Flatterviecher

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Es wäre unverantwortlich und kein gutes Vorbild, zu Weihnachten zu Susi und Otto zu fahren, auch wenn wir das eigentlich so verabredet hatten. Auch wenn niemand von uns auf einer Corona-Station arbeitet, ist das Risiko, mit Infizierten Kontakt gehabt zu haben, gerade in der Medizin sehr hoch. Und wer von uns kann schon sicher sagen, wen wir dann noch anstecken und wie schwer unsere Verläufe sind? Nein, nein und nochmals nein. Außerdem wird davon abgeraten. Und selbst wenn es erlaubt wäre, man muss nicht alles ausreizen. Bleiben wir also zu Hause.

Unser direkter Nachbar, der sich immer mal wieder aus der Ferne erkundigt, wie es uns geht, und der auch in der Pandemie regelmäßig von uns ein selbstgebackenes Brot bekommt, bimmelte vor vier Tagen an unserer Haustür: „Ich hab einen Weihnachtsbaum für euch. Jetzt, wo ihr doch hier bleibt. Der lachte mich so an, da habe ich ihn spontan mitgenommen. Hauptsächlich für die Lütte [Helena]. Dann kann sie den schmücken und so … macht ihr bestimmt Freude. Jetzt habe ich also zwei auf dem Anhänger, einen für euch, einen für uns. Wenn ihr wollt. Ist aber nur geliehen, und er muss im Eimer bleiben. Der geht am 6. Januar zu meinem Kumpel. Der musste vier Bäume fällen und hat da jetzt eine riesige Lücke, in die er neue Bäume einpflanzen will.“

So haben wir also jetzt einen Weihnachtsbaum auf der Terrasse. Ganz kurzfristig und ungeplant. Aber schön.

Helena, die sich schon darauf gefreut hatte, über die Festtage mindestens einmal bei Susi und Otto im Garten in die Sauna zu dürfen, hat sich in den letzten Monaten ja aus unserer aller Sicht weiterhin recht gut entwickelt. Sehr unglücklich war eine Mobbing-Attacke mehrerer Mitschüler aus der Parallelklasse. Zuerst hatte jemand ihr den Rucksack entwendet, und, nachdem er ihn durchwühlt hatte und offenbar nichts brauchbares finden konnte, außerhalb des Schulgebäudes in den Müllcontainer geworfen. Hinterher kam heraus, dass mehrere Mitschüler Geld-Wetten darauf abgeschlossen hatten, dass der Diebstahl gelingen würde.

Sehr positiv war, dass mehrere Mitschüler aus Helenas Klasse sofort auf ihrer Seite standen, zwei sogar in den Müllcontainer geklettert sind, um den Rucksack wieder rauszuholen. Wir haben Helena einige Tage aus der Schule genommen, bis sie von sich aus wieder am Unterricht teilnehmen wollte. Ausschlaggebend war ein Brief ihrer Klasse, mit dem ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sich ausdrücklich zu ihr bekannt haben, und das Angebot zweier Schüler, sich mit Helena auf dem Schulweg zu treffen, um gemeinsam zur Schule zu gehen und im Wiederholungsfall eingreifen zu können.

Sehr negativ war, dass eine weitere Person aus eben dieser Parallelklasse auch noch eine Webseite über Helena ins Internet gestellt hat, ebenfalls, um sie zu mobben. Darauf waren Bilder und Texte gespeichert. Auf einer Fotomontage sitzt ein Affe auf Helenas Schulter und laust ihre Haare. In einem Text heißt es beispielsweise, Helena habe sich während des Geburtsvorgangs so spastisch und krampfhaft an ihrer Mutter festgehalten, dass diese dabei verstorben sei. Und ähnliches. Die Seite ist inzwischen aus dem Netz verschwunden; angeblich wollte der Ersteller nur sein technisches Können unter Beweis stellen und habe an die Folgen für Helena nicht gedacht. Dass das eine Schutzbehauptung ist, ist spätestens klar, seitdem noch über eine weitere Person eine ähnliche Seite im Netz belassen wurde. Ein Anwalt kümmert sich. Von der Schule gab es bisher gefühlt wenig Unterstützung.

Auch wenn wir viel mit Helena darüber gesprochen haben und sie damit oberflächlich recht cool umgeht, hat das was mit ihr gemacht. „Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich gemobbt werde. Als Mensch mit Behinderung bin ich es gewohnt, Zielscheibe dummer Witze zu sein.“ Aber die Beharrlichkeit, mit der mehrere Täter vorgingen, hatte eine neue Qualität, wie ich ihre anders formulierten Gedanken in Worte fasse. Es ist noch lange nicht alles in Ordnung bei ihr und Marie und ich sind sehr glücklich, dass wir so gut miteinander zurecht kommen. Das war ja keineswegs selbstverständlich; und wir wissen auch, dass sich das jederzeit ändern könnte. Auch wenn wir es nicht hoffen.

