Aufzüge und Angoraziegen

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Rollstuhlnutzende sollten sich nicht vor Aufzügen fürchten. Und nicht klaustrophobisch sein. Behaupte ich mal kühn.

Ich muss nicht lange einleiten. Es ruckte und schaukelte kräftig, die Kabine kam rund 50 Zentimeter unter dem oberen Haltepunkt zum Stehen, das Licht ging aus, die Notbeleuchtung an – und ich stand drin. Ein gläserner Aufzug, draußen schien die Sonne, die Aussicht war schön. Ich hatte es lange nicht mehr. Und irgendwie war Murphy nicht zur Stelle, so dass mir dieser unnütze Ballast ausnahmsweise mal nicht zum ungünstigsten Zeitpunkt in den Tagesablauf stolperte. Sondern auf dem Weg nach Hause, satt, Blase leer, Handyakku voll.

Der Aufzug wurde von einem Verkehrsbetrieb betrieben. Ich drückte den Notrufknopf. Eine Stimme brüllte mich an: „Zum Auslösen des Notrufs bitte länger drücken! For an emergency call press the button longer.“ – Ich zuckte zusammen und zog den Kopf ein. Na dann, presste ich den Button longer. Und siehe da: Trotz Stromausfall baute sich eine Telefonverbindung auf. Nach einer halben Minute Pullermusik (da das ganze Bedientableau im Takt mitschepperte und der hinter dem Metall verborgene Ein-Watt-Lautsprecher selbiges mitvibrieren ließ, konnte ich nicht ausmachen, welche Band da gerade spielte) meldete sich eine sexy Männerstimme: „Hua, steckt da wer in der Kabine fest?“

Ich antwortete: „Ja.“ – „Hallo!! Steckt da jemand in der Kabine fest?“ – „Ja!“ – Knack, tut, aufgelegt. Und nun? Ein „Hilfe ist unterwegs“ hätte für mehr Klarheit gesorgt. Ich presste den Button even longer und hörte mir noch einmal für gefühlte zwei Minuten Musik an. Inzwischen besang Rihanna ihre Diamonds. „When you hold me, I’m alive. We’re like diamonds in the sky.“ – Wie passend. Dann meldete sich dieselbe Stimme noch einmal: „Steckt da wer in der Kabine fest?“ – „Ja, ich stecke fest.“ – „Stecken Sie fest oder nicht?“ – „Ich stecke fest und brauche Hilfe!“ – „Stecken Sie fest?“ – „Jahaaa! Himmel, Arsch und Zwirn.“ – „Stecken Sie fest?“ – „Die Kabine steckt fest, rund einen halben Meter unter dem oberen Haltepunkt. Das Licht ist aus und ich würde gerne wieder raus.“ – „Wieviele Personen sind eingeschlossen?“ – „Eine Person.“ – „Bitte wiederholen!“ – „Eine Person ist eingeschlossen.“ – „Eine Person?“ – „Ja!“ – „Bitte wiederholen!“ – „Eine Person ist eingeschlossen.“ – „Ich schicke jemanden vorbei, das kann aber einen Moment dauern, der ist am anderen Ende der Stadt. Es kann aber nichts passieren, bleiben Sie ruhig.“ – Knack, tut, aus.

Aha. Soweit ich weiß, muss eine eingewiesene Person nach zwanzig Minuten vor Ort sein. Nach einer halben Stunde drückte ich erneut auf den Knopf. Wieder even longer, so dass mir die Ansage vom Chip erspart blieb. Ja, man sei bemüht und unterwegs. Aber es sei voll auf den Straßen. Man gebe bereits Vollgas.

Nach einer weiteren halben Stunde fragte ich noch einmal nach. Hans Hartz überbrückte die Wartezeit. Die weißen Tauben seien müde. Das würde ich sofort unterschreiben. Der Auftrag davor habe sich verzögert, man sei nun aber unterwegs zu mir. Hatte die sexy Stimme aus dem Lautsprecher mich also kackfrech angelogen? Nix Verkehr, der war noch gar nicht losgefahren! Eine ausgeprägte Pöbelei war ob der schlechten Verbindung kaum möglich. Die Sonne ging langsam unter, einige Leute winkten mir im Vorbeigehen zu und fragten, ob Hilfe käme. Bei den ersten Personen bejahte ich das noch, später sagte ich, dass ich mir inzwischen nicht mehr sicher sei. Vielleicht sollte ich mal die Augen verdrehen und einen eukalyptischen Anfall vortäuschen? Nein, das könnte teuer werden.

