Das Pizza-Gate

… oder: Warum es so wichtig ist, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen und mit ihnen erwachsen zu kommunizieren.

Helena, Marie und ich sitzen zusammen am Tisch und essen. Es gibt selbst gebackenes Brot, Aufstriche, Wurst und Käse, Tomaten und Gurken. Mittendrin spricht Helena mich an: „Sag mal, Jule, ich hab doch schon lange nichts richtig Heftiges mehr ausgefressen, oder?“

Während Marie sich ein Grinsen verkneift, frage ich: „Die Einleitung gefällt mir. Und, was hast Du angestellt?“

Helena guckt mich mit großen Augen an: „Nee, nichts.“

Ich frage weiter: „Brauchst du mehr Taschengeld?“ Und bemerke im selben Moment, dass die Frage nicht so schlau war. Allerdings orientieren wir uns ohnehin an einer Tabelle, die das Jugendamt herausgibt, und dessen Spielraum ist ausgeschöpft. Bevor sie mit ihrer Überlegung fertig ist, füge ich grinsend an: „Oder hast du irgendeinen Scheiß vor?“

Helena antwortet: „Nee, ich muss das zwischendurch einfach mal festhalten. Just for the records. In den USA kann man sich bei leichten Verstößen auf sein sauberes Führungszeugnis berufen und hat sozusagen einen Schuss frei.“ – „Also doch irgendwas in Planung“, grinste Marie. Helena schüttelte den Kopf: „Nein! Ihr versteht mich nicht.“

Am nächsten Tag bekomme ich morgens eine Kurznachricht: „Es gibt in der Schule schon wieder diese ekligen Spaghetti. Darf ich mir zusammen mit [4 anderen Schülerinnen] was bestellen?“

Klar. Früher hätte ich noch hinzugefügt, dass sie bitte auf ihren Diabetes aufpasst, aber dafür würde ich heute eine Predigt bekommen. „Ich bin nicht ganz doof“, ist in dem Zusammenhang ihr Standardspruch. Also spare ich mir alle guten Ratschläge. Und ich weiß: Sie bekommt es alleine hin.

Als ich nach der Arbeit nach Hause komme, ist Helena noch bei den Pferden im Stall. Als sie reinkommt und direkt zur Dusche läuft, ahne ich schon, dass irgendwas vorgefallen ist. Nach dem Duschen setzt sie sich, mit noch nassen Haaren, auf meinen Schoß seufzt tief und sagt: „Können wir mal reden?“

Mit Blick darauf, dass sie ihre früheren Pflegeeltern in solchen Situationen regelmäßig belogen hat, muss ich sehr genau aufpassen und sehr feinfühlig reagieren, damit es weiterhin so gut klappt. „Ich hab ja heute Essen bestellt. Wir haben uns Pizzen kommen lassen und der Dulli ist tatsächlich in die Schule rein, hat bei uns an der Tür geklopft und mitten im Unterricht die dampfenden Pizzen abgeliefert.“

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte ich. Helena antwortete: „Ja, was kann ich denn dafür, wenn er in die Schule läuft. Wir haben in die App geschrieben, dass er warten soll und wir rauskommen. Und dann hieß es natürlich: Wer hat die bestellt, dann musste die Kohle eingesammelt werden, dann wurden diese Pizzen verteilt, alle waren laut und haben Sprüche gemacht und … das war voll peinlich. Damit war Mathe zehn Minuten eher beendet, ich soll das zu Hause erklären und du sollst anrufen. Ich sag nur: Stinksauer. Es gab gleich eine Predigt. Ich wollte erklären, dass wir eigentlich draußen verabredet waren, aber das wurde gleich abgebügelt.“

„Hast du dich wenigstens entschuldigt?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf: „Das war doch nicht meine Schuld!“ – Ich fragte noch einmal: „Hast du dich entschuldigt?“ – „Nein.“ – „Ich würde sagen: Noch nicht. Denn selbst wenn keine Absicht dahinter steckte, hast du deinen Anteil daran, dass das in die Hose gegangen ist.“ – „Ja. Ist vielleicht besser.“ – „Wenn du sagst, dass ihr draußen verabredet wart: Woher wusste er eigentlich, in welchem Klassenraum er dich findet?“ – „Keine Ahnung.“ – „Das ist aber eine interessante Frage.“

