Aufräumen, Anfall

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Am Freitag muss ich unters Messer. Na gut, Messer ist übertrieben. Aber geschnibbelt wird schon. Oder vielleicht auch nur gestanzt. Unter meinem Fuß habe ich einen Pigmentnävus, also einen Leberfleck, den meine Hautärztin gerne entfernen möchte. Genauer genommen sind es zwei in einem, von denen einer asymmetrisch und in seiner Begrenzung unscharf ist. Für mich ist das unter dem Fuß weniger ein kosmetisches Problem, sondern ein gravierendes, was die Heilung der Wunde angeht. Da meine Füße weniger durchblutet sind und kaum bewegt werden, wird der Heilungsprozess wohl keine 10 bis 14 Tage, sondern eher zwei Monate dauern. Aber was sein muss, muss sein. Ich will ja nicht, dass daraus irgendwann mal ein Melanom wird.

Für die Wohnung meines Vaters haben wir eine Werkstatt für behinderte Menschen mit der Entrümpelung der Wohnung beauftragt. Emma und ich haben uns am Freitag dort erneut getroffen, um das zu begleiten. Pünktlich um acht Uhr morgens rangierte ein Lkw mit Hebebühne rückwärts auf den Parkplatz, zwei Personen saßen drin. Für einen Moment dachte ich, das wäre falsch kalkuliert worden, obwohl ich Fotos von der Wohnung per Mail geschickt hatte.

Doch dann kam noch ein vollbesetzter Kleinbus. Sieben Männer und Frauen, alle mit Sicherheitsschuhen, sandfarbener Latzhose, dunkelblauem Firmen-Hoody und Arbeitshandschuhen ausgestattet, stellten sich brav auf. Der Mensch, der den Lkw gelenkt hatte, kam auf mich zu und gab Emma und mir die Hand. Ich rollte dann einmal durch die Runde, um auch den anderen acht Leuten die Hand zu drücken.

Einer von ihnen fragte gleich: „Oh, du sitzt im Rollstuhl. Hast du auch Arbeit?“ – „Ja, hab ich.“ – „Das ist super!“, antwortete er und klopfte mir auf die Schulter. „Im Büro?“, fragte er weiter. Ich antwortete: „Nein, in einem Krankenhaus.“ – „Oh, da möchte ich nicht arbeiten. Da sind ja lauter kranke Leute!“ – „Mir macht das Spaß.“ – „Ich arbeite beim Möbel tragen. Das ist anstrengend. Aber besser als Gärtnerei. Da war ich vorher. Da hatte ich immer Husten und Schnupfen, weil wir immer draußen waren. Möbel tragen ist besser.“ – Sein Kumpel gab ihm einen Stoß in die Rippen: „Wir sollen nicht so viel sabbeln, wir sind zum Arbeiten hier.“ – Er rieb sich grinsend seine Hände und konnte es kaum erwarten, dass es los ging. Dann sagte er zu sich: „Und immer dran denken: Wir können keinen Schaden gebrauchen. Nicht gegen die Wände ballern und die Türrahmen ganz lassen.“ – Ein anderer, sehr kräftiger Typ, sagte: „Wie kannst du am Morgen schon so viel labern, ey!“

Nachdem das geklärt war, wurde sondiert. Die Gegenstände, die noch brauchbar waren, bekamen eine Kennzeichnung und sollten zum Schluss heruntergetragen werden. Alles andere nahm seinen Lauf. Irgendein Nachbar stand plötzlich in der Wohnung und kam auf mich zu: „Was ist denn hier los?“ – „Wohnungsauflösung.“ – „Ist er im Heim? Oder … verstorben ist er nicht, oder?“ – „Mein Vater ist verstorben, ja.“ – „Oh, das tut mir leid. Ich habe mich immer schon gefragt, ob er keine Kinder hat, die sich um ihn kümmern, aber Sie sind ja auch behindert. Sind das alles Schwachsinnige, die hier heute helfen?“ – „Nein.“ – „Aber normal sind die doch nicht, oder?“ – „Doch, völlig normal.“ – „Ich dachte, das wären Schwachsinnige, ich habe den Lkw mit der Aufschrift draußen gesehen.“ – Ich wandte mich ab. Hätte er nochmal ‚Schwachsinnige‘ gesagt, wäre mir der Kragen geplatzt. Zum Glück waren alle so beschäftigt, dass sie das nicht mitbekamen. Emma übernahm das Wort: „Am besten gehen Sie jetzt mal wieder aus der Wohnung, wir haben hier zu tun. Guten Tag!“

Die Aufgaben waren klar verteilt. Ein Anleiter schraubte zusammen mit einem Mitarbeiter die großen Möbel auseinander, alle anderen trugen den ganzen Kram die Treppen runter. Der andere Anleiter stand unten und belud den Lkw. Nach drei Stunden war der gesamte Sperrmüll im Auto. Einschließlich des ganzen Gerümpels aus dem Keller. „Wir fahren das jetzt weg und machen Pause, anschließend räumen wir dann die Sachen aus, die bei uns aufbereitet und weiterverwendet werden.“

