Fahrstunden

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Susi und Otto sind ja immer sehr besorgt um ihre beiden Töchter. Sowohl um ihre leibliche als auch um mich. So bekamen wir beide zu Ostern zwei Gutscheine geschenkt: Nach fast zehn Jahren sollten wir beide eine Fahrstunde nehmen und an einem Fahr-Sicherheitstraining teilnehmen. Ich fand die Idee gut, Marie auch. Kann nie schaden, sich nochmal updaten und eingeschliffene Fehler auszumerzen zu lassen. Fahr-Sicherheitstraining ist erst in einigen Monaten, aber wir waren in der letzten Woche bei einer Fahrschule in der nächsten größeren Stadt und haben den ersten Teil des Geschenks eingelöst.

Es gibt ja nicht so viele Fahrschulen mit umgebauten Autos, aber diese hatte eins und der Fahrlehrer, der Chef der Fahrschule, war auch sehr freundlich. Die Rollstühle wurden nach dem Umsetzen im Büro eingeschlossen, ich durfte zuerst fahren. Außer Marie saß noch ein angehender Fahrlehrer auf der Rückbank, nachdem er gefragt hatte, ob es für uns okay ist, wenn er sich das auch mal anschaut. Menschen mit Behinderung, die schon fahren können, habe man nicht alle Tage.

Zum Glück hatte die Fahrschule im Auto auch das gleiche Handbedienungsgerät wie Marie und ich verbaut, so dass wir uns nicht umgewöhnen mussten. Das Auto reagierte auch normal, lediglich die Lenkung war eine besonders leichtgängige, was ich etwas gewöhnungsbedürftig fand. Aber es war kein wirkliches Problem.

Wir waren keine zwei Minuten unterwegs, da musste der Fahrlehrer dann doch gleich mal zeigen, wer der Chef im Auto ist. Wir befuhren innerorts eine zweispurige Straße, auf der 50 erlaubt war. Eine Spur verlief in meine Richtung, eine Spur in die entgegengesetzte. Wir näherten uns einem Fußgängerüberweg, also einem Zebrastreifen. Ich schätze mal, die Fahrbahn war an dieser Stelle acht Meter breit. Links und rechts von der Fahrbahn waren jeweils zum Parken freigegebene Seitenstreifen, vermutlich auch nochmal 2,50 Meter breit, die im Bereich des Fußgängerüberwegs natürlich unterbrochen und auf Höhe des Gehwegs angehoben und gepflastert waren, daneben noch ein rund 1,50 Meter breiter Radweg, daneben der Fußweg. Eine ältere Frau mit Rollator hatte nun die erkennbare Absicht, den Fußgängerüberweg überqueren zu wollen. Erkennbar dadurch, dass sie sich vom Gehweg langsam in Richtung der Fahrbahn drehte und erstmal schaute, ob ein Radfahrer hinter ihr kam. Wohl gemerkt: Das Ganze spielte sich auf der gegenüberliegenden (von mir aus linken) Seite ab.

Da ich bei Annäherung an einen Fußgängerüberweg ja kein Gas mehr geben darf, rollten wir mit etwa 45 km/h auf den Überweg zu. Wir waren, als die Frau sich nach den Radfahrern umschaute, noch etwa 40 Meter von dem Überweg entfernt. Ich entschied mich, nicht anzuhalten. Was den Fahrlehrer dazu veranlasste, hart in die Eisen zu steigen. Nicht mit quietschenden Reifen, aber immerhin so, dass auf der Rückbank alle in den Seilen hingen und wir auch erst auf dem Zebrastreifen zum Stehen kamen. Das Auto hinter uns kam ins Rutschen, krachte aber zum Glück nicht hinten drauf. Die Fahrerin in dem Auto schüttelte ihren Kopf und ich konnte von ihren Lippen das Wort „Fahrschule“ ablesen.

„Wenn jemand erkennbar den Fußgängerüberweg überqueren will, müssen Sie anhalten“, belehrte mich der Fahrlehrer. Ich dachte mir: Wenn man das so extrem in Hamburg macht, bestehen beste Chancen, dass einem gleich einer hinten reinkachelt. Nicht falsch verstehen: Ich halte am Zebrastreifen immer an. Aber nicht, wenn jemand noch lange nicht an der Fahrbahnkante ist. Denn die ältere Dame wackelte nun langsam über den Radweg, musste nun noch über den gepflasterten Bereich des Parkstreifens, dann noch über den Fahrstreifen der Gegenrichtung … in der Zwischenzeit fuhren auf der Gegenspur noch acht Autos durch. Die ich gezählt habe. Und als die Dame am Fahrbahnrand stand, hielt das neunte Auto sofort an. Und irgendwie hatte ich den Eindruck, die Dame fühlte sich gehetzt, weil ich schon gefühlt lange auf sie wartete. Aber wenn das die Vorschriften sind…

