Christin und Amerika

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Für irgendwelche kulturellen Sehenswürdigkeiten hatten wir in den Tagen in Amerika keine Zeit. Wir hätten uns Zeit nehmen können, aber unser Hunger war hauptsächlich der nach Sonne. Wir haben es beide geschafft, schon vor unserem Wettkampf etwas Sonnenlicht zu bekommen ohne dabei die Haut zu verbrennen. Immerhin würde ich während meiner Schwimmzeit der prallen Sonne ausgesetzt sein. Wir lagen also am Strand, hatten uns einen Sonnenschirm geliehen (ohne den es nicht auszuhalten war), soffen literweise Wasser und gingen alle zwei Stunden mal in die Wellen. Vorausgesetzt, das Wasser war da. Wobei ein wenig Wasser immer da war.

Christin bat darum, die Klimaanlage nachts abgeschaltet zu lassen und lieber das Fenster weit zu öffnen, um sich nicht noch zu erkälten. Draußen kühlte es auch nachts nicht unter 20 Grad ab, so dass wir nackt unter einer großen Bettdecke lagen. Nein, eine feste Beziehung (im Sinne einer offiziellen Partnerschaft) haben wir nach wie vor nicht miteinander. Das sehen wir zum Glück beide so. Zum Glück, weil ich Einigkeit und Ehrlichkeit mag. Eine enge Freundschaft zweifelsfrei, und wenn ich mir vor Jahren auch noch nicht so sicher war, ob Sexualität und „keine feste Beziehung“ zusammenpassen, so empfinde ich zurzeit Sexualität nicht als etwas so Einzigartiges, dass das nur mit mir alleine oder mit einem festen Partner geht. Klar, nackt nebeneinander im Bett zu liegen, weil es warm ist, hat nicht unbedingt etwas mit Sexualität zu tun, wenn ich es ganz pragmatisch sehen möchte. Und ich halte nach wie vor und ausschließlich nach dem männlichen Geschlecht Ausschau. Wobei ich inzwischen weiß, wie anspruchsvoll ich bin.

Es geht eindeutig von ihr aus. Sie will. Sie will oft und lange. Sie ist nicht übergriffig, ich könnte alles sofort und jederzeit beenden. Aber sie zeigt mir sehr genau, was sie will. Führt meine Hand, lässt mich fühlen, schmiegt sich an, hat sehr großes Verlangen. Küsst gut, schmeckt gut, fühlt sich gut an. Und, und das gefällt mir ganz besonders, hat keine Berührungsängste mit Blick auf meine Querschnittlähmung. Nein, sie kann nichts kaputt machen und nein, ich bin nicht aus Zucker. Während ich eher etwas zurückhaltender bin, nimmt sie sich mich so, wie sie es gerade braucht. Und hat volles Vertrauen, dass ich „Nein“ und „Stopp“ sagen würde. Wenn ich etwas nicht möchte. Ich möchte aber und es fühlt sich verdammt gut an.

Am Tag vor Christins Wettkampf reiste eine amerikanische Sportlerin an, checkte im selben Hotel ein und fragte uns gleich, ob wir zusammen Mittagessen wollen. Christin und die amerikanische Sportlerin sind klare Konkurrentinnen im Sport, kämpfen um jede Sekunde gegeneinander. Allerdings nur im Wettkampf. Diese professionelle und faire Trennung, die ich mir im Privatleben, im Job, im Verhältnis zu anderen Eltern aus Helenas Klasse oder nur ganz allgemein viel mehr wünschen würde, wurde hier wirklich gelebt. Wir futterten zusammen, Christin und die Sportlerin quatschten über ihren letzten Wettkampf und über einen bestimmten Schiedsrichter, ich wurde gefragt, woher wir uns kennen, was meine Hobbys sind, und bekam gleich ein indirektes Lob, dass sie es faszinierend fände, wie gut und wie viele Deutsche Englisch sprechen könnten. Sie sagte, dass Deutsch so eine komplizierte Sprache sei, und wir übten am Beispiel „Frei-Wasser-Schwimmen“ das deutsche Wort für „Open Water Swimming“. Das „Sch“ machte ihr anfangs große Probleme, irgendwann konnte sie es aber. Ich bin in den Stunden nicht ein einziges Mal auf meine Behinderung angesprochen worden. Kein einziger Kommentar, weder, dass mein Rollstuhl sportlich sei, noch wie es passiert ist. Kurzum: Sie hat es mir überlassen, ihr davon zu erzählen. Und nicht umgekehrt.