Um 14 Uhr war die Wohnung besenrein. Während die ganzen Leute unten an den Fahrzeugen warteten, füllte jemand mit mir die Papiere aus. Ich fragte: „Dürfen Ihre Mitarbeiter Trinkgeld bekommen?“ – „Nachdem alles erledigt ist, ja.“ – „Was wird da so gegeben?“ – „Das ist unterschiedlich. Bei so einem Auftrag zwischen zwei und zwanzig Euro. Einige geben aber auch gar nichts.“ – Mit Blick darauf, dass diese Menschen durchschnittlich etwa 160 bis 180 Euro im Monat verdienen, über die sie frei verfügen dürfen, stellt sich mir die Frage nach einem Trinkgeld nicht. Es ist alles zügig abgearbeitet worden, es ist nichts beschädigt worden – das hätte eine andere Firma auch nicht besser gemacht. Ich war entsprechend vorbereitet und gab sieben Leuten jeweils 20 Euro. Alle bedankten sich, mein redseliger Freund, der nicht im Krankenhaus arbeiten wollte, klatschte in die Hände und sagte: „Das hat sich ja mal wieder gelohnt! Und das nimmt mir keiner weg! Trinkgeld ist Trinkgeld! Das kommt zu Hause gleich in meine Spardose.“ – „Worauf sparst du denn? Darf ich das wissen?“ – „Auf ein Tablet. Filme gucken bei Youtube. Aber keine Pornos, dann wird Nina richtig sauer. Die kann richtig ausrasten.“ – „Nina ist deine Freundin?“ – „Wir sind Silvester acht Jahre zusammen. Guck!“, sagte er und zeigte mir nicht etwa ein Foto von ihr, sondern acht Finger.

Da der Mietvertrag eine unwirksame Renovierungsklausel hat, werden wir die Wohnung nur besenrein übergeben. Der Vermieter hat sich bereits darauf eingelassen. Er wollte lediglich eine Sterbeurkunde sehen und hat die Kündigung, die eigentlich erst zum 28. Februar möglich wäre, zum 15. Dezember akzeptiert. Vermutlich will er keinen Leerstand und ab Januar neu vermieten. Oder ist froh, wenn das Kapitel ein Ende hat. Oder dass er nicht selbst aufräumen musste. Keine Ahnung.

Worüber ich sehr sauer bin: Die Stelle, die seine Pension zahlt (er war Beamter), hat seine Bank über seinen Tod informiert. Mit der Folge, dass die das Konto gesperrt hat und alle Abbuchungen zurückgerufen hat. Mit entsprechenden Gebühren. Miete, Telefon, Strom, Zeitungs-Abo. In Zeiten, in denen Datenschutz groß geschrieben wird, ist das höchst interessant. Die Bank möchte einen Erbschein, vorher reden sie nicht mit mir. Sagenhaft!

Auf dem Rückweg, keine zehn Kilometer vor meinem Zuhause, die Ostsee ist schon in Sichtweite, steht auf einer Bundesstraße im Tempo-50-Bereich, am Ende einer Ortschaft, ein Kleinwagen am gegenüberliegenden Straßenrand. Daneben, auf dem Gehweg, liegt eine Frau. Ein Mann, vermutlich der Fahrer, schüttelt und rüttelt sie. Hatte er sie angefahren? Mein Herz beginnt zu rasen. Da die Straße frei ist, fahre ich nach links auf die andere Straßenseite, schalte das Warnblinklicht ein und kann so auf der Gehwegseite aussteigen. Der Mann ist völlig hektisch. Rollstuhl zusammenbauen, Handy mitnehmen. „Was ist passiert?“

„Meine Freundin hat im Auto einen Anfall bekommen und um sich geschlagen. Sie ist Epileptikerin. Sie blutet aus dem Mund.“ – Die Frau lag ruhig auf dem Gehweg und atmete tief. „Drehen Sie sie mal bitte auf die Seite. Nicht, dass das Blut in die Lunge läuft. Und haben Sie eine Decke im Auto? Holen Sie die mal bitte.“ – „Sie hat hier so ein Medikament, das soll ich ihr geben, hat sie mir mal gesagt. Das kommt in den Po.“ – Er war völlig überfordert und drückte mir ein Valium-Klistier in die Hand, rannte aufgeregt auf und ab. „Holen Sie mal bitte die Decke“, sagte ich. Ich setzte mich aus dem Rollstuhl auf die Erde, mit angewinkelten Knien auf meine Fersen, und drehte sie in die stabile Seitenlage. Blut lief ihr aus dem Mund. Sie hatte sich offenbar auf die Zunge gebissen. Ich kniff ihr mit aller Kraft in den Oberarm. Sie verzog das Gesicht. „Ihre Freundin schläft nur. Atmung und Puls sind völlig normal.“ – „Sie braucht dieses Medikament.“ – „Das braucht sie nur, wenn der Anfall nicht aufhört. Wie lange hat sie gekrampft?“ – „Vielleicht eine Minute. Sie war vorher schon so merkwürdig still und angenervt. Sind Sie sicher, dass sie das Medikament nicht braucht?“ – Ich sagte ihm, was ich beruflich mache und im selben Moment entspannte sich sein Gesicht, seine ganze Haltung, und er fing zu weinen an. – „Tschuldigung“, sagte er und drehte sich weg. „Ich kann sie nicht leiden sehen.“

