Diskriminierung

Über die jüngste Diskriminierung am Arbeitsplatz habe ich auch auf Twitter geschrieben und darauf über 1.500 persönliche Reaktionen und weit über 20.000 aufmunternde Likes bekommen. Laut dem Dienst „Nindo“, der die Reichweite größerer Socialmedia-Kanäle misst, gehört mein Twitter-Account in den letzten Monaten nahezu täglich zu den 100 reichweitenstärksten deutschsprachigen Kanälen, bei alleiniger Betrachtung der „Likes“ ist er sogar unter den Top 50 und heute beispielsweise noch vor meiner geschätzten Kollegin „Schwesterfraudoktor“ und Luisa Neubauer, Ralph Ruthe, Bastian Schweinsteiger, Sascha Lobo sowie Borossia Dortmund. Allerdings auch weit hinter Jan Böhmermann, Karl Lauterbach und Christian Drosten.

Der Vor- und Nachteil von Twitter ist, dass ein Austausch umfangreicherer Statements kaum möglich ist, da alle Nachrichten auf wenige Zeichen begrenzt sind. Und Antworten auf Antworten irgendwo im Kleingedruckten verschwinden. Zu weit weg, um als wichtiges Statement gelesen zu werden. Manche Dinge bedürfen aber unbedingt eines Statements. Zum Beispiel – aus dringendem Anlass – der Umgang mit Diskriminierung. Es brennt mir schon seit einiger Zeit unter den Nägeln.

Diskriminierung ist Scheiße. Ich glaube, das müssen wir nicht diskutieren. Im Zweifel möchte ich darüber aber auch nicht diskutieren.

Diskriminierung bedeutet immer Ausgrenzung und funktioniert nur über Separation. Eine diskriminierende Person versucht mit persönlicher Übermacht (ob sie tatsächlich besteht oder nur suggeriert wird, ist belanglos), jemanden an den gesellschaftlichen Rand zu drängen. Und damit ist eigentlich auch schon die Frage beantwortet, wie wir auf Diskriminierung reagieren sollten: Mit Zivilcourage. Indem wir uns mit der diskriminierten Person solidarisieren und der diskriminierenden Person signalisieren, dass ihr Versuch des Wegdrängens an den Rand von der Mehrheit der Gesellschaft eben nicht toleriert oder gar geteilt wird.

Dazu ist oft noch nicht mal ein Einmischen erforderlich. Ein bloßes „ich habe dich im Auge“, das Aufsuchen der Nähe der diskriminierten Person oder freundliches Ansprechen der diskriminierten Person reichen meistens völlig aus.

Was allerdings sehr schwierig ist, und das fällt mir immer wieder auf, ist, wenn jemand auf Diskriminierung wiederum mit Diskriminierung antwortet, also beim „Helfen“ selbst Personen ausgrenzt, im schlimmsten Fall sogar noch unbeteiligte.

„Wer sich über deine Körperbehinderung lustig macht, hat selber eine Behinderung, und zwar eine geistige.“ – Nein. Ausdrücklich nein. Menschen mit geistiger Behinderung machen sich nicht über andere Menschen mit Behinderung lustig. Zumindest nicht mehr als Menschen ohne geistige Behinderung. Vielmehr erlebe ich Menschen mit geistiger Behinderung sehr häufig als sehr freundlich, zugewandt und hilfsbereit.

„Wer sich über deine Behinderung lustig macht, sollte sich stets vor Augen führen, dass ihn im nächsten Moment auch das Schicksal treffen könnte und er durch einen Unfall im Rollstuhl sitzen muss.“ – Nein. Ich bin ein total glücklicher Mensch. Ich fühle mich nicht als Opfer des Schicksals (die meisten anderen Menschen, die ich kenne, übrigens auch nicht), sondern ich kann meine Beine nicht bewegen und bewege mich deshalb in einem Rollstuhl fort. Ich mache einige Dinge anders, weil ich meine Beine nicht bewegen kann. Aber das ist keine Strafe und kein Schicksal, und ich möchte auch nicht, dass das so verstanden oder ich so gesehen werde.

„Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ – Dieses über 30 Jahre alte Zitat von Richard von Weizsäcker finde ich, wenngleich ich auf ihn ansonsten positiv zu sprechen bin, ganz schlimm. Es mag in die Zeit gepasst haben, heute passt es nicht mehr. Aus meiner Perspektive bin ich also jemand, dem ein Geschenk weggenommen wurde? Eine Bestohlene? Es ist etwas Schönes, nicht behindert zu sein, in Abgrenzung zu einer unschönen Behinderung?

„Diejenigen sollten nur mal eine Woche im Rollstuhl fahren, damit sie wissen, wie es sich anfühlt.“ – Nein. Nicht laufen zu können ist mehr als eine Woche im Rollstuhl zu sitzen und an irgendwelchen Treppen stehen zu bleiben. Es ist auch etwas völlig Anderes, wenn die Aktion zeitlich begrenzt ist. Und ich finde, es bringt viel mehr, einem betroffenen Menschen zuzuhören als etwas unbedingt am eigenen Leib erfahren zu wollen. Zumal es eben noch diverse andere Situationen gibt, die einfach davon nicht abgedeckt sind, dass jemand sich in einen Rollstuhl setzt oder sich eine Dunkelbrille aufsetzt und „blind“ spielt.

„Nur weil du nicht laufen kannst, heißt das ja nicht automatisch, dass auch dein Denken eingeschränkt ist.“ – Selbst wenn mein Denken eingeschränkt wäre: Wäre ich dann ein Mensch zweiter Klasse?

„Du konntest doch nichts dafür, dass dich jemand umfährt.“ – Selbst wenn das beim Skilaufen, auf dem Motorrad oder auf einer illegalen Drogenparty passiert wäre: Wäre ich dann ein Mensch zweiter Klasse?

„Was für ein Idiot, gleich zum Psychiater überweisen.“ – Nein. „Idiot“ ist ein (beleidigendes) Synonym für jemanden mit Intelligenzminderung, Menschen mit Intelligenzminderung machen sowas nicht. Zumindest nicht wegen ihrer Intelligenzminderung. Und Menschen mit psychischen Erkrankungen auch nicht. Das diskriminiert diesen Personenkreis.

„Konntest du da keine schmerzhafte Untersuchung machen? Oder mal so einen richtigen Einlauf?“ – Nein. Auch das wäre ein Ausnutzen von Macht und damit schlimm.

„Ich habe mit Behinderten gearbeitet, konnte viel von denen lernen und weiß, wie man mit denen umgehen muss.“ – Menschen mit Behinderung sind eigenverantwortliche Menschen, die eine Einschränkung haben und diese selbst kompensieren oder dabei technische oder persönliche Hilfe benötigen. Ich finde es ganz schlimm, wenn jemand versucht, „Experte“ über mich zu sein oder glaubt zu wissen, was ich brauche. So einen Eingriff in die Persönlichkeit des Gegenüber traut sich doch sonst auch niemand!

Ich wünsche mir, dass hierüber mehr nachgedacht wird und dass wir Diskriminierungen nicht mit Diskriminierungen beantworten, sondern mit dem Willen, niemanden auszugrenzen und Barrieren gemeinsam abzubauen.

14 Gedanken zu „Diskriminierung

  1. Hallo Jule,
    sehr gut geschrieben!
    Du bist ein toller Mensch, so wie ich dich hier und auf Twitter wahrnehme, ich mag wie du uns an Teilen deines Lebens telhaben lässt.
    Danke für deine so tollen Beiträge, ich hoffe das du immer tolle Menschen an deiner Seite hast und immer deine positive Sicht auf vieles beibehälst!
    Liebe Grüße von der Ostsee,
    Bruno, der Ruhri