Ihre ambulante Psychotherapie ist nicht mehr verlängert worden, obwohl sie dort sehr gut gearbeitet hatte. Widerspruch läuft, Susi hat eine sehr fundierte Begründung geschrieben, aber die Mühlen mahlen halt langsam. Vor drei Tagen kam Helena plötzlich weinend aus ihrem Zimmer, nachdem sie mit einer Mitschülerin gechattet hatte. Wir wussten erst gar nicht, was passiert sein könnte, es dauerte auch einen Moment lang, bis sie ihre Gedanken geordnet hatte, dann meinte sie plötzlich: „Stell dir mal vor, bei […] hat sich die Mutter beschwert, dass sie ihr Weihnachtsgeschenk zu billig und zu oberflächlich findet. Vor Weihnachten. Es ist gar keine Überraschung mehr, weil sie das irgendwo gesehen hat. Das ist so schlimm und das tut mir so leid für […], weil sie sich solche Gedanken gemacht hat und es ehrlich gesagt gar nicht so billig war. Und das wühlt sie total auf.“

Auch wenn ich es natürlich nicht mag, wenn Helena so aufgewühlt ist, so rührt mich der Gedanke irgendwie, dass sich ihre Mitschülerin ausgerechnet Helena ausgesucht hat, um ihr Herz auszuschütten. Wir hatten ein gutes Gespräch über Aufmerksamkeiten. Über Freude machen, über Schleimerei, über Verselbständigung des Themas, über Konsumverhalten – allerdings ohne großartigen Widerspruch durch Helena. Wir haben schon immer die weihnachtliche Geschenke-Kurve mutwillig abgeflacht und alle nötigen Anschaffungen auf Zeiten abseits des Weihnachtsfestes gelegt. Wenn Helena neue Schuhe oder eine neue Hose braucht, gibt es die bewusst nicht zu Weihnachten. Nun ist es bei uns mit dem Geld auch nicht so knapp, dass wir neue Schuhe nur vom Weihnachtsgeld der Oma kaufen könnten; aber selbst wenn, fände ich es erst recht nicht gut, diesen kommerziellen Radau dadurch zu unterstützen. Sondern dann hätte ich vermutlich mit der Oma einen Deal, dem Kind die Schuhe anlasslos zu schenken. Und zu Weihnachten eine Kleinigkeit. Zu sehr nervt mich dieses „weiter, schneller, besser“ unter dem Weihnachtsbaum.

Susi und Otto schenken „ihrer Helena“ sehr gerne etwas zu Weihnachten oder zum Geburtstag und Helenas „materielles Sachvermögen“ profitiert sehr davon. Wobei man dazu sagen muss, dass Helena so gut wie nie materielle Wünsche hat und eigentlich sehr bescheiden ist. Umso mehr schätzt sie diese Geschenke. Susi und Otto sprechen es vorher mit uns (und beiläufig meistens auch mit Helena) ab, geben dann lieber mehr Geld für die Qualität aus, würden aber niemals irgendeinen Quatsch schenken. Beispiel Trampolin: Helena nutzt es auch nach einem Jahr fast täglich. Und unsere Nachbarn und wir profitieren davon, dass es eine gute Qualität hat, weil es quasi lautlos ist. Da klackert, scheppert, klimpert, quietscht und knarzt absolut nichts.

Heute fiel mir Helena um den Hals, als ich nach Hause kam. Ich dachte erst, es sei eine ungewöhnlich herzliche Begrüßung, aber dann merkte ich, dass sie schon wieder weinte. Inzwischen erzählt sie sehr schnell, was sie bedrückt. Was völlig neu ist, und deswegen erwähnte ich die derzeit beendete pausierte Psychotherapie, dass sie mit uns über ihre früheren Pflegeeltern spricht. „Jule, dieses Weihnachtsgedöns triggert mich wahnsinnig. Jetzt auch noch dieser Baum auf der Terrasse. Er ist schön, und es sind viele schöne Gefühle. Aber ich muss auch immer an viele doofe Sachen denken. Was essen wir eigentlich am 1. Weihnachtstag?“ – „Das hast du soeben resettet, wenn es irgendein Essen gibt, was dich aufwühlt.“ – „Ich möchte kein Flatterviech.“ – „Das hatten wir doch aber sowieso nicht vor.“ – „Ich weiß. Aber weißt du, warum? Bei meinen früheren Pflegeeltern gab es am 1. Weihnachtstag immer Gans. Und am 2. Weihnachtstag eine Suppe mit den Resten. Ich bekam am 1. Weihnachtstag immer als Letzte irgendwas Fettes, Ekliges auf den Teller, was die anderen nicht wollten, und was ich nie gegessen habe. Immer mit dem hämischen Kommentar, dass die guten Stücke leider schon alle weg sind. Einmal habe ich mir das so zu Herzen genommen, dass mir richtig übel wurde und mir das danach alles wieder hochgekommen ist. Später habe ich gehört, wie mein Pflegevater zu meiner Pflegemutter vor ihren beiden Kindern in der Küche gesagt hat: Sie weiß solche Kostbarkeiten doch gar nicht zu schätzen. Gans ist eindeutig zu gut für Helena.“

„Was?! Das ist so schlimm, was du durchgemacht hast. Die waren so scheußlich zu dir. Aber hör mal: Es gibt keine Gans zu Weihnachten. Auch kein anderes Tier. Wir wollten doch diese Mini-Burger zusammen machen. So richtig mit Brötchen selbst backen und Salate und so … oder wollen wir lieber gar nichts kochen und uns, wenn wir Hunger haben, ne Pizza auftauen? Ich weiß, dass das immer wieder Flashbacks gibt, gerade wenn es vergleichbare Umstände sind, wie jetzt zur Weihnachtszeit. Aber du kannst Weihnachten nicht abschaffen, sondern du kannst es nur anders machen und deiner Psyche so zeigen, was gut ist und was scheußlich war. Und ich glaube, zu dritt können wir das schaffen. Gerade dieses Jahr.“

