Puzzleteile

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Es gibt einen Menschen in meinem Leben, der mich immer mal wieder begleitet. Kennengelernt habe ich ihn im ersten Semester meines Studiums, über eine damalige Bekannte. Er war der Partner dieser Bekannten. Inzwischen habe ich seit fünf Jahren nichts mehr von dieser Bekannten gehört, nachdem sie mich am Ende nur noch genervt hat. Sie bekam nichts organisiert und hat immer alle möglichen Leute eingebunden, ohne selbst einen Finger zu rühren. War total verpeilt, chronisch pleite und absolut naiv. Da kann sie oberflächlich noch so lieb sein, solche Bekanntschaften sind mir auf Dauer zu anstrengend.

Er ist auch nicht mehr mit ihr zusammen. Er ist zehn Jahre älter als ich, eher unscheinbar. Hat schöne Hände, eine attraktive Stimme, vor allem am Telefon, hübsche Augen – und kann sehr gut zuhören. Er ist für mich jemand, den ich anrufe, wenn ich mal eine neutrale Meinung zu einem Thema brauche. Oder einfach, um zu quatschen. Oder um mal wieder auf den Boden zurückzukommen, wenn ich das Gefühl habe, alle um mich herum drehen frei. Wenn wir telefonieren, können durchaus auch mal zwei Stunden dabei vergehen, auch wenn ich vorher noch gar nicht weiß, worüber ich reden soll. Eins ergibt das andere. Er hört sich vor allem auch das an, was mich beschäftigt. Oder vielleicht sogar bedrückt. Er bildet sich eine Meinung, fragt nach. Gibt mir seine Einschätzung. Redet mir nicht nach dem Mund. Findet schnell Lösungsansätze, hat gute Ideen. Und vor allem: Er ist sehr einfühlsam, durchaus auch charmant; er kann vor allem sehr gut verstehen, warum Frau nicht alles toll findet, was Männer so sagen oder tun.

Wir telefonieren vielleicht alle acht Wochen mal. Es ist schon vorgekommen, dass wir zwei Mal im Monat gequatscht haben; es ist auch schon vorgekommen, dass wir fast ein halbes Jahr nichts voneinander gehört haben. Wenn ich ihn anrufe, hat er für mich Zeit. Wenn nicht sofort, dann meistens noch am selben Tag. Manchmal rufe ich ihn auch nur an, weil ich hören möchte, wie es ihm geht. Fast immer geht es ihm gut. Ich würde ihn durchaus als Freund bezeichnen wollen. Auch wenn ich ebenso klar sagen muss: Ich würde ihn im richtigen Moment nicht von der Bettkante stoßen. Eine feste Beziehung könnte ich mir eher nicht vorstellen, aber einmal im Quartal eine schöne Nacht? Aus Respekt vor seiner aktuellen Partnerin, und da ich auch unsere Freundschaft nicht verkomplizieren oder sogar kaputt machen möchte, und auch nicht weiß, was von diesen meinen Träumen Wunschdenken ist und was vielleicht wirklich schön wäre, habe ich nur manchmal von einer sinnlichen Nacht mit ihm geträumt.

Wir waren auch ein paar Mal gemeinsam in einer (öffentlichen) Sauna. Wir hatten jeweils einen schönen gemeinsamen Nachmittag, haben viel gequatscht, gemeinsam auf einer Wiese in der Sonne gelegen, sind nackt schwimmen gewesen. Er hat mich nie angemacht oder sogar angefasst. Hat nie irgendeinen sexualisierten Spruch gemacht. Hat vor allem nie, auch früher, als wir uns noch nicht so gut kannten, von sich aus meine Behinderung thematisiert. Hat mir Türen aus Höflichkeit aufgehalten, aber wenn ich zuerst an der Tür war, hat er sie sich auch von mir aufhalten lassen.

In der letzten Woche, es war kurz vor 20 Uhr, klingelte es an der Tür. Wer davor stand, ist klar. Normalerweise würde er nie zu mir kommen, ohne sich vorher mit mir zu verabreden. Weil er weiß, dass ich keine Überraschungsbesuche mag. Nicht, weil ich nicht aufräume, sondern weil ich gerne Zeit für meinen Besuch hätte, die ich nicht immer habe, wenn ich zur Arbeit muss oder mich schon anders verabredet habe. Jetzt hatte ich gerade mit Helena etwas für die Schule fertig gemacht. Wenn jemand bei uns klingelt, sehe ich ein Videobild auf meinem Handy. Er sah nicht gut aus.

Als ich öffnete und er mich sah, war er kurz vorm Heulen. „Hast du mal eine halbe Stunde Zeit für mich?“, fragte er. Eigentlich ist es jetzt gerade ungünstig, dachte mein Kopf. „Selbstverständlich“, sagte ich und bat ihn herein. Er zog seine Schuhe aus. Helena kannte er noch nicht. Normalerweise verabreden wir uns anderswo. Marie arbeitete noch. Helena verschwand von sich aus in ihrem Zimmer, nachdem ich ihr sagte, dass das ein Freund von mir ist, dem es gerade nicht gut ging.

