Ein ganz normaler Morgen im Rollstuhl

6.45 Uhr, ich verlasse das Haus. Um 9 Uhr habe ich einen Termin. Bis dahin werden mich 31 verschiedene wildfremde Menschen ansprechen…

01: Guten Morgen! – Guten Morgen.

02: Morgen! – Guten Morgen.

03: Guten Morgen! – Guten Morgen.

04: Entschuldigung, zur …straße, dort oder dort entlang? – Keine Ahnung, sorry. – Wissen Sie auch nicht? – Nein. – Ah. Wo könnte ich denn mal fragen? – Stück weiter ist ein Taxistand. Da vorne. – Ja, danke.

Ich möchte an einer Ampel die Straße überqueren.

05: Hast du schon gedrückt? – Ja. – Arschkalt heute, oder? – Ja. – Geht’s? – Ja, danke. – Ganz schön viele Löcher im Asphalt. Scheiß Winter. Da muss man ganz schön aufpassen, damit man mit den kleinen Rädern nicht da reinfällt, oder? – Ich mach das ja jeden Tag, ich hab schon Übung. Schönen Tag noch! – Ja, dir auch!

Der Fußweg ist mit Autos zugeparkt.

06: Na die parken hier ja wirklich super. Dem einen da haben sie schon den Scheibenwischer abgebrochen, der scheint öfter so zu parken. Kommen Sie da alleine vorbei? – Ja, danke. – Ich helfe Ihnen sonst. – Nein, danke, passt schon. – Ja, Sie machen das prima. – Danke.

Ich erreiche die Haltestelle.

07: Wissen Sie, wie spät es ist? – Kurz nach 7. – Wollen Sie auch mit dem …er-Bus? – Andere fahren doch hier gar nicht, oder? – Ich habe keine Ahnung. Wissen Sie, wann der Bus kommt? – Da oben steht in 4 Minuten. Hoffen wir mal, dass die Anzeige stimmt. – Ja.

07: Kommen Sie alleine rein? – Ja, vielen Dank. – Ich helfe Ihnen sonst. – Danke nicht nötig. – Soll ich die Rampe rausklappen? – Nein, das geht so.

08: Hallo, lassen Sie die Rampe mal bitte drin? Hallo! Bitte drin lassen. Ich brauche die nicht. Steigen Sie am besten erstmal aus.

09: Hallo, lassen Sie die Rampe bitte drin. Ich brauche sie nicht. – Och, das geht schon, ist ja einfacher mit Rampe. – Nee, der Bus ist so voll, ich komm da ja gar nicht durch und dann können wir sie nicht wieder einklappen. Also lassen Sie sie bitte gleich drin. – Soll ich schieben? – Nein, danke. – Warten Sie, ich helfe Ihnen. – Danke, das geht so. – Moment. – Lassen Sie mich bitte los? – Ja nur nicht, dass Sie stürzen. Warten Sie, gleich haben wir es. Machen Sie mal etwas Platz für den Rollstuhl?

10: Geht es so? – Ja, vielen Dank. – Ich kann den Kinderwagen auch etwas weiter hier rüber ziehen? – Nein, ist in Ordnung. Solange er beim Bremsen nicht auf mich drauf fällt… – Nein, ich halte ihn fest. – Danke.

Der Bus erreicht den U-Bahnhof. Der Knopf für den Ausstiegswunsch ist durch einen Kinderwagen verdeckt. Ich muss jemanden bitten, für mich zu drücken.

11: Entschuldigung, könnten Sie mal bitte auf das blaue Knöpfchen drücken? – Ist schon gedrückt. – Ja, drücken Sie bitte trotzdem nochmal auf den Rolliknopf? Damit der Fahrer das sieht und den Bus absenkt. – Achso. – Nee, nochmal, bitte etwas länger drücken, bis es grün leuchtet. – Hab ich noch nie gemacht. Ich kann Ihnen aber auch helfen beim Aussteigen. – Nein danke, das geht so, wenn der Fahrer den Bus absenkt.