  2. Liebe Jule,

    auch wenn ich nicht mit allem übereinstimme was du schreibst (was dir auch egal sein kann, dein Blog ist ja für dich und nicht für mich), hat die Lektüre deines Blogs bei mir dazu geführt, dass ich gewisse Dinge nun überhaupt erst wahrnehme und andere Dinge anders beurteile. Und wenn ich gerade daran denke, was ich diese Woche auf meiner Arbeit im Umgang unter den Kollegen beobachtet habe (Audit einer benachbarten Abteilung, alle weder körperlich noch geistig behindert und zufällig alles weiße Deutsche) so muss ich sagen, dass Diskriminierung/boshafte Ausgrenzung/Abgrenzung allgegenwärtig ist. Alter, Rasse, Behinderung, Geschlecht, das ist ja „einfach“ weil man als Betroffener zumindest die Möglichkeit hat sich aufzumuntern „der hat kein Interesse seinen Horizont zu erweitern und ich weiß, dass sein Vorurteil nicht zutrifft“. Wenn ich bei deiner Definition bleibe, die ich sehr passend finde, ist Diskriminierung soweit verbreitet, das fast jeder davon betroffen ist und das die wenigsten Menschen genug Durchhaltekraft haben dürften dauernd die notwendige Zivilcourage zu zeigen, um sich aller um sie herum ereignender Diskriminierung in den Weg zu stellen. Entweder man zeigt gar keine Zivilcourage oder man fängt an abzuwägen und zu priorisieren, welche Diskriminierung wem gegenüber es für einen Wert ist aufzustehen. Wobei, es muss ja nicht jeder bei jedem aufstehen und beistehen, man kann die „Last“ der Zivilcourage auf viele Schulten verteilen, es muss nur jemand anfangen aufzustehen und anderen als Vorbild dienen. Ich stehe viel zu selten auf, aber das ich überhaupt daran denke aufzustehen und die Engstirnigkeit die ich sehe aufzubrechen, daran bist du definitiv nicht unschuldig. Weiter so!

    Gute Nacht.

  3. Keine schöne Situation – erinnert mich daran, dass eine liebe Freudin einmal meinte, „jeder hat sein Päckchen zu tragen“ – bei einigen ist es vielleicht sichtbarer oder zumindest messbarer als bei anderen… Egal mein persönliches Päckchen größer, schwerer, kleiner oder leichter ist als Deines, die Größe Deines Päckchens macht meines jedenfalls nicht leichter oder schwerer. Und einige Menschen scheinen ihr Päckchen nur tragen zu können, wenn sie die Träger der anderen diskrimieren. Sie sind eigentlich eher bemitleidenswerte Personen.

    Für mich spricht viel Weisheit aus Deinen Ansichten und ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie anstrengend die Situation und die Diskussion in Eurer Praxis gewesen sein muss. Denn auch diese Mutter mit ihrer unmöglichen Ansicht hat diese aus ihrer Historie, ihrem Weltbild heraus geäußert und die Tatsache, dass sie objektiv völlig unangemessen ist und auch eine entsprechende Reaktion verdient hätte, ändert nichts daran, dass wir nicht wissen, warum sie sie geäußert hat. „Keine Toleranz gegenüber Intoleranz“ ist eine sehr schwierige Forderung, insbesondere hier in dieser Konstellation. Ich hoffe, dass Dir und anderen Menschen mit sicht- oder spürbaren Behinderungen solche Situationen so oft wie möglich erspart bleiben und wenn es doch mal wieder passiert, dass Du zumindest das Positive daraus ziehen kannst und daran persönlich wachsen kannst – und wenn es manchmal nur das „dicke Fell“ ist…