Es ging weiter in ein Wohngebiet. Eine ruhige Sackgasse. Tempo 30. „Wenn ich gleich ‚jetzt‘ sage, machen Sie bitte eine Gefahrbremsung.“ – Soso. Ich machte mir Gedanken über die Anwohner, denn auf der Fahrbahn waren diverse Reifenspuren zu erkennen und uns kamen auch noch zwei andere Fahrschulautos entgegen. Wenn ich mir vorstelle, ich würde hier wohnen und hätte alle zehn Minuten Reifenquietschen vor der Tür, ich glaube, ich würde jede einzelne Fahrschule auf Unterlassung verklagen. „Jetzt“, kam das Kommando. Ich stieg voll in die Eisen. Das Auto hatte Bremsassistent und ESP, von daher war das Manöver nun wirklich kein Kunststück. Ich dache an meinen ersten Golf zurück, bei dem man für eine Gefahrbremsung noch richtig mechanische Kraft aufwenden musste. Der angehende Fahrlehrer auf der Rückbank kommentierte: „Oha. Wow.“

Inzwischen bekam wohl auch der Chef auf dem Beifahrersitz den Eindruck, dass hier nicht Klein-Doofi mit Plüschohren sitzt. „Daran gibt es nichts auszusetzen“, kommentierte er. Weiter ging es. Im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt. Durch eine Dreißigzone, am Ende konnte man nur rechts oder links, erstmal kamen Radfahrer aus beiden Richtungen, und dann kam uns von links ein Gelenkbus entgegen, der natürlich allen Platz brauchen würde und bis in meine Fahrspur ausholen wollte, um abbiegen zu können. Er hielt extra an einer Stelle, an der noch eine Parklücke frei war, blinkte mich an, ich sollte fahren. Platz genug war eigentlich, also fuhr ich los. Der Fahrlehrer trat schon wieder auf die Bremse. „Das machen wir nicht. Nicht quetschen. Da gehen so viele Rückspiegel bei drauf, das muss nicht sein.“

Aha?! Ich habe mir noch nie einen Rückspiegel abgefahren. Ich weiß doch, wie breit mein Auto ist. Also blieben wir stehen. Der Busfahrer blinkte uns noch einmal an. Dann bekam er wohl einen dicken Hals, zog vor, holte aus und bremste einen Meter vor unserer Motorhaube scharf ab. Nun mussten wir zurücksetzen. Der hinter uns auch. Der dahinter auch. Im Schneckentempo. Der Gelenkbus fuhr mit seiner letzten Achse über den Radweg. Anschließend quetschte er sich an mir vorbei. Zentimeter für Zentimeter. „Wenn jetzt der Spiegel dran glauben muss, hat er Schuld. Wir quetschen uns nirgendwo durch.“

Tolles Prinzip. Zurück zur Fahrschule. Auf dem letzten Kilometer fuhren wir über eine Kreuzung und direkt hinter der Kreuzung wurden aus meiner einen Fahrspur zwei. Das heißt: Rechts von mir öffnete sich eine neue. Ich dachte mir: Rechtsfahrgebot, also gleich dem rechten Begrenzungsstreifen gefolgt, rechts geblinkt (weil ich ja eine an dieser Stelle beginnende gestrichelte Mittellinie überfahre), und: Anschiss bekommen. Schulterblick vergessen! Nun fragte ich doch mal nach: „Entschuldigung, aber wer soll denn da sein? Die Fahrspur beginnt da.“ – „Immer Schulterblick machen. Es könnte ein Radfahrer in ihrem Windschatten gefahren sein, der Sie auf der Spur überholen will.“ – „Ich bin doch aber am Bordstein entlang gefahren. Mit 50. Der müsste dann ja mit 60 über den Bordstein hämmern, um vor mich oder zumindest neben mich zu kommen.“ – „Nicht diskutieren, einfach machen.“

Aha. Gut. Am Ende relativierte er ein wenig und sagte: „Sie sind regelkonform gefahren. Wäre das eine Fahrprüfung gewesen, hätten Sie wohl bestanden. Über die Fußgängerin am Anfang kann man verschiedener Ansicht sein und wir lernen hier, dass wir Fußgänger einladen, über den Überweg zu gehen. In der Fahrprüfung hätte ich nicht gebremst.“ – Hat er wohl selbst gemerkt, dass das Asche war. Insofern: Gelernt habe ich was: So schlimm kann meine Fahrerei nicht sein. Das zu wissen, ist auch gut. Und Spaß gemacht hat es allemal.