„Mein Kopf weiß das ja auch. Aber weißt du, was es für ein verstörendes Gefühl war, als ich zum ersten Mal hier gegessen habe und du zu mir gesagt hast: Fang an, füll dir was auf!? Ich weiß inzwischen, dass das nicht normal war, wie meine früheren Pflegeeltern das gemacht haben. Herr [Therapeut] hat gesagt, das macht man mit Hunden so, wenn es Probleme mit der Rangordnung gibt. Dann fressen die zum Schluss. Die Message dahinter ist klar: Du bist die Unwichtigste hier. Jule, ich weiß das, und ich bin jeden Tag aufs Neue glücklich, dass ich hier bin und dass ich eine neue Chance bekommen habe. Aber meine Psyche glaubt es bis heute noch nicht und klickt ganz plötzlich random irgendwelche alten Videos rein.“ – „Und das Video-Fenster kriegst du dann so schnell nicht zu, oder?“ – „Es ist wie im Netz: Du bist mittendrin und plötzlich zählt irgendwo ein Countdown runter, noch 6 Sekunden, 5, 4, 3, 2, 1 und dann poppt irgendeine Scheiße auf, volle Lautstärke. Die Maus ist gerade nicht in der Nähe und klemmt immer in solchen Situationen, und bevor du wenigstens den Ton abgestellt hast, weiß das ganze Haus, was du gerade machst. Aber klar, die Idee mit den selbstgemachten Mini-Burgern ist gut und ich war ja auch spontan dafür.“

Kurz danach hat eine Freundin sie angerufen und wollte mit ihr über irgendwas mit Pferden sprechen. Zehn Minuten später war Helenas Lachen schon wieder durch das ganze Haus zu hören. Es ist mir bis heute unbegreiflich, wie diese Eltern an Helena oder überhaupt an ein Pflegekind gekommen sind. Vermutlich können sie gut etwas vorspielen. Aber es wird mir unbegreiflich bleiben, warum jemand, wenn die Chemie nicht stimmt, sein Pflegekind nicht abgibt, sondern es psychisch quält. Es bleibt mir wirklich ein Rätsel. Und ich möchte das vermutlich auch gar nicht verstehen.

Kein großes Fest

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Kein großes Fest zu Corona-Zeiten. Der 10 Millionste Aufruf meines Blogs war am 22. November 2020 morgens gegen 5 Uhr. Ich möchte nicht schon wieder schreiben, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte, dass ich 10.000.000 Seitenaufrufe im Netz verantworte. Das wissen inzwischen nämlich alle.

Ehrlich gesagt, es sind sogar noch mehr. Als ich mich vor sieben Jahren bei einem Kurznachrichtendienst anmeldete, um zwischendurch auch anderswo immer mal ein paar knackige Sätze raushauen zu können, folgten mir innerhalb von 48 Stunden rund 200 Personen. Nach einem halben Jahr waren es über 500 Follower.

Allerdings dauerte es bis zum Sommer 2019, bis ich meinen tausendsten Follower begrüßen konnte. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich bis heute fast niemanden abonniert habe, der nicht zuerst mich abonniert hat. Anfangs habe ich mehr geschrieben als gelesen.

Für die Durchzündung sorgte mein Beitrag anlässlich des 11. Jahrestags jenes Verkehrsunfalls, der mich in den Rollstuhl brachte. Der Beitrag wurde über eine halbe Million Mal angezeigt, fast 15.000 Mal geliked und mit über 400 persönlichen Antworten versehen.

Inzwischen folgen mir über 25.000 Personen. Ja, ein ganzes Stadion voll. Zu meinem „Zweitgeburtstag“ in diesem Jahr brauchte ich fast drei Stunden, um mich durch fast 1.000 persönliche Glückwünsche zu lesen. Ich kam nicht mal mehr dazu, sie einzeln zu liken, weil ich sie zeitweise nicht mehr alle (erweitert) angezeigt bekam, ohne dass mein Browser abstürzte. Von der Handy-App mal ganz zu schweigen. So konnte ich nur kollektiv antworten, dass ich mich über jeden einzelnen Gruß und Glückwunsch sehr gefreut habe. Ja, das Persönliche geht manchmal etwas unter.

Heute zeigt das Portal meine Kurznachrichten rund 20 Millionen Mal pro Quartal an. Sie werden pro Quartal durchschnittlich 350.000 Mal geliked, 5.000 Mal geteilt und knapp 15.000 Mal mit einer persönlichen Nachricht beantwortet. Das sind statistisch 4.000 Likes pro Tag und über 150 persönliche Antworten. Ebenfalls pro Tag.

Der eine bezeichnet mich schon als Fame-Hure, die andere als Influencerin. Ich selbst sehe mich allerdings weiterhin als Stinkesocke, die mittlerweile noch mehr aufpassen muss, was sie sagt. Und was sie schreibt. Denn eins ist gewiss: Gerade kurze, knackige Aussagen bieten viel Spielraum für Missverständnisse. Und so ein soziales Medium bietet viel Spielraum für Menschen, die provozieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und für Ferkel unterschiedlichster Couleur. Aber vor allem, und das macht für mich den Reiz aus, dort zu schreiben, für viele liebe Menschen, die an einem knackigen Austausch ernsthaft interessiert sind, die Mut und Trost spenden können, die mich zum Lachen bringen, die Ideen haben und die vor allem auch mal kritisch nachfragen – ohne dabei (ob der gebotenen Kürze im Kurznachrichtendienst) endlos rumzurharbarbern.