Hauptsache, er kippt mir nicht auch noch um. Weitere Autos hielten nach und nach an. Merke: Sobald einer Erste Hilfe leistet, kommen weitere dazu. Leistet keiner Erste Hilfe, möchte kaum einer der Erste sein, und alle fahren vorbei. Zum Glück fing niemand an, mit dem Handy zu filmen. Womit man ja heute immer rechnen muss. Ich schickte die Leute weg. Ein Rettungswagen sei unterwegs. Das erschien mir angesichts des überforderten Freundes die beste Lösung zu sein. Gefühlte zehn Minuten später kam der Rettungswagen. Als die Sanitäter sie auf die Trage hoben, machte sie die Augen auf und guckte mich an, seufzte tief. Sprach wenige Worte. Wollte ins Krankenhaus. Am Ende saß ich völlig durchgefroren wieder im Auto. Vielleicht sollte ich mir, wie Maries Mutter, doch mal einen Notfallrucksack ins Auto stellen. Problem dabei ist nur: Die Anschaffungskosten trage ich. Die Kosten für den ständigen Ersatz der Medikamente, die mal Frost und mal Hitze abbekommen, auch. Das Risiko, dass einer das Auto knackt, um an die Tasche zu kommen, wäre sehr hoch. Und für einen vernünftig sortierten Rucksack legt man gut und gerne 500 Euro oder mehr hin. Hingegen soll der Rettungsdienst, der den ganzen Kram an Bord hat, nach acht bis zehn Minuten vor Ort sein. Das kann zu spät sein, und dann werde ich mir Vorwürfe machen. Andererseits … ach, ich weiß nicht.

Ganz viel Müll

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Paula und ich sind am letzten Freitag rechtzeitig um 4.30 Uhr bei mir losgefahren, um Emma vom Bahnhof abzuholen. Sie hatte einen Nachtzug genommen und wir hatten vereinbart, uns um 7 Uhr morgens am bisherigen Wohnort unseres verstorbenen Vaters zu treffen. Weil noch kein Berufsverkehr war, hoffte ich, mit zweieinhalb Stunden für die rund 300 Kilometer auszukommen. Da es fast nur Autobahn war, müsste es funktionieren.

Eine Baustelle kam nach der nächsten, kaum fuhren wir mal 120 km/h, wurden wir auch schon wieder auf Tempo 80 oder sogar nur 60 km/h ausgebremst. Schon für die ersten 100 Kilometer brauchten wir über eine Stunde. Doch dann war die Strecke frei, gut ausgebaut, freie Sicht – was will man mehr? Mit Tempomat fährt es sich sehr entspannt. Irgendwann fragte Paula: „Sag mal, fahren wir wirklich die ganze Zeit 200? Wenn ich da an meine Karre denke, die ist schon bei 130 dreimal so laut. Und kommt selbst bergab bei Rückenwind nicht über 160. Das ist voll entspannt.“ – „Im Moment sind Winterreifen drauf, daher ist es sogar etwas lauter. Aber ich bin auch sehr zufrieden.“ – Bei 200 km/h hört man nur Wind- und Abrollgeräusche. Der Motor schnurrt bei rund 2.300 Umdrehungen im 9. Gang leise vor sich hin.

Um 6.50 Uhr standen wir vor dem Bahnhof. Emmas Zug fuhr gerade ein. Wir warteten im Auto, da es arschkalt draußen war. Als nächstes wollten wir den Wohnungsschlüssel von der Polizeiwache abholen. Ich hatte extra am Vortag noch dort angerufen und nachgefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja, natürlicher Tod, die Wohnung sei wieder freigegeben. Emma flitzte zu ihren „Kollegen“ rein – und kam zehn Minuten später ohne Schlüssel wieder raus. „Die haben den an das Nachlassgericht weitergegeben.“ – Ich dachte erst, sie wollte uns foppen. Aber es stimmte. Ich fragte: „Nee, oder? Warum das denn?“ – „Weil die hier nicht beurteilen können, wer berechtigt ist, den Schlüssel in Empfang zu nehmen.“

Na super. Und das Nachlassgericht würde vermutlich am Freitag gar nicht geöffnet sein. „Ich habe mir gerade schriftlich bestätigen lassen, dass das von der Polizei angebrachte Siegel entfernt werden kann, weil die Todesermittlungen abgeschlossen sind.“ – „Wofür brauchen wir das denn?“ – „Warte mal ab. Wir fahren jetzt erstmal zu der Wohnung und hoffen, dass nur ein Siegel an der Tür ist und nicht noch eins vom Gericht.“

Emma stiefelte zur Wohnung hoch und kam sofort wieder herunter. „Ist nur eins vom Landeskriminalamt dran wegen der Todesermittlung. Und das ist schon zur Hälfte ab. Also fragen wir jetzt mal die Nachbarn, wer einen Schlüssel hat.“ – „Doch nicht zum Gericht?“ – „Möglichst nicht. Die kommen noch auf die Idee, dass die Wohnung zur Sicherung des Nachlasses erneut beschlagnahmt wird. Ich glaube kaum, dass der zuständige Rechtspfleger an einem Freitag morgen drei Frauen einen Schlüssel aushändigt, ohne vorher geprüft zu haben, ob sie die rechtmäßigen Erben sind und ob sie das Erbe annehmen. Insofern stellen wir keine Fragen, deren Antworten wir nicht hören wollen, und wecken auch keine schlafenden Hunde.“