„Was ist passiert?“, fragte ich ihn. Er erzählte mir, dass seine Partnerin sich von ihm getrennt habe. Okay, das ist ein herber Moment im Leben, immerhin waren sie mehr als zwei Jahre ein Paar. Sie habe einen anderen, habe ihn auch bereits mehrere Monate mit ihm betrogen. Wobei er nicht von „betrügen“ sprechen wolle, denn sie hätten in der ganzen Zeit nie miteinander geschlafen.

What? Jemand ist über zwei Jahre mit einer Partnerin zusammen, wohnt zusammen, teilt ein Schlafzimmer, und beide gehen nie miteinander ins Bett? Ich hatte bisher immer gedacht, es wäre eine Liebesbeziehung, und ich hätte auch gedacht, dass dazu auch Sexualität gehört. Ja klar, muss nicht. Aber ist doch eher ungewöhnlich. Oder? Ich hätte es zumindest nicht vermutet. Mir fiel allerdings auf, dass wir bislang nie so intensiv über seine Beziehung zu seiner (jetzt Ex-) Partnerin gesprochen hatten. Was nicht daran gelegen hat, dass ich nie darüber hätte reden wollen.

„Ich muss mit dir darüber sprechen. Ich weiß so viel über dich, aber du kennst mich von einer Seite überhaupt nicht. Ich fühle mich, als würde meine Seele brennen.“ – Ich bat ihm was zu trinken an, ahnend, dass jetzt etwas Heftiges kommen würde. Um nicht zu triggern, erwähne ich vorab, dass etwas Heftiges kommen wird, und warne vor einem Inhalt über sexuellen Missbrauch.

Es ist schon krass: Er hat seine Geschichte bereits ausgiebig in einem einschlägigen Internetforum anonym erzählt, hat sie für eine Aufarbeitungskommission aufgeschrieben, hat aber offenbar noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Bis zu dem Tag, an dem er vor meiner Tür stand. Und ja, ich habe gefragt, bevor ich darüber schreibe, auch wenn er meinen Blog nicht kennt.

Er beschrieb mir fast lehrbuchhaft ein Phänomen, das entsteht, wenn Menschen verstanden und die Tatsache akzeptiert haben, dass sie sexuell missbraucht wurden: Verhaltensweisen, auch jene Dritter, die von dem sexuellen Missbrauch gewusst haben, und die vorher nicht einzuordnen waren, geben plötzlich einen Sinn. Plötzlich passen alle Puzzleteile zusammen, die vorher nur Fragezeichen hervorgerufen haben.

Letztes Jahr im Dezember ist sein Vater völlig überraschend an Krebs gestorben. Er kam nach einem Schwäche-Anfall ins Krankenhaus, dort gab es die Diagnose, vier Wochen später war er tot. Bei der Haushaltsauflösung der seit vielen Jahren getrennt lebenden Eltern fielen ihm Briefe in die Hand, die seine Mutter seinem Vater geschrieben hat. Seitenweise. Vor über dreißig Jahren. Der Vater hatte ihn als Kleinkind regelmäßig sexuell missbraucht. Ich beschreibe nicht, was genau er getan hat, weil es einfach nur widerlich ist und fassungslos macht.

Aus heutiger Sicht würde ich als erstes fragen, warum die Mutter lange Briefe schreibt, statt den Typen anzuzeigen oder sich wenigstens sofort von dem Mann zu trennen. Da ich damals noch gar nicht gelebt habe, kann ich aber schlecht mitreden. Fakt ist, dass die Mutter versucht hat, den sexuellen Missbrauch zu unterbinden. Den Vater beispielsweise nicht mehr mit dem Kind alleine gelassen hat. Allerdings gelang diese Trennung natürlich nicht immer. Fakt ist auch, dass der Vater seinen Sohn nicht mehr sexuell missbraucht hat, seit er drei Jahre war. Dennoch kam es teilweise zu skurrilen Situationen, beispielsweise sei das siebenjährige Kind mal mit dem Vater und einem Schulfreund im Schrebergarten gewesen. Die beiden Kinder hatten hinter der Gartenlaube gespielt, während der Vater im vorderen Bereich des Gartens, für die Kinder nicht sichtbar, umgegraben hatte. Die beiden Kinder entschieden sich, sich nackt auszuziehen und auszufechten, wer weiter im Strahl pinkeln könnte. Ohne die Vorgeschichte würde ich sagen: Völlig normal. Sowas probieren Kinder aus. Sowas muss natürlich nicht sein, und ich würde sowas auch nicht toll finden, aber eben auch nicht dramatisch.

