Diskriminierung

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Über die jüngste Diskriminierung am Arbeitsplatz habe ich auch auf Twitter geschrieben und darauf über 1.500 persönliche Reaktionen und weit über 20.000 aufmunternde Likes bekommen. Laut dem Dienst „Nindo“, der die Reichweite größerer Socialmedia-Kanäle misst, gehört mein Twitter-Account in den letzten Monaten nahezu täglich zu den 100 reichweitenstärksten deutschsprachigen Kanälen, bei alleiniger Betrachtung der „Likes“ ist er sogar unter den Top 50 und heute beispielsweise noch vor meiner geschätzten Kollegin „Schwesterfraudoktor“ und Luisa Neubauer, Ralph Ruthe, Bastian Schweinsteiger, Sascha Lobo sowie Borossia Dortmund. Allerdings auch weit hinter Jan Böhmermann, Karl Lauterbach und Christian Drosten.

Der Vor- und Nachteil von Twitter ist, dass ein Austausch umfangreicherer Statements kaum möglich ist, da alle Nachrichten auf wenige Zeichen begrenzt sind. Und Antworten auf Antworten irgendwo im Kleingedruckten verschwinden. Zu weit weg, um als wichtiges Statement gelesen zu werden. Manche Dinge bedürfen aber unbedingt eines Statements. Zum Beispiel – aus dringendem Anlass – der Umgang mit Diskriminierung. Es brennt mir schon seit einiger Zeit unter den Nägeln.

Diskriminierung ist Scheiße. Ich glaube, das müssen wir nicht diskutieren. Im Zweifel möchte ich darüber aber auch nicht diskutieren.

Diskriminierung bedeutet immer Ausgrenzung und funktioniert nur über Separation. Eine diskriminierende Person versucht mit persönlicher Übermacht (ob sie tatsächlich besteht oder nur suggeriert wird, ist belanglos), jemanden an den gesellschaftlichen Rand zu drängen. Und damit ist eigentlich auch schon die Frage beantwortet, wie wir auf Diskriminierung reagieren sollten: Mit Zivilcourage. Indem wir uns mit der diskriminierten Person solidarisieren und der diskriminierenden Person signalisieren, dass ihr Versuch des Wegdrängens an den Rand von der Mehrheit der Gesellschaft eben nicht toleriert oder gar geteilt wird.

Dazu ist oft noch nicht mal ein Einmischen erforderlich. Ein bloßes „ich habe dich im Auge“, das Aufsuchen der Nähe der diskriminierten Person oder freundliches Ansprechen der diskriminierten Person reichen meistens völlig aus.

Was allerdings sehr schwierig ist, und das fällt mir immer wieder auf, ist, wenn jemand auf Diskriminierung wiederum mit Diskriminierung antwortet, also beim „Helfen“ selbst Personen ausgrenzt, im schlimmsten Fall sogar noch unbeteiligte.

„Wer sich über deine Körperbehinderung lustig macht, hat selber eine Behinderung, und zwar eine geistige.“ – Nein. Ausdrücklich nein. Menschen mit geistiger Behinderung machen sich nicht über andere Menschen mit Behinderung lustig. Zumindest nicht mehr als Menschen ohne geistige Behinderung. Vielmehr erlebe ich Menschen mit geistiger Behinderung sehr häufig als sehr freundlich, zugewandt und hilfsbereit.

„Wer sich über deine Behinderung lustig macht, sollte sich stets vor Augen führen, dass ihn im nächsten Moment auch das Schicksal treffen könnte und er durch einen Unfall im Rollstuhl sitzen muss.“ – Nein. Ich bin ein total glücklicher Mensch. Ich fühle mich nicht als Opfer des Schicksals (die meisten anderen Menschen, die ich kenne, übrigens auch nicht), sondern ich kann meine Beine nicht bewegen und bewege mich deshalb in einem Rollstuhl fort. Ich mache einige Dinge anders, weil ich meine Beine nicht bewegen kann. Aber das ist keine Strafe und kein Schicksal, und ich möchte auch nicht, dass das so verstanden oder ich so gesehen werde.

„Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ – Dieses über 30 Jahre alte Zitat von Richard von Weizsäcker finde ich, wenngleich ich auf ihn ansonsten positiv zu sprechen bin, ganz schlimm. Es mag in die Zeit gepasst haben, heute passt es nicht mehr. Aus meiner Perspektive bin ich also jemand, dem ein Geschenk weggenommen wurde? Eine Bestohlene? Es ist etwas Schönes, nicht behindert zu sein, in Abgrenzung zu einer unschönen Behinderung?

„Diejenigen sollten nur mal eine Woche im Rollstuhl fahren, damit sie wissen, wie es sich anfühlt.“ – Nein. Nicht laufen zu können ist mehr als eine Woche im Rollstuhl zu sitzen und an irgendwelchen Treppen stehen zu bleiben. Es ist auch etwas völlig Anderes, wenn die Aktion zeitlich begrenzt ist. Und ich finde, es bringt viel mehr, einem betroffenen Menschen zuzuhören als etwas unbedingt am eigenen Leib erfahren zu wollen. Zumal es eben noch diverse andere Situationen gibt, die einfach davon nicht abgedeckt sind, dass jemand sich in einen Rollstuhl setzt oder sich eine Dunkelbrille aufsetzt und „blind“ spielt.

„Nur weil du nicht laufen kannst, heißt das ja nicht automatisch, dass auch dein Denken eingeschränkt ist.“ – Selbst wenn mein Denken eingeschränkt wäre: Wäre ich dann ein Mensch zweiter Klasse?

„Du konntest doch nichts dafür, dass dich jemand umfährt.“ – Selbst wenn das beim Skilaufen, auf dem Motorrad oder auf einer illegalen Drogenparty passiert wäre: Wäre ich dann ein Mensch zweiter Klasse?

„Was für ein Idiot, gleich zum Psychiater überweisen.“ – Nein. „Idiot“ ist ein (beleidigendes) Synonym für jemanden mit Intelligenzminderung, Menschen mit Intelligenzminderung machen sowas nicht. Zumindest nicht wegen ihrer Intelligenzminderung. Und Menschen mit psychischen Erkrankungen auch nicht. Das diskriminiert diesen Personenkreis.

„Konntest du da keine schmerzhafte Untersuchung machen? Oder mal so einen richtigen Einlauf?“ – Nein. Auch das wäre ein Ausnutzen von Macht und damit schlimm.

„Ich habe mit Behinderten gearbeitet, konnte viel von denen lernen und weiß, wie man mit denen umgehen muss.“ – Menschen mit Behinderung sind eigenverantwortliche Menschen, die eine Einschränkung haben und diese selbst kompensieren oder dabei technische oder persönliche Hilfe benötigen. Ich finde es ganz schlimm, wenn jemand versucht, „Experte“ über mich zu sein oder glaubt zu wissen, was ich brauche. So einen Eingriff in die Persönlichkeit des Gegenüber traut sich doch sonst auch niemand!

Ich wünsche mir, dass hierüber mehr nachgedacht wird und dass wir Diskriminierungen nicht mit Diskriminierungen beantworten, sondern mit dem Willen, niemanden auszugrenzen und Barrieren gemeinsam abzubauen.

Nicht gesagt

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Ich weiß, ich blogge inzwischen viel zu selten. Aber ich blogge noch. Auch wenn der Tag nur 24 Stunden hat: Manchmal bekomme ich es hin. Manchmal.

Ich muss mal wieder etwas aufschreiben, um es aus meinem Kopf zu entlassen. Ein Erlebnis von meinem Arbeitsplatz, das mich doch ziemlich aufgewühlt hat in den letzten Tagen. Ich bin immernoch im 3. Weiterbildungsjahr Pädiatrie in einer Kinderarztpraxis hier im Ort angestellt. Mein Chef (als Inhaber einer Weiterbildungsberechtigung) teilt sich die Praxisräume mit einer weiteren Kollegin, die ebenfalls Fachärztin für Pädiatrie ist.

