Stiekum und nonchalant

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Einen hab ich noch! Der letzte Paratriathlon für mich in diesem Jahr. Wie immer: Bis kurz vorher war nicht klar, ob er wirklich stattfindet, und ob unsere Wettkampfklasse starten darf, und dann ging wieder alles ganz schnell.

Weil es bis ins südliche Niedersachsen nicht ganz so weit zu fahren ist wie die letzten Male, als wir nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz mussten, waren auch mehr Hamburgerinnen und Hamburger am Start als sonst.

Die Hinfahrt mit dem Auto verlief komplikationslos, die Nacht in einem Vierbettzimmer einer jugendherbergsähnlichen Unterkunft auch, aber das Frühstück war grausam: Hart gekochte Eier an Karotten, zu trinken gab es Instant-Kirsch-Brause. Ohne Flachs! Als wir im Frühstücksraum auftauchten, waren lediglich noch einige Deko-Möhren, jede Menge hart gekochte Eierhälften und Instantbrause übrig. Sportler seien hungrig, man habe falsch disponiert. Immerhin erstatte man uns die elf Euro Frühstückskosten, so dass wir kurzerhand beim Bäcker anhielten, zwei Tüten Brötchen und ein Glas Nutella erjagten, um dann zwischen einer Drogerie und einer Kreuzung, mitten auf dem Gehweg, mit einem Taschenmesser die Brötchenhälften zu bestreichen.

Die vorbeischlendernden Leute hatten so etwas natürlich noch nie gesehen; in Anbetracht der großen Menge Rollstuhlfahrer traute sich aber niemand, einen Ton zu sagen. Einer lief beim Glotzen fast gegen ein Straßenschild. Marie meinte böse: „Ich warte noch auf den Kommentar: Guck mal, Hubert, die Behinderten demonstrieren für ein gleichwertiges Leben in den Heimen. Wenigstens samstags wollen sie auch einmal Brötchen mit Nutella.“

Ganz so schlimm wurde es nicht, aber eine Frau, schätzungsweise Anfang 60, starrte uns ebenfalls an, mit halb geöffnetem Mund. Mir fällt so etwas eigentlich nicht auf, es sei denn, es wird zu penetrant. Ich zählte leise bis 10, als sie dann immernoch glotzte, streckte ihr auf eine Entfernung von etwa 20 Metern eine Hand mit einem Nutella-Brötchen entgegen. „Möchten Sie auch eins?“, fragte ich sie. Verdattert schaute sie weg und ging zügigen Schrittes davon. Etwa eine Minute später war sie plötzlich wieder da: „Entschuldigung, dass ich eben so geschaut habe, aber darf ich wissen, was Sie hier machen?“ – „Frühstücken!“ riefen Cathleen, Marie und Nadine wie aus einem Mund, teilweise noch kauend.

„Haben Sie sich ausgeschlossen?“, fragte sie weiter. Oh nein! Da ich auf nüchternen Magen nur begrenzt skurrile Menschen ertrage, kürzte ich das ab und erklärte: „Wir haben gleich einen Wettkampf und wollen vorher noch was zwischen die Kiemen kriegen, nachdem es in unserer Unterkunft nichts vernünftiges gab.“ – „Achso. ‚Zwischen die Kiemen‘ ist ja niedlich. Sie nehmen aber nicht an diesem Marathon teil hier, oder?“ – „Triathlon, doch.“ – „Ganz blöd gefragt: Wo ist denn der Unterschied zwischen Marathon und Triathlon? Ich kenne mich im Sport nicht so aus.“ – „Beim Marathon wird gelaufen, beim Triathlon ist auch noch Schwimmen und Radfahren dabei.“ – „Achja, wie dumm von mir, Sie können ja gar nicht laufen. Aber das mit dem Radfahren habe ich neulich im Fernsehen gesehen, bei der Olympiade, da war ein Blinder mit einem Nichtblinden auf einem Tandem. Alle Achtung, das könnte ich nicht. Haben Sie denn auch so spezielle Räder?“

Ich antwortete brav: „Einen Rennrollstuhl, ja.“ – „Achso, ja, sowas habe ich mal gesehen, die spielen ja auch Basketball damit.“ – „Ja, das sind noch wieder andere Rollstühle, aber im Prinzip … sowas ähnliches.“ – „Das find ich toll, wissen Sie? Bei Ihnen sieht man die Behinderung ja, bei mir nicht so, ich hab nämlich Leukämie.“ – „Das ist ja nicht so schön, dann wünsche ich Ihnen gute Besserung und noch einen schönen Tag! Ich muss mal weiter essen, wir müssen nämlich gleich wieder los. Unsere Trainerin meckert sonst.“ – „Ja, ich will Sie nicht aufhalten. Wer ist denn Ihre Trainerin?“ – „Die junge Frau dahinten, die da auf dem grauen Verteilerkasten sitzt.“ – „Die ist ja noch sehr jung. Ich finde das ja toll, wenn junge Menschen sich für soziale Zwecke einsetzen. Na jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Spaß auf dem Wettkampf.“

Als sie weg war, sagte Cathleen: „‚Haben Sie sich ausgeschlossen?‘ Aus unserer Zehner-WG oder was? Der letzte hat die Tür zugeschlagen und keiner hat seinen Schlüssel mit.“ – „Tja, wir können ja auch nicht mal eben über den Balkon klettern, nä?! Am Ende verheddert sich der Rolli dabei im Blumenkasten“, ergänzte Marie ohne eine Miene zu verziehen. Cathleen blödelte weiter: „Du meinst die kleinen Vorderräder?“ – Marie guckte genervt vorwurfsvoll, als würde Cathleen nichts verstehen: „Wieso denn die Vorderräder? Du kannst doch kippeln. Das Gepäcknetz, Schatzi, das Gepäcknetz.“ – „Ach ja, das Gepäcknetz. Sieht man übrigens immer seltener, oder? Selbst die älteren Leute haben mittlerweise alle Rucksäcke oder Beutel oder so.“ – „Stimmt. Oh, kennst du noch diese Rangierrollen? Wo man die großen Räder abnehmen konnte und dann konnte dich einer auf solchen Rangierrollen schieben?“

Ich verstand nur Bahnhof. Cathleen fuhr fort: „Ja! Das war geil. Und dann hat er dich losgelassen und du rolltest unaufhaltsam bergab. Lenken und bremsen war ja nicht mehr drin.“ – „Genau. Die einzige Chance war: Sich seitlich umwerfen.“ – „Was ja problemlos ging. Einmal falsch geatmet, kippte der Stuhl um.“ – „Herrlich. Oder diese großen Ballonreifen vorne.“ – „Na komm, du bist wenigstens nirgendwo hängen geblieben damit.“ – „Nee, aber dafür hattest du dreimal die Woche einen Platten. Irgendwas war immer platt.“ – „Hat sich aber im Fahrkomfort kaum bemerkbar gemacht. Die Stühle wogen ja locker 35 Kilo, vor allem mit dieser doppelten Schere unter der Sitzfläche, zum Zusammenklappen.“

Wie gut, dass ich das nicht mehr erleben muss. Eine Stunde später sah ich mich auf einer Wiese stehend, nach einer kurzen Aufwärmrunde einige Dehnübungen praktizierend, fortgesetzt unendliche Trinkmengen schluckweise in mich reinschüttend, langsam immer aufgeregter werdend. Tatjana rannte mit Sonnenlotion und Fettcreme durch die Gegend, versorgte alle blassen und weniger blassen Hamburgerinnen und Hamburger großzügig und leistete allen Angsthasen seelischen Beistand.