Nach zwei weiteren halben Stunden und zwei weiteren Nachfragen wählte ich per Handy die Notrufnummer der Feuerwehr und erklärte dem Disponenten, dass ich seit nunmehr zwei Stunden in einer Aufzugskabine steckte und noch keine zuständige Person vor Ort entdecken könne. Die Antwort war kurz und knackig: „Wir kommen dorthin.“

Es vergingen rund 10 Minuten, da sah ich ein großes rotes Feuerwehrauto vorfahren. Sechs Mann stiegen aus, holten mehrere Werkzeugkisten hervor und stiefelten zu mir. Ein Mann kam zur Tür, die knapp einen halben Meter über mir war, öffnete sie mit einem Dreikantschlüssel, schob sie zur Seite. „Ganz kleinen Moment noch. Mein Kollege öffnet jetzt mal unten einen Schaltschrank und prüft, ob dort alle Sicherungen drin sind. Vielleicht lässt sich das Problem ganz schnell lösen.“ – Einen Moment später war klar: Nix ging mehr. Die äußere Tür wurde mit einem Keil offen gehalten, weil sie sonst ständig zugefallen wäre, anschließend versuchten die Männer mehrmals vergeblich, die innere Tür zu öffnen. Irgendwas hatte sich angeblich verzogen. Am Ende wurde die Kabinentür aus den Halterungen geschraubt. Zwei Leute kamen zu mir in die Kabine. „Wir werden Sie auf dem Arm nehmen und dann zu zwei Kollegen rausreichen. Anschließend kommt der Rollstuhl hinterher.“

Gesagt, getan. Kaum war ich draußen, kam der Mann von der Wartungsfirma. Der wollte sich noch mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr anlegen, warum man die Kabinentür entfernt hatte, aber nachdem der ankündigte, dass man einen Bericht schreiben und dem Ordnungsamt zuleiten werde, wurde es ganz still. Anschließend trug man mich noch die Treppen nach unten, ich bedankte mich und machte mich auf den Weg nach Hause. Kurz danach überholte mich das Feuerwehrauto, aus einem Fenster winkte noch jemand – und ich war froh, nun endlich wieder frei zu sein. Kalt war es zuletzt.

Und wie gesagt, klaustrophobisch sollte man nicht sein. Das ist die korrekte Bezeichnung für Raumangst, die gerne mit Platzangst (Agoraphobie) verwechselt wird. Genauso wie Angorakaninchen und Angoraziegen, die damit aber überhaupt nichts zu tun haben, die aber auch häufiger mal verwechselt werden. Zumindest wenn die Frage auftaucht, von welchem der beiden Tiere die Wolle kommt.

Ein neues Semester

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„Das fängt ja gut an.“, kommentierte Marie ihren ersten Tag des neuen Semesters. Dass Vorlesungen in Anatomie künftig auf Englisch gehalten werden sollen, weil die neue Dozentin darauf Bock hat, ist eine Sache. Dass sie dabei so nuschelt, dass niemand ein Wort versteht, ist eine andere (Sache). Dass sie aber nicht in der Lage war, mit einem Kommilitonen, der zweisprachig aufwuchs, weil dessen Eltern aus Amerika nach Deutschland kamen, als er drei Jahre alt war, eine Fachfrage auf Englisch zu klären und sich da einen abgestottert hat, war unsere Rettung. Ich habe ja nichts gegen Vorlesungen auf Englisch, aber es sollte für jemanden, der Englisch als Muttersprache hat, schon möglich sein, dem Inhalt irgendwie zu folgen. Wenn selbst er zunächst vier Mal, zunächst sehr freundlich, darum bittet, sie möge etwas lauter und auch etwas deutlicher sprechen, bei ihm käme das akustisch nicht an, und sie ihn anpampt, er möge doch sein Englisch aufbessern, leider sei der Einsteigerkurs für die Erstsemester gerade vorbei, aber es gebe sich mit Sicherheit noch die eine oder andere Möglichkeit an der Volkshochschule, dann halte ich die Areale für relativ deutlich abgesteckt. Wuff.