Anfang dieser Woche sollte sich ein Kind erstmalig in der Praxis vorstellen. Die Mutter hatte sich telefonisch einen Termin geben lassen und dabei keine Wünsche geäußert, wer dieses Erstgespräch mit Anamnese und Untersuchung machen sollte. Zusammen mit der Mutter saß das Kind im Wartezimmer. Da mein Chef ohnehin immer viel zu tun hat, mache ich häufig diese eher etwas länger dauernden Termine. An dem Tag würde der Chef zudem etwas später kommen, da er sich noch um eine Familienangelegenheit kümmern musste.

Ich rief also das Kind mit Namen auf. Die Mutter guckte mich an, aber statt mit dem Kind zu mir zu kommen, nahm sie es auf den Arm, ging zur Anmeldung und sagte wörtlich: „Ich möchte mich noch einmal umentscheiden. Sie haben mir nicht gesagt, dass das eine Behinderte ist.“

Während unserer jüngsten Mitarbeiterin sichtbar alle Gesichtszüge entgleisten, antwortete eine ältere Mitarbeiterin mit der Frage: „Naja, ist das denn ein Problem für Sie?“

Und während ich erstmal dumm lächelnd im Flur stand, kam meine Kollegin aus ihrem Zimmer und wurde prompt gefragt: „Die Dame ist neu und möchte mit ihrem Kind nicht zu Frau Socke.“

Das war gar kein Problem: „Dann kommen Sie eben rasch mit zu mir. Gehen Sie schonmal vor, ich komme sofort.“ – Als die Mutter im Behandlungszimmer war, nahm ich mir die Kollegin zur Seite: „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder? Die Dame hat mich wegen meiner Behinderung abgelehnt.“ – „Naja, nicht jeder kann damit umgehen. Nehmen Sie es leicht, alles Andere bringt nichts.“

Der jüngeren Mitarbeiterin hinter der Anmeldung standen die Tränen sichtbar in den Augen: „Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt, oder?“

Tja. Natürlich habe ich mit meinem Chef darüber gesprochen, als er später wieder vor Ort war. Es gab auch ein Teamgespräch, um abzustimmen, wie wir künftig damit umgehen. Und noch schlimmer als die auslösende Situation fand ich, dass mein Chef sich mit seiner Kollegin nicht auf eine Linie einigen konnte und vor mir und den anderen Mitarbeitenden ausdiskutiert wurde, ob das Verhalten dieser Mutter nun diskriminierend sei oder nicht.

Dass die Bemerkung „Sie haben mir nicht gesagt, dass das eine Behinderte ist“ völlig unmöglich ist, darauf konnten wir uns einigen. Dass mein Wunsch auf ein geschlossenes Auftreten verständlich sei, auch. Aber wenn ein Patient mit dem Anblick meiner Behinderung überfordert sei, dann dürfe das sein persönlicher Grund sein, aus dem er nicht von mir behandelt werden möchte. Jeder dürfe immer ablehnen, die Gründe für die Ablehnung spielten keine Rolle. Und wenn ein Patient einen Behandler ablehnt, dürfen andere Kollegen ihn nicht verurteilen und von der ärztlichen Versorgung ausschließen. Erschwerend käme hinzu, dass es um das Kind ginge und nicht um die Mutter.

Ich wage nicht zu fragen, ob das noch genauso gesehen wird, wenn ein Patient laut sagen würde, dass er nicht von einem afrikanischen, jüdischen oder schwulen Arzt behandelt werden möchte. Klar, niemand ist gezwungen, sich von jemandem behandeln zu lassen, aber darum geht es mir nicht. Sondern: Wenn ich im Eisladen kein Eis kaufen möchte, weil dort eine Frau mit Kopftuch bedient und ich das nicht auf die Kette kriege, dann gehe ich dort nicht hinein oder gehe ohne großes Theater wieder raus. Ich gehe aber nicht hinein und fordere eine männliche deutsche Bedienung (ich kotz gleich). Mit der Begründung, dass ich von der anderen Kraft nicht bedient werden möchte, weil es sich um eine Frau mit Kopftuch handelt. Ich glaube, da würde ich hochkant rausfliegen – und das mit Recht.

