Atomlocken

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Jaja, sollen mich ruhig alle meine Probleme für lächerlich erklären. Sie haben mich in der letzten Nacht stundenlang verfolgt! Ich rede schreibe von übergroßen Erdnussflips.

Ja, ich bin heute schon genug ausgelacht worden. Das ist aber weniger witzig. Ich hatte in der letzten Nacht einen Alptraum, der mich völlig durchgeschwitzt und total verstört hat aufwachen lassen.

Ich hatte vor dem Einschlafen überlegt, dass ich auf jeden Fall noch in den Supermarkt muss, um Süßigkeiten für Halloween zu kaufen. Und irgendwann muss ich im Süßwarenregal mal etwas gesehen haben, was ich in meinen letzten Traum eingebaut habe. Ich war in einem Chemielabor in meiner Uni und musste einen Nachweis über einen Krankheitserreger erbringen. Plötzlich war ich alleine in diesem Labor und obwohl davon vorher nie die Rede war, galt der Krankheitserreger als nachgewiesen, wenn Erdnussflips anschwellen. So ein Schwachsinn! Aber diese Dinger vermehrten sich dann auch noch und ich hatte größte Angst, mich mit irgendeinem Scheiß zu infizieren. Radioaktiv sollten sich auch noch sein. Ich bin in Panik durch dieses Labor getobt, überall waren diese komischen mutierten Erdnüsse, und ich kam nicht raus. Ich weiß nicht, was ich alles ausprobiert habe, aber es ließ sich kein Fenster und keine Tür öffnen. Mein Handy war leer – unglaublich.

Ich habe Ängste ausgestanden, mich im Bett gewältzt, wie üblich bei Alpträumen alles vollgepinkelt, laut geschrien … und wurde erst wach, als jemand an meine Tür wummerte. Meine erste Handlung war ein Blick unter das Bett: Nein, keine Erdnussflips.

Als ich dann tatsächlich vor dem Supermarktregal stand, wusste ich, wovon ich geträumt hatte. Es waren zwar keine Flips, sondern überdimensionierte Locken. Angst habe ich jetzt vor denen aber trotzdem:

Aura und Spielverderber

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Diese letzten 24 Stunden hätten gerne anders verlaufen dürfen. Was für ein schräger, heftiger und vor allem unheimlicher Mist!

Irgendwelche Typen, die ich nicht kenne und vermutlich noch nie in meinem Leben gesehen habe, warfen mir aus heiterem Himmel und ohne einen Zusammenhang auf dem Nachhauseweg vor, ich hätte an mindestens drei Tagen durch drei verschiedene Handlungen, die sie aber erstmal nicht näher benennen wollten, Cathleen sexuell belästigt. Ich dachte mir so: Das lässt sich ja ganz schnell klären, fragen wir doch Cathleen selbst, die rollt zehn Meter hinter mir.

Cathleen sagt dazu gar nichts, auf einmal haben diese Leute ein Buch in der Hand, Ringheftung, A5, etwa 250 Seiten, drinnen kariertes Papier, mit blauem Kugelschreiber beschrieben. Ein Tagebuch, in dem viel geschrieben und viel gemalt ist. Mehrere Einträge beschreiben eine sexuelle Belästigung durch mich. Einzelne Zeichnungen sind vorhanden, die ich auf die Schnelle, in der ich das unter die Nase gehalten bekomme, nicht entschlüsseln kann.

Ich erinnere mich komischerweise an diese einzelnen Handlungen, die dort beschrieben sein sollen, und verstehe komischerweise auch, dass Cathleen diese als sexuelle Belästigung versteht. Ich bin mir unsicher, wie ich reagieren soll. Ich habe ein total schlechtes Gewissen und würde das alles gerne mit Cathleen unter vier Augen klären, aber dafür sei es zu spät, Cathleen lehnt es auch selbst ab, mit mir alleine zu reden. Sie habe Angst vor mir.

Was folgt, sind gefühlte drei bis vier Stunden tiefste Hölle. Ich weiß, dass ich irgendwas verbotenes getan habe, das sagt mir mein schlechtes Gewissen, ich weiß nicht genau, was, und irgendwie gibt es absolut keine Lösung. Es gibt keine Ansätze, keinen vernünftigen Dialog, über Stunden immer wieder dieselben Vorhaltungen durch diese Typen, die ich nicht zuordnen kann.

Vermutlich waren diese drei bis vier Stunden nur wenige bis zwanzig Minuten und dass wir alle auf dem Weg zu meinem früheren Elternhaus waren, fällt mir erst auf, als ich schweißgebadet und angepinkelt aufwache. Was für ein bescheuerter Alptraum! Lange hatte ich keinen, zumindest erinnere ich mich nicht daran, dafür war dieser mal wieder umso heftiger. Ich hatte einige Mühe, mich und meine Gedanken erstmal zu ordnen, mich kurz zu duschen, mir trockene Sachen anzuziehen und mich auf den Weg zu Cathleen zu machen.