Wir müssen in diesem Semester unter anderem ein Vorbereitungspraktikum „Einführung in die klinische Medizin“ belegen. Vorgesehen sind sieben Termine jeweils samstags, was mir irgendwie so gar nicht passt. Marie und ich starteten aber noch vor dem Mittagessen einen schnellen Zugriff. Als wir nämlich sahen, dass eine absolut begehrte Internistin auch auf der Liste derer stand, die Praktikanten betreuen, wollten wir keine Sekunde warten. Und wir haben es geschafft: Wir sind fest bei ihr eingeplant. Diejenigen, die erst zum Mittagessen waren, gingen bereits leer aus. Wie war das mit dem frühen Vogel?

Nicht ganz so schön, und insofern hatte Marie mit ihrem Das-fängt-ja-gut-an-Kommentar schon deutlich vorgegriffen, war der Weg zurück. Wir mussten beide dringend aufs Klo, es gab ein Rolli-WC in einem Gang im gleichen Stockwerk, in dem auch die Internistin ihr Zimmer hatte, und eins im Erdgeschoss. Mit Ching, Chang, Chong bekam ich das WC auf derselben Etage, während ich Marie ins Erdgeschoss schickte. Als ich zehn Minuten später im Erdgeschoss vor dem Rolli-WC stand, war das offen und niemand war drin. Ich guckte mich um, fand Marie nirgendwo. Ich schrieb ihr eine SMS, bekam aber keine Antwort. Ich war gerade auf dem Weg nach draußen, als ich mich über einen schrillen Piepton wunderte, den ich nun schon mehrmals gehört hatte und den ich nicht zuordnen konnte. Das wird doch nicht etwa…

Doch. Marie steckte in dem anderen der beiden Aufzüge fest. Der Aufzug war, wie sich später herausstellte, zunächst nach oben gefahren, weil dort wohl auch jemand gedrückt hatte, hatte dabei allerdings irgendwas verkehrt gemacht. Jedenfalls ging die innere Tür auf, ohne die äußere mitzunehmen. Marie meinte, danach polterte die innere Tür noch ein paar Mal auf und zu, dann war Feierabend. Handyempfang war nicht, aber wenigstens funktionierte die Alarmklingel.

Ich dachte zuerst, vielleicht steckt die Kabine ja noch in dem Stockwerk, in dem wir losgefahren sind, und fuhr mit dem anderen Aufzug dorthin. Prompt lief mir die Internistin über den Weg. Sie wollte eigentlich gerade in das Treppenhaus neben den beiden Aufzugstüren. „Na, noch was vergessen?“, fragte sie mich. Ich antwortete: „Ja, Marie. Ich glaube, sie steckt im Aufzug fest. Wir haben uns getrennt, weil wir beide aufs Klo müssen. Ich oben, sie unten, hatten wir ausgemacht. Unten ist sie nicht, auf SMS antwortet sie nicht, dafür drückt hier aber jemand ständig den Alarmknopf.“

Wie auf Kommando piepte es wieder schrill. Die Ärztin wummerte mit der flachen Hand gegen die Blechtür und brüllte: „Hallo?!“ – Und fügte dann leise hinzu: „Jemand ze Hage?“

Oben piepte es gleich wieder und in der Kabine polterte auch jemand herum. Die Ärztin nahm ihr Telefon aus dem Kittel und ließ sich mit dem Aufzugstechniker verbinden. „Hier steckt jemand im Aufzug. Was für eine Nummer? Oben links an der Tür ist keine Nummer. Was? Nein, ich brauch keine neue Brille.“ – Kopfschüttelnd steckte sie ihr Telefon wieder weg und meinte, sie würde noch einen Moment warten, ob wirklich jemand kommt. Wir fuhren mit dem anderen Aufzug in das Stockwerk, wo die andere Kabine festhing. Nach 10 Minuten rief sie das zweite Mal an. Der Dialog war köstlich: „Ich habe Ihnen doch eben schon gesagt, dass hier keine Nummer an der Aufzugstür steht. Ich habe Ihnen gesagt, in welchem Haus. Das müsste doch reichen, das Gebäude ist ausgeschildert. Kommen Sie jetzt oder soll ich die Feuerwehr rufen?“

