Erfolg oder Rohrkrepierer?

26 Kommentare2.322 Aufrufe

So ziemlich genau vier Jahre ist es jetzt her, als mir meine Psychotherapeutin, zu der ich heute immer noch Kontakt habe, empfohlen hat, über das Internet Kontakt aufzunehmen zu anderen Menschen. Ihr Rat war so simpel wie genial zugleich: Statt in der Einsamkeit in seinem eigenen Saft und Selbstmitleid zu ertrinken, einfach mal den ersten Schritt wagen. Sich virtuell irgendwo mitten auf den Markt setzen, sich vorstellen und abwarten, wer sich daneben setzt und das Plaudern anfängt.

In der realen Welt darauf zu hoffen, dass plötzlich jemand, der einem gut tut, im Zimmer steht, ist zwar, wenn die Hoffnung erfüllt wird, mitunter sehr viel besser, klappt aber nicht immer. Mitten auf dem virtuellen Markt kommt doch eher mal der eine oder andere vorbei.

Vor vier Jahren hat mir der Kontakt ins Internet unheimlich großen Halt vermittelt. Und Motivation. Meine Leser, meine Kommentatoren, die ganzen Leute, die meinen Blog inzwischen zum „Besten deutschsprachigen Blog 2012“ bei den Deutsche Welle Blog Awards gewählt haben, haben mich, wenn ich schon bei bildlichen Darstellungen bin, aus der Bauchlage in eine durchaus standfeste Haltung gebracht. Dafür möchte ich mich nicht nur bedanken, sondern inzwischen fühle ich mich so weit, dass ich das, was mir geholfen hat, auch anderen Menschen, die vielleicht Hilfe brauchen, anbieten möchte.

Entsprechend ist mir eine Idee gekommen: Wie wäre es denn, wenn sich Menschen mit Behinderung, die bloggen, zusammen tun, um gemeinsam eine Plattform zu gründen, auf der nicht nur die vielen bestehenden Blogs (der Mitglieder) vorgestellt werden, sondern auf der gleichzeitig auch neuen Bloggern die Möglichkeit gegeben wird, Kontakte zu anderen Bloggern, aber auch zu interessierten Lesern zu finden? Und wenn man allen zusammen einen Rahmen gibt, der es ihnen ermöglicht, ihre Identität zu wahren?

Und was wäre, wenn man diesen Rahmen gleichzeitig dafür nutzt, auf besondere Situationen aufmerksam zu machen, in denen Menschen Unterstützung benötigen? Damit meine ich: Wieviele Leute haben mich schon gefragt, wo meine Amazon-Wunschliste zu finden ist? Weil sie mir etwas zurückgeben möchten. Weil sie meinen Blog, den sie kostenlos lesen, toll finden. Ich möchte aber weder einen materiellen Wunsch erfüllt haben noch Geld verdienen – zum Glück habe ich im Moment genug davon.

Bliebe nur noch zu beantworten, ob die Idee ein Erfolg oder ein Rohrkrepierer wird. Und dazu gebe ich meine Kommentarfunktion frei…

Vernetzt

19 Kommentare2.203 Aufrufe

Möchtest du mit uns ein neues Projekt aufbauen? Irgendetwas oder etwas konkretes im Bereich „Behinderung“? Möchtest du nicht mal teilnehmen an Kennenlerntreffen, Gedankenaustausch, Sitzungen, Seminaren, Workshops? Möchtest du dich vernetzen mit verschiedenen Organisationen, die es im Netz gibt? Möchtest du nicht lieber Teil eines ganzen, großen sein als alleine und verlassen in einer Ecke zu stehen?

Diese Fragen sind mir gestellt worden. In den letzten Wochen. Mehr als einmal, von mehr als einer Person. Und meine Antwort lautete stets: Nein! Möchte ich nicht. Ich schreibe hier einen Blog, ein Tagebuch, aus einer ganz bestimmten Motivation. Dieses Glas Motivation enthält zu zwei Dritteln Egoismus und zu einem Drittel Altruismus. Mehr passt nicht rein… Ist es nicht so bierernst zu nehmen, aber es soll heißen: Was ich für die Öffentlichkeit tun kann und tun will (ob gezielt oder als „Nebenprodukt“), das tue ich bereits. Ich lasse Menschen in meinem Tagebuch online mitlesen. Klingt hart, ist aber keineswegs böse gemeint.