Es war kurz vor neun Uhr, um neun wollten wir ohnehin aufstehen, weil für heute eine Trainingseinheit angesetzt war, ich klopfte an Cathleens Zimmertür, durfte rein, erzählte Cathleen, was passiert war, und sie war total lieb zu mir. Sie meinte, ich hätte sie geweckt und sie wollte noch zehn Minuten im Bett bleiben, ich solle mich zu ihr legen und erzählen. Und dann hat sie mich die ganze Zeit in den Arm genommen und mir über den Kopf gestreichelt und mir ein paar Mal einen Kuss auf die Wange gegeben und mehrmals gesagt, dass das nur ein böser Alptraum war und sie sich mit mir und meiner Nähe absolut wohl fühle. Ist mir eigentlich ja auch klar, aber nach so einem Erlebnis brauche ich das noch einmal intensiv bestätigt.

Ich frage mich, welches schlechte Gewissen mich da gequält hat. Welche Gedanken oder unverarbeiteten Erlebnisse dahinter stecken, wenn ich so einen Mist träume. Keine Ahnung. Richtig unheimlich und kurios wird es aber erst noch.

Um 11 Uhr kamen wir beim Training an, es stand Schwimmen auf dem Programm und es sollten vor allem Ausdauer und Technik unter erschwerten Bedingungen (es war recht windig) geübt werden. Da wir nur 15 Grad Lufttemperatur haben und das Wasser auch nicht viel wärmer ist, wurde mit Neo geschwommen.

Es gibt bei uns im Verein jemanden, männlich, um die 30, der steht auf Popos in Neos. Ist ein total lieber Kerl, hat aber diesen Faible. Es Spleen zu nennen, wäre zu hart, denn er geht offen damit um und ist nicht platt und primitiv, sondern sehr schmeichelhaft und respektvoll. Man kann darüber diskutieren, ob es manchmal etwas nervt, aber für mich ist es insgesamt okay. Die Konversation beschränkt sich nicht nur auf dieses eine Thema, man kann sich auch sehr gut über andere Dinge mit ihm unterhalten und er ist auch immer sehr interessiert. Er begrüßt alle Mädels immer sehr herzlich mit fester, enger Umarmung. Ich bin mir sicher und ich fühle, dass seine Zuneigung nicht nur durch seinen Faible begründet ist. Ich kenne ihn jetzt seit über zwei Jahren und mir (und auch einigen anderen Mädels in meinem Alter) macht es einfach großen Spaß, mit ihm rumzuflirten und rumzushakern, ihm den Kopf zu verdrehen … ich habe mich noch nie unwohl dabei gefühlt. Mir gefällt die Aufmerksamkeit, die er mir schenkt. Ich glaube, er ist Dauersingle und ich schätze, er will daran auch nichts ändern. Eine über eine lockere Freundschaft hinaus gehende Beziehung kommt für mich nicht in Frage, um diesen Gedanken gleich abzuwürgen.

Heute saßen wir im Gras und waren dabei, uns in den Neo zu zwängen. Es ist klar, dass, wenn der Typ daneben sitzt, ich meinen Neo nicht alleine über meinen Po kriege, sondern Hilfe brauche. In der Tat geht es mit Hilfe sehr viel einfacher. Wir alle könnten auch Tatjana fragen oder uns gegenseitig helfen, aber wie gesagt, ich finde seine Aufmerksamkeit schmeichelhaft, ihm gefällt es, uns zu helfen – eigentlich müsste ich mich dafür nicht rechtfertigen.

Oft klettern wir über einen auf Pontons schwimmenden Holzsteg mit Rampe zum Ufer ins Wasser, weil wir dann mit den Rollis direkt bis an die Wasserkante fahren können. Dann setzt man sich mit dem Po auf den Steg und lässt sich ins Wasser plumpsen gleiten. Meistens muss man aber im Wasser nochmal seine Badekappe, Schwimmbrille, Zopfgummi, Haarklammer, whatever, richten und da der See an der Stelle bereits tief ist, bräuchte man dafür nun seine Beine. Man kann schlecht mit beiden Händen an der Badekappe rumfummeln und gleichzeitig nicht untergehen.

Nun gibt es natürlich Tricks. Man könnte das erledigen, bevor man ins Wasser rutscht, man könnte sich mit einer Hand am Steg festhalten und mit der zweiten Hand das Problem lösen, man könnte kurz untertauchen, das Problem lösen und wieder auftauchen … oder ich bitte halt jemanden, vorzugsweise den besagten Typen, ob er mich kurz festhalten kann. Also sich mit einer Hand am Steg festhalten und mich mit der anderen Hand so fest an sich randrücken, dass ich nicht untergehe. Das zu fragen, ist nicht unüblich, normalerweise würde ich halt Cathleen oder Yvonne oder Marie fragen. Dass ich (und andere) vorzugsweise den besagten Typen frage, gehört einfach zu dem ganzen Spielchen dazu.