Die Nachbarn, die den Krankenwagen gerufen haben, hatten keinen Schlüssel. Aber der Hausmeister sollte einen haben. Der war in seinem Büro, wollte uns den Schlüssel zur Wohnung zunächst aber nicht aushändigen. Als ich ihm dann aber meinen Ausweis zeigte und den Zettel, dass die Versiegelung aufgehoben ist, versprach er, in den nächsten zehn Minuten vorbei zu kommen. Emma nahm mich auf den Arm und trug mich in den zweiten Stock, Paula kam mit meinem Rollstuhl hinterher. Vor der Tür warteten wir im Halbdunkel auf den Hausmeister. Der kam, schloss auf und sagte: „Aushändigen kann ich euch den nicht ohne Zustimmung des Haus-Eigentümers.“ – „Da wird ja bestimmt noch ein Schlüssel irgendwo liegen, dann nehmen wir den erstmal an uns.“

Wir bedankten uns, der Hausmeister ging wieder weg. Ich rollte über die Türschwelle in die Wohnung. Mir wurde schwindelig. Nicht nur von der schlechten Luft. Es war sehr sonderbar, nach zehn Jahren die Wohnung meines gerade verstorbenen Vaters zu betreten. Drinnen war das absolute Chaos. Er schien die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen zu haben. Auf verschiedenen Tischen lagen meterhohe Stapel Zeitungen. Dicke Staubschichten lagen überall auf dem Teppich, verstaubte Spinnenweben hingen unter der Decke. Auf dem Küchenfußboden, auf der Spüle, auf dem zugeklappten Herd und in einem Küchenschrank standen locker 300 Bierdosen. Und mindestens 50 leere Wodkaflaschen. Paula guckte mich mit großen Augen fassungslos an.

Versifft war es nicht. Kein Schimmel, keine Viecher. Vom Altpapier und von den leeren Gefäßen abgesehen, gab es keinen Müll. Dennoch war der Geruch unerträglich. Emma öffnete erstmal alle Fenster weit, stellte dazu einige vertrocknete Blumentöpfe auf den Fußboden. Hängte die Wohnungstür aus. „Nicht, dass die zufällt, solange wir keinen Schlüssel haben.“

Die Badewanne war randvoll mit Schmutzwäsche. Sechs Uhren hingen in den Räumen an den Wänden, alle zeigten andere Zeiten an oder waren stehen geblieben. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht der Currywurst-Tante. Ja, sie lebt noch. „Ruf doch mal zurück.“ – Nee, Schätzelein, der lebt nicht mehr.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Blöde Erinnerungen. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Aber andererseits musste ich doch nicht weinen. Ganz komische Situation. Emma sagte: „Komm Jule, wir fahren zum Baumarkt. Paula bleibt inzwischen hier und passt auf die Wohnung auf. Okay?“ – Ich nickte. Emma nahm mich wieder auf den Arm, trug mich ins Auto, lief nochmal hoch, holte meinen Rollstuhl. Im Baumarkt nahmen wir uns einen großen Wagen und holten 120 Umzugskartons, 10 Rollen blaue Müllsäcke, einen neuen Zylinder für die Tür, den billigsten, den es in der Größe gab, sechs Einweg-Overalls, einen Karton Einmalhandschuhe und zwei Packungen Einmal-Mundschutz. Ich rollte immer nur hinterher, Emma hatte das alles im Griff. Ich bezahlte. Fast 150 Euro.

Als wir wieder vor der Wohnung standen, stieg Emma nicht aus. Sie guckte mich an. Ganz sonderbar. Dann nahm sie mich in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Beschissene Situation. Lass uns das Beste draus machen.“ – Ich nickte. Sie brachte meinen Rollstuhl wieder in den zweiten Stock, kam zurück, trug mich in den zweiten Stock. Paula hatte inzwischen einen passenden Wohnungsschlüssel im Schlüsselkasten gefunden. Emma baute den Zylinder aus und baute den gekauften ein. Furzte dabei laut und sagte: „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Beitrag für etwas bessere Luft in dieser Hütte.“

Paula grinste und irgendwie musste ich über ihren Galgenhumor lachen. Emma sagte: „So. Paula faltet Kartons, Jule nimmt eine Zeitung nach der nächsten, schaut einmal, ob wichtige Briefe dazwischen liegen, und dann weg damit. Ich bringe die vollen Kartons ins Auto. Sobald das Auto voll ist, fahre ich den Mist zum Altpapiercontainer. Einverstanden?“ – Über 100 Kartons randvoll mit Altpapier hat Emma weggebracht. Immer zwei Kartons auf einmal die Treppe runtergetragen. Und natürlich die leeren Kartons wieder mitgebracht. Zwischendurch mal was getrunken. Dann wieder weiter. Fast dreißig Kartons voll mit Altglas. Beinahe 100 Euro Dosenpfand. Wir drei sahen in den Papieroveralls aus wie die Tatort-Reiniger. Und fühlten uns auch so.

Es war halb acht Uhr abends, als wir die Wohnung von allem frei stehenden Müll bereinigt hatten. Ich rief Marie an, sagte ihr nur kurz, dass wir heute nicht mehr nach Hause kämen. Fanden zu dritt ein Zimmer in einer billigen Hotelkette und duschten erstmal. Gingen in einem netten Restaurant noch eine Kleinigkeit essen. Fielen, zurück im Hotel, in unsere Betten und pennten sofort ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren wir fast die Einzigen. Emma sagte: „Wir werden heute alles durchwühlen und alle nötigen Dokumente sicherstellen. Und dann schlage ich vor, wir beauftragen ein Sperrmüllkommando, das die Bude in den nächsten Wochen komplett entrümpelt.“ – Vor ungefähr zehn Jahren hatte er die ganzen Möbel in einem Billig-Kiefermöbel-Mitnahmelager oder beim schwedischen Riesen gekauft. Nichts dazwischen, was man zum Flohmarkt bringen könnte, bei den meisten Schränken fielen schon die Türen ab oder Schubladen waren in sich zusammengefallen, kurzum: Schrott.

