Eulenspiegel

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„Quäle stets ein Tier mit Schmerz, denn es fühlt wie du den Scherz.“ – Diesen verballhornten Spruch hörte ich kürzlich von Jugendlichen, die versuchten, im Bus eine Fliege mit einem Feuerzeug anzukokeln. Der Busfahrer hat die Jugendlichen auf offener Strecke rausgesetzt, ob wegen der Tierquälerei oder aus Sorge, dass demnächst sein Bus brennt, weiß ich nicht. Vielleicht auch aus beiden Gründen.

Keinen Brummer, sondern einen lebendigen Hund hat der Überlieferung nach Till Eulenspiegel, der vor 700 Jahren lebte und in Mölln in Schleswig-Holstein senkrecht begraben sein soll, beim Bier brauen in einen heißen Kessel geworfen. Der Hund hieß Hopf, und der Bierbrauer hatte Eulenspiegel gebeten, Hopfen in die Braupfanne zu werfen. „Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“, soll es damals geheißen haben. Eulenspiegel sollte lustig sein und nicht nur Majestät haben darüber gelacht: Der Spruch ist noch heute an der Tagesordnung.

Ich kam kürzlich in den Genuss, die allererste Folge einer Vorabendserie sehen zu dürfen, deren aktuelle Folgen noch heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden. Als sie gedreht wurde, waren die Charaktere überrascht, dass künftig auch Frauen im Streifendienst eingesetzt werden sollen. Kinder, wie die Zeit vergeht: Meine Halbschwester Emma ist in diesem Jahr zur Oberkommissarin befördert worden und hat damit einen höheren Dienstrang als alle Charaktere dieser Serie vor dreißig Jahren. Wertschätzung und respektvoller Umgang hätten enorm zugenommen, sagt sie. Die älteren Kollegen erzählten oft, dass es früher sogar Prügeleien unter den Beamten gegeben hätte, das Klima sehr viel rauer war. Schimpfworte wie „Arschloch“, „Neger“ und „Penner“ seien an der Tagesordnung gewesen. Das sei heute undenkbar und würde sofort sanktioniert.

Trotzdem gibt es Ausgrenzung und Dummheit noch immer. Es gibt noch immer Menschen, die glauben, Frauen sind nur dumm und können gut backen. Und Kinder gebären. Okay, Männer können meistens weder backen noch Kinder gebären. Irgendwie müssen wir uns ja unterscheiden. Homosexuelle sind eklig. Behinderte sowieso. Vor allem, wenn sie sabbern, brummen und inkontinent sind. Dass mir jemand nicht die Hand gibt, weil er denkt, er könne sich anstecken, kommt auch in 2019 noch vor. Nicht täglich. Und nicht häufig. Aber so etwas gibt es. Und ich muss weiter dagegen kämpfen.

Ich kämpfe. Zum Beispiel mit einem Blog, der über 7 Millionen Mal aufgerufen wurde. Aber ich kämpfe zum Glück nicht alleine gegen die Dummheit.

Anlässlich meiner doch rund umfangreichen Schilderungen über das Krankenkassen-Gutachter-Drama von Helena hatte ich einen recht umfangreichen Dialog mit einem Kumpel, den ich seit meiner Reha, also seit nun schon zehn Jahren kenne. Höheres Tier in einer Sozialbehörde, begleitet ehrenamtlich gerade eine junge Frau, die seit über einem Jahr versucht, einen Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Die Frau hat, wie Helena, eine leichte Cerebralparese, also eine Hirnschädigung, die die Motorik (nicht die geistige Leistungsfähigkeit, die junge Dame macht gerade Abitur) einschränkt. Sie benutzt für längere Strecken (so ab 700 Metern) ebenfalls einen Rollstuhl, spricht ein wenig undeutlich und hat erhebliche Schwierigkeiten mit der Feinmotorik, vor allem der der Hände. Sie schreibt in der Schule beispielsweise am Laptop. Ich selbst kenne die Frau nicht persönlich.