Nur kam in dem Moment die Mutter auf dem Fahrrad angefahren, hatte Kaffee und Kuchen mitgebracht und sah die beiden Kinder nackt hinter der Gartenlaube. „Ich habe mich über Jahre gefragt, warum mein Vater von meiner Mutter solchen Stress bekommen hat. Warum er zu uns kam und mehrmals in Gegenwart der Mutter bestätigt haben wollte, dass er uns nicht aufgefordert hatte, uns auszuziehen. Wir waren mit der Situation völlig überfordert: Wir wussten, dass das nicht okay war. Wir wussten, dass es Ärger geben würde, wenn man uns erwischt. Aber wir wollten auch wissen, wer weiter pissen kann. Und wir waren total verwirrt, dass wir keinen Ärger bekamen, sondern dass stattdessen der Vater den Stress bekam, obwohl er überhaupt nichts damit zu tun hatte. Und das Wichtigste nur unsere Aussage war, dass wir das heimlich ohne das Wissen des Vaters gemacht hatten. ‚Der hätte das doch bestimmt verboten‘, hatte mein Freund damals zur Überzeugung der Mutter gesagt.“

Als er fünf Jahre alt war, habe es eine Situation im Schwimmbad gegeben. Die Familie war verreist, habe am Urlaubsort ein Hallenbad aufgesucht. Natürlich sei das Kind in die Herrendusche gegangen, wie eben auch der Vater. Es sei absolut nichts gewesen, außer dass der Vater sich mit Duschgel nackt unter der Dusche abgeseift hätte, wie sich das halt gehört, bevor man schwimmen geht. Und der Sohn, fünf Duschplätze weiter, habe es nachgemacht. Und hinterher der Mama im Wasser stolz erzählt, dass er seinen Pipimann gründlich eingeseift habe. Andere Badegäste hätten gelacht, die Mutter sei böse geworden und habe ihn ausgefragt, ob der Vater das von ihm verlangt habe. Und so weiter.

Später, als dem Vater klar sein musste, dass der Sohn sexuelle Übergriffigkeit als solche erkennen könnte, hat er den Sohn stattdessen verprügelt und dadurch seine Übermacht bestätigt bekommen. Es gab immer einen Anlass, den auch immer der Sohn geliefert hatte, der den Vater ausrasten ließ. Anschließend vermöbelte er ihn. Vor allem außerhalb der Wohnung, im Auto, auf dem Rückweg vom Einkaufen oder ähnliches. Es war immer so gestaltet, dass er Angst hatte, das seiner Mutter zu erzählen. Wenn, dann erzählte der Vater plötzlich ganz andere Geschichten, um sich zu rechtfertigen. Wir wissen ja inzwischen, dass die nahezu absolute Mehrheit jener Menschen, die sexuell auf Kinder übergriffig ist, das nicht macht, weil sie mit dem Kind schmusen und dabei ungewollt sexuell stimuliert werden, sondern weil sie Macht ausüben wollen. Einfach nur Macht. Und jemanden ungewollt eine sexuelle Handlung aufzudrücken, zeigt nunmal Macht. Jemanden verdreschen natürlich auch.

Mit vierzehn Jahren sei er fast ein Jahr lang in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden. Wegen Verhaltensauffälligkeiten. Die -wen wundert es- mit der Pubertät begannen und alle einen sexuellen Kontext hatten. Beispielsweise habe er beim Schwimmunterricht die Mädchen in der Mädchendusche besucht und vor deren Augen blank gezogen oder auf einer Klassenfahrt heimlich Seiten aus Pornoheften in deren Betten verteilt. Und jetzt kommt es: In den ersten zwei Monaten der stationären Behandlung gab es nur Einzelgespräche. Psychologe mit Kind. Man redete über Probleme, die es zu Hause gab, darüber, dass der Vater auch mal prügelte – aber von dem sexuellen Missbrauch als Kleinkind wusste der Sohn noch immer nichts. Dann gab es Gespräche der Mutter mit dem Psychologen. In den folgenden Einzelgesprächen mit dem Kind habe der Psychologe immer wieder Fragen gestellt, in denen es um die frühe Kindheit und die Beziehung zum Vater ging. Beispielsweise, ob er zusammen mit dem Vater in der Badewanne war. Was man gemacht habe. „Wellen“, habe er da geantwortet. Also mit dem Körper auf dem Badewannenboden so lange hin- und hergerutscht, bis das Wasser oben überschwappte. Kurzum: Der Sohn habe nie an eine Übergriffigkeit des Vaters gedacht. Und die anschließenden Monate hat man in der Psychotherapie auch nie darüber gesprochen. Stattdessen stand im Abschlussbericht: „Es wurde versucht, die belastenden Lebensumstände zu eruieren.“ – Oder auf Deutsch: Außer Spesen nix gewesen.

Es ist wohl klar, dass ein Kind in seiner Naivität nicht immer von sich aus weiß, was richtig ist. Ich wäre auch mit 10 Jahren am Strand am liebsten nackt herumgelaufen. Weil ich nasse, auf der Haut klebende Badeanzüge doof fand. Damals wusste ich auch nicht, warum mich jemand anschauen sollte. Oder warum jemand Fotos von mir machen sollte, die er später ins Internet stellt und mit erniedrigenden Kommentaren überzieht. Ich will damit sagen: Ein Kind kann begreifen, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn es vergleichen kann. Wenn es mal Geheimnisse gab, die doof waren, dann versteht ein Kind, was schlechte Geheimnisse sind. Aber woher soll ein Kleinkind wissen, was zum Wickeln üblicherweise dazugehört und was nicht? Und entsprechend speichert das Kind das auch nicht als „unüblich“ ab.