Ich will nicht sagen, dass man mich nicht fragen darf. Wobei ich am liebsten gefragt werde, ob ich darüber sprechen möchte, weil es mir die Chance gibt, mich für ein „Nein“ zu entscheiden. Es ist um ein Vielfaches anstrengender, die Frage „Warum sitzt du im Rollstuhl“ mit „Darüber möchte ich nicht sprechen“ zu beantworten. Die nötige stärkere Zurückweisung des Anliegens bringt nicht selten einen Rechtfertigungsdruck mit sich, der vom Fragesteller oft auch ganz bewusst erzeugt, eingesetzt oder sogar ausgenutzt wird, beispielsweise durch Nachhaken oder durch eine eingeschnappte Vertrauensfrage.

Und so habe ich es genossen, dass meine Behinderung mal nicht im Vordergrund stand, auch wenn ich kein Problem gehabt hätte, mich mit ihr darüber zu unterhalten.

Keine Paranoia

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Zum Check-In waren wir rechtzeitig im Flughafen, und während Christin genauestens auf Waffen und andere verbotene Gegenstände durchsucht und durchleuchtet wurde, wurde ich nur halb überprüft. Die Arme, der Rücken … hätte ich eine Handgranate in der Hosentasche gehabt, hätte das wohl niemand gemerkt. Immerhin wurde aber der Rollstuhlrahmen auf früheren Kontakt zu Sprengstoff beprobt. Jetzt fehlte nur noch, dass Emma nach ihrem letzten Schießtraining meinen Rollstuhl angefasst hat und dort jetzt noch Munitionsanhaftungen kleben. War aber alles negativ.

Wir waren gerade mit der Kontrolle fertig, da kam bereits eine Mitarbeiterin auf uns zu. „Sind Sie Frau Socke? Schön, dass Sie rechtzeitig da sind. Ich würde Sie gerne jetzt schon in Ihr Flugzeug bringen. Sie und Ihre Begleitung steigen zuerst ein. Sie dürfen mit Ihrem Rollstuhl bis zu Ihrem Sitzplatz fahren, anschließend wird der aber im Frachtraum verstaut. Ich lese hier, Sie sind eine WCHC, das heißt, Sie brauchen den Kabinenrollstuhl, um auf die Toilette zu kommen, richtig? Melden Sie sich bitte bei meinen Kolleginnen und Kollegen an Bord, sobald Sie ihn benötigen.“

Etwa zehn Minuten nach uns kamen die anderen Reisenden in den Flieger. Einige von ihnen glotzten, andere bekamen es gar nicht richtig mit, dass schon zwei Fluggäste dort saßen. Ein Mann schnaufte wie eine Lokomotive und hatte einen dunkelroten Kopf. Für mich sah das aus wie Bluthochdruck, aber es ist nicht mein Job, das zu bemerken. Und vielleicht täuschte ich mich auch. Ich hoffte nur, dass ich ihm nicht gleich helfen müsste. Ich wurde persönlich von einer Crew-Mitarbeiterin begrüßt und gefragt, ob es mir gut ging, dann rollte der Vogel los. Nach den Sicherheitshinweisen wussten wir alle, wie der Gurt anzulegen ist, wann die Sauerstoffmaske aus der Decke fällt und wo die Notausgänge sind, und wenig später waren wir schon in der Luft. Wir gewannen sehr schnell an Höhe, es dröhnte, wackelte und rumpelte ziemlich, während wir eine graue Wolkendecke durchquerten.

