Vierzehn und kein Service

Im letzten Jahr war es noch uncool, zu Helenas Geburtstag zu kommen. In diesem Jahr kamen gleich zwölf Mitschülerinnen und drei Mitschüler, um mit ihr zu feiern. Wir haben von einem Verein einen Partyraum gemietet, diesen mit Helena zusammen schön geschmückt und es ordentlich krachen lassen. Es gab ein kaltes Buffet, das Marie, Helena und ich am Vortag gemeinsam vorbereitet hatten, altersentsprechende Mucke, Luftballons und Leuchtgirlanden. Dazu Rolläden runter und Partybeleuchtung an – einschließlich Diskokugel.

Was machen 14 Jahre alte Teenys so? In erster Linie quatschen, lachen, singen und tanzen. Nein, es gab kein festes Programm, sondern eine Playlist. Und zwei Mikrofone zum Mitsingen. Und einen Bildschirm für die beim Karaoke nicht ganz so textsicheren Gäste. Alkohol gab es keinen, geraucht wurde auch nicht, weder Tabak noch Gras, selbst der Konsum von Zuckerzeug und Chips hielt sich in engen Grenzen. Helena, die mir gerade in der Zeit, in der sie ihre letzten Jahre mit einem Psychologen mühsam aufarbeitet, oft viel zu ernst und zu erwachsen ist, standen Spaß, Freude und Ausgelassenheit ins Gesicht geschrieben. Insgesamt war es zweifellos ein ziemlich verrückter Haufen. Im positiven Sinn. Einige hatten ihr einen Gutschein für ein angesagtes Bekleidungsgeschäft geschenkt, es gab sogar zwei Taschenbücher, andere hatten ihr ein Kuscheltier, eine Stoff-Schildkröte, geschenkt, ihre beste Freundin hatte ihr einen Kuchen gebacken und ein Fotobuch gebastelt. Das alles spricht für mich dafür, dass sie inzwischen in ihrer Klasse ankommen ist und akzeptiert wird. Vielleicht nicht von allen (wer wird das schon), aber immerhin von einem gewissen Teil, der ihr zu einem festen Stand verhilft. Und ehrlich gesagt: Ich weiß gerade gar nicht, wer darüber glücklicher ist.

Am nächsten Tag räumten Marie und ich die Reste der Party auf, um den Raum wieder zu übergeben. Bevor ich mich direkt mit Christin auf den Weg zu einem Langstrecken-Schwimmwettkampf in die USA machte. Christin, die sich dabei durchaus international messen kann, hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Sie war bereits am Wochenende zuvor auf einem Wettkampf außerhalb Deutschlands gestartet, steckte diese Doppelbelastung aber offenbar gut weg. Ich selbst bräuchte wohl eine längere Regenerationsphase. Es würde mein erster Auslandsaufenthalt und auch mein erster Flug nach einigen Jahren sein, und mein erster USA-Besuch überhaupt. Meine Einreisegenehmigung hatte ich bekommen, wir hatten einen Direktflug mit einer großen und seriösen, dafür etwas teureren Airline gebucht. Da es sehr früh aus der Mitte Deutschlands losgehen sollte, reisten wir am Tag vor dem Abflug bereits mit der Bahn in die Nähe des Flughafens an und würden eine Nacht im Hotel pennen.

Ich hatte mich schon gefreut, dass mein Idiotenmagnet offenbar zu Hause geblieben war. Ich hatte eine günstige Bahnfahrkarte geschossen, bekam auf Anhieb den gewünschten Zug, das Einsteigen mit der Rampe funktionierte ohne größere Vorkommnisse, es waren keine Chaoten im selben Waggon, kurzum: Es gab bis eine Stunde vor unserem ersten Zwischenziel nichts zu Meckern. Aber als wäre es zu langweilig, kam am vorletzten Bahnhof ein Mann, etwa 50 Jahre alt, in den Großraumwagen, ging nahezu zielstrebig auf mich zu, deutete auf meinen Platz und fragte: „Kann ich da sitzen?“ – Ich antwortete: „Sind ja irgendwie noch genügend andere Plätze frei, oder?“ – „Ja, wie Sie sehen, bin ich behindert und muss mein Bein ausstrecken. Hier ist ja schön viel Platz, wenn ich mich in eine der anderen Sitzreihen setze, stolpern alle über mein Bein.“