Beim Aussteigen, quer durch den halben Bus:

12: Könnten Sie bitte mal den Bus absenken? … Hallo, könnten Sie bitte den Bus absenken? – Sie haben extra so einen Knopf zum Drücken! – Ja, der war gedrückt. – Hat hier aber nicht geleuchtet. – Könnten Sie bitte einmal den Bus absenken, damit ich aussteigen kann? – Ja, Moment… so! – Danke!

Der Aufzug zur U-Bahn ist defekt. „Außer Betrieb“ leuchtet in roten Lettern. Zum Glück gibt es ein Stück weiter zwei Rolltreppen, doch die laufen im morgendlichen Berufsverkehr beide aufwärts. Ich stehe vor dem Aufzug, überlege, wie ich am günstigsten zum Hauptbahnhof gelange.

13: Der Aufzug ist defekt. – Ja, hab ich schon gesehen.

14: Oh, ist der schon wieder kaputt? – Ja. – Der war gestern nachmittag auch schon kaputt, aber gestern abend ging er wieder. – Tja. Ätzend. – Bestimmt durch die Kälte. – Mag sein. – Schönen Tag noch. – Ihnen auch!

15: Ach, isser wieder kaputt? – Ja. – Na zum Glück kann man meinen Kinderwagen die Treppe runtertragen, das wird mit einem Rollstuhl schon schwieriger. – Jo. – Das ist ja blöd, oder? – Jo. – Kommen Sie jetzt hier gar nicht weg? – Ich fahr mit dem Bus. – Müssen Sie zum Bahnhof? – Ja. – Da müssen Sie Aufschlag zahlen! – Ich weiß. – Den würde ich mir wiederholen von der Hochbahn. Wenn hier das Ding nicht geht, können Sie ja nix dafür. – Ja. – Ich drücke die Daumen, dass Sie das auch wiederkriegen!

Was sie nicht weiß: Ich muss keinen Aufschlag zahlen im Schnellbus. Aber das wollte ich nicht diskutieren.

Ich fahre zur Bushaltestelle. Niemand spricht mich an. Der Bus kommt. Ich stehe vor der hinteren Tür, drücke auf den Knopf. Nix passiert. Ich rolle nach vorne zum Fahrer.

16: Könnten Sie bitte hinten mal aufmachen? – Ich komm gleich. – Brauchen Sie nicht. Mir reicht es, wenn Sie die Tür aufmachen und den Bus absenken. – Ich komme gleich nach hinten. So viel Zeit haben wir dann auch noch.

16: Soll ich schieben? – Nein danke. – Wo wollen Sie aussteigen? – Am Hauptbahnhof. – Sie wissen, dass Sie auch die U-Bahn nehmen können? Die ist wesentlich schneller. – Der Aufzug ist defekt, deswegen fahre ich Bus. – Oh, das gebe ich gleich mal weiter. – Danke.

Mitten während der Fahrt eine Lautsprecherdurchsage.

16: An die Frau im Rollstuhl, den defekten Aufzug habe ich der Leitstelle über Funk gemeldet, die konnten mir aber nicht sagen, wann die Störung behoben sein wird!

Ich winke einmal freundlich in seinen Spiegel. Am Hauptbahnhof springe ich ohne Rampe raus. Ich fahre zur S-Bahn stadteinwärts und dort ist der nächste Aufzug defekt. Beim ersten habe ich kein Bild gemacht, da wusste ich ja noch nicht, dass es heute mehr werden, zum zweiten gibt es ein Beweisfoto:

Ich fahre also mit der nächsten S-Bahn eine Station stadtauswärts, um dann dort an einem mittig zwischen den Gleisen gelegenen Bahnsteig in die S-Bahn gegenüber (stadteinwärts) umzusteigen. Der Aufzug funktioniert, ich steige in die Bahn ein, niemand spricht mich an. Am Berliner Tor steige ich wieder aus, rolle zum Zug gegenüber, warte. Der barrierefreie Einstieg ist an der Zugspitze, direkt neben der Treppe nach unten.

17: Wollen Sie nach unten? – Nein, ich warte auf den Zug.

18: Wollen Sie runter? – Nein, ich warte auf den Zug.

