Schnucki und Blondi

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Seit zwei Wochen habe ich einen neuen Arbeitsplatz. Mal wieder. Ich hoffe, dass das Vertrauensverhältnis zwischen mir und meinem neuen neuen Arbeitgeber dieses Mal länger hält. Ansonsten schrecke ich aber auch nicht davor zurück, noch ein weiteres Mal zu wechseln. Hauptgrund meiner Kündigung war, dass die bisherige Klinikleitung aus meiner Sicht nicht genug gegen einen übergriffigen Kollegen unternommen hat. Genau, jener, der gerne BHs öffnet und über Orgasmus-Faces philosophiert.

Aufgrund der Beschwerden von verschiedenen Kolleginnen und mir ist er wohl zu Jahresbeginn abgemahnt worden. Wobei ich das nicht genau weiß, sondern nur vermute. Nahezu unbeeindruckt hat er trotzdem sein Verhalten unverändert fortgesetzt. Auf meine weitere Beschwerde meinte der Chefarzt dann: „Irgendwann muss mit dem Thema aber jetzt auch mal gut sein, wir haben ja schließlich auch noch unsere Arbeit.“ – Klassischer Fall von Projektion: Das Opfer ist schuld, sobald es die Übergriffigkeit kommuniziert.

Eine Kollegin hat lange, blonde Locken. Sie hat er immer quer über den Flur „Blondi“ gerufen, wenn er was von ihr wollte, und sie gefragt, ob sich die Haare in ihrem Schlüpfer auch so locken würden – oder ob die ab seien. Davon mal abgesehen, dass ihre Zweitfrisur niemanden etwas angeht, wird es kein Zufall sein, dass er ihr ausgerechnet den Namen von Adolfs Schäferhündin gegeben hat. Von mir wollte er wissen, ob ich mittags blutiges Steak hatte oder ob meine Regelblutung wieder so aus dem Ruder läuft. Man würde das über den halben Gang riechen. Ich habe auf diese Sprüche regelmäßig nur noch mit „Halt die Fresse“ reagiert und mich dann gefragt, ob ich das noch länger möchte.

Im Personalgespräch wurde ich natürlich gefragt, warum ich wechseln möchte. Ich habe es offen angesprochen, die beiden Menschen, die mir gegenüber saßen, fragten, ob ich vor dem Problem weggelaufen sei. Meine Antwort war dieses Mal nicht, dass ich nicht laufen könne, sondern dass ich das Problem der richtigen Stelle zugeführt habe, diese aber aus meiner Sicht ihre Mittel nicht ausgeschöpft habe. Das hat ihnen ganz plötzlich gereicht. „Sie können hier anfangen“, war der nächste Satz. Ohne weiteren Kommentar. Wieder Pädiatrie, ein weiterer Anlauf auf dem Weg zum Facharzt. Bis jetzt gefällt es mir sehr gut, sehr viel besseres Team, sehr viel besseres Arbeitsklima. Auch wenn dort ebenso Personal knapp ist und insbesondere Pflegekräfte fehlen.

Marie hat inzwischen auch einen Job, hat das gleiche Ziel wie ich, ist allerdings für ein Jahr in einer Kinder-Reha-Einrichtung und ist erstmal krankgeschrieben. Das ging gleich am ersten Tag los, dass sie sich matschig fühlte. Sie fror, wollte in die Badewanne, und kaum lag sie drin, rief sie nach mir. Zum Glück habe ich das gehört. Ich rollte hin und fragte: „Na, was ist los? Quietsche-Ente vergessen?“ – Ihr Gesicht war kreidebleich. Wie eine Wand. Ich bekam eine Ein-Wort-Antwort: „Kreislauf.“

Ich tauchte meine Hand ins Wasser. Nein, zu warm war es auf keinen Fall. Ich öffnete den Abfluss und schloss den Wasserhahn. Sie guckte mich mit ängstlichem Blick an und hielt sich krampfhaft im Badewannenrand fest. „Ich glaub, ich muss spucken. Es dreht sich alles.“ – Ich rollte neben sie, beugte mich zu ihr und hielt ihren Kopf fest. Sie spuckte nicht. Stattdessen entleerte sich etwas anderes. In Mengen. „Oh pfui“, sagte Marie. Ich antwortete: „Bleib ruhig. Ich dusch dich gleich ab. Wichtiger ist erstmal, dass dein Kreislauf nicht noch weiter in den Keller geht. Kannst du dich mal eben so festhalten, dass ich deine Beine auf den Rand legen kann?“ – Füße hoch. Das eklige Wasser lief zum Glück zügig ab. Irgendwann konnte ich ihr ein Handtuch unter den Kopf legen, so dass der Kopf tief lag. Nach drei, vier Minuten wurde es langsam besser.