Wir sichteten zu dritt jede Menge Unterlagen. Fanden eine Sterbegeldversicherung über 2.500 Euro (für die er unsinnigerweise in den letzten 15 Jahren pro Monat 40 Euro eingezahlt hatte), fanden insgesamt sechs Sparbücher mit Guthaben jeweils zwischen 200 und 5.000 Euro. Auf dem Girokonto hatten sich, weil er ja in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts mehr ausgegeben hatte, fast 15.000 Euro angesammelt. In einem Briefumschlag waren fast 2.000 Euro Bargeld, die, wie man anhand der weiteren Unterlagen in dem Briefumschlag feststellen konnte, irgendwer vor drei Monaten von jenem Sparbuch abgehoben haben musste, auf dem jetzt noch 200 Euro waren. Wer das war (und womöglich eine Vollmacht hatte), konnten wir nicht klären.

Wir fanden das Scheidungsurteil über die Ehe meiner Eltern, was bei der Beantragung des Erbscheins, den wir brauchen würden, hilfreich sein wird. Und den Mietvertrag, den wir jetzt kündigen müssten. Wir fanden jede Menge alte Briefe, die meine Mutter meinem Vater geschrieben hat. Ich habe sie nicht gelesen. Wir fanden allerdings keine Fotos, weder von mir, noch von meinen Halbgeschwistern. Auch keine von nackten Frauen. Dafür aber ein schussbereites Gewehr und 200 Schuss Munition. Im Kleiderschrank im Schlafzimmer.

Wir haben inzwischen einen Bestatter damit beauftragt, meinen Vater abzuholen. Er wird verbrannt. Was mit seiner Asche passieren soll, ist noch nicht sicher. Vermutlich werden wir seine Urne anonym bestatten lassen.

Am Sonntagabend sind Emma und Paula zunächst wieder zu sich nach Hause gefahren. Helena empfing mich mit den Worten: „Ich hab dich vermisst“ und wollte sofort kuscheln. Seit Montag muss ich wieder arbeiten. Der Alltag hat mich wieder. Und das ist im Moment auch ganz gut so.

Arbeiten, saunieren, reiten

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Oh, ich darf mal atmen. Zwischendurch. Nur ein wenig. Nur ganz flach. Durchatmen würde ich ja gar nicht verlangen. Das wird sowieso überbewertet.

Zum ersten Mal seit vier Wochen habe ich mal zwei Tage am Stück frei. In meiner Klinik steppt der Bär, die ohnehin schon dünne Personaldecke ist, als die erste Atemwegs-Infekt-Herbstwelle sie aufschüttelte, zerbröselt. Wie ein alter, staubiger Lumpen, der fünfzig Jahre auf dem Dachboden in der Sonne lag. Eigentlich mache ich eine Facharzt-Ausbildung, eigentlich habe ich keine Erfahrung, aber wenn ein ebenso frischer Kollege und ich nicht mehrere 24-Stunden-Schichten hingelegt hätten, hätten sie den Laden wohl schließen müssen.

Nein, es ist wirklich unschön. Um nicht zu sagen: Eine Zumutung. An einem Morgen, keine halbe Stunde nach Dienstbeginn, kümmerte sich mein Kollege um eine 14jährige, die so lange hyperventiliert hatte, bis sie Sterne sah und umgekippt ist (durch das verstärkte Ausatmen von Kohlendioxid gerät der Säure-Basen-Haushalt durcheinander und das Blut wird basischer). Mich rief man unterdessen zu einer 14jährigen mit Atemnot, die am Vorabend mit einem entgleisten Diabetes stationär aufgenommen worden war. Mein spontaner Verdacht auf eine frische Lungen-Embolie bestätigte sich später. Insofern bin ich einerseits einigermaßen stolz auf mich, sofort alles richtig gemacht zu haben (schließlich kann man, gerade wenn man bei einer 14-Jährigen, die ohne einschlägige Vorgeschichte aufgenommen worden war, jetzt nicht spontan eine Lungen-Embolie erwartet, sehr viel falsch machen), andererseits in großer Sorge, dass beim nächsten Mal meine fehlende Erfahrung einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Maries Mutter nannte die Zustände „unverantwortlich“, sie habe andere Zeiten erlebt.