Als er später Dinge als falsch bemerkte, wusste er nicht, wie er sich gegen die Übermacht des Vaters wehren sollte. Zum Beispiel beobachtete er fast jeden Abend, dass die jüngere Schwester sich beim Vater, der auf dem Sofa saß und Fußball schaute, quer über die Beine legte und sich am Rücken kraulen ließ. Völlig normal, würde ich sagen. Macht Helena auch, wobei sie sich noch lieber am Kopf kraulen lässt als am Rücken. Der Vater bekam regelmäßig eine Erektion und hat das Kind rhythmisch gegen sein Becken gedrückt. Beim Kraulen. Nicht normal, sondern einfach nur widerlich.

Er erzählte, dass er noch nie mit einer Frau intim geworden ist. Ja, im Bett gelegen, geschmust, gefummelt, das war okay. Aber auch beim Masturbieren kann er sich dort nicht anfassen. Selbst beim Pinkeln fasst er sein bestes Stück nur durch den Stoff der Unterhose oder ähnliches an. Wenn er sich selbst oder eine Frau ihn berührt, dürfe sein Penis nicht nackt sein. Das habe die Partnerin, die sich kürzlich von ihm getrennt hat, natürlich nie verstanden. Er hat es ihr auch nie erklärt. Er habe noch nie zuvor mit jemandem darüber gesprochen. Sondern, wie gesagt, nur im Internet darüber geschrieben.

Jetzt, wo er wisse, was los ist, gebe plötzlich alles einen Sinn. Wie Puzzleteile, die sich zusammenfügen. „Ich hoffe, du siehst mich nicht als Versager.“ – „Als Versager?“, fragte ich entsetzt. Und fragte: „Mich würde interessieren, ob du heute Sexualität genießen kannst. Oder ob das für dich, entweder seit jeher oder seit jetzt, wo du um die Dinge weißt, etwas Belastendes ist. Ich stelle mir gerade vor, wie sich hormonelle Gegebenheiten auf der einen Seite und ein innerer Konflikt auf der anderen Seite duellieren.“ – „Das ist unterschiedlich. Wenn ich völlig frei sein darf, hemmungslos, dann erlebe ich so schöne Gefühle, die ich nicht missen möchte. Sobald mich aber jemand unter Druck setzt oder mein Ding in die Hand nimmt, ist es vorbei. Und weil das zum Vorspiel gehört, kommt es nie zum eigentlichen Akt.“ – Ich sagte: „Vor allem, wenn deine Partnerin davon nichts weiß.“

Er schaute mich an und sagte: „Ja. Da hast du wohl nicht ganz Unrecht. Allerdings habe ich bei meiner letzten Partnerin erst später gemerkt, dass ich mich ihr nicht öffnen kann. Und warum ich das Problem überhaupt habe, weiß ich ja erst seit einigen Monaten.“ – „Vielleicht sind das aber auch die besten Voraussetzungen, dass es beim nächsten Mal jetzt besser laufen wird.“ – „Meinst du, ich habe noch eine Chance?“ – Sicher hat er die. Und ich habe ihm eine Psychotherapie empfohlen. Nicht nur, weil ich auf die ganzen Fragen, die jetzt in seinem Kopf sind, keine Antworten habe. Sondern weil ich dafür einfach nicht kompetent bin. Zuhören, ja. In den Arm nehmen, unbedingt. Er darf auch nach wie vor bei mir pennen. Auch in meinem Bett. Aber sein Problem kann er nur selbst lösen und vermutlich auch nur mit professioneller Hilfe. Nach immerhin fast 40 Jahren Irrfahrt sehe ich Land. In weiter Ferne.

Reitstunden

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Vor etwa vier Monaten bekam ich eine E-Mail, ob jemand Helena damit eine Freude machen würde, wenn er ihr Reitstunden bezahlt. Auch wenn das mit Sicherheit lieb gemeint ist, es fehlt hier nicht an Geld. Und ich möchte keine persönlichen Bindungen zu Menschen, die mich nur über meinen Blog kennen. Umso erschrockener war ich, als ich in der letzten Woche 250 Euro auf meinem Girokonto gutgeschrieben bekam. Von einer mir unbekannten männlichen Person. Verwendungszweck: „Mein Anteil an der Reitbeteiligung.“

Kann sich jemand vorstellen, dass mir beinahe mein Handy aus der Hand gefallen wäre, als mir die Handy-App diesen Zahlungseingang vermeldete und ich den sofort mit dieser E-Mail verknüpfte? Ich habe wirklich einen Moment lang überlegt, wie das sein kann. Meine private Kontonummer sollte eigentlich niemand kennen. Dann habe ich versucht, herauszubekommen, wer das ist. Habe den Namen in eine Suchmaschine eingegeben und bekam eine große Anwaltskanzlei in Hamburg ausgespuckt. Merkwürdig.