Ich bin während der Voting-Phase für die BOBs von meinem ursprünglichen Stil abgewichen und habe meine Leser auch in Beiträgen direkt angesprochen. Das habe ich früher nie gemacht, allenfalls mal in Kommentaren geantwortet, und dieser Stilbruch ist nicht gut. Ich möchte keine Unterhaltungslektüre – ich möchte das Glas in der oben genannten Füllung. Dieses Tagebuch, das hier jeder mitlesen kann, hat für mich eine enorme Bedeutung und gibt mir unheimlich starken Halt. Für mich ist es neben den anderen Menschen im Rollstuhl, die mich in der ersten Phase begleitet haben, von denen ich mit einigen heute befreundet bin, von denen ich andere nie wieder gesehen habe, ein Grund, warum es mir heute so geht, wie es mir geht. Nämlich vergleichsweise sehr gut. Mein Tagebuch gibt mir die Kraft, die andere Menschen beispielsweise in ihrem Glauben finden. Und das soll so bleiben.

Daher wird es nicht „vermarktet“, deshalb gibt es keine Storys in der Presse und deswegen möchte ich auch nicht als Expertin in irgendwelche Projekte, Gremien oder sonstwas berufen werden. Ich möchte auch nix anderes pushen, mich nicht verkuppeln lassen oder verbünden – für mich wäre es auch okay, wenn übermorgen keiner mehr öffentlich mitliest. Es wäre ohne Frage schade, denn auch das Feedback meiner Leser bedeutet mir sehr viel. Aber es wäre nicht so schlimm als wenn ich eines Tages in meinem Tagebuch nicht mehr zurückblättern mag, weil ich nicht mehr über mich und meine Gedanken, meine Gefühle lese, sondern über andere Themen – oder über gar keine, weil ich vor lauter anderen Verpflichtungen die Zeit dafür nicht mehr finde.

Ich habe mich Anfang Mai zum zweiten Mal mit einigen sehr guten Freunden getroffen, darunter auch drei weitere Bloggerinnen und Blogger aus Hamburg, um uns zu vernetzen, uns gegenseitig beim Bloggen zu unterstützen. Ich bin gefragt worden, ich habe aus Überzeugung mitgemacht, ich werde sicherlich auch von diesem Zusammenschluss profitieren und meinen Teil dazu beitragen können.

Einige wollen von mir wesentlich mehr. Möchten, dass ich weiteren, größeren Organisationen und Verbünden beitrete, Foren und verschiedene Projekte, an denen viele Menschen gemeinsam arbeiten, unterstütze. Vielleicht wäre das gut. Vielleicht aber auch gerade nicht. Erbsen und Möhren sind schneller zusammen geworfen als getrennt. Und mancher mag eben nur Möhren. Oder muss von Erbsen zu viel pupsen. Ich bemühe gerne bildliche Vergleiche, sorry. Aber ich möchte eben nicht die Erbse sein, die sich plötzlich in einem großen Topf wiederfindet und später vor sich hinbläht. Ein paar vergessene Karotten am Feldrand, mit denen sich die Hasen in einer ausgelassenen nächtlichen Party die Bäuche vollschlagen, sind mir im Moment lieber als moderne Agrarkultur, die müde und geschmacklos im Regal liegt und am Ende doch komplett im Müll landet. Weil ich dazwischen zu viel rumgebläht habe.

Damit meine ich jetzt keine anderen Blogs! Bewahre. Damit meine ich nicht die Blog Awards, auch keine anderen Zusammenschlüsse oder Interessengemeinschaften. Bitte nicht falsch verstehen. Damit meine ich vielmehr, dass ich kleine Möhre nur die vier Karotten um mich herum kenne und nicht den ganzen Acker. Und solange ich den nicht kenne, vertrete ich mit dem auch keine gemeinsamen Meinungen und entwickel auch keine gemeinsamen Projekte. Und solange ich nicht die Zeit habe, den Acker im Ganzen anzuschauen, bleibe ich lieber bis zum Hals im Sand. Und riskiere dabei auch nicht, auszutrocknen, sondern bleibe knackig und saftig. Okay?!

