Kampf-Lesbe

15 Kommentare1.802 Aufrufe

Im Jahr 2018 werden junge Schüler gefragt, wie eine Familie entsteht. Laut dem inzwischen vorliegenden Lösungsmuster gibt es die volle Punktzahl bei: „Ein Mann heiratet eine Frau und zeugt ein Kind mit ihr.“

Ich finde, dass nicht nur die Schüler Fehler machen dürfen. Ich hätte es stark gefunden, wenn die Lehrerin, die nicht mehr die Jüngste ist, etwas nachliest und sich eingesteht, dass ein großes Stück gesellschaftliche Entwicklung unbemerkt an ihr vorbei gezogen ist. Sie war in einem Trott, hat jedes Jahr dieselben Tests geschrieben, ist vielleicht schon lange ausgebrannt … keine Ahnung.

Da mit ihr nicht zu reden war und sie mich, obwohl ich super freundlich war und ihr diverse diplomatische Brücken am Telefon gebaut habe, fragen musste, ob ich „eine kleine Kampf-Lesbe“ sei, habe ich mich anschließend direkt mit dem Schulleiter unterhalten. Das fand ich echt unglaublich und irgendwann ist dann auch mal Schluss. Seine Meinung: „Ich kann der Kollegin ihre Ansicht von Partnerschaft und Familie nicht vorschreiben. Aber die darf nicht der Maßstab für eine Leistungsbeurteilung sein.“

Danke. Mehr wollte ich gar nicht hören. Die Tatsache, dass Fragen wie beispielsweise nach der Funktionsweise der Temperaturmethode nur zwei Punkte gaben, während das vorgenannte Familienbild mit fünf Punkten bewertet wird, unter Ausschluss sinnvoller Antworten, lässt in mir die Vermutung aufkommen, dass hier nur die Sonne scheint, wenn alle Kinder ihren Teller homophobe Grütze mit Milch brav aufgegessen haben.

Nein, das mit der Kampf-Lesbe habe ich nicht gepetzt. Darüber kann ich auch alleine laut genug lachen. Ich gehöre zwar auch zu jenen Menschen, die nicht jeden gendersensiblen Formulierungsvorstoß passend finden. Allerdings: Eine Lehrkraft, die meine vermutete Homosexualität auf beleidigende Weise an völlig unpassender Stelle thematisiert, verhält sich übergriffig. Bevor sie da nicht an sich arbeitet, wäre ich strikt dafür, den Sexualkunde-Unterricht künftig anderen Personen zu übertragen.

„Rapunzeln“ kam übrigens nicht von ihr sondern von Helena. Ich muss gestehen, ich finde diese Umschreibung irgendwie süß.

Und während ich nach Dienstschluss in meiner Alltagskleidung im Krankenhausflur stehe und auf den Aufzug warte, sehe ich beim Blick aus dem Fenster einen wunderschönen Sonnenuntergang. Hinter mir sprechen zwei ältere weibliche Subjekte: „Oh nein, die arme Frau. Das ist ja nun wirklich kein Leben mehr.“

Ich drehe mich um, möchte wissen, ob ich gemeint sein könnte. Oder ob sich vielleicht zwei Kolleginnen einen Scherz mit mir erlauben. Ich bin gemeint. Und es sind weder Kolleginnen, noch ist es ein Scherz. Bevor ich überlegen kann, ob ich darauf etwas erwidere, fragt mich diejenige, die schon den ersten Spruch rausgehauen hatte: „Wie lange geben Ihnen die Ärzte denn noch?“

Ich habe einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt, im Vorbeirollen ein paar Backpfeifen zu verteilen, bevor ich mich dann doch wieder dem wunderschönen Sonnenuntergang zugewandt und die blöden Schrippen alleine mit dem Aufzug vorweg fahren lassen habe. Man soll sich ja nicht provozieren lassen. Und ich glaube, sie wollten mich provozieren. Denn so kaputt sehe ich nun wirklich nicht aus, dass man denken könnte, mein Ableben stünde unmittelbar bevor.