Der Flug verlief reibungslos und ohne medizinische oder andere Zwischenfälle. Auch der Klogang war unspektakulär. Wir haben uns ein wenig unterhalten, ich habe auch eine Zeitlang geschlafen. Irgendwann, schneller als gedacht, konnten wir wieder Festland unter uns sehen. Zum Aussteigen bekam ich, zwar erst, nachdem alle anderen draußen waren, aber immerhin persönlich meinen unbeschädigten Rollstuhl zurück. Die Passkontrolle, über die ja im Vorfeld so viel Dramatisches berichtet wurde, war völlig unspektakulär. Wir mussten unsere Papiere vorlegen und wurden gefragt, mit welcher Absicht wir ins Land reisen. Wir gaben an, an einem sportlichen Wettkampf teilnehmen zu wollen. Keine drei Minuten, dann war alles erledigt. Der Flieger war klimatisiert, der Flughafen auch, als wir allerdings nach draußen kamen, dachte ich, mich trifft der Schlag: Über 30 Grad Lufttemperatur schon vor dem Mittagessen, ein paar kleine Wölkchen am Himmel und eine Luftfeuchtigkeit, die an eine Waschküche erinnerte. Christin, die ja öfter mal auf internationalen Wettkämpfen startet, meinte, es sei günstiger, in einiger Entfernung zum Flughafen einen Mietwagen zu ordern als direkt im Flughafen. Womit sie völlig recht haben sollte. Während am Flughafen diverse Autovermieter ihre Station hatten, deren Namen oder Logo auch in Deutschland bekannt ist, gerieten wir drei Straßen weiter an einen lokalen Anbieter.

Hier bekam ich zum ersten Mal mit, was Kundenservice heißt. Als Christin und ich das Grundstück des Autovermieters betraten, eine Art Tankstellengelände zwischen ein paar Geschäftshäusern an einer vielbefahrenen Straße, hielt uns erstmal ein Mitarbeiter die Tür auf. Obwohl gerade schon jemand bedient wurde, wurden wir sofort gefragt, ob wir ein Auto mieten wollten. Wir bekamen einen Sitzplatz an einem runden Glastisch, bekamen ein Glas Wasser hingestellt – mit Unmengen von Eiswürfeln. „Sie ziehen Ihr Gepäck hinter sich her, Sie sind bestimmt gerade am Flughafen gelandet“, fragte uns der Mitarbeiter auf Englisch. Und fuhr fort: „Und jetzt suchen Sie einen Mietwagen. Ich bin mir sicher, wir werden das Passende für Sie finden. Haben Sie schon eine Idee, bevorzugen Sie eine bestimmte Marke?“

Christin sagte: „Nein, wir suchen nur einen fahrbaren Untersatz.“ – „Woher kommen Sie?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, aus Deutschland! Das ist ja fantastisch! Ich habe schon viel gehört, es soll sehr schön dort sein. Eine Sache müssen Sie mir erstmal erklären: Wie fühlt es sich an, ohne jede Geschwindigkeitsbegrenzung fahren zu dürfen? Ich stelle es mir irre vor. Die Polizei im Rücken und du darfst fahren so schnell wie du willst.“ – Er amüsierte sich. Christin sagte: „Das Besondere daran ist ja: Wenn du so schnell fährst, wie es die Physik erlaubt, gibt es immer noch jemanden, der schneller fährt als du.“ – „Das muss ich gleich meinem Kollegen erzählen. Was war das Schnellste, was du je gefahren bist?“ – Inzwischen hörte uns ein weiterer Mitarbeiter zu. Christin sagte: „Ich bin mal bei ihr mitgefahren“, sagte sie und deutete auf mich, „da fuhren wir 220 Kilometer pro Stunde.“ – Unser Mitarbeiter fragte den anderen: „Wie rechnet man das in Meilen um?“ – Der andere Mitarbeiter antwortete: „Das machst du so wie du es am besten kannst.“

Dann kamen wir endlich zum Geschäftlichen: „Ich habe für euch ein deutsches Auto. Schönes Auto. Einen Wulkswahn. Dschätta. Automatik, Air Condition, Benziner, alle Meilen inklusive, Versicherung gegen Kollision und Diebstahl ohne Selbstbeteiligung, alle Gebühren und Steuern inklusive für 31,50 Dollar pro Tag. Vollgetankt ist er, vollgetankt muss er wieder abgegeben werden. Den würde ich nehmen. Wenn das zu teuer ist, hätte ich auch noch einen kleinen Mitsubishi für 26,50 Dollar pro Tag. Der fährt auch, aber ich würde den Dschätta nehmen. Einen Toyota SUV für 34 Dollar hätte ich auch noch. Oder, wenn es was luxuriöses sein soll, dann einen Bi-Emm-Dabbelju Icks Feif für 96 Dollar am Tag.“ – Einen Ford Transit als 15-Sitzer hätten wir auch haben können, für 170 Dollar pro Tag. Wir einigten uns auf den Toyota SUV, weil dort mein Rollstuhl ohne irgendwelches Gebastel in den Kofferraum passte. Beim Jetta hätten wir den erst zerlegen müssen. Kombis gab es gar nicht, nur Automatik, alle Autos hatten Klimaanlage. Kreditkarte, internationaler Führerschein vorzeigen, fertig. Der Mitarbeiter brachte uns zu unserem Auto, er erklärte einige Besonderheiten – und los ging es zum Hotel.