Und dann kam Corona

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Warum habe ich seit über einem Dreivierteljahr nicht mehr gebloggt? Die Frage wurde mir im letzten Dreivierteljahr oft gestellt. Blöder Beginn für einen neuen Blogbeitrag nach so langer Zeit. Blöder Stil und so. Fast so wie „es war einmal“. Und „es war einmal“ ist nicht meins. Im Moment zumindest nicht.

Ich hatte so viel vor. Ich wollte so viel von den Dingen tun, die mir gut tun. Stattdessen: Quarantäne. Nur noch arbeiten und ansonsten zu Hause bleiben. Möglichst niemanden treffen. Eine schlimme Seuche liegt über unserem Land. Und bald schon über der ganzen Welt. Eine Pandemie. Ein Ereignis, das wir in unserem Land, in dem Menschen einst in Notaufnahmen gingen, weil sie sich einen Fingernagel eingerissen haben, nicht vorkam. Ein Ereignis, vor dem die Wissenschaft zwar immer schon mal vage und hypothetisch gewarnt hat, das aber, hätte man in 2019 jemanden außerhalb des medizinischen Sektors gefragt, dieser Jemand allenfalls als überzeichnetes und fiktives Katastrophenszenario auf Kinoleinwänden vermutet hätte.

Nach Popcorn dürfte inzwischen niemandem mehr zumute sein. Und das nicht nur, weil die meisten von uns inzwischen nicht mehr wissen, wie ein Kino von innen aussieht. Nachdem kurzzeitig die strengen Hygieneauflagen mal etwas gelockert werden konnten, weil das Corona-Virus bei hohen Sommertemperaturen und frischer Luft eher müde ist, ist Deutschland inzwischen wieder im harten Lockdown angekommen. Schulen zu, Einzelhandel zu, kein Sport, keine Kultur, Treffen nur online, zu Weihnachten und zu Silvester nach Möglichkeit bitte niemanden sehen. Allenfalls online.

Die anfängliche Hysterie, in der uns in der Klinik reihenweise die Desinfektionsflaschen aus den Spendern gestohlen wurden, haben viele schon wieder vergessen. Klopapier hat inzwischen auch jeder zu Hause, viele haben sich anfangs gleich eine ganze Palette bestellt, als sei das größte Problem der Arsch, den man sich notfalls nicht mit Wasser säubern könnte. Wasser wurde hingegen nicht in großen Mengen eingekauft, das kommt ja schließlich immer mit großem Druck aus der Leitung…

Zwischenzeitlich wurde mein Arbeitgeber hysterisch und wollte mich als Arbeitnehmerin mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf und schlechten Chancen, bei überlasteten Intensivstationen mit eigenem Erfolg durch die Triage zu kommen, lieber zu Hause sehen. Kurz danach brauchte er mich dann aber doch so dringend, dass ich nicht mehr zu Hause bleiben dürfe, und setzte mich auf der peripheren Inneren ein, trotz Weiterbildungsvertrag für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Flexibität sei gefragt, um Personal für die Intensivstationen herauslösen zu können.

Die Sache mit dem Abstand haben trotz aufgeklebter Abstandsbuttons und begegnungsfreien Einbahnstraßenregelungen bis heute noch nicht alle Menschen verstanden. Geschweige denn das Thema „Mund-Nasen-Bedeckung“, die Coronaleugner auch gerne am Kinn oder provozierend an der Stirn tragen. „Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich“ wird zu meinem Standardspruch, um die unerwünschten Kuschelsüchtigen auf Distanz zu halten. Und ein ums andere Mal erkläre ich lieb meinen Mitmenschen, warum ich „als Behinderte“ meinen Maske auch dann trage, wenn ich mich vielleicht davon befreien lassen könnte. Solidarität ist das Gebot des Jahres.

Und so habe ich auch Christin seit einem Dreivierteljahr nicht mehr live gesehen und nicht mehr berühren können. Auch im Sommer nicht, schließlich arbeite ich im Gesundheitswesen und sie kann sich eine Corona-Erkrankung als Leistungssportlerin absolut nicht erlauben. Immerhin weiß noch niemand, wie sehr selbst ein fast symptomloser Verlauf die Lunge einschränken würde. Und damit die Möglichkeiten, absolute Spitzenleistungen zu erbringen. Von der Gefahr, auch als junger Mensch schwer zu erkranken, will ich gar nicht schreiben. Aber wir telefonieren mehrmals in der Woche, meistens mit Video.

Inzwischen habe ich mich entschieden, mich nicht in Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern in Pädiatrie weiterzubilden. Das eine Jahr wird angerechnet, aber nun musste ich mich festlegen und arbeite seit einigen Monaten in einer Kinderarzt-Praxis hier im Ort. Nein, das wollte ich eigentlich nicht, weil mich inzwischen hier jede Mutter und jeder Vater und jedes Kind kennt. Aber es war die einzige Praxis im Umkreis von 50 Kilometern, die einerseits barrierefrei erreichbar war (einschließlich der Mitarbeiter-Toilette), andererseits einen Platz vergeben konnte – und drittens keine offensichtlichen oder versteckten Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderung hatte.

Von einzelnen Startproblemchen mal abgesehen, läuft es inzwischen sehr gut. Und ja, ich kann damit leben, dass im Supermarkt plötzlich Kinder angelaufen kommen und mir erzählen, dass ihre Warze oder ihr Durchfall verschwunden sind. Und tatsächlich ist ein Drittel meiner Zeit in dieser Praxis schon wieder vorbei. Noch bin ich gerne dort.

