Eigene Tasche

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Helenas Krankenkasse hat sich in der letzten Woche beim Anwalt gemeldet. Weil die Krankenkasse Helenas Insulinpumpe zwar als notwendig anerkannt hat, sie dennoch aber nur zu einem kleinen Anteil bezahlen wollte, haben wir den Quatsch gleich zum Anwalt umgeleitet. Der hat erstmal die Kasse aufgefordert, ihm Akteneinsicht zu gewähren.

Nach sieben Wochen bekommt er – statt der Akte – ein Schreiben, in dem steht: „Wunschgemäß teilen wir Ihnen mit, dass uns vom [Lieferanten von Helenas Insulinpumpe] mitgeteilt wurde, dass Ihre Mandantin bereit wäre, die Differenz zum vereinbarten Vertragspreis aus eigener Tasche zu zahlen. Bitte teilen Sie uns mit, wie mit Ihrem Widerspruch weiter umgegangen werden soll.“

Der Lieferant sagt dazu: Ein solches Gespräch hat es niemals gegeben. Aber genau dieser Textbaustein sei ihm schon etliche Male untergekommen.

Und jetzt kommst du.

Schimmel

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Es gibt Themen in der Medizin, die finde ich besonders spannend. Und es gibt Themen, die finde ich sogar noch spannender. Derzeit bilde ich mich fünf Jahre lang fort im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin. Da lerne ich hin und wieder auch mal ein paar neue Dinge, und was meinen aktuellen Arbeitsplatz betrifft, kann ich auch nicht klagen, aber … Maries Mama hat vor einiger Zeit eine Einladung zu einem Workshop bekommen. Sie bekommt ständig solche Einladungen. Und in diesem Fall meinte Marie zu ihr: „Wenn du da nicht hin willst, lass das bloß nicht verfallen. Ich kenne jemanden, der leckt sich die Finger danach.“

So machte ich mich am Freitag auf den Weg. Nach rund fünf Stunden Zugfahrt kam ich pünktlich (ja, das halte ich für erwähnenswert) am Zielort an. Einen Rollkoffer vor mir hergeschoben, eierte ich durch den Bahnhof, bekam die richtige Bimmelbahn und fuhr bis fast direkt vor das Hotel. Checkte ein, mein Zimmer sollte im obersten Stockwerk sein. Und wie ich so am um die Ecke gelegenen Fahrstuhl wartete, sagte doch die eine Mitarbeiterin von der Rezeption lachend zu ihrer Kollegin: „Die Behinderte ist in zwei Minuten wieder hier. Wetten?“

Hm? Warum? Zimmer nicht gereinigt? Der vorherige Gast liegt noch im Bett? Die Schlüsselkarte passt nur zur Putzkammer? Der Aufzug fährt nicht ins oberste Stockwerk? Das Fenster liegt mitsamt seinem Rahmen im Hof? In der Badewanne schläft ein Krokodil?

Nein, ganz anders: Die Tür zum Bad und die Fläche neben dem Bett sind so schmal, dass ich gar keine Chance habe, dort hinein zu gelangen. Hochfloriger Teppichboden. Zum Fenster müsste ich krabbeln. Ich rolle also wieder nach unten. Sie erzählt mir, dass die barrierefreien Zimmer leider renoviert werden. Leider habe man beim Einbuchen der Reservierungen nicht darauf geachtet, dass ich ja ein barrierefreies Zimmer bräuchte. Ob ich auch mit diesem Zimmer klar käme, wollte sie wissen.