Wir mussten noch etwa 70 Kilometer fahren. Wir fuhren über eine sechsspurige Straße, und obwohl es einigen Verkehr gab, war alles sehr viel entspannter. Alle hielten sich sehr genau an das Tempolimit, einzig gewöhnungsbedürftig war, dass manchmal die rechte Spur recht unangekündigt in eine Ausfahrt überging. Etwas merkwürdig war auch, dass das Rechtsabbiegen bei Rot generell erlaubt war, solange das nicht ausdrücklich verboten war und man niemanden behinderte. Das klappte alles ganz gut.

Unser Hotel lag direkt am Meer, allerdings hatten wir aus Kostengründen ein Zimmer mit Blick zur anderen Seite gewählt. Der Unterschied lag bei fast 100 Dollar am Tag, was nun wirklich übertrieben war. Die Ausstattung war einfach, aber zweckmäßig. Der Raum war klimatisiert, es gab einen mit etlichen Säften, Mineralwasser und Softdrinks gefüllten Kühlschrank, eine barrierefreie Dusche, zwei Einzelbetten mit elektrisch verstellbarem Kopfteil, einen großen Flat-TV, der sogar ARD und ZDF digital empfangen konnte, vier Kissen pro Bett, kurzum: Nichts zu meckern.

Als erstes fuhren wir in ein Einkaufszentrum, um Sonnencreme, ein paar Lebensmittel und Getränke zu kaufen. Danach wollte ich nur noch eins: Gib mir Sonne, gib mir Strand, gib mir Meer. Am Strand gab es einen befestigten Weg und an einer Station, die auch Fahrräder vermietete, gab es Strandrollstühle zu mieten. Selbst für die 12 Dollar pro Tag brauchte es eine Kreditkarte, mit Bargeld wären wir nicht weitergekommen. Aber es gab keinen Kommentar, keine Diskussion, keinen blöden Spruch. Ich möchte so ein Ding ausleihen, und ich konnte so ein Ding ausleihen. Die Mitarbeiter benahmen sich so als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen als Strandrollstühle an Menschen mit Behinderung zu verleihen. In Deutschland würde dafür erstmal der Bürgermeister angerufen und nach den Verwaltungsvorschriften gefragt werden. Ist jetzt übertrieben, aber so kommt es mir häufig vor. Es war hier alles so unkompliziert.

Auch im Hotel. In unserem Raum gab es einen Sitz für die barrierefreie Dusche. Und fest montierte Haltegriffe. Ansage beim Check-In: Wenn Sie mobile Haltegriffe, die man mit Unterdruck an die Fliesen klebt, oder einen Dusch- oder Toilettenrollstuhl benötigen, oder Lagerungskissen oder weitere Decken, dann sagen Sie bitte Bescheid. Es gab einen Eimer für Hygienemüll im Bad. Alle Spiegel waren in sitzender Position nutzbar. Selbst am nächsten Morgen beim Frühstück gab es wahlweise eine Art kleinen Einkaufswagen, auf den man sein Tablett stellen konnte und das Ding vor sich herschieben konnte, oder ein Tablett mit einer Art Kissen drunter, das man sich auf den Schoß stellen konnte.

Insgesamt waren die Menschen dort sehr viel entspannter. Es drehte sich niemand nach mir um. Es glotzte mich auf der Strandpromenade niemand an. Es laberte mich niemand dicht, die ganze Woche lang nicht. Niemand erzählte mir, was besser für mich sei oder dass er auch schon einmal in einem Rollstuhl gesessen hat. Einmal saß ein kleiner Junge in unserem Frühstücksraum mitten im Weg. Bevor ich dort ankam, sagte die Mutter zu ihm: „Denke bitte dran, dass auch andere Menschen hier sind und du nicht mitten in einem Durchgang sitzt.“ – Daraufhin sagte der Junge: „Die Menschen kommen aber an mir vorbei.“ – „Die Frau im Rollstuhl beispielsweise nicht.“ – Woraufhin er sich ohne ein weiteres Wort anders hinsetzte. In Deutschland gibt es Menschen, die stellen oder setzen sich bewusst in den Weg, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Nein, keine Paranoia.