Der angehende Fahrlehrer war anschließend etwas entspannter: Als ich auf der Rückbank saß und Marie fuhr, sagte er: „Ich finde das faszinierend, dass kein Unterschied zu merken ist. Wenn ich aus dem Fenster schaue, würde ich nicht vermuten, dass jemand das Auto nur mit den Händen fährt.“

Darauf der Chef-Fahrlehrer: „Sie sollen aber nicht aus dem Fenster schauen, sondern hierher! Aber ich gebe Ihnen Recht: Wenn jemand viele Jahre so fährt, merkt man keinen Unterschied mehr. Und wir wollen an der nächstmöglichen Stelle links abbiegen!“

Marie blinkte links, bog ab. Kaum waren wir über den Rad- und Fußweg, stieg der Fahrlehrer in die Bremsen. „Einbahnstraße!“ – Marie widersprach: „In 100 Metern stand da. Die Einfahrt zum Supermarkt ist aus dieser Richtung frei.“ – „Ja, aber da wollen wir doch nicht hin.“ – „Das weiß ich doch nicht. Sie haben ’nächste Möglichkeit‘ gesagt, und das ist die nächste Möglichkeit.“ – „Sie sind sehr spitzfindig, oder?“ – „Hm. Weiß ich nicht.“ – „Dann wenden Sie mal.“ – „Ich würde jetzt einmal über den Parkplatz fahren.“ – „Ist verboten. Sie dürfen einen Parkplatz nur zum Parken befahren, nicht zum Wenden.“

Oh. Wusste ich auch noch nicht. Was ist denn, wenn ich auf dem Parkplatz merke, dass ich mein Geld vergessen habe und dann umkehre? Die Frage habe ich natürlich nicht gestellt. Also kurbelte Marie das Auto in einer engen Straße acht Mal hin und her, statt einmal eine Runde über den Parkplatz zu drehen.

Einen hatten wir noch: Links abbiegen auf einer großen Kreuzung. Wir standen vor dem aufgemalten weißen Kreuz mitten auf der Kreuzung. Der Gegenverkehr bekam Rot und für uns leuchtete der grüne Pfeil auf. Der sogenannte Räumpfeil, der uns anzeigt, dass wir fahren dürfen. Marie gab Gas. Der Fahrlehrer stieg voll in die Eisen. Der Hintermann fuhr fast drauf. Der Fahrlehrer zeigte auf einen Radfahrer, der mit hoher Geschwindigkeit auf dem Radweg an die Kreuzung herangeprescht kam. „Den hab ich gesehen, aber der hat Rot, wenn ich einen Räumpfeil eingeblendet bekomme.“ – „Das mag sein, aber Sie müssen mit dem Fehlverhalten anderer rechnen.“ – „Ja, das kann ich doch aber immer noch vor der Radfahrerfurt, wenn der wirklich rüberprescht.“ – „Nee, dann knallt Ihnen vielleicht einer hinten rein und schiebt Sie auf den Radfahrer. Besser hier warten.“ – Der Radfahrer bremste scharf und hielt an der Ampel, der Querverkehr bekam grün und wir standen regelkonform mitten auf der Kreuzung. Und die hinter uns auch. Die Autos schlängelten sich um uns herum, zeigten uns Vögel, Scheibenwischer und andere Gesten – und jetzt hätte nur noch gefehlt, dass der Fahrlehrer anmerkt, dass man nur in die Kreuzung einfahren darf, wenn man sie auch sicher vollständig überquert.

Okay. Das klingt nach viel Gemecker. Soll es gar nicht sein. Auch Marie fand die Fahrstunde am Ende gut. Weil auch sie den Eindruck hatte, sie macht nichts Gravierendes falsch. Und das war es ja, was wir wissen wollten. Bleibt nur zu hoffen, dass das Sicherheitstraining noch ein paar Neuigkeiten für uns bereithält.

Sanduhr

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Ich traue mich ja gar nicht, das zu erwähnen, aber wir haben jetzt auch Internet zu Hause. Also zeitgemäßes. Und wir haben, als wir gehört haben, dass es Internet gibt, auch gleich aus den Vollen geschöpft.