Hinzu kommen angeborene Fehlbildungen beider Hüftgelenke und eine Überreaktion auf Wasser: Sobald sie duscht, bilden sich Quaddeln am ganzen Körper. Außerdem reagiert sie allergisch auf Insektengift-Proteine, muss also ständig hochpotente Medikamente injektionsfertig mitführen, falls sie mal von einer Wespe gestochen wird und der Notarzt nicht rechtzeitig kommt.

Behinderung? Nö. Fehlanzeige. Das Versorgungsamt sagt: Das reicht nicht. Sie ist nicht so stark eingeschränkt, dass ihr Zustand in erheblichem Maße von dem eines gesunden Menschen ihres Lebensalters abweicht. Schließlich hat auch nur ihr Kinderarzt was dazu attestiert und kein Neurologe. Unser Haus-Gutachter kommt nach Aktenlage zu dem Ergebnis, es liege auch keine Hirnschädigung, sondern eine Entwicklungsretadierung vor.

Ich weiß noch, wie es mir ging, als mir mitgeteilt wurde, dass ich ein Vollpfosten bin. Wobei man mir ja eher gutmütig die Dinge attestiert hatte, die wirklich vorlagen. Retadiert war ich noch nie. Nicht mal auf dem Papier. Krüppel halt. Aber alleine diese Tatsache schwarz auf weiß zu lesen, hat mir damals schon gereicht.

Die junge Frau legt also Widerspruch ein und lässt sich brandaktuell von einer spezialisierten Kinderneurologin noch einmal von Kopf bis Fuß durchchecken. Legt ihr Hirn in eine bildgebende magnetische Röhre. Mit glasklaren Ergebnissen. Nix retadiert, sondern eine waschechte Cerebralparese. Reichte dem Amt wieder nicht. Dieses Mal sei die Abweichung zwischen dem (oberflächlichen und auf den Alltag bezogenen) Bericht des Kinderarztes und dem (fachlich bis in die tiefste Ebene abgegrenzten) Bericht der Fachärztin zu groß, von daher sei das alles unplausibel. Man setze alles auf Null und beauftrage einen externen Gutachter, einen niedergelassenen Neurologen, damit, das alles einzuschätzen.

Die junge Dame holt sich also schulfrei, muss einen handgeschriebenen Lebenslauf schreiben (kenne ich irgendwoher), taucht dort pünktlich auf und fährt, dem Rat ihres Rechtsanwalts folgend, natürlich nicht alleine dorthin, sondern nimmt eine Vertrauensperson mit. Bevor der Termin starten kann, kommt der Gutachter ins Wartezimmer und blubbert die junge Frau an: Schön, dass Sie eine Begleitperson mitgenommen haben, die bleibt aber draußen. Die Begutachtung führe ich nur unter vier Augen durch. Als die junge Frau darauf besteht, dass die Vertrauensperson sich bei der Untersuchung still in eine Ecke setzt und zuschaut, verweigert der Gutachter die Untersuchung und kündigt an, ihr im Gutachten eine „mangelnde Kompromissbereitschaft“ zu attestieren. Was die Behörde später als mangelnde Mitwirkung auslegen werde, mit dem Ergebnis, dass es weder einen Ausweis, noch eine Gleichstellung gebe.

Ähm ja. Wie, du willst nicht angegrapscht werden? Bist du etwa zu keinen Kompromissen bereit? Ein Totschlag-Argument aus der Sicht jedes Rambos, eine Disqualifikation mit Pauken und Trompeten aus der Sicht all jener, die Machtmissbrauch und Mobbing auch gegen den Wind riechen.

Das Glück der jungen Frau war wohl die Begleitung durch den Sozialrechts-Fuchs. Der hat die junge Frau, die nicht nur wegen der eigentlichen Begutachtungs-Situation unter großer Anspannung stand, sondern mit diesem Benehmen des Gutachters auch völlig überfordert war, ins Auto gepackt und ist mit ihr auf dem direkten Weg zu der Behörde gefahren, die das Gutachten in Auftrag gegeben hat. Frei nach dem Motto: „Hier bin ich. Begutachten Sie. Mitwirkung liegt vor. Maximal. Kopie der Akte, alle Befunde, handgeschriebener Lebenslauf: Alles dabei.“