Nach fünfzehn Minuten hatte ich sie endlich in ihrem Bett. Unten Pampers, oben Spuck-Eimer, nochmal Füße hoch. Sie fror und zitterte. Blutdruck 80 zu irgendwas. Kenne ich so gar nicht von ihr. Nach zehn Minuten ging der Blutdruck wieder hoch, als wäre nichts gewesen. Der Pflege-Aufwand war immens, der Zellstoffverbrauch und damit der Flüssigkeitsverlust auch. Ich will das nicht weiter ausschmücken. Vom Trinken wurde ihr übel, irgendwann habe ich ihr dann einen Zugang gelegt und ihr über den Flüssigkeit gegeben. „Wehe, du triffst die Vene nicht im ersten Anlauf“, setzte sie mich unter Druck. Ganz schlecht konnte es ihr also nicht gehen. Ich antwortete: „Noch so ein Spruch und ich nehm das Schienbein.“ – Inzwischen telefonierte sie mit ihrer Mama und redete vom „Moorbad“ und „größten anzunehmenden Unfällen in Tüten und Papier“.

Maries Mama hatte sich nach Feierabend ins Auto gesetzt und war zu uns gekommen. Wie ich das bei mir schon kenne, zeigte sich ihr Darm von Loperamid völlig unbeeindruckt, von Codein ebenfalls, so dass wir nach dem gefühlt zehnten völlig dünnflüssigen Stuhl auf Opiumtinktur zurückgriffen. Der massive Flüssigkeitsverlust ist ja irgendwann das größte Problem. Und was genau das ausgelöst hat, wissen wir bis heute, trotz Laboruntersuchung, nicht. Aber inzwischen geht es ihr wieder besser. Und ich habe mich zum Glück nicht angesteckt, falls es ansteckend gewesen sein sollte.

Das zweite Drama, allerdings wesentlich kleiner, wurde kurz nach der Ankunft von Maries Mama von ihrer Freundin nach Hause gebracht. Ich hatte eigentlich gerade mit Marie genug zu tun, aber Helena ging es auch nicht gut. Sie guckte mich an und ihr Blick war eine Mischung aus „ich habe was angestellt“, „ich möchte feste in den Arm genommen und nie wieder losgelassen werden“ und „bitte nicht schimpfen, ich weiß schon so, dass es blöd war“. Sie war mit ihrer besten Freundin und zwei anderen Mädchen reiten, das war so auch verabredet, sie haben auch das Gelände des Reitstalls verlassen und sind über ein paar Reitwege zum Meer geritten und wieder zurück, das war auch erlaubt. Leider sind bei Menschen mit Zerebralparese in den meisten Fällen ebenfalls Blase und Darm irgendwie betroffen, meistens nicht so ultimativ wie bei Querschnittlähmungen, aber häufig ist irgendwas nicht ganz in Ordnung. Meistens gibt es Verstopfung, das hat Helena zum Glück nicht, und meistens drückt die Blase eher plötzlich und aufdringlich.

Sie bekommt das normalerweise sehr gut hin, aber -lange Rede, kurzer Sinn- an diesem Tag nicht so richtig. Als wäre das nicht schon anstrengend genug, hat noch dieselbe Frau, die Helena auch schon abriet, ihre Psychotherapie vor den Ohren anderer zu erwähnen, ihren nassen Po gesehen und ein Fass aufgemacht, weil man angeblich Reithosen nicht waschen dürfe, die ja noch sehr neu aussehe und die Mama nun stinkesauer sein würde. Das kam wohl so überzeugend rüber, dass Helenas beste Freundin sie nach Hause brachte, um die Verantwortung für Helenas nasse Hose zu übernehmen. Sie meinte, sie habe Helena ein paar Mal motiviert, weiterzureiten und nicht in die Büsche zu gehen, weil sie dachte, sie würden es noch bis zum Stall schaffen.