Bis Anfang Mai war es so, dass wir im besten Netz auf der Terrasse „EDGE“ hatten (immerhin!) und am Anfang unserer Straße sogar HSPA. Dafür hatten wir im Haus WLAN, und zwar DSL 16 mit reduzierter Geschwindigkeit. „Leider sind maximal nur acht MBit möglich, durchschnittlich sechs.“

Tatsächlich waren es wohl so dreieinhalb, das heißt, wenn Helena mit ihrem Handy irgendeinen Videoanruf mit ihrer besten Freundin veranstaltete, konnte ich die Bytes, die mein Rechner noch empfing, einzeln am Bildschirm begrüßen. Vor zwei Wochen bekamen wir Post, dass es jetzt endlich soweit wäre. Und seit heute ist es tatsächlich soweit: 250 MBit Download, 40 MBit Upload. Um mit den Worten eines Kumpels zu sprechen, der auch gerade vor einigen Wochen seine Datenrate verzehnfacht hat: Ich kann jetzt endlich Por*os streamen, ohne dass ständig beim Orgasmus die Sanduhr eingeblendet wird!

Jetzt hat mir sogar unser Modem angeboten, eine bestimmte Bandbreite stets zu reservieren. Also pro eingeloggtem WLAN-Gerät mindestens 10 MBit zur Verfügung zu stellen. Das ging vorher nicht, weil die Bandbreite so gering war, dass eigentlich immer nur ein Gerät effektiv Daten empfing. Was für ein Luxus!

Und als ich eben auf mein Handy guckte, dachte ich, mich laust der Affe: 4G+ auf der Terrasse und 4G vor dem Haus. Und das bei Regen und Bewölkung. Ich habe den leisen Verdacht, dass irgendjemand meinen Blog so sehr mag, dass er sich für eine vernünftige Internetanbindung der Socke stark gemacht hat. Oder so ähnlich. Nicht? Ach, lass mich doch auch mal ein wenig träumen!

Puzzleteile

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Es gibt einen Menschen in meinem Leben, der mich immer mal wieder begleitet. Kennengelernt habe ich ihn im ersten Semester meines Studiums, über eine damalige Bekannte. Er war der Partner dieser Bekannten. Inzwischen habe ich seit fünf Jahren nichts mehr von dieser Bekannten gehört, nachdem sie mich am Ende nur noch genervt hat. Sie bekam nichts organisiert und hat immer alle möglichen Leute eingebunden, ohne selbst einen Finger zu rühren. War total verpeilt, chronisch pleite und absolut naiv. Da kann sie oberflächlich noch so lieb sein, solche Bekanntschaften sind mir auf Dauer zu anstrengend.

Er ist auch nicht mehr mit ihr zusammen. Er ist zehn Jahre älter als ich, eher unscheinbar. Hat schöne Hände, eine attraktive Stimme, vor allem am Telefon, hübsche Augen – und kann sehr gut zuhören. Er ist für mich jemand, den ich anrufe, wenn ich mal eine neutrale Meinung zu einem Thema brauche. Oder einfach, um zu quatschen. Oder um mal wieder auf den Boden zurückzukommen, wenn ich das Gefühl habe, alle um mich herum drehen frei. Wenn wir telefonieren, können durchaus auch mal zwei Stunden dabei vergehen, auch wenn ich vorher noch gar nicht weiß, worüber ich reden soll. Eins ergibt das andere. Er hört sich vor allem auch das an, was mich beschäftigt. Oder vielleicht sogar bedrückt. Er bildet sich eine Meinung, fragt nach. Gibt mir seine Einschätzung. Redet mir nicht nach dem Mund. Findet schnell Lösungsansätze, hat gute Ideen. Und vor allem: Er ist sehr einfühlsam, durchaus auch charmant; er kann vor allem sehr gut verstehen, warum Frau nicht alles toll findet, was Männer so sagen oder tun.

Wir telefonieren vielleicht alle acht Wochen mal. Es ist schon vorgekommen, dass wir zwei Mal im Monat gequatscht haben; es ist auch schon vorgekommen, dass wir fast ein halbes Jahr nichts voneinander gehört haben. Wenn ich ihn anrufe, hat er für mich Zeit. Wenn nicht sofort, dann meistens noch am selben Tag. Manchmal rufe ich ihn auch nur an, weil ich hören möchte, wie es ihm geht. Fast immer geht es ihm gut. Ich würde ihn durchaus als Freund bezeichnen wollen. Auch wenn ich ebenso klar sagen muss: Ich würde ihn im richtigen Moment nicht von der Bettkante stoßen. Eine feste Beziehung könnte ich mir eher nicht vorstellen, aber einmal im Quartal eine schöne Nacht? Aus Respekt vor seiner aktuellen Partnerin, und da ich auch unsere Freundschaft nicht verkomplizieren oder sogar kaputt machen möchte, und auch nicht weiß, was von diesen meinen Träumen Wunschdenken ist und was vielleicht wirklich schön wäre, habe ich nur manchmal von einer sinnlichen Nacht mit ihm geträumt.