Vierzehn und kein Service

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Im letzten Jahr war es noch uncool, zu Helenas Geburtstag zu kommen. In diesem Jahr kamen gleich zwölf Mitschülerinnen und drei Mitschüler, um mit ihr zu feiern. Wir haben von einem Verein einen Partyraum gemietet, diesen mit Helena zusammen schön geschmückt und es ordentlich krachen lassen. Es gab ein kaltes Buffet, das Marie, Helena und ich am Vortag gemeinsam vorbereitet hatten, altersentsprechende Mucke, Luftballons und Leuchtgirlanden. Dazu Rolläden runter und Partybeleuchtung an – einschließlich Diskokugel.

Was machen 14 Jahre alte Teenys so? In erster Linie quatschen, lachen, singen und tanzen. Nein, es gab kein festes Programm, sondern eine Playlist. Und zwei Mikrofone zum Mitsingen. Und einen Bildschirm für die beim Karaoke nicht ganz so textsicheren Gäste. Alkohol gab es keinen, geraucht wurde auch nicht, weder Tabak noch Gras, selbst der Konsum von Zuckerzeug und Chips hielt sich in engen Grenzen. Helena, die mir gerade in der Zeit, in der sie ihre letzten Jahre mit einem Psychologen mühsam aufarbeitet, oft viel zu ernst und zu erwachsen ist, standen Spaß, Freude und Ausgelassenheit ins Gesicht geschrieben. Insgesamt war es zweifellos ein ziemlich verrückter Haufen. Im positiven Sinn. Einige hatten ihr einen Gutschein für ein angesagtes Bekleidungsgeschäft geschenkt, es gab sogar zwei Taschenbücher, andere hatten ihr ein Kuscheltier, eine Stoff-Schildkröte, geschenkt, ihre beste Freundin hatte ihr einen Kuchen gebacken und ein Fotobuch gebastelt. Das alles spricht für mich dafür, dass sie inzwischen in ihrer Klasse ankommen ist und akzeptiert wird. Vielleicht nicht von allen (wer wird das schon), aber immerhin von einem gewissen Teil, der ihr zu einem festen Stand verhilft. Und ehrlich gesagt: Ich weiß gerade gar nicht, wer darüber glücklicher ist.

Am nächsten Tag räumten Marie und ich die Reste der Party auf, um den Raum wieder zu übergeben. Bevor ich mich direkt mit Christin auf den Weg zu einem Langstrecken-Schwimmwettkampf in die USA machte. Christin, die sich dabei durchaus international messen kann, hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Sie war bereits am Wochenende zuvor auf einem Wettkampf außerhalb Deutschlands gestartet, steckte diese Doppelbelastung aber offenbar gut weg. Ich selbst bräuchte wohl eine längere Regenerationsphase. Es würde mein erster Auslandsaufenthalt und auch mein erster Flug nach einigen Jahren sein, und mein erster USA-Besuch überhaupt. Meine Einreisegenehmigung hatte ich bekommen, wir hatten einen Direktflug mit einer großen und seriösen, dafür etwas teureren Airline gebucht. Da es sehr früh aus der Mitte Deutschlands losgehen sollte, reisten wir am Tag vor dem Abflug bereits mit der Bahn in die Nähe des Flughafens an und würden eine Nacht im Hotel pennen.