Wir fanden keine gemeinsame Lösung. So bleibt mir nur, das wegzustecken und hoffen, dass sich solche Vorfälle bis zum Ende des Weiterbildungsjahres im Frühsommer nicht wiederholen. Wir sind noch lange nicht am Ziel.

Fristen und Kopien

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Ich kann nicht aufhören, immer wieder mit dem Finger darauf zu zeigen. Auch, wenn es nicht die Regel ist. Sondern die Ausnahme. Aber diese Ausnahmen kommen so häufig vor und sind so extrem, dass viele Menschen, die nicht damit zu tun haben, sich das überhaupt nicht vorstellen können.

Es geht um eine laufende Leistung des Jugendamts für Helena. Ich möchte ganz bewusst nicht auf Einzelheiten eingehen, weil es mir nicht um die fachliche (sprich: leistungsrechtliche) Diskussion geht. Die Leistung steht ihr zu, sie wurde bewilligt. Sie wurde nur bislang von der Behörde ihres alten Wohnorts bezahlt. Da Helena seit zwei Jahren nicht mehr am alten Wohnort (und nicht mehr in dem Bundesland) wohnt, ergibt sich automatisch eine neue Zuständigkeit.

Darauf sind wir im Mai telefonisch von der bisherigen Sachbearbeiterin aufmerksam gemacht worden. Wir müssten nichts unternehmen, wir sollten nur nicht lange abwarten, falls irgendwann kein Geld mehr auf dem Konto sein sollte. Dann hätte irgendwas bei der Umstellung nicht geklappt. Dann müssten wir bitte sofort bei der neuen Behörde nachfragen. Das sei jene neue Behörde, die ohnehin schon die ganze Zeit vor Ort zuständig war, bisher aber nicht für die Leistungen aufkommen musste. Wie auch immer.

Natürlich war im Oktober kein Geld auf dem Konto. Also habe ich die örtliche Behörde angerufen. Ich hätte ja keinen Antrag gestellt, von daher werde auch nichts gezahlt. „Die Leistung ist aber nicht zum 30.09. befristet worden und einen Aufhebungsbescheid habe ich auch nicht.“

Sie wollte sich kümmern. Drei Tage später hatte ich die Leistung auf dem Konto. Für November musste ich wieder nachfragen. Das sei untergegangen, wurde nachträglich überwiesen. Für Dezember kam wieder nichts. Man kümmere sich. Mitte Dezember hielt ich dann einen auf den 27.11. datierten Aufhebungsbescheid in den Händen. Die Leistung wird aufgehoben, weil sie nicht mehr benötigt wird. Keine weitere Begründung. Einfach mal so in den Raum gestellt.

Also meinen Anwalt angerufen. Er sagt: „Widerspruch einlegen, um Akteneinsicht bitten. In der Regel werden die Akten digital geführt und dir wird ein Ausdruck zugeschickt. Ansonsten dort hinfahren, Klappe halten, alle Blätter einmal durch den Kopierer schicken und dann schickst du mir das. Das wird billiger, als wenn ich mir die Akte in die Kanzlei hole. Und sollte der Widerspruch durchgehen, bleibt ihr mitunter auf den Anwaltskosten sitzen, weil es oft heißt, dass ein Anwalt im Vorverfahren nicht erforderlich war. Dann müssten wir die Kosten erst einklagen … ist einfacher so.“

Also Widerspruch eingelegt. Per Einschreiben mit Rückschein. Am 17.12. in einer Annahmestelle der Deutschen Post gegen Quittung eingeliefert. Der Rückschein kam nicht. Ich dachte mir: Das liegt wohl an dem hohen Aufkommen zu den Feiertagen, warte mal ab. Gestern habe ich die Sendungsverfolgung im Internet aufgerufen. Letzter Eintrag: „Am 17.12. eingeliefert.“ Na super.

