einem runden Glastisch, bekamen ein Glas Wasser hingestellt – mit Unmengen von Eiswürfeln. „Sie ziehen Ihr Gepäck hinter sich her, Sie sind bestimmt gerade am Flughafen gelandet“, fragte uns der Mitarbeiter auf Englisch. Und fuhr fort: „Und jetzt suchen Sie einen Mietwagen. Ich bin mir sicher, wir werden das Passende für Sie finden. Haben Sie schon eine Idee, bevorzugen Sie eine bestimmte Marke?“

Christin sagte: „Nein, wir suchen nur einen fahrbaren Untersatz.“ – „Woher kommen Sie?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, aus Deutschland! Das ist ja fantastisch! Ich habe schon viel gehört, es soll sehr schön dort sein. Eine Sache müssen Sie mir erstmal erklären: Wie fühlt es sich an, ohne jede Geschwindigkeitsbegrenzung fahren zu dürfen? Ich stelle es mir irre vor. Die Polizei im Rücken und du darfst fahren so schnell wie du willst.“ – Er amüsierte sich. Christin sagte: „Das Besondere daran ist ja: Wenn du so schnell fährst, wie es die Physik erlaubt, gibt es immer noch jemanden, der schneller fährt als du.“ – „Das muss ich gleich meinem Kollegen erzählen. Was war das Schnellste, was du je gefahren bist?“ – Inzwischen hörte uns ein weiterer Mitarbeiter zu. Christin sagte: „Ich bin mal bei ihr mitgefahren“, sagte sie und deutete auf mich, „da fuhren wir 220 Kilometer pro Stunde.“ – Unser Mitarbeiter fragte den anderen: „Wie rechnet man das in Meilen um?“ – Der andere Mitarbeiter antwortete: „Das machst du so wie du es am besten kannst.“

Dann kamen wir endlich zum Geschäftlichen: „Ich habe für euch ein deutsches Auto. Schönes Auto. Einen Wulkswahn. Dschätta. Automatik, Air Condition, Benziner, alle Meilen inklusive, Versicherung gegen Kollision und Diebstahl ohne Selbstbeteiligung, alle Gebühren und Steuern inklusive für 31,50 Dollar pro Tag. Vollgetankt ist er, vollgetankt muss er wieder abgegeben werden. Den würde ich nehmen. Wenn das zu teuer ist, hätte ich auch noch einen kleinen Mitsubishi für 26,50 Dollar pro Tag. Der fährt auch, aber ich würde den Dschätta nehmen. Einen Toyota SUV für 34 Dollar hätte ich auch noch. Oder, wenn es was luxuriöses sein soll, dann einen Bi-Emm-Dabbelju Icks Feif für 96 Dollar am Tag.“ – Einen Ford Transit als 15-Sitzer hätten wir auch haben können, für 170 Dollar pro Tag. Wir einigten uns auf den Toyota SUV, weil dort mein Rollstuhl ohne irgendwelches Gebastel in den Kofferraum passte. Beim Jetta hätten wir den erst zerlegen müssen. Kombis gab es gar nicht, nur Automatik, alle Autos hatten Klimaanlage. Kreditkarte, internationaler Führerschein vorzeigen, fertig. Der Mitarbeiter brachte uns zu unserem Auto, er erklärte einige Besonderheiten – und los ging es zum Hotel.

Wir mussten noch etwa 70 Kilometer fahren. Wir fuhren über eine sechsspurige Straße, und obwohl es einigen Verkehr gab, war alles sehr viel entspannter. Alle hielten sich sehr genau an das Tempolimit, einzig gewöhnungsbedürftig war, dass manchmal die rechte Spur recht unangekündigt in eine Ausfahrt überging. Etwas merkwürdig war auch, dass das Rechtsabbiegen bei Rot generell erlaubt war, solange das nicht ausdrücklich verboten war und man niemanden behinderte. Das klappte alles ganz gut.

Unser Hotel lag direkt am Meer, allerdings hatten wir aus Kostengründen ein Zimmer mit Blick zur anderen Seite gewählt. Der Unterschied lag bei fast 100 Dollar am Tag, was nun wirklich übertrieben war. Die Ausstattung war einfach, aber zweckmäßig. Der Raum war klimatisiert, es gab einen mit etlichen Säften, Mineralwasser und Softdrinks gefüllten Kühlschrank, eine barrierefreie Dusche, zwei Einzelbetten mit elektrisch verstellbarem Kopfteil, einen großen Flat-TV, der sogar ARD und ZDF digital empfangen konnte, vier Kissen pro Bett, kurzum: Nichts zu meckern.

Als erstes fuhren wir in ein Einkaufszentrum, um Sonnencreme, ein paar Lebensmittel und Getränke zu kaufen. Danach wollte ich nur noch eins: Gib mir Sonne, gib mir Strand, gib mir Meer. Am Strand gab es einen befestigten Weg und an einer Station, die auch Fahrräder vermietete, gab es Strandrollstühle zu mieten. Selbst für die 12 Dollar pro Tag brauchte es eine Kreditkarte, mit Bargeld wären wir nicht weitergekommen. Aber es gab keinen Kommentar, keine Diskussion, keinen blöden Spruch. Ich möchte so ein Ding ausleihen, und ich konnte so ein Ding ausleihen. Die Mitarbeiter benahmen sich so als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen als Strandrollstühle an Menschen mit Behinderung zu verleihen. In Deutschland würde dafür erstmal der Bürgermeister angerufen und nach den Verwaltungsvorschriften gefragt werden. Ist jetzt übertrieben, aber so kommt es mir häufig vor. Es war hier alles so unkompliziert.