Im Moment, so habe ich das Gefühl, ist es auf allen Ebenen anstrengend. Ich habe beispielsweise in den letzten vier Wochen insgesamt sieben Autos abschleppen lassen. Ich weiß nicht, was im Moment los ist. Hat der lange Sommer dazu geführt, dass bei dem einen oder anderen Teile des Hirns eingetrocknet sind? Nein, es ging nicht darum, dass ich mir einen Parkplatz freigeschaufelt hätte. Sondern dass ich Autos entfernen lassen musste, um in mein Fahrzeug einsteigen zu können. Weil sich andere Menschen zu mir auf den von mir belegten Behindertenparkplatz hinzu gestellt haben. Nach dem Motto: „Wieso Raum verschenken? Da passe ich doch noch mit drauf. Klar, es wird dann zwar so eng, dass man neben mir nur noch durch den Kofferraum einsteigen kann, aber das ist ja nicht mein Problem, meine Tür geht ja auf.“ – So ungefähr. Weiße Markierungen auf dem Boden sind doch nur aufgemalt, weil die Stadt zuviel wasserfeste Farbe bestellt hatte. Und das Schild mit dem Rollstuhlsymbol ist eigentlich auch nur ein Landeplatz für Vögel. Immerhin kam die Polizei jedes Mal sehr schnell und der Abschlepper auch. Eine Krone hab ich aber noch draufzusetzen: Einen besonders dreisten (ich würde gerne „Spinner“ sagen, aber das darf ich ja nicht) Menschen hat es gleich zwei Mal erwischt. An einem Tag musste er fragen, wohin sein Auto umgesetzt worden ist, am nächsten Tag parkte er wieder im Abstand von nicht einmal zehn Zentimetern neben mir. Vielleicht hat am zweiten Tag auch der Bruder das Auto gefahren. Dafür spräche, dass einer alleine wohl kaum so doof sein kann.

Vermutlich übernimmt in allen Fällen inzwischen das Handy das Denken. Früher habe ich diejenigen belächelt, die ihr Auto im Fluss versenkt haben, weil das Navi ihnen auf der Kaimauer das Abbiegen empfohlen hat, heute habe ich zunehmend das Gefühl, kaum einer denkt noch mit und ist gleichzeitig vom Blick auf den Bildschirm abgelenkt. Oder davon, sein Gerät wie ein Knäckebrot vor den Mund zu halten und irgendwas ins Mikrofon zu labern. Alleine zwei junge Frauen konnte ich beim Warten auf den Abschlepper dabei beobachten, wie sie nacheinander gegen dieselbe gläserne Bushaltestellen-Box gerannt sind, weil sie mir ihrem Handy beschäftigt waren. Eine hat den Anprall noch mit dem Arm abgefangen, die andere hielt sich hinterher den Kopf und hat morgen vermutlich eine fette Beule an der Stirn.

Andere träumen, während sie sich darauf verlassen, dass ich für sie mitdenke. Noch anstrengender. Die erste Vollbremsung der letzten Woche musste ich an der Ausfahrt eines Baumarktes hinlegen. Jemand kam mit einem alten Ford Fiesta vom Parkplatz, ohne auch nur eine Sekunde auf die vierspurige Straße geschaut zu haben. Als ich hupend und quietschend einen halben Meter vor dem Kollisionspunkt zum Stehen kam, niemand hinten reinkrachte, Helena noch in den Seilen hing, winkte dieser falsch abbiegende Fahrer mir zu und zeigte mir „Daumen hoch“. Die zweite Vollbremsung war nötig, weil eine Radfahrerin ein Stopp-Schild missachtete. Ich fuhr auf einer abknickenden Vorfahrtstraße, bog links ab, sie kam aus der von vorne einmündenden Straße mit Stopp-Schild, allerdings ohne anzuhalten. Marie saß neben mir auf dem Beifahrersitz und schrie nur: „Die fährt!“ – Da bremste ich aber schon lange. Statt sich zu entschuldigen, brüllte die Radfahrerin draußen herum, zeigte mir eine Scheibenwischer-Geste und versuchte im Vorbeifahren, meinen Spiegel abzutreten. Packte sich dabei fast noch auf die Nase. Vollbremsung Nummer drei war vor einer Engstelle. Ich hatte das blaue Schild, die Dame, die mir entgegen kam meinte offenbar, sie könne einfach auf meiner Spur weiterfahren, musste dann aber auch scharf abbremsen, um nicht mit mir zusammenzukrachen, schüttelte den Kopf und lenkte, statt die zehn Meter zurückzufahren, über den Rad- und Gehweg rechts an mir vorbei. Hatte dabei ein Handy am Ohr und diskutierte aufgeregt. Vermutlich nicht über die brenzlige Situation im Straßenverkehr.

An den letzten beiden Sonntagen waren wir bei Maries Eltern. Zu dritt, mit Helena. Ja, sie wohnt noch immer bei uns und ja, wir sind zuversichtlich, dass sie auch weiterhin bei uns wohnen darf. Allerdings ist noch immer keine endgültige Entscheidung gefallen. Den Tag bei Maries Eltern haben wir zur gemeinsamen Entspannung genutzt. Sind morgens hingefahren, haben gemeinsam gebruncht, sind anschließend zu dritt (Marie, Helena und ich) in der Sauna im Garten gewesen und im Pool geschwommen. Maries Eltern waren nachmittags bei Freunden eingeladen. Eigentlich wollten wir mit Helena nur ein wenig schwimmen. „Dürfen wir nicht in die Sauna?“, fragte sie. Marie antwortete: „Doch, aber das mag ja nicht jeder.“ – „Ich liebe Sauna. Darf man, wenn man in der Sauna war, anschließend eigentlich auch nackt in den Pool?“ – Alles klar, alle Sorgen mal wieder unbegründet.