„Lange oder kurze Hose?“, fragte Anja. Tatjana sah sie entsetzt an: „Langer Einteiler! Oben und unten lang! Es sind noch nicht mal 14 Grad! Du holst dir sonst den Tod, wenn du den Neo ausziehst und hier durch die Gegend radelst. Ich hoffe, du hast einen dabei?“ – Anja zog den Kopf ein und nickte schüchtern. Irgendwann saßen wir endlich alle auf dem Steg. Tatjana rannte immernoch mit Getränken rum, wurde dann weggeschickt. Doch der Start verzögerte sich, weil es Probleme mit der Zeiterfassung gab. „Es geht jeden Moment los“, ließ uns ein offizieller Typ mit weißer und roter Fahne in der Hand wissen. Zwanzig Minuten vergingen, zum Glück schien die Sonne und wärmte uns. Dann durfte Tatjana doch wieder auf den Steg. Brachte noch mehr Isomix in Nuckelflaschen.

So langsam wurde es eklig. Triathlon ist kein Schönheitswettbewerb, wurde mir in einer der ersten Stunden erklärt. Marinierte Stinkesocke, damit kann ich leben – aber wenn der Pegel nach zwanzig Minuten schon am Hals steht und es kontinuierlich an den Handgelenken aus den Ärmeln tropft, ist irgendwann auch meine Schmerzgrenze erreicht. Marie hatte beste Laune und foppte mich: „Du transpirierst. Aus allen Nähten.“ – „Ich komm gleich kuscheln.“

Marie streckte mir die zu einem Anti-Vampir-Zeichen überkreuzten Zeigefinger entgegen. Lisa, in diesem Zusammenhang selten um einen Kommentar verlegen, dessen Tragweite sie jedoch meistens erst realisiert, nachdem sie ihn ausgesprochen hat, grinste bis über beide Ohren. Und sagte dann: „Das nennt man ‚Zentralheizung‘!“

Marie fing an zu lachen. Lisa fuhr fort: „Sagt meine Oma!“ – Jetzt musste ich auch lachen. Ich fragte: „Wieso denn deine Oma? Was hat sie denn damit zu tun? Macht sie auch Triathlon?“ – „Nein, sie kann nicht mehr so viel raus, liegt meistens im Bett und muss gepflegt werden, aber sie will immer alles wissen. Alles, alles, alles. Dann macht sie die Augen zu. Wahrscheinlich stellt sie sich das dann alles vor. Ich muss alles genau beschreiben, ob die Kühe Flecken hatten und all so Zeugs.“

„Okay, und wie kommt sie jetzt zur Zentralheizung?“ – „Ja, pass auf. Ich hab ihr von meinem Wettkampf erzählt und wenn ich alles erzählen soll, habe ich ihr natürlich auch davon erzählt, wie ich auf dem Steg gesessen und Pipi gemacht habe.“ – Marie kiecherte und sagte: „Auweia. Und?“

Lisa sagte: „Ja, nicht lachen, das lustige kommt erst. Sie hat ihre Augen aufgemacht und hat mich ganz vorwurfsvoll angeguckt und gefragt, warum ich das mache. Und dann habe ich gesagt: ‚Oma, beim Triathlon darf man sich wie ein Räuber benehmen und das finde ich toll. Zu Hause darf ich das nicht. Und das Pinkeln ist wirklich lustig. Also nicht einfach so, da würde ich mich schütteln. Aber wenn man im Wasser schwimmt und dann kommt plötzlich das Gefühl wo es überall ganz heiß wird, das ist einfach herrlich. Und Mama hat das erlaubt.'“

Marie und ich kugelten uns schon wieder vor Lachen. Lisa fuhr fort: „Das macht man allenfalls stiekum und still.“ – „Was für ein Ding? Stiekum?“ – „Ja genau! Du kennst das auch nicht, oder?“ – „Na, ich würde aus dem Zusammenhang schließen, dass das sowas wie ‚unauffällig‘ oder ‚lässig‘ heißt.“

Lisa antwortete: „Nein eben nicht. Stiekum heißt ‚heimlich‘. Das, was du meinst, ist ‚Nonchalance‘. Das hat mir meine Oma in dem Zusammenhang auch beigebracht. Man pinkelt stiekum und nonchalant, also heimlich und gekonnt lässig. Und dazu gehört, dass man das nicht jedem laut erzählt.“

Eine andere Teilnehmerin, vermutlich knapp 50, die auch auf dem Steg wartete, mischte sich in die Unterhaltung ein: „Deine Oma ist ja drollig. ‚Nonchalance‘ heißt übrigens auch ein sehr tolles Parfüm.“

Lisa guckte die Frau entsetzt an: „Wirklich?“ – Die Frau nickte. Lisa fuhr fort: „Na jedenfalls meinte sie, auch wenn ich jung bin, es ist ein erster Schritt, sich eine diskretere Wortwahl anzugewöhnen. Eine Umschreibung! Angeblich sagt man auch nicht, man muss auf Toilette, sondern man geht sich frisch machen. Dabei finde ich das voll albern, weil ‚frisch machen‘ find ich viel peinlicher als wenn man auf Klo muss. Das eine ist normal und das andere ist als wenn man stinkt.“

Jetzt lachte auch die Frau. Lisa meinte: „Ich dann gesagt, dass mir kein anderes Wort einfällt, was meine Leute nicht albern finden. Oder was nicht richtig derb ist. Und dann hat sie vorgeschlagen, ich soll doch das umschreiben und ‚Zentralheizung‘ sagen.“

Bevor wir das noch weiter vertiefen konnten, wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, unsere Startpositionen einzunehmen. „Wir haben internationale Teilnehmer, wir starten mit internationalem Kommando. We will start with the international command.“ – Wo waren die denn? Die internationalen Teilnehmer? Ich klärte Lisa auf: „Das bedeutet, der sagt nicht ‚Auf die Plätze!‘, sondern stattdessen ‚Take your marks!‘ – nicht wundern!“

Marie sagte: „Es gibt doch diesen Witz, wo einer das nicht versteht und vom Startblock klettert, um ein Markstück aufzuheben, was dort am Fußboden liegt.“ – Ich reagierte nicht. Sie setzte noch einen drauf: „Du, da sind Zombies im See.“ – „Ach Marie! Hör auf damit, ich will mich konzentrieren.“ – „Ich will, dass du dich vor Lachen verschluckst und ich dich überholen …“ – „Take your marks! Möööööp!“

Das Schwimmen verlief, von dem anfänglichen Gewusel abgesehen, ohne Zwischenfälle und mit gut dosierten Kräften. Cathleen, Marie und ich teilten uns die ersten drei Zwischenzeiten unserer Startklasse, brachten mit jeweils hauchdünnen Vorsprüngen Tatjana ins Schwitzen, die uns vom Wasser in die Wechelzone bringen sollte. Lisa, die zum allerersten Mal völlig alleine einen Wettkampf schwamm, war weit zurück, genauso wie Anja. Für die beiden war Ankommen das Ziel.

Beim Biken schaffte es ebenfalls keiner von uns dreien, sich entscheidend abzusetzen. Marie hatte bei Bergabfahrten mehrmals Probleme mit dem letzten Gang, also mit der längsten Übersetzung, die ständig wieder raussprang, so dass sie nur im vorletzten fahren konnte. Vermutlich ist der entsprechende Seilzug zu straff eingestellt gewesen. Es hat aber nicht wirklich gestört, weil die Bergabfahrten immer nur sehr kurz waren, dafür umso steiler – und in einer scharfen Kurve endend. Das war, als wir uns die Strecke angesehen hatten, noch nicht. Tolle Wurst, wenn man kurzfristig den Streckenverlauf ändert ohne jeden Hinweis. Ich sah Lisa schon fliegen und sie meinte hinterher, es war kurz davor.