Die Sachbearbeiterin an der Publikumsfront hat nach zwei Sätzen die Flinte ins Korn geworfen und das Gespann in die Chef-Etage geführt. Die junge Frau durfte daran teilhaben, wie ihr Begleiter und eine ältere Dame aus dem höhere Dienst der Behörde sich über den grundgesetzlich garantierten Anspruch auf rechtliches Gehör und den damit verbundenen Anspruch auf ein faires Verfahren austauschten und sofort derselben Meinung waren. Dass beide der Überzeugung waren, dass insbesondere in einem Widerspruchsverfahren der freie und gleichberechtigte Zugang zur Justiz eher überkorrekt berücksichtigt werden müsse, zumal Deutschland bei der Umsetzung der anerkannten UN-Forderung ohnehin defizitär sei.

Nach kurzer Wartezeit auf dem Behördenflur, in der die Beamtin den Gutachter anfunkte, ließ sie durchblicken, dass sie höchstpersönlich vor Jahren eine Anordnung verfügt hatte, die Begleitpersonen bei Gutachten ausdrücklich zulasse. „Solange die Begleitperson sich nicht ungefragt einmischt oder dort randaliert, sondern der Gutachter seine Arbeit machen kann, soll sie doch still in der Ecke sitzen. Ich würde meinen Mann auch nicht unbegleitet zum Doktor lassen, alleine schon, weil er immer nur die Hälfte versteht.“

Ende vom Lied: Die Frau hat die Antragstellerin im Namen der Behörde ausdrücklich für diesen Vorfall um Entschuldigung gebeten und ihr einen neuen Termin bei einem anderen Gutachter in Aussicht gestellt. Den kenne sie persönlich, dorthin würde sie auch gehen. Und sie habe ihn extra angerufen: Selbstverständlich dürfe jederzeit eine Vertrauensperson dabei sein.

Ich frage mich nun, was wohl passiert wäre, wenn der Sozialrechts-Fuchs nicht dabei gewesen wäre. Dann hätte der Gutachter wohl festgestellt, dass noch immer keine Behinderung vorliege. Wer so drauf ist, ist aus meiner Sicht als Gutachter untauglich. Machtspiele und die damit verbundene Ausgrenzung haben in fairen Verfahren nichts zu suchen!

Fand übrigens damals auch schon Till Eulenspiegel.

Mehraufwandszuschlag

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Ich bin auch vor meinem Unfall immer mal zu Frau Sör gegangen. Ja, ich weiß, „Frau Sör“ ist flach, aber den Spruch habe ich von einem Kumpel, der an dieser Stelle immer wissen möchte, ob es eine „Frau Sör“ oder ein „Herr Sör“ war. Ohne weiteren Hintergrund, einfach des Wortspiels wegen. Er drückt sich damit und mit der erstmal erzeugten Verwirrung darum, so meine Vermutung, über eine neue Frisur Ge- oder Missfallen äußern zu müssen. Frau ist ja meistens und dann gerne begeistert, wenn Mann erkennt, dass einem am Kopf was fehlt. Und entzückt, wenn etwas Gewagtes einer wichtigen Person gefällt.

Bei mir wurde noch nie etwas gewagt. Ich bin farblos, kann einen Pferdeschwanz und unter einer Badekappe auch mal einen Dutt. Derzeit, also nachdem Frau Sör es mal wieder gerade geschnippelt hat, hängt mir das Gewächs bis knapp unter die Brustwarzen. Das unter den Armen ist etwas kürzer, nachdem ich es am letzten Freitag erst rasiert hatte.

Also: Vor meinem Unfall, da habe ich mich als 15 Jahre altes Mädchen hin und wieder mal von Mama zu Frau Sör schicken lassen. Und dann für einen Mädchen-Haarschnitt acht bis neun Euro bezahlt. Nach meinem Unfall waren es bei einer deutschlandweit vertretenen Kette genau zehn, dazu gab es eine Treuekarte, mit der der zehnte Besuch gratis war. Also für 11 mal Spitzen schneiden habe ich 100 Euro bezahlt, macht rund 9,10 Euro pro Schnitt.