Wir waren auch ein paar Mal gemeinsam in einer (öffentlichen) Sauna. Wir hatten jeweils einen schönen gemeinsamen Nachmittag, haben viel gequatscht, gemeinsam auf einer Wiese in der Sonne gelegen, sind nackt schwimmen gewesen. Er hat mich nie angemacht oder sogar angefasst. Hat nie irgendeinen sexualisierten Spruch gemacht. Hat vor allem nie, auch früher, als wir uns noch nicht so gut kannten, von sich aus meine Behinderung thematisiert. Hat mir Türen aus Höflichkeit aufgehalten, aber wenn ich zuerst an der Tür war, hat er sie sich auch von mir aufhalten lassen.

In der letzten Woche, es war kurz vor 20 Uhr, klingelte es an der Tür. Wer davor stand, ist klar. Normalerweise würde er nie zu mir kommen, ohne sich vorher mit mir zu verabreden. Weil er weiß, dass ich keine Überraschungsbesuche mag. Nicht, weil ich nicht aufräume, sondern weil ich gerne Zeit für meinen Besuch hätte, die ich nicht immer habe, wenn ich zur Arbeit muss oder mich schon anders verabredet habe. Jetzt hatte ich gerade mit Helena etwas für die Schule fertig gemacht. Wenn jemand bei uns klingelt, sehe ich ein Videobild auf meinem Handy. Er sah nicht gut aus.

Als ich öffnete und er mich sah, war er kurz vorm Heulen. „Hast du mal eine halbe Stunde Zeit für mich?“, fragte er. Eigentlich ist es jetzt gerade ungünstig, dachte mein Kopf. „Selbstverständlich“, sagte ich und bat ihn herein. Er zog seine Schuhe aus. Helena kannte er noch nicht. Normalerweise verabreden wir uns anderswo. Marie arbeitete noch. Helena verschwand von sich aus in ihrem Zimmer, nachdem ich ihr sagte, dass das ein Freund von mir ist, dem es gerade nicht gut ging.

„Was ist passiert?“, fragte ich ihn. Er erzählte mir, dass seine Partnerin sich von ihm getrennt habe. Okay, das ist ein herber Moment im Leben, immerhin waren sie mehr als zwei Jahre ein Paar. Sie habe einen anderen, habe ihn auch bereits mehrere Monate mit ihm betrogen. Wobei er nicht von „betrügen“ sprechen wolle, denn sie hätten in der ganzen Zeit nie miteinander geschlafen.

What? Jemand ist über zwei Jahre mit einer Partnerin zusammen, wohnt zusammen, teilt ein Schlafzimmer, und beide gehen nie miteinander ins Bett? Ich hatte bisher immer gedacht, es wäre eine Liebesbeziehung, und ich hätte auch gedacht, dass dazu auch Sexualität gehört. Ja klar, muss nicht. Aber ist doch eher ungewöhnlich. Oder? Ich hätte es zumindest nicht vermutet. Mir fiel allerdings auf, dass wir bislang nie so intensiv über seine Beziehung zu seiner (jetzt Ex-) Partnerin gesprochen hatten. Was nicht daran gelegen hat, dass ich nie darüber hätte reden wollen.

„Ich muss mit dir darüber sprechen. Ich weiß so viel über dich, aber du kennst mich von einer Seite überhaupt nicht. Ich fühle mich, als würde meine Seele brennen.“ – Ich bat ihm was zu trinken an, ahnend, dass jetzt etwas Heftiges kommen würde. Um nicht zu triggern, erwähne ich vorab, dass etwas Heftiges kommen wird, und warne vor einem Inhalt über sexuellen Missbrauch.

Es ist schon krass: Er hat seine Geschichte bereits ausgiebig in einem einschlägigen Internetforum anonym erzählt, hat sie für eine Aufarbeitungskommission aufgeschrieben, hat aber offenbar noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Bis zu dem Tag, an dem er vor meiner Tür stand. Und ja, ich habe gefragt, bevor ich darüber schreibe, auch wenn er meinen Blog nicht kennt.

Er beschrieb mir fast lehrbuchhaft ein Phänomen, das entsteht, wenn Menschen verstanden und die Tatsache akzeptiert haben, dass sie sexuell missbraucht wurden: Verhaltensweisen, auch jene Dritter, die von dem sexuellen Missbrauch gewusst haben, und die vorher nicht einzuordnen waren, geben plötzlich einen Sinn. Plötzlich passen alle Puzzleteile zusammen, die vorher nur Fragezeichen hervorgerufen haben.