„Macht euch doch nicht so verrückt deswegen. Die Hose tun wir in die Waschmaschine und dann kann sie auf der Leine trocknen.“ – „Die Frau hat gesagt, dann geht das Leder kaputt und wird steinhart.“ – „Nein, Helena, das stimmt nicht. Ich habe meine Hosen auch schon gewaschen. Vielleicht hat die Frau welche mit echtem Lederbesatz. Die sind dann aber richtig teuer. Und selbst die kann man mit der Hand waschen. Wenn das wirklich hinterher hart ist, dann muss man das ein wenig einfetten und durchkneten. Mehr Sorgen würde ich mir um den Sattel machen, was habt ihr denn mit dem gemacht?“ – „Der hat nichts abbekommen. Das ist erst beim Absteigen passiert. Und dann wollte ich schnell zum Klo, das war besetzt, und dann wollte ich in eine Box, da kamen Leute, naja, und irgendwann war es dann völlig zu spät.“ – „Wie das immer so ist. Mach dir keinen Kopf, okay?“

„Darf [meine beste Freundin] heute bei mir schlafen? Ihre Mama hätte nichts dagegen, hat sie gesagt.“ – Es ist das erste Mal, dass eine Freundin bei Helena übernachtet. Maries Infekt machte das natürlich etwas schwieriger, aber ich wollte auch keine Spielverderberin sein. „Soll ich duschen oder in die Badewanne?“ – „Wie du möchtest.“ – „Dürfen wir auch zusammen in die Badewanne?“ – What? Ihre Freundin guckte abwechselnd Helena und mich an. Ich sagte: „Hast du sie überhaupt gefragt, ob sie das möchte?“ – „Sie möchte“, bestimmte Helena unbeeindruckt. Ihre Freundin nickte schüchtern. Helena flüsterte ihr ins Ohr: „Ich leihe dir einen Bikini von mir und dann lassen wir uns ein Schoko-Eis und ein kühles Malzbier bringen, okay?“

Ihre Freundin nickte eifrig. Ich tat so, als hätte ich das nicht gehört. Und musste schmunzeln. „Ach, und Jule?“, fragte Helena. Ich hob fragend meine Augenbrauen. „Es kann sein, dass es demnächst nochmal Ärger gibt.“ – „Habt ihr was angestellt?“ – „Nein, nein und nochmals nein“, sagte Helena. Ihre Freundin ergänzte: „Nee, echt nicht. Aber die Frau [jene oben schon erwähnte] will sich beschweren, weil wir auf dem Reitweg zu laut gesungen haben.“ – „Gesungen? Was habt ihr denn gesungen?“ – „Wir haben zu viert ‚Girls Like You‘ von Maroon 5 gesungen.“ – „Und was war daran so schlimm?“ – „Sie hat irgendwas erzählt von Besinnlichkeit im Wald“, sagte Helena.

Ich antwortete: „Ich kann mir kaum etwas Besinnlicheres vorstellen als vier hübsche Mädchen auf vier stolzen Pferden, die fröhlich singend einen sonnigen Waldweg entlang reiten.“ – „Findest du mich hübsch?“, fragte Helena. Ich antwortete: „Aber hallo!“ – Ihre Freundin fragte: „Mich auch?“ – „Ja, dich auch. Und mit der Dame werde ich demnächst mal ein paar Worte wechseln.“ – „Scheißt du sie zusammen?“ – „Was ist das denn für eine Ausdrucksweise?“ – „Ich wollte ‚ankacken‘ sagen, aber das fand ich irgendwie zu derb.“ – Helenas Freundin guckte Helena mit großen Augen an. Ich glaube nicht, dass sie sich das bei ihr zu Hause getraut hätte. Aber besser finde ich das auch nicht. Ich sagte: „Ich werde mit ihr sprechen, sie kennenlernen. Mehr nicht. Und du ziehst dir jetzt bitte die nasse Hose aus und fährst deine Kraftausdrücke ein wenig zurück!“

Schoko-Eis fand ich jetzt ein wenig unpassend. Also habe ich den beiden schnell einen Obstsalat geschnibbelt. Ein wenig Joghurt drunter gerührt. Als ich wieder aus dem Bad rollte und wieder in der Küche war, hörte ich Helenas Freundin fragen: „Warum klopft sie an?“ – Helena antwortete: „Sie klopft immer an. Auch bei mir am Zimmer.“ – „Meine Mutter platzt immer rein. Ich erschrecke mich immer voll, auch wenn ich gerade nichts gemacht habe, und dann denkt sie sofort, ich habe Geheimnisse.“ – „Das kenne ich. Meine vorige Pflegemutter ist auch immer einfach so reingekommen. Sogar, wenn ich auf Klo saß.“ – „Nee, das macht meine nicht. Ist es nicht blöd, wenn man keine richtige Mutter hat?“