Ich denke, es ist okay, einem Netzwerk anzugehören und sich mit dem einen oder anderen auszutauschen. Dieses von mir erwähnte, von uns gegründete Hamburger Netzwerk ist eins von vielen dieser Art (oder?) und steht jeder Bloggerin und jedem Blogger offen. Wir sind ein paar Leute, die sich austauschen, gemeinsame Ziele finden und sie verfolgen, wir suchen Leute, die sich noch anschließen wollen (bei Interesse bitte melden), vielleicht nimmt dann in diesem Rahmen mal der eine oder andere an überregionalen Treffen teil und berichtet davon, wenn er wieder zurück ist oder tritt anderweitig als Multiplikator auf – aber das soll für mich erstmal reichen. Alles andere wäre nicht überschaubar und für mich eine Nummer zu groß. Meine Meinung ist: Wenn man sich vernetzt, sollte man auch aufpassen, dass man sich in dem Netz nicht selbst verfängt. Und wie eingangs gesagt: Ich bin nur eine einfache, bescheidene und nach wie vor schüchterne Bloggerin. Auch wenn es auf den einen oder anderen anders wirkt. Ich bewundere die Leute, die sich auf solchen großen Veranstaltungen zurechtfinden, die sogar noch auf eine Bühne klettern und von sich und ihren Zielen erzählen …

Viel Post und ein Schleimbeutel

24 Kommentare2.638 Aufrufe

In der heutigen Zeit ändern sich Dinge schneller als sie es früher taten. Die Welt sei sehr viel schnelllebiger geworden, sagen vor allem die älteren Menschen. Manche Dinge ändern sich hingegen nie. Manchmal ist das gut, manchmal auch nicht. Und wieder andere Dinge, von denen man möchte, dass sie sich möglichst schnell ändern, lassen unglaublich, unheimlich und unverschämt lange auf sich warten.

Im letzten Monat bin ich, ist vor allem mein Blog, durch eine Nominierung bei den BOBs einigermaßen aus der Bahn geworfen worden. Einige Konsequenzen daraus habe ich noch nicht abschließend für mich bewerten können. So gibt es demnächst wohl den 750.000 Besucher – obwohl ich den 500.000 vom 3. März noch nicht einmal richtig realisiert hatte. Zusammen mit den vielen neuen Leserinnen und Lesern meines Blogs spülte mir meine neue Berühmtheit, von der ich immer noch nicht weiß, ob ich sie wirklich will, auch jede Menge Herausforderungen in mein Postfach. Doch. Eigentlich will ich sie.

Ja, viele Besucher bringen nicht nur viele hübsche virtuelle Blumensträuße, Glückwunschkarten und ähnliches, sondern viele Besucher erwarten auch von mir, dass ich mit hochgesteckten Haaren, tiefem Dekolleté, im kleinen Schwarzen, stets einen frischen Imbiss im Kühlschrank, jedem Gratulanten einzeln die Hand schüttel. Dass ich zu jedem ein passendes Wort finde, dass ich 48 Stunden Zeit pro Tag habe, nett gemeinte Mails zu beantworten und schlaue Kommentare zu tagesaktuellen behinderten Behindertenthemen abzugeben. Sorry Jungs und Mädels, ich bedanke mich hiermit, gerne auch mehrfach, für all die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wird, aber ich bin einfach nur überfordert. Ich muss euch leider entsprechend vor den Kopf stoßen.