Zweierlei Maß

9 Kommentare2.253 Aufrufe

Gerade noch hatte sie damit geprahlt, dass sie nie erwischt wird, wenn sie mit bis zu 200 km/h dort fährt, wo eigentlich nur 70 km/h erlaubt sind. Gerade noch habe ich mein Unverständnis darüber ausgedrückt, und gerade noch habe ich mir anhören müssen, was für ein kleinkarierter Mensch ich sei, wenn ich mich halbwegs an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halte. Fahrverbote gebe es schließlich erst ab 40 km/h drüber, plus Tachoabweichung, plus Toleranz, dann könne man auch 120 fahren, wenn 70 ausgeschildert ist.

Sehr häufig fahre ich mit Tempomat und stelle dann drei bis fünf Kilometer pro Stunde mehr ein, um die Differenz des Tachos wieder auszugleichen. Letzte Woche habe ich erst beim Herausfahren aus der 30er-Zone gemerkt, dass ich bis eben in einer solchen gefahren bin. Allerdings waren die Straßen dort schon so gebaut, dass ich nie über 40 km/h gekommen bin. Zwanzig zu schnell außerorts oder auf einer Autobahn ist auch schon vorgekommen. Ich bin sogar schon mal mutwillig verkehrt herum durch eine Einbahnstraße gefahren. Sie war drei Meter lang und eine Schikane, um den Durchgangsverkehr durch ein Wohngebiet einzudämmen. Nachts um halb drei hatte ich keinen Bock, nochmal komplett zehn Minuten um den Pudding zu kurven und hätte mit meiner 10minütigen Fahrt über das Kopfsteinpflaster vermutlich die schlafenden Menschen mehr genervt als durch dieses Manöver. Aber, so wie die Kollegin, 130 mehr auf der Uhr? Würde mir im Traum nicht einfallen. Dafür ist mir mein Lappen viel zu heilig.

Die Quittung kam jetzt per Post. Meine Kollegin soll angeblich über 1.000 Euro zahlen, bekommt vier Punkte und muss drei Monate zu Fuß gehen. Ein Stoppschild hat sie wohl auch noch überfahren und auch zwischenzeitlich ein Handy am Ohr gehabt. Hinter ihr fuhr „leider“ ein Videowagen. Und nun hat sie herumgeheult, wie ungerecht doch die Welt sei. Ist klar: Die Regeln gelten für alle anderen, und werde ich erwischt, sind alle anderen ungerecht zu mir. Und kleinkariert. Ich sag nur: Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um. Ich hoffe, das ist ihr eine Lehre, ansonsten dürften sie ihr den Lappen gerne ganz wegnehmen. Bevor sie andere mit ihrem riskanten Fahrstil in Gefahr bringt. Oder in den Rollstuhl. Nicht wahr?

Ein anderer Mensch, der es mit Regeln nicht so genau nimmt, gleichzeitig aber mit aller Vehemenz dafür kämpft, dass andere sich korrekt verhalten, ist mein derzeitiger Vermieter. Ich bin sehr froh, an meinem derzeitigen Studienort eine barrierefreie Wohnung bekommen zu haben, und es ist ja auch nur für eine begrenzte Zeit. Barrierefreie Wohnungen sind Mangelware. Ihr Neubau wird überall öffentlich und oft nicht unerheblich gefördert.

Das Haus, in dem meine Wohnung liegt, ist noch keine zehn Jahre alt. Der Vermieter (der das Haus auch gebaut hat) hat sich an einem barrierefreien Wohnhaus versucht, aber nicht, weil er Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ein Dach über dem Kopf geben wollte, sondern in erster Linie, weil er öffentliche Zuschüsse abgreifen wollte. Dieser Eindruck drängt sich mir zumindest auf. Aus Gründen.

1. Regenrinnen zur Dachentwässerung müssen in fast allen deutschen Städten in das öffentliche Sielnetz eingespeist werden. Zumindest bei Neubauten. Was überhaupt nicht geht, ist, dass das Regenwasser vom Dach über ein Regenrohr direkt auf den öffentlichen Gehweg geleitet wird und dort alles unter Wasser setzt. Bei dem Haus, in dem ich am Studienort zur Miete wohne, verschwinden alle Regenfallrohre im Boden, bis auf eins: Das endet am oberen Ende der steinernen Rollstuhlrampe, etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden. Schüttet es, ist es unmöglich, mit trockener Hose und trockenen Füßen daran vorbei zu kommen. Eine Zeitlang hatte jemand eine Tischplatte so gegen die Wand gelehnt, dass sie das Rohr verdeckt und entsprechend der Strahl an der Innenseite der Tischplatte herab läuft und nicht quer über die Rampe sprudelt. Dadurch war die Rampe natürlich nicht mehr in voller Breite nutzbar. Aber zumindest entstand nicht mehr der Eindruck, man sei auf einem Wasserspielplatz.