Eigentlich wollte ich das Radio einschalten, weil ich nicht lauschen möchte. Aber die Versuchung, diese eine Antwort noch zu hören, war unbeherrschbar. Helena sagte: „Ich kenne meine Mutter nicht. Ich kenne nur Pflege-Eltern und Wohnheime. Und hier möchte ich nicht wieder weg.“ – Das reichte. Eigentlich wusste ich ja schon, dass sie sich bei uns wohl fühlt. Aber hin und wieder höre ich es gerne wieder.

Tägliches Leben

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Helena hat seit letzter Woche ihre Insulinpumpe. Bis jetzt sind wir super zufrieden. Wir haben uns für die neueste Generation entschieden, also ein schlauchloses System, bei dem ein Reservoir mit 2 ml Insulin gefüllt und zusammen mit der Pumpe auf die Haut geklebt wird. Die Pumpe ist etwa so groß wie eine Streichholzschachtel. Aus ihr sticht eine Nadel in die Haut und verbleibt dort für einen gewissen Zeitraum. Bei Helena reichen die 2 ml Insulin für etwa 5 Tage. Die kleinste Einzeldosis, die die Pumpe abgeben kann, ist ein halber Mikroliter Insulin. Also die Hälfte von einem Tausendstel Milliliter. Kurz gefasst: Ein hochpräzises Teil.

Dazu gibt es noch eine Steuereinheit, auf der die Software ist, die dann die Befehle zur Pumpe sendet. Diese muss im Umkreis von 10 Metern zur Pumpe sein. Diese empfängt wiederum Daten von einer Mess-Einheit, die ebenfalls auf die Haut geklebt wird und etwa so groß ist wie ein Brausebonbon. Diese piekst eine Sonde in die Haut und misst dort alle zwei Minuten den Blutzuckerwert, verfolgt ihn also live. Nach sieben Tagen muss die Sonde gewechselt werden. Der ganze Kram lässt sich dann auch noch über eine App verfolgen und steuern.

Nun muss man wissen, dass die Krankenkassen eine Insulinpumpe nur unter bestimmten Voraussetzungen bezahlen. Eine Pumpe ohne Schlauch, also eine mit einer separaten Einheit, die auf die Haut geklebt wird, wird nur in ganz besonderen Ausnahmefällen übernommen. Und dann noch eine kontinuierliche Blutzuckermessung dazu, die auch relativ teuer ist, wäre bei Helena aussichtslos. Entsprechend haben wir nur die Pumpe mit externem Reservoir verordnen lassen und beantragt, und haben die Mess-Einheit selbst gekauft, mit der Option, die Sonden später statt der Blutzuckerteststreifen übernehmen zu lassen.

Die Krankenkasse hat innerhalb der vorgeschrieben Frist nicht geantwortet. Entsprechend haben wir die Pumpe besorgt und nun die Kosten zur Erstattung eingereicht. Innerhalb von 48 Stunden bekommen wir nun ein Schreiben, dass über den Antrag sehr wohl entschieden worden war. Möglicherweise sei der Bescheid auf dem Postweg verloren gegangen, was man bedaure.

Die grundsätzliche Notwendigkeit habe man anerkannt. Allerdings sei eine Pumpe mit Schlauchsystem ausreichend, und (und nun wird es lustig), die Pumpe ersetzt in ihrer Funktion einen [nicht näher bezeichneten] allgemeinen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens, so dass eine Zuzahlung von rund 2.500 € anfalle. Aufpreis für schlauchlos und Aufpreis für Messeinheit sollen wir also selbst zahlen bzw. war gar nicht erst zu verordnen. Man will im Endeffekt nur ein Fünftel der Gesamtkosten übernehmen, behält sich aber gleich im nächsten Satz das Eigentum an dem Gerät vor.