Ich hatte mich schon gefreut, dass mein Idiotenmagnet offenbar zu Hause geblieben war. Ich hatte eine günstige Bahnfahrkarte geschossen, bekam auf Anhieb den gewünschten Zug, das Einsteigen mit der Rampe funktionierte ohne größere Vorkommnisse, es waren keine Chaoten im selben Waggon, kurzum: Es gab bis eine Stunde vor unserem ersten Zwischenziel nichts zu Meckern. Aber als wäre es zu langweilig, kam am vorletzten Bahnhof ein Mann, etwa 50 Jahre alt, in den Großraumwagen, ging nahezu zielstrebig auf mich zu, deutete auf meinen Platz und fragte: „Kann ich da sitzen?“ – Ich antwortete: „Sind ja irgendwie noch genügend andere Plätze frei, oder?“ – „Ja, wie Sie sehen, bin ich behindert und muss mein Bein ausstrecken. Hier ist ja schön viel Platz, wenn ich mich in eine der anderen Sitzreihen setze, stolpern alle über mein Bein.“

Ich meine, derjenige sieht doch, dass das ein Sitzplatz für Rollstuhlfahrer ist und mein Rollstuhl mir gegenüber steht. Wie kommt jemand auf die bescheuerte Idee, einen Rollstuhlfahrer aufzufordern, seinen Sitzplatz herzugeben? Bevor ich antworten konnte, sagte er: „Verstehen Sie nicht, oder? Wie denn auch, verstehe ich ja kaum.“ – Christin guckte mich mit offenem Mund völlig ungläubig an, sammelte sich und fragte mich: „Ist er nicht ganz dicht?“ – Ich schüttelte den Kopf und antwortete: „Nö, ist er nicht.“

Der Mann setzte sich direkt hinter uns und begann erstmal umständlich mit dem in meiner Rückenlehne integrierten Klapptisch zu hantieren, als die Zugbegleiterin reinkam und ihn direkt nach seiner Fahrkarte fragte. Er hatte eine für die zweite Klasse, saß aber in der ersten und begann auch mit ihr die Diskussion um sein behindertes Bein. „Nachlösen oder den Wagen wechseln“, war die Ansage. Er wollte weiter diskutieren, sie blieb hartnäckig und kurz darauf verließ er mit Sack und Pack den Wagen wieder in Richtung der zweiten Klasse. Und tschüss.

Das Hotel hatte Christin gebucht. Schön billig. Sie hatte sich schon gefreut, in dem Hotel einer Billigkette ein barrierefreies Zimmer bekommen zu haben. Und nein, ich bin nicht verwöhnt. Ich penne auch im Zelt, in einer Turnhalle auf einer Matte oder am Strand. Aber das hier war selbst für günstige 24,50 Euro pro Person eine Frechheit. Wir bemerkten natürlich sofort den Temperaturunterschied vom warmen Hotelflur in das eiskalte Zimmer. Heizkörper war defekt und kalt. Es gab ein Doppelbett mit einer Decke und zwei halbe Kissen. Die Decke war eine superdünne Steppdecke, halb so dick wie eine Wolldecke. Christin nahm sie in die Hand und fragte entsetzt: „Was ist das für ein Lappen!? Igitt, riech mal!“ – Das Ding stank völlig widerlich nach zu wenig Waschpulver im Hauptwaschgang. Genauso wie die beiden Handtücher, die auf dem Bett lagen.

Der Herr an der Rezeption gab sich ahnungslos. „Heizung müsste gehen.“ – „Es ist arschkalt in der Bude. Haben sie wenigstens einen Heizlüfter?“ – Er zuckte mit den Schultern. Christin fügte hinzu: „Eine vernünftige Decke wäre auch schonmal was.“ – Ich weiß, warum das vorab bezahlt werden muss. Wir einigten uns darauf, die eine Übernachtung am Tag der Rückkehr nach Deutschland zu stornieren und von unterwegs etwas anderes zu buchen. Für diese eine Nacht mussten wir wohl in den sauren Apfel beißen.

Das Frühstück am nächsten Morgen, das uns beide nochmal je 7,50 Euro extra gekostet hat und natürlich auch vorab bezahlt werden musste, bestand aus jeweils einem einzigen Brötchen und keinem Getränk. Die Kaffeemaschine war defekt, andere Getränke gab es nicht, mehr als ein Brötchen pro Person gab es auch nicht. Kein Saft, nicht mal Wasser. Dazu für uns beide zwei Scheiben Mortadella, zwei Scheiben Käse, zwei Marmeladen, in Plastik verpackt. Auf unsere schriftliche Beschwerde bei der Verwaltung der Hotelkette würde es später heißen: „Die Kaffeemaschine war tatsächlich defekt. Deswegen wurde Ihnen ja auch ein Gutschein für ein Frühstück in der Bäckerei nebenan ausgehändigt.“ – Ich muss wohl nicht erwähnen, dass niemand der Gäste einen Gutschein bekommen hatte. Auf die Heizung wurde gar nicht eingegangen. Vermutlich haben sie es nicht nötig.