Aber es gab auch begründete Sorgen zwischenzeitlich. Grenzen austesten gehört ja dazu und manchmal würde ich mir wünschen, Helena testet gemächlicher. Ich bekam eine Nachricht von ihrer Lehrerin, dass sie ohne Entschuldigung zwei Stunden zu spät gekommen war. Dabei war sie pünktlich los. Am Nachmittag saß Helena mit ihrer besten Freundin, der Tochter der Kollegin von Maries Mama, in ihrem Zimmer, als ich nach Hause kam. Immerhin waren die beiden mit irgendwelchen Schuldingen beschäftigt. Ich fragte Helena direkt: „Warst du heute in der Schule?“ – Immerhin log sie mich nicht an, sondern sagte gar nichts. Ich fragte ihre Freundin: „War Helena heute in der Schule?“ – Sie zögerte einen Moment, antwortete dann: „Na klar war sie heute in der Schule.“ – Ich fragte: „Und wann?“ – Sie seufzte. Dann sagte Helena: „Nach der großen Pause. Na und?“

Ich sprach die Freundin an: „Geh bitte nach Hause.“ – Helena fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sie tat mir so leid, aber das musste sein. Helena sagte: „Englisch kotzt mich an. Wir machen die ganzen zwei Stunden nichts weiter als Vokabeln wiederholen, weil die anderen sie zu Hause nicht richtig lernen. Da sind wir halt reiten gewesen.“ – „Helena, erstens möchte ich wissen, wann du reitest, zweitens bin ich nicht damit einverstanden, dass du die Schule schwänzt.“ – „Ich weiß. Deswegen haben wir vorher ja auch niemanden von unserem Plan erzählt.“ – „Helena, das geht nicht. Schule ist keine Party, bei der man kommt und geht, wann man will.“ – „Du hast nie geschwänzt früher, oder?“ – „In deinem Alter nicht, nein.“ – „Später?“ – „Später ja.“ – „Heute fängt man mit vielen Dingen früher an.“ – „Nee, Helena, vergiss es. Das ist einfach nicht okay. Wo wart ihr überhaupt mit den Pferden?“ – „Wir waren am Strand und sind mit Fullspeed durch das flache Wasser galoppiert.“

Wie toll. Ich sagte: „Helena, ich kann dich wirklich gut verstehen. Aber ich kann das nicht dulden. Und wenn es nicht reicht, dass wir darüber reden, muss ich mir Konsequenzen überlegen. Und das möchte ich eigentlich nicht. Und du, glaube ich, auch nicht.“ – „Jule, ich hab zwei Stunden geschwänzt, okay? Zwei Stunden. Ich habe das jetzt nicht jeden Tag oder jede Woche vor. Aber ich will eigentlich auch nicht versprechen, dass das nie wieder vorkommt.“ – Ich holte schon Luft, da fuhr sie fort: „Ich verspreche aber, dass es erstmal nicht wieder vorkommt und dass ich dir das erzähle, wenn es nochmal vorgekommen sein sollte. Ich wollte dir das von heute auch erzählen, aber du hast mich ja gar nicht zu Wort kommen lassen.“

Kann ich damit leben? Erstmal ja. Ansonsten wird es wohl darauf ankommen, wann sie das wieder macht. Die Mutter der Freundin rief mich kurz darauf an und wollte mir verkünden, dass die beiden Scheiße gebaut haben. „Ich weiß es schon. Helena hat es mir erzählt und ich gehe davon aus, dass das nicht wieder vorkommt.“ – „Diese kleinen Kröten. Sie sind so süß mit ihrem eigenen Kopf. Einerseits sind sie so selbständig, dass sie das alles aushecken und mit den Viechern loskommen und da auch hinterher alles richtig gemacht haben, andererseits haben sie keinen Plan, warum das nicht geht und was alles passieren kann. Und damit meine ich nicht, dass sie jemand sieht. Meine war wohl die Anstifterin und hat von mir erstmal eine Woche Stubenarrest aufgebrummt bekommen. Damit fällt das Reiten bei ihr für die nächste Woche flach. Jetzt sitzt sie in ihrem Zimmer und heult.“

Ich überlegte, was das früher wohl bei meinen Eltern ausgelöst hätte. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Nicht so gut

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Manchmal gibt es auch bei mir Wochen, in denen gar nichts Besonderes passiert. Oder passieren besondere Dinge, die ich inzwischen gar nicht mehr als ungewöhnlich wahrnehme? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich gerade irgendwie insgesamt überfordert, ich möchte sogar behaupten: Es läuft gerade nicht so gut. Die letzte Woche war so beschissen, dass ich froh bin, dass sie endlich vorbei ist. Voller Hoffnung, dass die nächste Woche besser wird. Etwas zumindest.

Das Jugendamt hat sich kurzfristig überlegt, dass es doch schön wäre, wenn Helena sich an diesem Wochenende eine Jugend-Wohneinrichtung anschaut und dort im Rahmen eines Probe-Wohnens eine Nacht schläft. Dort sei ein Platz frei geworden, der gut zu Helena passen würde. 300 Kilometer weit weg, in einem ganz anderen Bundesland. Marie und ich haben morgen abend unseren nächsten Erziehungs-Pflichtkurs, von dem ich im Moment gar nicht weiß, ob er noch nötig ist. Eigentlich sollte Helena heute wieder zurück zu uns kommen, heute bekamen wir von der Einrichtung einen Anruf, dass sie erst morgen kommt. Angeblich gab es technische Schwierigkeiten bei der Beförderung, mit ihr sei alles okay. Mehr sagt man uns aber nicht. Und Helena hat sich seit gestern nicht mehr bei uns gemeldet. Ich hoffe, dass nur etwas mit dem Handy nicht stimmt. Ladekabel vergessen, Karte leer, Handy kaputt, … ich habe ein komisches Gefühl.