2. Die besagte Rampe, über die man in das Haus kommt, darf eine maximale Steigung von 6% haben. Das bedeutet: Will man 60 Zentimeter Höhenunterschied überwinden, muss sie zehn Meter lang sein. Vermessen habe ich diese Rampe nicht, aber ich würde mal tippen, dass es sich um einen Meter Höhenunterschied handelt und sie zwei Mal neun Meter lang ist, mit einem Zwischenpodest auf halber Höhe. Nun könnte man sich schon fragen, warum man den ebenerdigen Eingang einen Meter höher legt (das Haus hat noch einen zweiten Eingang, der sich auf Gehweghöhe befindet, allerdings führt der nur ins Treppenhaus, zum Aufzug muss man vier Stufen hoch). Der Hammer ist aber: Bei der Bauabnahme hat man wohl nur die Länge nachgerechnet, aber sich nicht dafür interessiert, ob die Steigung gleichmäßig ist. Auf den ersten zwei Metern ist nämlich überhaupt keine Steigung vorhanden, dort sammelt sich auch stets das Regenwasser, dahinter kommt wesentlich mehr Steigung als eigentlich zulässig. Ich tippe mal auf 10 oder 11 Prozent. Für mich kein Problem, solange ich keinen Einkauf auf dem Schoß habe. Kommentar des Eigentümers: „Die Rampe ist abgenommen.“

3. Direkt vor der Aufzugstür im Erdgeschoss ist eine Schräge. Man muss also, um in den Aufzug zu kommen, einen Höhenunterschied von etwa 15 Zentimeter überwinden. Um den Aufzug zu rufen, muss man einmal kräftig Anschwung nehmen, auf den Knopf drücken, und rückwärts wieder zurück rollen. Um in die Kabine zu gelangen, braucht man ebenfalls Anschwung. Problem dabei: Der Aufzug hält oft bis zu fünf Zentimeter unterhalb der Geschoss-Ebene. Also mit Schwung die Schräge hoch, oben die Vorderräder anheben und dann langsam auf den Hinterrädern zirkelnd in die Kabine ablassen. Mit etwas Glück sackt die Kabine dabei noch ein bis zwei Zentimeter ab – und macht dann bei offenen Türen eine Ausgleichsbewegung, bis sie wieder bündig steht. Und das ist mit Einkauf oder Laptoptasche auf dem Schoß eine Herausforderung. Die Anlage hat aber gerade wieder neu TÜV bekommen. Und das einzige, was der bemängelt hat, ist, dass das Hydraulik-Öl in zehn Jahren noch nie getauscht wurde.

4. Was dazu führt, dass der Aufzug ungeheuer laut ist. Was Aufzüge, die nicht an Seilen hochgezogen werden, sondern mit Öldruck hochgepumpt werden, ohnehin sind. Hier ist es deshalb nochmal extra lustig, dass man das Aggregat direkt mit der Wand verschraubt hat. Ohne Schalldämpfung. Fährt der Aufzug aufwärts (und vielleicht sogar noch in die oberste Etage), habe ich im Schlafzimmer bei geschlossenen Türen eine dröhnende Geräuschkulisse von bis zu 55 Dezibel.

5. Fast hätte ich vergessen, dass sich die Rauchschutztüren in den Etagenfluren nicht automatisch öffnen und daher alle verkeilt sind. Ansonsten würde nämlich niemand mit einem Rollstuhl ohne fremde Hilfe hindurch kommen. Auch ich nicht. Und dann ist da noch das seitliche Gefälle in den Fluren. Bis zu 3,5 Prozent. Legt man also einen Tennisball an die linke Wand, rollt er zur rechten. Ich schätze mal, dass man die Wohnungen mit den barrierefreien Duschen nachträglich etwas höher gelegt hat, denn das seitliche Gefälle ist immer nur da, wo die barrierefreien Wohnungen sind. Die Decke ist allerdings gerade, so dass die Wand auf einer Seite 3,5 cm höher ist als auf der anderen. Das seitliche Gefälle nervt Rollstuhlfahrer überhaupt nicht – sie sehen es ja im Dunkeln sowieso nicht. Flurbeleuchtung ist nämlich nur sporadisch verfügbar. Gut beraten ist der, der ein Handy mit Taschenlampe hat.