Da ich mich mit so einem Schwachsinn nicht mehr auseinandersetze, ist die ganze Sache nun beim Anwalt. Der ließ schon durchblicken, dass er sich nach Einsichtnahme in die Akte mit der Frage beschäftigen möchte, ob überhaupt eine Entscheidung ergangen ist, oder ob man nur, um die Frist einzuhalten, irgendwas „hingerotzt“ hat. Maries Mutter hat sich, als sie das zu lesen bekam, nur an die Stirn getippt. Der ewige Kampf geht in eine neue Runde.

Eis im Sommer

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Es nützt nichts. Ich muss es im Tagebuch aufschreiben, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole und noch mehr Leserinnen und Leser denken: So oft gibt es das doch nicht!

Doch, so oft gibt es das. Wir sind auf dem Rückweg von Maries Eltern an einem Fahrradunfall vorbeigekommen. Auto gegen Fahrrad, vermutlich Abbiegefehler der Audi-Fahrerin. Fahrrad lag auf der Straße, Radfahrerin mit Helm lag daneben, ein halber Einkauf hatte sich quer über die Straße verteilt, der Audi stand zehn Meter weiter am Straßenrand.

„Das muss gerade eben passiert sein“, sagte Marie, während ich auf den Verkehr achtete. Der Audi war offenbar von einer sechsspurigen Straße in eine etwas kleinere, vierspurige eingebogen. Es war dunkel, eine Traube von zwanzig Leuten wuselte um die auf der Straße liegenden Frau herum.

Bevor die nun noch jemand überfährt, weil er vor dem Gegenverkehr noch schnell abbiegen will, wendete ich an der nächst möglichen Stelle, fuhr zurück und stellte mein Auto erstmal so diagonal vor die Frau, dass Schlafmützen erst mein Auto anfahren müssten, um sie überfahren zu können. Ein Mann kam sofort an mein Fenster. Ich sagte: „Ich bleibe hier mal einen Moment stehen, nicht dass das im Dunkeln noch jemand übersieht. Rettungswagen ist verständigt?“ – „Ja, die müssten gleich hier sein.“ – „Ist die Frau ansprechbar?“ – „Ja, sie hat nur Schmerzen im Bein. Vielleicht gebrochen. Wir haben gesagt, sie soll liegen bleiben.“

Schien nicht so schlimm zu sein. Die Audifahrerin hielt sich die Hände vor das Gesicht. Es dauerte vielleicht zwei Minuten, dann kam der Rettungswagen. Fast zeitgleich kam auch ein Streifenwagen angedüst und hielt direkt neben mir. Als der Fahrer ausstieg, öffnete ich das Fenster. „Wir würden uns dann jetzt vom Acker machen. Wir sind nur stehen geblieben, damit sie nicht noch jemand überfährt.“ – „Sie sind nicht unfallbeteiligt? Auch nichts gesehen?“ – „Nein, wir sind erst dazu gekommen, als die Frau hier schon lag.“ – „Alles klar, dann parke ich den Streifenwagen mal etwas um. Vielen Dank, dass sie angehalten sind.“

Und tschüss. Als wir auf der Autobahn waren, sagte Helena vom Rücksitz: „Sagt mal, was passiert eigentlich, wenn jemand Unterschriften fälscht? Also zum Beispiel einfach eine Entschuldigung auf dem PC tippt und dann die Unterschrift von seiner Mutter oder seinem Vater unter den Zettel malt?“

Lief da was? Plante sie, wie sie ihre zehn blauen Stunden aufstocken könnte? Ich gab meinen Gedanken eine Ohrfeige. Wobei ich das ja nicht unterstelle, sondern nur ausschließen möchte. Ich antwortete: „Dann wird er vermutlich erwischt, weil gerade Lehrer einen guten Blick dafür haben.“ – „Und wenn er erwischt wurde?“ – „Wurdest du erwischt? Oder hast du die Unterschrift gut genug hinbekommen?“ – „Hey Jule, du weißt ganz genau, dass meine Schrift so einzigartig ist, dass die alle sofort erkennen würden. Ich rede über [eine Mitschülerin], sie hat ihre ganzen Arbeiten nicht zu Hause gezeigt und die Fünfen selbst unterschrieben und sich dann auch noch eine Entschuldigung selbst geschrieben. Und war keinen Tag offiziell krank. Wenn sie jetzt Pech hat, fragt die Mutter nach, warum sie Fehlstunden eingetragen bekommen hat, und dann fliegt das alles auf.“