Also alles nochmal ausgedruckt. Ich dachte mir: Bevor ich das jetzt nochmal mit der Post schicke und darauf vertrauen muss, dass das in den nächsten drei Tagen ankommt, schickst du es wenigstens vorab per Fax. Mein Arbeitgeber hat noch ein Faxgerät, also … Dauerbesetzt. Über Stunden ist beim Faxanschluss der Behörde nur das Besetzt-Zeichen zu hören.

Das wird ja auch Gründe haben. Bevor das also gar nicht ankommt, dachte ich mir, ich bringe es persönlich vorbei. Gegen Eingangsstempel. Öffnungszeiten des Rathauses nachgeschlagen, nichts gefunden. Normale Sprechzeiten sind klar, aber während der Pandemie? Auf gut Glück hingerollt, tatsächlich: Es ist offen. Ein Sicherheitsmitarbeiter fragt, ob ich einen Termin hätte. „Nein, ich möchte nur etwas abgeben.“ – „Können Sie da in den Briefkasten werfen.“ – „Ich hätte gerne einen Eingangsstempel, damit ich später nachweisen kann, dass es auch angekommen ist.“ – „Dann bitte die Hände desinfizieren und hinter die Linie stellen, bis Sie aufgerufen werden.“

Ich kam sofort dran. „Ich würde das gerne abgeben. Gegen Eingangsbestätigung.“ – „Kopie haben Sie dabei?“ – „Nein, leider nicht.“ – „Dann kann ich Ihnen das auch nicht bestätigen.“ – „Könnten Sie bitte hier eine Kopie davon ziehen und das auf der dann bestätigen?“ – „Nein.“ – „Wie, Sie haben keinen Kopierer hier?“ – „Doch, aber wir dürfen für Eingangsstempel nichts kopieren.“ – „Na kommen Sie, ich zahle die Kopie auch.“ – „Wir haben keine Kasse hier.“ – „Ich werfe was in die Kaffeekasse.“ – „Ich darf es nicht.“ – „Ich muss jetzt wirklich allen Ernstes als Rollstuhlfahrerin durch den ganzen Ort zurück, um eine Kopie zu ziehen?“ – „Sie hätten ja gleich eine mitbringen können. Sie wussten ja schon zu Hause, dass Sie eine Bestätigung haben wollen.“

Unfassbar. Wegen einer Kopie. Bevor ich nun 20 Minuten durch den Ort gurke, dachte ich mir, ich frag mal bei der Apotheke nebenan. „Entschuldigung, könnten Sie mir vielleicht eben eine Kopie machen?“ – „Wir sind kein Copy-Shop.“ – „Bitte. Ich bezahl sie auch.“ – „Wir sind kein Copy-Shop.“ – „Können Sie mir dann vielleicht sagen, wo ich eine Kopie machen könnte?“ – „Wir sind auch nicht die Auskunft.“ – Das ist derselbe Apotheker, der bei Veordnungen im dreistelligen Bereich auch noch einen einzelnen Cent kassiert und dafür einen 50-Euro-Schein wechselt. Ich weiß, das eine sind gesetzliche Vorgaben. Das andere wäre aber Kundenservice.

Also tatsächlich wieder zurück. Kopie gezogen. Wieder zum Rathaus zurück. „Bitte die Hände desinfizieren.“ – Als ich dran bin, sitzt eine andere Mitarbeiterin am Empfang. „Ich möchte das hier abgeben und brauche auf der Kopie bitte einen Eingangsstempel.“ – „Auf mitgebrachten Kopien machen wir grundsätzlich keine Eingangsstempel.“ – „Sondern?“ – „Sie können sich das abfotografieren.“ – „Das zählt aber nicht vor Gericht. Ich möchte bitte einen Eingangsstempel auf meiner Kopie.“ – „Ach, wollen Sie uns verklagen? Ich weiß ja gar nicht, ob die Kopie mit dem Original übereinstimmt. Also wenn, dann mache nur ich die Kopie. Ausnahmsweise. Normalerweise ist das nicht vorgesehen. So bitteschön.“