Die per Rennrolli zu bewältigende Strecke war sowohl im Verlauf als auch im Profil sehr gut, allerdings, und irgendwas ist ja immer, kollidierte Marie, kurz nachdem sie mich überholt hatte, mit einem Fußgänger, der meinte, die gesperrte Straße überqueren zu müssen, als sie dort angedonnert kam. Alles Brüllen half nichts, er reagierte viel zu spät und Marie hatte hinter einer Kurve und bergab viel zu viel Speed drauf, um ausweichen oder bremsen zu können. Zumal Rennrollis ohnehin einen schier endlosen Bremsweg haben, anders als Rennbikes. Der Typ sprang im letzten Moment zur Seite, Marie erwischte ihn aber trotzdem mit ihrer Schulter am Bein und brachte ihn ins Straucheln und Fallen. Und er fiel genau dorthin, wo ich vorbei rutschten wollte. Zum Glück war es nicht nass, so dass ich noch genug Zeit hatte, um auf der anderen Seite um Marie herum lenken konnte.

Unfall mit verletzter Person? Immer anhalten. Der Typ stand auf, fing zu meckern an: „Man darf immer nur so schnell fahren, dass man in dem Bereich zum Stehen kommt, den man einsehen kann.“ – „Sind Sie verletzt?“ – „Nein.“ – Also weiter. So ein Idiot, das mag im Straßenverkehr gelten, aber nicht auf gesperrten Rennstrecken. Deshalb sind sie ja gesperrt. Ich ließ Marie überholen. Soviel Fairness muss sein. Entsprechend ließ sie mich kurz vor dem Ziel, als ich immernoch eine Länge hinter ihr war, auf gleiche Höhe aufholen, so dass wir beide gleichzeitig über die Ziellinie rollten. Was den anderen Teilnehmerinnen unserer Startklasse einen um 2 Positionen besseren Platz einbrachte, denn wir wurden dafür beide disqualifiziert. Die erste schlechte Nachricht.

Die zweite schlechte: Der Typ, der über die gesperrte Straße geschlendert ist, hat sich beim Veranstalter gemeldet, weil er angeblich doch verletzt sei. Das Knie blute, seine Hose sei versaut, habe er später bemerkt. Zum Glück hat er nicht abgestritten, vor Ort erst gesagt zu haben, dass alles in Ordnung ist. Das hätte dann nämlich mitunter ganz andere Konsequenzen haben können. Tatjana meinte, hätte er unwiderlegbar das Gegenteil behauptet, hätte Marie das eine mehrjährige Sperre einbringen können. So wird gegen Marie jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Der Typ hat Anzeige erstattet. Sie musste Personalien bei der Polizei angeben, wurde noch vor Ort verhört. Sie hat allerdings die Aussage verweigert. Die Polizisten meinten aber gleich, dass das wohl eingestellt werden würde – ob sie eine Haftpflichtversicherung hätte.

Die gute Nachricht: Wegen der Disqualifizierung ergehen noch zwei Strafbescheide. Tatjana erwartet 500 € pro Person. Und kennt ja nun den Namen des Störers, meinte, sie schickt das unserem Vorstand mit der Bitte, eine entsprechende Spende bei ihm einzuwerben.

Und bei der Gelegenheit bekamen wir dann alle auch noch einmal Nachhilfe bei den Regeln: Absichtlich langsam fahren, offensichtlich überholen lassen oder anders auf das Wettkampfergebnis taktisch einzuwirken, ist nicht erlaubt. Vorsicht ist auch bei einer Sache geboten, die es mehr im Behindertensport gibt als anderswo: Wenn wir mit unseren Rennstühlen nebeneinander an einer Verpflegungsstation vorbei donnern, ist es üblich, dass der, der am dichtesten dran ist, dem anderen auch eine Trinkflasche angelt, auch wenn es ein Gegner ist. Dabei müsse man nur aufpassen, dass man sich nicht berührt. Nicht an den Stühlen, sondern auch nicht am Körper. Also bloß nicht anticken oder sowas. Sondern nur hinhalten und im Zweifel loslassen. Ansonsten führt das auch sofort zur Disqualifikation. Auch wenn derjenige sagt, es sei ihm egal, vielleicht sogar im selben Team ist – es ist nicht erlaubt.

„Weder stiekum noch nonchalant?“, fragte Marie. Tatjana, vermutlich ohne ein Wort verstanden zu haben, antwortete: „Gar nicht. Und ‚gar nicht‘ heißt ‚gar nicht‘. Ohne Wenn und Aber.“

Supporting Lisa

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So schnell wollte ich eigentlich an keinem Wettkampf teilnehmen, denn meine Schleimbeutel-Entzündung ist erst relativ kurzzeitig wieder abgeheilt. Die Gefahr, dass sich das sofort wieder entzündet, bestünde laut meiner Hausärztin zwar eher nicht, aber meinen Trainingszustand würde ich wegen der Zwangspause eher als suboptimal bezeichnen.

Bei Tatjana weiß man nie so genau, was sie im Schilde führt, wenn sie einen in tolle Pläne einweiht. Sie versteht es, Leuten Honig um den Mund zu schmieren. Mitten in der Woche fragte sie Cathleen, Marie und mich, ob wir Lisa, Anja und ein weiteres junges Mädel aus Schleswig-Holstein am Wochenende bei einem Wettkampf in Hessen supporten könnten. Soll heißen: Cathleen, Marie und ich starten außer Konkurrenz in einer unpassenden Alters- oder Startklasse, um fehlende Konkurrenz oder fehlende Erfahrung (bei ganz jungen Sportlern, die zum ersten oder zweiten Mal starten) auszugleichen. So etwas gibt es nur bei ausgewählten Wettkämpfen im Behindertensport, meistens jene Nachwuchsrennen, zu denen nicht genügend Leute melden.

Es handelte sich um einen Wettkampf, bestehend aus 750 Meter Schwimmen, 5 Kilometern Sprint im Rennrolli und 20 Kilometern Handbiken im Rennbike (so genannte Sprintdistanz). Cathleen, Marie und ich sagten zu, sehr zur Freude der drei jungen Mädels. Die Schleswig-Holsteinerin kannte ich locker von einem gemeinsamen Trainingslager – deren Mutter rief mich am Mittwochabend prompt an und wollte von mir hören, ob ich glaube, dass alles klappen wird. Ihre Tochter habe noch keine Erfahrungen mit Alkohol oder Jungs und sei auch nicht verdorben … sie wäre froh, wenn das so bliebe. Ich konnte sie etwas beruhigen.

Und so standen wir am Samstagnachmittag mit sechs Rollstühlen auf dem Hamburger Hauptbahnhof und warteten auf den ICE. Unsere Rennbikes und unsere Rennrollis waren bei Tatjana im Bus, damit war aber kein Platz mehr für irgendeinen Mitfahrer. Das erwartete Theater bei der Bahn („Was?! Mit sechs Rollis? Da passen nur zwei rein!“) blieb gänzlich aus und bevor wir überlegen konnten, ob uns langweilig wird, waren wir auch schon da. Mit einer Straßenbahn ging es zu einem Vier-Sterne-Hotel, das vom Veranstalter als Unterkunft ausgesucht worden war und von dem ich verwöhnte Göre eigentlich etwas mehr Luxus erwartet hätte.