Marie sagte: „Stell dir mal bitte folgende Situation vor: Du freust dich auf das Eis, das für dich in der Tiefkühltruhe liegt. Kommst an einem warmen Sommertrag nach Hause. Und es ist weg. Du fragst mich: Hast du es gegessen? Ich verneine das. Du fragst nach: Wirklich nicht? Ich verneine das nochmal. Und dann sagst du nochmal, worum es dir geht und ich sage nochmal: Ich war das nicht. Obwohl ich es gegessen habe. Was würdest du dann über mich denken?“ – Helena antwortete: „Dass du voll fies bist.“

Marie antwortete: „Genau. Eine Unterschrift auf einer Entschuldigung versichert ganz, ganz stark, dass es wirklich so gewesen ist. Das ist mehr als am Telefon, mehr als dabei in die Augen schauen, das ist fast so wie schwören. Das heißt: Wer die Unterschrift fälscht, schwört nicht nur falsch, sondern schwört auch noch im Namen von jemand anderem. Wie fühlst du dich, wenn jemand in deinem Namen Unwahrheiten behauptet und dann auch noch ganz dick unterstreicht, dass es genau so ist?“

Helena sagte: „Der könnte mich mal. Mit dem möchte ich erstmal nichts mehr zu tun haben. Ich habe verstanden.“ – Ich sagte: „Mach es einfach nicht. Auch wenn das für den Moment vielleicht die einfachste Lösung ist, du enttäuschst damit ganz viele Menschen, die dir vertrauen. Du machst damit mehr kaputt, als wenn du zu Marie oder zu mir kommst und sagst, dass du einen Fehler oder eine Dummheit gemacht oder eine schlechte Note geschrieben oder geschwänzt hast und deswegen eine Unterschrift brauchst. Und vor allem: Du lebst in ständiger Angst, dass das mal auffliegen könnte.“

„Nein, ich habe das auch nicht vor. Wie gesagt, das würde bei mir sowieso jeder sofort erkennen wegen meiner krakeligen Schrift. Aber ich wollte mal wissen, was jetzt [die Mitschülerin] so erwartet. Vor allem, weil sie auch noch einen Stempel von ihrer Mutter draufgemacht hat dazu. Ich glaube, die kriegt richtig Ärger zu Hause.“ – „Das glaube ich auch. Und ich glaube, da wäre ich dann mal richtig sauer.“

Immenhof

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Inzwischen hat es Zeugnisse gegeben. Ich bin ganz überrascht, wie groß das Interesse unter meinen Leserinnen und Lesern ist. Diverse Nachfragen habe ich dazu bekommen. Maries und mein Interesse war natürlich auch sehr groß. Und Helena war, obwohl wir keinen Druck gemacht haben, so aufgeregt, dass sie morgens überhaupt nichts essen wollte. Zum Glück hat sie das nicht erst nach den ersten zwei Bissen gemerkt, sondern vorher, so dass wir die Insulindosis anpassen konnten. Und dabei waren die Noten eigentlich alle halbwegs bekannt.

Ich hatte an dem Tag frei, war morgens zwei Stunden zusammen mit Marie schwimmen. Als Helena mittags von der Schule kam, verschwand sie zunächst ohne ein Wort zu sagen in ihrem Zimmer. Kam dann aber mit ihrer Zeugnismappe in die Küche, legte sie aufgeschlagen auf den Tisch und setzte sich wortlos daneben. Aus ihrem Gesicht waren keine Emotionen abzulesen. Ich wusste nicht, wie ich das einordnen sollte. Ich bekam aber ein unmissverständliches Bild davon, welche Bedeutung der Zeugnistag bei ihren vorherigen Pflege-Eltern gehabt haben musste.

Ich rollte zum Tisch. Sie guckte mich nicht an, sondern starrte auf das Zeugnis. Ich klappte die Zeugnismappe zu, ohne irgendwas gesehen zu haben. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie guckte mich an. Ich fragte: „Möchtest du jetzt darüber sprechen?“ – Sie zuckte mit den Schultern. Ich fragte: „Wie fühlst du dich denn überhaupt? Du musst doch Hunger haben, wenn du heute morgen schon so gut wie nichts gegessen hast.“ – „Nö. Ich möchte das hier möglichst schnell hinter mich bringen, okay?“ – „Helena, setz dich doch nicht so unter Druck. Wegen so einem blöden Zettel!“