Und zu Hause? Da hat sich nicht viel verändert. Marie geht es gut. Auch sie zieht ihre Weiterbildung tapfer durch. Helena geht inzwischen schon in die 9. Klasse und beißt sich durch die behinderungsbedingten Unzulänglichkeiten des Alltags, kommt aber insgesamt gut zurecht. Maries Eltern, Maries Hündin geht es gut. Uns auch – so gut es uns unter Corona halt gehen kann.

Open Water III

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An Christins Wettkampftag war es bewölkt. Die Lufttemperatur, die vorher noch über 30 Grad hatte, war auf angenehme 21 Grad gefallen. Fast optimale Bedingungen für einen Wettkampf. Wir fuhren rund 30 Kilometer zu einem Süßwasser-Binnensee, in dem die Wettkämpfe stattfinden sollten. Ich fasse es kurz zusammen: Durch einen heftigen Regenfall zwischendrin war es kurz davor, dass die Veranstalter das Rennen unterbrechen. Christin konnte zwar ihre 10 Kilometer durchschwimmen, war aber fast zehn Minuten langsamer als noch vor einer Woche und entsprechend unzufrieden. „Die ganze Woche brennt die Sonne und in den zwei Stunden, in denen ich schwimme, bricht ein Unwetter über uns herein, dass alle meterweit von der Strecke gepustet werden.“

Immerhin konnte ich mir in der Zeit schon die Startunterlagen für meinen Wettkampf am nächsten Tag abholen. Ich musste vor Ort noch Startgelder entrichten und eine Tageslizenz kaufen, wieder alles mit Kreditkarte, ich wurde darauf hingewiesen, dass ich jede Sonderregel vorher zur Prüfung anmelden müsse, sonst würde ich disqualifiziert, wenn ich beispielsweise statt aus dem Stand im Sitzen starten würde. Persönliches Begleitboot war nicht zugelassen, es würde zwei Runden zu je 2,5 Kilometer geben und nach 2,5 Kilometer könnten mir Getränke und Suppe angereicht werden. Die normalen Begleitboote mit den Lifeguards wären aber immer dabei. Es gebe ein 67 Personen starkes Feld aus Teilnehmenden und darunter seien mit mir fünf Personen mit Handicap. Ich sei aber die Einzige mit Rollstuhl und die am schwersten eingeschränkte Teilnehmerin. Meine Assistenz dürfe mich in den Callroom begleiten und mich bis zum Start bringen und nach dem Ziel auch aus dem Wasser holen. Wenn ich direkt beim Start Assistenz benötigte, müsste ich das vorher angeben. „Nö, auf dem Po von der Stegkante ins Wasser rutschen, bekomme ich hin.“ – „Dann schreibst du bei ‚Start Assistance required‘ ein ‚No‘ und bei ‚Assistance to get off the water‘ ein ‚Yes‘.“

„Die Startplätze werden nach Meldezeit vergeben. Der schnellste Schwimmer darf als erstes auf den Steg und sich frei entscheiden, von welchem der 75 Startplätze er ins Wasser springt. Der zweitschnellste kommt als zweites auf den Steg und so weiter. Die fünf Handicapped-Schwimmer dürfen ihre Plätze frei wählen, bevor der Schwimmer mit der schnellsten Meldezeit den Steg betritt und sich dort auch schon positionieren. Wenn du nicht solange sitzen kannst, kannst du dem Startordner auch die Nummer sagen, dann wird dieser eine Slot mit einem Hütchen für dich gesperrt. Du hast keine besondere Badekappe, die dich als Handicapped Swimmer erkennbar macht, es müssen alle auf alle Rücksicht nehmen. Wer einen anderen Schwimmer überschwimmt, fliegt raus. Das gilt für Menschen mit und ohne Handicap. Du darfst einen Bikini oder einen herkömmlichen Badeanzug ohne Bein benutzen. Neopren ist nicht zugelassen. Die Arme müssen immer frei sein. Wenn du einen Badeanzug mit Beinansatz oder mit langem Bein trägst, muss das Modell von der Weltorganisation abgenommen sein und eine Zulassungsnummer tragen, sonst darfst du es hier nicht verwenden. Du musst beim Abgeben deiner Startkarte morgen auch eine ärztliche Bescheinigung auf Englisch vorweisen, dass du sportgesund bist. Viel Glück.“

Muss ich nochmal vorwarnen, dass mein Wettkampfbericht, wie immer, TMI enthält? Also zu viele Informationen einschließlich der unappetitlichen Details. Wer also zart besaitet ist und gerade frühstückt, liest vielleicht erstmal anderswo weiter.