Es gibt noch ein Dutzend ähnliche Kuriositäten in diesem Miezhaus. Ich hoffe, es reicht aus, um einen Eindruck zu bekommen. Das Land hat übrigens alle öffentlichen Fördergelder nach Besichtigung des Hauses durch einen Experten vor Ort anstandslos ausgezahlt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ein barrierefreies Wohnhaus oder ein „Water & Skate Park“ beantragt wurde.

Muss ich jetzt noch erwähnen, dass alle Mieter, deren Schuhe im Hausflur stehen, eine schriftliche Abmahnung wegen Brandgefahr bekommen, mit der Androhung, beim nächsten Schuh fristlos gekündigt zu werden?

Schlechte Welt

3 Kommentare1.950 Aufrufe

Ach, wie schlecht ist die Welt doch geworden. Sagt mein Nachbar, während er mit mir im Aufzug steht. In dem großen 30-Parteien-Mietshaus in meinem Studienort, in dem ich zurzeit wohne. Ich kenne seinen Namen nicht. Aber ich sehe, dass er Alkoholiker ist. Ich schätze sein Lebensalter auf 70 bis 75 Jahre, das Alter seiner Klamotten auf 30 bis 40 Jahre. Eine Strickjacke, deren Reißverschluss nur noch zu einem Drittel mit dem Rest der Jacke verbunden ist. Eine Jogginghose, dessen Polyester-Bestandteile sich zu einem Drittel bereits verflüchtigt haben. Er weiß nicht, was ich studiere, und zeigt mir trotzdem seine Stauungsdermatitis. Möchte wissen, ob ich ihm dagegen Creme aus der Apotheke holen könne. „Irgendwas gegen juckende Haut.“

An ihm haftet ein Geruch, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Er scheint es aber selbst nicht zu merken. Er habe Probleme mit seinem Radio. Früher habe es noch einen Hifi-Laden in der Nähe gegeben, inzwischen müsse man entweder online bestellen, womit er sich nicht auskenne, oder im Supermarkt einkaufen, womit er sich zwar auskenne, was ihn aber in den Wahnsinn treibe. Die dortigen Radios für 10 Euro hielten immer nur ein Jahr. Nun wäre es ja kein Ding, irgendwas für ihn in seinem Namen im Netz zu bestellen. Er müsste ja nur überweisen und die Ware annehmen. Aber daran scheitert es bereits: Zum Überweisen müsse er zur Bank, da er kein Onlinebanking habe und die Formulare nicht mehr klar sehen könne, und der Paketbote komme meistens um die Mittagszeit – und da liege er noch im Bett. Außerdem habe die Bankfiliale in der Nähe geschlossen und der Weg zur nächsten Filiale sei zu weit.

Und dann seufzt er nochmal, thematisiert erneut die schlechte Welt und seine Exfrau, die noch nach 20 Jahren Scheidung ständig neue Unterhaltsforderungen stelle. So viel Geld solle er zahlen, dass er sich nicht mal die Zähne sanieren lassen könne. Sagt er und lächelt mich an mit seinem Gebiss voller Baustellen. Und ich lächle zurück, wissend, dass alles andere sowieso nichts bringen würde. Und dann öffnet sich endlich die Aufzugstür.

Letzte Woche nun wird ein Mann in die chirurgische Aufnahme gebracht. 71 Jahre alt, habe selbst den Rettungsdienst gerufen, weil er über eine Telefonschnur gestolpert, auf dem Bauch gelandet und anschließend über 16 Stunden lang nicht wieder hochgekommen sei. Alles tue ihm weh, er sei völlig erschöpft und zittrig. Eingekotet hatte er auch. Bierschiss. Auf den Kopf sei er nicht gefallen, sondern er habe das Gleichgewicht verloren, sich an der Türzarge abgestützt und sei dann langsam an ihr heruntergerutscht, weil ihn die Kräfte verlassen hätten. Direkt nach dem Stolpern. Oder so ähnlich.