Ich suchte die alte E-Mail noch einmal heraus und stellte fest, dass das ein ganz anderer Name war. Gut, das muss nichts heißen, aber in der Mail wurde ein süddeutscher Ort erwähnt und eine Abfrage der IP-Adresse ermittelte einen Einwahlknoten in genau dem Ort, den derjenige auch in der Mail genannt hatte. Also rief ich diese Anwaltskanzlei an. Klären musste ich das ja so oder so. Als ich schilderte, dass ich Geld für Reitbeteiligung auf meinem Konto gutgeschrieben bekam, sagte die Mitarbeiterin: „Das ist etwas Privates. Ich stelle Sie mal durch.“

Ende vom Lied: Papa lebt in Scheidung, ist verplant, hat seiner Tochter versprochen, sich mit 250 Euro an ihren Reitstunden zu beteiligen, hatte keine IBAN, sondern nur Bank und Kontonummer – und dann ist wohl im IBAN-Rechner irgendwas verkehrt gelaufen. Die Namen der Kontoinhaber werden heute wohl nicht mehr abgeglichen, und so hatte ich Geld auf meinem Girokonto, das überhaupt nicht für mich bestimmt war. „Wenn Sie mir 240 Euro zurücküberweisen, wäre ich Ihnen dankbar. 10 Euro Bearbeitungsgebühr dürfen Sie einbehalten. Danke, dass Sie sich gemeldet haben.“

Elternabend

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Ich war kürzlich beim Elternabend. Ich hätte nicht vermutet, dass ich so schnell einmal selbst zum Elternabend gehen würde. Der letzte fiel krankheitsbedingt komplett aus, zum allerersten dieses Schuljahres war Marie dort, da waren allerdings nur fünf weitere Personen vor Ort. Dieses Mal musste Marie arbeiten, also war ich vor Ort. Helena war spürbar verunsichert an dem Nachmittag davor, ich fragte sie noch, ob wir vorher noch über irgendwas reden wollen, aber sie sagte: „Das Schwierige ist, dass ich nie so genau weiß, ob ich alles richtig gemacht habe.“

Ich erklärte ihr dann nochmal, dass sie nicht alles richtig machen muss. Sondern dass sie ein gutes Gewissen und ein gutes Gefühl mit dem haben sollte, was sie tut. Und falls das einmal nicht so ist, sollte sie darüber sprechen und bereit sein, für die Zukunft etwas daran zu ändern. Sie sagte: „Aber manchmal denke ich, es ist alles gut, und dann kommt ganz plötzlich irgendwas auf mich zu, was doch nicht so gut war.“ – „Dass immer alles gut ist, kann dir niemand garantieren. Aber wichtig ist, und das sage ich gerne nochmal, dass du mit dem, was du tust, ein gutes Gefühl hast. Vertraue auf deinen Bauch, höre auf dein Herz, schalte deinen Verstand ein und sei offen für Kritik.“

Der Elternabend selbst war inhaltlich überschaubar. Es steht noch eine Klassenfahrt an. Fünf Tage wollen sie nach Bayern. Ein männliches Elternteil fragte tatsächlich, ob Helena nicht zur Klassenfahrt ihren Rollstuhl zu Hause lassen könnte, weil das doch die Möglichkeiten aller sehr einschränke. Ich musste darauf aber gar nicht reagieren, vor mir platzten schon drei anderen Müttern die Krägen. „Das ist doch nicht Ihr Ernst“, „Habe ich das wirklich gerade gehört?“ und irgendwas mit „Problem erkannt“ riefen sie durcheinander. Der Vater legte noch einmal nach: „Bevor sich alle so aufregen, möchte ich noch die Information liefern, dass das Kind zeitweilig auch ohne Rollstuhl zurecht kommt und damit offensichtlich steuern kann, wann es ihn braucht und wann nicht. Es wäre also für alle anderen 22 Schüler von Vorteil, wenn das eine Kind den während der Klassenfahrt mal nicht bräuchte und im Gegenzug alle 23 Kinder auf Berge klettern, Sommerrodelbahnen herabbrausen, ins Schwimmbad gehen und Sessellift fahren können, statt langweilige Museen anzuschauen und Abende in der Oper zu verbringen.“

Eine der beiden Lehrerinnen meldete sich zu Wort: „Ich bin entsetzt, einen solchen inakzeptablen Vorschlag unterbreitet zu bekommen. Noch dazu in Gegenwart der Pflegemutter, die auch noch selbst im Rollstuhl sitzt.“ – Nun lenkte er vom Thema ab: „Soweit ich weiß, gibt es doch zwei Pflegemütter. Und wenn ich mich richtig erinnere, saß die andere doch auch im Rollstuhl.“ – Ich konnte mich nicht mehr zurück halten und sagte: „Na, das ist ja ein Ding.“ – „Finden Sie auch, oder? Aber ich sage ja gar nichts, jede Zeit bringt ihre Veränderungen, und heute dürfen eben auch zwei Frauen zusammenleben und eigene Kinder haben.“