Ich habe in der Nacht kaum geschlafen. War immer wieder wach, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht aufgeregt war. Es ging für mich um nichts. Im schlimmsten Fall zieht mich irgendein Boot aus dem Wasser. Wenngleich ich natürlich ankommen wollte. Gegen fünf Uhr schlief ich ein und war völlig gerädert, als um kurz nach sechs Uhr der Wecker klingelte. Frühstücken? Nee. Ich würde nichts runterbekommen. Nicht mal irgendeinen Keks. Ich wollte nur so schnell wie möglich zum Start und losschwimmen. Es war bewölkt, es waren 24 Grad angesagt, somit waren Luft und Wasser etwa gleich warm. Kein Wind, kein Regen: Eigentlich beste Bedingungen. Christin holte mir eine Kanne lauwarmen Kamillentee aufs Zimmer. Duschen, Beine rasieren, am Ende doch zum Frühstück rollen und eine Schale mit Müsli essen. „Am besten wird sein, wenn ich dir deine Wettkampfbekleidung hier auf dem Bett liegend anziehe. Da auf dem Acker oder im Auto werden wir das nicht hinbekommen.“ – „Um 11 geht das los. Wir sollen um 10 im Call-Room sein, vorher noch eingecheckt haben, vorher noch dorthin fahren…“ – „Um 9 fahren wir ab.“ – „Zwei Stunden lang in dem engen Ding?“ – „Zweieinhalb, um 8.30 Uhr fangen wir mit dem Anziehen an. Plus die zwei Stunden für deinen Wettkampf, macht viereinhalb Stunden. Wirst du überleben. Stell dich nicht so an, wenn ich 25 Kilometer schwimme, überlebe ich die Zeit auch.“ – „Die Frau an der Anmeldung faselte gestern was davon, dass mein pinker Anzug von der Weltorganisation abgenommen sein muss. Ist er das?“ – „Guckst du hier, die Nummer, die später auf deinem Arsch ist, ist die Zulassungsnummer.“

Sollte ich mir das alles nicht doch nochmal überlegen? Ach nee, das denke ich jedes Mal. Um 8.25 Uhr ging ich nochmal aufs Klo, um halb neun lag ich nackt auf dem Bett und ließ mir von Christin meinen Wettkampfanzug anziehen. Bis zum Knie ging es schnell. Ab da reden wir über zwei Zentimeter pro Minute. Der Stoff dehnt sich so gut wie überhaupt nicht, sondern stattdessen muss die Haut in das Teil reingequetscht werden. Der Anzug, den mir Christin beim letzten Mal geliehen hatte, war bereits etwas ausgeleiert, diesen hatte noch niemand vorher getragen. Zentimeter um Zentimeter. Bloß nicht mit dem Fingernagel in den Stoff fassen, dann würde er sofort reißen. Wieder von unten eine Falte erzeugen, und nach oben schieben. Noch zwei Zentimeter. Die schlimmste Stelle war, den Oberkörperbereich des Anzugs über meinen Po zu bekommen. Als das endlich nach rund fünfzehn Minuten soweit war, ging es relativ schnell. Bis zum Bauchnabel, Arme durch die Träger, langsam hochziehen. Ein wenig links zupfen, ein wenig rechts, … „Sitzt er gut im Schritt?“, fragte Christin und fasste mir dorthin. Bevor ich etwas sagen konnte, warf sie mich aus meiner sitzenden Position im Bett um, legte sich auf mich drauf und küsste mich. „Wenn es nicht so mühsam wäre, würde ich dich jetzt sofort auspacken“, sagte sie.

Ich zog mir eine Leggings und einen Hoody drüber, setzte mich in meinen Rollstuhl und verspürte sofort Blasendruck. „Das kann ja nun nicht sein, du warst vor nicht mal 30 Minuten. Du bist nervös, das ist alles.“ – Ich hoffte, Christin würde recht behalten. Sie schob mich einfach aus dem Zimmer. Tür zu, zum Auto, umsetzen, Rollstuhl in den Kofferraum, los. Ich hoffte immernoch, das meine Blase sich nicht selbständig machen würde. Ohne Pampers würde das eine riesige Sauerei geben und wir haben noch rund 30 Kilometer zu fahren. Christin meinte: „Sind Kunstledersitze. Wenn du schwimmst, habe ich zwei Stunden Zeit, sie abzuwischen. Willst du dich vorsorglich auf ein Handtuch setzen?“ – Besser bei 24 Grad kein großes Handtuch zu haben als dass hier irgendwas plätschert, dachte ich mir. Es passierte aber nichts.

Christin zog meinen wasserdichten Bezug auf mein Rollstuhl-Sitzkissen und hängte ein Handtuch über die Rückenlehne, ich zog meine Leggings aus und rollte mit allen Unterlagen zum Check-In. Es war alles vollständig, ich bekam mehrere Klebe-Tatoos mit meiner Startnummer ausgehändigt, dazu eine Anleitung, wohin das alles geklebt werden müsse. Erneut kein Wort über meine Behinderung. Auffallend. Zurück bei Christin, drückte sie mir eine Flasche Wasser in die Hand. „Trinken, sonst dehydrierst du später.“ – „Ich muss seit dem Hotel dringend aufs Klo. Ich muss erstmal gucken, wie und wo ich das erledige.“ – „Du setzt sich jetzt ins Gras und ich klebe dir die Tatoos auf und schmiere dich mit Sonnencreme und Fett ein. Und währenddessen wässerst du bitte den Rasen, der ist sehr trocken.“