Man kann auch fragen, ob er einmal fühlen kann, ob der Reißverschluss richtig zu ist oder am Po alles richtig sitzt. Wir haben auch schonmal ausprobiert, wie man sich gegenseitig im Wasser zieht, wir haben am Strand ausprobiert, wer stärker ist und sahen aus wie die panierten Schnitzel … es macht einfach Spaß.

Heute nun begannen die Frauen mit dem Training, die Männer blieben zurück, da wir nicht dasselbe trainieren und unterschiedliche Trainer haben (nur meistens zur gleichen Zeit vor Ort sind), habe ich mich nicht weiter darum gekümmert. Als wir nach unserer Einheit wieder am Steg waren, waren die Männer noch beschäftigt, nur sah ich unseren Typen nicht mehr dazwischen. Ich fragte meine Kolleginnen, aber die waren auch ratlos. War der abgesoffen? Eher unwahrscheinlich.

Nein. Er saß, sichtlich mitgenommen, an einem dort festinstallierten Holztisch, neben ihm drei Typen aus unserem Verein, allerdings aus einer völlig anderen Sportart und mir auch nur vom Sehen bekannt. Irgendwas war da vorgefallen, das hatte ich im Gefühl. Er schaute zwar zu uns herüber, verzog aber keine Miene. Mir kam das komisch vor, also beschlossen Cathleen und ich, dorthin zu fahren.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte ich ihn. Er nickte, der eine Typ, ein Fußgänger, Ende 30, Cargohose, sportliches Oberhemd, fuhr mich an: „Wir haben hier ein Gespräch, könnt ihr uns mal alleine lassen?“

Na sicher. Wir waren schon fast wieder weg, als ich unseren Neoliebhaber sagen hörte: „Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Immerhin geht es indirekt um sie.“

Das war der Moment, in dem sich Cathleen und ich wie abgesprochen wieder umdrehten und zurück rollten. „Wenn es um uns geht, möchte ich wissen, was hier los ist. Haben wir was falsch gemacht?“ – Der Typ mit der Cargohose antwortete und forderte uns dabei quasi mit einem Nicken auf, uns wieder zu entfernen: „Nein, nein, alles in Ordnung. Wir unterhalten uns hier nur mal.“

„Hier stimmt doch was nicht“, sagte ich und wandte mich zu unserem Neoliebhaber. „Können wir dir irgendwie helfen? Wenn es was mit uns zu tun hat, möchte ich wissen, was hier besprochen wird.“ – Cathleen fügte hinzu: „Ich auch.“

Bevor der Cargohosen-Typ noch was sagen konnte, Luft hatte schon geholt, antwortete unser Neoliebhaber: „Ich werde hier gerade zusammen gefaltet, weil ich euch zu nahe komme.“ – Der Cargohosen-Typ räusperte sich übertrieben laut und funkelte den Neoliebhaber an. Es wurde interessant, jedoch auch sehr unheimlich, denn ich fühlte mich gerade sehr an meinen letzten Alptraum erinnert. Ich spürte, dass Cathleen mich von der Seite ansah. Ich sagte: „Waaas?! Was soll das denn?! Wieso solltest du uns zu nahe kommen und wieso redet man nicht erst mit uns, bevor man das Thema aufgreift?“

„Man findet, ich hätte wegen meines Alters und meiner langen Gruppenzugehörigkeit eine Vorbildfunktion. Dieser werde ich nicht gerecht. Mir wird vorgeworfen, dass ich jungen Mädchen an den Po fasse, dass ich mich benehme wie ein 15jähriges Kind und mich mit euch im Sand raufe und dass ich … [eine 23jährige Rollstuhlfahrerin] eine Woche lang in meinem Gästezimmer hab schlafen lassen, weil sie Stress zu Hause hatte.“

Ich sagte: „Das ist doch wohl nicht euer Ernst. Ich distanziere mich davon, ich kann auf mich alleine aufpassen. Es hat zu keinem Zeitpunkt irgendeine Handlung von dir gegeben, mit der ich nicht einverstanden war. Um die meisten Dinge habe ich dich ja sogar gebeten. Das würde ich notfalls auch noch schriftlich bestätigen.“ – „Ich auch“, sagte Cathleen.

„Darum geht es nicht“, antwortete der Typ in der Cargohose. „Es geht um das sexualisierte Klima, das durch ihn hier verbreitet wird. Er ist einfach alt genug, um dem wiederstehen können zu müssen, wenn junge Mädchen ihm schöne Augen machen.“

„Sag mal, habt ihr Komplexe oder was?! Das ist jawohl nicht euer Ernst! Sexualisiertes Klima. Für mich ist er eine große Hilfe. Ob er das aus sexuellen oder freundschaftlichen Motiven macht, ist mir scheißegal, solange er mich respektvoll behandelt und meine Grenzen beachtet. Beides ist der Fall und ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sich davon gestört fühlt, wenn wir fünf Minuten miteinander rumshakern.“