Ich meine, derjenige sieht doch, dass das ein Sitzplatz für Rollstuhlfahrer ist und mein Rollstuhl mir gegenüber steht. Wie kommt jemand auf die bescheuerte Idee, einen Rollstuhlfahrer aufzufordern, seinen Sitzplatz herzugeben? Bevor ich antworten konnte, sagte er: „Verstehen Sie nicht, oder? Wie denn auch, verstehe ich ja kaum.“ – Christin guckte mich mit offenem Mund völlig ungläubig an, sammelte sich und fragte mich: „Ist er nicht ganz dicht?“ – Ich schüttelte den Kopf und antwortete: „Nö, ist er nicht.“

Der Mann setzte sich direkt hinter uns und begann erstmal umständlich mit dem in meiner Rückenlehne integrierten Klapptisch zu hantieren, als die Zugbegleiterin reinkam und ihn direkt nach seiner Fahrkarte fragte. Er hatte eine für die zweite Klasse, saß aber in der ersten und begann auch mit ihr die Diskussion um sein behindertes Bein. „Nachlösen oder den Wagen wechseln“, war die Ansage. Er wollte weiter diskutieren, sie blieb hartnäckig und kurz darauf verließ er mit Sack und Pack den Wagen wieder in Richtung der zweiten Klasse. Und tschüss.

Das Hotel hatte Christin gebucht. Schön billig. Sie hatte sich schon gefreut, in dem Hotel einer Billigkette ein barrierefreies Zimmer bekommen zu haben. Und nein, ich bin nicht verwöhnt. Ich penne auch im Zelt, in einer Turnhalle auf einer Matte oder am Strand. Aber das hier war selbst für günstige 24,50 Euro pro Person eine Frechheit. Wir bemerkten natürlich sofort den Temperaturunterschied vom warmen Hotelflur in das eiskalte Zimmer. Heizkörper war defekt und kalt. Es gab ein Doppelbett mit einer Decke und zwei halbe Kissen. Die Decke war eine superdünne Steppdecke, halb so dick wie eine Wolldecke. Christin nahm sie in die Hand und fragte entsetzt: „Was ist das für ein Lappen!? Igitt, riech mal!“ – Das Ding stank völlig widerlich nach zu wenig Waschpulver im Hauptwaschgang. Genauso wie die beiden Handtücher, die auf dem Bett lagen.

Der Herr an der Rezeption gab sich ahnungslos. „Heizung müsste gehen.“ – „Es ist arschkalt in der Bude. Haben sie wenigstens einen Heizlüfter?“ – Er zuckte mit den Schultern. Christin fügte hinzu: „Eine vernünftige Decke wäre auch schonmal was.“ – Ich weiß, warum das vorab bezahlt werden muss. Wir einigten uns darauf, die eine Übernachtung am Tag der Rückkehr nach Deutschland zu stornieren und von unterwegs etwas anderes zu buchen. Für diese eine Nacht mussten wir wohl in den sauren Apfel beißen.

Das Frühstück am nächsten Morgen, das uns beide nochmal je 7,50 Euro extra gekostet hat und natürlich auch vorab bezahlt werden musste, bestand aus jeweils einem einzigen Brötchen und keinem Getränk. Die Kaffeemaschine war defekt, andere Getränke gab es nicht, mehr als ein Brötchen pro Person gab es auch nicht. Kein Saft, nicht mal Wasser. Dazu für uns beide zwei Scheiben Mortadella, zwei Scheiben Käse, zwei Marmeladen, in Plastik verpackt. Auf unsere schriftliche Beschwerde bei der Verwaltung der Hotelkette würde es später heißen: „Die Kaffeemaschine war tatsächlich defekt. Deswegen wurde Ihnen ja auch ein Gutschein für ein Frühstück in der Bäckerei nebenan ausgehändigt.“ – Ich muss wohl nicht erwähnen, dass niemand der Gäste einen Gutschein bekommen hatte. Auf die Heizung wurde gar nicht eingegangen. Vermutlich haben sie es nicht nötig.

2 Gedanken zu „Vierzehn und kein Service

  1. „altersentsprechende Mucke“
    Was ist das denn derzeit so? Fragt einer, der die doch deutlichst älter ist. Und nebenbei, offenbar ohne Idiotenmagnet, gerade in den günstigeren Hotels bessere Erfahrungen hatte als in teureren. Was Euch da widerfuhr macht mich aber sprachlos.

  2. Ja, nun. Von der Service-Wüste direkt ins Mutterland des Services. Wenn das mal keinen „Kulturschock“ auslöst… 😉

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