Ergebniskosmetik

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Ich hatte gestern morgen einen weiteren Termin in Helenas Schule. Zusammen mit Marie. Beim Direktor. Wegen des dicken Bretts. Mir war klar, dass sein Sekretariat erstmal mit ihm Rücksprache hält, bevor wir einen Termin bekommen. Wir bekamen aber sofort einen. Wurden in sein Büro geführt, wir sollten uns an einen Tisch setzen, er würde gleich kommen. Marie sagte: „Ich bin mal gespannt, was für eine eklige Erklärung wir hier gleich bekommen.“ – Ich antwortete: „Gar keine. Du ahnst nämlich noch nicht, wie eklig ich werden kann.“

In dem Moment kam der Direktor herein, gab uns die Hand. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie warten lasse, ich musste erstmal eine Vertretung organisieren, normalerweise habe ich jetzt Unterricht. Aber wenn hier etwas so dringlich ist, hat das natürlich Vorrang. Ich wünsche mir zwar, dass Sie keine neuen Horrornachrichten für mich haben. Aber wenn ich die Dringlichkeit und Ihre bedrückten Gesichter sehe, bekomme ich fast schon Angst. Schießen Sie mal los, was ist passiert?“

Ich öffnete meine Mappe, die ich vor mir auf den Glastisch gelegt hatte, holte eine Kopie von Helenas Zeugnis heraus, legte es vor dem Direktor auf den Tisch und sagte nichts. Er nahm das Zeugnis in die Hand, guckte es mit großen Augen an, guckte mich an, guckte Marie an und sagte: „Mir läuft es gerade eiskalt den Rücken runter. Ich möchte dazu gar nichts sagen. Wo ist das Original?“

„Bei uns zu Hause“, sagte ich. Der Direktor antwortete: „Tun Sie mir mal bitte einen Gefallen. Stellen Sie bitte schriftlich den offiziellen Antrag, dass die schriftlichen Leistungsnachweise von Helena im Fach Englisch auf die Einhaltung der Prüfungsbedingungen überprüft und nachträglich für ungültig erklärt werden. Erstens. Und zweitens, dass daraus folgend die Englischnote im Halbjahrszeugnis überprüft wird.“

Ich sagte: „Das will ich gerne machen. Können Sie mir denn erklären, wie Ihre Unterschrift unter das Zeugnis kommt?“ – „Frau Socke, machen Sie es nicht komplizierter als es schon ist. Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, wie es jetzt laufen muss, damit Helena zu einem angemessenen Zeugnis kommt. Wenn Sie jetzt noch andere Feuer entzünden, kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Ich kann hierzu im Detail nichts ausführen. Sie wird ein neues Zeugnis bekommen, dann ohne Englischnote. Das ist im Moment alles, was ich für Euch tun kann. Gehen Sie diesen Weg, jeder andere wird Jahre dauern mit ungewissem Ausgang.“

Auf mich wirkt es so, als hätte der Direktor mit der Englisch-Lehrkraft gesprochen, und als hätte die Englisch-Lehrkraft sich jetzt im Zeugnis darüber hinweg gesetzt. Oder sich sogar gerächt. Unter diesen Umständen wäre ein weiterer Unterricht bei dieser Person für Helena nicht mehr zumutbar. Also gehen wir jetzt den Schritt und lassen offiziell überprüfen, ob das seine Richtigkeit hat. Dazu müsste es ja dann einen schriftlichen Bescheid geben, der wiederum eine Grundlage für weitere Schritte bietet.

Ein Schulwechsel kommt für Helena nicht in Betracht. Die nächste geeignete Schule ist 26 Kilometer weit entfernt. Und es ist nicht gesagt, dass es dort besser wird. Im Gegenteil. Von daher hoffe ich, dass der Direktor es schafft, ein wenig mehr Ordnung in seinen Laden zu bringen. Und sein Angebot nicht nur kurzfristige kosmetische Effekte hat. Auch wenn das leider zu befürchten ist.