„Wir wollen diese Athmosphäre bei uns nicht haben.“ – „Bei uns? Ihr gehört doch überhaupt nicht zum Triathlontraining dazu! Hat der Vorstand euch geschickt?“ – „Der sieht das genauso.“ – „Hat er euch geschickt? Ich ruf den jetzt an.“ – „Nein, hat er nicht.“ – „Dann schlage ich vor, dass wir das Thema in einer großen Runde hier vor Ort klären mit allen irgendwie Beteiligten, und den Vorstand dazu einladen. Ihr werdet selbstverständlich auch eingeladen, wobei ich aber im Moment nicht weiß, in welcher Funktion oder Rolle.“

„Das wird man dir dann sicherlich erklären“, sagte der Cargohosen-Typ patzig. Letztlich wollten die drei dieses Treffen aber dann doch nicht und zogen ziemlich schnell von dannen, als immer mehr Leute dazu kamen und teils mit offenem Mund hörten, was hier gerade abging. Dem Neoliebhaber war das alles nur noch peinlich und er meinte: „Ich glaube, ich brauche hier nicht mehr aufzutauchen.“

Stimmt nicht. Keiner der Anwesenden, weder Jungs noch Mädchen, sahen das so. Auch die beiden Trainer waren eher von dem Besuch irritiert als von unserem Geflirte. Ich weiß nicht, was das Theater dieser Spielverderber sollte. Ich weiß nicht, wieso ich vorher sowas geträumt habe. Ich weiß aber, dass mir ohne diesen Neo-Typen definitiv etwas fehlen würde und ich kann nicht verstehen, warum man uns nicht einfach unseren Spaß lassen kann. So viel Spaß wie vorher werden wir vermutlich eine lange Zeit erstmal nicht mehr haben können.

Schlechter Mensch

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Ich weiß nicht, warum ich zu Fuß unterwegs bin. Mir fällt auch erst an der Ampel ein, dass ich gar keinen Rollstuhl dabei habe. Ich stehe an einer Fußgängerampel am Schulterblatt (so heißt eine Straße im Bezirk Sternschanze), will auf die andere Seite, zur Sparkasse. Weit und breit ist kein Auto, aber die Stinkesocke ist ja brav und wartet auf grün. Auch wenn sie gerade von der Polizei verfolgt wird und die beiden Uniformierten immer dichter kommen. Ein seltsames Katz-und-Maus-Spiel.

Dann endlich wird die Ampel grün. Drüben, am Geldautomaten, klicken die Handschellen. Die Polizisten lassen den Beweis, dass ich gerade mit meiner Karte Geld abhebe, nicht gelten, sondern glauben trotzdem, dass ich kurz zuvor eine Bank überfallen hatte. Ich muss mit. Zum Glück sind wir drei ganz alleine auf dem Schulterblatt, so dass niemand diese peinliche Situation miterlebt: Stinkesocke wird zu Fuß von zwei uniformierten Bullen wie eine Sau durch die Schanze getrieben.

Ich hoffte, niemand würde merken, dass ich in Wirklichkeit einen Rollstuhl brauche. Wie sieht denn das aus, wenn eine junge Frau mit Behinderung sich einfach mal so erlaubt, ohne ihren Rollstuhl von zu Hause loszugehen! Unseriös, oder?! Und Unseriösität ist das, was ich im Moment am wenigsten gebrauchen konnte. Denn irgendwie musste ich die Polizei gerade davon überzeugen, dass ich nicht die bin, die sie suchen.

In Wirklichkeit ging es gar nicht um einen Bankraub. Die beiden Uniformierten brachten mich zu einem Schrebergarten. Ich habe keine Ahnung, wieso wir plötzlich dort waren, aber das war eindeutig der Schrebergarten meiner Großeltern. Die waren aber nicht da, sondern eine Kriminalbeamtin und ein Kriminalbeamter, der sich mit mir unterhalten wollte. Die Holzhütte, die sonst hinteren Drittel des Gartens stand, stand jetzt direkt am Eingang hinter der Hecke. Sie war abgebrannt und plötzlich wusste ich wieder: Ich hatte sie angesteckt.

Ich weiß nicht warum. Aber ich wusste, dass ich es gewesen bin. Wie, ob mit Benzin oder mit irgendwelchen festen, leicht brennbaren Stoffen, davon habe ich auch keine Ahnung. Auch nicht, wann es war. Ich wusste nur: Ich habe das Ding angezündet. Ob ich besoffen war, was mich geritten hat – ich weiß es nicht. Diese Hütte sah alles andere als verbrannt aus, ich traute mich auch nicht zu fragen, warum das so war. Vielleicht würde ich damit Täterwissen preisgeben. Lieber schweigen. Und überhaupt: Die Sache mit dem fehlenden Rollstuhl war ja auch noch. Höchstverdächtig.

Der Kriminalbeamte ahnte auch etwas. Oder vielleicht auch nicht. Ich konnte ihn nicht einschätzen. War er ein bißchen dumm? Oder stellte er sich dumm, um mich aus der Reserve zu locken? Ich war die Täterin. Ich wusste das. Er auch? Warum hatten die mich eigentlich festgenommen? Sollte ich wirklich nur Hinweise geben? Fragen über Fragen, die ich lieber gar nicht erst stelle.