Der Rettungsdienst habe die Polizei verständigt, um die Tür öffnen zu können. Die Wohnung sei völlig vermüllt gewesen, wohl keine verdorbenen Lebensmittel, dafür aber hunderte leere Wodkaflaschen und geschätzt zwei Containerladungen Verpackungsmüll, Altpapier und Lumpen. Als er mich sieht, sehe ich das Entsetzen in seinen Augen. Ich habe kein Problem damit, dass er nun weiß, wo ich arbeite. Aber ich glaube, er hat ein großes Problem damit, dass ich nun weiß, mit wem ich da unter einem Dach lebe. Obwohl ich das schon geahnt hatte. Sein Problem ist wohl, dass er sich seine Welt so baut wie es für ihn am günstigsten ist. Keine Verantwortung übernehmen, immer sind die anderen Schuld, immer gibt es eine Begründung, warum etwas nicht geht oder so übel sein muss. Und wenn die Begründung über 24 Ecken konstruiert und gesponnen werden muss. Diese Konfrontation hat ihm sichtbar die Sprache verschlagen.

Ich habe ihm gesagt, dass heute der Tag ist, an dem er entscheidet, dass es nicht so weitergeht wie bisher. Weil, wenn er es nicht entscheidet, hat die Polizei bereits den Sozialpsychiatrischen Dienst eingeschaltet. Ich könnte einen Vermerk machen, dass er seine Situation erkannt habe und sich freiwillig in Behandlung begebe. Wo man auch seine juckenden Beine in den Griff bekäme. Dagegen helfe nämlich keine Creme. Wenn er noch ein wenig Stolz habe, dann würde er sich jetzt Hilfe holen und heute ein neues Leben anfangen. In dem er dann auch wieder ernst genommen wird. In dem er nicht nur alles versäuft und verschläft. Auch wenn er nicht mehr gut laufen könne, könne er doch nach wie vor gut mobil sein. Und er könne sich auch Hilfe holen für den Haushalt. Warmes Mittagessen, was auch immer.

„Meinen Sie wirklich, ich habe noch eine Chance?“, fragte er mich.

„Heute ja. Die letzte. Die letzte Chance, das noch selbst zu moderieren, bevor irgendeine Behörde sich in Ihr Leben einmischt. Es kann nur besser werden.“

Wohl habe ich mich dabei nicht gefühlt. Ich habe mich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt. Am Ende gab es aber dennoch Lob von der Chefin. Er ist jetzt seit fünf Tagen auf einer Entzugsstation. Ich wünsche ihm die Kraft, dass er das durchhält.

Und heute spricht mich doch glatt ein Nachbar an, im Haus werde gemunkelt, ich hätte die Behörden informiert, um meinen Nachbarn zwangsweise in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Nur weil es im Treppenhaus riecht. Wie heißt es doch gleich unter Ärzten? Lasse reden?

Verfahren und verzählt

5 Kommentare2.184 Aufrufe

In unserem neuen Haus ist fast alles super. Die Sonne kitzelt so schön in meiner Nase, wenn ich morgens aufwache. Nachts ist es wunderbar ruhig, morgens schnattern höchstens mal ein paar Enten – herrlich. Bislang bereuen Marie und ich es noch nicht, hier zu wohnen. In rund drei Wochen geht es allerdings erstmal für drei Monate zurück an unseren Studienort, da die Vorlesungszeiten bald wieder beginnen. Mein siebtes Semester ruft.

Die anderen Leute im Haus sind auch sehr nett, die Auswahl ist uns, nach jetzigem Stand, gut gelungen. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass die Anzahl überschaubar ist und sich niemand in der Anonymität verstecken kann. So oder so: Alle sind recht ordentlich, alles ist sauber und ruhig.

Größere Probleme hat es noch nicht gegeben, lediglich eine zuletzt nervige Sache, die aber inzwischen, nach mehreren Anläufen, behoben ist: Der Aufzug spielte hin und wieder verrückt. Zum Glück brauchen wir ihn im Erdgeschoss nicht unbedingt, aber andere Mieter sind auf ihn angewiesen und entsprechend muss er natürlich einwandfrei und zuverlässig funktionieren.