Okay. Er ist doof und will provozieren. Also lass ich das unkommentiert. Erschreckend finde ich, was solche Haltung der Eltern bei den Kindern auslöst. Oder anders: Kein Wunder, wenn Kinder mobben, wenn die Eltern ihnen eine derartige Intoleranz vorleben. Weil ich nicht antwortete, ergriff ein anderer Vater das Wort. Er sagte: „Selbst meine Eltern hatten noch was gegen Homosexualität. Sie haben die Musik von Elton John gerne gehört, bis sie herausgefunden haben, dass er homosexuell ist. Dann mochten sie ihn nicht mehr, weil er angeblich seine Songs mit schwuler Feder geschrieben hatte. Als meine Eltern so redeten, war mir klar, dass ich eine andere Generation bin. Aber dass Sie jetzt solche Ansichten vertreten, kann ich nicht verstehen. Ich habe nichts gegen Homosexualität und ich finde es toll, dass die beiden Frauen trotz ihrer Behinderung ein Kind aufgenommen haben, das offenbar selbst eine Behinderung hat. Darf ich fragen, wie lange Sie ein Paar sind?“

Ich sagte: „Wir sind seit Jahren sehr eng befreundet. Aber wir haben keine Beziehung miteinander.“ – Darauf fängt doch der Vater, der gerne 23 Kinder beim Bergsteigen hätte, zu lachen an und sagt: „Also die Lüge ist ja inzwischen auch ein legitimes Mittel, sich zu verteidigen.“

Was soll ich darauf erwidern? Die Lehrerin fährt mit ihrem Gesprächsprogramm fort, der Vater grinst sich einen und geht zwischenzeitlich drei oder vier Mal mit dem klingelnden Handy vor die Tür … ich habe selten zuvor jemanden so unsympathisch gefunden.

Am Ende sagte die Lehrerin, dass das Programm, das für die Klassenfahrt geplant sei, mit der Klasse und auch mit Helena besprochen worden sei und Helena offenbar sehr genau wisse, was sie könne und was nicht. Allerdings habe die Lehrerin Bedenken wegen des Diabetes und wünsche sich, dass eine Begleitperson, zum Beispiel Marie oder ich, mitfahren würden. Ich habe allerdings gesagt, dass ich davon ausgehe, dass sie die Woche ohne Hilfe auskommen wird und ich jederzeit bei Problemen erreichbar bin. Wir haben, seit die neue Pumpe da ist und seit sich das einigermaßen eingespielt hat, keine einzige Situation mehr gehabt, in der Marie oder ich irgendetwas unternehmen mussten. Wenn was zu unternehmen war, hat Helena das selbständig und richtig entschieden. Zwar meistens in Abstimmung mit Marie oder mir, aber es gab keine Situation, die Helena, wenn sie auf sich gestellt ist, nicht alleine bewältigt hätte. Von daher möchte ich eigentlich ganz bewusst darauf verzichten, sie zu begleiten.

Spannend fand ich dann noch, dass offenbar vor rund drei Wochen eine Gruppe aus vier oder fünf Schülern ein Video herausgebracht haben soll, in dem es um das Körpergewicht eines wohl übergewichtigen Schülers gehen soll. Es soll damit begonnen haben, dass die Mutter bei der Geburt gestorben sei, weil das Kind zu fett war. Die Eltern dieser Schüler seien mit der Schule im Gespräch, man wolle aber nunmehr alle informieren. Helena hat mir davon gar nichts erzählt. Wie sich später herausstellte, wusste sie davon gar nichts. Vielleicht müssen Marie und ich das positiv sehen, weil sie offenbar nicht mit den falschen Leuten zusammen war. Mich erschreckt aber einmal mehr, welche Übergriffigkeit unter den Jugendlichen stattfindet und scheinbar an der Tagesordnung ist.

Trampolin

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Helenas Krankenkasse ist halbwegs zur Vernunft gekommen und will ihre Insulinpumpe nun doch vollständig übernehmen. Also zumindest den verordnungsfähigen Teil des Systems. Die Zuzahlung, die anfallen sollte, weil die Insulinpumpe angeblich einen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens ersetzen soll, soll entfallen. Die Krankenkasse hat den Bescheid trotz angezeigter Vertretung nicht an den Anwalt geschickt, sondern direkt an (die minderjährige) Helena. Die Kohle werde auch nicht an uns überwiesen, die ja die Rechnung bereits bezahlt haben, sondern an die Firma, die uns die Pumpe verkauft hat. Es steht ein Satz im Bescheid: „Bitte setzen Sie sich zwecks Abrechnung Ihrer Vorleistung direkt mit dem Leistungserbringer in Verbindung.“

Auch zum beantragten Handbike (Vorspannbike) haben sie sich gemeldet. Auch bei Helena direkt. Helena möge eine Bescheinigung ihrer Schule einreichen, dass das Therapiefahrrad (!) für den Schulunterricht benötigt werde. Außerdem werde eine Stellungnahme des Haus- oder Facharztes benötigt, warum neben dem Rollstuhl auch noch ein Therapiefahrrad benötigt wird. What?! Auch gleich zum Anwalt. Sowas kann ich wirklich nicht leiden. Es ist mir einfach zu dämlich.