Aber bei vier Sternen kann man schließlich nicht zu viel erwarten und so waren von den acht Halogenspots in der Zimmerdecke sechs defekt, die Gardine hing in Fetzen vor dem Fenster (das war vermutlich die Hotelkatze), die Dusche war völlig verkalkt, ein Bettbezug war schmutzig, der Teppichboden voller Flecken und der Fernseher ging auch nicht. An der Rezeption zeigte man sich entsetzt, meinte dann aber, dass sie völlig ausgebucht seien und man kein anderes Zimmer für uns hätte. Ich bin ja sonst nicht so zickig, aber eins konnte ich mir dennoch nicht verkneifen: „Ein sauberer Bettbezug würde schon reichen. Wenn es zu viele Umstände macht, ziehe ich ihn auch selbst auf.“

Eine der Rezeptionsdamen kam mit ins Zimmer und bezog meine Decke neu. Am nächsten Morgen stellten wir dann fest, dass in der Dusche auch nicht in Ordnung war: Was nicht direkt an den Fliesen entlang lief, spritzte unkontrolliert in alle Himmelsrichtungen. Ich dachte erst, Cathleen und ich hätten das Zimmer bekommen, was sonst die Gäste bekommen, die man rausekeln möchte, aber die anderen drei Zimmer der Hamburger Leute waren genauso unmöglich. Beim Frühstück mussten wir sechs Mal um ein Kännchen kalte Milch bitten und fast eine Viertelstunde auf frische Brötchen warten (nehmen Sie doch solange etwas Obst), und als man sich dann bei der Gesamtrechnung noch um über 100 Euro zu unseren Ungunsten verrechnet hatte, platzte Tatjana so richtig der Kragen. Ich habe sie lange nicht mehr so weit oben auf der Palme erlebt. Die Dame hinter dem Tresen war gut geschult und konnte auf jeden Satz, den Tatjana sagte, mit irgendeiner Floskel rausgeben.

Ich sollte mich um Lisa kümmern, Marie um Anja und Cathleen um das Mädel aus Schleswig-Holstein. Lisa ließ mal wieder einen Spruch nach dem nächsten vom Stapel, leider bekomme ich sie nicht mehr alle zusammen. Fest steht nur: Ich könnte sie noch immer alle fünf Minuten knuddeln.

Irgendwann gab es eine offizielle Ansprache. Das Wasser hätte mindestens die erforderlichen 19 Grad. Ob Celsius oder Fahrenheit, ließ man mal offen. Tatjana füllte uns mit Getränken ab, um eine möglichst ideale Hydrierung zu erreichen. Eine Dreiviertelstunde vor dem Start rollte ich zum sechsten letzten Mal an diesem Morgen zum Klo, zog anschließend meine Wettkampfklamotten an, ließ mir von Tatjana beim Neo helfen und als fünf Minuten später Lisa auch fertig angezogen war, düste ich mit ihr schonmal zum Steg runter. Eine halbe Stunde vor dem Start sollte man sich dort melden. Auf dem Steg hatten sie Rasenteppich ausgerollt, auf dem es sich besonders schlecht rollte.

Üblicherweise darf man, nachdem man sich gemeldet hat, bis zehn Minuten vor dem Start sich in der Nähe hin und her bewegen und sich weiter warm halten, aber hier war das nicht möglich. Es gab nur einen sehr engen Zuweg zu diesem Steg, der auch nur von den Paratriathleten genutzt wurde. Die Fußgänger starteten vom Strand aus.

Marie und Anja sowie Cathleen und die Schleswig-Holsteinerin kamen kurz nach uns. Es begann zu nieseln. Tatjana kam auf den Steg und machte mit uns noch einige weitere Aufwärmübungen, zehn Minuten vor dem Start musste sie jedoch den Steg verlassen, so dass nur noch die sechs Hamburgerinnen und zwei Teilnehmerinnen aus Hessen und drei Offizielle dort standen und warteten. Wir versuchten, uns durch Arm- und Rumpfbewegungen halbwegs warm zu halten. Das Mädel aus Schleswig-Holstein wurde immer nervöser. Cathleen versuchte, sie zu beruhigen. „Wenn du erstmal im Wasser bist und die ersten 100 Meter geschwommen hast, legt sich auch die Aufregung. Ich bleibe immer bei dir, wir schaffen das zusammen. Bei meinem ersten Wettkampf war ich auch ziemlich aufgeregt. Das ist aber nur vor dem Start, das ist gleich vorbei.“

Lisa, die sonst oft nur unfreiwillig lustig ist, ließ jetzt den von ihr zum Frühstück vertilgten Clown aufstoßen und erzählte laut mit einem schelmischen Grinsen: „Übrigens, falls es jemanden interessiert: Ich mach grad Pipi.“ – Anja erwiderte mit entsetztem Blick: „Das ist nicht dein Ernst.“ – Lisa antwortete: „Doch, ich darf das! Wir sind hier auf einem Wettkampf, da gelten andere Regeln!“ Cathleen, Marie und ich krümmten uns vor Lachen. Anja guckte uns entsetzt an. Ich sagte: „Wo sie recht hat, hat sie recht!“

Anja antwortete: „Ja ich glaub dir das, aber darüber redet man doch nicht.“ – Cathleen erwiderte: „Beim Triathlon ist alles anders. Und beim Paratriathlon sowieso. Da redet man über alles, was unwichtig ist und morgen schreibt Jule das in ihren Blog und spaltet dadurch ihre Leserschaft in die, die schmunzeln, die, die es eklig finden und die Fetischisten.“

Lisa fragte: „Was ist eine Leserschaft? Und was sind diese Feti-Dinger?“ – Marie sagte: „Als ‚Leserschaft‘ bezeichnet man alle Leserinnen und Leser eines bestimmten Buches oder einer bestimmten Zeitung oder auch eines Internetblogs und Fetischismus ist in diesem Fall, wenn einer davon Pipi toll findet. Davon hat Jule unfreiwillig ein paar Leute in ihrer Leserschaft.“ – Lisa antwortete: „Ok. Dann bin ich jetzt auch so ein Feti-schissi-mus-duweißtschon. Diese Leute da.“ – Cathleen, die sich gerade die letzten Lachtränen aus den Augen gewischt hat, fing erneut an zu gackern und fragte: „Wieso? Findest du auch Pipi toll?“ – Lisa antwortete ohne eine Miene zu verziehen: „Zumindest ist es gerade schön warm am Po.“

Marie, Cathleen und ich kugelten uns auf dem Steg, die Wettkampfrichter müssen gedacht haben, wir haben nicht mehr alle Tassen im Schrank. Anja lächelte verlegen und die beiden Hessinnen sagten: „Na ihr seid ja gut drauf.“ – Dann wurden wir aufgefordert, an die Stegkante zu rutschen und Sekunden später ging es los. Es war arschkalt. Von wegen 19 Grad. Ich schwamm neben Lisa, die ein recht ordentliches Tempo vorlegte. Ständig kamen mir ihre Worte vom Steg wieder in den Kopf und ich musste den Gedanken zur Seite schieben, um nicht beim Schwimmen das Lachen anzufangen und mich zu verschlucken. Bei einem Wettkampf für mich wäre so etwas absolut hinderlich gewesen. Ich hoffe, ich habe es bis zum nächsten Mal wieder vergessen.