Letzte Woche war ich, wie erwähnt, bei Frau Sör. Wieder nur Spitzen schneiden. Wieder dieselbe deutschlandweit vertretene Kette. Jetzt allerdings eine andere Filiale und jetzt allerdings mit Waschen und Föhnen. Hat genau 30 Minuten gedauert. Einschließlich drei Mal unterbrechen, weil das Telefon klingelte. Die Dame, die das bei mir macht, ist die stellvertretene Salonleitung. Gekostet hat es mich 61 Euro.

Okay, kein Vergleich zu den 9,10 Euro für einen „Mädchen-Haarschnitt“, aber 61 Euro für eine halbe Stunde Arbeit? Vor dem Jahreswechsel habe ich 45 Euro bezahlt, das fand ich schon grenzwertig. Jetzt haben die die Preise mal eben um 13 Prozent erhöht und dazu noch einen „Meister-Mehraufwands-Zuschlag“ in Höhe von 10 Euro eingeführt, der fällig wird, wenn Herr oder Frau Sör einen handwerklichen Abschluss hat.

Weil es ja mehr Aufwand bedeutet, wenn jemand mit Brief mir die Spitzen schneidet. Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin sehr dafür, dass eine Friseurin von ihrem Einkommen leben kann. Und tatsächlich soll ihr Gehalt wohl zum Jahreswechsel um rund 400 Euro brutto pro Monat auf 2.150 Euro angehoben worden sein. Was sie mir ganz stolz mit feuchten Augen erzählte. Und was ich gerechtfertigt finde und ihr auch sehr gönne, denn sie ist sehr korrekt und sehr fleißig. Das heißt: Sie bekommt etwa 1.500 Euro netto überwiesen.

Um auf diese Summe zu kommen, müsste sie pro Monat 36 Frauen bedient haben. Das dürfte sie in einer Woche schaffen. Ich weiß, was ein Ladengeschäft kostet – brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber wir reden über 30 Minuten Haare schneiden. Wenn ich jemanden eine halbe Stunde auf der Straße reanimiere, ihm einen Zugang lege, ihn in Narkose setze, ihm einen Beatmungsschlauch in die Lunge lege und ihn bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes mit Herzdruckmassage und Beutelbeatmung über Wasser halte, darf ich ihm dafür anschließend rund 50 Euro in Rechnung stellen. Ich glaube, dann schneide ich dem Nächsten lieber die Haare.

Ich will nicht meckern. Eine Assistenzärztin im Krankenhaus bekommt im ersten Jahr laut Tarif zwischen 2.500 und 2.700 Euro netto monatlich ausgezahlt. Dazu kommen hin und wieder Schicht-Zulagen. Und oft besteht in Kliniken eine solche Personalknappheit, dass man mit etwas Geschick auch als Anfänger einige hundert Euro mehr raushandeln kann. Genug Geld, um nach Frau Sör auch nochmal Herrn Sör, Herrn Maniküre, Frau Pediküre, Frau Walküre und die Stadt Küre in Nord-Anatolien zu besuchen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass hier ganz offensichtlich die Gehaltserhöhung dazu benutzt wird, den Kunden im Verhältnis noch mehr Geld aus dem Kreuz zu leiern, um denjenigen die Taschen vollzustopfen, die vermutlich noch nie Kamm und Schere in der Hand gehabt haben. Während Frau Sör jahrelang gerade so eine Großstadtmiete bezahlen konnte.

Und fände ich meine Frau Sör nicht so sympathisch, würde ich irgendwo hinrollen, wo nicht der Name einer großen Kette an der Eingangstür klebt.

Liebend getan

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Vielleicht hat der Eine oder die Andere gedacht, dass ich heute ein Gyrosbaguette essen würde. Und lag damit richtig. Allerdings nicht dort, wo sich die Crew, die mich vor zehn Jahren von der Straße gekratzt hat, am Tag meines Unfalls ihr Gyrosbaguette geholt hat. Denn den griechischen Imbiss gibt es nicht mehr. Und auch „meine“ Notärztin, die mich vor zehn Jahren im Heli begleitete und vermutet hatte, dass ich meine Verletzungen nicht überleben werde, gibt es leider nicht mehr. Sie ist, wie ich gestern erfuhr, im September letzten Jahres verstorben.