Susi und Otto haben Helena zum 13. Geburtstag ein Gartentrampolin geschenkt. Sie wusste davon noch nichts, hatte damals einen Gutschein für eine Überraschung im Sommer bekommen und den an ihre Pinnwand gehängt. Am Freitag hatte Otto Zeit, das Ding aufzustellen. Damit Helena nicht so hoch klettern muss, und damit es so unauffällig wie möglich bleibt, haben wir uns für eins entschieden, das man in den Boden eingräbt. Das Sicherheitsnetz, das verhindert, dass jemand nach falschem Abspringen außerhalb des Trampolins auf dem harten Rasen landet, kann beispielsweise im Winter abgebaut werden. Da Susi und Otto nicht für halbe Sachen zu haben sind, hat es rund vier Meter Durchmesser. Weil bei uns noch keine hohen Bäume wachsen, war das Eingraben zwar schweißtreibend, aber keine übermäßige Herausforderung.

Als Helena von der Schule nach Hause kam, freute sie sich, Otto zu sehen, wusste aber nicht, dass er ihretwegen bei uns war. Otto hatte die Rolläden zum Garten halb herunter gelassen. Angeblich wegen der zu grellen Sonne. Helena fragte nicht nach, sondern stürzte sich auf die Spaghetti. Als wir fertig waren mit Essen, ließ ich die Rolläden wieder nach oben. Der Blick war frei auf das Trampolin am Ende des Gartens. Es dauerte fünf Minuten, bevor Helena fragte: „Was ist das für ein komisches Netz dahinten? Ist das bei uns oder nebenan?“ – „Marie und Jule haben sich eine neue Kompost-Anlage gekauft, wo im Herbst das ganze Laub reinkommt“, blödelte Otto, ohne eine Miene zu verziehen. Helena glaubte ihm das erstmal und antwortete: „Und warum stellen wir die jetzt dorthin und nicht im Herbst?“ – Ich sagte: „Geh mal hin und guck dir das Ding mal genau an.“

Jetzt ahnte sie was und flitzte los. Ging einmal drum herum, musterte alles genau, testete ganz vorsichtig mit der Hand, wie hart oder weich die Sprungfläche ist, kam wieder zurück und fragte: „Darf ich es ausprobieren?“ – „Wenn du möchtest, darfst du den Geburtstags-Gutschein einlösen. Dann gehört es dir, Helena“, antwortete Otto. Sie guckte ihn erst drei Sekunden mit ungläubigem Blick an, dann sprang sie ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss. Dann fragte sie mich: „Darf ich?“ – Ich sagte: „Ja, na los!“ – „Ich zieh mir schnell was anderes an, okay? Jeans ist nicht so gut dafür. Und ich brauche warme Socken, weil ich ja meine Schuhe ausziehen muss.“

Fünf Minuten später saßen Marie und ich mit Otto auf unserer Terrasse in der Sonne, während Helena ihr neues Trampolin erkundete. Wir waren zwar in Sichtweite, aber ich finde es gut, wenn sie das alleine ausprobiert. Wenn sie etwas will, kann sie ja sehr geduldig und zäh sein. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis sie zum ersten Mal aufrecht auf diesem nachgebenden Boden stand und versuchte, ein wenig hochzuspringen. Vorher ist sie mindestens dreißig Mal wieder umgefallen. Immer wieder drehte sie sich auf die Seite, ging in den Vierfüßlerstand, Oberkörper hoch, hinstellen. Das Hinstellen war das Schwierigste. Aber irgendwann stand sie, wippte vorsichtig vor und zurück, sprang etwas hoch und lag wieder lang. Ottos Blick war voller Fragezeichen: „Vielleicht wäre ein Bungee-Trampolin besser gewesen?“ – Marie antwortete: „Wir stellen uns hier doch keinen zehn Meter hohen Blitzableiter in den Garten. Warte mal ab. Sie wird das schaffen wollen, und alles, was dann kommt, ist gut für ihre Koordination.“

Zehn Minuten später kletterte sie vom Trampolin herunter. Und hatte große Probleme, auf dem festen Boden zu stehen. Ohne Orthesen sowieso, nach dem wackeligen Trampolin noch mehr. Ich sah sie schon fliegen, aber es ging doch gut. „Das ist ganz schön anstrengend. Aber ich schaffe das. Ich muss nur üben. Darf ich Kiara fragen, ob sie zu mir kommt?“

Keine halbe Stunde später war Kiara da. Die beiden flitzten gemeinsam zum Trampolin. Kiara nahm Helena an beiden Händen und fing an, mit ihr gemeinsam zu üben. Jetzt, wo Helena einigermaßen Stabilität hatte, gelang es ihr auch, die Balance zu halten. Fünf, sechs Sprünge, dann war erstmal wieder Schluss. Helena und Kiara kamen zur Terrasse. Helena sagte: „Das geht so viel besser, aber erstmal gibt es noch ein neues Problem. BB. Nicht ‚Big Brother‘, sondern ‚Bouncing Bladder‘.“ – Kiara fragte: „Was ist Bouncing Bladder?“ – Helena antwortete: „Meine Spasti-Blase ist so undicht wie die von Oma nach der zehnten Geburt. Deswegen steigen Omas ja auch nie auf Trampoline.“