Letztes Jahr im Dezember ist sein Vater völlig überraschend an Krebs gestorben. Er kam nach einem Schwäche-Anfall ins Krankenhaus, dort gab es die Diagnose, vier Wochen später war er tot. Bei der Haushaltsauflösung der seit vielen Jahren getrennt lebenden Eltern fielen ihm Briefe in die Hand, die seine Mutter seinem Vater geschrieben hat. Seitenweise. Vor über dreißig Jahren. Der Vater hatte ihn als Kleinkind regelmäßig sexuell missbraucht. Ich beschreibe nicht, was genau er getan hat, weil es einfach nur widerlich ist und fassungslos macht.

Aus heutiger Sicht würde ich als erstes fragen, warum die Mutter lange Briefe schreibt, statt den Typen anzuzeigen oder sich wenigstens sofort von dem Mann zu trennen. Da ich damals noch gar nicht gelebt habe, kann ich aber schlecht mitreden. Fakt ist, dass die Mutter versucht hat, den sexuellen Missbrauch zu unterbinden. Den Vater beispielsweise nicht mehr mit dem Kind alleine gelassen hat. Allerdings gelang diese Trennung natürlich nicht immer. Fakt ist auch, dass der Vater seinen Sohn nicht mehr sexuell missbraucht hat, seit er drei Jahre war. Dennoch kam es teilweise zu skurrilen Situationen, beispielsweise sei das siebenjährige Kind mal mit dem Vater und einem Schulfreund im Schrebergarten gewesen. Die beiden Kinder hatten hinter der Gartenlaube gespielt, während der Vater im vorderen Bereich des Gartens, für die Kinder nicht sichtbar, umgegraben hatte. Die beiden Kinder entschieden sich, sich nackt auszuziehen und auszufechten, wer weiter im Strahl pinkeln könnte. Ohne die Vorgeschichte würde ich sagen: Völlig normal. Sowas probieren Kinder aus. Sowas muss natürlich nicht sein, und ich würde sowas auch nicht toll finden, aber eben auch nicht dramatisch.

Nur kam in dem Moment die Mutter auf dem Fahrrad angefahren, hatte Kaffee und Kuchen mitgebracht und sah die beiden Kinder nackt hinter der Gartenlaube. „Ich habe mich über Jahre gefragt, warum mein Vater von meiner Mutter solchen Stress bekommen hat. Warum er zu uns kam und mehrmals in Gegenwart der Mutter bestätigt haben wollte, dass er uns nicht aufgefordert hatte, uns auszuziehen. Wir waren mit der Situation völlig überfordert: Wir wussten, dass das nicht okay war. Wir wussten, dass es Ärger geben würde, wenn man uns erwischt. Aber wir wollten auch wissen, wer weiter pissen kann. Und wir waren total verwirrt, dass wir keinen Ärger bekamen, sondern dass stattdessen der Vater den Stress bekam, obwohl er überhaupt nichts damit zu tun hatte. Und das Wichtigste nur unsere Aussage war, dass wir das heimlich ohne das Wissen des Vaters gemacht hatten. ‚Der hätte das doch bestimmt verboten‘, hatte mein Freund damals zur Überzeugung der Mutter gesagt.“

Als er fünf Jahre alt war, habe es eine Situation im Schwimmbad gegeben. Die Familie war verreist, habe am Urlaubsort ein Hallenbad aufgesucht. Natürlich sei das Kind in die Herrendusche gegangen, wie eben auch der Vater. Es sei absolut nichts gewesen, außer dass der Vater sich mit Duschgel nackt unter der Dusche abgeseift hätte, wie sich das halt gehört, bevor man schwimmen geht. Und der Sohn, fünf Duschplätze weiter, habe es nachgemacht. Und hinterher der Mama im Wasser stolz erzählt, dass er seinen Pipimann gründlich eingeseift habe. Andere Badegäste hätten gelacht, die Mutter sei böse geworden und habe ihn ausgefragt, ob der Vater das von ihm verlangt habe. Und so weiter.

Später, als dem Vater klar sein musste, dass der Sohn sexuelle Übergriffigkeit als solche erkennen könnte, hat er den Sohn stattdessen verprügelt und dadurch seine Übermacht bestätigt bekommen. Es gab immer einen Anlass, den auch immer der Sohn geliefert hatte, der den Vater ausrasten ließ. Anschließend vermöbelte er ihn. Vor allem außerhalb der Wohnung, im Auto, auf dem Rückweg vom Einkaufen oder ähnliches. Es war immer so gestaltet, dass er Angst hatte, das seiner Mutter zu erzählen. Wenn, dann erzählte der Vater plötzlich ganz andere Geschichten, um sich zu rechtfertigen. Wir wissen ja inzwischen, dass die nahezu absolute Mehrheit jener Menschen, die sexuell auf Kinder übergriffig ist, das nicht macht, weil sie mit dem Kind schmusen und dabei ungewollt sexuell stimuliert werden, sondern weil sie Macht ausüben wollen. Einfach nur Macht. Und jemanden ungewollt eine sexuelle Handlung aufzudrücken, zeigt nunmal Macht. Jemanden verdreschen natürlich auch.