„Das fragen Sie mich ernsthaft, nachdem Sie gerade schon vorausgesagt hatten, dass ich in zwei Minuten wieder hier bin? Sie lassen mich hier mit dem Koffer durch das halbe Hotel fahren, obwohl Sie wissen, dass ich das Zimmer nicht nutzen kann und stellen sich jetzt auch noch doof? Werden Sie dafür von mir bezahlt?“ – Ich finde das ungeheuerlich. Die Dame zuckte mit den Schultern und sagte: „Dann müssen Sie sich halt ein anderes Hotel suchen.“

„Ja. Und jetzt hätte ich gerne meine Anzahlung zurück. Die Mehrkosten stelle ich Ihnen hinterher in Rechnung.“ – „Welche Mehrkosten?“ – „Das, was das andere Hotel jetzt mehr kostet. Plus die Taxifahrt dorthin. Kurzum: Der Schaden, der mir dadurch entsteht, dass Sie unseren Vertrag nicht erfüllen.“ – „Welchen Vertrag?“ – „Den in meiner Tasche. Von Ihnen schriftlich bestätigt. Ein barrierefreies Zimmer für zwei Nächte. Können Sie mir dann bitte noch vermerken, dass das bestellte Zimmer nicht verfügbar ist?“

Hat sie tatsächlich gemacht. Ein anderes Hotel, auf der anderen Seite der Stadt, hatte noch ein barrierefreies Zimmer frei. Für 133 Euro pro Nacht. Plus Frühstück. Das ist eigentlich nicht meine Preislage. Aber günstiger ging es nicht.

Nun hätte ich ja erwartet, dass das Zimmer sauber ist. Den Müll hat man sofort abgeholt, das Bett hat man auch noch sofort bezogen, die restlichen Reinigungsarbeiten könnten dann erst am nächsten Morgen stattfinden. Es heißt ja immer, dass bei denen, die am meisten meckern oder sogar einen Meckerblog schreiben, das eigene Zuhause noch viel schlimmer aussieht. Nee, Leute, ich würde mich schämen, wenn meine Bude so schimmelig wäre.

Ich muss jetzt ins Bettchen. Deshalb kann ich nichts mehr von dem Typen schreiben, dem ich da begegnet bin. Aber ich hole es nach. Versprochen.

Dieser Gammel hing im Rolli-Bad am seidenen Faden. Immerhin gibt es eine Warnung: Falls jemand mit dem Rollstuhl drankommt, sitzt er auf dem elektrischen Stuhl. Was wohl passiert, wenn jemand aus Versehen mit den Duschstrahl draufhält oder Kinder im Krabbelalter mitbringt...
Dieser Klappsitz in meiner Dusche war fast ganz sauber und hatte die Haare schön.
Ich vermute, dass ein einfacher Lappen mit Scheuermilch schon ausgereicht hätte, den Siff zu entfernen. Da soll ich mich anlehnen?
Das war der Fußboden im Bad, bevor mein Bett aufgeschüttelt wurde.
Das sind bestimmt die Fussel von seinen Tennissocken, die er zwischen den Zehen hatte, bevor er duschen ging.
Scheinbar wird an bestimmten Stellen nicht ganz so häufig gewischt. Oder der Lappen ist dann schon dreckig.
Nee, die Fußnägel gehören mir nicht.

Niedlich

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Wie niedlich!

Gestern bekam ich eine E-Mail, in der behauptet wurde, man habe mich beim Anschauen von Videos mit Erwachsenen-Inhalten, also P*rn*s, erwischt, indem man auf meinem PC einen Trojaner installiert habe. Dieser erzeuge und versende nun ganz lustige Split-Screen-Videos: Auf der oberen Hälfte des Bildes sei zu sehen, was ich mir da im Internet anschaue, auf der unteren Hälfte das Bild meiner Webcam. Und man habe mich und mein bestes Stück wirklich gut getroffen. Wenn ich nun verhindert wissen möchte, dass dieses Video an alle meine Kontakte gelangt, solle ich eintausend Dollar auf ein Bitcoin-Konto überweisen.

Soweit einleuchtend.

Leider schreibt der Mensch nicht, wieviel ich ihm überweisen muss, damit er mir auch mal dieses Video schickt. Ich würde so gerne mal mein bestes Stück sehen. Hoffentlich erschrecke ich mich nicht! Und ich habe schon immer gewusst, dass Monitore heimlich Videoaufzeichnungen machen können. Durch den Bildschirm sozusagen. Deswegen habe ich mir nämlich auch weder eine Webcam gekauft, geschweige denn eine angeschlossen.