Nach drei Minuten hatte der Techniker uns gefunden. Er öffnete mit einem Dreikantschlüssel die äußere Kabinentür. Drinnen stand Marie, die auch erstmal einen Anschiss bekam: „Was hast du denn mit dem Aufzug gemacht? Von alleine passiert das nicht, dass die Türen sich verhaken.“ – Marie antwortete: „Ich habe nur auf ‚E‘ gedrückt.“ – „Dann wäre hier ja nicht die Tür ausgehakt. Da muss ja schon jemand mit brachialer Gewalt nachgeholfen haben.“

Die Ärztin sagte: „So, Marie, kommen Sie bitte? Wir haben noch was anderes vor.“ – Zum Glück hatte er nicht gesehen, dass Maries Rolli bereits tropfte. Ein weiterer blöder Kommentar hätte noch gefehlt. Die Ärztin meinte, als wir in dem anderen Aufzug nach unten standen: „Wollen Sie eben kurz auf der Station duschen? Ich organisiere Ihnen eine trockene Hose. Ich hätte weiß, grün oder blau im Angebot.“

Marie wurde dunkelrot und guckte unauffällig an sich herunter. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Marie funkelte mich an. Die Ärztin schleuste Marie auf einer Station ins Patientenbad. Eine Schwester kam vorbei: „Ich habe hier eine Studentin im Rollstuhl, die hat sich bei mir im Praktikum was über die Hose gekippt und muss kurz duschen. Kann sie aber alleine. Habt ihr noch eine weiße Hose und ein weißes weibliches Hemd in S für sie?“ – Der Weg nach Hause war gerettet…

Mal wieder ein Trainingslager

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Das war mal wieder eine Woche…

Eigentlich wollte ich seit Montag über unser Ostertrainingslager schreiben, aber die Uni hat mich wieder voll im Griff. Hinzu kommt die Zypernkrise, die mich ziemlich auf Trab gehalten hat. Da ich Schmerzensgeld & Co. natürlich nicht unter meiner Matratze aufbewahre, muss ich mich ja ständig darum kümmern, dass das Risiko, Geld zu verlieren, kalkulierbar bleibt. Bei der damaligen Anlage ist der Berater eindeutig noch von anderen politischen Voraussetzungen ausgegangen, insbesondere, was die Einlagensicherung bei Bankenpleiten angeht. Nun hatte ich zwar kein Geld in Zypern angelegt, aber dafür hat eine Bank, bei der ein Teil der Kohle liegt, nach einer Fusion mit einer ausländischen Bank neue Geschäftsbedingungen, die zwar für die alten Verträge nicht galten, bei einer nun fälligen Verlängerung aber in Kraft treten würden und deutlich ungünstiger und riskanter sind. Es gab also bisher weder eine akute Gefahr noch ist irgendwas verloren gegangen, aber verschiedene Entscheidungen mussten wegen Ablauf von Verträgen ohnehin getroffen werden, und nachdem mir unabhängig voneinander mehrere Leute (denen ich vertraue) dazu geraten haben, bestimmte Teile umzuschichten, bin ich nun hoffentlich wieder auf der sicheren Seite.

Aber zurück zum Ostertrainingslager. Nach meiner Zwiebackwoche hatte ich lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahren sollte, habe mich aber am Ende dafür entschieden. Maries Mutter hatte mir nochmal Blut abgenommen und gemeint, es spräche nichts dagegen, ich sollte nur auf meinen Körper hören und kürzer treten, wenn ich merke, dass irgendwas nicht stimmt und mich nicht überanstrengen. Fit würde ich nach der Woche sowieso nicht sein.