Anfangs kam es häufiger vor, dass der Aufzug an der zuvor ausgewählten Etage vorbei fuhr. Ja, richtig gelesen. Normalerweise fährt die Kabine ja bis zu einem bestimmten Punkt schnell, geht kurz vor Erreichen der gewählten Haltestelle in die Langsamfahrt und stoppt dann, im Idealfall, bündig. Hier war es so, dass insbesondere bei den mittleren Stationen die Kabine mit Vollgas bis zu der gewählten Ebene fuhr, dann offenbar im Moment des Vorbeifahren beschämt ihren Fehler bemerkte, um dann erstmal aus voller Fahrt bis auf Null abzubremsen. Nicht völlig abrupt mit einem lauten Knall, aber schon so, dass einem flau im Magen wurde und man sich dachte: „Bin ich hier im Karussell?“ – Anschließend fuhr die Kabine in der Langsamfahrt den halben Meter bis zur gewählten Ebene zurück und öffnete kleinlaut die Tür.

Damit konnte man ja noch irgendwie vorübergehend leben. Was aber gar nicht ging, war, dass die Anlage sich hin und wieder verzählte. In der Kabine konnte man ja improvisieren, indem man einfach auf „Keller“ drückte, wenn man ins Erdgeschoss wollte. Oder auf „1“, wenn man aus dem Keller kam und ins Erdgeschoss wollte. Nervig war es nur, wenn man im Erdgeschoss vor dem Aufzug stand, dann den Knopf drückte, und hörte, wie im ersten Stock die Tür aufging. Keine Chance, von außen die Kabine ins Erdgeschoss zu bekommen. Es sei denn, man schickte jemanden in den Keller, um dort zu drücken. Allerdings: Sobald man einmal alle Knöpfe in der Kabine gedrückt hatte und die Anlage alles abgearbeitet hatte, funktionierte es wieder normal.

Der Techniker kam, hat da irgendwas resettet, ohne Erfolg, kam nach drei Tagen wieder, hat stundenlang irgendwas neu eingestellt, ohne Erfolg, kam dann zwei Tage später mit zwei Kollegen wieder (an einem Morgen standen tatsächlich drei Service-Fahrzeuge vor dem Haus, so dass die Nachbarn schon fragten, wieviele Aufzüge wir hätten…) – am Tag danach war die Anlage von morgens bis abends komplett aus, abends kam wieder der Techniker und baute ein neues Teil ein.

Danach war das Vorbeifahren und das Verzählen weg. Dafür kam es nun aber hin und wieder vor, dass man im Erdgeschoss einstieg, nach oben wollte, den entsprechenden Knopf drückte, die Tür sich schloss und der Aufzug dann statt nach oben in den Keller fuhr, und zwar unter die unterste Ebene, und sich dort erstmal zur Ruhe setzte. Die innere Tür rollte ein kleines Stückchen auf, man konnte sie mit der Hand frei hin- und herschieben, mehr passierte nicht. Das Licht in der Kabine blieb allerdings an.

Wenn man jetzt in der Kabine eine Taste drückte, egal welche, passierte gar nichts. Abgesehen vom Alarmknopf, der funktionierte. Immerhin. Wenn dann allerdings jemand von außen den Aufzug rief, schreckte die Kiste aus ihrem Tiefschlaf, knallte die Kabinentür zu, der Aufzug fuhr einmal ganz nach oben, danach wieder ganz nach unten und anschließend zu der Etage, aus der er gerufen wurde. Danach funktionierte alles wieder ganz normal. Bis es den nächsten Aussetzer gab.

Das war dann der Moment, in dem ich am Telefon sehr deutlich wurde. Am nächsten Morgen kamen erneut zwei Mitarbeiter, lasen irgendein Protokoll aus und stellten fest, dass ein für das getauschte Bauteil benötigter Software-Patch nicht automatisch nachgeladen worden sei. Daraufhin wurde die komplette Steuerungssoftware neu aufgespielt, alles neu eingestellt – und seitdem ist alles so wie es sein soll.

Hoffen wir mal, dass das so bleibt. Und dass wir weiterhin glücklich und in Ruhe dort wohnen und leben können.