Der Rest des Wettkampfes verlief unspektakulär, allerdings wurde der Regen stärker, so dass wir bereits nach dem Rennrolli fahren aussahen als hätten wir ein Schlammbad genommen. Bei Regen macht so ein Wettkampf entsprechend weniger Spaß. Ich fuhr außer Konkurrenz vier Sekunden nach Lisa über die Ziellinie und dann kam der Hammer: Auf Lisas Weg zur Dusche gesellte sich plötzlich eine Frau, etwa Mitte 40, zu ihr, hielt ihr einen Ausweis unter die Nase und sagte: „Guten Tag, mein Name ist Dr. …, ich bin Ärztin und bin heute im Auftrag des Deutschen Behinderten-Sportverbandes hier. Sie sind für eine Anti-Doping-Kontrolle vorgesehen.“

Hurra. Was folgte, waren nervige 150 (!) Minuten umringt von zwei Frauen, die alles genau beobachteten. Man darf eine Vertrauensperson / Zeugen mitnehmen, Lisa suchte sich spontan mich aus. Und dann nahm das Drama seinen Lauf. Zuerst hatte sie nicht genug in der Blase, dann musste sie trinken, trinken, trinken, dann war ihr Urin zu dünn (unter 1.005 g/ml), dann sollte sie erstmal duschen gehen, dann musste sie beim Duschen plötzlich nochmal dringend, dann bekam sie dort einen neuen Becher von der Assistentin, den hat die Ärztin dann aber später verworfen, weil sie meinte, da könnten Seifenreste reingekommen sein, das sei nur in Lisas Interesse, noch einmal neu abzugeben und dann beim nächsten Versuch klappte es endlich. Dann mussten noch etliche Codenummern übertragen und verglichen werden, Ausweise abgeschrieben werden, alles umgefüllt und verschlossen werden, erst in Gläser, dann in Tüten, dann in Styroporkartons, ein Protokoll mit mindestens 25 einzelnen Punkten angefertigt werden und dann endlich war Lisa, völlig eingeschüchtert, wieder entlassen.

Der Tag endete damit, dass der Zug auf dem Rückweg wegen eines Polizeieinsatzes in Hannover eine Verspätung von 75 Minuten aufbaute. Als ich endlich zu Hause war, war es halb ein Uhr nachts. Ich glaube, ich bin innerhalb von 3 Minuten eingeschlafen.

Freiheitsberaubung

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Ich wollte ein wenig Ausgleichstraining an Geräten machen und war nebenbei mit Anja, jenem 16-jährigen Spasti, der seit unserer druckvollen Überzeugungsaktion bei uns mittrainieren darf, locker verabredet. Anja wollte mal wieder auf einen Rollentrainer und wurde von ihrem Vater gebracht, der aber sofort wieder verschwand. Und Anja hatte noch eine etwas jüngere Freundin mitgebracht, die gerne zuschauen wollte. Deren Vater würde die beiden nach zwei Stunden wieder abholen.

Anja und ich kümmerten uns um uns selbst und unser Trainingsprogramm, beim Duschen trafen wir uns wieder, danach quatschten wir noch einen Moment, rollten zurück in die Halle und unterhielten uns auch noch mit der zuschauenden Freundin. Diese saß auch im Rollstuhl, vermutlich auch wegen CP (um hier endlich mal aufzuklären: Es handelt sich um eine meist spastische Lähmung, oft auf einer Körperseite stärker ausgeprägt als auf der anderen, oft durch einen Sauerstoffmangel bei der Geburt oder eine Infektion hervorgerufene Schädigung des Hirns, wobei „Hirnschädigung“ nicht zu vermischen ist mit kognitiven Einschränkungen; ich kenne genügend Leute mit CP, die Abi machen und studieren) und war, was ihre Bewegungen anging, unheimlich stark eingeschränkt. Sie kam kaum vorwärts, war völlig verspannt, völlig aufgedreht und konnte ihren Rolli eigentlich nur mit einem Arm effektiv vorwärts bewegen, hatte deswegen auch schon eine mechanische Feder an einem Vorderrad, die den Rolli automatisch um die Kurve fahren ließ, um ihr einseitiges Antreiben wieder auszugleichen.

Das Mädel saß jetzt, wo sie sich selbst vorwärts bewegte, unglaublich unmöglich in diesem Rollstuhl drin (und es war eigentlich schon ein guter, angepasster Stuhl), lag mit der Brust fast auf den Knien, hatte die Knie durchgedrückt, so dass die Beine fast parallel zur Sitzfläche nach vorne gestreckt waren – wie ein Klappmesser – und fiel bei jeder Bewegung fast aus dem Stuhl. Da ich kein Spasti bin, halte ich mich mit sämtlichen Kommentaren eher zurück, aber Anja drehte entsprechend auf: „Sag mal, du sitzt da heute wieder wie ein Affe aufm Schleifstein.“ – Sie lachte: „Ja, irgendwann fall ich da auch nochmal raus.“

Sie schien das eher zu belustigen als zu kränken. Jetzt setzte ich doch noch einen drauf: „Das behindert dich doch auch voll beim Fahren, ich glaube, du könntest viel schneller sein, wenn du da nur mal vernünftig sitzen würdest.“ – „Ich rutsch immer runter und dann verkrampfe ich mich so wegen meiner Spastik“, erklärte sie.

„Viele andere binden ihre Füße am Stuhl fest, warum machst du das nicht?“, fragte ich. Sie antwortete prompt: „Meine Eltern wollen das nicht, das sieht so behindert aus und wenn ich rausfalle, breche ich mir die Füße.“

„Dann machst du dich oben auch fest und dann fällst du auch nicht raus“, meinte Anja. „Wollen wir es nicht mal ausprobieren?“ – Das Mädel zuckte mit den Schultern. „Wenn ihr meint!“

Entsprechend kramten wir die Schränke durch nach allen möglichen brauchbaren Stretchbändern und Klettgurten und Fußschnallen und fanden, was wir suchten. Füße fest, Po nach hinten an die Rückenlehne ran und einen Gurt über die Hüfte, ein Klettband unterhalb der Brust um die Rückenlehne – und das Mädel fuhr statt Schneckengeschwindigkeit plötzlich im langsamen Lauftempo. Nachdem wir diese komische Feder ausgehakt hatten, denn plötzlich konnte sie auch halbwegs gradeaus fahren oder zumindest Abweichungen durch einseitiges Bremsen korrigieren. „Ich bin ja richtig schnell“, krähte sie durch die halbe Halle und etliche Leute, die rundherum auf den Ergometern saßen und ihre Übungen machten, guckten und grinsten.

Nun war das natürlich nicht die endgültige Lösung, aber mit einer Verordnung vom Arzt könnte man solche Fixierungen anbauen lassen. Dann wäre mit wenig materiellem und finanziellem Aufwand der Rolli maximal in Richtung Höchstgeschwindigkeit gepimpt. Und was liegt näher, als das neu entdeckte Phänomen gleich dem Papa zeigen zu wollen, der gerade um die Ecke kam: „Guck mal, wie schnell ich bin.“

Und als wäre das nicht schon genug zu erzählen und aufzuschreiben, kam noch eine absolut geniale Reaktion des Vaters dazu: „Macht das sofort wieder ab! Wie behindert ist das denn bitte! Ich lasse doch meine Tochter nicht an einen Rollstuhl fesseln! Das ist Freiheitsberaubung!“

„Nun mal langsam“, sagte ich und fiel fast vom Glauben ab. „Das ist ja nicht die Endlösung, das ist zusammengewürfeltes Zeug aus irgendwelchen Sporthallenkisten. Aber das kann man doch optimieren und was passendes über das Sanitätshaus bestellen.“

Der Vater war fast außer sich: „Freiheitsberaubung ist das! Es ist verboten, Menschen an Betten oder Rollstühle zu fixieren!“ – „Das tut doch auch keiner. Ihre Tochter kann doch alle Fixierungen selbst wieder öffnen. Die dienen doch nur ihrer Stabilität. Sie selbst entscheidet, wann sie die öffnet und wann sie die schließt. Aber schauen Sie doch mal, wie schnell und selbständig sie damit wird.“

Der Vater überlegte einen kleinen Moment. Dann fragte er: „Kannst du das denn alleine auf und zu machen?“ – Die Tochter nickte aufgeregt. – „Na dann … holen wir morgen ein Rezept. Ich habe immer gedacht, das wäre verboten.“ – Ich hasse es, wenn Menschen überheblich sind, aber heute kann ich es mir nicht verkneifen: Kopf -> Tischkante.