Mein Equipment war im Vereinsbus untergebracht, die Teilnehmer reisten selbständig mit der Bahn an. Wir waren zu viert, neben mir waren noch Cathleen, Marie und Kristina in dem ICE. Die Bahn hatte natürlich vergessen, uns die versprochene Einstiegshilfe bereit zu stellen, so dass die Servicekraft auf dem Bahnsteig 14 kurzfristig rotierte. Vier Rollstuhlfahrer in einem Zug ginge sowieso nicht. Am Ende saßen wir aber alle drin und kaum hatten wir Hamburgs Stadtgrenzen verlassen, begann es wie verrückt zu schneien. Und das nächste Problem ließ wie immer nicht lange auf sich warten: „Meine Damen und Herren, wegen einer Aggregatsstörung kann unserer Zug nicht die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit erreichen. Wir werden daher bis München voraussichtlich eine Verspätung von etwa 45 Minuten aufbauen. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten informiere ich Sie rechtzeitig. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitte ich Sie im Namen der Deutschen Bahn um Entschuldigung. Ladies and gentlemen…“

Wie immer ging diese Kalkulation nicht auf. „Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Bahnhof ‚Kassel-Wilhelmshöhe‘ mit einer Verspätung von 42 Minuten verlassen.“ – Super. Leider war dann auch noch die Toilette defekt, und da man als Rollstuhlfahrer nur zu dieser einen WC-Kabine gelangt, angelte ich mir kurzfristig die Chefin des Zugbegleiterteams, die drei Kabinen weiter saß und wild telefonierte. Einzige Lösung: „Ich kann Ihnen anbieten, dass ich Ihnen für Fulda eine Ausstiegshilfe bestelle und Sie dort im Bahnhof die Toilette aufsuchen und anschließend mit dem nächsten ICE weiterfahren.“ – Bevor wir uns alle vollpinkeln, ist das mit Sicherheit die beste Lösung. Der nächte ICE müsste dann ja auch bald kommen, immerhin hatten wir fast eine Stunde Verspätung.

Leider kamen wir dann in den nächsten beiden Zügen nicht mit, da dort die Rollstuhlplätze bereits belegt waren. Drei Stunden später als vorgesehen kamen wir also in München an und mussten von dort aus noch mit einem Nahverkehrszug weiter. Als wir vor der einzigen Tür mit fahrzeuggebundener Rampe standen und auf den Klingelknopf drückten, kam uns schon eine Zugbegleiterin entgegen. „Wollen Sie mit?“ – „Gerne.“ – „Nächstes Mal melden Sie sich bitte an, ja?“ – „Wir sind angemeldet, allerdings für den Zug von vor drei Stunden. Wir hatten leider etwas Verspätung und einen ungeplanten Aufenthalt in Fulda.“ – „Darf ich dann gleich mal Ihre Fahrkarten sehen?“

Eindeutig nach dem geplanten Ankunftstermin erreichten wir unser Hotel. Bei einer bereits im Voraus bezahlten Rate von 74 € pro Nacht und Person im Doppelzimmer sollte man davon ausgehen, dass wenigstens dort die Toilette funktioniert. Leider tat sie das nicht. An der Information konfrontierte man uns bereits damit, dass man heute nochmal Staub gewischt hätte und dabei festgestellt hätte, dass das WC leider unbenutzbar sei. Leider sei zwischen Gründonnerstag und Osterdienstag auch kein Haustechniker erreichbar. „Und was schlagen Sie jetzt vor?“, fragte ich die Dame an der Rezeption.

„Sie sind ja Sportler und haben zwei Zimmer bestellt, könnten Sie nicht im anderen rollstuhlgerechten Zimmer das WC mitbenutzen? Wir würden Sie alle dafür täglich zu einem Drink an der Cocktailbar einladen.“

Ich antwortete: „Wir können uns darauf einigen, dass Sie nur ein Zimmer berechnen. Dann machen wir das und nehmen in Kauf, dass wir uns zu viert eine Toilette teilen. Schließlich dauert das ja bei jedem von uns alles etwas länger und wir müssen morgens in Schlafsachen über den Flur in ein anderes Stockwerk und so weiter.“ – „Nein, es handelt sich ja um bereits bezahlte Raten, eine Erstattung ist nicht möglich.“