Ich war die Nummer 141. Und bekam diese Nummer auf beide Oberarme und auf beide Handrücken. Christin cremte mich mit Sonnencreme ein, richtig dick, am Hals und an den Schultern bekam ich zusätzlich noch eine Fettcreme aufgetragen, ich bekam meine Haare zusammengebunden, bekam meine erste Badekappe auf, meine Schwimmbrille, die zweite Badekappe, alles festkleben … Christin war in Action. Und ich versuchte, gleichzeitig zu trinken und mich zu entspannen. Klappte nicht. Ich setzte mich wieder in meinen Rollstuhl, fuhr zum Callroom. Ich war eine der ersten. Bekamen wir noch eine Einweisung? Wir saßen in einem Zelt, drinnen knapp 70 Plastik-Klappstühle. Ich parkte mich neben einen und setzte mich wieder ins Gras. Irgendwann müsste es ja mal klappen, zumal es schon anfing, weh zu tun. Mit gestreckten Beinen ging es nicht, mit angewinkelten Beinen ging es nicht, im Schneidersitz ging es auch nicht. Keine Chance. Ich hörte aufmerksam der Einweisung zu, dann hieß es: „Die Nummer 141 kann auf den Steg oder kann sich einen Slot reservieren lassen.“ – „Auf den Steg“, sagte ich. Christin setzte mir eine Basecap auf. „Da ist pralle Sonne. Kühl dir bloß ab und zu mal den Kopf mit Wasser. Notfalls gehst du einmal komplett rein und kommst wieder raus. Das ist erlaubt. Die Mütze setzt du kurz vor dem Start ab und lässt sie einfach auf dem Steg liegen. Ich sammel sie später ein.“

Wenn es nun die Regel gab, dass niemand über den anderen absichtlich überschwimmen dürfe, dann könnte ich mich ja an der strategisch günstigsten Stelle platzieren, also auf dem Slot 75. Machte ich auch. Christin schob mich auf die Hinterräder gekippt über die doch recht unebene Rampe zum Steg, ich setzte mich auf die Stegkante, Füße ins Wasser, Rollstuhl hinter mich, Bremsen fest, so konnte ich mich noch eine Zeitlang anlehnen. Christin versorgte mich mit zwei weiteren Literflaschen Wasser, dazu noch drei Fruchtsäfte zu je 200 ml in Tüten, die ich mir später am Rücken in den Badeanzug stecken konnte. Christin stellte sich so neben mich, dass ich einigermaßen im Schatten saß. Ich schob den Rollstuhl ein paar Zentimeter weiter zurück, damit ich bequemer sitzen konnte. Nach und nach kamen die anderen Athletinnen die Rampe herunter. Der Steg schaukelte.

Welche anderen Handicaps die anderen vier behinderten Athleten hatten, konnte ich nicht sehen. Neben mich stellte sich eine junge Frau, etwas jünger als ich, begrüßte mich. Kurz darauf setzte sie sich auf die 74 und fing an, ihren Oberkörper mit Seewasser zu bespritzen. Ich bekam einige Tropfen ab und plötzlich funktionierte das, worauf ich seit Stunden wartete. Ich traute mich nicht, nach unten zu schauen und hoffte nur, es würde nach vorne direkt in den See laufen und nicht nach hinten oder zur Seite. In erster Linie hatte ich aber das Gefühl, es lief im Anzug nach oben. Aber glücklicherweise nicht nur, denn es begann unter mir im Wasser zu plätschern. Die Frau neben mir musste das mitbekommen. Ich sah im Augenwinkel, dass sie mich plötzlich anschaute. Ich hoffte nur, es lief nicht auch zur Seite weg und sie bekam nicht noch was davon ab. Das wäre der größte Gau. Sie hörte nicht auf, mich anzugucken. Irgendwann drehte ich meinen Kopf zu ihr und guckte zurück. Sie grinste mich an und sagte: „We are real nasties.“

Es war 10:30 Uhr. Es ging mir sehr viel besser. Ich versuchte, möglichst viel von dem Wasser vorab zu trinken, um für die nächsten zwei Stunden in praller Sonne genügend hydriert zu sein. Es war zwar nicht so warm wie an den ersten Tagen, aber inzwischen war keine Wolke mehr am Himmel. Der Steg füllte sich immer mehr. Ich konnte langsam nicht mehr sitzen. Christin hatte mir ihre Uhr geliehen. Noch 8 Minuten bis zum Start. Es plätscherte noch einmal unter mir. Ich war froh, dass das so klappte. Die Frau neben mir guckte mich schon wieder grinsend an. Dann wurden alle zunehmend unruhiger, hampelten und sprangen auf dem wackeligen Steg auf und ab und irgendwann durften wir los. Ich ließ die Leute, die springen können, vor mir ins Wasser springen. Der Steg schaukelte wie ein Frachter nach einem Seitwärts-Stapellauf. Dann drückte ich mich hoch und ließ mich vorwärts ins Wasser fallen. Das Wasser war genauso warm wie die Luft, allerdings fühlt sich Wasser ja immer kälter an als Luft.

Ich konnte mich gut bewegen, ich bekam eine gute Wasserlage, es war kein Wind, das Atmen klappte gut. Einmal bekam ich den Fuß einer anderen Athletin gegen meine Hand, einmal bekam ich die Bugwelle einer anderen Athletin direkt in den Mund, als sie mich überholte, das Wasser schmeckte eklig. Etwas sandig. Ich versuchte, mich ein wenig zu bremsen, um die fünf Kilometer durchhalten zu können. Es schwamm sich gerade besser als erwartet. Ich hatte ein gutes Tempo drauf und war nicht die Letzte. Es waren sogar mehr als vier Personen hinter mir, so dass ich nicht nur Menschen mit Handicap hinter mir haben konnte.