Trotz der eher coolen Reaktion guckte Helena mich nahezu ängstlich an. Leider ist es wegen des hohen Muskeltonus oft so, dass Menschen mit Cerebralparese auch Schwierigkeiten mit ihrer Blase haben. Der Effekt verstärkt sich natürlich, wenn man auf einem Trampolin auf und ab springt. „Ist okay, Helena. Geh aufs Klo, zieh dir ne frische Hose an und vielleicht ziehst du dir zur Sicherheit noch was drunter.“ – Helena schluckte deutlich sichtbar einen Kloß hinunter. Das neue Trampolin war aber so spannend, dass sie kurz danach wiederkam und dann weiter mit Kiara übte. Kiara war sehr geduldig mit Helena und nach einer weiteren halben Stunde klappte es bereits sehr gut. Beide hielten sich nach wie vor an den Händen, probierten aber jetzt schon, nicht gleichzeitig zu springen, sondern abwechselnd. Auch das klappte. Sie hatten ein Handy daneben gelegt, auf dem Musik lief, und waren seit einer Stunde ununterbrochen am Quatschen und Lachen. Otto wurde zunehmend entspannter und schickte erstmal ein Kurzvideo an Susi.

„Ich werde morgen so einen fiesen Muskelkater haben“, sagte Helena, als ich sie abend rein holte. „Meine Knie zittern, meine Arme tun weh, aber es war toll.“ – Die beiden entschieden spontan, dass Kiara bei Helena übernachten sollte. Uns war es recht, Kiaras Mama auch. Beide gingen duschen, Kiara bekam anschließend Short & Shirt von Helena, eine Zahnbürste von mir, ich bezog noch ein weiteres Kopfkissen und nach dem Abendessen verschwanden sie in Helenas Zimmer. Als ich um neun einmal nach Helenas Zucker schauen wollte, immerhin hatte sie heute ungewöhnlich viel Sport, leuchtete eine Nachttischlampe, eine Bluetooth-Box spielte irgendeine Playlist ab und zwei Teenys lagen völlig fertig im Bett, hatten alle Viere von sich gestreckt und schnarchten um die Wette. Ich deckte Kiara richtig zu, las Helenas Blutzucker ab, stellte das Gedudel und das Licht aus und rollte wieder nach draußen.

„Pennen beide tief und fest“, sagte ich zu Marie. Sie hatte zwischenzeitlich den Kamin zum Brennen gebracht. Otto blieb noch eine gute Stunde, dann fuhr er zurück zu seiner Susi. Kaum waren Marie und ich alleine, kam Kiara aus dem Bett. „Kann mal bitte jemand nach Helena schauen? Sie atmet so komisch und zuckt.“ – Oh nee. Ich setzte mich vom Sofa in den Rolli, flitzte in ihr Zimmer. Marie kam hinterher. Die Nachttischlampe leuchtete. Helena schwitzte, atmete relativ schnell, murmelte irgendwas. Bewegte hin und wieder den Kopf hin und her, zuckte immer mal wieder mit einer Hand. Die Augenlider waren zwar geschlossen, aber man konnte eine ausgeprägte Bewegung der Augen erkennen. „Sie träumt nur“, sagte ich. Ich setzte mich zu ihr auf das Bett, legte einen Arm um ihren Oberkörper, streichelte ihr mit der anderen Hand durch das Gesicht. „Hey, Helena! Alles okay? Helena?“

Im gleichen Moment fuhr sie hoch: „Waswaswas?“ – Als sie mich erkannte, ließ sie sich wieder auf das Kissen fallen, seufzte und sagte: „Ich hab voll den Mist geträumt. [Der frühere Pflegevater] wollte mich zurück holen und wollte mich mit Süßigkeiten locken. Und ich wusste die ganze Zeit, dass ich in Gefahr bin, aber ich durfte mir nicht anmerken lassen, dass ich den Süßigkeiten-Trick durchschaut hatte. Ich wollte abhauen, aber aus irgendeinem Grund ging das immer nicht.“ – „Du bist bei uns und niemand holt dich zurück. Atme mal tief durch und drücke mal meine Hand ganz fest. Das war nur ein böser Traum. Lass uns mal bitte einmal nach deinem Zucker gucken.“ – Der war aber normal. Kiara legte sich wieder zu Helena ins Bett und sagte: „Wenn ich schlecht träume, mache ich erstmal Licht an und dann gucke ich erstmal einen Moment Fernsehen, damit mein Gehirn etwas anderes verarbeitet und den Traum vergisst. Wir könnten vielleicht noch einen Augenblick quatschen. Und nochmal über das Trampolin reden oder so.“ – Gute Idee.