Noch unfassbarer. Aber immerhin hatte ich meinen Eingangsstempel. Draußen schaute ich noch einmal drauf. Nicht, dass sie mir da „Abgelehnt“ oder ähnliches draufgedrückt hatte. Ich traue Behörden ja inzwischen alles zu. Nein, war ein Eingangsstempel. Aber Moment … von morgen. Der Stempel hatte tatsächlich das Datum von morgen. Also noch ein drittes Mal wieder zurück. „Bitte Hände desinfizieren.“

„Ach, heute ist noch gar nicht der Neunundzwanzigste? Uppsi. Dann haben wir ja schon den ganzen Tag falsch gestempelt.“ – Ich habe mir jeden Kommentar verkniffen. Aber es ist natürlich super, falls es noch andere Menschen gibt, deren Fristen am 28. abgelaufen sind.

Erinnerung

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Ich könnte es auf das Jahr 2020 schieben, das ohnehin schon eine große Belastung für uns alle ist, ich könnte es aber auch sein lassen, denn sie hat sich gewiss nicht an Jahreszahlen orientiert: Maries Hündin ist heute gestorben.

Bis vor Weihnachten war sie noch verhältnismäßig lebhaft. Sie ist zwar lange schon keinen Bällen mehr hinterher geflitzt, aber ist durchaus gelaufen, hatte Spaß mit anderen Hunden auf ihren täglichen Gassirunden, hat mit denen auch immernoch gespielt. Sie ist auch ohne Leine hin und her getrabt, hat neugierig über jede Deichkrone schauen müssen und an jeder Ecke geschnüffelt. Sie hat bis zuletzt normal gefressen, hat sich für Leckerlis und Knochen interessiert, für ihr Spielzeug, hat sich kraulen lassen, hat unser Haus bewacht. An den Weihnachtstagen wirkte sie, rückblickend betrachtet, etwas müde. Aber wir waren alle etwas müde.

Heute morgen und heute Mittag war sie noch ganz normal draußen, nach dem Mittag hat sie sich auf ihrer Decke schlafen gelegt. Gegen 19 Uhr wollte Marie mit ihr noch einmal vor die Tür, kam in die Küche und sagte: „Was meinst du, ob ich alleine raus gehe?“ – Normalerweise versteht sie „raus gehen“ und kommt sofort angelaufen. Nö. Und dann: „Du, schau mal bitte. Wieso liegt sie hier so komisch?“

Sie war bereits kalt. Ich habe Marie erstmal in den Arm genommen. Marie wollte den Tierarzt haben. „Ich glaube, es ist mir wichtig, dass er nochmal drauf schaut.“ – Na sicher. Der Tierarzt kam auch sofort. Nach seiner Überzeugung ist sie sanft eingeschlafen. Eine Vergiftung schließt er aus. „Wie alt war sie?“ – „15 Jahre.“ – „Dann hat sie es sehr gut bei euch gehabt. Normalerweise werden die so 10 bis 12 Jahre.“

Seit ich Marie kenne, war die Hündin immer da. Es war uns allen klar, dass das eines Tages so sein würde. Helena ist sofort in Tränen ausgebrochen: „Sie war meine erste große Tierliebe.“ – Marie, die seit ihrem 13. Lebensjahr mit ihr zusammen ist, hat ihr gesagt: „Wenn sie uns jetzt so sehen würde, wüsste sie gar nicht, wem sie zuerst ihren Kopf auf den Schoß legen sollte. Das hat sie immer getan, wenn jemand traurig ist.“ – Helena: „Ich möchte, dass sie zurück kommt.“ – „Das wird nicht gehen. Ab heute lebt sie in deiner Erinnerung. Es wird eine Zeit brauchen, bis unsere Herzen das verstanden haben. Solange wird es weh tun, wenn wir an sie denken. Und so lange werden wir um sie trauern und um sie weinen.“