Achso, dass ich hin und wieder masturbiere, habe ich schonmal erwähnt, oder? Ansonsten berichte ich nochmal kurz: Gestern abend vor dem Einschlafen zuletzt, vorgestern abend auch, davor allerdings vier Tage nicht. Deswegen war es vorgestern abend auch etwas heftiger. Ich erwähne das auch, falls die Split-Screen-Aufnahme von mir zu dunkel geworden ist. Das könnte ich mir vorstellen, nachdem unter meiner Bettdecke ja leider keine Lampe ist.

Um das jetzt nochmal etwas nüchterner zu betrachten: Mal angenommen, diese Mail würde inhaltlich stimmen und es würde ein Video geben, auf dem ich beim Masturbieren zu sehen bin, und das wäre in fremder Hand, dann würde mich das schon sehr beunruhigen. Nicht, weil ich daraus ein Geheimnis mache. Sondern weil ich keine Videos von mir im Umlauf haben möchte. Auch keine, auf denen ich nicht masturbiere. Aber ich würde dafür doch kein Geld durch die Gegend schicken und dabei naiv glauben, dass es damit erledigt wäre. Der wollte dann doch immer mehr und so etwas bekommt man doch nie mehr in den Griff!

Mal angenommen, diese Mail würde inhaltlich stimmen und ich wäre auf der Kontaktliste einer anderen Person, die damit erpresst wird, und ich würde so ein Video bekommen. Würde ich es mir ansehen? Vermutlich nicht. Vermutlich würde ich das gar nicht sehen wollen. Wäre es ein enger Freund, würde ich ihn vermutlich anrufen und ihm sagen, dass sowas im Umlauf ist. Bei allen anderen würde ich es vermutlich kommentarlos löschen und es von mir aus nicht erwähnen.

Einen Vorteil hätte so eine Trojaner-Welle allerdings: Aus dem Tabu würde quasi über Nacht eine total langweilige Sache werden. Weil morgen dann jeder wüsste, dass fast alle masturbieren, offiziell zwischen 80 und 90 Prozent, die Dunkelziffer dürfte aber bei etwa 120% liegen. Und dass die Mehrzahl der Männer und die Mehrzahl der Frauen sich erotische Bilder oder Filme anschauen. Ohne diesen Trojaner glauben doch bestimmt 120% der Menschen, die P*rn*-Industrie verdiene ihr Geld mit Brötchen backen. Oder?

Mehraufwandszuschlag

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Ich bin auch vor meinem Unfall immer mal zu Frau Sör gegangen. Ja, ich weiß, „Frau Sör“ ist flach, aber den Spruch habe ich von einem Kumpel, der an dieser Stelle immer wissen möchte, ob es eine „Frau Sör“ oder ein „Herr Sör“ war. Ohne weiteren Hintergrund, einfach des Wortspiels wegen. Er drückt sich damit und mit der erstmal erzeugten Verwirrung darum, so meine Vermutung, über eine neue Frisur Ge- oder Missfallen äußern zu müssen. Frau ist ja meistens und dann gerne begeistert, wenn Mann erkennt, dass einem am Kopf was fehlt. Und entzückt, wenn etwas Gewagtes einer wichtigen Person gefällt.

Bei mir wurde noch nie etwas gewagt. Ich bin farblos, kann einen Pferdeschwanz und unter einer Badekappe auch mal einen Dutt. Derzeit, also nachdem Frau Sör es mal wieder gerade geschnippelt hat, hängt mir das Gewächs bis knapp unter die Brustwarzen. Das unter den Armen ist etwas kürzer, nachdem ich es am letzten Freitag erst rasiert hatte.