Eine interessante Frage, die unbeantwortet bleibt. Am nächsten Morgen musste ich mir anhören: „Ich gebe zu, ich war wirklich sauer gestern. Ich war echt perplex, weil ich so ein Verhalten von Helena nicht erwartet hätte. Sowas passt einfach nicht zu ihr.“ – „Naja, es ist halt dumm gelaufen. Es war vereinbart, dass der Bote draußen wartet.“ – „Ach, Frau Socke, das glauben Sie doch nicht wirklich. Die Mitteilung der Raumnummer ist doch eine Einladung, den Unterricht zu sprengen. So wie beim Online-Meeting die Zugangsdaten gepostet wurden, damit Fremde da reinstürmen und Krach machen. Es wäre Helenas Pflicht gewesen, den Pizzaboten darauf hinzuweisen, dass er die Schule nicht zu betreten hat. Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass fremde Menschen hier nichts zu suchen haben.“ – „Ich glaube nicht, dass es Absicht war. Ich denke, es wäre am Besten, wenn Sie mit ihr über die Einhaltung der Regeln in der Schule nochmal sprechen und ihr, wenn das ein dummer Streich war, entsprechend was vor die Hörner geben. Ich habe es allerdings so wahrgenommen, dass es ein Versehen war und sie sich dafür auch bei Ihnen entschuldigen möchte. Am Besten wird sein, Sie klären das direkt.“

Heute kommt sie nach Hause: „Sag mal, hast du im Telefonat gesagt, dass du dafür bist, dass ich einen Anschiss kriege?“ – „Nein, das habe ich so nicht gesagt. Ich habe darum gebeten, dass das Thema direkt zwischen euch geklärt wird.“ – „Was gibt es da noch zu klären? Der Dulli vom Bringdienst hat sich nicht an die Vereinbarung gehalten und ich werde dafür jetzt von allen Seiten angemacht.“ – „Helena, ich sag dir, wo das Problem ist: Die Tatsache, dass der Bote in der Klasse aufgetaucht ist, lässt vermuten, dass das genauso vereinbart war. Wenn das so vereinbart war, hast du gegen die Regeln verstoßen, weil einerseits fremde Leute in der Schule nichts zu suchen haben und diese Auslieferung natürlich den Unterricht massiv stört. Beides weißt du. Wenn es nicht so vereinbart war, bleibt die Frage offen, woher er wusste, wo er dich antreffen kann. Außer am Zaun.“

„Ich habe geschrieben, dass es die Bestellung von Helena aus der 9[x] ist, weil es in der Schule mindestens fünf Helenas gibt und wir schonmal das Theater hatten, dass zwei Annas was für ihre Klassen bestellt hatten und die dann draußen erstmal alles öffnen und reingucken mussten, weil die nur die Vornamen auf die Kartons geschrieben haben. Deswegen hab ich die Klasse mit angegeben.“ – Sie blättert in ihrem Handy. „Guck, hier ist die Bestätigungsmail: Liefern um 12.50 Uhr. Und unter Bemerkungen: Wir sind Schüler der 9[x] und haben ab 12.45 Uhr Mittagspause. Wir kommen zur Straße. Bitte seien Sie pünktlich, wir haben Hunger.“

„Hast du die Mail auch in der Schule gezeigt?“ – „Nein, ich bin ja gar nicht zu Wort gekommen. Ich bin sofort schuldig gewesen und wurde wie ein Kleinkind behandelt. Ich soll jetzt aufschreiben, warum es wichtig ist, dass keine fremden Menschen in die Schule kommen. Das ist total ungerecht.“

„Leite mir mal bitte die Bestätigungsmail weiter.“ – „Mit dir kann man ja wenigstens reden, du hörst ja zu und nimmst mich ernst. Schreibst du nochmal eine Mail?“

Ja. Ich schreibe eine Mail.

10 Gedanken zu „Das Pizza-Gate

  1. Ich denke, da ist jetzt eine Entschuldigung der Lehrkraft fällig. Die wird zwar wahrscheinlich nicht kommen, aber richtig wäre es.
    Wahre Größe erkennt man an dem Umgang mit eigenen Fehlern.

  2. Fakt ist, der Fehler liegt ausschließlich beim Pizzadienst. Eine glaubhaft aufrichtige Entschuldigung von dieser Seite ist angebracht, um die Angelegenheit zu klären.
    Helena hat ja bei der Bestellung alles korrekt gemacht. Sich nachträglich zu entschuldigen ist formal ein Schuld-Eingeständnis. Es dennoch zu tun, halte ich für ein Zeichen des guten Willens, um die Lage zu beruhigen.
    Dass die Lehrkraft umgehend eine Schuldzuweisung vornimmt ohne Helena die Gelegenheit zu geben, ihre Argumente vorzutragen ist äußerst unangebracht.
    Textvorschlag für die Strafarbeit: „Es ist wichtig, dass keine fremden Menschen in die Schule kommen, weil das den Unterricht stört.“ Punkt.

  3. Helena hat sich doch korrekt verhalten. Die Lehrkraft ist übers Ziel hinausgeschossen und sollte das jetzt auch einräumen.

  4. Vermutlich hat der Bote gedacht, wenn sie „Wir sind hungrig“ schreibt, sind die glücklich wenn die Pizza früher als bestellt geliefert wird. Ich würde sagen, das war eindeutig ein Missverständnis des Zustellers. Helena kann da nichts für! Am besten sie lässt zukünftig jemand anderen aus der Gruppe bestellen 😉

  5. Alles nicht einfach, aber alles im Griff.
    Was ich nicht ganz kapier ist das:
    „Und dann hieß es natürlich: Wer hat die bestellt, dann musste die Kohle eingesammelt werden, dann wurden diese Pizzen verteilt, alle waren laut und haben Sprüche gemacht und … das war voll peinlich. Damit war Mathe zehn Minuten eher beendet, ich soll das zu Hause erklären und du sollst anrufen.“
    Warum lässt die Lehrerin das zu?
    Warm weißt sie den Lieferanten nicht aus der Klasse? Der kann dann selber entscheiden, ob er draußen warten will.