In der Hütte war ein Mensch verbrannt. Ein Obdachloser hatte dort gepennt. Scheiße. Mir wurde klar, ich hatte einen Menschen auf dem Gewissen. Aber die Chancen, dass dieser Kriminalbeamte das nicht merkt, standen gut. Oder tat er doch nur so? Und was, wenn sie keinen Täter finden würden? Sie würden doch Jahre lang ermitteln und ich würde immer und immer mit der Angst leben müssen, gleich für 15 bis 30 Jahre ins Gefängnis zu müssen. Mir wurde kalt.

Ich versuchte, eine Miene zu machen, die jemand macht, der gerade erfahren hat, dass hier ein Mensch getötet wurde. Aber wieviel Anteil nimmt jemand, der mit der ganzen Sache nichts zu tun haben will? Schwierige Aufgabe.

„Du bist so eine Sau“, sagte die Kriminalbeamtin. „Hmmmm, lecker. Das wollte ich schon immer mal haben.“ Sie kiecherte. War die nicht ganz frisch? Oder war das Taktik? Wie sollte ich sie anschauen? Irritiert? Selbstsicher?

„Jule!“, rief sie mich. Und lachte. Die war wirklich nicht ganz bei Trost. Sie stand plötzlich neben mir und schob mich ein Stückchen weiter. Ich stand in einem Beet, in dem Leute im weißen Papieranzug (wo kamen die denn plötzlich her?) Fußspuren sicherten. Oh nein! Hatte ich gerade unfreiwillig Vergleichsspuren geliefert?

„Frollein Stinkesocke! Hör auf zu träumen! Du liegst nicht in der Karibik und lässt dich von der Sonne bräunen, sondern…“ – Sie sprach nicht weiter, sondern lachte schon wieder. Statt ‚Stinkesocke‘ hatte sie meinen Nachnamen gesagt, den ich hier natürlich nicht so wiedergebe. „Ich glaub das alles nicht. Jule!!!“ Jemand rüttelte fest an mir.

Ich schreckte hoch. Richtete mich auf. Neben dem Bett stand mein Rollstuhl. Zum Glück war er noch da. Die Decke war weg. Und Cathleen lag neben mir und gackerte wie ein Huhn. Und alles war patschnass. Ich schob mein Kissen nach oben, um zu retten, was noch zu retten war. War ich das gewesen? Der Raum um mich herum begann sich zu drehen. Ich war total neben der Spur. Dieser Alptraum war die eine Sache, aber wieso war mir dabei ein Menschenleben so egal?! Krass!!! So bin ich nicht und so will ich auch nie sein. Ich war völlig mitgenommen. Ich fing an zu weinen.

Cathleen kiecherte immernoch, nahm meinen Kopf in den Arm und drückte ihn an ihre Schulter. „Wenn du jetzt wegen der Sauerei hier anfängst zu heulen, kriegen wir beide ernsthaften Streit. Das sag ich dir.“ – Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab so scheiße geträumt. Ich hab ne Hütte angezündet, in der ein Obdachloser lag. Ich weiß überhaupt nicht, was das sollte. So ein Scheiß. Ich war ohne Rolli unterwegs und die haben mich verhaftet und ich hab die ganze Zeit versucht, nicht aufzufallen und irgendwie wussten die aber doch, dass ich das war und … ach was für eine Kacke!“

„Kacke zum Glück nicht“, erwiderte Cathleen und streichelte mir über den Kopf. – ‚Du dumme Kuh, mach dich noch über mich lustig‘, dachte ich mir. „Wieso liegst du überhaupt in meinem Bett?“ fragte ich sie. „Und wieso steht hier ein Spuck-Eimer neben meinem Bett? Und wieso ist es schon halb neun? Ich muss doch um halb fünf aufstehen!“

„Erinnerst du dich nicht?“ fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. „Du hast die heute nacht die Seele aus dem Leib gekotzt. Du hast irgendwas gegessen, was du nicht vertragen hast. Vermutlich. Oder zu viel Stress gehabt oder sonstwas. Nach dem zwanzigsten Mal haben wir deine Ärztin angerufen. Die kam vorbei, hat dir was gespritzt und meinte, du würdest danach schlafen wie ein Baby. Es sollte aber jemand bei dir bleiben. Frank hat heute nacht deine Krankmeldung für heute gefaxt und gesagt, ich soll den Wecker ausstellen, du schläfst heute aus.“

Ich weiß nichts mehr davon. Dass ich gekotzt habe, ja. Daran kann ich mich erinnern. Wir waren mit ein paar Leuten beim Brasilianer. Möglich, dass ich dort irgendwas nicht vertragen habe. Ja, ich hatte gekotzt und ja, es war ziemlich heftig. Zum Schluss kam nur noch Magensäure. Lecker. Und mein Kopf dröhnte. Irgendwann muss mich jemand ins Bett gebracht haben. Ich habe irgendein Teufelszeug in die Vene gespritzt bekommen, danach war wohl schlagartig Ruhe. Dass meine Ärztin bei mir war, daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Aber es muss heftig gewesen sein, denn als ich eben niesen musste, tat mein Schulter-Nacken-Bereich extremst weh (Muskelkater).