So a Stückerl heile Welt

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Wie könnte ein Sonntagmorgen schöner beginnen als mit der Feststellung: Du hast gestern nacht vergessen, das Handy auszustellen. Zuviel Bier bei der Grillparty? Oder waren das die Folgen des unvermeidbaren Passivkonsums, weil sich auf dem Heimweg in der U-Bahn eine junge Frau eine Tüte anstecken musste? Sechs Minuten nach Neun, im Display meine Trainerin Tatjana. Hatte ich einen Termin vergessen? Neun Uhr Trainingsbeginn? Auf einem Sonntag?!

„Ja?!“, nuschelte ich verschlafen. – „Oh, hab ich dich geweckt, das tut mir Leid.“ – „Wo brennt’s denn?“ – „Ja, ähm, ich wollte mal fragen, ich habe um 11 Uhr ein Mädel hier, 16 Jahre, das will künftig bei uns trainieren, kommt vom Verein …, hat jahrelang dort nur auf dem Platz trainiert, will mehr machen, traut sich mehr zu, ist wohl auch recht talentiert, kriegt aber nicht so richtig den Mund auf und hängt nur bei Muddi und Vaddi an der Leine. Vaddi hat mich jetzt schon drei Mal angerufen und mir jedes Mal erklärt, dass die ganze Familie sich auf Sonntag 11 Uhr freut, dass er sein Fahrrad mitbringt und jederzeit zur Stelle ist und sie extra einen Kleinbus haben und Muddi auch mitkommt, auch mit Fahrrad, und zwischendurch im Bus online arbeitet, aber dadurch stets zur Stelle …“ – „Tatjana! Sonntagmorgen. Ich bin noch nicht wach. Mein Bett ist total kuschelig und warm, stell einfach nur deine Frage.“

„Kannst du um 11 mit Rennrolli hier sein?“ – „Mein Rennrolli steht bei Marie. Ich hab doch kein Auto.“ – „Wenn Marie dich abholt, kommst du dann mit?“ – „Wenn Marie mich abholt, würde ich mitfahren.“ – „Ich ruf dich gleich wieder an.“ – „Ja tschüss.“

Naja, wenigstens schönes Wetter draußen. Kein Regen, die Sonne scheint. Acht Minuten später rief Marie an: Tatjana hätte, nachdem sie sie nicht erreicht hatte (weil Handy aus), bei ihren Eltern über Festnetz angerufen: Können Sie mal ihre Tochter wecken? – „Meine Mutter fand das ziemlich dreist“, meinte Marie.

„Ist es auch, nur das änderst du bei Tatjana nicht mehr. Ich hab ihr das auch schon mindestens fünf Mal gesagt, dass sie einfach mal früher planen soll. Zumal sie ja selbst gesagt hat, sie hätte schon drei Mal mit dem Vater telefoniert. Aber komm, das wird bestimmt toll.“ – „Fahren wir hinterher noch ne Stunde zu zweit?“ – „Auf jeden Fall. Oder zwei.“ – „Okay. Ich hol dich halb 11 ab.“

Als wir um 11 dann fertig umgezogen im Rennrolli auf dem Radweg neben dem Deich standen, uns die Sonne ins Gesicht scheinen ließen und etliche Radfahrer anhielten, um uns dabei zu bewundern, stieg Tajana gerade auf dem Parkplatz aus ihrem Auto. Ein Mädel im Rennrolli kam endlich zu uns, Papa und Mama gingen direkt neben ihr, plapperten auf sie ein. Die Mutter fing an, an ihrer Tochter herumzufummeln, ob denn auch alles richtig säße. Der Vater kam auf uns zu: „Warten Sie auch auf Frau …?“ – „Ja, genau, du bist die Anja, oder?“ – Das Mädel nickte schüchtern. Der Vater: „Wir hatten eigentlich ein Einzeltraining vereinbart. Naja“, seufzte er, „das fängt ja gut an.“

Maries und mein Blick streiften sich, ich sagte: „Wir trainieren alleine. Wir wollen nur ‚Guten Tag‘ sagen und kurz fragen, ob wir am Anfang irgendwas helfen sollen.“ – Ich schaute für einen Moment in Anjas Gesicht, dessen Miene von ‚extrem angespannt‘ für einen Moment auf ein von mir gedeutetes ‚fahrt bloß nicht ohne mich los‘ wechselte. Dann sagte der Vater: „Wir suchen für unsere Tochter eine geeignete Trainingsmöglichkeit. Im Moment sind wir in …, aber da wird sie nicht genug gefördert. Sie ist ja so talentiert.“ – „Was für eine Behinderung hast du eigentlich?“, fragte ich sie. „Wenn ich fragen darf?“ – „Meine Tochter hat CP, sagt Ihnen das was?“ – „Das sagt mir was.“ – „Was sagt es Ihnen denn?“ – „Wie meinen Sie das?“ – „Ja, was heißt denn ‚CP‘?“

Auweia. Tatjana erlöste uns in genau dieser Sekunde. „Tut mir Leid, ich bin drei Minuten zu spät. Ich hatte einen Trecker vor mir, den ich minutenlang nicht überholen konnte, und dann waren noch die Schranken zu.“ – „Ja, wir hatten auch eine recht lange Anfahrt, da kann ja immer viel passieren. Deswegen fahren wir auch immer rechtzeitig los. Ich schlage vor, Sie schicken erstmal die beiden Frauen hier auf die Reise und dann schauen wir mal, wie meine Tochter mit Ihnen klar kommt.“

Sind wir ein kleines bißchen überheblich? Anja sagte: „Papi, ich komm schon klar.“ – Papi fragte Tatjana: „Haben Sie denn gar kein Fahrrad dabei? Wie wollen Sie denn kontrollieren, ob meine Tochter alles richtig macht?“ – „Das brauche ich nicht zu kontrollieren. Ihre Tochter ist ja keine Anfängerin mehr, sie ist selbst dafür verantwortlich, alles richtig zu machen. Sie fährt ja regelmäßig an mir vorbei, ich sehe sie einen Kilometer weit von hinten und einen von vorne, da kann ich genügend Eindrücke gewinnen und ihr noch einzelne Tipps geben.“ – „Und wenn die da trödeln, sobald sie außer Sichtweite sind?“ – „Dann sind sie dumm, schließlich könnten sie es noch einfacher haben, indem sie einfach aufhören und duschen fahren. Meinetwegen muss hier niemand trainieren, das machen alle Athleten nur für sich selbst. Und das wissen sie auch.“ – „Na, wenn Sie das meinen.“

„Ich würde vorschlagen, die drei fahren sich mal locker warm und wir schauen einfach mal zu.“ – „Ach, ich dachte, das wäre Einzeltraining?“ – „Wir sind nur zum Gespräch verabredet. Und ich habe gesagt, ich schaue mir Ihre Tochter mal an. Aber von Einzeltraining war nie die Rede. Und Einzeltraining hieße ja auch nicht, dass niemand anderes mehr in der Nähe sein darf. Die anderen werden sich später ausklinken, aber erstmal sind die beiden ja auch eine gute Möglichkeit für einen Leistungsvergleich.“

Der Vater wollte seinen Fahrradhelm aufsetzen. Tatjana sagte: „Zum Aufwärmen wollen Sie jetzt aber nicht mitfahren, oder?“ – „Ja doch!“ – „Lassen Sie doch Ihre Tochter mal sich eingewöhnen und einfach mal ein wenig ausprobieren. Dafür ist das Aufwärmen ja da. Wie lange macht Ihre Tochter das jetzt? Sechs Jahre? Dann bekommt sie ein Aufwärmen auch hin, ohne dass sie jemand dabei beobachtet.“ – „Und wenn Autos kommen? Sie fährt zum ersten Mal auf der Straße!“ – „Sie fährt ja nicht auf der Straße, sondern das ist hier nur ein breiter Rad- und Gehweg. Der ist zwar so breit wie eine kleine Straße, aber da fahren keine Autos. Ansonsten sieht man das ja schon von weitem und kann anhalten.“