19: Hier gibt es keinen Aufzug, oder? – Nein. – Und nun? – Was meinen Sie? Ich warte auf die Bahn. – Achso! Wie sind Sie denn hier hochgekommen? – Ich bin mit der Bahn vom Hauptbahnhof gekommen. – Ach haben Sie sich verfahren? – Nein, da ist der Aufzug stadteinwärts defekt, so muss ich erstmal eine Station stadtauswärts fahren und dann hier umsteigen in die Bahn stadteinwärts. – Was für ein Umstand! – Ja.

20: Wollen Sie raus? – Nein, ich warte auf den Zug.

21: Brauchen Sie Hilfe? – Nein, danke.

Der Zugführer kommt ans Fenster, schiebt das runter.

22: Kommen Sie alleine rein? – Ja, danke. – Haben Sie sich verfahren? – Nein, am Hauptbahnhof ist der Aufzug stadteinwärts defekt, deshalb steige ich hier um. – Achso.

23: Prima, wie Sie das machen. Gelernt ist gelernt, nä?! – Jo. – Find ich toll. Meine Mutter saß auch lange Zeit im Rollstuhl, ich habe sie gepflegt. Aber die hatte natürlich nicht so einen sportlichen wie Sie. War das ein Unfall? – Ja. – Mit dem Auto? – Ja. Ich zu Fuß, Frau mit Auto. – Oh mein Gott, angefahren? Als Kind? – Ich war 15. – Wie schrecklich! – Ich hab nicht viel davon gemerkt. – Und können Sie jetzt gar nicht mehr laufen? – Nö. – Das ist nicht gut, Sie sind ja noch so jung. – Naja, man kann sich das nicht aussuchen, wann das passiert. – Nein, das stimmt schon. Man fragt ja nicht nach Geld, aber hat man Sie wenigstens entschädigt? – Die Frau hatte Schuld, ja, und ihre Versicherung muss zahlen. – Na wenigstens was. Können Sie denn noch arbeiten? – Ich studiere. – Dann hoffe ich mal, dass Sie später einen Job bekommen, das wird bestimmt nicht einfach. – Wird schon schiefgehen. – Ja. Darf ich fragen, wie alt Sie jetzt sind? – 21. – Das ist ja noch sehr jung. Zu meiner Zeit wurde man da gerade erst volljährig. Naja, ich muss hier aussteigen, ich wünsche Ihnen noch viel Glück in Ihrem Leben! – Danke.

24: Wollen Sie hier raus? – Nein.

Beim Aussteigen aus der S-Bahn:

25: Wumms.

Kurz darauf auf dem Bahnsteig:

26: Nicht so schnell, da vorne blitzen sie!

Der Aufzug funktioniert wenigstens.

27: Entschuldigung, könnten Sie bitte etwas aufrücken? – Der Aufzug ist voll. – Könnten Sie vielleicht ein kleines Stück weitergehen? – Da steht der Kinderwagen. – Es ist doch nicht so schwierig, sich einmal daneben zu stellen, oder? – Der Aufzug ist voll. – Meine Güte.

28: Das sind mir die Richtigen. Machen sich da breit und die Leute, die auf den Aufzug angewiesen sind, müssen warten. Wissen Sie, ich habe vor zwei Jahren eine künstliche Hüfte bekommen, mir fällt das Treppensteigen auch nicht so leicht. – Hmm. – Sitzen Sie schon lange in dem Ding? – Seit 5 Jahren. – Fünf Jahre schon! – Ja. – War das ein Unfall? – Ja. Ich bin angefahren worden auf dem Schulweg. – Oh nein. Auf die Straße gelaufen? – Nein, die Straße bei grün überquert und eine Autofahrerin hat mich erwischt. – Ach du liebe Zeit. Naja. Das wichtigste ist immer, dass man seinen Humor nicht verliert, sage ich immer. – Ja. Schönen Tag noch! – Ja, das wünsche ich Ihnen auch.

29: Entschuldigung, darf ich da mal durch? – Huch! – Danke.

30: So, ich halte mal die Tür auf! – Danke – Bitte gerne!

31: In welchen Stock wollen Sie? – Zwei – Ich drücke mal für Sie mit. – Danke.

9:20 Uhr – Ich komme fast pünktlich bei meinem 9-Uhr-Termin an.