Marie sagte: „Ich sehe gerade, dass an dem Aufzug steht, er sei auch defekt. Kommen wir denn überhaupt in unsere Zimmer?“ – „Darüber müssen wir auch nochmal kurz reden. Der Aufzug ist in Ordnung, allerdings klemmt diese Tür. Das Erdgeschoss ist die einzige Etage, wo diese Tür aufgeht, alle anderen Stationen haben die Tür auf der anderen Seite. Wenn die Gäste mit ihren Rollkoffern gegen die Tür fahren, verzieht sie sich gerne. Dann klemmt sie und geht nicht mehr zu. Aber der Aufzug geht. Sie müssten also hier aus dem Haus raus, die Tiefgarageneinfahrt runter und könnten dann unten einsteigen und …“ – „Vergessen Sie es.“ – „Wir würden auch jemanden bereitstellen, der Sie hochschiebt, wenn Sie vorher anrufen.“ – „Vergessen Sie es!“ – „Was anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“ – „Wir hätten dann gerne unser Geld wieder.“ – „Wie ich Ihnen schon sagte, das ist bei vorab bezahlten Raten ausgeschlossen.“ – „Gut, dann rufe ich jetzt meinen Anwalt an.“ – „Wenn Sie meinen, dass Sie seine Kanzlei am Feiertag erreichen…“

Frank meinte, ich solle die Dame auffordern, uns eine geeignete andere Übernachtungsmöglichkeit bereit zu stellen. Notfalls in einem anderen Hotel auf Kosten des Hauses. Wenn sie so vehement auf der Erfüllung des Vertrages bestehen, müssten sie auch leisten. Ansonsten selbst ein anderes Hotel suchen, dann fordern wir die Kosten später zurück.

Am Ende suchten wir selbst und hatten die Möglichkeit, in einem anderen Hotel in einem Familienzimmer (zwei französische Betten) unterzukommen, für 148 € pro Nacht, also zum halben Preis. Das wurde uns vorher im Internet nicht angeboten, sonst hätten wir das vielleicht gleich genommen. In dem Hotel war alles super, das einzige, was etwas nervte, war, dass es zu den Betten nur je eine Kingsize-Decke gab. Im Familienzimmer vielleicht nicht die optimale Lösung. Während Cathleen und Kristina sich immer abwechselnd die Decke klauten, haben Marie und ich es in der Löffelchenstellung probiert. Dadurch haben wir uns zwar nicht die Decke gegenseitig weggenommen, kamen uns aber beim Umdrehen ins Gehege. Aber insgesamt es war okay so.

Am nächsten Morgen stand ein Neoprentestschwimmen auf dem Programm. Mehrere Vertreter größerer Hersteller waren eingeladen und hatten verschiedene Vorführprodukte dabei, die man nach vorheriger Anmeldung testen konnte. Allerdings waren nicht nur die Paratriathleten vor Ort, sondern auch viele nicht behinderte Triathleten aus der Region. Ich hatte mich für ein bestimmtes Produkt angemeldet und hatte gleich morgens um 8.00 Uhr einen Termin. Der Vertreter war sehr erstaunt, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Sport machen. Der Veranstalter unseres Trainingslagers hatte mehrere Gymnastikmatten auf die Erde gelegt, damit man diese Dinger ohne großen Aufwand im Liegen anziehen kann. Ich habe ihn gefragt, ob er mir beim Anziehen helfen kann. Nein, das wollte er nicht. Mal ganz ehrlich: Ich kann ja gewisse Berührungsängste verstehen, aber dass man nicht mal weiß, was in der Szene abgeht, wenn man Produkte dafür vermarktet, das fand ich schon extrem merkwürdig.

Ich habe dann tatsächlich auch einen gefunden, der wie angegossen passt. Den, den ich auch vorher in die engere Auswahl genommen hatte. Der Vertreter meinte, er macht mir ein besonderes Angebot: Wenn ich ihn über ihn direkt erwerbe, kann er mir 20% auf die unverbindliche Preisempfehlung geben. Die beträgt 295 US-Dollar. Also hätte ich, nach Abzug des Rabatts, rund 180 € bezahlt. Ich hätte sofort per Kreditkarte zahlen sollen und hätte den Artikel dann binnen zwei Wochen zugeschickt bekommen. Wie froh bin ich doch, dass ich das nicht gemacht habe: Gestern habe ich den Anzug für 169 € in Hamburg bekommen, 40% reduziert. Kohle auf den Tisch, meiner.