Auch im Hotel. In unserem Raum gab es einen Sitz für die barrierefreie Dusche. Und fest montierte Haltegriffe. Ansage beim Check-In: Wenn Sie mobile Haltegriffe, die man mit Unterdruck an die Fliesen klebt, oder einen Dusch- oder Toilettenrollstuhl benötigen, oder Lagerungskissen oder weitere Decken, dann sagen Sie bitte Bescheid. Es gab einen Eimer für Hygienemüll im Bad. Alle Spiegel waren in sitzender Position nutzbar. Selbst am nächsten Morgen beim Frühstück gab es wahlweise eine Art kleinen Einkaufswagen, auf den man sein Tablett stellen konnte und das Ding vor sich herschieben konnte, oder ein Tablett mit einer Art Kissen drunter, das man sich auf den Schoß stellen konnte.

Insgesamt waren die Menschen dort sehr viel entspannter. Es drehte sich niemand nach mir um. Es glotzte mich auf der Strandpromenade niemand an. Es laberte mich niemand dicht, die ganze Woche lang nicht. Niemand erzählte mir, was besser für mich sei oder dass er auch schon einmal in einem Rollstuhl gesessen hat. Einmal saß ein kleiner Junge in unserem Frühstücksraum mitten im Weg. Bevor ich dort ankam, sagte die Mutter zu ihm: „Denke bitte dran, dass auch andere Menschen hier sind und du nicht mitten in einem Durchgang sitzt.“ – Daraufhin sagte der Junge: „Die Menschen kommen aber an mir vorbei.“ – „Die Frau im Rollstuhl beispielsweise nicht.“ – Woraufhin er sich ohne ein weiteres Wort anders hinsetzte. In Deutschland gibt es Menschen, die stellen oder setzen sich bewusst in den Weg, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Nein, keine Paranoia.

5 Gedanken zu „Keine Paranoia

  1. Das Gefühl, aus dem Flugzeug direkt gegen eine Wand zu rennen (oder in Deinem Fall: zu rollen) kenne ich noch. Als wir das erste Mal nach Miami geflogen sind, kamen wir aus einem oktoberlichen Düsseldorf bei 12 Grad und rannten gegen 95-prozentig feuchte, 34 Grad heiße floridianische Luft. Seither meide ich Saunen… L.A. und Atlanta sind da wesentlich angenehmer – auch heiß, aber deutlich trockener, weil die nicht von drei Seiten von Wasser umgeben sind.

    Auch das mit dem Service kennen wir zu gut. Ist aber auch kein Wunder: Bei dem fixen Lohnniveau gucken selbst Tschechen und Rumänen mitleidig. Da geht fast alles über Trinkgelder. Darum sind die da auch fast alle beinahe scheißfreundlich. Selbst wenn die Gegenleistung hin und wieder mies ist: Zuvorkommend sind sie. Und auch besonders nett zu Deutschen. Wir hatten damals einen Draht zu einer Hotelangestellten, die wir auch privat getroffen haben. Vermutlich liegt es tatsächlich daran, dass wir vergleichsweise gut Englisch können – aber eben auch daran, dass viele – anders als viele Amerikaner – die Angestellten nicht wie Dreck behandeln. Das, was wir zuhause praktizieren, nehmen wir nicht mit den Urlaub. Das ist die andere Seite der Medaille: Amerikaner im eigenen Land werden im Alltag so zuvorkommend behandelt, dass sie das als Selbstverständlichkeit sehen und das gar nicht zu schätzen wissen. Wir dagegen finden es im Ausland toll, wenn man sich ein Bein für uns ausreißt, und sind auch dementsprechend nett zu den Bediensteten…

  2. Liebe Jule, vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich folge Dir seit längerem mit Interesse. Ich bin selbst taub und kann bestätigen, dass in den USA die Menschen freundlicher und souveräner sind. Obwohl man mir meine Behinderung nicht ansieht, wird sie doch sichtbar, sobald ich den Mund aufmache oder kommunizieren muss, und die meisten Menschen reagieren überfordert und sind irgendwie aus dem Konzept gebracht. So, als wäre Taubheit völlig undenkbar. In dem einen Jahr, das ich in den Vereinigten Staaten verbracht habe, habe ich gelernt, dass es auch anders geht. Ich konnte nur noch nicht ergründen, was die Amerikaner anders machen. Aber es ist anders.
    Dir alles Gute!
    Soziechen

  3. Die Amis haben ein ganz anderes Verhältnis zu Rollstuhlfahrenden, als z.B. die Deutschen. Das ist mir am deutlichsten bei den Freizeitparks aufgefallen.
    Dort gibt es Bereiche für ’normale‘ Pkw, Bereiche für Wohnmobile (dort RVs genannt recreation vehicle!) und zusätzlich noch ZWEI Bereiche!
    Für Rollstuhlfahrende mit Pkw und für rollstuhlfahrende RV-Fahrer!

  4. Wenn man die deutschen Barrieren und Merkwürdigkeiten gegenüber Behinderten gewöhnt ist, glaubt man sich in den USA wie im Paradies. Die haben es einfach drauf.

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