Mit vierzehn Jahren sei er fast ein Jahr lang in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden. Wegen Verhaltensauffälligkeiten. Die -wen wundert es- mit der Pubertät begannen und alle einen sexuellen Kontext hatten. Beispielsweise habe er beim Schwimmunterricht die Mädchen in der Mädchendusche besucht und vor deren Augen blank gezogen oder auf einer Klassenfahrt heimlich Seiten aus Pornoheften in deren Betten verteilt. Und jetzt kommt es: In den ersten zwei Monaten der stationären Behandlung gab es nur Einzelgespräche. Psychologe mit Kind. Man redete über Probleme, die es zu Hause gab, darüber, dass der Vater auch mal prügelte – aber von dem sexuellen Missbrauch als Kleinkind wusste der Sohn noch immer nichts. Dann gab es Gespräche der Mutter mit dem Psychologen. In den folgenden Einzelgesprächen mit dem Kind habe der Psychologe immer wieder Fragen gestellt, in denen es um die frühe Kindheit und die Beziehung zum Vater ging. Beispielsweise, ob er zusammen mit dem Vater in der Badewanne war. Was man gemacht habe. „Wellen“, habe er da geantwortet. Also mit dem Körper auf dem Badewannenboden so lange hin- und hergerutscht, bis das Wasser oben überschwappte. Kurzum: Der Sohn habe nie an eine Übergriffigkeit des Vaters gedacht. Und die anschließenden Monate hat man in der Psychotherapie auch nie darüber gesprochen. Stattdessen stand im Abschlussbericht: „Es wurde versucht, die belastenden Lebensumstände zu eruieren.“ – Oder auf Deutsch: Außer Spesen nix gewesen.

Es ist wohl klar, dass ein Kind in seiner Naivität nicht immer von sich aus weiß, was richtig ist. Ich wäre auch mit 10 Jahren am Strand am liebsten nackt herumgelaufen. Weil ich nasse, auf der Haut klebende Badeanzüge doof fand. Damals wusste ich auch nicht, warum mich jemand anschauen sollte. Oder warum jemand Fotos von mir machen sollte, die er später ins Internet stellt und mit erniedrigenden Kommentaren überzieht. Ich will damit sagen: Ein Kind kann begreifen, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn es vergleichen kann. Wenn es mal Geheimnisse gab, die doof waren, dann versteht ein Kind, was schlechte Geheimnisse sind. Aber woher soll ein Kleinkind wissen, was zum Wickeln üblicherweise dazugehört und was nicht? Und entsprechend speichert das Kind das auch nicht als „unüblich“ ab.

Als er später Dinge als falsch bemerkte, wusste er nicht, wie er sich gegen die Übermacht des Vaters wehren sollte. Zum Beispiel beobachtete er fast jeden Abend, dass die jüngere Schwester sich beim Vater, der auf dem Sofa saß und Fußball schaute, quer über die Beine legte und sich am Rücken kraulen ließ. Völlig normal, würde ich sagen. Macht Helena auch, wobei sie sich noch lieber am Kopf kraulen lässt als am Rücken. Der Vater bekam regelmäßig eine Erektion und hat das Kind rhythmisch gegen sein Becken gedrückt. Beim Kraulen. Nicht normal, sondern einfach nur widerlich.

Er erzählte, dass er noch nie mit einer Frau intim geworden ist. Ja, im Bett gelegen, geschmust, gefummelt, das war okay. Aber auch beim Masturbieren kann er sich dort nicht anfassen. Selbst beim Pinkeln fasst er sein bestes Stück nur durch den Stoff der Unterhose oder ähnliches an. Wenn er sich selbst oder eine Frau ihn berührt, dürfe sein Penis nicht nackt sein. Das habe die Partnerin, die sich kürzlich von ihm getrennt hat, natürlich nie verstanden. Er hat es ihr auch nie erklärt. Er habe noch nie zuvor mit jemandem darüber gesprochen. Sondern, wie gesagt, nur im Internet darüber geschrieben.