Zurück zum Trainingslager: Da das Wetter absolut blöd war und immer wieder Schneeflocken fielen (das hatte sich, als der Termin angesetzt wurde, wohl auch niemand träumen lassen), gab es lediglich Schwimmtraining und ansonsten Zirkeltraining und Ausdauertraining auf der Rolle in der Halle. Von daher war es nicht so effektiv wie wir es uns eigentlich erhofft hatten. Aber ich habe am Samstagabend auch meine beiden Halbschwestern getroffen. Wir waren zusammen Essen und hatten jede Menge zu quatschen und einen wunderbaren Abend. Unter anderem habe ich erfahren, dass die beiden kürzlich Kontakt zu meinem Vater hatten und er sie vor die Wahl gestellt habe, sich für mich oder für ihn zu entscheiden. Auf mein Stirnrunzeln sagte Emma: „Lass gut sein. Es hat wirklich keinen Sinn, das verstehen zu wollen.“ – Womit sie recht haben dürfte.

Bein gestellt

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Nicht nur ich ziehe idiotische Dinge an, was seit gestern bewiesen wäre. Jana hat sich gestern auf dem Weg zum Schwimmen eine Anzeige wegen Körperverletzung eingefangen. Angeblich sei sie für einen Speichenbruch bei einer Frau, Alter Mitte 50, verantwortlich. Nein, nix von wegen Fahrrad: Im Arm hat man auch eine Speiche. Neben der Elle. Im Unterarm. Auf diesen (Unterarm) ist besagte Frau gefallen, als sie bei Jana über den Schoß geklettert ist. Die Frau stellte das gegenüber der Polizei so dar, als hätte Jana ihr ein Bein gestellt. Dass Jana einen kompletten Querschnitt hat, bei dem ein willentliches Bewegen der Beine unmöglich ist, wird man jetzt in das Verfahren einbringen, Jana hat vor Ort nach Rücksprache mit Frank erstmal alle Angaben zur Sache verweigert.

Jana sagt, sie habe zusammen mit einer Mutter mit Kinderwagen in einem Aufzug gestanden und die Türen schlossen sich, als die besagte Frau noch einmal den Knopf drücken musste, um auch noch in die Kabine zuzusteigen. Was aber eigentlich nicht mehr ging, weil die Kabine mit Rollstuhl, Kinderwagen und der Mutter schon so voll war, dass die Mutter bereits den Po einziehen musste. Egal, die Frau musste noch mit rein. Kenne ich irgendwo her. Und sie wollte unten dann auch als erste raus. Am Kinderwagen kam sie noch vorbei, aber Jana, die sich parallel zur zweiten Tür gestellt hatte, um Platz für den Kinderwagen zu machen, versperrte ihr den Weg. Anstatt nun zu warten, bis Jana sich gedreht hat und rausgefahren ist, meinte besagte Dame, ihr über den Schoß klettern zu müssen. Dabei ist sie irgendwo hängen geblieben, lang hingeschlagen und hat sich beim Auftrumpfen auf die Fliesen den Unterarm gebrochen. Es gab ein Mordstheater, weil sie sofort behauptete, Jana hätte ihr ein Bein gestellt, ein Kioskmitarbeiter stellte ihr einen Klappstuhl hin, sie hielt sich ihren Arm, bis Polizei und Krankenwagen kamen.

Und als wäre das alles nicht albern genug, könnte es noch gut sein, dass dieser Mist für Jana noch viel weitreichendere Folgen hat: Sie ist im nächsten Monat mit einer Prüfung dran, bei der man ein Führungszeugnis vorlegen (was nicht schlimm ist) und wahrheitsgemäß angeben muss, ob Ermittlungsverfahren gegen einen laufen (was dann schlimm wird). Ich schätze, hier muss Frank mal wieder zur Höchstform auflaufen…