Marie holte Luft, aber Helena sagte: „Okay. Ihr bestraft mich ja nicht. Das hab ich ja inzwischen gelernt. Folgendes: Es gibt eine Sache, die ist ganz kacke, eine ist doof und vier sind so naja.“ – Marie fragte: „Und der Rest?“ – Helena lächelte. Marie sagte: „Die guten Dinge darfst du auch gerne erzählen, junge Frau.“ – Helena sagte: „Ich bin gespannt, wie ihr das findet. Bei meinem letzten Zeugnis hat es von meinem Pflegevater richtig Dresche gegeben. Und da war im Zeugnis eigentlich nix Kacke. Sondern nur ‚doof‘ und ’naja‘.“ – Marie antwortete: „Helena, …“ – Helena unterbrach: „Ja, ich weiß, ihr seid nicht mein Pflegevater.“

Ich blätterte die Mappe wieder auf. Deutsch 3, Mathematik 2, Englisch 4, Biologie 2, Physik 2, Geschichte 1, Geographie 3, Religion 3, Kunst 3, Musik 2, Sport 1, Spanisch 2. Noten auf der gymnasialen Anforderungsebene. Allgemeines Lernverhalten (Raster): Arbeitsorganisation und Selbstständigkeit stark, Methodik im Mittelfeld, Konzentration und Engagement gut. Sozialverhalten in Team- und Konfliktfähigkeit: Vorbildlich.

Helena guckte mich mit großen Augen an. Marie schaute mir über die Schulter und las mit. Was sollte hieran nun „Kacke“ sein? Die Vier in Englisch? Hab ich andere Maßstäbe? Ich fand das Zeugnis toll. Sie hatte in einer Klassenarbeit in Englisch eine Fünf. In der zweiten eine Drei. Von einem fragwürdigen Test in Erdkunde abgesehen, war alles andere gut oder zumindest okay. Marie kam mir zuvor: „Kannst du mir mal bitte erklären, was du an diesem Zeugnis doof findest?“ – „Die Vier in Englisch.“ – „Und was ist ‚ganz kacke‘?“ – Sie deutete auf zehn unentschuldigte Fehlstunden. Marie sagte: „Das stimmt. Das ist Kacke. War das dein Strandausflug?“ – „Ja.“ – „Und was noch?“ – „Darf ich das bitte verschweigen?“

Ich sagte: „Ich geb dir mal einen Tipp, Helena. So von Schulschwänzerin zu Schulschwänzerin. Okay?“ – Sie guckte mich mit großen Augen an. „Melde dich beim Lehrer ab. Geh nicht einfach so weg.“ – „Nee, die unentschuldigten Stunden kommen davon, wenn ich von zu Hause keine Entschuldigung mitbringe.“ – „So ein Eintrag im Zeugnis ist wirklich unnötig, Helena. Er dient dazu, dass wir das erfahren. Er macht aber gleichzeitig einen schlechten Eindruck, wenn du dich mal bewerben musst. Und beim Jugendamt. Marie und ich erfahren es sowieso. Dann kannst du auch gleich zu uns kommen und nimmst eine Entschuldigung mit.“ – „Fürs Schwänzen?“ – „Ja.“ – „Häh? Wo bleibt denn da die Erziehung?“ – „Was brauchst du denn da, als Erziehung?“ – „Das klingt ja fast so, als wenn ihr keine Ideen mehr habt. Kapitulation? So schnell?“ – „Sei bitte nicht so frech, Helena. Ideen haben wir genug, aber wir sind hier auch nicht im Kasperle-Theater. Du weißt, wie es läuft, du bist alt und schlau genug. Marie und ich möchten unsere Zeit mit dir gerne anders verbringen, als dir zu erklären, warum du nicht schwänzen darfst.“ – „Zum Beispiel?“

Marie sagte: „Eigentlich wollten wir mit dir in die Stadt fahren und dich heute abend ins Kino einladen. Und anschließend mit dir zusammen nett essen gehen und danach bei [meinen Eltern] schlafen. Aber wir können auch gerne übers Schwänzen philosophieren und uns gemeinsam Erziehungsmethoden überlegen. Wenn du das lieber möchtest.“