Inzwischen geht es mir wieder blendend. Bißchen müde noch, beim Niesen Muskelkater… aber sonst? Der Alptraum war gemein. Irgendwie habe ich, glaube ich, seit über vier Monaten keinen mehr gehabt. Und ich hoffe, ich bin nur in meinen Träumen so ein schlechter Mensch. Unglaublich.

Das Monster im Rollstuhl

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Wie sie hierher gekommen war, wusste ich nicht. Wie ich hierhin gekommen war, wusste ich auch nicht. Das spielte auch keine Rolle. Wir waren zur selben Zeit am selben Ort und redeten miteinander. Sie hatte ihr Fahrrad gestoppt, ein einfaches Damenrad, war vom viel zu hoch eingestellten Sattel noch vorne abgestiegen, stand vor den Pedalen mit beiden Füßen auf dem Gehweg und hielt ihre Tretmühle mit beiden Händen am Lenker fest. Geschockt sah sie aus, den Tränen nahe. Als wäre sie gerade eben nochmal mit dem Leben davon gekommen. Tja, man sollte aufpassen, wenn man mit dem Fahrrad eine Straße überquert. So etwas kann selbst an beampelten Überwegen böse enden. Vor allem der Kontakt zwischen Auto und Radfahrer bietet jede Menge gefährliches Potential. Dass sie mit dem Fahrrad gegen die Fahrtrichtung, also auf der linken Seite der Straße, unterwegs ist, fällt mir gar nicht auf. Ich bin viel zu sehr, und damit höchst angestrengt, damit beschäftigt, aufzupassen, dass ich mich nicht verplapper. Denn auch wenn sie es ahnte: Erzählen wollte ich es ihr nicht, dass ich ihr den Kamikaze-Fahrer, der sie vor inzwischen gut 10 Minuten beinahe mit dem Auto umgebügelt hatte, auf den Hals gehetzt hatte. Es war vielleicht besser, wenn ich ein Alibi hatte.

Die Frau hatte Angst vor mir. Vor mir, dem Monster im Rollstuhl. Ich beruhigte sie: „Frau H., Sie müssen doch keine Angst vor mir haben. Ich tue Ihnen doch nichts. Habe ich Ihnen jemals irgendwas getan?“ Nein, hatte ich nicht. Das wusste sie. Das beruhigte sie. Aber sie war sich dennoch irgendwie sicher, dass ich für die inzwischen drei Attentate auf sie verantwortlich bin. Nur der letzte, eindeutige Beweis fehlte. Es standen Zweifel im Raum, insbesondere durch mein jeweiliges Alibi. Und aus irgendeinem Grund lebte sie immernoch. Aber ich quälte sie. Und insgeheim freute mich das. Obwohl ich das, was ich getan hatte, schon einigermaßen heftig fand.

Sie stand mit ihrem Fahrrad auf dem Gehweg vor einem Einfamilienhaus, dessen Vorgarten von einer hüfthohen Hecke umgeben war. Das Haus kannte ich. In Sichtweite verlief die Straße unter einer Eisenbahnbrücke hindurch, und einige hundert Meter weiter würde man an diejenige Kreuzung gelangen, an der ich vor rund zwei Jahren meinen Unfall hatte. Vor diesem Haus war ich sicher: Hier haben wir uns damals, während meines Prozesses, mit dem Gericht zu einem Ortstermin getroffen. Erstmal in sicherer Entfernung, so wollte es der vorsitzende Richter, der befürchtete, ich, die Geschädigte, könnte mit alledem überfordert sein. Eigentlich wollte er mich gar nicht dabei haben, aber ich bestand darauf. Aber sich in sicherer Entfernung zu treffen und dann gemeinsam zum Unfallort zu gehen, war doch ein guter Kompromiss.

Heute traf ich hier Frau H., die, mit ihrem Fahrrad unterwegs, gerade einem Attentat entkommen war. Einem von mir geplanten Attentat. Inzwischen sagte sie wieder und wieder, dass sie sich nicht sicher sei, ob ich nicht die Drahtzieherin der Anschläge auf sie sei. Und dass das alles Wahnsinn sei. Als der Tanklaster explodierte, wurden über 500 Menschen getötet, einer schwer verletzt. Die Zahl „über 500“ hörte ich von ihr zum ersten Mal, bisher waren mir aus den Medien nur 23 Tote bekannt, und das waren schon viel zu viele unschuldige Opfer. Ich sagte es noch einmal: „Ich habe damit nichts zu tun.“ Frau H. wollte mir nicht so richtig glauben, das erkannte ich an ihrem Gesichtsausdruck. Aber irgendwie schien sie sich auch unsicher, wie sie mit mir, dem Monster im Rollstuhl, umgehen sollte.