  4. Hei Stinkesocke,

    niemand ist ein Mensch zweiter Klasse! Jeder Mensch ist einzigartig und im Grunde ist es auch genau das, was uns Menschen auszeichnet und so besonders macht. Menschen haben keine Behinderungen, sie haben verschiedene geistige und körperliche Eigenschaften. Manche haben eine schnelle Auffassungsgabe, andere ein super Gedächtnis und andere tun sich schwer damit. Manche sind groß und passen kaum in die U-Bahn, andere klein und wünschten größer zu sein, manche sind schnell, mache wiederum langsam und andere sitzen im Rollstuhl. Aber das ist es gerade, was uns so liebenswert macht: Uns gibt es in allen Größen, Formen, Farben und auch allen möglichen Ausstattungsmerkmalen! Was wäre die Welt für ein trostloser Ort, wenn es nicht so wäre!
    Leider gibt es in jeder Gesellschaft eine gewisse Erwartung, einen Durchschnitt, eine Norm. Entspricht man in irgendeiner Art und Weise nicht dieser Norm, wird man behindert und das Leben wird einem schwer gemacht.
    Die Durchschnittsgröße von Füßen ist nicht größer als 46, also ist es schwer größere Schuhe zu finden, der Durchschnitt kann Laufen, also gibt es Treppen, der Durchschnitt ist kleiner als 1,90, deshalb sind Türen ca. 2m hoch. Das sind profane Beispiele, aber sie sollen aufzuzeigen, dass diese Normierung, obwohl auf der einen Seite sinnvoll, weil man z.B. Produkte dadurch kostengünstiger herstellen kann, auf der anderen Seite Menschen, die aus dieser Norm herausfallen, behindert! Menschen haben keine Behinderung, sondern, sie werden behindert! Leider werden wir wohl nicht so schnell in einer Welt Leben, in der die Umwelt allen Menschen, mit allen ihren Eigenschaften, gerecht werden kann!
    Aber sehr viel schlimmer, als die Behinderungen an sich, sind Menschen, die sich über andere lustig machen, diese diskriminieren und ausgrenzen, weil sie mit diesen Behinderungen tagtäglich leben und damit fertig werden müssen! Dass Du Dich dafür aussprichst, dass man solche Menschen, nicht auch diskriminieren sollte, trotz Deiner jahrelangen negativen Erfahrungen, finde ich wirklich sehr bewundernswert! Ich kann nicht behaupten, dass mir das immer gelingt! Ich kann oft nicht ertragen, dass Menschen, die innerlich sehr klein sind, sich auf kosten anderer größer machen wollen. Aber, versprochen, ich arbeite an mir! Das Wichtigste ist, sich nicht unterkriegen zu lassen! Es gibt eine Menge Arschlöcher da draußen, aber es gibt mehr gute Menschen! Die Arschlöcher fallen leider einfach mehr auf.

    In diesem Sinne wünsche ich Dir noch ein schönes Restwochenende!

    Der freundliche Spinner aus der Nachbarschaft

  5. Hallo Frau Socke, liebe Jule
    Dein Text bringt es voll auf den Punkt. Die Diskriminierung muss benannt werden und das gilt in alle Richtungen. Beschimpfungen und Herabwürdigungen bringen die Sache auch nicht voran sondern verhindern eher den Kontakt.. Wobei Ärger natürlich immer erlaubt ist, wobei in der Situation der Umgang der Kollegin wohl der weitaus größere Vertrauensbruch war. Idioten triffst du ja oft genug aber mit Menschen arbeiten, denen das Verständnis fehlt ist anstrengend. Leider ist mein Chef in manchen Dingen ähnlich unsensibel und das Vertrauen hinüber…

    Ich frage mich, was in der Situation ein angemessener Umgang gewesen wäre auch um selber Worte und Handlungsoptionen zu haben falls ich in einer ähnlichen Situation bin.
    Meine Idee wäre: Klare Ansage: „Eine Ärztin aufgrund ihrer Behinderung abzulehnen ist diskriminierend. In dieser Praxis dulden wir keine Diskriminierung.“
    Wenn es eine akute Erkrankung des Kindes gab, könnte man erwägen die Untersuchung und Behandlung noch durchzuführen bevor man ihr eine andere Praxis ans Herz legt. Mit Hausrecht kann man ja Menschen rausschmeißen und ich finde, dass die Fürsorgerpflicht gegenüber den Angestellten der Behandlungspflicht gegenüber den Patienten wichtiger ist.

    Hab ich es vielleicht überlesen, oder magst du nochmal schreiben, wie für dich eine gelungene Lösung dieser Situation aussieht?
    Danke für deine Offenheit und Aufklärung!
    Juniper