„Auf gehts!“, versuchte ich, die nun folgende Diskussion zu vermeiden und rollte los. Marie fuhr gleich mit. Anja zögerte. Ich drehte mich nach einigen Metern um. „Komm Anja. Lass deinen Papa und Tatjana erstmal fachsimpeln, wir geben schonmal Gas.“ – Jetzt kam auch noch die Mutter ins Spiel, hüpfte ihrer Tochter vor den Stuhl und musste ihr noch ein Küßchen geben. „Pass auf dich auf, Kleines.“ – „Ja, Mama.“ – „Und wenn Autos kommen, fährst du rechts ran, ja? Und hör auf Jule und Marie, ja? Wenn das bloß gut geht.“

Ich wagte nach fünfzig Metern einen vorsichtigen Blick nach hinten, Papa hatte sein Fahrrad wieder aufgeständert. Also schien Tatjanas Plan zu funktionieren. Wir fuhren erstmal mit halber bis dreiviertel Kraft, um den Körper an der trotz Sonne recht kühlen Luft auf Betriebstemperatur zu erwärmen. Nach 10 Minuten lockerem Gespräch fragte ich direkt: „Sag mal, deine Elten sind ziemlich anstrengend, oder?“

„Naja, sie meinen es gut. Sie fahren mit mir überall hin, sie fördern mich, ohne die beiden wäre ich ziemlich aufgeschmissen. Aber ich weiß, was du meinst: Es muss irgendwie immer das beste sein. Mein Papa ist zu ungeduldig, einfach mal auszuprobieren und langfristig etwas aufzubauen, er will immer gleich und nur das Beste. Und das gibt es halt im Leben nicht oder ist nur von kurzer Dauer. Und ihm ist ungeheuer wichtig, welcher Eindruck auf andere entsteht.“

„Den Eindruck hatte ich aber nicht“, konterte Marie. „Ich fand das teilweise ziemlich abgefahren, was er da von sich gegeben hat.“ – „Er ist der Chef. Ich halt mich da raus. Ich versuche, mich irgendwie zu benehmen und dann ist gut. Alles andere ist sein Bier. Wenn mich einer was fragt, antworte ich, ansonsten halte ich meine Klappe. Lieber nichts als was falsches sagen.“

„Aber es geht doch um dich? Da kannst du dich doch nicht raushalten!“ – „Naja, er meint eben, dass er am besten weiß, was für mich gut ist. Oft stimmt das ja auch. Wenn ich das für mich beanspruchen will, führt er mir eine Viertelstunde lang Dinge vor, die ich eben noch nicht alleine kann und beendet seinen Monolog mit: ‚Und deswegen bin ich für dich da. Ich lass dich nicht im Stich.'“

Ich sagte ihr, dass sie auf Dauer nur dann Spaß und Fortschritt sehen wird, wenn sie selbst bestimmt, was sie will. Damit spreche ich mich ausdrücklich dafür aus, sich mit seiner Umwelt zu arrangieren und auch mal zurück zu stecken, aber es kann doch nicht sein, dass jeamnd einem das Leben plant?! Und zwar in allen Bereichen, wie wir mitbekamen, als wir nach 20 Minuten wieder an Tatjana und den Eltern von Anja vorbei fuhren.

Wir hielten auf das wilde Gestikulieren der Mutter kurz an. „Anjaschatz, musst du auf die Toilette?“ – „Nein, Mama, ich war doch gerade erst.“ – „Willst du nicht lieber nochmal dorthin, bevor ihr die nächste Runde fahrt?“ – „Nein, ich muss nicht.“ – „Nicht dass es nachher zu spät ist.“ – „Nein, Mama, jetzt entspann dich doch mal.“

Kein Wort darüber, wie es bisher gelaufen ist, ob sie gut mit uns zurecht kommt, okay, Muddis sehen das ja im allgemeinen am Gesichtsausdruck, dass es ihrer Tochter gut geht. Aber jemandem mit 16 an den Klogang erinnern? Unglaublich. Aber leider wirklich kein Einzelfall bei den Jungs und Mädels, die seit Geburt eine Behinderung haben. Und leider scheint für viele Eltern der Abschluss der „Sauberkeitserziehung“ eine unüberwindbare Hürde zu sein, sobald eine Inkotinenz oder zumindest eine durch die Behinderung beeinflusste Blase (und Darm) mit hinein spielt. Natürlich ist es anders und natürlich gibt es Menschen mit Behinderungen, die das geistig nicht auf die Reihe bekommen. Aber Anja besucht das Gymnasium. Passt also nicht. Mit 16 ist diese Frage einfach unverschämt.

Wir fuhren in die andere Richtung weiter, offiziell immernoch zum Aufwärmen, inoffiziell, um Anja kennen zu lernen und mehr über sie zu erfahren. Ich fragte gleich direkt: „Und was war das jetzt? Ist dir das nicht peinlich, wenn deine Mutter dich vor fünf anderen Leuten daran erinnert, auf die Toilette zu gehen? Ich meine, mich kratzt das jetzt nicht, das ist eure Sache, aber ich wüsste, wie ich an deiner Stelle darauf reagieren würde.“ – „Ich habe mich schon daran gewöhnt. Da kann man nichts machen. Ich habe immer mal ein paar Probleme mit der Blase und dann bekommt meine Mutter es nicht auf die Reihe, dass die Probleme nicht dadurch entstehen, dass ich zu selten auf Klo gehe. Aber das ist für sie als nicht betroffener Mensch die einzig nachvollziehbare Erklärung und dann … kannst du vergessen. Du kannst aber sicher sein, dass es nachher eine Predigt gibt, falls was in die Hose gegangen ist. Ich glaube, sie möchte damit ein wenig ihre Verantwortung abgeben, in die sich selbst immernoch nimmt. So kann sie dann immer sagen: ‚Ich hab dich gefragt, ich habe dich erinnert.‘ Und damit die Schuld von sich wegschieben.“

Als wir wieder an der Gruppe vorbei kamen, bat der Vater Anja, anzuhalten. Er meinte, ihr Training sei beendet, man käme mit „der Frau“ auf keinen gemeinsamen Nenner. Tatjana vertrete Ansichten, die sie nicht teilen könnten. Da von Anja keine Reaktion kam, platzte mir dann mal stellvertretend der Kragen: „Mit Verlaub, Sie vertreten auch Ansichten, die man nicht teilen kann. Wieso bestimmen Sie, was für Ihre Tochter gut ist, ohne sie überhaupt gefragt zu haben? Sie hat sich jetzt warm gefahren, vielleicht möchte sie jetzt mal eine Stunde lang Gas geben? Warum sollte sie jetzt ihr Training mittendrin abbrechen, nur weil der Vater mit der Trainerin nicht klar kommt? Ich dachte, Sie tun das alles für Ihre Tochter, aber ich habe eher den Eindruck, Sie tun das für sich selbst.“

„Das ist doch alles ein abgesprochenes Spiel hier, dasselbe habe ich gerade schon einmal gehört. Ich hätte gleich misstrauisch sein sollen, als aus dem Einzeltraining ein Gruppentraining wurde.“ – „Misstrauisch? Ihre Tochter fühlt sich wohl. Sie haben ein Problem, nicht Ihre Tochter. Aber Sie wollen hier nicht trainieren. Alle anderen Jugendlichen mit 16 kreuzen hier alleine hier auf und lassen sich nicht von den Eltern kontrollieren, ob sie Vollgas geben oder rechtzeitig zum Klo fahren. Und sind sehr erfolgreich. Das müssen Sie doch mal merken, dass da bei Ihnen was nicht stimmt.“