Warum, wieso, weshalb, weiß ich nicht. So alt, dass man damit rechnen müsste, war sie noch nicht. Sie hat mich in meinen gesundheitlich schwersten Minuten begleitet und korrekt behandelt. Ohne sie wäre ich vermutlich tot. Und trotzdem kannte ich sie nicht wirklich. Ich habe sie, einerseits aus einer Schüchternheit heraus, andererseits aus großem Interesse mal gefragt, warum sie Ärztin geworden ist. Sie hat geantwortet: „Aus Liebe.“ – Sie war eine „Institution“ für mich, keine Bekannte oder Freundin. Die Nachricht schockt mich, auch noch am heutigen „Tag danach“, extrem. Ich habe mit vielem gerechnet, dass sie mal versetzt werden könnte, inzwischen vielleicht gekündigt hat, woanders arbeitet – aber nicht mit ihrem Tod. Das berührt mich gerade sehr, und das nimmt mich emotional auch gerade sehr mit. Ich habe bereits einige Tränen vergossen. Es kam, zugegebenermaßen, höchst unerwartet.

Zehn Jahre ist der Unfall jetzt her. Zehn Jahre Querschnittlähmung. Sie sind vergangen wie im Flug. Ich hatte überwiegend eine schöne Zeit, wenngleich ich gerade in den letzten drei Jahren einige Erfahrungen gemacht habe, von denen ich noch nicht vollständig verstanden habe, wofür sie gut sein werden. Ich merke aber, dass mich diese Erfahrungen sehr viel gelassener, vorausschauender, kritischer und vor allem selbstbewusster gemacht haben. Und dass ich sehr viel über Menschen gelernt habe. Viele Eigenschaften, die mir bis dahin fremd waren, und die ich an mir sofort ändern würde, sind offenbar sehr verbreitet.

Ich bin früher eher still gewesen. Nicht schüchtern, aber ich mochte es nicht, wenn mich Menschen ansprachen. Wenn mich jemand nach dem Weg fragte, konnte ich darauf reagieren, die Uhrzeit bekam ich auch immer zusammen. Aber mit dummen Sprüchen bin ich früher eher selten konfrontiert worden. Das hat sich, seit ich im Rollstuhl fahre, enorm geändert. Eigentlich täglich sprechen mich in der Öffentlichkeit Menschen an. Gerade heute im Supermarkt wollte ebenfalls eine wildfremde Frau von mir wissen, ob ich eine Querschnittlähmung hätte. Zwischen dem Erdbeerregal und der Salatbar. Und sie erzählte mir, ohne dass ich es wissen wollte und während ich mein Gemüse zusammensuchte, dass sie mit einem sehr berühmten Ernährungsprogramm zwanzig Kilo abgenommen hat und dass sie es nicht mag, wenn Menschen mit ihren Handys laut im Supermarkt telefonieren.

Auch bin ich früher kein großes sportliches Licht gewesen. Heute habe ich eine gewisse Trainingsdisziplin, den Ehrgeiz, etwas schaffen zu wollen, und ich habe auch eine vergleichbar gute Kondition. Oft, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, und ja, es können auch mal 100 Stück oder sogar noch mehr in einer Trainingszeit sein, sind Menschen davon fasziniert. Und dann denke ich oft: Leute, wenn ihr zehn Jahre das Schwimmen ohne Beine trainiert, würdet ihr das mindestens genauso gut können. Andererseits ist diese Bewunderung, die diese Menschen dann äußern, auch eine gewisse Motivation für mich. Offenbar trauen sie es sich dann doch nicht zu, sich am Schopf zu packen und sich einfach verbessern zu wollen.

Ich hatte früher, und auch dieses Thema wird oft angesprochen, auch von wildfremden Menschen, die dann aber meistens keine Antwort von mir bekommen, keinen Sex. Vor meinem Unfall habe ich mich nicht einmal selbst befriedigt. Klar, Busen hatte ich schon, Regel auch schon lange, aber sexuelle Bedürfnisse? Die waren einfach nie so ausgeprägt, dass ich sie gezielt befriedigen wollte oder sogar musste. Nach meinem Unfall war ich sehr neugierig, was geht und was ich empfinde. Und vielleicht ist das sogar sehr gut gewesen, weil ich so etwas dazubekommen habe, anstatt dass mir etwas weggenommen wurde.