  6. @BFS

    Ich habe beruflich viel mit dem Begriff „Wertschätzung“ zu tun. Eine gute Einstiegsfrage ist immer, was jemand unter Wertschätzung überhaupt versteht und wie wertschätzend Verhalten aussieht bzw. wahrgenommen wird. Das ist gar nicht so einfach, denn wenn wir über Abwertung und Geringschätzung sprechen, haben wir alle dazu konkrete Bilder im Kopf. Aber Wertschätzung?
    Wertschätzung kennen die meisten nur in Verbindung mit Lob („Toll gemacht“), Es geht hier aber gerade nicht um das Wertschätzen von Verhalten sondern um Wertschätzung der Person. Die, so Rogers, sollte immer gezeigt werden, auch oder gerade dann, wenn ich ein Verhalten nicht gutheiße.
    Aber was ist jetzt Wertschätzung?
    Das spannende ist, dass jemand bereits dann als wertschätzend wahrgenommen wird, wenn er oder sie sich neutral verhält, also keine Bewertung der anderen Person vornimmt. Das Fehlen von (Ab-)Wertung ist also bereits der Schlüssel zum wertschätzenden Umgang miteinander.
    Civilcourage ist gut und nötig. Es reicht aber im ersten Schritt, sich selbst dafür zu sensibilisieren, andere nicht abzuwerten. Niemand erwartet, dass man sich aller um einen „herum ereignender Diskriminierung in den Weg“ stellt. Vielleicht möchte die Betroffenen das auch gar nicht und fühlen sich dadurch erst recht bevormundet.
    Man kann aber mal fragen, was die betroffene Person selbst denn gerade braucht oder möchte. Das wäre doch ein guter Anfang.
    In Jules Fallbeispiel hätte ich mir von den Kolleg:innen gewünscht, dass sie – anstelle über Jule zu sprechen – sie einfach mal gefragt hätten:
    „Du Jule, das mit Patientin vorhin ist irgendwie doof gelaufen. Ich hatte so einen Fall bisher noch nicht und bin unsicher, wie ich in so einer Situation am besten reagieren soll. Wie geht es dir damit und was wäre dein Vorschlag, wie wir mit der Patientin weiter umgehen“.

  7. Ein sehr wichtiger Beitrag! Etwas ähnliches passiert ja auch regelmäßig, wenn jemand Übergewichtige verteidigen möchte – indem er dünne Menschen beleidigt und abwertet. „Echte Frauen haben Kurven, nur Hunde stehen auf Knochen“ – wie furchtbar bösartig gegenüber dünnen Frauen!
    Ich bemühe mich bei solchen Äußerungen immer, freundlich drauf hinzuweisen – denn es ist ja meistens gut gemeint. Beim nächsten Mal findet die Person dann hoffentlich aufbauende Worte, die niemanden herabsetzen.

  8. Liebe Jule,

    ich stimme Deinen Überlegungen voll und ganz zu.
    Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jede Diskriminierung, jede Zuordnung eines Menschen in eine bestimmte Gruppe von Menschen mit gewissen Kriterien den betroffenen Menschen seiner Idividualität beraubt und den betreffenden Menschen zu einem Objekt degradiert.

    Ich finde solchen Umgang grundsätzlich jedem Menschen gegenüber entwürdigend!

    Diese Haltung musste ich mir allerdings zuerst erarbeiten, Selbsterfahrungen hierzu durchmachen und erkennen, dass ich mich selbst beschämte und auch mein Gegenüber beschämte, wenn es mir passiert ist, dass ich einen Menschen zum Objekt degradiert hatte.

    Auch wenn ich dies heute so klar formulieren kann, bedeutet es im Alltag gleichwohl eine beständige Anforderung an meine Aufmerksamkeit; mir scheint, es ist tief verwurzelt im Umgang untereinander. Es gelingt trotz der beständigen Anforderung an meine Aufmerksamkeit, und wenn ich bei einer Gelegenheit gescheitert bin, dann setze ich mich damit auseinander bis ich auch dies in mir klären kann.