Ich habe in der letzten Woche fast 700 Mails oder Kommentare bekommen. Ich bin wirklich gerührt, aber ich kann die unmöglich alle beantworten. Selbst mit dem Lesen komme ich kaum noch hinterher, denn einzelne schreiben mir ganze Lebensgeschichten auf – eine besondere habe ich ausgedruckt, wollte sie in der Bahn lesen, es waren 7 Seiten. Völlig unbekannte Menschen bieten mir an, mich durch Hamburg zu fahren, bis ich wieder ein eigenes Auto habe, andere wollen mir Pullover stricken, eine Mutter fragt, in welchem Stadtteil ich wohne, ihr Sohn sei vor einiger Zeit ausgezogen, sie würde meine Wäsche waschen. Starker Mann bietet sich kostenlos für ein paar Getränkekisten – es wäre ihm eine Ehre. Das ist ja alles sooo lieb gemeint und ich bin sehr gerührt! „Kannst du meiner Tochter das Schwimmen beibringen?“ fragt eine andere Leserin. „Willst du nicht mal einen Kursus veranstalten, wo du anderen Rollstuhlfahrern den Umgang mit dem Gerät zeigst“ – gutes Können verpflichte. Und die Presse will natürlich auch was hören – von dem Gefühl, das zur Zeit in mir wohnt und wie ich darüber denke, wie mit behinderten Menschen in Deutschland umgegangen wird.

Und dann sind da noch die, die mir meine Wäsche abkaufen wollen, die mich treffen wollen, die ein Date mit mir wollen. Nein, ich träume nicht.

Ich habe im Moment ganz andere Sorgen. Im Moment geht es mir nicht gut. Körperlich. Ich habe mir eine Schleimbeutel-Entzündung eingefangen. Ein Schleimbeutel ist keine Plastiktüte zum Reinrotzen, sondern es handelt sich um flüssigkeitsgefüllte Puffer, die jeder an mechanisch stark beanspruchten Stellen des Körpers hat, zum Beispiel am Ellenbogen, am Knie, an den Sprunggelenken, an der Hüfte … und eben auch an den Schultern. Bei mir ist der unter dem linken Schulterdach betroffen (subakromialis), vermutlich vom Rollstuhlfahren in Verbindung mit ständigen Transfers. Ich würde ja eigentlich nicht rumjammern, sowas kann jeder mal bekommen, nur hühner ich jetzt damit bereits seit einer Woche herum und es wird nicht besser, eher immer schmerzhafter. Ich habe bereits drei Spritzen in die Schulter bekommen und profitiere von Ronja, unserer inzwischen hauseigenen Physiotherapeutin mehr denn je, aber wenn das nicht bald besser wird, sind wohl radikalere Methoden gefragt. Im Moment soll ich mich schonen, möglichst nicht viel Rolli fahren, möglichst keinen Transfer alleine … und nachts weiß ich nicht, wie ich liegen soll.

Apropos Ronja: Seit zwei Wochen arbeitet sie nun fest bei uns im Haus und eigentlich wäre das, was ich über sie zu erzählen habe, einen eigenen Beitrag wert, aber ich muss mich etwas kürzer fassen … sie hat morgens um 10 Uhr ihren ersten Patienten (sie fängt später an, da die meisten Leute abends mehr Zeit haben als morgens) und erzählt, sie hat in den letzten vier Wochen kaum geschlafen, so aufgeregt war sie und so aufgeregt ist sie immer noch. Jeden Morgen guckt sie ab 8 Uhr alle 5 Minuten auf die Uhr, wann sie los muss. Man merkt es ihr auch an. Nicht im negativen Sinne. Man merkt einfach, dass sie immer noch sehr unter Strom steht, weil sich vieles einfach noch nicht eingependelt hat. Und ich fühle, auch wenn ich im Moment eigentlich bis auf meine eigene Therapie kaum etwas mit ihr zu tun habe, diese berühmte Schere mal wieder hautnah mit. Jene, die einerseits die ganz lieben Mitmenschen, andererseits die Vollidioten darstellt. In der Mitte ist wieder mal nix. Oder wenig.