Also: Vor meinem Unfall, da habe ich mich als 15 Jahre altes Mädchen hin und wieder mal von Mama zu Frau Sör schicken lassen. Und dann für einen Mädchen-Haarschnitt acht bis neun Euro bezahlt. Nach meinem Unfall waren es bei einer deutschlandweit vertretenen Kette genau zehn, dazu gab es eine Treuekarte, mit der der zehnte Besuch gratis war. Also für 11 mal Spitzen schneiden habe ich 100 Euro bezahlt, macht rund 9,10 Euro pro Schnitt.

Letzte Woche war ich, wie erwähnt, bei Frau Sör. Wieder nur Spitzen schneiden. Wieder dieselbe deutschlandweit vertretene Kette. Jetzt allerdings eine andere Filiale und jetzt allerdings mit Waschen und Föhnen. Hat genau 30 Minuten gedauert. Einschließlich drei Mal unterbrechen, weil das Telefon klingelte. Die Dame, die das bei mir macht, ist die stellvertretene Salonleitung. Gekostet hat es mich 61 Euro.

Okay, kein Vergleich zu den 9,10 Euro für einen „Mädchen-Haarschnitt“, aber 61 Euro für eine halbe Stunde Arbeit? Vor dem Jahreswechsel habe ich 45 Euro bezahlt, das fand ich schon grenzwertig. Jetzt haben die die Preise mal eben um 13 Prozent erhöht und dazu noch einen „Meister-Mehraufwands-Zuschlag“ in Höhe von 10 Euro eingeführt, der fällig wird, wenn Herr oder Frau Sör einen handwerklichen Abschluss hat.

Weil es ja mehr Aufwand bedeutet, wenn jemand mit Brief mir die Spitzen schneidet. Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin sehr dafür, dass eine Friseurin von ihrem Einkommen leben kann. Und tatsächlich soll ihr Gehalt wohl zum Jahreswechsel um rund 400 Euro brutto pro Monat auf 2.150 Euro angehoben worden sein. Was sie mir ganz stolz mit feuchten Augen erzählte. Und was ich gerechtfertigt finde und ihr auch sehr gönne, denn sie ist sehr korrekt und sehr fleißig. Das heißt: Sie bekommt etwa 1.500 Euro netto überwiesen.

Um auf diese Summe zu kommen, müsste sie pro Monat 36 Frauen bedient haben. Das dürfte sie in einer Woche schaffen. Ich weiß, was ein Ladengeschäft kostet – brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber wir reden über 30 Minuten Haare schneiden. Wenn ich jemanden eine halbe Stunde auf der Straße reanimiere, ihm einen Zugang lege, ihn in Narkose setze, ihm einen Beatmungsschlauch in die Lunge lege und ihn bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes mit Herzdruckmassage und Beutelbeatmung über Wasser halte, darf ich ihm dafür anschließend rund 50 Euro in Rechnung stellen. Ich glaube, dann schneide ich dem Nächsten lieber die Haare.

Ich will nicht meckern. Eine Assistenzärztin im Krankenhaus bekommt im ersten Jahr laut Tarif zwischen 2.500 und 2.700 Euro netto monatlich ausgezahlt. Dazu kommen hin und wieder Schicht-Zulagen. Und oft besteht in Kliniken eine solche Personalknappheit, dass man mit etwas Geschick auch als Anfänger einige hundert Euro mehr raushandeln kann. Genug Geld, um nach Frau Sör auch nochmal Herrn Sör, Herrn Maniküre, Frau Pediküre, Frau Walküre und die Stadt Küre in Nord-Anatolien zu besuchen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass hier ganz offensichtlich die Gehaltserhöhung dazu benutzt wird, den Kunden im Verhältnis noch mehr Geld aus dem Kreuz zu leiern, um denjenigen die Taschen vollzustopfen, die vermutlich noch nie Kamm und Schere in der Hand gehabt haben. Während Frau Sör jahrelang gerade so eine Großstadtmiete bezahlen konnte.

Und fände ich meine Frau Sör nicht so sympathisch, würde ich irgendwo hinrollen, wo nicht der Name einer großen Kette an der Eingangstür klebt.