  6. Ich denke nicht, dass sich die Lehrerin entschuldigen muss.
    Helena hat Pizza bestellt und das ding ist schief gelaufen. SIe hat es nicht mit Absicht gemacht, sollte aber fürs Leben lernen, dass man bei solchen Aktionen ein bisschen weiter denken und sich überlegen muss, wie man die Übergabe am besten organisiert.
    Zu erwarten, dass der Pizzabote wartet, bis sie rauskommt und die Pizza entgegennimmt, ist etwas naiv, aber sie ist noch jung, da ist das ´ja OK.
    Wie hätte sich der Pizzabote bei Helena gemeldet? Darf sie das Handy während des Unterrichts benutzen?
    Vielleicht ist die Lösung, dass Pizzalieferung an die Schule grundsätzlich keine gute Idee sind und man nach einer Alternative suchen müsste.
    Aber das sind die Momente, in denen man eben solche Dinge lernt. Dass es eben nicht alles einfach ist.
    Kopf hoch.

  7. Schöne Suppe, die Helena da auslöffeln muss.
    Meine Meinung: ja, der Lieferant hat sich nicht an die Absprache gehalten und hat Mist gebaut. Nicht desto trotz: Helena muss hier Verantwortung übernehmen. Sie hat die Bestellung ausgelöst. Dadurch wurde der Unterrricht gestört. Auch wenn sie augenscheinlich alles richtig gemacht hat ist es schiefglaufen. That’s life.
    Nicht alles klappt immer reibungslos. Menschen machen Fehler. Auch Pizzaboten ….

  8. Der Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld. Gute Gelegenheit, das zu thematisieren. Auch wenn Helena keine Schuld trifft, muss sie doch für ihr Handeln Verantwortung übernehmen. Deswegen sind Anschuldigungen nicht gerechtfertigt, klärende Gespräche und Überlegungen, wie man das künftig besser machen kann, aber durchaus. Unterstellungen führen da nicht weiter. Von der Schule kann man nur erwarten, dass sie künftigen Pizzafahrern und -fahrerinnen verstehendes Lesen vermittelt, nicht aber eine Schulung der derzeitigen Lieferdienstangestellten. Ähnliche Situationen finden wir auch im täglichen Leben: Wenn ein Dienstleister im Haus Pfusch abliefert, geht die Beschwerde an den Vermieter, aber nicht an die – möglichweise sogar unbekannte – Firma.
    Bleiben auf der Positiv-Seite die leckere Pizza und eine Erfahrung, auf der Negativ-Seite der Ärger und Aufwand. Und wo der Unterrichtsausfall verbucht wird, darf jeder selbst entscheiden.

  9. Das klingt nach einer spannenden Fortsetzung.

    Ja, manche fassen „klaren“ auf als „Du bist Schuld, nun gestehe endlich“ ohne irgendetwas zu hinterfragen. Was schade ist. Vermutlich hat er in der Schule irgendjemanden nach dem Klassenraum der Klasse 9x gefragt. Mich würde ja interessieren, ob das ein Angestellter/Mitarbeiter der Schule war.

  10. Das ist natürlich unglücklich gelaufen. Die Situation wäre sicher anders abgelaufen, wenn Helena – und ja, sie ist noch jung und hat ihre Erfahrungen gemacht – die E-Mail zu irgendeinem Zeitpunkt erwähnt hätte, also entweder direkt gegenüber der Lehrerin oder eben vor dem Gespräch zwischen der Lehrerin und dir dir gegenüber. Vielleicht, und da mag ich von einem Kind viel verlangen, hätte auch einfach ein Weiterleiten der E-Mail an die Lehrerin geholfen.

    So gab es eine riesige Rennerei, Stress, in jedem Fall ein bleibender Nachgeschmack auf beiden Seiten: Für nix.

    Die Zeiten mögen sich geändert haben und als ich vor 20 Jahren zur Schule ging haben wir extrem viel Unsinn gemacht und sind natürlich auch immer wieder erwischt worden. Was bei Helena aber auffällt: Sie rutscht immer wieder in typische Situationen hinein, die sich dann aber später in Wohlgefallen auflösen.
    Woran das liegt und wie man das angehen kann weiß ich nicht, dafür müsste man sie kennen, aber diese Auffälligkeit sollte angegangen und besprochen werden, BEVOR sie irgendwann in das Berufsleben startet.

    Zuletzt aber natürlich nach wie vor eine große Anerkennung an euch beide, dass ihr euch so sehr vertraut. Das ist richtig toll!

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