    Henning Köhler beschreibt in seinem Büchlein „schwierige Kinder gibt es nicht“ die Qualitäten und Auswirkungen des bewertenden Blicks gegenüber dem werterkennenden Blick. Meine Auseinandersetzung damit hat mir sehr die Augen und die Seele geöffnet meine jetzige Haltung.
    Natürlich hängt das gesamte Thema auch damit zusammen, an welchen Qualitäten, Eigenschaften, Fähigkeiten Überzeugungen….. ich meinen eigenen „Wert“ definiere oder erlebe. Oft genug musste ich mich zuerst einmal bei mir selbst um notwendige Veränderungen kümmern, damit ich nach der Akzeptanz meiner selbst nicht mehr darauf angewiesen war, mich durch (durchaus auch unbemerktes) Degradieren eines Mitmenschen künstlich selbst zu erhöhen. Ich bin damit noch lange nicht am Ende 😉

  9. Liebe Jule,
    Deine Worte berühren mich sehr und ich merke, dass die alltägliche Diskriminierung oftmals nicht bewusst ist. Ich selbst bin betroffen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen die ein anderer nicht sehen kann. Und Deine Beispiele machen mir klar, wie sehr auch ich den Diskriminierungen ausgesetzt bin und es meist nicht anspreche. Vielleicht weil ich mich daran gewöhnt habe? Oder weil ich es ausblende? Du inspiriert mich, das Thema wieder mehr in mein Bewusstsein zu rücken. Vielen Dank dafür!

  10. Sehr interessante Ausführungen, ich stimme da Deinen Aussagen nur nicht zu. Ich mag zum Beispiel keinerlei Behindertenwitze egal wer sie erzählt-im Gegenteil, werden die von jemanden mit Behinderung erzählt finde ich das noch „schlimmer“
    Mit einer Behinderung aufzuwachsen ist auch etwas anderes als später eine Behinderung zu haben oder eine Verschlechterung der bestehenden Behinderung (spreche aus persönlicher Erfahrung)…ich bin auch niemand der die Nähe anderer Behinderter sucht…in diesen Gruppen wird man meiner Erfahrung nach von anderen wirklich wie ein „behinderter“ behandelt/bevormundet
    Diskriminierung begegnet man immer wieder das wird wohl auch noch länger so bleiben (leider) Natürlich kann man als Mensch mit Behinderung glücklich sein, aber ohne Behinderung wäre es leichter und man hätte „mehr“ vom Leben! (Kann es nicht anders formulieren) Sicher gibt es Leute die das anders sehen, das bleibt jedem selbst überlassen-aber ohne Behinderung ist man besser dran…-wer das anders sieht ok, aber dann macht man sich/anderen was vor!

    Ein weiterer Nachteil von Twitter bzw. ähnlichen Diensten ist das ein großer Teil der dortigen „Nachrichten“ unnötig sind. Ich lese deine Nachrichten dort auch, da ich aber nicht bei Twitter bin kann ich da nicht antworten-müsste da wohl Follower sein und darin sehe ich keinen Sinn-ist aber nur meine persönliche Ansicht. Beim Blog ist das anders dort kann man kommentieren ohne „Auflagen“

  11. Liebe Jule,
    ich schreibe selten etwas öffentlich, ich verfolge dein Blog (und auch deinen Twitter Account) schon sehr lange und dürfte die meisten Beiträge daraus auch gelesen haben. Du hast es hier mit einem Extremfall zu tun, aber ich gehe soweit, das nahezu jeder diskriminiert wird und die meisten Menschen auch mehr oder weniger selbst diskriminieren, teils offen, teils verdeckt, oft auch nicht gewollt. Manches mag auch Unsicherheit sein, wie gehe ich mit anderen Menschen um, anderes Aussehen, anders Verhalten, da halte ich vielleicht auch Abstand, das kann man auch als Diskriminierung sehen, auch wenn ich gar nichts gesagt habe o.ä. Und nur, weil ich demjenigen vielleicht aus dem Weg gegangen bin, ohne irgendeine Äußerung, weder durch Zeichen, noch verbal.

    Bei Dir ist das durch die Unfallfolgen vermutlich schlimmer als bei vielen anderen Menschen, aber denk mal an deinen Schützling Helena, das Mobbing in der Schule ist auch nichts anders als Diskriminierung gekoppelt mit Beleidigung, Diebstahl, Körperverletzung etc. Das haben auch ohne körperliche Einschränkungen schon sehr viele Menschen durchmachen müssen, ich war nie sportlich, immer schon ein paar Pfund zu viel, also auch ein gefundenes Fressen – und Mobbing war oft absolute Absicht, damals in den Schulzeiten wurde das meist als harmlos betrachtet, Rauch ins Gesicht, beim Einsteigen in den Bus in den Rücken gesprungen, blöde Sprüche den ganzen Tag.
    Das hat mich bis heute geprägt – fast 25 Jahre später „leide“ ich immer noch an den Folgen.
    Daher bewundere ich auch sehr, wie du da Helena unterstützt, aber so müsste es überall sein, da bist du absolut ein Vorbild!