„Kommst du?“, forderte er Anja energisch auf. Die überlegte einen Moment. Ich fixierte sie mit meinem Blick und beamte ihr ein „jetzt oder nie, das ist deine Chance“ in den Kopf. Es kam an. Ich hatte mich für diese Steilvorlage weit genug aus dem Fenster gelehnt und alle unverschämten Register, an die ich irgendwie dran kam, gezogen. „Papi, jetzt hör mal zu. Ich weiß ja, dass ihr es gut meint, aber manchmal geht es echt zu weit, was ihr hier macht. Ihr wollt doch, dass ich glücklich bin und gut gefördert werde und hier habe ich zum ersten Mal den Eindruck, dass das was ganz tolles werden könnte. Die Leute sind nett, zwei zumindest erstmal, ich kann endlich mal richtig schnell fahren, schneller als ewig nur auf der 400-Meter-Bahn mit lauter Kurven, und ihr habt mir versprochen, wir probieren es aus. Ich kann dir jetzt sagen: Es gibt was viel besseres als den Sportplatz in dem anderen Verein. Heute habe ich gemerkt, was ich schon immer gewusst habe und was du auch gemerkt hast: Der Sportplatz alleine bringt es nicht. Ich gehe auf diesen Platz nicht wieder zurück. Wenn ihr heute meint, dass ich hier nicht trainieren darf, dann ist das wohl mein Ende in diesem Sport, denn nur auf dem Sportplatz habe ich keine Perspektive, meine Leistungen noch zu steigern und auch noch andere Dinge zu machen. Die Leute hier trainieren ja nicht nur im Rennrolli, sondern auch andere Sachen, Biken und Schwimmen. Da hätte ich auch voll Lust drauf. Ich wäre sofort dabei, aber im Moment seid ihr diejenigen, die mir da Steine in den Weg legen“, sagte sie und drückte auf die Tränendrüse. „Auf den heutigen Tag habe ich mich seit Wochen gefreut.“

Und Tränen erweichen ja bekanntlich als erstes die Muddis. Die kam gleich angelaufen und musste ihre Tochter in den Arm nehmen. „Schatz, wir wollen doch nur das beste für dich. Du musst Papi auch verstehen, der hat dich sechs Jahre begleitet und du kannst nicht behaupten, du hast nichts gelernt und es nicht gut gehabt. Papi hat alles für dich getan.“

„Ja, das weiß ich ja auch alles und das finde ich ja auch alles gut, aber ihr könnt mich doch nicht mit 25 immernoch an die Hand nehmen, ihr müsst doch mal langsam dazu kommen, dass ihr mir ein paar Freiräume gebt und mir eher beratend und helfend zur Seite steht und mich eigene Erfahrungen machen lasst. Schau mal, ich habe sofort neue Freunde gefunden, da möchte ich einfach mal ein bißchen egoistisch sein. Wenn es zu viele Umstände macht, finden wir bestimmt einen Weg, wie ich zum Training komme und wieder zurück, aber ich möchte zumindest die Erlaubnis haben, künftig hier erstmal mitzutrainieren.“

Der Vater sagte „nein“, die Mutter „ja“, beide im selben Moment. Dann schauten sich Mama und Papa an und dann sagte Papa: „Ist ja gut, ich will kein Spielverderber sein. Aber ich möchte, dass du mir regelmäßig erzählst, was ihr hier macht und dass wir gemeinsam besprechen, ob das wirklich alles so gut ist, sobald du mehr Eindrücke gewonnen hast.“ – „Ach Papa, wenn das alles nicht gut wäre, würde ich doch von selbst sagen, dass ich nicht mehr hierhin will. Danke Papa“, sagte Anja und gab Muddi und Vaddi ein Küßchen. Marie war schon einige Meter vorgerollt, ich rollte hinterher. Sie fing leise an zu singen: „So a Stückerl heile Welt hab‘ ich beim Himmel heut‘ bestellt…“ – „Ach du warst das“, lachte ich. „Manchmal komme ich mir hier vor wie ein Sozialarbeiter.“ – „Bist du doch auch. Was meinst du, warum Tatjana dich angerufen hat.“

„Aber nun sag doch mal selbst, sowas geht doch gar nicht.“ – „Geht es auch nicht. Ich wette mit dir, sie trainiert jetzt gleich noch zwei Stunden mit uns, die Eltern gehen zwischendurch spazieren oder einen Kaffee trinken, dann erklären sie uns, dass sie nachgedacht haben und dass sie ihre Tochter selbstverständlich fördern wollen. So oder so ähnlich. Ich würde meiner Mutter übrigens was erzählen, wenn die mich vor allen Leuten fragt, ob ich auf Klo war. Ich würde ihr zu Hause so eine Szene machen, das würde sie sich kein zweites Mal trauen.“

Anja kam von hinten auf uns zugerollt. „Meine Eltern machen eine Radtour. Wir haben uns geeinigt, dass wir bis 14 Uhr noch trainieren und wollte fragen, ob ihr mir dann zeigen könnt, wo ich duschen kann. Um 15 Uhr holen sie mich dann wieder ab.“ – „Alles klar, machen wir so, los geht’s, ich werde kalt.“ – „Kommt Tatjana mit?“ – „Nein. Wir trainieren zu dritt, Tatjana ist nur für das Gespräch mit deinen Eltern gekommen. Die hat heute Sonntag.“ – „Das habe ich mir gedacht. Mein Vater hat sich da so reingesteigert in dieses beknackte Einzeltraining. Am Anfang hat er nämlich gesagt, es gibt nur ein Gespräch und dann plötzlich sollte ich alles einpacken und … egal, wir fahren jetzt los.“

Bleiben noch zwei Dinge zu klären: Erstens war sie selbstverständlich in der Lage, so rechtzeitig Bescheid zu sagen, dass wir eine Möglichkeit fanden, wie ihre Hose trocken blieb, zumal sie frei laufen konnte. Wenn auch recht spastisch, aber sogar barfuß und ohne Festhalten. So ein Deich hat ja immer Gefälle und wenn man sich richtig rum mit herunter gezogener Hose ins Gras setzt (hocken ging nicht), braucht man nur einen Moment, in dem keine Fußgänger und Radler vorbei kommen und gaffen wollen. Auf den Schiffsverkehr auf der Elbe haben wir allerdings nicht geachtet und so erblickten wir dann plötzlich einen Typen auf einem Binnenschiff, der mit einem Fernglas herüber schaute. Der war aber trotzdem weit genug weg.

Zweitens: „Muddi und ich haben bei unserer Radtour nachgedacht und miteinander gesprochen und wir finden es wichtig, dass du den Sport machst und dass du deine Freunde hast und dein eigenes Leben und selbstverständlich sollst du hier trainieren.“ – Marie hielt mir auffordernd (’schlag ein‘) ihre flache Hand hin. Im selben Moment kam der Vater auf mich zu und meinte: „Ich finde es gut, dass Sie vorhin so direkt, ich will nicht sagen unverschämt, aber direkt, zu mir waren. Sie haben durch ihr selbständiges Leben sicherlich einen ganz anderen Blickwinkel. Es war richtig, dass Sie uns so nachdrücklich auf unseren Irrtum aufmerksam gemacht haben. Obwohl ich so etwas nicht schätze, wenn Publikum daneben steht, und das weiß meine Tochter auch.“

Dann sagte die Mutter: „Trotzdem denken wir, Sie können unserer Tochter viele Dinge vermitteln, die wir als nicht behinderte Menschen ihr nicht beibringen können. Nicht nur Sie, sondern auch die anderen Leute hier.“ – Wow. Da mag sie Recht haben.