Es gibt bisher ganz wenige externe Patienten, trotzdem erstmal mehr als genug. Ein älterer Mann mit Gehwagen meinte im Flur kürzlich zu ihr, dass er seit dem Krieg regelmäßig „Anwendungen“ bekäme und er habe bisher nur zwei Therapeuten gehabt, die richtig gut massieren konnten und einer davon sei sie. Wow. Ich habs ja immer gesagt. Eine ältere Frau hingegen ist gar nicht erst mit ihr ins Behandlungszimmer gegangen, meinte, bevor die Therapie begann, sie habe andere Vorstellungen von Krankengymnastik, Ronja wirke wie ein wackeliges Küken, um nicht zu sagen wie eine Blei-Ente (hat sie wirklich gesagt!), und am Ende müsse die Oma die Physio stützen und undeutlich spreche sie auch. Sie bereue, gerade ihre Zeit zu verschwenden. Aber Ronja ist sehr viel selbstsicherer geworden: „Zum Glück fällt mir ja nicht auf jede Gemeinheit eine passende Antwort ein. Soll ich Sie noch zur Tür bringen oder finden Sie alleine wieder raus?“ – Zum Glück ist die Mehrzahl der Leute aber lieb.

Noch eine Neuigkeit: Wir haben für Maria einen „Praktikumsplatz“ gefunden. Also so halb. Sie probiert seit letztem Wochenende aus, in der Praxis unter uns zu arbeiten. Ronja arbeitet dort als Vollzeitkraft, Christine und Karoline beide erstmal auf einer halben Stelle, die Ergotherapeutin Maja fängt frühestens im nächsten Monat an, alles auf einmal wäre einfach zu viel. Aber Maria drängelte nahezu, ob es dort nicht irgendeine sinnvolle Aufgabe für sie gäbe. Am PC könne sie doch etwas tun – und so testen wir im Moment, ob sie nicht als Hilfe für Ronja arbeiten kann. Ronja fällt Lesen und vor allem Schreiben unheimlich schwer, sie liest jedes Wort einzeln und baut anschließend daraus einen Satz, während sie beim Schreiben mit der Hand jeden einzelnen Buchstaben „malt“ – und im Kalender oder Tabellen findet sie sich nur sehr mühsam zurecht. Hingegen kann Maria einen PC relativ normal bedienen und hat auch keine Probleme mit irgendwelchen Anwendungen. Die beiden könnten sich eigentlich prima ergänzen bei Abrechnungen oder ähnlichen Dingen, die nichts mit Publikum zu tun haben. Mal schauen, wie das läuft und ob das dauerhaft was für Maria ist. Das wäre natürlich eine schöne Sache.

Und apropos Maria: Nein, es gibt noch immer keinen endgültigen Bescheid, welche Leistungen für sie für das Wohnen mit Assistenz gewährt werden. Auf Drängen des Sozialgerichts hat man inzwischen einen schriftlichen Bescheid erlassen, dass die Leistung dem Grunde nach bewilligt wird, zur genauen Höhe etc. ergehe aber noch ein weiterer Bescheid. Theoretisch ist es natürlich denkbar, dass die nur die halben Kosten zahlen … der vorläufige Bescheid ist also genau genommen nicht mehr wert als eine mündliche Zusage. Und was ihren elektrischen Rollstuhl angeht, der wird leider nun erst in der 29. Kalenderwoche gebaut. Drei Wochen später als bisher geplant. Sie übt sich weiter in Geduld.

Bester deutscher Blog

39 Kommentare3.778 Aufrufe

Ich bin gerührt. Nein, wirklich. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Dass jemand meinen Blog toll findet, soll schon vorgekommen sein. Dass es Menschen gibt, die ihn dann auch noch bei einem Award vorschlagen, ist an sich schon eine gewisse Ehre. Aber so eine gewisse Ehre begegnet einem hin und wieder mal im Alltag. Das sind Momente, in denen man sich freut, in denen man etwas von dem zurück bekommt, was man an anderer Stelle vielleicht mal jemandem gegeben hat. Sie kommen im wahren Leben vor, manchmal häufiger, manchmal lassen sie auch wieder lange auf sich warten.

Dass jedoch mein Blog aus den rund 3.200 Vorschlägen von einer Jury ausgewählt und den Lesern vorgestellt wird, ist schon nicht mehr so alltäglich, sondern für mich schon etwas sehr besonderes. Wenngleich noch vielleicht irgendwie mit rationalen Gedankengängen erklärbar. Dass dann jedoch mein Blog, mein Tagebuch, mit tausenden Leserstimmen auf Platz 1 gewählt wird, sogar 42% aller abgegebenen Stimmen bekommt, damit den Titel „Bester Deutscher Blog 2012“ (Deutsche Welle Blog Awards) erhält, das passiert vielleicht in Träumen oder in Märchen. In Wirklichkeit bin ich doch nur eine schüchterne junge Frau, die im Rollstuhl durch Hamburg fährt und manchmal ein bißchen aus ihrem Leben erzählt.