An anderer Stelle wurde mir sehr viel weggenommen. Meine früheren Freunde, meine Eltern. Aber auch hier habe ich etwas dazu gewonnen: Marie mit ihrer Familie, einzelne Menschen, die ich im Blog nicht (mehr) erwähne, und auf die ich mich verlassen kann.

Ich weiß nicht, wie ich den Kreis schließen soll. Ich könnte jetzt noch ganz viel schreiben, um am Ende dieses Beitrags noch einmal zu meiner Heli-Ärztin zu kommen. Ich habe ihre Traueranzeige im Internet gesucht und gefunden. Ihre Urne wurde weit weg von Hamburg begraben, vermutlich an ihrem Geburtsort. Ihre beiden Eltern haben die Anzeige aufgegeben. Sie trägt einen Trauerspruch von Horatius Bonar (schottischer Geistlicher aus dem 19. Jahrhundert): „Nimmer vergeht, was Du liebend getan.“

Barrierefrei zum Arzt

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Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, sollen in den nächten Jahren erwachsene Menschen mit kognitiven oder mehrfachen Einschränkungen eine bessere ärztliche Behandlung in Deutschland bekommen. Konkret ist vorgesehen, mit einer Finanzspritze von 50 Millionen Euro eine eine ärztliche Versorgung dieser Menschen in eigens eingerichteten medizinischen Behandlungszentren aufzubauen. Die von erwachsenen Menschen mit Behinderungen speziell benötigten Gesundheitsleistungen sollen „an einem Ort und mit vertretbarem Aufwand aus einem Guss“ erbracht werden. Darüber hinaus würden Ärzte bevorzugt zugelassen, die sich verpflichten, ihre Praxis barrierefrei einrichten.

Im Kinder- und Jugendbereich gibt es bereits ein flächendeckendes Netz von so genannten „sozialpädiatrischen Zentren“. Irgendwann werden diese jungen Menschen aber zu alt, um zum Kinderarzt zu gehen. Oftmals fallen sie dann in ein Loch, so die Bundesregierung.

Ich kenne mich mit dem Thema nicht gut genug aus, um mir ein abschließendes Urteil bilden zu können. Grundsätzlich begrüße ich natürlich alles, was getan wird, um Barrieren und damit Behinderungen abzubauen. Allerdings finde ich, es sollte generell keine neue Praxis mehr zugelassen werden, die nicht barrierefrei ist. Ob man dem Arzt, der die Zulassung beantragt, diese Kosten aufbrummt oder ob man sie aus einem entsprechenden staatlichen Programm nimmt, will ich nicht entscheiden müssen. Auf jeden Fall werden bei staatlichen Zuschüssen auch die privat versicherten Patienten an den Kosten beteiligt.

Wie gesagt, ich bin nicht tief genug im Thema, um mitreden zu können. Ich hoffe lediglich, dass dieses Angebot ein ehrlich gemeintes Angebot ist. Ehrlich insofern, als dass nicht das eigentliche Ziel ist, die Therapiekosten von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen dadurch mittel- bis langfristig zu senken, dass Therapieformen standardisiert werden. Standardisiert wurden in den letzten Jahren zum Beispiel die Rollstuhlversorgungen bei erwachsenen Menschen. Für einen Aktivrollstuhl, der zwischen 2.500 und 4.000 Euro kostet, zahlen die meisten Krankenkassen nur noch eine Pauschale, die nicht mal den Anschaffungspreis des günstigsten Modells deckt. Was die meisten Aktivrollstuhlfahrer können, dürfte Menschen mit kognitiven Einschränkungen in den Fängen eines standardisierten Versorgungsprogramms schwer fallen: Entweder massiv draufzahlen oder argumentieren, warum man vom Standard abweicht. Ich hoffe, dass es nicht so kommen wird.