So angestrengt ich auch darüber nachdachte, mir fiel nicht mehr ein, welches Attentat ich zuerst auf sie verübt hatte. Ich war mir aber sicher, dass dieses das dritte war. Auch war mir nicht klar, warum die Polizei mich angesichts der vielen Toten bei der Tankerexplosion noch nicht ermittelt und festgenommen hatte. Zumal ich vielleicht die einzige wäre, die ein starkes Motiv (Rache) hätte, dieser Frau etwas anzutun. Vielleicht wartet man noch auf einen eindeutigen Beweis, erklärte ich mir plausibel. Und am liebsten würde ich ja auch ungeschoren davonkommen. Dass die Eisenbahnbrücke eigentlich an einer ganz anderen Stelle liegt, fiel mir nicht auf. Aber immerhin fuhr meine Unfallgegnerin, Frau H., inzwischen mit dem Fahrrad. Ob sie das im wahren Leben auch tut oder weiterhin ohne Führerschein mit Pkws unterwegs ist … wer weiß das schon?!

Jemand rüttelte mehrmals heftig an meiner Schulter. Dann, plötzlich, öffnete ich die Augen. Helles Licht blendete mich. Ich war total benommen, orientierungslos. Wusste nicht, in welcher Situation ich mich befand, wusste nicht, ob ich lag, stand oder flog, wusste nur, dass die Situation nicht gut für mich war und ich dringend fliehen müsste. Schnell weg hier, egal wie. „Schschscht, Jule, ganz ruhig, gaaaanz ruhig, hey, alles ist gut, Jule, ganz ruhig, ich bin bei dir. Du hast nur geträumt. Du bist zu Hause in deinem Bett, alles ist gut.“ Oh. Mein. Gott.

Schweißgebadet. Mein Kissen war pitschnass geschwitzt, meine Haare klebten im meinem Gesicht. Mir war heiß und ich fror gleichzeitig. „Hab ich geschrien?“ fragte ich schlaftrunken Sofie, die nur mit einem T-Shirt bekleidet in ihrem Rollstuhl neben meinem Bett stand. „Wie am Spieß“, antwortete sie. „Was träumst du dir denn bloß immer für einen Scheiß zusammen?“ – „Ich weiß es auch nicht“, antwortete ich, zu verwirrt für irgendwelche Analysen. Meine Haut am linken Arm juckte. Mein T-Shirt klebte an meiner linken Körperhälfte bis zur Schulter. Als ich mich aufrichten wollte, merkte ich, dass ich in einer großen Pfütze lag. „Bäh!“, sagte ich und schob mein Kopfkissen nach oben aus der Gefahrenzone. Warf meine Decke zurück.

„Oh“, staunte Sofie. „Warte, ich hol dir ein Handtuch.“ Es war mir egal, was sie denken würde. Die ganze Situation war schon irre genug. Und wir kennen uns nun, glaube ich, schon lange genug, als dass mir das noch peinlich sein müsste. Sie kam mit zwei Handtüchern auf dem Schoß aus dem Bad zurück. „Willst du kurz duschen und ich bezieh dir das Bett frisch?“ fragte sie. Nett gemeint. Aber ich wusste, ich würde nur in dem Moment so durch den Wind sein. Bald wäre alles wieder vorbei und ich könnte ganz normal, frisch geduscht und in einem frisch bezogenen, nach Persil duftenden Bett wieder weiterschlafen.

Während meiner Psychotherapie haben wir sehr oft über meinen Unfall gesprochen. Ich erinnere mich an ihn nicht. Die Alpträume, die ich manchmal habe, werden seltener. Manchmal sind es innerhalb von vier Wochen drei, manchmal passiert zwei Monate lang gar nichts. Dass meine Unfallgegnerin in diesen Alpträumen vorkommt, ist nicht neu. Ich dokumentiere meine Alpträume (auf Wunsch meiner Psychologin), wenngleich nicht alle so ausführlich wie den heutigen, und ich zähle inzwischen den achten mit Beteiligung der Crash-Oma. Und wie meine Psychologin schon beim letzten Mal sagte, wird auch dieser nicht der letzte gewesen sein. Nicht der letzte Alptraum und nicht der letzte Traum, in dem die Crash-Oma vorkommt.

So eine Psychotherapie wird ja gerne mal belächelt, nur ich finde nach wie vor, dass sie mir hilft. Sie ist nicht das, was ich häufiger höre und vor allem von meinem Vater gehört habe: Nämlich das Suchen nach Bestätigung durch eine lebensfremde Akademikerin mit Doppelnamen. Für lebensfremd halte ich meine Psychologin, selbst nach einem Reitunfall querschnittgelähmt, nicht, und einen Doppelnamen hat sie auch nicht. Sie bestärkt mich zwar häufig in dem, was ich tue, aber das ist nicht der wesentliche Inhalt unserer Stunden. Sie ist eigentlich nur diejenige, die mich dazu anhält, meine Seele zu bürsten. Wie bei jemandem mit langen Haaren, der sie nach dem Waschen nicht durchkämmen will, weil es am Ende so ziept – dabei wissen wir alle, dass es sein muss, weil die Haare sonst verfilzen. Die Alternative eines Kurzhaarschnitts gibt es bei der Seele halt nicht. Meine Psychologin ist diejenige, die mir den Spiegel vorhält und mir zeigt, wo noch gebürstet werden muss. Ohne Spiegel gehts halt nicht.