Ich möchte, wenn ich schon so eine große Aufmerksamkeit bekomme, über die ich mich sehr freue, die Gunst dieses Momentes nutzen, bevor ich wieder in mein alltägliches Leben zurücktaumel. Und zwei Wünsche äußern. Keine materiellen. Den einen: Ich möchte gerne, dass jeder meiner Leserinnen und Leser sich für eine Minute lang Gedanken macht, warum mein Blog überhaupt auf Platz 1 kommen konnte. Jetzt wirds philosophisch.

Ich möchte nicht nach persönlichen Komplimenten fischen. Ich bin nicht eitel und ich möchte es auch niemals werden. Nein, ich möchte auf etwas anderes hinaus: Welche Platzierung hätte mein Blog am Ende erreicht, wenn wir in einer Welt leben würden, in der es keine Barrieren gäbe? In der wir miteinander und füreinander statt gegeneinander leben? In der uns menschliches nicht fremd wäre, uns keine Angst oder Ratlosigkeit machen würde?

Jedenfalls nicht die erste. Für den Moment finde ich es gut so. Denn so ein erster Platz fühlt sich nunmal verdammt gut an. Aber das gute Gefühl wird bald nachlassen und ich werde mich wiederfinden in einem Alltag voller Wahnsinnigkeiten, die den Stoff für weitere Jahre Stinkesocken-Blog liefern.

Und damit wären wir beim zweiten Wunsch: Ich möchte bei der nächsten Abstimmung (irgendwann kommt bestimmt nochmal eine) allerhöchstens auf Platz 2. Ich möchte eine Platzierungsstufe eintauschen gegen die vielen vermeidbaren Barrieren, die das Leben vieler Menschen mit Behinderung unnötig schwer machen. Ich möchte, dass mein Blog in diesem Punkt deutlich langweiliger werden darf. Einen großen Einfluss darauf hat jeder einzelne von uns. Bitte denkt zwischendurch einfach mal an mich, an andere Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, und nehmt etwas mehr Rücksicht aufeinander.

Es ist heute ein Moment, in dem ich mir nicht nur etwas wünschen möchte, sondern in dem ich mich auch einmal bedanken möchte. Und zwar bei allen Menschen, die mir in den letzten Monaten und Jahren die Treue gehalten haben, die an mich geglaubt haben, die mich lieb gehabt haben, die mich ausgehalten haben und die für mich da waren, die mich aus dem realen Leben heraus geholt und die mich in das reale Leben zurück geschubst haben, die mich gefordert und gefördert haben, die meinem Leben den einen oder anderen Sinn und einigen Unsinn gegeben haben – und bei all jenen, die ich in meiner Aufregung gerade vergessen habe: Vielen Dank!

Ganz besonders danken möchte ich meiner Psychologin, ohne die es diesen Blog niemals gegeben hätte.

Und ebenfalls nicht vergessen möchte ich, und hier schließt sich der Kreis zu dem frisch gewonnenen Award, meine Herausforderer, insbesondere Sash, dem ich für einen äußerst fairen Wettkampf danken möchte. Und wie betäubend in tiefen Sinnen versunken wäre mein heutiger Beitrag, wenn ich nicht noch schnell eine klitzekleine Anekdote über den Äther schicken könnte: Am Tag drei der Abstimmung schrieb mir eine ebenfalls nominierte Bloggerin eine Mail, dass sie meinen Blog großartig fände, und sie es andererseits schade fände, dass wir in derselben Kategorie antreten würden, denn so käme mein Tagebuch womöglich gar nicht recht zur Geltung. Ich hatte für einen Moment lang überlegt, auf die Mail zu antworten, hatte es dann aber wegen der gefühlten Aussichtslosigkeit, jemanden in meinem Zenit zu erreichen, verwerfen müssen.