Jetzt, wo er wisse, was los ist, gebe plötzlich alles einen Sinn. Wie Puzzleteile, die sich zusammenfügen. „Ich hoffe, du siehst mich nicht als Versager.“ – „Als Versager?“, fragte ich entsetzt. Und fragte: „Mich würde interessieren, ob du heute Sexualität genießen kannst. Oder ob das für dich, entweder seit jeher oder seit jetzt, wo du um die Dinge weißt, etwas Belastendes ist. Ich stelle mir gerade vor, wie sich hormonelle Gegebenheiten auf der einen Seite und ein innerer Konflikt auf der anderen Seite duellieren.“ – „Das ist unterschiedlich. Wenn ich völlig frei sein darf, hemmungslos, dann erlebe ich so schöne Gefühle, die ich nicht missen möchte. Sobald mich aber jemand unter Druck setzt oder mein Ding in die Hand nimmt, ist es vorbei. Und weil das zum Vorspiel gehört, kommt es nie zum eigentlichen Akt.“ – Ich sagte: „Vor allem, wenn deine Partnerin davon nichts weiß.“

Er schaute mich an und sagte: „Ja. Da hast du wohl nicht ganz Unrecht. Allerdings habe ich bei meiner letzten Partnerin erst später gemerkt, dass ich mich ihr nicht öffnen kann. Und warum ich das Problem überhaupt habe, weiß ich ja erst seit einigen Monaten.“ – „Vielleicht sind das aber auch die besten Voraussetzungen, dass es beim nächsten Mal jetzt besser laufen wird.“ – „Meinst du, ich habe noch eine Chance?“ – Sicher hat er die. Und ich habe ihm eine Psychotherapie empfohlen. Nicht nur, weil ich auf die ganzen Fragen, die jetzt in seinem Kopf sind, keine Antworten habe. Sondern weil ich dafür einfach nicht kompetent bin. Zuhören, ja. In den Arm nehmen, unbedingt. Er darf auch nach wie vor bei mir pennen. Auch in meinem Bett. Aber sein Problem kann er nur selbst lösen und vermutlich auch nur mit professioneller Hilfe. Nach immerhin fast 40 Jahren Irrfahrt sehe ich Land. In weiter Ferne.

Reitstunden

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Vor etwa vier Monaten bekam ich eine E-Mail, ob jemand Helena damit eine Freude machen würde, wenn er ihr Reitstunden bezahlt. Auch wenn das mit Sicherheit lieb gemeint ist, es fehlt hier nicht an Geld. Und ich möchte keine persönlichen Bindungen zu Menschen, die mich nur über meinen Blog kennen. Umso erschrockener war ich, als ich in der letzten Woche 250 Euro auf meinem Girokonto gutgeschrieben bekam. Von einer mir unbekannten männlichen Person. Verwendungszweck: „Mein Anteil an der Reitbeteiligung.“

Kann sich jemand vorstellen, dass mir beinahe mein Handy aus der Hand gefallen wäre, als mir die Handy-App diesen Zahlungseingang vermeldete und ich den sofort mit dieser E-Mail verknüpfte? Ich habe wirklich einen Moment lang überlegt, wie das sein kann. Meine private Kontonummer sollte eigentlich niemand kennen. Dann habe ich versucht, herauszubekommen, wer das ist. Habe den Namen in eine Suchmaschine eingegeben und bekam eine große Anwaltskanzlei in Hamburg ausgespuckt. Merkwürdig.

Ich suchte die alte E-Mail noch einmal heraus und stellte fest, dass das ein ganz anderer Name war. Gut, das muss nichts heißen, aber in der Mail wurde ein süddeutscher Ort erwähnt und eine Abfrage der IP-Adresse ermittelte einen Einwahlknoten in genau dem Ort, den derjenige auch in der Mail genannt hatte. Also rief ich diese Anwaltskanzlei an. Klären musste ich das ja so oder so. Als ich schilderte, dass ich Geld für Reitbeteiligung auf meinem Konto gutgeschrieben bekam, sagte die Mitarbeiterin: „Das ist etwas Privates. Ich stelle Sie mal durch.“

Ende vom Lied: Papa lebt in Scheidung, ist verplant, hat seiner Tochter versprochen, sich mit 250 Euro an ihren Reitstunden zu beteiligen, hatte keine IBAN, sondern nur Bank und Kontonummer – und dann ist wohl im IBAN-Rechner irgendwas verkehrt gelaufen. Die Namen der Kontoinhaber werden heute wohl nicht mehr abgeglichen, und so hatte ich Geld auf meinem Girokonto, das überhaupt nicht für mich bestimmt war. „Wenn Sie mir 240 Euro zurücküberweisen, wäre ich Ihnen dankbar. 10 Euro Bearbeitungsgebühr dürfen Sie einbehalten. Danke, dass Sie sich gemeldet haben.“