Ja, ich wünschte, meine Unfallgegnerin wäre härter bestraft worden. Daraus mache ich kein Geheimnis. Nicht härter im Sinne einer noch höheren Freiheitsstrafe (die war ja schon verhältnismäßig hoch), sondern spürbarer. Eine Bewährungsstrafe ohne weitere Auflagen kratzt die Frau doch nicht. Sieht man ja schon daran, dass sie sich mit krimineller Energie einen Ersatzführerschein besorgt hat und später mit dem angeblich verlorenen ersten Lappen trotz Fahrverbot weiter Auto gefahren ist. Die Frage ist auch, ob sie die Sanktionen, die der Staat als Bestrafungsmöglichkeiten für solche Fälle zur Verfügung hat, überhaupt beeindrucken können. Obwohl ich denke, dass sie ein paar Monate im Knast doch vielleicht kratzen und zum Nachdenken anregen könnten. Doch egal, das Thema ist abgeschlossen.

Ich habe sehr bewusst den Ausdruck „Monster im Rollstuhl“ gewählt, um mich in diesem Alptraum zu beschreiben. Und gleichzeitig auch meine Distanz zu diesem Monster auszudrücken. Möglicherweise ist das notwendig, bevor irgendein Leser aus diesem Blog-Eintrag eine Amoklage konstruiert und mir das SEK ins Haus schickt. Nein, Kinners, ich bringe keine Leute um. Ich entführe weder Tankwagen noch hetze ich andere Leute in Autos auf Menschen, die mit dem Rad unterwegs sind. Ich besorge mir auch keine Schusswaffen und ich besuche auch nicht die Frau, die mich körperlich (und sehr offensichtlich auch seelisch) sehr verletzt hat. So dramatisch und zerstörerisch und gefährlich die Inhalte dieser Alpträume auch wirken und so eindrucksvoll sie mich auch manche Nacht beschäftigen, so skurril sind sie doch am Morgen danach. Auch, dass ich mich mit dieser Frau unterhalte: Selbst wenn sie eines Tages doch noch auf die Idee käme, sich doch noch bei mir entschuldigen zu wollen, hätte ich wirklich null Bedarf, mich mit ihr zu treffen, und vielleicht noch ihr schlechtes Gewissen zu therapieren (oder, um den Traum noch einmal aufzugreifen, sie davon zu erlösen).

Nein, nochmal ganz im Ernst: Diese Alpträume und auch deren Inhalte, insbesondere irgendwelche Rachegelüste, auch sehr heftige, sind normal. Ich habe lange Zeit im Koma gelegen, habe eine schwere Verletzung davon getragen, bin aus meinen sozialen Bindungen herausgerissen worden und war ein Jahr in Kliniken eingesperrt. Musste Rollstuhlfahren lernen, mit körperlichen Einschränkungen zurecht kommen und eigentlich ein komplett neues Leben beginnen. Es wird noch Jahre dauern, bis ich das komplett verarbeitet habe. Aber: Ich habe ein komplett neues Leben begonnen, eins aus dem ich mich wider Erwarten nicht in mein bisheriges zurücksehne, eins mit dem ich sehr gut zurecht komme. Ich möchte mein Abi schaffen, ich habe meine Leute, mit denen ich befreundet bin oder die ich sogar sehr lieb habe, ich habe meinen Sport, den ich trotz körperlicher Einschränkungen ausüben kann und der mich richtig herausfordert, ich bin finanziell abgesichert, ich liebe mein WG-Zimmer, ich werde gemocht, gekrault, um Rat und Meinung gefragt – lediglich zwei Dinge könnten besser sein: Erstens würde ich gerne endlich mal mit jemandem ins Bett gehen und zweitens möchte ich gerne nächsten Monat Sommeranfang haben. Alles klar?

Ich werde jetzt noch zwei Stündchen in meinem frisch bezogenen Bettchen schlafen, bevor mich der Schulalltag wieder einfängt. Und falls nun wirklich noch jemand nicht genug beschwichtigt wurde und ernsthafte Zweifel verblieben sind, mein Traum könnte mit der Wirklichkeit verschmelzen, oder ich sei nicht in der Lage, mich ausreichend zu kontrollieren, darf er mir gerne eine Mail schreiben. Dazu einfach in der rechten Spalte neben meinem Profilfoto auf „Mein Profil vollständig anzeigen“ klicken und an die auf der sich dann öffnenden Profilseite hinterlegte Mailadresse eine kurze Nachricht schicken – mit Name und Telefonnummer. Sofern es sich um eine offizielle Behördennummer handelt, garantiere ich einen Rückruf…