Ich war gerade 20 Minuten unterwegs, als das Schwimmen zunehmend schwieriger wurde. Ich bekam Bauchweh. Nein, Bauchkrämpfe. Richtig starke Bauchkrämpfe. Was war das jetzt? Aufregung? Psyche? Zuviel getrunken? Zuviel Sonne? Ich drehte mich auf den Rücken und entspannte mich. Es gelang mir, ein weiteres Mal zu pinkeln. Ich hoffte, dass das die Ursache war und versuchte, keine Zeit zu verlieren. Nach zwei Minuten drehte ich mich erneut auf den Rücken. Richtig heftige Bauchkrämpfe. Ein Paddelboot mit einem Lifeguard kam auf mich zu. Ich schloss für einen Moment die Augen. Entweder geht das jetzt in den nächsten Minuten vorbei oder ich müsste den Wettkampf abbrechen. Ich versuchte mich zu entspannen. Plötzlich, ich erschrak mich fast, musste ich pupsen. Ich liebe meine Querschnittlähmung. Mein erster Gedanke war: Bitte keine große Sauerei jetzt. Der Lifeguard war auf meiner Höhe und fragte: „Any problems?“ – „No, I’m only a little bit gassy.“ – „Oh, you are trying to fart? I better keep some distance when you butter the biscuit.“

Na, der hatte ja Humor. Ich schwamm weiter. Nein, es schien wirklich nur zu viel Gas gewesen zu sein. Es ging mir bereits wesentlich besser. Während der nächsten Minuten pupste ich noch ein paar Mal mitten beim Schwimmen, und ja, ich weiß, es ist eklig, aber ich fasste mit meiner Hand einmal an meinen Po, um festzustellen, dass das wirklich nur Gas war. War es. Ich musste mir also keine Gedanken darum machen, ob ich noch ein paar Kilometer vollgeschissen weiterschwimmen möchte, denn ich war nicht vollgeschissen. Nachdem das auch geklärt war, hatte ich den Anschluss zu der Gruppe verloren und schwamm alleine hinter ihr her. Der Lifeguard hatte mich aus einiger Entfernung stets im Blick, aber mehr passierte nicht. Ich erreichte die Bojen, um die ich schwimmen müsste, um das zweieinhalb Kilometer lange Dreieck zu absolvieren, als ich um die zweite Boje herum war, nuckelte ich mir meinen ersten Apfelsaft aus meiner Trinkpackung in den Mund, um 12.06 Uhr kam ich als letzte am Steg an. Wohlgemerkt nach der ersten Runde, während einige Teilnehmer schon fast mit ihrer zweiten Runde fertig waren. Christin wartete auf dem Steg und hatte an einer langen Angel eine Flasche Wasser für mich, ich nahm sie mir, drehte mich auf den Rücken, füllte oben einen halben Liter nach, ließ unten gleichzeitig gefühlt einen halben Liter raus.

Zweite Runde. Große Lust hatte ich nicht mehr, aber ich wollte ankommen. Nach etwa einem Kilometer, also kurz nach der ersten Boje, zog sich schlagartig der Himmel mit Wolken zu. Die Sonne war verschwunden, Wind kam auf. Wie aus dem Nichts. Einzelne Regentropfen fielen vom Himmel. Ich schwamm weiter. Und schwamm, und schwamm, und schwamm, manchmal hatte ich das Gefühl, der Wind drückt mich zurück, aber ich schwamm, und schwamm, trank einen weiteren Apfelsaft, pullerte um 12.42 Uhr plötzlich mitten im Schwimmen, also ohne Pause zu machen und mich dazu auf den Rücken zu drehen und meine Blase zu bestreichen, schwamm, schwamm, schwamm, irgendwann kam ein Motorboot, auf das der Kayakfahrer neben mir wechselte und um 13.21 Uhr mit einer Zeit von 2:20 Stunden und ein paar zerdrückten Sekunden war ich in der Zielzone. Christin kam ins Wasser, hatte einen Badeanzug an, umarmte mich, gab mir einen Kuss auf den Mund, hielt mich fest, während sie im brusttiefen Wasser fest mit den Füßen am Boden stand. „Du hast es geschafft!“

Christin trug mich aus dem Wasser, setzte mich in meinen Rollstuhl. Meine Beine spielten verrückt. Spastik ohne Ende, sie zitterten als würde ich an einer Nähmaschine sitzen. Das musste an dem ganzen Adrenalin liegen, das auch in meinem Kopf wummerte. Ich sollte direkt zur Siegerehrung kommen. Ich bekam mit der Zeit natürlich keinen Preis, aber ich bekam ein T-Shirt und ein Handtuch sowie eine Teilnehmermedaille überreicht. Nein, erneut kein Hinweis darauf, dass ich ja trotz meiner Behinderung die fünf Kilometer geschafft hatte. Stattdessen baute sich die junge Frau, die auf der 74 gesessen hat, vor mir auf. Inzwischen frisch geduscht reichte sie mir ihre rechte Hand zum Highfive und meinte: „Hey, wir haben es geschafft!“

Die Rückreise nach Deutschland am zweiten Tag nach dem Wettkampf war unspektakulär. Allerdings waren wir gerade wieder im Lande, als der erste einen dummen Spruch machte. Wie habe ich es vermisst! Wir saßen im ICE, ich auf dem Rollstuhlplatz, Christin auf dem Begleiterplatz, als eine Frau sich uns gegenüber auf den für Schwerbehinderte reservierten Sitz setzte und uns fragte, ob wir dort sitzen möchten. Was ja ziemlich unsinnig ist, wenn wir bereits einen Sitzplatz haben, aber: „Ich bin zwar nicht schwerbehindert“, meinte sie, „aber wenn jemand angehumpelt kommt, mache ich Platz. Die meisten Behinderten fahren ja sowieso nicht Bahn.“ – Danke fürs Gespräch. Ja, ich habe es vermisst. Wirklich.