    Neben solchen Extremen gib es aber auch die Alltagsdiskriminierung, das fängt schon bei Behörden Öffnungszeiten an, ein normaler Arbeitnehmer muß sich für einen neuen Perso schon fast Urlaub nehmen, oder falls man mal zum Zoll muß. Nicht jeder hat jemanden, den er oder sie mit sowas beauftragen kann und bei 1-2 Stunden Fahrzeit geht sowas auch nicht in der Mittagspause. Termine außerhalb der normalen Zeiten kann man auch kaum machen, also kann ich kaum was bestellen, was potentiell beim Zoll hängen bleiben könnte, außer ich kann spontan Urlaub nehmen (binnen 5 Tagen abholen o.ä). Da werde ich und andere Personen, denen es ähnlich geht auch ausgegenzt – sogar von Behörden.

    Generell ist der Umgang miteinander eine Sache für die gesellschaftliche Diskussion, persönliche Angriffe auf andere Leute gehen gar nicht. Aber auch die indirekten Benachteiligungen, Ausgrenzungen etc muß man versuchen zu unterbinden. Z.B. bei der Wahl von Mannschaften beim Schulsport, da bleiben immer die gleichen Leute bis zuletzt übrig, die keiner will. Und das macht einen auch auf Dauer irgendwann fertig. Und hier muß man schon im Kindergarten und Schule anfangen. Die Eltern kann man nicht so einfach um erziehen, aber vielleicht lernen diese ja von Ihren Kundern.
    Nur wenn man nichts tut, geht es immer so weiter, mit erheblichen Folgen, offener Diskminierung wie bei Dir, in vielen anderen Fällen die Langzeitfolgen von vielen kleinen Aktionen, viele leiden weiter still oder landen früher oder später in Behandlung – alles absolut unnötig. Die Sozialkassen werden unnötig belastet. Man muß nicht jeden mögen, aber man sollte jeden respektieren. Genau wie die Lebendsweise/Famiienzusammensetzung/Religion etc.
    Halt die Ohren steif und bleibt so, wie Du bist.

  12. Liebe Jule, ich bin auf Dich und Deinen Blog über Twitter aufmerksam geworden. Du bist für mich eine der stärksten, beeindruckenden, sympathischen, humorvollsten, ehrlichsten Persönlichkeiten, von denen ich je etwas gelesen habe. Bitte, schreib eine Autobiographie!!!

  13. Prima Erläuterung, insb., was Abelismus eigentlich ist. Zwar hab ich pedantentypisch einige kleine Änderungswünsche, aber manchmal kan ich auch die Klappe halten. Mal sehen für wielange.

  14. Liebe Jule, ich fand die Idee, die Kollegen / Chefs darauf hinzuweisen, ob sie mit einer solchen Aussage auch derart umgegangen wären, wenn sie sich auf Hautfarbe, Rasse, Geschlecht, Figur etc bezogen hätte, gut, warum hast Du Dich nicht getraut? Das würde ich im nochmal Nachhinein machen, ebenso wie darauf hinweisen, wie verletzend die Situation und der Umgang damit für Dich war. Ich schätze mal, dass das ihnen nicht bewusst ist! Ich mache auch immer wieder die Erfahrung, dass die meisten Menschen sich nicht in andere hineinversetzen können, erst recht nicht in körperlich Eingeschränkte. Also kann man da durchaus nachhelfen. Es „erweitert“ ja deren Horizont auch im Bezug auf andere Situationen und Personen. Es tut mir echt leid, dass es immer noch solche Ängste, Vorurteile, Bewertungen, Übergriffigkeiten, Diskriminierungen, Beleidigungen gegen Rollstuhlfahrer etc gibt, echt traurig. Da liegt noch Einiges an Arbeit vor der deutschen Gesellschaft.

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