Am Montag hat mir jemand den Rückspiegel abgefahren. Und ist natürlich abgehauen. Zum Glück ist es nur der Rückspiegel und nicht noch die Tür oder die Scheibe, aber mal eben 250 € und einen Tag ohne Auto, da es ja keinen umgebauten Leihwagen gibt. Und das Auto ist ja auch gerade erst neu. Macht ja nix. Am Mittwoch hat mich einer eingeparkt, hat sich mit seinem Kleinstwagen mittig auf die Linie zwischen zwei Behindertenparkplätzen gestellt, so eng, dass er von meinem linken Nachbarn und von mir die Außenspiegel berührt hätte, wäre er noch einen halben Meter weiter vorgefahren. Es war nass, kalt, dunkel, ich fror, musste aufs Klo und habe zwei Stunden auf die Polizei und eine weitere halbe Stunde auf einen Abschlepper gewartet.

Am Donnerstag hab ich mich schon wieder mit meiner Oberärztin angelegt. Ja, die, die nicht lobt, sondern nur tadelt. Auf der Kinder-Intensivstation drehte ein Überwachungsgerät durch und gab ständig Alarme, obwohl nichts los war. Ich habe dann, als klar war, dass das Ding herumspackt, angeordnet, dass die Patientin mit ihrem Bett an einen anderen Platz kommt. Ständige Fehlalarme führen ja über kurz oder lang dazu, dass echte Alarme nicht mehr ernst genommen werden. Zusammen mit der zuständigen Schwester hat alles problemlos geklappt, anschließend keift mich meine Oberärztin an, dass das völlig unverhältnismäßig sei und ob ich überhaupt wüsste, was ein leeres Intensivbett koste. Ich habe mich dann hinreißen lassen zu dem Kommentar: „Auf jeden Fall weniger als wenn einer wegen eines defekten Geräts geschädigt wird oder sogar ganz den Löffel abgibt.“ – Ich weiß, ich hätte es mir sparen sollen.

Zwanzig Minuten später sollte ich zum Chefarzt, ich erwartete schon ein Donnerwetter, stattdessen kam sachliche Kritik: „Wenn Sie sich entscheiden, ein Intensivbett stillzulegen, weil da irgendwas mit der Technik nicht stimmt, dann überlassen Sie das doch bitte nicht den Kollegen, den Service anzurufen.“ – „Ich bin davon ausgegangen, dass das keine ärztliche Aufgabe ist und wollte nichts durcheinander bringen.“ – „Wenn Sie entscheiden, dass der Platz gesperrt wird, müssen Sie auch die Störung melden.“ – „Entschuldigung, das wusste ich nicht.“ – „Einfach mal die Dienstanweisungen lesen!“

Eine Stunde später kam ein junger Mann rein, war umgekippt, anschließend wieder aufgestanden und mit dem Fahrrad ins Krankenhaus gefahren. War gut drauf, lustig, locker, machte Späßchen und flirtete mit unserer Pflegeschülerin, die, wie er, noch nicht 18 ist. Sondern kurz davor. Ebenfalls wie er. Ich redete mit ihm, er versuchte, auch mit mir zu flirten und meinte albern, dass er hoffe, dass mein Stethoskop vorgewärmt sei, damit sich seine Nippel nicht aufstellten, wenn ich auf sein Herz horche. In dem Moment rauscht meine Oberärztin herein und keift herum, warum kein Erwachsener hier sei. Ich runzelte die Stirn. Daraufhin meinte sie: „Sie“, und deutete dabei auf die Schülerin, „zählt nicht. Sie ist unter 18. Das heißt, Sie sind derzeit alleine mit einem Minderjährigen in einem Raum. Sie wissen, das ist gegen die Vorschrift.“

Ich habe ihr dann später im Dienstzimmer zum gefühlten zehnten Mal gesagt, dass ich es nicht leiden kann, wenn Sie mich vor Dritten zurechtweist. Wenn sie Kritik hat, kann sie mich irgendwo zur Seite nehmen. Sie meinte, diese Diskretion stünde mir vielleicht in fünf Jahren mal zu. Wow. Ich sag ja, mit der habe ich meinen Spaß. Allerdings muss ich erwähnen, dass sie die einzige ist, mit der ich derzeit solche Probleme habe. Bei allen anderen Kolleginnen und Kollegen läuft es gut, wenn nicht sogar sehr angenehm.

Und sonst? Genau. Freitag. Seit Freitagabend ist bei uns zu Hause die Heizung defekt. Morgens ist die Hütte kühl, die Heizung zeigt „Störung“ an. Zwei Mal haben sie schon das gleiche Bauteil ausgetauscht, ich habe das Gefühl, da ist eine ganze Charge im Eimer, weil nun zum dritten Mal das gleiche Teil defekt ist. Allerdings wird es nun neu ab Werk bestellt. Was zur Folge hat, dass das Haus kalt bleibt. Seit Freitag. Morgen mittag soll alles beisammen sein. Per Express. Zum Glück gibt es warme Bettdecken. Gute Nacht!