Helena guckte einen Moment auf das Zeugnis, dann sagte sie: „Das mit dem Kino, meint ihr das ernst?“ – „Na sicher.“ – „Und das mit der Entschuldigung meint ihr auch ernst?“ – „Ja. Wenn es sich im Rahmen hält.“ – „Was ist der Rahmen?“ – „Zehn Stunden im nächsten Halbjahr.“ – „Und wenn ich weniger als 10 Stunden schwänze, bekomme ich dann für jede nicht geschwänzte Stunde eine Prämie oder was? Ich finde zwei Tage im Halbjahr voll im Rahmen. Und mehr werden es nicht. Versprochen.“

Damit können wir wohl alle leben. Wenn sie diesen einen Tag der Regelübertretung pro Quartal so unbedingt braucht, dann soll sie den bekommen, ohne dass wir das immer wieder ausdiskutieren müssen. Ihr ist es wohl enorm wichtig. Insofern haben wir das Thema abgehakt und sie ausgiebig gelobt. Das Zeugnis zeigt nämlich nicht nur, dass sie zwei Tage geschwänzt hat, sondern vor allem, dass sie 100 Tage lang dort war und einen sehr guten Job gemacht hat.

Wir haben uns „Immenhof“ im Kino angeschaut. Ich meine … was auch sonst?! Es war unterhaltsam. Viele Pferde, hübsche Mädchen, … Zu Maries Eltern hat Helena ihr Zeugnis auch mitgenommen. Maries Mutter hat nicht danach gefragt. Nach dem Abendessen kam Helena damit an. „Möchtest du mal gucken?“, hat sie sie gefragt und sich bei ihr auf den Schoß gesetzt. Ganz anders als bei uns. Maries Mama hat den Arm um sie gelegt. Und dann gefragt: „Geschichte ne Eins? Sport auch eine Eins? Und dazu fünf Zweier? Das ist doch klasse! Da siehst du mich wirklich positiv überrascht.“ – Helena deutete mit dem Finger auf die zehn unentschuldigten Fehlstunden. Maries Mutter guckte sie an und flüsterte ihr ins Ohr: „Geschwänzt?“ – Helena nickte und flüsterte zurück: „Zwei Mal. Mit Absicht. Das musste sein.“ – „Gab es Ärger?“, flüsterte Maries Mutter weiter. Helena antwortete: „Richtigen Ärger nicht. Den bekomme ich von Jule und Marie nicht. Also wirklich nicht. Und für nächstes Halbjahr haben wir heute einen Deal ausgemacht.“

Maries Hündin lag die ganze Zeit bei Helena. Ließ sich kraulen und konnte gar nicht eng genug an ihr dran sein. Helena setzte sich extra auf den Fußboden, um besser mit ihr kuscheln zu können. Und Helena krault sie dann auch eine Stunde lang. Hin und wieder dreht die Hündin sich von der linken Seite auf die rechte Seite oder umgekehrt, streckt Helena ihren Bauch hin und schaut entsetzt auf, wenn Helena aufhört. Ansonsten ist die Hündin tiefenentspannt und lässt sich von ihr überall anfassen.

Am nächsten Morgen waren Helena, Marie und ich in der Sauna. Pool gibt es wegen der kalten Außentemperaturen nicht mehr, sondern nur noch eine Dusche und ein paar Liegen, auf denen man sich in eine Art Schlafsack einwickeln und an der frischen Luft, bei Schnee oder Regen auch unter einem Vordach, ruhen oder schlafen kann. Die Sauna war auf 60 Grad eingestellt und Helena genießt das. Sie sitzt zwar ganz unten und schwitzt meistens erst beim dritten Saunagang richtig, aber wir müssen sie vom fünften Saunagang abhalten. Sie würde dieses Rein und Raus und dampfend nackt bei Schneefall durch den Garten gehen am liebsten den ganzen Tag machen.

Außerdem haben wir an diesem Wochenende endlich ihre Insulinpumpe in Betrieb nehmen können. Nach der Sauna, versteht sich. Es ist für sie ein wenig ungewohnt, weil neu und völlig anders, aber sie ist sehr interessiert und lernt sehr schnell. Wir haben ausgenutzt, dass einerseits Maries Mutter als erfahrene Ärztin vor Ort ist, andererseits wir dort zu dritt in einem Zimmer schlafen, so dass wir mitbekommen, falls nachts irgendwas los ist, und quasi auch im Halbschlaf den Blutzucker bestimmen können. Es hat aber alles gut funktioniert bislang.